Das Liebespaar des Jahrhunderts

Eine wichtige Erkenntnis

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist das zweite Buch einer Trilogie von Julia Schoch über die Biografie einer Frau. Dieser selbständig lesbare Roman ist erkennbar autobiografisch gefärbt, die Ich-Erzählerin weist nicht nur als Schriftstellerin Parallelen auf zur Autorin, auch wenn die dafür gesorgt hat, alle Spuren zu verwischen. Konsequent werden keine Namen genannt in diesem literarischen Zwei-Personen-Stück, und die zwei Kinder, die schließlich aus der dreißigjährigen Beziehung hervorgegangen sind, bleiben sogar auch im fortgeschrittenen Alter noch geschlechtslos, sie sind immer nur das« ältere» und das «jüngere Kind». Dementsprechend wird, der Thematik des Romans folgend, hier eine Liebe von ihrem Ende her zu erzählen, konsequent nur aus der Perspektive der namenlosen Frau, und das sehr distanziert und weitgehend emotionslos. Insoweit ist der Titel dieses Romans irreführend, denn seine beiden Protagonisten sind weit davon entfernt, das Traumpaar «des Jahrhunderts» zu bilden.

«Im Grunde ist es ganz einfach. Ich verlasse dich» heißt es am Beginn des Romans, das Scheitern ihrer Beziehung ist nämlich für die Ich-Erzählerin schon lange beschlossene Sache. Ohne dass sie allerdings je mit ihrem Partner darüber gesprochen hat, nicht mal ansatzweise. Der ist und bleibt jedenfalls völlig ahnungslos. Denn wie sie es sagen wird und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, das erweist sich für sie als großes Problem. Sie fertigt eine Liste mit Argumenten an, die für eine Trennung sprechen, schreibt genau auf, was sie sagen will und lernt den Text auswendig, um nicht aus dem Konzept zu kommen, wenn er sie unterbricht und Einwände vorbringt. Als Schriftstellerin ist es für sie auch nahe liegend, ihm einen ausführlichen Brief zu schreiben über ihren Entschluss und alle Faktoren dazu, – und ihn nie abzuschicken! Erst sind es die Kinder, die eine Trennung fast unmöglich machen für sie, und obwohl es nicht mangelt an Kehrpunkten ihrer Beziehung, die einen Anlass bieten würden, schreckt sie letztendlich immer wieder davor zurück, auszubrechen in das, was sie ein freies Leben nennt.

In endlosen Rückblenden reflektiert sie in einer Art innerem Monolog ihre dreißigjährige Liebe, die ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte mit abbildet, zu der auch der Fall der Berliner Mauer gehört. Die Beiden haben sich während des Studiums kennen und lieben gelernt, sie hat ihn geradezu angehimmelt damals in einer symbiotischen Beziehung. Und sich schließlich sogar entschlossen, ihre Doktorarbeit seinetwegen abzubrechen. Man verkehrt in intellektuellen Kreisen, die Beiden sind kunstinteressiert, lesen viel und gehen gern ins Kino. Sie holen auch all die Reisen nach, die sie zu DDR-Zeiten nie  machen konnten. Was den Abkühlungs-Prozess einer Liebe anbelangt ist dieser Roman jedenfalls recht banal und voller Gemeinplätze, seine Stärke, ja fast sein Alleinstellungs-Merkmal sind die klugen Reflexionen zum Thema. «Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, um mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln», sinniert sie. «Jemanden zu verlassen heißt: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb?» grübelt sie an anderer Stelle. Durchaus selbstkritisch merkt sie an: «Vielleicht hat das Zusammenleben ‹mit mir› dich zu jemandem gemacht, der mir allmählich unerträglich geworden ist». Der Superlativ des Romantitels wird schließlich dahingehend relativiert, es handele sich um ein repräsentatives Liebespaar, in dem «sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren». Und auf der letzten Seite wartet noch eine handfeste Überraschung dazu!

Erich Kästner hat zum Thema geschrieben: «Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut». Im Roman wimmelt es nur so von derartigen Betrachtungen, wobei da auch ständig darüber reflektiert wird, wie authentisch das alles denn wirklich ist. Denn ein Gefühl stellt sich hier schon bald ein, dass es nämlich nichts zum Anhimmeln gibt, im Roman nicht und wohl auch nicht im richtigen Leben. Immerhin eine wichtige Erkenntnis, die zurückbleibt nach der Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Geht so

Beatriz Serrano ist nicht nur Spanierin, sondern auch eine Überraschung. Die studierte Journalistin und erfolgreiche Podcasterin hat mit „El descontento (Temas de hoy)“ einen grandiosen literarischen Treffer gelandet. „Unzufriedenheit (Themen von heute)“ wäre die eigentlich korrekte, aber doch recht sachliche und sperrige Titel-Übersetzung gewesen. Der Eichborn-Verlag hat daraus ein knackiges und flapsiges „Geht so“ gemacht und wird dem Inhalt in der Tat mehr gerecht.

Auch eine an dieser Stelle übliche Inhaltsangabe würde dem Buch wegen inadäquater Sachlichkeit in keiner Weise entsprechen. Aber muss ja wohl sein. Es geht um eine Marketing-Angestellte in einer Madrider Agentur, die im Frust über ihren sisyphoshaften Alltag in Sarkasmus, Isolation und Medikamente gegen Angststörungen und Panikattacken flüchtet. Und in eine Freundschaft mit gewissen Extras mit ihrem Nachbarn Pablo. Das ist sozusagen das Framing, das grobe Handlungsskript. Das Buch lebt jedoch in allererster Linie von den feinen Beobachtungen der Protagonistin Marisa in einer Vielzahl von mosaikartig aneinandergereihten Makro-Szenen eines ach so typischen Büroalltags. Wiedererkennungseffekte en masse garantiert. Die künstlichen Erregungen über Bagatellen, die Floskeln und Plattitüden im Umgang miteinander, die falsche Vorspiegelung von Kollegialität und Sympathie einerseits und gnadenlosem Karrierestreben auf der Hierarchieleiter andererseits. Durch all das schlängelt sich Marisa mit über Jahre antrainierten, instinktiven Verhaltensweisen und intuitivem Geschick, ist folgerichtig aufgestiegen, sollte also Genugtuung empfinden, das System zu ihren Gunsten durchschaut zu haben. Aber sie ist unglücklich. Mit ihrem Job, mit ihrem Leben, mit sich.

Seine absoluten Höhepunkte hat der Roman, wenn die Autorin ihre Leserschaft an Marisas Gedanken teilhaben lässt. Die folgenden Zitate sind nur ein marginaler Auszug aus der enormen humoristisch-ironischen Note, die letztendlich zum Erfolg des Buches entscheidend beigetragen hat.

Zu ihrer eigenen Rolle: „Ich werde mich für die nächsten acht Stunden in das verwandeln, was der Kapitalismus unter Feminismus versteht. In jenes konstruierte Monstrum von Vollfrau, die einfach alles schafft.“

Über ihre Kollegen: „Wie wohl sie sich fühlen in der Wiederholung, im Immer-wieder-Aufwärmen derselben Gedanken und Floskeln, in der Kommunikation der Oberfläche.“

„… der bescheuerte Tanz der Gemeinplätze, der jedes Meeting in allen Unternehmen der Welt einläutet …“

„… diese Pflicht-Pantomime im Büro …“

… ob man diese eisernen Überzeugungen nur hat, weil man sie immer und immer wieder wiederholt.“

Über ihre Kolleginnen, die nach der Schwangerschaft an den Arbeitsplatz zurückkehren: „Ein Kind ist immer eine große Freude, aber die Mutter fängt schnell an zu rosten und hält das ganze System auf.“

Das klingt teilweise düsterer, als es ist. Denn hat man aus dem eigenen Leben all diese realistischen Bilder vor Augen, wird der Roman zur erheiternden Parodie, bei der man mehr als einmal vor Lachen herausprusten muss. Wer kennt sie nicht, all diese nervigen Gesten und sinnentleerten Worthülsen bis hin zum allmittäglichen „Maaahlzeit“ vor und in der Kantine, wo es einen immer wieder wundert, dass hier nicht mehr psychiatrische Notfälle generiert werden.

Wie es einen guten belletristischen Roman ausmacht, liegen aber Lachen und Weinen dicht beieinander. Spätestens wenn man sich fragt, warum Marisa nicht aus diesem Alltag flieht, nicht einen anderen Lebensweg einschlägt, wo sie doch so unzufrieden scheint. Zwei Freundinnen sind mehr oder weniger beim Ausbruch aus dem System gescheitert. Eine verübt auf einem Bahnhof Suizid, die andere verdient ihr Geld nach diversen plastischen Operationen durch reiche Liebhaber, weigert sich aber standhaft, dies sich selbst gegenüber als Prostitution zu deklarieren.

