Die Holländerinnen

Dschungelartiges Erzählspiel

Die Schweizer Schriftstellerin Dorotee Elmiger hat mit ihrem Roman «Die Holländerinnen» den Deutschen Buchpreis des Jahres 2025 gewonnen. Die an Joseph Conrads «Herz der Finsternis» erinnernde, kurze Geschichte greift auf ein reales Ereignis zurück, bei dem 2014 zwei junge holländische Frauen im Urwald spurlos verschwunden sind, – ein Fall, der nie aufgeklärt wurde. Im vorliegenden Roman nun hat ein namenlos bleibender «Theatermacher» die glorreiche Idee, diese Geschichte fürs Theater zu adaptieren und dazu selbst an den Ort des Geschehens zu reisen. Er nimmt telefonisch Kontakt zu einer ebenfalls namenlos bleibenden «Schriftstellerin» auf und überredet sie wortreich dazu, als Protokollantin an der geplanten Expedition teilzunehmen mit dem Ziel, das Geschehen theatergerecht zu rekonstruieren. Ein Kameramann sei mit von der Partie und ein Tontechniker, die ihr Protokoll visuell vervollständigen würden. Wenige Wochen später ist sie bereits auf dem Weg nach Panama.

Als bedeutende Schriftstellerin wird diese Protokollantin im Roman zu Vorträgen eingeladen, in denen sie vor einem studentischen Auditorium über ihre spektakuläre Reise nach Panama berichtet. Dorotee Elmiger erzählt bis auf ganz wenige, kurze Ausnahmen ihre Geschichte in indirekter Rede, lässt also ihre Roman-Figuren im Konjunktiv reden. Damit erreicht sie eine Unmittelbarkeit, die dem Text etwas extrem Authentisches verleiht, wobei der Konjunktiv aber auch andere Deutungen erlaubt, ja geradezu herauszufordern scheint. Kennzeichnend für den zunächst spannend zu lesenden Roman ist einerseits die eindringliche Schilderung des Urwalds, der unheimlich erscheint, undurchdringlich, von schrillen Geräuschen erfüllt, ein für alle Teilnehmer bedrohlich erscheinender Lebensraum, mit extrem viel Regen zudem. Die Gruppe kommt in einem Camp unter und bereitet sich auf die Erkundungstour vor, die nach den Vorstellungen des Theatermachers dem mutmaßlichen Weg der beiden Holländerinnen folgen soll, um daraus die Basis zu schaffen für sein geplantes Projekt.

Was vordergründig wie ein Krimi wirkt, stellt in Wahrheit das Bemühen von Dorothee Elmiger dar, den Horror dieser Wildnis in ihrem Roman sprachlich umzusetzen. Das aber erweist sich letztendlich als unmöglich, denn was da Unheimliches geschieht, das sei literarisch einfach nicht adäquat darstellbar als zutiefst seelische Grenzerfahrung. Sie schafft stattdessen eine hoch komplexe Aneinanderreihung verschiedenster Geschichten, die von den Teilnehmern zum Besten gegeben worden seien, wie die Rednerin sagt. Sie scheinen vordergründig allerdings fast ausnahmslos ohne inneren Zusammenhang zu sein, oft auch erschließt sich deren vorgebliche Parallelität mit der Situation im Dschungel nur schwer.

In den Feuilletons gab es neben Lob auch kritische Stimmen zu diesem prämierten Roman, und die Kommentare in Onlinehandel sind negativ wie selten. Dem brillanten Erzählstil der Autorin mit den vielen kulturellen Verweisen steht als wichtigster Kritikpunkt die extrem fragmentarische Erzählweise gegenüber, deren tieferer Sinn sich einem kaum erschließt. Das vorgebliche Ringen um Worte ist unglaubwürdig angesichts einer realen Vorlage, die trotz ihres Schreckens so ungewöhnlich ja nicht ist, die Nachrichten sind doch voll davon. Mit Elementen des Krimis angereichert, erweist sich der Plot mit der Zeit immer mehr zu einem Irrweg ähnlich denen im Dschungel, die im Nirgendwo enden. Das Narrativ besteht aus einem dschungel-artigen Spiel mit ausufernd vielen Gerüchten, Spekulationen, Bedrohungen und Mythen, die Autorin gefällt sich offensichtlich in ihrem überfrachteten, multiplen Nacherzählen, basierend oft auf märchenhaftem Hörensagen als fragwürdige Quelle. Das wird mit der Dauer immer schwerer erträglich beim Lesen, zumal es, wie man schon bald ahnt, zu nichts hinführt. Stilistische Brillanz, mit der Dorothee Elmiger wahrhaft glänzt in diesem anspielungsreichen, zu kontemplativem Mitdenken anregenden Roman, ist allein allerdings wenig tragfähig als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Julian Barnes’ Abschied(e)

