Drei Frauen

Aus purem Glück

Die schon länger für den Nobelpreis vorgeschlagene italienische Kultautorin Dacia Maraini hat sich mit dem Roman «Drei Frauen» erneut als streitbare Pionierin des Feminismus erwiesen. In dieser unkonventionellen Geschichte stellt sie drei Generationen einer aus Großmutter, Mutter und Tochter bestehenden Lebensgemeinschaft vor, deren Zusammenleben unter einem Dach sich nicht nur emotional als schwierig erweist. Diese unkonventionelle Thematik nutzt sie zu mancherlei überraschenden Wendungen in ihrer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Geschichte.

Älteste im Bunde ist mit 60 Jahren die lebenslustige Großmutter Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, die immer noch gern mit Männern flirtet und mit ihrem deutlich jüngeren Bäcker eine ungewöhnliche Liaison hat. Denn er ist nur am Küssen interessiert, darin aber ist er unschlagbar. Gesuina werden jedes Mal die Knie weich, wenn er sie leidenschaftlich küsst, mehr will er aber nicht von ihr. Die früh verwitwete, vierzigjährige Maria, ihre ernste, sittenstrenge Tochter, ist freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Sie ist ein eher lebensfremder Bücherwurm, und sie ist es denn auch, die ihre Familie durchfüttert. Seit fünf Jahren ist sie mit François liiert, eine Fernbeziehung, die sie ganz unkonventionell noch mit langen Briefen ausfüllt. Kulturell interessiert machen sie beide öfter gemeinsam Urlaub, und zwar  nicht nur in exotischen Ländern, sondern sie bereisen kulturinteressiert auch Holland, worüber Maria ihrer Familie von unterwegs begeistert per Brief berichtet. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori schließlich, Marias Tochter, ist pubertär bedingt ziemlich aufmüpfig. Sie hat öfter mal Sex mit ihrem festen Freund und kümmert sich ganz unkonventionell um eine auf der Müllkippe hausende Obdachlose, der sie öfter mal Essen und Getränke vorbei bringt und auch Geld zusteckt. Unterschiedlicher als diese drei Charaktere können Romanfiguren wohl kaum sein.

Es gibt schließlich eine überraschende Wendung, als sich herausstellt, dass Lori schwanger ist. Während der Geliebte ihrer Mutter an Weihnachten zu Besuch war, hat sie die Gelegenheit genutzt und mal schnell Sex mit François gehabt, einfach weil sie neugierig war auf den gut aussehenden Mann. Aber selbstverständlich wollte sie ihn der Mutter nicht ausspannen! Man fragt sich als Leser, ob die Autorin es nicht auf die Spitze treibt in ihrer Geschichte, wenn sie es bei diesem leichtsinnigen Spontansex nun auch gleich zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen lässt. Sie wollte «der heutigen, verwöhnten Jugend einen Spiegel vorhalten», hat sie dazu erklärt. «Die lassen sich leichtfertig treiben, sie weichen Verpflichtungen aus und denken kaum über den Tag hinaus». Insoweit soll also ihr an die Vernunft appellierender Roman auch eine moralische Botschaft transportieren. Lori traut sich nicht, ihrer Mutter zu beichten, denn auch die Großmutter lehnt es vehement ab, die arme Maria damit zu konfrontieren. Soll Lori abtreiben oder einfach ihrem festen Freund das Kind unterschieben? Nach mehr als drei Monaten ist der Bauch nicht mehr zu verstecken, François hat sich schändlich ‹vom Acker gemacht›, und Lori offenbart sich endlich ihrer Mutter, ziemlich feige zwar, – in einem langen Brief nämlich!

Stilistisch perfekt wird diese Geschichte, ständig wechselnd und meisterhaft gekonnt, aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen erzählt: Als Tonband-Aufzeichnung der Großmutter, in Briefen der Mutter und in Tagebuch-Einträgen der Tochter. Letztere gebiert einen prächtigen Jungen, dem sie ganz unbeirrt den Namen Prometheus gibt, der ‹Vorausdenkende›. Das Baby verändert die familiäre Struktur schlagartig zum Positiven, das Gefühls-Karussell dieser drei ungleichen Frauen justiert sich von Grund auf neu. Sehr subtil legt die Autorin in ihrem raffiniert angelegten Plot eine zerbrechliche Familien-Struktur dar, die mit dem Vogelkäfig auf dem Cover auch die Freiheit als politisches Ziel symbolisiert. Trotzdem bleibt sie aber auch hoffnungsfroh, denn am Ende lachen alle wieder, die letzten Worte dazu lauten ergänzend «aus purem Glück»!

Fazit:   erstklassig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Folio Verlag

Lena

Ludwig Aumüllers Roman Lena erzählt von Aufbruch, Verlust, sozialem Aufstieg und weiblicher Selbstbehauptung. Die Titelfigur, eine junge Frau aus Bayern, verlässt im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre Heimat und wagt den Schritt in die Vereinigten Staaten. Was zunächst als Auswanderungsgeschichte beginnt, entfaltet sich nach und nach zu einem breit angelegten Lebensroman, der Liebesgeschichte, Gesellschaftspanorama, Abenteuererzählung und historische Kulisse miteinander verbindet.

Seine stärkste Seite hat dieses Buch in seiner Hauptfigur. Lena ist eine Frau mit Eigenwillen, Energie und Zähigkeit. Sie liebt, leidet, lernt, handelt und behauptet sich in einer Welt, in der Frauen gewöhnlich nicht die Regeln bestimmen. Gerade diese Konstellation verleiht dem Roman innere Spannung. Lena trägt den Text fast durchgehend, weil sie nicht nur Objekt der Ereignisse bleibt, sondern deren Motor wird.

Der Autor setzt dabei deutlich auf Handlung. Sein Roman scheut weder große Gefühle noch große Wendungen. Auswanderung, geschäftlicher Erfolg, gewaltsamer Verlust, Reise in den Wilden Westen, neue Liebe, familiäre und wirtschaftliche Bewährung, schließlich Alter und Tod: All das ist großzügig aufgefächert und mit sichtbarer Lust am Erzählen dargeboten. Wer von einem Buch erzählerischen Zug, Anschaulichkeit und einen langen Lebensbogen erwartet, wird an Lena durchaus Gefallen finden.

Auch das historische Ambiente besitzt Reiz. Amerika erscheint als Raum großer Chancen, aber auch als Schauplatz von Härte, sozialem Risiko und entschlossener Selbstformung. Der Roman bewegt sich von Bayern über New York und Virginia bis nach Louisiana und gewinnt aus diesen Ortswechseln Weite. Besonders die Verbindung aus weiblicher Emanzipationsgeschichte und ökonomischem Aufstieg ist interessant, weil sie der Figur ein Profil jenseits bloßer Liebesverstrickung gibt.

Allerdings liegen hier auch die Grenzen des Buches. Lena ist ein Roman, der viel will und viel erzählt; mitunter will und erzählt er vielleicht zu viel. Manche Wendungen häufen sich in einer Weise, die weniger aus innerer Notwendigkeit als aus erzählerischer Lust an der Zuspitzung hervorgegangen scheint. Das mindert die Glaubhaftigkeit einzelner Entwicklungen. Der Roman bewegt sich dann streckenweise nahe an melodramatischen Mustern.

