The Run – Die Prüfung der Götter

The Run Cover

Die Prüfung

Die 18-jährige Sari steht kurz vor ihrer Prüfung „The Run“, die sie zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft machen soll. Vorher sind Kinder und Jugendliche sogenannte Phantome, die sich vollverschleiern müssen und in der Gesellschaft keine Rechte haben. Sari bereitet sich schon seit Jahren auf die Prüfung vor, obwohl niemand den Phantomen verraten darf, wie The Run abläuft. Die Vorbereitungen laufen unter erschwerten Bedingungen: Sie muss nach dem Tod ihrer Mutter vor sieben Jahren sowohl ihren verrückt gewordenen Vater als auch ihren kleinen Bruder versorgen. Sie ist die Ernährerin der Familie und muss ihren Bruder vor den Ordnungshütern verstecken, weil er ein Mutant ist. Mutanten werden ihren Familien entrissen und niemand weiß, was mit ihnen passiert. Unter diesen ungünstigen Voraussetzungen tritt sie The Run an.

Bald merkt sie, dass The Run gefährlich ist und nicht selten tödlich endet. Die Prüfungen, die sie und die anderen bestehen müssen, sind alles andere als leicht und dienen nur dazu, dem despotischen Herrscher gebrochene Untertanen zu sichern. Als Sari das erkennt, beschließt sie, The Run in jedem Fall zu bestehen, um danach den Herrscher zu stürzen. Hilfe erhält sie von Keeran, der aber v.a. seine eigenen Ziele verfolgt. Trotzdem fühlt sie sich zu dem innerlich zerrissenen Mann hingezogen. Während The Run merkt sie aber auch, dass sie selbst Kräfte hat, die das normale Maß übersteigen.

Die Tribute von Panem

Der in sich abgeschlossene Roman erinnert  an „Die Tribute von Panem“. Auch hier gibt es Despoten, die für die Jugend lebensgefährliche Prüfungen ansetzen, um den Untertanen ihre Macht zu demonstrieren. Auch dort wird eine Dystopie beschrieben, in der hierarchisch-despotische Machtverhältnisse für eine nachhaltige Unterdrückung der Bevölkerung sorgen. Hier wie dort werden die Qualen der jugendlichen Protagonistin und die Gewalt ausführlich dargestellt, aber auch der ungebrochene Wille der Heldin, das alles zu überstehen. Außerdem sorgt die Heldin für bahnbrechende Neuerungen. Wer die Tribute von Panem mochte, wird wohl auch diesen Roman mögen.

Mir persönlich gefällt die ausschweifende Darstellung der Gewalt nicht. Das ist mir zu voyeuristisch. Wenigstens wird in diesem Roman durch die Heldin die Gewalt nicht gutgeheißen – sie protestiert bei jeder Gelegenheit und unter Gefährdung ihres eigenen Lebens gegen das unterdrückerische Regime. So wird die Gewalt zumindest hinterfragt.

Heldin mit Vorbildcharakter

Die Heldin ist in ihrem Handeln und ihrem Hören auf ihren eigenen Gerechtigkeitssinn Vorbild. Sie nimmt  die Gegebenheiten nicht einfach hin wie die meisten anderen, sondern versucht, etwas an ihrer Situation zu verändern. Auch ihre Funktion als Basis der Familie ist vorbildhaft, allerdings mit dem Einwand, dass auch in der Realität Frauen durch die Umstände oft genug gezwungen sind, die Basis der Gesellschaft zu sein und alles schultern zu müssen – ob sie wollen oder nicht. Anerkennung dafür gibt es keine. Auch das verdeutlicht der Roman. Frauen entwickeln durch die permanente Belastung und Unterdrückung aber etwas, das die Psychologie als „diamantene Fähigkeiten“ bezeichnet: Durch den Druck werden sie zu dem stärksten und edelsten aller Edelsteine. Diese Fähigkeiten hat Sari ebenfalls entwickelt und setzt sie zu ihrem Vorteil ein. Im Roman wird ihre Stärke (interessanterweise von den Männern) immer wieder betont: Sie wird bewundert von Keeran und gefürchtet vom Despoten.

Verdrehung der Wahrheit

Despotische Regime verändern, verdrehen und beschneiden gern die Wahrheit, um sie zu ihren eigenen Zwecken zu benutzen. Im Roman wird das durch die Göttersagen deutlich, die der Bevölkerung nur in Teilen zugänglich und damit von ihrem Kern entfremdet sind und einen neuen Sinn erhalten. Sari findet während The Run eine Ausgabe mit dem vollständigen Text, der sie bei ihrem Vorhaben unterstützt. Auch hier gilt: Bildung schützt vor Manipulation. Deshalb die Bücherverbrennungen despotischer Regime und die Kontrolle der Literatur, Kunst und Presse. Nachdem Sari die Wahrheit über ihr Land und ihre Abstammung erfahren hat, ist sie bestrebt, für eine bessere Welt zu kämpfen.

Verschleierung

Die vollständige Verschleierung der Phantome erinnert an die Verschleierung von Frauen in der realen Welt. Im Roman sind weibliche und männliche Charaktere betroffen, die für die Gesellschaft durch das Symbol der Verschleierung unsichtbar und ohne Wert sind.

Schwächen im Ausdruck und der Charakterzeichnung

Die Figuren im Roman können anscheinend nicht normal sprechen. Im ganzen Buch gibt es keine Wörter wie „sagen“, „antworten“ usw., dafür aber ausschließlich „knurren“ (mit Abstand am häufigsten), „raunen“, „zischen“, „fauchen“. Das stört den Lesefluss irgendwann sehr, zumal diese Begriffe nicht immer zu dem, was die Figuren sagen, passen wollen.

Die männliche Hauptfigur Keeran erinnert an männliche Hauptfiguren von Schnulzenromanen, die pseudogeheimnisvoll und -gefährlich sind. Er hat keine wirklich erkennbare Charaktertiefe.

Fazit

Wer „Die Tribute von Panem“ mochte, könnte auch an diesem Roman Gefallen finden. Allerdings verhindern ein paar Schwächen ein rundum gelungenes Leseerlebnis.


Genre: Dystopie, Fantasy, Jugendroman
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

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