Am leider recht melodramatischen Schluss des Buches findet Marisa unfreiwillig eine sich von außen ergebende Lösung, also wieder nicht aktiv, sondern passiv zugeflogen. Aber es kann wohl eher nicht der Ausweg für alle Menschen in dieser Lage sein. An dieser Stelle wird einem spätestens bewusst, dass die Lebensphilosophie der Protagonistin (und der Autorin?) eigentlich schon im einleitenden Zitat des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinow aus „Physik der Schwermut“ deutlich wurde: „Unternimmt man gewisse Anstrengungen, normal zu erscheinen, spart man sich ziemlich viel Zeit, während der man so sein kann, wie man sein will.“ Das schränkt den Aktivitätsgrad in Richtung verändernder Maßnahmen schon einmal sehr ein.

Aber diese lebensphilosophischen Fragezeichen im finalen Teil geben allenfalls Abzüge in der B-Note. Oll over ist Beatriz Serrano ein sehr kurzweiliges und durchweg unterhaltsames Buch gelungen, das einen ein ums andere Mal in den Spiegel schauen lässt.

Zum Schluss ein ganz großes Lob an die Übersetzerin Christiane Quandt, die die Pointen mit sicherlich schwierigen spanischen Original-Termini perfekt treffend ins Deutsche transferiert hat und in beiden Sprachen über einen unglaublichen Wortschatz verfügen muss. Wer kommt denn sonst beim Übersetzen auf Begriffe wie „veritabler Schwengel“? Qué bueno!


Genre: Belletristik, Gesellschaftsroman, Humor und Satire, Roman
Illustrated by Eichborn Verlag

Der Duft der Blumen bei Nacht

Hinter den literarischen Kulissen

Im Erscheinungsjahr von «Der Duft der Blumen bei Nacht» der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani war die Gattungs-Bezeichnung ‹Memoir› für derartige literarische Werke noch wenig gebräuchlich. Aber ohne Zweifel trifft sie hier zu, denn dieses Werk konzentriert sich auf ein bestimmtes reales Ereignis im Leben dieser Schriftstellerin, das mit emotionaler Tiefe, allein aus subjektiver Sicht reflektierend, Einsichten und Ansichten der Ich-Erzählerin ohne jede fiktionale Ausschmückung thematisiert. Den Anstoß für dieses Buch hatte ihre Lektorin gegeben: Sie solle doch bitte einen Beitrag für die von ‹Les Éditions du Stock› initiierte, neue Buchreihe «Eine Nacht im Museum» schreiben. Obwohl sie mit einem Roman beschäftigt war und eigentlich ablehnen, ausnahmsweise also auch mal Nein sagen wollte, hat sie sich schließlich doch dazu bereit erklärt.

Im April 2019 reist sie nach Venedig, um im Museo Punta della Dogana, dem einstigen Zollamt der Serenissima, ganz allein eine, wie sie hofft, inspirierende Nacht zu verbringen. An diesem der Kunst gewidmeten Ort treffen nach wie vor Orient und Okzident aufeinander, was ihre eigene Situation als marokkanische Frau widerspiegelt, die sich als Erwachsene für Frankreich als Wahlheimat entschieden hat und sich nun nirgendwo richtig dazugehörig fühlt. Als gesellschafts-kritisch engagierte Schriftstellerin lebt sie zwischen den beiden grundverschiedenen Kulturen, wobei sich mit Paris als Wohnsitz zunehmend die westliche Kultur in ihr verfestigt, das islamische Denken also in den Hintergrund gedrängt hat. Mit einem Feldbett und Schlafsack versorgt lässt Leïla Slimani sich also abends im Museum einschließen und ist nun allein mit all den Exponaten. Mit denen sie aber, das gibt sie unumwunden zu, partout nichts anfangen kann, die dort ausgestellte, modernistische Objekt-Kunst sagt ihr rein gar nichts. Sie geistert völlig allein ziellos durch die dunklen Säle des alterehrwürdigen Gebäudes und versinkt immer mehr in ihren Gedanken und Träumen, von denen in diesem Buch vor allem die Rede ist.

Dazu gehört natürlich ihr Beruf als Schriftstellerin, den sie kritisch hinterfragt, wenn sie von ihrem Arbeitsalltag erzählt. Sie igelt sich regelrecht ein in ihrer einsamen Schreibklause, die schon nach kurzer Zeit in einem kreativen Chaos versinkt, das sie ganz offensichtlich zum Schreiben braucht. Dabei will sie auch nicht gestört werden, sie empfängt niemanden und geht auch nichts ans Telefon. Sie denkt auch an ihre Jugendzeit in Rabat zurück, wo sie sich als nicht Islam-Gläubige ausgegrenzt fühlte. Als Sechzehnjährige schleicht sie, den islamischen Sitten zum Trotz, nächtens aus dem Haus und kehrt erst am frühen Morgen genau so heimlich zurück. «Ich war berauscht von meiner Freiheit, und zugleich hatte ich Angst». Seit sie 1999 Marokko verlassen hat gilt sie dort als frankophon. Einen breiten Raum in ihren einsamen Betrachtungen nimmt die Literatur ein, Verweise auf viele andere Schriftsteller vor allem, wobei sie Salman Rushdie als ihren Freund bezeichnet, dem sie viel zu verdanken habe. Diese der Literatur als Kunstgattung gewidmeten Gedanken sind mit vielen Zitaten unterlegt, als Beispiel sei eine Definition von Tschechow über die Großen der schreibenden Zunft genannt: «Das sind die, die es mitten im Sommer schneien lassen und die Flocken so gut beschreiben, dass es einem plötzlich kalt wird und man zittert».

Und immer wieder neu definiert Leïla Slimani in diesem Memoir sprunghaft ihre Sicht auf die Möglichkeiten und Grenzen der Schriftstellerei. Ihre breit angelegte Selbsterforschung als Autorin mutet denn auch oft an wie eine veritable Poetikvorlesung. Dieser Papier gewordene Gedankenstrom bietet dem Leser geradezu ein Füllhorn von interessanten Interna. Genau darin liegt denn auch die Stärke dieses Buches, man bekommt durch die bisher leider nur in Frankreich hoch geschätzte Autorin einen ungemein bereichernden Einblick hinter die Kulissen der Literatur.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Memoir
Illustrated by Luchterhand

Wie die Karnickel

In einem alternativen England leben vernunftbegabte, sprechende Kaninchen unter den Menschen, mitten im Alltag und doch in einer eigentümlichen Zwischenstellung: geduldet, beargwöhnt, registriert, verwaltet. Was zunächst nach skurriler Phantastik klingt, erweist sich rasch als sorgfältig konstruierte Satire.

Im Mittelpunkt steht Peter Knox, Ich-Erzähler und alles andere als ein Held von strahlender Entschlossenheit. Er arbeitet als sogenannter Spotter für RabCoT, die Rabbit Compliance Taskforce, das ist eine Behörde, die Kaninchen identifizieren und kontrollieren soll. Aufgrund eines genetischen Defekts kann Peter Kaninchen einigermaßen voneinander unterscheiden – eine Fähigkeit, die ihn in dieser Welt beruflich wertvoll, moralisch aber unerquicklich verstrickt macht. Als seine Arbeit ihn immer tiefer in die Logik eines zunehmend befremdlichen Systems hineinzieht und zugleich persönliche Begegnungen seine Perspektive verschieben, gerät seine sorgsam gepflegte Neutralität ins Wanken.

Damit ist bereits das eigentliche Feld des Romans betreten. Wie die Karnickel ist weder Tierfabel noch bloße Groteske, sondern Satire im klassischen Sinn: Literatur der Überzeichnung, der Verschiebung und der entlarvenden Zuspitzung. Fforde nimmt eine absurde Prämisse und behandelt sie mit einer Konsequenz, die das Lächerliche nie im bloßen Klamauk versanden lässt. Entscheidend ist nicht der Einfall allein, sondern die Strenge, mit der er durchgespielt wird. Gerade daraus gewinnt der Roman seine eigentümliche Spannung.

Fforde beherrscht jene trockene, scheinbar beiläufige Komik, die aus sachlichem Vortrag und irrem Inhalt Funken schlägt. Verordnungen, Zuständigkeiten, Regelwerke und statistisch klingender Unsinn entfalten hier eine fast gespenstische Komik. Das Absonderliche erscheint in Gestalt sauber formulierter Verwaltungslogik. Darin liegt der Reiz dieses Buches: Nicht das Chaos ist erschreckend, sondern die Ordnung, mit der es organisiert wird.

Peter Knox ist dafür die richtige Zentralfigur. Er ist anständig genug, um Unbehagen zu empfinden, bequem genug, um daraus nicht sofort Konsequenzen zu ziehen. Gerade diese Durchschnittlichkeit macht ihn literarisch interessant. An ihm zeigt sich, wie leicht man sich in fragwürdigen Verhältnissen einrichten kann, solange sie ordentlich aussehen und sich mit den passenden Begriffen versehen lassen. Fforde macht aus ihm keinen moralischen Leuchtturm, sondern einen Zeugen seiner eigenen Langsamkeit. Das ist klug, weil die Satire dadurch nicht nur auf offen erkennbare Torheiten zielt, sondern auch auf das träge Selbstverständnis des Normalen.