Ist die Erinnerung ebenso eine Konstruktion wie die Wirklichkeit? Julian Barnes, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, blickt auf ein erfülltes Schriftstellerleben und stellt sich die wichtigsten Fragen des Seins: was ist wirklich wichtig und wer sind wir?

Madeleine, die Pilgermuschel, auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dass die Erinnerung die Identität wesentlich mutgestaltet, darüber sind sich wohl nicht nur Fans des aus Leicester stammenden Schriftstellers, der schon seit den Achtziger Jahren seine Leser:innen beglückt, einig. “Üblicherweise verstehen wir unter einer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein bißchen verändert, bis es schließlich zu jener Version gerinnt, von der wir uns einreden sie sei die Wahrheit”, schreibt Barnes in seinem Prolog zu seinem neuen Roman “Abschied(e)“. Dabei bedient sich der gebildete und voller literaturwissen-schaftlicher Anspielungen enthusiasmierte Essayist und Romancier natürlich auch der berühmtesten Stelle in der Literaturgeschichte zu diesem Thema: Proust’s Madeleine. Sie sieht aus wie eine Pilgermuschel und wird zur Pilgerfahrt in die Erinnerung. Barnes unterscheidet zwischen IAMs (Involuntary Autobiographical Memory) und HSAMs (highly superior autobiographical memory) und erklärt auch was eine Kryptomnesie für den Betroffenen bedeutet. Aber keine Angst vor all den Fachbegriffen, Barnes bemüht sich um seine Leser:innen, erklärt sie schlüssig und verpasst ihnen auch genau jede Prise englischen Humors, die einem das Leben so versüßen. Trotz des traurigen Umstandes, dass sich der Autor ja von seinem Leben und Werk verabschieden möchte, vergisst er nämlich nicht auf Selbstironie, Humor und den Verve, den es braucht, sich mit seinem eigenen Ableben zu beschäftigen.

Dial Down Love, Baby!

Mit luzider Präzision seziert Julian Barnes sein Thema und erzählt zudem die Geschichte des Paares Stephen und Jean, die sich in ihren Zwanzigern trennen, um nach 40 Jahren wieder zusammenzukommen und sich erneut zu trennen “etc. pp.”. Aus “er strengt sich an” wird “ja, er ist wirklich anstrengend” für Jean, denn Stephen liebt sie zu viel. Ja, das gibt es auch. Barnes’ eigene Diagnose, “kein Todesurteil, sondern lebenslänglich”, sein Blutkrebs, den er am Höhepunkt der weltweiten Pandemie attestiert bekommt, beschreibt er ebenso nüchtern, wie den Abschied von seiner Frau zwölf Jahre zuvor. “Ich lebe in der Gegenwart, doch meine Zukunft sieht so aus aus, dass ich nur noch in der Vergangenheit existiere“, schreibt Barnes analytisch und ohne Reue. Denn eine “Tragödie mit Happy End” – die Hollywoodformel für den Kassenerfolg eines Films – wird sich bei ihm nicht mehr ausgehen, wie er selbst schreibt. Denn vor der “alten Mischung aus Trübsinn und Selbstmitleid” rettet ihn sein Hund Jimmy. Aber natürlich auch die Dichtung, die französische. Mallarmé, Baudelaire und Rimbaud sind für ihn die Triade der französischen Wortkunst und es könnte einen fast das Stendhalsyndrom befallen angesichts ihrer Fülle. Dass am Ende des Lebens in der Mitte des Lebens ein großes Loch klafft, weil man ja gedanklich immer mehr in die Kindheit zurückverfällt, ist eine der vielen Absurditäten, derer Barnes mit Humor zu gedenken weiß.