Aumüller kann zügig und verständlich erzählen, doch nicht selten gerät der Ton ins Erklärende oder Referierende. Wo man sich als Leser mehr atmosphärische Verdichtung, mehr Zwischenton, mehr sinnliche oder psychologische Feinzeichnung wünschte, begnügt sich der Text bisweilen mit einer soliden Mitteilung des Geschehens. Nebenfiguren wirken dadurch gelegentlich eher funktional als ausgearbeitet.

Das muss man allerdings im Kontext der Anlage sehen. Lena will offenkundig kein Sprachkunststück oder formales Experiment sein, sondern eine große, gut lesbare Erzählung. Das gelingt: Das Buch besitzt einen deutlichen Zug zur anschaulichen Historisierung, eine sympathische Bewunderung für seine Heldin und spürbare Freude am epischen Ausmalen eines außergewöhnlichen Frauenlebens.

Lena ist ein engagiert und mit sichtbarer Sympathie erzähltes historisches Lebensbild. Seine Qualitäten liegen in der Stofffülle, in der tragenden Figur und im bewegten Erzählfluss. Wer historische Romane mit starker weiblicher Hauptfigur schätzt und bereit ist, über manche grobere Naht hinwegzulesen, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.


Genre: Historischer Roman
Illustrated by DWG

Das toxische Schweigen der Narzissten

Toxisches Schweigen. Unser Zeitalter wird einst als das Zeitalter der Narzissten in die Geschichte eingehen. Diese Spezies Mensch versteht es besonders gut, sogar durch Schweigen Terror auszuüben, “Schweigeterror” nennt das der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der in vorliegender Publikation auf alle Arten des Schweigens eingeht.

Der Narzisst und das Schweigen

Schweigen ist eben nicht “Gold”, wie es in einem vielzitierten Sprichwort heißt, sondern geißelt als Omertà die Menschheit. Es gibt viele Formen des Schweigens. Eine unlängst entdeckte nennt man PTED, anglehnt an den Begriff des PTBS, nach der englischen Abkürzung Posttraumatic Embitterment Disorder. Ein als extrem ungerecht empfundenes Lebensereignis kann einen nachhaltig emotional belasten und zu einem depressionsähnlichen Zustand führen. Während sich dieses Schweigen dann allerdings eher gegen sich selbst richtet, kann der Narzisst durch sein Schweigen besonders andere aus dem Gleichgewicht bringen. Seine “fünf großen E” (Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Entwertung anderer, Empfindlichkeit) scheinen wie geschaffen, für die Machtübernahme dieses so zärtlich gebauten Menschenschlags. “Sofern das toxische Schweigen tatsächlich viel mit Empathiemangel zu tun hat – eine Hauptthese dieses Buches – begünstigt diese Seite des Narzissmus das Schweigen“, schreibt Haller. Der tiefenpsychologische Hintergrund des Narzissmus sei eigentlich der Neid auf andere und die damit verbundene Entwertung anderer. Selbst aber reagieren sie mehr als überempfindlich auf Kritik und sinnen bald schon auf Rache. “Knallhart beim Austeilen, extrem empfindlich im Einstecken“, ergänzt der Psychiater. Man muss aber kein ausgewachsener Narzisst sein, um durch Schweigen andere zu kränken. Denn tatsächlich wird Schweigen auch gerne als psychologische Waffe eingesetzt, besonders in Paarbeziehungen.

Be A Rock of Gibraltar

Schweigen kann in der Partnerschaft sogar als emotionale Erpressung eingesetzt werden. Denn wo keine Worte sind, bleibt viel Raum für Interpretation und Spekulation. Zu viel. Wenn zudem noch emotionale Nähe, Zärtlichkeit und echte Gespräche fehlen, spricht man sogar von passiv-aggressivem Verhalten, das zusätzlich ausgrenzt und verletzt. “Ohne offene Kommunikation kann keine Beziehung stehen“, resümiert Reinhard Haller und gibt in seinem neuesten Buch auch viele Tipps wie man sich dem widersetzen und etwas entgegensetzen kann, wenn man nur mehr angeschwiegen wird. Sogar ein Filmtipp (“Le chat“) ergänzt die Hilfestellungen des Psychiaters, der sich dem Thema in all seinen Facetten annimmt: Ghosting, Mutismus, Zivilcourage, Stalking, Stonewalling, etc., alle diese Begriffe werden von ihm erklärt und in Zusammenhang gesetzt. So entsteht ein komplexes Bild eines Verhaltens, das letztendlich niemandem nützt. Denn am Ende ist auch der Narzisst einsam, einsam in seiner Sucht nach sich selbst. Im vorletzten Kapitel, “Das Leid der Angeschwiegenen“, findet man weitere wertvolle Tipps zur proaktiven Gestaltung seiner eigenen Lebensumwelt und gegen die verbreitete “Los-igkeit“. Das letzte Kapitel listet sogar 12 Regeln auf, wie man Schweigeblockaden durchbrechen kann und wieder zu einem lebenswerten Umgang miteinander finden kann. Nur so viel: Appelle an die Vernunft des Schweigenden bringen nicht viel, da das toxische Schweigen ja ein emotionales Problem ist.

Reinhard Haller
Toxisches Schweigen.
Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen.
2026, Paperback, 272 Seiten
ISBN: 9783689690724
now Verlag
€22,00


Genre: Psychologie
Illustrated by now Verlag

Löwenherz

Schlafesruh

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer hat mit dem Roman «Löwenherz» ihre autofiktionale Trilogie über ihre Großfamilie abgeschlossen, die ihr gleich mit dem ersten Band einen späten Durchbruch auch am deutschen Buchmarkt beschert hat. Als Buchtitel hat sie den lustigen Kosenamen des Vaters für ihren jüngeren Bruder Richard gewählt, dem sie mit dieser feinsinnigen, behutsamen Erzählung ein literarisches Denkmal setzt. Sie denke nun viel öfter an ihren sechs Jahre jüngeren, im Alter von dreißig Jahren viel zu früh verstorbenen Bruder und habe nur die Hoffnung, dass er «von oben runterschaut und sagt: ‹Hast du gut gemacht›».

Der Roman beginnt damit, dass ihrem Bruder ein «struppiger, knapp übers Knie hoher», herrenloser Hund zulief, den er gleich ins Herz geschlossen hat und dem er spontan den Namen Schamasch gab. Beide waren fortan unzertrennlich, und weil er als 25jähriger Schriftsetzer allein lebte, nahm er den Hund auch mit zur Arbeit, wo sich alle Kollegen und auch der Chef sofort mit ihm anfreundeten. Bei einem Badeausflug fand er am Ufer des Bodensees eine verrostete Badewanne, die er ins Wasser zerrte und hinein stieg, obwohl er nicht schwimmen konnte. Prompt versank die Wanne im See, und er rief wild um sich schlagend um Hilfe. Eine hochschwangere Frau, die mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe war, zog ihn an Land. Richard bedankte sich bei ihr und wollte gerade gehen, als sie ihn aufforderte, ihr doch seine Adresse zu geben. Er solle als Gegenleistung für seine Rettung während ihrer Entbindung ein paar Tage auf ihre kleine Tochter Putzi aufpassen. Was er dann auch gerne tut, und Putzi, Schamasch und er lieben sich alle drei auf Anhieb, sie bilden eine geradezu ideale Gemeinschaft. Putzi nennt ihn von Anfang an Papa und geht ihm nicht mehr von der Seite, ihre Mutter aber lässt sich wochenlang nicht mehr sehen. Monika Helfer springt oft ein, wenn er Putzi manchmal nicht mitnehmen kann in die Fabrik. Sie selbst, ihr späterer Mann Michael Köhlmeier und Richard haben in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zueinander.