Wer freilich psychologische Feinarbeit und schillernde Mehrdeutigkeit erwartet, wird an Grenzen stoßen. Fforde ist kein Autor des diskreten Andeutens. Die Linien seines Romans sind deutlich gezogen, die Konstruktion bleibt sichtbar, manche Figur erfüllt eher eine satirische Funktion, als dass sie in voller Tiefe ausgeleuchtet würde.

Interessant ist dabei die Frage, wie gut Ffordes britischer Humor deutsche Leser erreicht. Denn seine Komik ist unverkennbar englisch geprägt: trocken, unterkühlt, absurd und oft aus einer Pedanterie gespeist, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Dazu kommen Wortspiele, kulturelle Nebenklänge und ein Rhythmus des Erzählens, der stark vom Understatement lebt. Vermutlich lässt sich so etwas nicht verlustfrei übertragen. Manches dürfte im Original federnder, boshafter und eleganter sein. Doch die deutsche Fassung von Miriam Neidhardt trägt erstaunlich weit. Denn der Witz sitzt nicht nur im einzelnen Bonmot, sondern in der gesamten Konstruktion: in der bürokratischen Sprache, in der Situationskomik, in der Konsequenz, mit der das Ungeheuerliche als normal behandelt wird.

Die eigentliche Qualität des Romans besteht darin, dass. Fforde sich nicht damit begnügt, eine kuriose Ausgangsidee auszubreiten. Er baut aus ihr eine eigene Wirklichkeit, mit Regeln, Ritualen und Denkfehlern, die in sich stimmig sind. Gerade dadurch entsteht jene merkwürdige Balance zwischen Komik und Beklemmung, die das Buch trägt. Man schmunzelt über die Absurditäten dieser Welt und merkt zugleich, wie vertraut einem ihre Mechanismen vorkommen.

Bisweilen ist die Absicht des Romans allzu deutlich sichtbar, bisweilen gerät die Zuspitzung etwas didaktisch. Auch bleiben einige Nebenfiguren eher Markierungen im satirischen Tableau als vollgültige Charaktere. Doch Wie die Karnickel besitzt Witz, Tempo, formale Konsequenz und jenes kontrollierte Maß an Verrücktheit, das gute Satire braucht.

Jasper Ffordes Roman ist eine klug gebaute, sehr britische Satire, die ihre skurrile Prämisse nicht als Selbstzweck ausstellt, sondern als präzises literarisches Werkzeug nutzt. Der Autor schreibt nicht über possierliche Tiere, sondern über die seltsamen Ordnungen, die Menschen hervorbringen, und über die Absurditäten, die sie dann mit großer Ernsthaftigkeit für vernünftig erklären. Das ist komisch, unerquicklich und von beachtlicher Schärfe.


Genre: Humor und Satire, Roman
Illustrated by Satyr

Ein Wochenende

Ebenso vorhersehbar wie freudlos

Die australische Schriftstellerin Charlotte Wood hat mit ihrem Roman «Ein Wochenende» eine interessante Thematik für ihre Geschichte gewählt. Sie umfasst zeitlich, der Titel sagt es bereits, nur ein einzelnes Wochenende. In dem unzertrennlichen Kleeblatt von vier älteren Frauen stirbt Sylvie, und Jude, Wendy und Adele werden gebeten, deren altes Sommerhaus am Meer komplett zu entrümpeln, damit es verkauft werden kann. «Nehmt Euch, was ihr wollt», heißt es in der E-Mail von Sylvies Erben, «betrachtet es als Ferien».

Zwei Tage haben die seit Jahrzehnten eng befreundeten Frauen Zeit dafür, und zwar an Weihnachten, wo es in dem auf der südlichen Halbkugel gelegenen Erdteil Australien ja Sommer ist und damit in der Regel auch sehr heiß. Sie waren schon oft in dem Haus von Sylvie, haben dort Weihnachten zusammen verbracht oder auch Ferien gemacht. Obwohl sie sich untereinander so gut kennen wie niemand anderen sonst, ist dieser Aufenthalt elf Monate nach Sylvies Tod eine besondere Herausforderung für die drei Freundinnen, die sich nun angesichts dieses eher ungewöhnlichen Auftrags und der geänderten Konstellation ihrer langjährigen Freundschaft auf neue Weise kennen lernen. Die Autorin lässt sich zu Beginn viel Zeit, die Anreise der Frauen mit den verschiedensten Verkehrsmitteln und ihre individuellen Reise-Erlebnissen und –Eindrücken zu schildern, was schon ein wenig auf ihre charakterlichen Eigenarten hindeutet. Als sie dann glücklich alle eingetroffen sind, ist zunächst alles wie immer, sie kennen sich ja schließlich lange genug. Ihrem Wesen entsprechend verhalten sich die Frauen dann aber recht unterschiedlich angesichts der bevorstehenden Aufgaben. Die kapriziöse Schauspielerin Adele hat sich gleich auf ihr Zimmer zurückgezogen, um sich im Bett liegend erstmal auszuruhen und einzustimmen auf das, was bevorsteht. Und wie es ihre Art ist, hat sie natürlich gleich auch das schönste Zimmer im Haus okkupiert. Wendy hingegen, die als intellektuelle Schriftstellerin ein erfolgreiches Buch nach dem anderen schreibt, ist mit ihrem altersschwachen, kranken Hund Finn beschäftigt, den sie abgöttisch liebt, der den anderen Frauen aber nicht zuletzt mit seinen Hinterlassenschaften gewaltig auf die Nerven geht. Aber nicht nur die Romanfiguren sind entsetzt, sondern auch der Leser, denn Finn ist nun sozusagen der Vierte im Bunde der Frauen und wirkt allenfalls als lästiger Störfaktor im Roman.

Nur Jude hat sich als einstmals erfolgreiche Besitzerin eines angesagten Restaurants gleich an die Arbeit gemacht und angefangen, die vorhandenen Konserven nach Verfallsdatum zu sortieren. Wie zu erwarten kommt es während der beiden Tage zu allerlei Enthüllungen, Geständnissen und Verdächtigungen zwischen den befreundeten Frauen, vieles ist nicht so, wie es scheint. Es sind all die Probleme, die da aufscheinen und von den anderen mehr oder weniger gehässig kommentiert werden, es menschelt gewaltig in diesem Roman. Die einst glamouröse Adele hat schon lange keine Rolle mehr bekommen, ihre Zeit als Schauspielerin ist vorbei. Ihre lesbische Geliebte hat sie am Abfahrtstag vor die Tür gesetzt, sie steht jetzt plötzlich sozusagen auf der Straße, was sie den Freundinnen natürlich schamhaft verschweigt. Aber auch Judes finanzielle Großzügigkeit erweist sich in Wahrheit als aufgesetzte Attitüde, nur dank ihres reichen Liebhabers, von dem die anderen nichts wissen dürfen, kann sie sich ihren extravaganten Lebensstil überhaupt leisten. Und die intelligente Wendy wiederum kommt partout mit ihren erwachsenen Kindern nicht klar.

Der von Anfang an langweilige, profane Plot wartet mit allerlei Klischees auf bei den psychischen Eigenheiten seiner Figuren, die sich untereinander auf die Nerven gehen – und bald auch dem Leser! Es fehlt ihnen deutlich an Charisma, um sympathisch wirken zu können. Und der in allerlei Rückblenden stocknüchtern erzählten, vorhersehbaren Handlung fehlt es  zudem leider an Humor, was diese Lektüre zu allem Überfluss letztendlich völlig freudlos macht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Eternos

Stefan Leitholds Eternos ist ein verschachtelt gebauter Roman, und gerade daraus bezieht er einen guten Teil seines Reizes. Der Roman, den wir lesen, heißt Eternos. In ihm gibt es den Schriftsteller Richard Kalluff, der ebenfalls einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht hat. Und dieser fiktive Roman wird wiederum von Regisseur Mirko Lossewsky als gleichnamiges Schauspiel auf die Bühne gebracht. Der Text markiert diese Konstruktion ausdrücklich: Lossewsky spricht von Kalluffs neuem Roman und davon, dass dessen Werk als Theaterstück auf die Bühne solle; später sieht der Schauspieler Martin Sterngrad das Plakat: „ETERNOS – Ein Schauspiel nach dem Roman von Richard Kalluff“.

Schon der Prolog zeigt, dass Leithold nicht bloß Theateratmosphäre erzeugen will, sondern Theater als Lebensmacht begreift. Mirko Lossewsky wächst zwischen Schauspielerin-Mutter, Bühnenbildner-Vater und frühem Puppenspiel auf. Der Satz des Vaters, der Künstler befreie das Kunstwerk und dies sei ein schmerzhafter Prozess, klingt wie ein Programm durch den ganzen Roman. Früh verschränken sich hier Kunst, Verwandlung und Gefahr.