Dignity in Dying

Nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?” Denn was einen am Ende erwartet ist das Auslöschen von allem, was man erreicht hat, das Vergessen von allem was man am sehnlichsten erreichen wollte. “Es ist eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die Fühlenden“, schreibt Barnes und spendet nicht nur sich selbst Trost, sondern auch allen jenen, die sich mit der Vergänglichkeit des Seins beschäftigen wollen bevor es zu spät ist. Ein Buch, das zeigt, was das Leben so lebenswert macht: die Liebe, die Erinnerung und die Literatur.

Julian Barnes
Abschied(e)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
2026, Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-462-00919-4
Kiepenheuer & Witsch
23,00 €


Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Blaue Romanze

Polit-Seminar statt Liebes-Schnulze

Der 2025 erschienene, zweite Roman von Nora Haddada weist mit seinem Titel wie auch im Klappentext auf eine Liebesgeschichte hin und weckt Leser-Erwartungen, die er letztendlich konterkariert mit einer brisanten politischen Thematik. Es geht um die seit der Gründung des Staates Israel als Folge des Genozids an den Juden andauernde, kriegerische Auseinandersetzung mit den Palästinensern. Die hat am 7. Oktober 2023 mit dem überraschenden Überfall der Terrororganisation Hamas auf das südliche israelische Grenzgebiet eine neue, fatale Brutalität erreicht. Andauernde Demonstrationen in den westlichen Ländern betreffen beide Konfliktparteien gleichermaßen, und auch im Roman vertreten die beiden Protagonisten der ‹Generation Y› diametral entgegen gesetzte Positionen, was ihre Beziehung schwer belastet.

Beim Urlaub in Marseille treffen die Französin Myriam und der deutsche Julian in der feuchtfröhlichen Runde einer Karaokebar aufeinander. Man unterhält sich angeregt über allerlei Themen, und schließlich kommen sie auf die Idee, gemeinsam auf der Bühne ein Duett zu singen, auch wenn das peinlich enden könnte, denn beide sind keine großen Sänger. Das gemeinsame Abenteuer und die anregenden Gespräche treiben Myriam und Julian zueinander, sie finden sich überaus sympathisch. Am nächsten Morgen muss Myriam dann feststellen, dass Julian ihre Wohnung schon verlassen hat, – ohne Abschied zu sagen. Sie kehrt nach Paris zurück, um ihr Studium abzuschließen, er versucht in Berlin, journalistisch tätig zu werden, was ihm durch Protektion eines Freundes auch bald gelingt. Und Julian legt dann als freier Journalist eine Blitzkarriere hin, seine Artikel sind begehrt und werden gut bezahlt. Nach Abschluss ihres Studiums vermittelt in Paris der Professor von Myriam seiner hochbegabten Studentin eine Dozentenstelle bei einer Kollegin in Berlin, die sie begeistert annimmt. Ein halbes Jahr, nachdem Julian sie in Marseille ohne Hinterlassen seiner Adresse grußlos verlassen hat, treffen sie nun im universitären Umfeld Berlins schon bald wieder aufeinander, – und finden zögernd auch wieder zueinander!

Myriams Seminar zum Thema «Einführung in die postkoloniale Theorie» findet großes Interesse vor allem im maghrebinisch-französischen Teil der Studentenschaft, weil es sich dabei auch um die wissenschaftliche Bewertung der genozidartigen militärischen Angriffe auf Gaza und die völkerrechtswidrige Blockade der Zugänge dorthin handelt. Julian hingegen rechtfertigt in seinen Zeitungsartikeln die brutale israelische Vorgehensweise und weist darauf hin, dass die palästinensische Bevölkerung, wie einst auch die Deutschen, ebenfalls schuldig ist durch die «apathische Hinnahme eines Regimes wie das der Hamas oder der Nationalsozialisten». Übrigens, nicht zuletzt darauf beruht ja die bis heute gültige, so genante «Staatsdoktrin» Deutschlands, was Israel anbelangt. Als ein Freund von Julian ihn darüber informiert, dass sein Verlag einen vernichtenden Artikel über Myriams vieldiskutierte Thesen veröffentlichen will, kommt Julian dem zuvor und schreibt seinerseits eine dort veröffentlichte, gemäßigte Kritik zu den palästinenser-freundlichen, wissenschaftlichen Theorien Myriams.