Das alles geht wider jede Erfahrung lange Zeit gut, Richard erweist sich als idealer Vater. Bis er, der sich nie für Frauen interessiert hat, plötzlich auf die smarte Rechtsanwältin Tanja trifft, die ihn sogar heiratet und ihm ein Leben in Luxus bietet. Er kündigt seinen Job und kann sich künftig voll seiner Passion widmen, naive Kunst nämlich, die er als mäßig erfolgreicher Maler eifrig betreibt. Mit dem Tod des Hundes, der von einem Jäger erschossen wird, erreicht sein glückliches Leben dann aber einen Wendepunkt, dem wenig später auch der Verlust der innig geliebten Putzi folgt, die von ihrer Mutter plötzlich mit Gewalt aus Richards Wohnung herausgeholt wird. Diese beiden Ereignisse werfen den Eigenbrötler völlig aus der Bahn. Er entfremdet sich nun immer mehr von seiner Schwester Monika und ihrem Mann.

Das Besondere am Stil der Autorin ist ihre behutsame Herangehensweise an den Stoff. Sich vorsichtig herantastend bezieht sie sogar den Schreibprozess selbst mit ein in ihre Erzählung, und sie hat in ihrem Mann und Kollegen Michael Köhlmeier einen kundigen Gegenleser, mit dem sie sich intensiv austauscht. Sie reden nicht nur über den Roman, den sie schreibt, sondern auch über die Erinnerungen an den charmanten Richard. Ihr Mann war ziemlich eng mit ihm befreundet und erinnert sich zuweilen sogar an manches, was sie nicht mehr weiß. Er habe ihn mutmaßlich sogar besser gekannt als sie, wenn er etwa erklärt: «Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard». Zweifellos ist das Schreiben für Monika Helfer hier auch eine Art Selbstbestätigung. Feinsinnig schildert sie Richard als ebenso kauzigen wie widersprüchlichen, ebenso fantasievollen wie gutmütigen Mann, österreichisch gesagt als «Schmähtandler». Wahrscheinlich sei, hat sie alles hinterfragend erklärt, dessen Kindheit, getrennt von den Schwestern bei einer unfreundlichen Tante, der wahre Grund für seine Schrullen gewesen. Voller Wehmut wünscht sie ihm ganz am Ende des Romans «Schlafesruh»!

Fazit:   erfreulich

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Auf den Gleisen

Radikaler Underdog-Roman

Das Romandebüt der Schriftstellerin Inga Machel unter dem Titel «Auf den Gleisen» wurde 2024 auf die Shortlist für den Leipziger Buchpreis gewählt. Angesichts seiner Thematik eine kühne Entscheidung der unkonventionellen Jury, die hier trotz einer zweifellos vorhandenen langen Reihe von literarischen Mängeln offensichtlich die rigorose Abkehr der Autorin von narrativen Konventionen und insbesondere wohl auch die beklemmende Thematik dieses Romans hervorheben wollte. So sind denn auch die Kritiken der Feuilletons dahingehend unisono positiv, dass nämlich gerade diese Radikalität den Roman in letzter Konsequenz literarisch auszeichne, auch wenn die Mängelliste lang sei! Ein zulässiger Kompromiss?

«Ich dachte, ich müsste jemand umbringen. Als würde der Tod meines Vaters einen Gegentod erfordern», heißt es zu Beginn. Lange ist es nicht sicher, ob da vielleicht eine Frau erzählt, bis irgendwann dann endlich der Name Mario genannt wird, der Mitte zwanzig war, als sein depressiver Vater sich vor den ICE geworfen hat. Das ist inzwischen zehn Jahre her. Aber der Ich-Erzähler, der als Abiturient in der mündlichen Abiturprüfung das Thema Suizid hatte und dafür 15 Punkte bekam, ist seit fünf Jahren total aus der Bahn geworfen, er ist also alles andere als «auf den Gleisen». Bei seinen ständigen, ruhelosen Streifzügen durch Berlin begegnet er einem Mann, in dem er seinen Vater zu erkennen glaubt und dem er von nun an geradezu zwanghaft folgt, ohne ihn jedoch anzusprechen. Es handelt sich um einen heroinsüchtigen Obdachlosen, den er in seiner Erzählung nur P. nennt und dem er sich wie ein lästiger Stalker ohne Sinn und Zweck an die Fersen heftet. So kennt er bald auch dessen Wohnung und klettert sogar, als P. sie einmal kurz verlässt, neugierig durch das offen gelassene Fenster, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos voller Schmutz empfängt. Offensichtlich ist P. für ihn eine Ersatz-Vaterfigur, deren absehbaren Niedergang er neugierig miterlebt, um damit wohl seine eigenen Traumata verarbeiten zu können.

In ständigem Wechsel erzählt Mario immer wieder auch aus seiner glücklosen Kindheit in prekären Verhältnissen. Er musste unter der gefühlskalten Mutter ebenso leiden wie unter dem depressiven, oft ausrastendem Vater, der dann meist um sich schrie: «Ich bin nur von Idioten umgeben». Und damit meinte er ausnahmslos alle, Familie, Nachbarn, Freunde, Kollegen und seine vielen Zechkumpane, aber auch Mario. Und der trägt nun die gescheiterte Beziehung zum Vater sowie das Fehlen jedweder Sicherheit und bedingungsloser Liebe als seelisches Handicap mit sich herum.

Der eigenwillige Stil, in dem das alles erzählt wird, ist allein schon dadurch geprägt, das allzu vieles einfach offen gelassen, also nichts wirklich auserzählt wird. Angesiedelt in Berlin, stellt die dort lebende Autorin diese Metropole in ihrem Roman als völlig verdeckten, dysfunktionalen Moloch dar, als ein idealer Nährboden also für Kleinkriminelle, Junkies und Lebensmüde. Insoweit ist dies ein völlig untypischer Berlin-Roman. Denn die meist euphorisch beschriebene Großstadt-Stimmung wird hier stilistisch gekonnt auf eine äußerst subtile Art demaskiert: «Es war noch nicht Nacht, aber fühlte sich schon eine Weile lang so an. Der Himmel lag abgenutzt über dem See, an dessen Ufer, direkt gegenüber, ein betrunkener Mann eine betrunkene Frau schlug». Neben der chaotisch wechselnden, oft intermittierenden Chronologie der Handlung, die man allerdings nicht wirklich als Plot bezeichnen kann, stört insbesondere die allzu dick aufgetragene Melodramatik dieser Geschichte. Die Autorin suhlt sich schreibend geradezu in dem Elend, das sie da unbeirrt heraufbeschwört. Es gibt zudem wahrhaft schiefe Bilder und irrwitzige Szenen voller Selbstmitleid, an denen man sich prompt stößt als irritierter Leser. Verblüfft wird man resümieren, dass Inga Machel suizidale Depression und Drogen-Missbrauch als etwas völlig Normales beschreibt. Wer das wirklich nachvollziehen kann, wird wohl auf seine Kosten kommen bei diesem radikalen Underdog-Roman!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Sie sitzen ja immer noch hier!