Im Zentrum der eigentlichen Handlung steht dann Martin Sterngrad, ein talentierter, aber noch nicht gefestigter Schauspieler. Lossewsky besetzt ihn überraschend als Linus in der Bühnenfassung von Kalluffs Eternos. Von da an beginnt die Grenze zwischen Probe und Wirklichkeit zu zerfließen. Denn Lossewsky will nicht, dass seine Schauspieler bloß spielen. Sein Credo lautet: „Du sollst deine Rolle nicht spielen, du sollst sie werden!“ Damit wird Martin nicht nur Darsteller einer Figur, sondern allmählich ihr Träger.

Hier liegen die stärksten Seiten des Romans. Leithold entwirft die Stadt Eternos mit deutlicher Sinnlichkeit: Palast, Gassen, Bezirke, Brunnen, Unterwelten und Übergänge erscheinen nicht als bloße Dekoration, sondern als Bühnenwelt mit eigener Sogkraft. Martin betritt diese Kulisse und erlebt, dass sie ihren Status als Szenerie verliert. „Willkommen in Eternos!“, sagt Lossewsky – und dieser Satz wirkt wie eine Schwelle. Von nun an wird aus dem Bühnenbild eine zweite Wirklichkeit.

Dass dieser Übergang bedrohlich ist, spricht vor allem Dorothea Manserna aus, die warmherzige Kostüm- und Maskenbildnerin des Romans. Sie warnt Martin, er könne sich auf dieser Bühne verlieren. Auch Martin selbst findet dafür die prägnanteste Formel: „Es wird alles echt!“ In solchen Momenten gewinnt das Buch seine eigentliche Tiefe. Es handelt dann nicht bloß von Theaterzauber, sondern von der Frage, was Kunst mit denen macht, die sich ihr ganz ausliefern.

Zugleich ist Eternos ein poetologischer Roman. Richard Kalluff steht für den Autor, der seine Figuren entwirft und auf ein Ende hin ordnet. Mirko Lossewsky dagegen will diese Verfügung aufbrechen. Er besteht darauf, dass die Zuschauer eben nicht nur das geschriebene, sondern das „wahre Ende“ erleben sollen. In dieser Konstellation verhandelt Leithold den Gegensatz von Literatur und Bühne, von Text und Verkörperung, von Komposition und Kontrollverlust. Das ist gedanklich reizvoll und hebt den Roman über bloße Fantasy hinaus.

Leitholds Sprache liebt das Bedeutungsleuchten, den dunklen Schimmer, die große Geste. Das passt zum Stoff, führt aber gelegentlich zu einer gewissen Überhitzung. Nicht jede Szene müsste in solcher Emphase stehen. Manches wäre stärker, wenn es schlichter gesagt wäre. Auch einige Figuren der Binnenwelt bleiben eher Funktionen eines großen Entwurfs als voll ausgearbeitete Charaktere.

Dennoch ist Eternos ein bemerkenswert eigenständiges Buch. Es nimmt Theater ernst, nicht als Dekor, sondern als riskante Kunstform der Verwandlung. Der Epilog bestätigt den Erfolg der Inszenierung, verändert Martins Schauspielerleben grundlegend und lässt Lossewskys Geheimnis doch bewusst ungelöst. Gerade darin liegt Konsequenz. Ein Roman, der von der Macht der Illusion lebt, darf sein Zentrum nicht restlos entzaubern.

Leitholds Eternos ist ein ambitionierter, bildstarker Theaterroman mit phantastischem Kern. Nicht alles daran ist makellos; manches ist zu viel, manches zu ausdrücklich bedeutungsvoll. Aber das Buch besitzt Sog, Mut und eine unübersehbare Liebe zur Kunst. Das macht es lesenswert.

Wer nach literarischen und ästhetischen Wahlverwandtschaften sucht, mag sich bei Eternos bisweilen an Arthur Schnitzlers Der grüne Kakadu erinnert fühlen, wo Spiel und Wirklichkeit ununterscheidbar ineinanderkippen; an Erin Morgensterns Der Nachtzirkus, dessen künstlich erschaffene Wunderwelt den Besucher nicht bloß umgibt, sondern verschlingt; oder auch an Christopher Nolans Inception, das seine Wirkung aus der raffinierten Verschachtelung mehrerer Realitätsebenen gewinnt. Doch Stefan Leithold variiert diese Motive auf eigene Weise: stärker vom Theater her gedacht, stärker auf Verkörperung, Regie und Identitätsverlust zugespitzt. Wo Schnitzler die Maske gesellschaftlich pointiert, Morgenstern die Kunstwelt märchenhaft verzaubert und Nolan Wirklichkeit als Konstruktion befragt, macht Eternos aus all dem ein düsteres Spiel über die gefährliche Macht der Bühne.


Genre: Roman
Illustrated by Ultraviolett

Mutmacher-Menschen. Schräg. Stark. Außergewöhnlich.

Es gibt Buchtitel, die zunächst Skepsis wecken. „Mutmacher-Menschen“ ist so ein Fall. Das Wort klingt nach Ratgeber, nach guter Absicht, vielleicht sogar nach jener Tonlage, in der das Leben allzu schnell in moralisch brauchbare Lehren zerlegt wird. Umso erfreulicher ist es, dass Marcel Friederichs Buch besser ist, als sein programmatischer Titel zunächst vermuten lässt.

Friederich hat kein Buch über Helden geschrieben. Seine Stärke liegt darin, Menschen nicht zu idealisieren, sondern sie als Menschen ernst zu nehmen: verletzlich, erschöpft, gezeichnet, reflektiert, manchmal tapfer, manchmal müde, oft überraschend pragmatisch. Dass dieses Buch funktioniert, liegt vor allem daran, dass sein Autor nicht von außen auf seine Gesprächspartner blickt. Er bringt seine eigene Geschichte mit.

Friederich lebt seit Geburt mit dem Möbius-Syndrom, einer körperlichen Beeinträchtigung, die sich besonders in seiner Mimik zeigt. Diese biografische Erfahrung verleiht dem Band sein moralisches Zentrum. Hier spricht keiner aus sicherer Beobachterdistanz über „Betroffene“. Hier schreibt einer, der selbst weiß, was es heißt, angestarrt, eingeordnet oder unterschätzt zu werden.

Aus diesem persönlichen Ausgangspunkt entwickelt sich ein Buch, das aus autobiografischen Passagen, Begegnungen und Interviews besteht. Friederich porträtiert sehr unterschiedliche Menschen: Teresa Enke, die für einen offeneren Umgang mit Depressionen kämpft; Thomas Hitzlsperger, der über Homosexualität und Öffentlichkeit spricht; David Dietz, der ohne Hände und mit einem halben Arm eine verblüffende Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Alltag entwickelt hat; die 90-jährige Rosi aus Mainz, die auf Instagram nicht Jugend simuliert, sondern gelebte Zeit in Lebensklugheit verwandelt. Andere Kapitel widmen sich Fehlgeburten, Alopezie, chronischen Erkrankungen, Rollstuhlerfahrung oder psychischer Krise.

Die stärksten Momente dieses Buches sind jene, in denen Friederich nicht bloß Botschaften sammelt, sondern Szenen schafft. Wenn Lilly Fritz auf einem Pferd sitzt und plötzlich nicht mehr nur von unten auf die Welt schaut. Wenn David Dietz mit einem Stift, den er unter seiner Armbanduhr fixiert, schneller auf einer Tastatur tippt als manche mit zehn Fingern. Wenn Teresa Enke am Maschsee erscheint und in einem unaufgeregten Gespräch jene seltene Mischung aus Schmerz und Klarheit spürbar wird, die das Thema psychische Erkrankung dem bloß Symbolischen entreißt. Solche Bilder tragen das Buch. Sie geben ihm Anschaulichkeit und Würde.

Gerade darin liegt die eigentliche Qualität von „Mutmacher-Menschen“: Es will sichtbar machen, ohne auszustellen. Es sucht Nähe, ohne larmoyant zu werden. Und es widerspricht, leise aber beharrlich, jener gesellschaftlichen Gewohnheit, Menschen mit Behinderung, Krankheit oder biografischem Bruch entweder zu bemitleiden oder zu übersehen. Friederich interessiert sich nicht für spektakuläre Ausnahmeexistenzen, sondern für gelebte Wirklichkeit. Sein Thema ist nicht Heldentum, sondern Selbstannahme.