Der an sich ja banale Plot einer «Romanze» ist alles andere als ein Liebesroman, er ist vielmehr ein loses Handlungsgerüst für einen vielstimmigen, akademischen Diskurs zu den Voraussetzungen und Folgen des 7. Oktobers 2023. In einer unprätentiösen, stimmigen Diktion wird da im Freundeskreis hitzig debattiert, werden unverrückbare Standpunkte definiert, und das alles ganz ohne Liebelei, ohne Romantik jedenfalls. Die Anzahl der Küsse kann man an einer Hand abzählen, und Sex findet bei diesen ‹verkopften› Millenials allenfalls mal vage angedeutet und gut versteckt zwischen den Zeilen statt! Dafür aber ist dieser intellektuell elitäre Roman eine geradezu unerschöpfliche, bereichernde Fundgrube politischer Argumentationen zum Palästina-Konflikt, – die leider allesamt verdeutlichen, dass er wahrscheinlich unlösbar bleiben wird!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Der Gärtner und der Tod

Bulgarische Scheherazade

Mit seinem aktuellen Roman «Der Gärtner und der Tod» greift der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov einen Stoff auf, der neben der Liebe zu den thematisch bedeutsamsten und philosophisch schwierigsten in der Literatur gehört, der Tod in allen seinen Aspekten. Mit vielen Kindheits-Erinnerungen ist dieses sehr persönliche Buch eine berührende Hommage an einen über Alles geliebten Vater, der ein leidenschaftlicher Gärtner war und außerdem auch ein begnadeter Geschichten-Erzähler. Das Buch ist nicht nur eine breit angelegte Studie über das Abschiednehmen, sondern auch über das Schicksal der alten Leute am Rande der Gesellschaft, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich auf dem Abstellgleis gelandet sind.

Als Roman deklariert, ist dieses Buch tatsächlich ein geradezu klassisches Memoir, also eine aus der Ich-Perspektive des Autors erzählte, nicht fiktionale Geschichte, die mit den literarischen Mitteln eines Romans gestaltet und auf einen ganz bestimmten Abschnitt im Leben des Verfassers fokussiert ist. In diesem elegischen Buch ist es das in 91 kurzen Kapiteln erzählte, qualvollen Sterben seines an Krebs erkrankten Vaters in der ersten Hälfte, während die Zeit der Trauer danach die zweite Hälfte mit dem Verarbeiten der eigenen Erfahrungen füllt. Zu denen gehörte auch eine hartnäckige Schreibhemmung, die er nur langsam überwinden konnte, um letztendlich dann das vorliegende Memoir schreiben zu können. Dabei nimmt der Garten die Funktion eines zweiten Erzählfadens ein, denn der war es, der dem Vater nach dem ersten Erkennen seiner Krebserkrankung zusammen mit einer erfolgreichen Behandlung wieder auf die Beine geholfen und seinen Lebensmut regelrecht beflügelt hat. Bis nach 17 Jahren der Krebs dann erneut auftrat und das Ende in wenigen Monaten unabweisbar vorgezeichnet war. In vielen Rückblenden wird der Vater als stets gutgelaunter, positiv denkender Mensch geschildert, der für jede Gelegenheit die passende Anekdote parat hatte und allen Widrigkeiten des Lebens mit der immergleichen Floskel «halb so wild» den Schrecken nahm.

«Einen Tod zu erzählen ist nicht leichter als ihn zu erleben», heißt es an einer Stelle, wozu der Autor trickreich mit allerlei Zitaten aus Literatur und Mythologie aufwartet. Da wird beispielsweise der Hund von Odysseus erwähnt, der halbtot schon bei dessen Rückkehr gerade noch die Kraft hat, freudig mit dem Schwanz zu wedeln, was soviel wie «ich habe dich erwartet, nun kann ich sterben» bedeute. Oder er erwähnt einen Besuch am Grab von Thomas Mann inmitten aromatisch duftender, von Bienen umsummter Kräuter, analog zum Garten seines Vaters und dessen Grabstätte. In einer Anekdote erzählt eine Frau, sie sei vom Handy ihres vor zwei Tagen beerdigten Mannes aus angerufen worden, welches sie ihm aber doch, auf seinen Wunsch hin, mit in den Sarg gelegt habe. Das kann tatsächlich technisch vorkommen, erklärt ihr ein junger Mann, «da können Sie nur beim Friedhof anrufen, – oder bei der Polizei». Zum Thema Unkraut, mit dem der Vater permanent im Krieg war, wirft der Autor verschmitzt die Frage auf, was eigentlich mit dem Garten Eden passiert sei, nachdem Adam und Eva ihn verlassen mussten, «hat das Unkraut auch ihn überwuchert?»