Ein Bahnhof ist ein Ort der Übergänge, des Wartens, des Aufbruchs, der Gereiztheit und der Verlorenheit. Wer dort arbeitet, sitzt mitten im Strom der Gegenwart. Andreas Schorsch nutzt diese besondere Beobachterposition für ein Buch, das aus scheinbar kleinen Szenen besteht und doch ein erstaunlich präzises Zeitbild entstehen lässt. Sie sitzen ja immer noch hier! versammelt kurze Episoden aus dem Alltag am DB-Service-Point, ergänzt durch Ausflüge an den Flughafen und in die sogenannte Freizeit. Was nach lockerer Anekdotensammlung klingt, entwickelt rasch einen eigenen Reiz: als Chronik eines Berufslebens im Dauerfeuer menschlicher Eigenheiten.

Schorsch schreibt aus der Nähe zur Wirklichkeit, und genau darin liegt eine der Stärken dieses Bandes. Nichts wirkt ausgedacht oder nachträglich aufbereitet. Der Ton ist direkt, schnörkellos, lakonisch, oft von trockenem Witz getragen. Der Erzähler beobachtet seine Umwelt mit geschärftem Blick und feinem Gespür für jene Momente, in denen der Alltag ins Absurde kippt. Fahrgäste, Fragesteller, Besserwisser, Eilige, Hilflose, Nachtschwärmer und notorisch Orientierungslosige treten auf wie in einem fortlaufenden Stationendrama, das mal komisch, mal unerquicklich, bisweilen auch anrührend ist.

Gerade die Kürze der Texte erweist sich dabei als produktiv. Schorsch braucht keine langen Anläufe. Er setzt auf die schnelle Erfassung einer Situation, auf den knappen Dialog, auf die Pointe, die oft nicht gesucht wirkt, sondern aus der Sache selbst hervorgeht. Das verleiht vielen Stücken Tempo und Frische. Man liest diese Miniaturen mit dem Gefühl, einem Erzähler zuzuhören, der sein Material nicht aus zweiter Hand kennt, sondern Tag für Tag erlebte – müde, wach, genervt, amüsiert und immer gezwungen, weiterzumachen.

Dem Autor gelingt es, das Buch den Bahnhof als sozialen Verdichtungsraum sichtbar macht. Hier kreuzen sich Milieus, Erwartungen und Überforderungen. Zwischen Servicefenster, U-Bahn-Anschluss, nächtlicher Leere und vorweihnachtlichem Ausnahmezustand erscheint der öffentliche Raum nicht als abstrakte Infrastruktur, sondern als Bühne des Menschlichen in all seiner Komik und Zumutung. Hinter den Schilderungen steht ein genauer Blick auf Verhaltensmuster, auf Sprachunfälle, auf moderne Ungeduld und jene eigentümliche Mischung aus Anspruch und Hilflosigkeit, die den öffentlichen Alltag so unerquicklich wie erzählenswert macht.

Hinzu kommt, dass das Buch mehr ist als bloße Unterhaltungsliteratur aus dem Bahnbetrieb. Besonders in den Texten aus der Corona-Zeit gewinnt es eine dokumentarische Qualität, ohne trocken zu werden. Plötzlich stehen nicht nur skurrile Kundenfragen im Raum, sondern auch Leere, Unsicherheit, Verordnungen, Maskenpflicht, latente Gereiztheit, soziale Erosion. Der Bahnhof verändert sein Gesicht, und mit ihm verändert sich der Ton der Beobachtungen. Gerade hier zeigt sich, dass Schorschs Buch nicht nur komisch sein will, sondern auch eine Chronik jener Jahre liefert, in denen die öffentliche Welt aus den Fugen geriet.

Dabei ist der Humor dieses Bandes wohltuend unprätentiös. Er kommt ohne artistische Verrenkungen aus und vertraut auf den Eigensinn der Realität. Schorsch muss seine Figuren nicht karikieren, weil sie sich oft schon selbst entwerfen. Dass der Erzähler dabei bisweilen schnoddrig, genervt oder sarkastisch klingt, gehört zum Ton des Milieus und gibt dem Buch seine Glaubwürdigkeit. Unter der Ironie bleibt stets spürbar, dass hier einer nicht von oben herab schreibt, sondern aus dem Inneren einer Dienstwelt heraus, die viel Geduld verlangt und kaum Dank kennt.

Natürlich lebt ein solcher Band stärker von Stimme und Blick als von dramatischer Entwicklung. Aber genau darin liegt sein Charme. Sie sitzen ja immer noch hier! ist ein Episodenbuch, das seinen Stoff kennt, sein Personal beherrscht und aus der Wiederkehr des Ähnlichen einen eigenen Rhythmus gewinnt. Gerade in dieser Form wird es zu einer Art literarischem Protokoll des öffentlichen Alltags: leicht, bitter, komisch und überraschend gegenwärtig.

Andreas Schorsch ist ein Buch gelungen, das man mit Vergnügen liest – nicht trotz, sondern wegen seines unspektakulären Schauplatzes. Denn der Service-Point erweist sich hier als ein Platz in der ersten Reihe. Wer wissen will, wie Menschen reden, reagieren, sich verirren, aufregen, improvisieren und weitermachen, findet in diesem Band reichlich Anschauungsmaterial. Und wer literarische Alltagsbeobachtung schätzt, die ihren Witz aus dem gelebten Betrieb zieht, wird an diesen Geschichten Freude haben.


Genre: Anekdoten, Humor und Satire
Illustrated by DWG

Die Frau und der Fjord

Nordischer Trauer-Exzess

Die äußerst vielseitig tätige Schriftstellerin Anette Strohmeyer, die auch unter diversen Pseudonymen schreibt, hat in ihrem Debütroman «Die Frau und der Fjord» eigene Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes eingebracht. Wie schon der Titel erahnen lässt, befindet sich der Handlungsort ihrer traurigen Geschichte im nördlichen Norwegen, genauer gesagt in einem Fjord auf einer der zugehörigen Inseln, von den Einheimischen nur «Die Heimsuchung» genannt. Dort hat eine hoch angesehene und extrem gut verdienende Top-Geologin aus der Erdölbranche nach dem Unfalltod ihres Mannes spontan ein einsam gelegenes Anwesen gekauft, um sich in der absoluten Einsamkeit eines abgelegenen Fjords endgültig vom Weltgeschehen zu verabschieden und in ihrer Trauer ein Einsiedler-Dasein zu führen. Mit dem untertitel-artigen Hinweis «Roman über Heilung, Neubeginn und die tröstende Kraft der Natur» hat der Verlag die Thematik des Buches überaus deutlich umrissen. Der im Herbst 2025 erschienene Roman wurde in den verschiedenen Leserforen einhellig positiv bewertet, von den Feuilletons aber ebenso einhellig ignoriert, so als wäre dies ein Schundroman. Wer bitte liegt denn da falsch, all die euphorisierten Leser oder die ignorante Kritikerzunft, die doch sonst so gern Jubel-Rezensionen veröffentlicht?