Freilich hat das Buch auch Grenzen. Sein Grundgestus ist so eindeutig auf Ermutigung ausgerichtet, dass manche Kapitel einer wiederkehrenden Dramaturgie folgen: Krise, Erkenntnis, Aufrichtung. Das nimmt der Lektüre bisweilen Reibung. Nicht jede Erfahrung fügt sich so sauber in eine positive Bewegung, wie es die Buchkonzeption nahelegt. Manches bleibt geglättet, manches allzu rasch auf Ermutigung hin zugespitzt. Die Ambivalenz des Lebens, die Zähigkeit des Scheiterns, die lange Dauer von Überforderung dürfen in diesem Buch zwar vorkommen, doch sie bekommen nicht immer denselben Raum wie die Hoffnung.

Stilistisch schreibt Friederich eher klar als kunstvoll. Seine Sprache ist funktional, zugewandt, journalistisch solide, aber selten von besonderer literarischer Eigenwilligkeit. Wo er kommentiert und seine Gesprächspartner ausdrücklich bewundert, kippt der Ton gelegentlich ins allzu Bekräftigende. Vor allem das abschließende „Rezeptbuch“, das die Erfahrungen des Bandes in Wege zu mehr Mut und Selbstwert übersetzt, wirkt nützlicher als literarisch überzeugend. Gerade nach den konkreten, oft berührenden Lebensgeschichten ist diese Verdichtung in Leitsätze die schwächere Form.

Und doch wäre es verfehlt, dieses Buch an Kriterien zu messen, die ihm nur teilweise angemessen sind. Mutmacher-Menschen“ will keine sprachartistische Prosa sein und kein theoretisches Standardwerk über Inklusion, Trauma oder Resilienz. Es ist ein Buch des Gesprächs, der Anteilnahme und der Sichtbarmachung. Sein Wert liegt nicht in formaler Radikalität, sondern in menschlicher Glaubwürdigkeit. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten schnell verhärten und Schwäche gern entweder dramatisiert oder verdrängt wird, setzt Friederich auf eine andere Geste: zuhören, erzählen, enttabuisieren.

Man kann das pathetisch finden. Man kann sich an manchen Wiederholungen stören. Man kann einwenden, dass der Titel das Buch enger macht, als es in seinen besten Momenten ist. All das wäre nicht falsch. Aber ebenso richtig ist: Dieses Buch hat ein offenes Herz und einen klaren sozialen Blick. Es traut seinen Figuren Würde zu. Es spricht über Behinderung, Krankheit, Verlust und Anderssein nicht als Defizite, sondern als Teil menschlicher Erfahrung. Das ist nicht wenig.

Am Ende bleibt der Eindruck eines ernsthaften, warmen und notwendigen Buches. Eines Buches, das dort überzeugt, wo Literatur und Journalismus sich sinnvoll berühren: im genauen Hinsehen auf Leben, die allzu oft an den Rand gedrängt werden.


Illustrated by pinguletta Verlag

Wenn es dunkel wird

Realistisch/surreal verflochtene Erzählungen

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erzählt in seinem neuen Sammelband «Wenn es dunkel wird» elf Geschichten, die in ihrer dezent eingearbeiteten Mystik ein wenig an Edgar Allen Poe erinnern. Andererseits beruht sein distanzierter, schnörkellos einfacher Erzählstil, wie er erklärt hat, «auf einer wiederholten Reduktion des Erzählten». Er lasse bewusst die Sprache in den Hintergrund treten, dadurch würden die «gezeichneten Bilder» umso realer. Außerdem stehe bei ihm nicht der Inhalt im Mittelpunkt, sondern der Stil, in dem erzählt wird. Es geht auch in diesem Band um die Frage, was passiert, «wenn unsere Phantasien realer werden als die Wirklichkeit», also «wenn es dunkel wird» um uns herum.

In «Nahtigal» geht es um den verhinderten jugendlichen Bankräuber David, der am Ende seines geplanten Überfalls, von einem Gefühl der Leichtigkeit überwältigt, seinen Plan aufgibt. In «Das schönste Kleid» wetteifern einige junge Kolleginnen um die Gunst des umschwärmten Chefarchäologen Felix, ein eifersüchtiges Rennen, das die Ich-Erzählerin Brigitte durch einen denkwürdigen Auftritt auf einem Betriebsfest spektakulär gewinnt. Mit «Supermond» ist die Geschichte eines kurz vor der Verrentung stehenden Mannes betitelt, der in kleinen Schritten aus seiner verantwortungsvollen Arbeit bei der Wartung von Verkehrs-Flugzeugen heraustritt und allmählich in der Dunkelheit seiner Bedeutungslosigkeit versinkt. «Sabrina, 2019» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die bei einem Künstler Modell steht für eine Skulptur und später auf einer Vernissage miterlebt, wie ein Kunstsammler das menschengroße Abbild von ihr erwirbt. Er lädt sie ein, das bei ihm im Wohnzimmer aufgestellte Werk zu sehen, eine Einladung, die sie gerne annimmt. «Die Frau im grünen Mantel» handelt von einer Patientin, die auf einen pensionierten Arzt trifft, der sich in seinem ehemaligen Krankenhaus nun als Patient zu einer Operation eingefunden hat. Er erinnert sich, die Frau vor vielen Jahren mit allerlei mysteriösen Verletzungen behandelt zu haben. Die neue Begegnung mit ihr bringt ihn beinahe dazu, seine OP abzublasen.

In «Cold Reading» wird die Mittelmeer-Rundreise einer jungen Frau auf seltsame Weise bei einem Wahrsager unterbrochen, – ein Erlebnis, dass sie wohl immer in Erinnerung behalten wird. Auf der Anreise zu einem Skiurlaub bleibt ein Vater an der Raststätte allein zurück, seine wütende Frau hat ihn einfach stehen lassen, als er geschäftlich telefonieren musste. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zur nächsten Ortschaft, wo er auf eine Lehrerin trifft, die ihn dazu bringt, ein Bild für seine Frau zu malen. Als er nach einer odysseeartigen Fahrt am Ferienort ankommt und seiner Frau sein unbeholfen gemaltes Bild als Geschenk überreicht, ist sie überglücklich. Es sei das schönste Weihnachtsgeschenk, das er ihr jemals gemacht habe. In «Dietrichs Knie» geht es um ein vermeintliches Techtelmechtel einer verheirateten Frau mit einem Geschäftsfreund, in das sich der eifersüchtige Ehemann listig per E-Mail einmischt. Die titelgebende Geschichte «Wenn es dunkel wird» handelt von einer auf der Passhöhe umher geisternden Frau, die von einer Polizistin aufgegriffen wird, die durch sie an ihre eigene Verlorenheit erinnert wird. Und «Mein Blut für dich» handelt von einem älteren Mann, dessen Blut nicht zu Spende zugelassen wird, was ihn tief beunruhigt. «Schiffbruch» schließlich erleidet im wahrsten Sinne des Wortes ein Spekulant, der sich total verzockt hat und in einer Luxussuite seinem demütigenden Ende als VIP-Gast entgegensieht, was ihm seltsamer Weise aber immer weniger bedrückt.

All diese realistisch/surreal verflochtenen Geschichten berichten von Kippmomenten im Leben, welches anfangs jeweils ganz normal zu sein scheint und dann auf mysteriöse Weise aus dem Gleis gerät. Obwohl die Handlung dabei manchmal ins Triviale abgleitet, ist man als Leser doch überrascht, wie der Autor seine Erzählungen immer wieder trickreich enden lässt. Das alles ist weder stilistisch noch tthematisch große Literatur, bietet aber eine durch seine Überraschungs-Momente geprägte, kurzweilige Lektüre.

Fazit:  lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Fischer Verlag

DJT: Alle Scheinwerfer auf mich!

Die Geburt des Präsidenten aus dem Fernsehen

Alle Scheinwerfer auf mich! James Poniewozik, Fernsehkritiker der New York Times, Kolumnist und Medienkritiker des Time Magazine, knöpft sich #45 von seinen Wurzeln her auf, also Trump1, nicht die jetzige Periode. Trump wurde vom Fernsehen geformt und überhaupt erst ermöglicht. Und er wusste genau, was das Fernsehen will: Konflikt.

TV Nation: Real Estate, unreal estate

Der 45. US-Präsident verfügt über eine unbändige darstellerische Energie. Seine 24/7 Dauersendung läuft unnachgiebig und stellt vor allem eine Person immer wieder in den Mittelpunkt: ihn selbst. Nach seiner Wahl wurde das Weiße Haus zu Trump Bühne und die US-Geschichte zur Fernsehshow. “Die ganze Welt ist jetzt die Kulisse von Trump Reality-Show”, schreibt der Autor und erklärt, dass die Dystopie Schöne Neue Welt eher zu den heutigen USA passt als 1984. Denn in Huxleys Klassiker wurden die Menschen nicht durch Gewalt und Propaganda, sondern durch Brot und Spiele in das System eingespannt. “Spiele, Drogen und phänomenal immersive Unterhaltungsangebote” würden die USA prägen, ganz so wie es Neil Postamt schon 1985 in seinem Bestseller prophezeite: Wir amüsieren uns zu Tode. Das Fernsehen appelliert weniger an den Verstand, als an die Emotion und Unterhaltung wird ganz groß geschrieben. Der “eitle, angeberische Geck” beherrscht dieses Spiel perfekt, er ist das Fernsehen, verschmolzen zu einer Art MenschMaschine wie einst Max Headroom. Dafür – also für diese These – spricht sein enormer Fernsehkonsum (16 Stunden/Tag) und natürlich auch seine One-Man-Show. Als Immobilienmaklererbe weiß DJT, dass das Fernsehen ein Geschäft des Überflusses ist, Immobilen eines der Knappheit. Als Wrestling-Aficionado verstand es DJT beide Sujets zu verknüpfen und in seiner Person zu Synthese zu verhelfen. Er ging ins Immobiliengeschäft und nahm das Showgeschäft mit, wie er selbst einmal sagte.