Viele amüsante Anekdoten aus dem Leben dieses Vaters konterkarieren die drückend über allem liegende Elegie, er hat sich zeitlebens auch oft über sich selbst lustig gemacht. Damit hat er wohl besonders in der letzten Phase seiner Erkrankung immer wieder instinktiv versucht, wie Scheherazade sein Leben zu verlängern. In seiner Poesie der Trauer ist der Autor ständig auf der Suche nach den richtigen Worten, an der er auch seine Leser teilnehmen lässt. Was manchmal aber gehörig daneben gehen kann, wenn es am Anfang beispielsweise heißt: «Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten». Den Motiven Schmerz, Tod, Trauer und Melancholie steht bei diesem bulgarischen Autor die Wirkung von Sprache als wichtige narrative Thematik bereichernd gegenüber!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Memoir
Illustrated by Aufbau Berlin

Vaim

Eine Stimme für das Unsagbare

Der neueste Roman des norwegischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Jon Fosse mit dem Titel «Vaim» reiht sich ein in sein umfangreiches und vielseitiges Œuvre mit zumeist melancholischer Prägung. In der Begründung des Stockholmer Komitees heißt es, der Preis werde ihm verliehen «für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme verleihen». Mit diesem aktuellen Roman, der als erster einer Trilogie angekündigt wurde, hat der Autor seinem Schreiben eine bisher ungewohnte Leichtigkeit beigemischt, die neugierig macht auf die Folgebände.

Die dreiteilig aufgebaute Geschichte beginnt mit einer Bootsfahrt von Jatgeir, ein älterer Junggeselle, der in dem kleinen Ort Vaim lebt. Er fährt in die Stadt Bjørgvin, hauptsächlich um dort Nadel und Faden zu kaufen, mit denen er lose gewordnen Knöpfe seiner Kleidung annähen will, denn hier auf dem Land ist so etwas nirgends aufzutreiben. Aber auch in der Stadt muss er lange suchen, bis er endlich auf einen Laden stößt, in dem die Verkäuferin dem unbeholfen wirkenden Mann eine halbleere Garnrolle und eine Nähnadel anbietet. Sie will dafür 250 Kronen haben, ein unverschämt hoher, völlig überzogener Preis, den er aber notgedrungen zahlt, weil er nicht mit leeren Händen heimfahren will. Auf dem Rückweg macht er einen spontanen Zwischenstopp auf der kleinen Insel Sartor und hört nachts verdutzt in seiner Kabine, wie eine Frau vom Anleger aus seinen Namen ruft. Es ist Eline die er flüchtig aus der Jugend kennt, mit der er aber nie ein Wort gesprochen hat. Jatgeir hat sie immer nur aus der Ferne bewundert und vor Jahren dann sein Boot nach ihr benannt. «Ich hatte ja gehört, dass Eline irgendwo auf Sartor wohnen solle, aber jetzt hatte ich wohl geradezu Halluzinationen, es konnte doch nicht meine alte heimliche Liebe da stehen und zu meiner Schnigge runterschauen, an deren Steuerhaus auf beiden Seiten so stolz Eline stand, jetzt stand Eline da, denn es war tatsächlich sie, die ohne ihr Wissen meiner Schnigge den Namen gegeben hatte, denn ich hatte ja nie, natürlich nie, Eline etwas von meinen Gefühlen für sie verraten, nie, niemals im Leben hätte ich es gewagt, so etwas zu einer Frau zu sagen, nein so war ich nicht gemacht, ich nicht». Sie war weggezogen und hatte dann einen Fischer geheiratet. Nun steht sie vor ihm. Sie habe gerade ihren Mann verlassen, erklärt sie, und nur einen einzigen Koffer mitgenommen. Und sie bringt den völlig verdutzten Jatgeir schließlich auch noch dazu, jetzt sofort, noch in der Nacht, mit ihr nach Vaim aufzubrechen, in ihre alte Heimat, – und ihm dämmert es, dass sie dort bei ihm wohnen wird!

Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu dem frömmelnden Elias, dem einzigen Freund von Jatgeir, der ebenso verhaltensgestört ist wie er, was soziale Bindungen anbelangt. Elias ist zutiefst verunsichert durch diese Frau, die da plötzlich bei seinem besten Freund wohnt, und steigert sich in Phantasiewelten hinein in seiner Angst, Jatgeir auf Dauer zu verlieren als Freund. Im dritten Teil berichtet Olav ganz unchronologisch von der Vorgeschichte der beiden Erzählungen. Wie er im Gasthof auf Sartor mit zwei Fischern einen ertragreichen Fang feiert und plötzlich eine Frau vor ihm steht, die sich als Eline vorstellt und ihn Frank nennt trotz seiner Proteste, weil er in Wahrheit ja Olav heißt. Sie ist es auch, die ihn zum Tanz auffordert, ihm nicht mehr von der Seite weicht und es schließlich so weit bringt, dass der eingefleischte Junggeselle sie heiratet.

In einem entfernt an Thomas Bernhard erinnernden, hypnotischen Stil wird hier extrem repetitiv, in kreisenden Schritten quasi, eine Dreiecksgeschichte erzählt, die tief in die Psyche der drei männlichen Ich-Erzähler verweist, mit der dominanten Eline als motivisches Zentrum, als eine Art klassischer Schicksalsengel. All das wird in einem einzigen Satz erzählt, als ein meditativer Gedankenstrom der Figuren, durch den man zu kontemplativem Mitdenken angeregt wird. «Das Allerwichtigste ist für mich der Rhythmus und der Sprachfluss» hat der Autor zu seinem sehr speziellen, poetischen Erzählstil erklärt, der aber auch amüsante Züge aufweist. Wer sich darauf einlässt, wird von einem Lesesog mitgerissen, der inhaltliche Irritationen schnell vergessen lässt.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

All das zu verlieren

Listige Subjekt/Objekt-Umkehr

Der im Original zwei Jahre vor ihrem preisgekrönten Bestseller erschienene Roman «All das zu verlieren» der französischen Schriftstellerin mit marokkanischen Wurzeln hat eine brisante Thematik. Es geht um die verhängnisvolle Sexsucht einer saturierten Frau aus dem Mittelstand, die bei ihr zur fatalen Obsession wird und zur Bedrohung für ihr wohlgeordnetes Leben. Dieser Roman zeigt schon mit dem Titel auf, welche erschreckenden Folgen dieser Frau durch ihre Sucht drohen, die aber partout nicht davon lassen kann, so wie der Raucher nicht vom Tabak oder der Trinker nicht vom Alkohol.

Adèle ist eine schlecht bezahlte Journalistin Anfang dreißig und arbeitet bei einer Tageszeitung in Paris. Sie ist mit dem erfolgreichen Chirurgen Richard verheiratet und hat mit ihm einen kleinen Sohn. Ihr Leben aber plätschert ihrer Empfindung nach höhepunktarm vor sich hin, und das gilt insbesondere auch für das Sexleben mit ihrem überarbeiteten Mann. Als attraktive Frau hat sie reichlich Verehrer und potentielle Liebhaber, aber sie sucht nicht nach der lang anhaltenden Liaison. Sie will den schnellen und ungeplanten Sex mit ständig wechselnden Zufalls-Bekanntschaften, gern auch an den unmöglichsten Orten. Sie sehnt sich nicht nach attraktiven, sympathischen Männern aus ihrem Milieu, auch wenn sie während der Weihnachtsfeier ihrer Redaktion mit ihrem Chef auf dem Tisch im Besprechungszimmer einmalig flüchtigen Verkehr hatte. Sie will lieber unterworfen werden, von hässlichen, groben Männern rücksichtslos und hart genommen, gequält und geschlagen werden, je erniedrigender für sie, desto besser! Sie trifft oft in der U-Bahn auf ihre Zufalls-Sexpartner, und die lassen sich auch nie lange bitten. Damit bricht die Autorin radikal mit der gängigen Vorstellung von Frauen, die mühsam erobert werden müssen von potentiell dazu jederzeit bereiten Männern. Im Roman aber ist das anders herum, Adèle möchte willfähriges Objekt sein, nicht dominierendes Subjekt, und genau aus dieser ungewöhnlichen Perspektive heraus wird hier auch erzählt.