Die 45jährige, kinderlos verheiratete Gro Kristjánsdóttir gilt in ihrer hart umkämpften Branche als absolutes Ausnahme-Talent mit dem besonderen Gespür für Erdöl-Vorkommen. Sie arbeitet oft monatelang auf einer einsamen Bohrplattform in der Barentsee nördlich von Norwegen, wo sie als leitende Geologin verantwortlich dafür ist, anhand der von ihr durchgeführten Bohrungen und den laufend daraus gewonnenen Gesteinsproben auf die Ergiebigkeit der Ölquellen zu schließen. Liegt sie richtig, verdient ihre Firma meist Riesensummen mit der Exploration des Vorkommens, liegt sie aber falsch mit ihren Einschätzungen, würde die vergebliche Bohrung ihren Ölkonzern viele Millionen kosten. Die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes erreicht sie bei einem der monatelangen Aufenthalte auf der Bohrinsel. Wie sich herausstellt, war ihr Mann im Krankenhaus gewesen, wo ihm die Diagnose gestellt wurde, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf dem Heimweg mit dem Auto hatte er dann einen tödlichen Unfall, er ist aus ungeklärter Ursache frontal auf einen Fels geprallt.. Was natürlich zu Spekulationen führte, ob das womöglich ein Suizid war. Völlig entnervt und aus der Bahn geworfen kündigt Gro ihren Job und zieht in die extreme Einsamkeit ihres Fjords.

Ob sie zurück ins Leben findet, bleibt sehr lange fraglich in diesem breit angelegten Roman, denn sie ist absolut untröstlich über ihr Schicksal. Das kleine Holzhaus mit Anlegesteg und einem Schuppen hat vor ihr ein älterer Mann besessen, der bei einem Sturz vom Fels tödlich verunglückt ist. Sie hat zwar einen Stromanschluss, aber kein Telefon und auch kein Handy, das Radio und ein altes Funkgerät ist ihr einziger Kontakt nach draußen. Alle zwei Monate fährt sie mit ihrem kleinen Boot zum Einkaufen ins nächste Fischerdorf, wo sie sich im Supermarkt mit allem eindeckt und wo auch ihre Post lagert. Immer wieder wird in langen Passagen von der unberührten Natur in ihren Fjord berichtet, von ihrer unendlichen Trauer und ihrem latenten Unvermögen zu einem wirklichen Neubeginn. Erst in der Mitte des Romans, beginnend mit der Rettung eines schiffbrüchigen Fischers, mit dem überraschenden Auftauchen zweier ehemaliger Kollegen und mit einem beunruhigenden Besuch der Kriminalpolizei wird diese narrative Monotonie dann endlich unterbrochen.

Auch wenn Trauer und Natur als tragende Bestandteile über weite Strecken dieses Romans schon bald sehr langweilig werden, wird beim Lesen doch ganz allmählich auch die Erwartung auf ein Ende des bereits zwei Jahre andauernden Trauer-Exzesses erweckt. Vergeblich, denn ihre Geschichte endet, gewissermaßen nordisch unterkühlt, nur mit einer vagen Andeutung. Banal ist das alles aber nicht, und man lernt sogar manches dazu – über die arktische Natur.

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Der Mörder zahlt mit einer Mark

Gabi Thiemes Der Mörder zahlt mit einer Mark versammelt drei reale Kriminalfälle aus Sachsen und kreist um eine ebenso schlichte wie verstörende Frage: Gibt es das perfekte Verbrechen? Schon der Aufbau des Bandes zeigt, dass es der Autorin nicht um sensationslüsterne Effekte geht, sondern um die Rekonstruktion von Taten, die lange im Dunkeln lagen. Im Vorwort beschreibt sie ihr Buch ausdrücklich als Arbeit gegen das Vergessen, getragen von jahrzehntelanger Erfahrung als Polizei- und Gerichtsreporterin.

Am eindringlichsten gerät der erste, große Fall um die 1987 ermordete Heike Wunderlich. Thieme zeigt das Opfer zunächst als junge Frau mit Familie, Arbeit, Zukunftsplänen und alltäglichen Sorgen, bevor das Verbrechen mit voller Härte in dieses Leben einbricht. Gerade diese behutsame Vergegenwärtigung macht die spätere Tat so erschütternd. Dass der Täter Jahrzehnte später dank DNA-Spur doch noch wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird, verleiht dem Text eine beklemmende, fast unerhörte Form später Gerechtigkeit.

Die beiden anderen Fälle erweitern den Band stimmig. In „Der verlorene Sohn“ geht es um Uwe Schulze, einen Beteiligten an einem Sparkassenraub, der nach seiner Verurteilung, Haft und erneuter Reise schließlich bei der Einreise nach Thailand aufgrund eines noch aktiven internationalen Haftbefehls festgenommen wird; hier interessiert die Autorin weniger die bloße Strafsache als die beschädigte Vater-Sohn-Beziehung. „Tödlicher Cocktail“ wiederum erzählt von Anja Kaiser, die ihren Mann nach Überzeugung des Gerichts vergiftete und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde; besonderes Gewicht erhält dabei der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs mit der Tochter, der zum zentralen Beweismittel wird.

Die Stärke des Buches liegt in seiner journalistischen Genauigkeit, seiner Nähe zu Ermittlern, Angehörigen und Gerichten und in der Fähigkeit, aus Aktenstoff erzählerische Spannung zu gewinnen. Schwächen liegen dort, wo die Darstellung zu sehr erklärt, emotional nachdrückt oder in eine leicht romanhafte Rekonstruktion hineinrutscht. Nicht jede Szene müsste so stark auf Wirkung hin formuliert sein; manches wäre gerade dann noch eindringlicher, wenn es kühler bliebe.

Der Mörder zahlt mit einer Mark ist ein bemerkenswertes True-Crime-Buch: kein bloßes Gruselkabinett, sondern ein Stück ostdeutscher Erinnerungs- und Mentalitätsgeschichte. Gabi Thieme schreibt mit Ernst, Erfahrung und Respekt vor den Opfern. Gerade das macht den Band lesenswert.


Genre: Sachbuch, True Crime
Illustrated by Paperento

The Gourmand’s Mushroom.

Der dritte Streich von The Gourmand: Pilze

The Gourmand. Pilze sind derzeit in aller Munde. In der dritten TASCHEN Publikation von The Gourmand erwartet die Leser:innen eine mykologische Reise. Als Pilot:innen stehen hinter dem Projekt David Lane und Marina Tweed, die zusammen die gleichnamige Food- und Kulturzeitschrift im Jahr 2011 in London gegründet haben.

The Gourmand: Pilze in aller Munde

Die Arbeiten von The Gourmand wurden in der New York Times, The Guardian, Die Zeit und Le Monde gewürdigt und sogar schon im Design Museum London ausgestellt. Das besondere daran ist, dass sie zwar nur das universelle Thema Essen erkunden, es aber durch Publikationen, Filme und Ausstellungen in den Kontext von Kunst, Design, Literatur, Film, Mode und Musik stellen. Pilze waren schon in der Antike spirituelle Helfer, aber nicht nur ihre psychoaktive und oftmals auch medizinische Wirkung wird geschätzt, sondern sie schmecken auch köstlich.