Die Herrschaft des Simulacrums

So wie Hugh Hefner oder Walt Disney machte DJT sein Produkt bekannt und begehrenswert indem er es als sein berühmtester Kunde bewarb. Er umgab sich ebenso mit Models wie Hefner, aber auch mit Roy Cohn, einem ehemaligen McCarthy Mitarbeiter, und anderen kontroversiellen Figuren. Alle wussten schon von Anfang an, dass er log, aber er brachte eine gute Show und das liebten die Medien, die ihn schnell zu ihrem Darling machten. In einem atemberaubenden und sehr spannenden Monolog beschreibt James Poniewozik den Aufstieg des Fernsehens in Amerika, der gleichzeitig auch ein Aufstieg DJT war. Poniewozik zählt einige der wichtigsten US-Fernsehserien und ihre Protagonisten auf und zeigt, wie sich DJT diese Archetypen des weißen Amerika zum Vorbild nahm. Alsbald verkörperte er den Traum der Arbeiterklasse: “Geld, mit dem einem alles scheißegal sein kann”. Er findet auch eine gute Erklärung für die Vorliebe DJTs für Gold, nämlich die Idee von Gold, also nicht das 24-karätige echte Gold, sondern Katzengold, das zwar spiegelt, aber eben nur glänzt und so zum Simulacrum wird: sein goldblondes Haar, sein Teint, sein Tower: alles glänzt in diesem falschen Gold, ganz so wie in der Legende von König Midas. Alles, um die Begierde zu wecken, die sich die meisten nicht befriedigen konnten. Die Herrschaft des Simulacrums bedeutet, ein Zeichen oder eine Repräsentation einer Sache, die die bezeichnete Realität ersetzen. So erklären sich auch eine ellenlangen Lügen und sein Verhältnis zur Wahrheit: leugnen, leugnen, leugnen, wenn einmal etwas nicht so gut lief…

Alternative Fakten

Der Teleholiker wird in Teil 2 vorliegender TV-Geschichte zu “dem” Anti-Helden schlechthin. Denn die 90er gehörten ganz Personen wie Walter aus “Breaking Bad”, der sich in “Heisenberg” verwandelt. Ganz Amerika kannte DJT inzwischen vom Fernsehen durch “The Apprentice“, ein Image, das er nie mehr loswerden sollte, denn er spielt darin nichts weniger als sich selbst. Durch Fox News formulierte er seine Verleumdungen noch erfolgreicher, denn er benutzte Fox als “Echtzeit-Feedback-Mechanismus”. Alles was Applaus/Aufmerksamkeit generierte baute er noch aus und so machte er es später auch bei Twitter: Schock, Beleidigung oder Wut wurden zu seinen Werkzeugen. Am besten von allem funktionierte übrigens “Baut die Mauer!” Wie kein anderer verstand DJT es, die Nostalgie als politische Kraft zu nutzen und sein Nostalgie-Unternehmen zu einem Palimpsest der 80er zu machen. Für viele seiner Fans, sagte er einfach was er dachte, ungefiltert und auch wenn es nicht wahr war, so war es zumindest wahrhaftig für sie, echt. Wie ein Wrestler, der Regeln nur dann anerkennt, wenn sie ihm nützen. Seine hyperbolische Maskulinität war genauso eine Inszenierung wie sich als auf Aufsteiger darzustellen, als einfachen Mann. Denn er gehörte qua seiner Geburt längst zu den Superreichen. “Trump wurde gewählt. Aber das Fernsehen wurde Präsident“, schreibt Poniewozik pointiert. “Das Symbol, das wusste Trump, ist mächtiger als die Realität: es schafft die Realität“. Die Realität hinderte ihn auch nicht daran von mehr Teilnehmer:innen bei seiner Angelobung als bei Obama zu sprechen und sogar – obwohl Livebilder Regen zeigten – von schönem Wetter zu sprechen. Von seinen Anhänger:innen verlangt er Loyalität: dies beinhalte eben auch, sich über die Wahrheit hinwegzusetzen und an die Wahrheit zu glauben, die seinem Team nützt. Die Wahrheit ist (nicht) die Wahrheit.

James Poniewozik
Alle Scheinwerfer auf mich!
Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas
Aus dem Amerikanischen von Sean Carty und Clara Schilling
2025, Paperback, 424 Seiten
ISBN 978-3-89320-331-4
Edition Tiamat
32.- Euro


Genre: Kulturgeschichte, Politik, Präsidentschaft, TV, Unterhaltungskultur, USA
Illustrated by edition TIAMAT

Florama

Florama. Die Grafikerin und Illustratorin aus Lausanne, Lisa Voisard, legt mit “Florama” ein kunterbuntes Werk für alle künftigen Blumen-Expertinnen und -Experten vor.
Ihre farbenfrohen Illustrationen sind auch von Tieren und Pflanzen inspiriert, etwa auch in “Ornithorama”, “Arborama”, “Insektorama” und “Natur auf dem Teller”, alle beim Schweizer Verlag Helvetiq.

Porträts von Blüten und Blumen

Die bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnete Illustratorin zeigt in ihrem neuen Buch in drei Kapiteln “Porträts“, “Besondere Blüten” und “Das Leben der Blumen” die Vielfalt der Pflanzenwelt in unseren Breiten. Durch die gut getroffenen Zeichnungen lassen sich die Blumen dann auch von Laien leicht erkennen und beim Nachmalen lernt man vielleicht sogar noch mehr dazu. Eine Blüte, das Fortpflanzungsorgan der Pflanze, zieht Insekten an, die für die Verbreitung der Sporen sorgen. Erst nach der Befruchtung wird aus der Blüte eine Frucht, die wiederum Samen enthält, die keimen und neue Pflanzen hervorbringen können, erklärt die Autorin gleich zu Beginn die wichtigsten Begriffe. In den Porträts erhält man nähere Informationen zu einzelnen Blumen, wie etwa zur Gartenhortensie. Ihre Farbe variiert je nach Boden: in saurem Boden blau, in alkalischem rosa, die Blütezeit beginnt im Juni und endet im September. Aufgrund ihrer Blatt- und Blütendichte verstecken sich allerdings gerne Schnecken unter ihrer Pracht, was die Gärtner:innen dann weniger freut. Die Schlüsselblume, bei uns auch als Primel (von prima: die erste, die im Frühling blüht) bekannt, ist übrigens auch essbar. Ein Tee aus ihren Blüten hilft gut gegen Husten. Ein Bestimmungsleitfaden ermöglicht es auch Verwechslungsgefahren auszuschließen.

Duftende Blumen in bunten Gärten

In “Besondere Blüten“, dem zweiten Kapitel werden gleich mehrere “Kunstwerke der Natur” näher beleuchtet: Papageienblume, Prachtnelke, Schachbrettbluem, Zygopetalum-Orchidee lauten die illustren Namen, die jeweils von einer schönen Illustration begleitet werden. Die Mimose klappt bei Berührung ebenso zusammen wie die Venusfliegenfalle, wenn auch mit viel weniger deutlichen Absichten. Eine Weltkarte zeigt die Verbreitung der unterschiedlichen Blumen und Blüten, die längst auch in unsere Badezimmer Einzug gehalten haben. Allerdings in verarbeiteter Form. “Das Leben der Blumen“, das dritte Kapitel, zeigt die verschiedenen Wurzeln und Lebenszyklen, aber auch die Fortpflanzung sowie den Beitrag der vielfältigen Fauna zum Gelingen der bunten Flora. Und noch ein Tipp zum Schluss: Regenwasser wird von den Pflanzen eher bevorzugt als kalkhaltiges Leitungswasser. Eine Regentonne kann also helfen. “Je mehr man über die Natur weiß, desto mehr möchte man sie auch schützen“, sagt auch die Autorin, der die Arbeit mit Blumen auch aufgrund des guten Geruchs sehr viele Freude bereitete. Ein Index am Ende des Bandes hilft auch beim schnellen Auffinden der gesuchten Blume und so steht einer eigenen Entdeckungsreise in die Natur nichts mehr im Wege…
Lisa Voisard
Florama
2026, Hardcover, 184 Seiten, Alter 8+
ISBN 978-3-03964-131-4
Helvetiq
24,90 €

Genre: Bilderbuch Familie
Illustrated by Helvetiq, Helvetique

Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte

Auch ein Wal spielt dieser Tage eine gewisse einsame Rolle…

Einsamkeit. Eine Befreiungsgeschichte. Was erst wie ein Psychoratgeber aussieht, entpuppt sich bei genauerem Lesen als packender Befreiungsschlag von einem unfreiwillig angetretenen “Erbe der Einsamkeit“. Seinen Job verloren, vn seiner Freundin verlassen, beide Elternteile durch Suizid verabschiedet, befreit sich Daniel endgültig von seiner Drogensucht und anderen Süchten und erfährt endlich Läuterung und Befreiung. Ein Heldenepos ohne Pathos, aber viel Ethos.