Pilze: das unsichtbare Netz

Seit bekannt ist, dass die Pilze auch unterirdisch ein quasi weltumfassendes Netzwerk bilden, das der Versorgung aller Beteiligten dient, sind Pilze ohnehin zu den Rockstars unter den Lebensmitteln aufgestiegen. Die Kulturkarriere des Pilzes in der Moderne lassen den Pilz wie ein Kunstwerk erscheinen, dem in vorliegender Publikation in vielen Geschichten und Originalrezepten gehuldigt wird. In der Einleitung teilt übrigens der renommierte Koch und “Food”-Autor Jeremy Lee in einer Art lyrischen Reflexion seine Gedanken über Vergänglichkeit, Nahrungssuche und kulinarische Erinnerungen. Ein Fest der Sinne nicht nur für Mykologen!

Eine mykolgisch-kulturelle Reise

The Gourmand’s Mushroom. A Collection of Stories & Recipes ist eine köstliche Lektüre voller kulinarischer Innovationen. Ein Leckerbissen, ein Festmahl das sowohl als Nahrung, Heilmittel, Sakrament und Symbol eine jahrtausendealte Kulturgeschichte hat. Die kulinarische Praxis mit kultureller Reflexion, die auch für die beiden anderen Publikationen von The Gourmand so stilbildend war, wird auch in The Gourmand’s Mushroom weitergepflegt: in Essays, deren Themen von Mythologie über Toxikologie bis hin zu Kunst, Architektur, Mode, Film und sogar Raumfahrt reichen. Begleitet wird der Intellektuelle und kulturelle Reigen auch von visuellen Inspirationen: Fotos, die Pilze als Formen, Strukturen und fast skulpturale Erscheinungen feiern.

The Gourmand: Mushrooms in Cinemascope

Unter den Künstlern finden sich bekannte wie unbekannte, darunter Bosch und Beatrix Potter, María Sabina und die CIA, Yayoi Kusama und Takashi Murakami. Aber auch Comicfiguren oder Todesboten, in Feenkreisen oder Kriminalromanen, ob Fliegenpilz oder Knollenblätterpilz, Heilmittel oder Halluzinogen sind Pilze essentieller Bestandteil der großen Erzählung der Menschheitsgeschichte. Die umfangreiche Sammlung von Originalrezepten huldigt der erdigen, umami-reichen Köstlichkeit. Von delikaten kantonesischen gefüllten Pilzen und knusprigem Tempura über Pierogi, Risotto, Ramen-ähnlichen Relishes, Ravioli mit Waldpilzen und klassischer Duxelles bis hin zum einfachen Pilzketchup.

David Lane und Marina Tweed
The Gourmand’s Mushroom.
A Collection of Stories and Recipes
Ausgabe: Englisch
2026, Hardcover, 20 x 27.9 cm, 1.40 kg, 292 Seiten
ISBN 978-3-8365-8661-0
TASCHEN
€ 40


Genre: Design, Film, Kulturgeschichte, Kunst, mediterrane Küche, Mode, Musik, Musik und Literatur
Illustrated by Taschen Köln

Prince. 100 Seiten

Zehn Jahre ist er tot: Prince, unvergessen!

Prince. 100 Seiten. April 2016: Prince ist tot. Gerade einmal 57 Jahre alt geworden (*7. Juni 1958) ereilte ihn das Schicksal des “Club 27” dreißig Jahre später. Eine Überdosis von Schmerzmitteln, die Autorin spricht von Fentanyl, hatte dem begnadeten Visionär, Genie und Ikone der LGBTIQ+ wohl eher unabsichtlich dahingerafft.

Prince: Club 27 mit 57

Berühmt für seine rücksichtslosen Tanzeinlagen hatte sich der Spätberufene Zeuge Jehovas Hüft-, Knie- und Gelenksschmerzen eingehandelt, die ihm – je älter er wurde – derart zu schaffen machten, dass er es ohne Schmerzmittel nicht mehr aushielt. Als Zeuge Jehovas war ihm eine lebensrettende Operation – die Bluttransfusion zur Folge gehabt hätte – schlichtwegs nicht erlaubt. Am 16. April soll er bei einem letzten Konzert in seinem Paisley Park Anwesen noch die unheilvollen Worte “Wait a new days, before you waste any prayers” abgesetzt haben, 5 Tage später, am 21. April fand man ihn tot im Aufzug von Paisley Park.

Prince: Das bescheidene Genie

Der nur 157cm große Künstler war einer der letzten wirklich Großen der US-amerikanischen Unterhaltungsbranche. Sein zurückgelassenes Werk wird auf weitere 58 Alben geschätzt, so fleißig und ehrgeizig war der aus zerrütteten Verhältnissen in Minneapolis stammende Musiker, Performer und auch Tänzer gewesen. Aber auch bescheiden, wie ihm folgendes berühmtes Zitat bescheinigt: “If you seek somethin else but music in me, then it’s something inside of you that’s lackeng“. Pointiert, intelligent und sharp, ganz so wie sein Bühnen-Ich. “Fuckability” fällt in diesem Zusammenhang als Stichwort der Musikexpress-Journalistin.

Riesiges Vermächtnis eines Ausnahmekünstlers

Dabei hatte ihn selbst seine fatale Begegnung mit seinem Vorbild Graham (Sly & the Family Stone) das Leben gekostet. Graham war es nämlich der ihn zu den JW missioniert hatte und so wurde ihm die Beziehung schließlich zum Verhängnis, wie die Autorin anmerkt. Enttäuscht zeigt sich die – widerwillige – Biographin übrigens von seinem Verhältnis zur nur 16-jährigen Mayte Garcia, dabei hatte Prince doch stets Augenhöhe in Beziehungen propagiert. So auch zu seinen lesbischen Co-Künstlerinnen und Bandmitglieder:innen Wendy und Lisa, die er stets mit Respekt behandelte. Indirekt war Prince auch für die Gründung der von Tipper Gore propagierten PAEL-Stickers verantwortlich. Sein Song “Darling Nikki” war so sexy, dass Tipper Gore ihre Zensur-Organisation PMRC gründete.

Prince: Off Records und In Records

Ein Interview mit dem deutschen Tontechniker Hans-Martin Buff ergänzt die ansonsten doch sehr gut gelungene Lektüre über einen der größten Musiker unserer Tage. Natürlich wird auch nicht auf seine “Schauspieler”-Karriere vergessen, deswegen unter Anführungszeichen, weil er ja doch hauptsächlich sich selbst spielte. So etwa in dem unvergessenen “Purple Rain” (1984), “Under the Cherry Moon” (1986) und “Sign o’ the Times” (1987). Zwischen 1978 und 2015 erschienen 39 Studioalben, ein Vermanschen seines Nachlasses wurde bisher noch nicht registriert. Aber der bevorstehende Geburtstag am 7. Juni wird für die von Prince schon zu Lebzeiten verhasste Industrie sicherlich ein guter Anlass sein, seine Alben neu aufzulegen.

Die Autorin und Journalistin für taz, konkret, KaputMag und Musikexpress betreibt auch den Podcast “Rebecca räumt auf”. 2025 erschien ihr Buch Mega!, das Kolumnen, Essays und Kommentare zu popkulturellen Themen versammelt.

Rebecca Spilker
Prince. 100 Seiten
Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
2026, 100 Seiten – 17 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder
ISBN: 978-3-15-020797-0
Reclam
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister! Die Kultur der Diné steht im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Comics von Schauspiel- und Regielegende Jamie Lee Curtis. Als Zeichner werkten Karl Stevens und Russell Goldman und gemeinsam setzten sie eine Geschichte in Gang, die tatsächlich passiert ist. Bis halt auf ein paar fiktionale Einschübe…

Kampf dem Klimawandel

Die Four-Corners, der Südwesten der USA, also Colorado, Utah, Arizona, New Mexico, sind der Teil, wo auch heute noch am meisten Ressourcen abgebaut werden. Nicht ganz zufällig ist das auch die Gegen der Staaten, wo die meisten Indigenas überleben konnten und es noch Reservate gibt, die theoretisch unantastbar sind. Aber man kennt ja den Hunger der Erdölkonzerne und anderer Energieriesen: er ist unersättlich. In der vorliegenden Geschichte geht es um zwei Generationen von Frauen, die den Raubbau von “Mutter Natur” miterleben müss(t)en. Nova Terrel, die schon als Kind miterleben musste, wie ihr Vater bei einem experimentellen Ölförderungsprojekt unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, steht im Mittelpunkt. Die Firma, für die ihr Vater gearbeitet hat, verhält sich augenfällig seltsam, es stimmt etwas nicht, wie sie schnell bemerkt. Einerseits produziert sie mit dem „Mother Nature“-Projekt sauberes Wasser in Catch Creek, andererseits wird Radium in diesem Trinkwasser gefunden. Als sie erwachsen ist, stellt sich Nova gegen den Ölgiganten und macht eine schreckliche Entdeckung.

Vom Öko-Horrorfilm zum Mystery-Comic

Die künstlerischen Aspekte, also die Zeichnungen sind durchaus als bemerkenswert zu bezeichnen, auch wenn man der Erzählung selbst anmerkt, dass es sich eigentlich um eine Drehbuchvorlage handelt. Das Verbindende von Bild und Text, das andere Graphic Novelle auszeichnet, wird hier eher ausgespart zugunsten unklarer Schockmomente, wie es in einem Film vielleicht funktionieren würde. Der Diné Autor Brian Lee Young hat das Nachwort verfasst indem er das Anliegen, seine Kultur in der Öffentlichkeit breiter zu repräsentieren, lobt. “Mother Nature” spreche vielschichtige Themen wie “Muttersein, Erbe, Klimawandel und Hoffnung auf eine bessere Zukunft” an. Eigentlich entstand der Comic nach einem Filmdrehbuch wie man in einem kurzen Interview am Ende des Bandes erfährt. JLC nennt es darin ein Drehbuch für einen “Öko-Horrorfilm”, aber ganz so drastisch ist die Graphic Novel dann doch nicht geworden. Der reale Kampf der indigenen Gemeinden der USA gegen den Klimawandel dauert immer noch an. Auch die vorliegende Graphic Novel ist Teil dieses internationalen Kampfes auf den in jeder Weise hingewiesen werden muss. Zeichnerisch wirklich gelungen!

Jamie Lee Curtis
Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!
2026, Hardcover, 184 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN: 9783741638275
Panini
29,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Daredevil – Das Leben des Jack Murdock

In der Reihe Marvel Must-Have wurde “Daredevil – Das Leben des Jack Murdock” von den Autoren Carmine Di Giandomenico und Zeb Wells sowie Zeichner Carmine Di Giandomenico neu aufgelegt. Der Vater des blinden Rechtsanwalts Matt Murdock war der Boxer Jack Murdock, der sich leider mit den falschen Leuten anlegte.

Wie der Vater, so der Sohn…

Sein Debüt hatte er in der Serie Daredevil (1964), aber in der vorliegenden Geschichte, die im Original Battlin’ Jack Murdock heißt und aus dem Jahre 2007 stammt, läßt er es so richtig krachen. Als alleinerziehender Vater tut er sein Bestes, seinen noch minderjährigen Sohn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Seine Mutter, Maggie Grace, hatte die beiden verlassen, und nun muss Jack für den Kleinen sorgen. Damit sich dieser keine Sorgen mehr über seine Mutter macht, erzählt er ihm, dass sie schon tot sei. Eine Notlüge, um ihm das Leben zu erleichtern. Aber wie wir alle wissen sind es genau diese kleinen Notlügen, die große Konsequenzen zeitigen. Jack, der sein Geld weiterhin als Boxer verdient gerät auf die schiefe Bahn, da das Boxwesen von der Unterwelt durchdrungen ist. Bei einem Kampf soll er in der vierten runde runtergehen, um die Wettgewinne beim Mob zu erhöhen. “Manche Lehrer sind nicht gut für einen“, heißt es das kryptisch. Manche Vorbilder ebensowenig.

Vorbilder und Ebenbilder

Im düsteren Noir-Stil zeigt der vorliegende Comic von Ausnahmekünstler Carmine Di Giandomenico, Autor und Zeichner, der mit der Miniserie „Examen“ für den Verlag Phoenix und „Conan der Barbar“ für Marvel Italia bekannt wurde, wie das Boxermilieu funktioniert. Eine zeitlose Geschichte, in wechselnden Panels erzählt, zeigt Kante und vergisst dabei nicht auf detailreiche Milieustudien. Dass Jack erst einmal richtig absaufen muss, um dann wieder ein Phoenix wiederaufzuerstehen, hat er vor allem den dunklen Hintermännern des Mob zu verdanken. Denn er war schon einmal ganz unten, bevor ihm ein weiteres Angebot wieder zu kämpfen wieder auf die Beine half. “Dachtest du etwa der liebe Gott entscheidet den Kampf? Vergiss es, das tut allein der Fixer“, ermahnt ihn der Ringrichter in der dritten Runde. Noch hat Jack Zeit zu überlegen, ob nicht auch er einmal “Gott” spielen kann. Zudem hat Josie ihr gesamtes Trinkgeld auf ihn gesetzt…

Eine hieb- und stichfeste, knallharte Geschichte die man sich nicht entgehen lass sollte: nicht zuletzt deswegen erschient sie in der Reihe Reihe Marvel Must-Have, um noch einmal eine letzte Chance zu bekommen, so wie Jack…

Marvel Must-Have
Carmine Di Giandomenico, Zeb Wells
Daredevil – Das Leben des Jack Murdock
Original Storys: Daredevil: Battlin’ Jack Murdock (2007) 1–4
2026, Hardcover, 112 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647130
Panini
25,00 €

 

 

 


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Der Sterbliche Thor 1

Vom Staube stammen die Sterblichen“, heißt es in der nördlichen Erzählung Edda von Saemundor Sigfusson., so das Zitat, das die vorliegende mehrteilige Serie über den sterblichen Thor einleitet. In Teil 1/3 wird die Realität neu geschrieben: Donald Blake, früher einmal die menschliche Erscheinung von Thor, ist jetzt sein böses alter ego.