Das Säurebad des Zynismus oder die präventive Selbstdemontage

In drei an Gottfried Benn angelehnten Kapiteln – Verluste, Sehnsucht, Hoffnung – erlebt der Protagonist Daniel am Ende endlich das, was man wohl gemeinhin als Gnade bezeichnen könnte. Denn er begreift, nach harten Jahren der Tortur in Elternhaus, Schule und Psychiatrie sowie diversen Süchten, endlich das, was im Leben wirklich wichtig ist: “Liebe und Freundschaft“. Und vor allem: Zugehörigkeit. Im ersten Kapitel, “Verluste“, geht es um seine Eltern, die sich durch Suizid aus der Affäre ziehen. Sein Vater fährt absichtlich gegen einen Baum, seine Mutter, die sich mit mehreren Männern und Luxus vorerst trösten konnte, fährt in die Schweiz. Dort ist Sterbehilfe zwar nicht legal, wird jedoch nicht geahndet. Grund dafür hat sie eigentlich keinen, außer vielleicht den, nicht mehr zu genügen, nicht mehr gut genug zu sein für eine Welt des Prestige (“die Bühne der Blasiertheit”), ein Gefängnis, das sie sich selbst zimmerte. Das zweite Kapitel, “Sehnsucht“, ist ganz von seiner manischen Liebesgeschichte zu Esther gekennzeichnet, die er in einem Berliner Nachtclub kennenlernt. Von ihr erwartet er sich Erlösung, die er sich aber aufgrund seiner Veranlagung zu Selbstdemontage bald wieder verpatzt. “Sie würde sich mit meiner Hilfe aus ihrer Ehe stemmen, und ich würde mich dank ihrer Zuneigung vor dem Einsamsein retten.” Aber wie fügt er ganz selbstkritisch und süffisant hintan: “Ex-Junkies sollten sich von Deals Fernhalten“.

Antidot Einsamkeit: Zugehörigkeit

Das flüssig geschriebene Werk voller Selbstironie und Humor des Kulturjournalisten Daniel Haas, Jahrgang 1967, ist ein Roman ganz in jugendliche Eleganz getaucht. Haas glänzt mit einigem Literaturwissen: Benn, Kafka, Mann. Aber auch die Welt des Demimonde, das Berliner Nachtleben, dürften ihm nicht ganz unbekannt sein. Voll liebevoller Ironie, mit feiner Klinge, beschreibt Haas das Leben seines jüngeren alter ego, Daniel, eines “Liebeshelden mit Opiat- und Literaturexpertise“. Aber im dritten Kapitel, “Hoffnung“, macht er ihm ordentlich den Garaus. In Gestalt seines besten Freundes, Friedrich, werden Daniel die Leviten gelesen und er begreift schließlich, dass er sich selbst die Rolle des Versagers zugeteilt hat, um sich schmollend auf das sich daraus ergebende Recht, einsam zu sein, zurückziehen zu können. Einsamkeit war zwar eine wesentliche Prägung seiner Existenz, aber nicht die Begründung für seine Existenz. Groll und Zorn bildeten jahrzehntelang die unsichtbaren Gitterstäbe, “durch die man die Welt einerseits zwar wahrnimmt, sie andererseits aber verzerrt und verkennt“, so Haas. “Grübeleien, Unterstellungen und vorauseilende Ängste sind ein guter Nährboden für Einsamkeitsgefühle“, schreibt Daniel Haas. Friedrich hingegen, sein bester Freund, “missionierte in Glück und Zufriedenheit, weil er wusste, dass wir das, was wir haben, nur bewahren können, indem wir es weitergeben“. “Alles ist möglich, wenn wir nur darauf bestehen, dass die Zugehörigkeit stärker ist als das, was uns trennt.” Sie entsteht durch Mitgefühl, Humor und Vertrauen. Ein wertvoller Roman, der viel zu bieten hat und voller Leidenschaft geschrieben wurde.


Genre: Autobiographie, Debüt, Roman
Illustrated by Goldmann München

Schwebebahnen

Stilistisch schwebend mit banalem Plot

Wie auch in vielen seiner anderen Romane geht es in «Schwebebahnen» von Hanns-Josef Ortheil um Episoden aus seinem Leben. Zu diesem neuen Roman hat er angemerkt: «Ich habe von 1957 bis 1962/1963 in Wuppertal gelebt, und das Seltsame ist, dass ich danach immer wieder von Wuppertal geträumt habe. Und zwar von den Schwebebahn-Fahrten». Der aus Köln kommende sechsjährige Josef hat äußerste Schwierigkeiten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Vater ist Eisenbahner und hat in Wuppertal eine Wohnung in einem Haus voller Eisenbahner-Familien bezogen. Josef musste in Köln die Schule abbrechen, er ist ein introvertierter Einzelgänger, der sich fast nur für Musik interessiert.

In dieser autofiktionalen Coming-of-Age-Geschichte werden für einen Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren Josefs Erlebnisse in neuer Umgebung und mit neuen Mitmenschen geschildert, an die er sich nun langsam gewöhnen muss. Das gilt insbesondere auch für die neuen Mitschüler, denn er «lebt, denkt und fühlt anders als andere Kinder», er wurde deshalb in Köln auch immer wieder gehänselt. Die neue Rektorin nimmt sich seiner besonders intensiv an, sie wurde durch einen Brief der Kölner Schule vorinformiert und will ihm möglichst helfen. Gleich am ersten Tag in der neuen Wohnung hat er ein Mädchen im Haus gegenüber gesehen, das ihm gewunken hat. Es ist Rosa, die Tochter des Gemüsehändlers mit italienischen Wurzeln, die klug ist und voller Temperament. Sie will «Mücke» genannt werden, weil sie Rosa schrecklich findet, und sie selbst nennt Josef schon bald nur noch «Giuseppe». Die Beiden freunden sich schnell an und werden bald unzertrennlich. Furchtlos geht sie mit ihm in den Wald, sie hat keine Angst vor den feindlichen Jugendbanden, die dort herumstrolchen, und sie zeigt ihm auch ihre versteckte Höhle, in der sie Engelsfiguren aufgestellt hat, die sie manchmal sogar mit Kerzen beleuchtet.

Mücke symbolisiert im Roman das Gegenbild zu einer herzlosen Leistungs-Gesellschaft mit hohem Erwartungsdruck, die nur durch Anpassung zu funktionieren scheint und in der hartnäckiges Verschweigen zum Prinzip geworden ist. Die titelgebende Schwebebahn wiederum, das kuriose städtische Wahrzeichen Wuppertals, fungiert hier als poetisches Symbol für das Leichte, Schwebende, für das, was möglich bleibt in der schwer gewordenen Realität des Nachkriegs-Lebens, in dem die unheilvolle Vergangenheit ständig durchschimmert. Die Eltern von Josef haben vier Kinder verloren, all ihre Hoffung richtet sich nun auf ihn. Aber es ist nun mal die Musik, in die er sich flüchtet mit seinem Klavierspiel, das ihm alles bedeutet. Bei dem er so wunderbar improvisieren kann, statt sich der eisernen Disziplin des Lehrbuchs zu unterwerfen, – es ist sein Fluchtweg aus dem allgemeinen, eisernen Schweigen heraus. Im Roman ist die Nachkriegs-Gesellschaft mit ihren Erwartungen, «etwas aus sich zu machen», als diffuse Autorität und permanente Aufforderung im Hintergrund ständig erkennbar.