Der Sterbliche Thor 1

Thor muss es in vorliegendem Abenteuer nicht nur gegen die Machenschaften des Konzernriesen Roxxon aufnehmen, sondern auch gegen die Schrecken des finsteren Reichs der Utgard und das Gedächtnis der Menschen: Sie haben die Götter Asgard vergessen und können sich nicht mehr an sie erinnern. Aber der Sterbliche Thor tut alles, um sie ihnen wieder in Erinnerung zu rufen: irgendwo in New York erwacht ein Mann mit einem Hammer und eine Legende nimmt ihren Lauf. “Ich schade nicht anderen, um mich selbst zu bereichern“, sagt der wie ein alternder Hippie aussehende Thor zu einem ihn verführenden Geschäftsmann. Auch die anderen Erdenbewohner sind nicht gerade freundlich zu ihm und halten ihm ein Messer unter die Kehle. “Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht. Er säumt selten. Wenn er solches vernimmt.”, so der Ausspruch der Seherin Völuspa aus schon zitierter Schrift. Aber die anderen glauben viel mehr an einen Thor des Zorn, der Willenskraft, der Macht, der Stärke. Und nicht einen der auf Liebe und Frieden setzt. Also bekommen sie auch den, den sie sich wünschen.

Die Schöpfung vom Vater der Lüge

Zeichner Pasqual Ferry entfesslt eine Geschichte die viele Zweikämpfe zeigt (meist zwei gegen einen allerdings) und auch sonst an Dynamik nichts zu wünschen übrig lässt. Die Farbgebung ist düster bis bunt und stets schwarz umrandet. Als die Sons of a Serpent antreten wird es vielleicht etwas zu düster, denn ihre geschlossenen Reihen erinnern doch sehr stark an Formationen, die man sich besser nicht zurückwünschen sollte. Sonst trifft es am Ende noch die, die sich genau das immer für die anderen wünschten. Aber wie wusste schon Goethe: den Zauberlehrling, den ich rief, werde ich nun nicht mehr los. Düstere Kräfte aller Orten, im Comic und in der Realität. Gut, dass Thor es gleich gegen eine ganze Armee dieser Finsterlinge aufnimmt. Am Ende, Kapitel “Vater der Lüge” stellt sich dann doch die Frage, ob dies nicht alles vom Göttervater selbst herrührt. War etwa die ganze Schöpfung auf einem Irrtum begründet? Fortsetzung folgt in “Der Sterbliche Thor 2“. ABO-TIPP: keine Ausgabe verpassen! Im Panini Abo-Shop gibt es Thor im flexiblen Abo und Thor im Jahresabo.

Al Ewing/Pasqual Ferry
Der Sterbliche Thor 1
Original Storys: Mortal Thor (2025) 1-3
2026, Klebebindung, 72 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741646799
Panini
9,99 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Das Liebespaar des Jahrhunderts

Eine wichtige Erkenntnis

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist das zweite Buch einer Trilogie von Julia Schoch über die Biografie einer Frau. Dieser selbständig lesbare Roman ist erkennbar autobiografisch gefärbt, die Ich-Erzählerin weist nicht nur als Schriftstellerin Parallelen auf zur Autorin, auch wenn die dafür gesorgt hat, alle Spuren zu verwischen. Konsequent werden keine Namen genannt in diesem literarischen Zwei-Personen-Stück, und die zwei Kinder, die schließlich aus der dreißigjährigen Beziehung hervorgegangen sind, bleiben sogar auch im fortgeschrittenen Alter noch geschlechtslos, sie sind immer nur das« ältere» und das «jüngere Kind». Dementsprechend wird, der Thematik des Romans folgend, hier eine Liebe von ihrem Ende her zu erzählen, konsequent nur aus der Perspektive der namenlosen Frau, und das sehr distanziert und weitgehend emotionslos. Insoweit ist der Titel dieses Romans irreführend, denn seine beiden Protagonisten sind weit davon entfernt, das Traumpaar «des Jahrhunderts» zu bilden.

«Im Grunde ist es ganz einfach. Ich verlasse dich» heißt es am Beginn des Romans, das Scheitern ihrer Beziehung ist nämlich für die Ich-Erzählerin schon lange beschlossene Sache. Ohne dass sie allerdings je mit ihrem Partner darüber gesprochen hat, nicht mal ansatzweise. Der ist und bleibt jedenfalls völlig ahnungslos. Denn wie sie es sagen wird und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, das erweist sich für sie als großes Problem. Sie fertigt eine Liste mit Argumenten an, die für eine Trennung sprechen, schreibt genau auf, was sie sagen will und lernt den Text auswendig, um nicht aus dem Konzept zu kommen, wenn er sie unterbricht und Einwände vorbringt. Als Schriftstellerin ist es für sie auch nahe liegend, ihm einen ausführlichen Brief zu schreiben über ihren Entschluss und alle Faktoren dazu, – und ihn nie abzuschicken! Erst sind es die Kinder, die eine Trennung fast unmöglich machen für sie, und obwohl es nicht mangelt an Kehrpunkten ihrer Beziehung, die einen Anlass bieten würden, schreckt sie letztendlich immer wieder davor zurück, auszubrechen in das, was sie ein freies Leben nennt.

In endlosen Rückblenden reflektiert sie in einer Art innerem Monolog ihre dreißigjährige Liebe, die ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte mit abbildet, zu der auch der Fall der Berliner Mauer gehört. Die Beiden haben sich während des Studiums kennen und lieben gelernt, sie hat ihn geradezu angehimmelt damals in einer symbiotischen Beziehung. Und sich schließlich sogar entschlossen, ihre Doktorarbeit seinetwegen abzubrechen. Man verkehrt in intellektuellen Kreisen, die Beiden sind kunstinteressiert, lesen viel und gehen gern ins Kino. Sie holen auch all die Reisen nach, die sie zu DDR-Zeiten nie  machen konnten. Was den Abkühlungs-Prozess einer Liebe anbelangt ist dieser Roman jedenfalls recht banal und voller Gemeinplätze, seine Stärke, ja fast sein Alleinstellungs-Merkmal sind die klugen Reflexionen zum Thema. «Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, um mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln», sinniert sie. «Jemanden zu verlassen heißt: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb?» grübelt sie an anderer Stelle. Durchaus selbstkritisch merkt sie an: «Vielleicht hat das Zusammenleben ‹mit mir› dich zu jemandem gemacht, der mir allmählich unerträglich geworden ist». Der Superlativ des Romantitels wird schließlich dahingehend relativiert, es handele sich um ein repräsentatives Liebespaar, in dem «sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren». Und auf der letzten Seite wartet noch eine handfeste Überraschung dazu!

Erich Kästner hat zum Thema geschrieben: «Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut». Im Roman wimmelt es nur so von derartigen Betrachtungen, wobei da auch ständig darüber reflektiert wird, wie authentisch das alles denn wirklich ist. Denn ein Gefühl stellt sich hier schon bald ein, dass es nämlich nichts zum Anhimmeln gibt, im Roman nicht und wohl auch nicht im richtigen Leben. Immerhin eine wichtige Erkenntnis, die zurückbleibt nach der Lektüre!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by dtv München