Der Autor hat keinen klassischen Entwicklungsroman im Sinn gehabt, ihm ging es mit dem Aneinanderreihen von Episoden vielmehr um das Nachklingen einer Kindheit, die immer noch fortwirkt und nicht abgeschlossen ist. Erzählt wird «doppelgleisig», einerseits aus der kindlichen Innen-Perspektive von Josef, andererseits aus einer distanzierten Außenperspektive. Dabei wird dann fleißig sinniert oder räsoniert, – es wird also nichts erklärt oder gar analysiert, sondern nur gezeigt. Man wird als Leser nicht alles verstehen können, aber doch auch manches wieder erkennen aus eigenem Erleben. Im autobiografischen Œuvre des Vielschreibers Hanns-Josef Ortheil ist dieser Roman nichts Neues, er ist allenfalls eine Ergänzung zu bereits Erzähltem. Die Kernaussagen wiederholen sich hier nämlich, wobei das Narrativ kaum variiert wird, was eifrige Stammleser dieses Autors wohl nicht stören, manche hingegen aber durchaus enttäuschen dürfte. Was den Stil anbelangt, so ist das Leichte, Schwebende, an Musik Erinnernde als Markenzeichen des Autors die Lektüre allemal wert, der Plot als solcher aber enttäuscht leider als deutlich zu banal.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Zur See

Vom Preis des Wohlstands

Mit dem deskriptiven Titel «Zur See» hat die in Husum geborene Schriftstellerin Dörte Hansen die Thematik ihres neuesten Romans verdeutlicht. Dieses Buch ist nicht nur ein Lobgesang auf das Meer, hier auf die Nordsee, sondern auch die detaillierte Milieubeschreibung einer kleinen Insel und ihrer geschichtlichen Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg bis in die Neuzeit. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte einer fünfköpfigen Familie aus einer viele Generationen zurück reichenden Seefahrerdynastie, deren sich ändernde Lebensweise auf die sich allmählich verbessernden ökonomischen Bedingungen durch den aufkommenden Tourismus zurück zu führen ist. Aber dieser Wohlstand hat auch einen hohen Preis!

Jens Sander hat sich total von der Familie zurückgezogen, seine Kinder sind ihm immer fremd geblieben. Er lebt seit zwanzig Jahren als Vogelwart in einem primitiven Pfahlhaus des Amtes für Umweltschutz auf einer nahe gelegenen Vogelinsel. Mutterseelenallein kümmert er sich dort um die Vogelwelt und verscheucht Touristen, die hier keinen Zutritt haben. Hanne Sander musste ihre inzwischen erwachsenen drei Kinder deshalb allein großziehen. Ihr ältester Sohn Rykmer hatte als Kapitän eines Tankers bei einem Orkan auf hoher See die Nerven verloren, sein Steuermann musste das Kommando übernehmen. Seit diesem Schock ist er Alkoholiker und arbeitet, als Deckmann degradiert, auf der Inselfähre. Hanne hat nach dem Verkauf eines uralten Reetdach-Hauses an die Gemeinde, die darin ein schmuckes Heimaltmuseum errichtet hat, den Job als Museums-Führerin angenommen. Ihre selbstbewusste und unangepasste Tochter Eske hat Sprachwissenschaft studiert, arbeitet jetzt aber als Pflegerin im örtlichen Seniorenheim. Sie ist mit einer Frau liiert, die auf dem Festland ein Tattoostudio betreibt und Eskes Körper mit Tattoos regelrecht zugepflastert hat. Mit Sorge beobachtet Eske, dass die ländliche Idylle der Insel durch die wachsenden Touristenströme immer mehr zur Folklore verkommt, dass geldgierige Investoren Grundstücke an sich reißen und eine Wellness-Oase nach der anderen errichten, die das Dorfbild total verschandeln und Kirche und Leuchtturm nicht nur optisch verdrängen. Henrik, der jüngste Bruder, hat sich nie zu Schiffen hingezogen gefühlt, er hat immer schon am Strand Treibgut gesammelt und daraus Plastiken gefertigt, die er dann mit der Zeit sogar verkaufen konnte. Als Dorfkünstler ist er inzwischen durch die Zeitung auch auf dem Festland bekannt geworden und veranstaltet nun umfangreiche Ausstellungen seiner originellen Werke, zu der die Sammler von weit her angereist kommen.

Dieser auktorial erzählte Roman einer Zeitenwende folgt keinem Plot, er berichtet distanziert, mit immerzu wechselndem Fokus auf seine wortkargen Figuren, von den Veränderungen der dörflichen Idylle durch den Tourismus. Der hat die Seefahrt allmählich als Erwerbsquelle abgelöst und Wohlstand gebracht. Viele Fischerboote wurden zu Ausflugsbooten umgebaut oder veranstalten zur Demonstration kurze Fischfang-Ausflüge. Und mit umgebauten Pferdewagen werden die vielen Touristen unermüdlich über Insel kutschiert. Jeder Einwohner vermietet inzwischen auch Zimmer oder wandelt sein Haus in eine Pension um. Sogar der Dorfpfarrer ist mit seinen gut besuchten Predigten inzwischen berühmt, obwohl er sich doch innerlich schon längst von Gott gelöst hat. Nachdem fast alle ehernen Gewissheiten verschwunden sind, schwindet auch das unverbrüchliche Urvertrauen der Inselbewohner in das Element Wasser.

Als Begründung ihrer extrem dialogarmen Erzählweise hat die Autorin im Gespräch erklärt: «Vielleicht weil ich meine Figuren eher so ein bisschen in ihrer Tarnung lasse». Natürlich spielen neben den stimmig gezeichneten Figuren, die im Roman ein Jahr lang nebeneinander her leben, auch die See und das unwirtliche Wetter eine erzählerisch dominante Rolle. Obwohl nicht ganz klischeefrei – bis hin zu einem gestrandeten Potwal – ist diese pessimistische Erzählung vom Preis des Wohlstands besonders auch für nicht-maritime Leser durchaus bereichernd.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Die Lebensentscheidung

“Mutter und Sohn” von Ernst Ludwig Kirchner

Die Lebensentscheidung. “Mutter und Sohn” lautet der Titel des auf dem Schutzumschlag abgebildeten Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) und genau davon handelt auch Menasse’s neue Novelle. Aber nicht er schaut auf sie hinab und sie zu ihm hinauf, wie in dem Gemälde, sondern wohl eher umgekehrt…

Totenbett statt Tanzparkett

Franz Fiala ist ein klassischer EU-Beamter. Autor Robert Menasse widmete sich ja schon einmal diesem Sujet. In seinem Roman “Die Hauptstadt” (Suhrkamp 2017) beschreibt er Brüssel als Ort des Lebens und Wirkens seiner Protagonisten. Aber in “Die Lebensentscheidung” wird es ein Abschied, denn Fiala hat nach zwanzig Jahren genug. Genug von der Generaldirektion Umwelt in der Unterebene ENV.D.2. Naturkapital und Ökosystemgesundheit. Genug davon, “ein Rädchen in einer Maschinerie zu sein, die eine bessere Welt produzieren wolle“. Mächtige Interessenverbände haben ihm seine durchaus von grünem Idealismus getragene Arbeit richtiggehend vergällt. “Illusionen zu haben ist gut, das ist schöner Idealismus. Illusionen an die Möglichkeiten anzupassen, ist gut, das ist Pragmatismus. Aber Illusionen zu verkaufen und das Pragmatismus zu nennen, ist nur noch Zynismus.” Wenn auch sehr gut bezahlter Zynismus… Zudem ist seine Mutter, 89, zuhause in Wien, an Demenz erkrankt und er inzwischen schon 58 Jahre alt geworden. Sie wünscht sich nur mehr eines von ihrem Sohn, einen Erben, ein Enkerl. Aber dass er dafür schon längst zu alt ist, ist nicht das einzige, was ihn davon abhält, seiner Mutter auch ihren letzten Wunsch zu erfüllen…

Lebensentscheidung: Dum spiro, spero

Statt einer Familie hat Fiala eine platonische Freundin in Wien, Feli, und eine richtige in Brüssel, Nathalie – anregend und nie anstrengend. In Wien ist die Familie auf Felix, den Neffen, Onkel Fritz und Mutter zusammengeschrumpft. Als sein Onkel Fritz dann plötzlich stirbt und Fiala in Wien eine erschütternde Diagnose erhält, will er diese vor allem vor seiner Mutter geheim halten. Denn es gibt ja bekanntlich nichts Schrecklicheres für ein Elternteil, als wenn das Kind vor den Erzeugern stirbt. Aber auch seine Mutter will ihren Sohn nicht leiden sehen. Als Einzelkind hat er alle ihre Wünsche erfüllt und sogar in Brüssel Karriere gemacht. Nur den einen Wunsch, einen Enkel, den hat er ausgelassen, ihr zu erfüllen. Ob es wegen der Karriere war? Oder weil sie alle Freundinnen, die er ihr vorstellte, stets ablehnte? Robert Menasse lässt tief blicken, in eine Wiener Familie, die die für ihre Bewohner:innen so klassische “Melange aus Hohn und Heiterkeit” mehr als internalisiert hat. In einem kurzen, lapidaren Erzählton voller Ironie – aber ganz ohne Zynismus – wird “Die Lebensentscheidung” zu einem Abgesang auf Idealismus und Weltverbesserungspläne. Denn was außer seiner Krankheit bleibt Franz Fiala am Ende? Nicht umsonst heißt es ja Wien, dass das Gegenteil von “gut” “gut gemeint” heißt.


Genre: Novelle
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main