Nachdem sie damit begonnen hat, entgleitet Adèle schnell die Kontrolle. Es wird immer schwerer für sie, die körperlichen Spuren ihrer Ausschweifungen zu verdecken, die Eskapaden ihres haltlosen Doppellebens terminlich irgendwie unterzubringen. Dabei hilft ihr eine gute Freundin, die nicht nur als Babysitterin einspringt, wenn es gar nicht anders geht, sondern ihr auch mit Alibis behilflich ist. Für ihre Terminplanung benutzt Adèle ein geheimes zweites Handy, das ihr Ehemann eines Tages zusammen mit ihrem Sextagebuch findet. Wutentbrannt will er sie auf die Straße setzen, einen klaren Schnitt machen. Aber eine familiäre Feier wenige Tage später bringt ihn dazu, erst mal abzuwarten, den peinlichen Skandal schließlich auf danach hinaus zu schieben. Durch einen spontanen Umzug der Familie aufs Land wird Adèle letztendlich gnadenlos aus ihrer fatalen Situation heraus gerissen, sie darf nicht mehr nach Paris und fügt sich antriebslos dem Diktat ihres Mannes, der sie denn auch in psycho-therapeutische Behandlung schickt.

Eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen für das ungewöhnliche Sexualverhalten dieser saturierten Ehefrau bleibt der Roman aber schuldig. Die Autorin hat sich relativierend in der Süddeutschen Zeitung dahin gehend geäußert, dass nur etwa 5 Prozent der wenigen von Sexsucht befallenen Menschen weiblich sind. Das Romanthema beschreibt also ein je nach Definition des Begriffs extrem seltenes Phänomen, hinter dem sich, wie auch hier im Roman, eine existentielle Einsamkeit verbirgt, die sich dann in unkonventionellem Sex ein Ventil sucht. Dieser leicht lesbare Roman, der ebenso häufig wie fälschlich mit «Madame Bovary» verglichen wird, leidet ein wenig an seinen vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, letztendlich aber auch an den irgendwann doch zuviel werdenden, drastisch geschilderten Sexszenen, die besonders im ersten Teil dominieren. Und ob es für Adèle eine Heilung gibt von ihrer psychopathischen Störung oder nicht, das lässt der Roman listig offen.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Malnata

Deutschlandfunk trifft’s

«Malnata», der erste Roman der jungen Schriftstellerin Beatrice Salvioni, erinnert thematisch stark an Elena Ferrantes Bestseller «Meine geniale Freundin». Prompt ist auch hier wieder ein Hype um dieses von den italienischen Feuilletons hoch gelobte und in 35 Sprachen übersetzte Buch entbrannt. Und auch hierzulande waren die Leserkommentare euphorisch, ganz im Gegenteil dazu haben jedoch die deutschen Print-Medien diesen Roman komplett ignoriert, die einzige Buchbesprechung im Perlentaucher stammt jedenfalls vom Deutschlandfunk Kultur und ist ein regelrechter Verriss. Das Buch sei schlicht und ergreifend ein Trivialroman, erklärt der Buchkritiker Christoph Schröder dort in seinem Radiobeitrag! Kann das wahr sein, fragt man sich als irritierter Leser.

Historischer Hintergrund dieser Erzählung ist der Faschismus in Italien und der von Mussolini angezettelte Abessinenkrieg. Die titelgebende «geniale» Freundin in Ferrantes Roman ist bei Salvioni eine «unheilbringende», und so wird Maddalena von allen im Ort auch nur«Malnata» genannt. Manche bezeichnen das selbstbewusste, unangepasste Mädchen, das uns da vom Buchcover her so wütend anblickt, sogar als Hexe, weil in ihrer Anwesenheit schon schreckliche Unfälle passiert sind. Francesca hingegen, die zwölfjährige Ich-Erzählerin und Protagonistin des vorliegenden Romans, stammt aus so genanntem ‹gutem Hause› und wird von ihrer naiv religiösen Mutter streng erzogen. Unterschiedlicher könnten die beiden Mädchen gar nicht sein, aber trotz aller Warnungen werden sie beste Freundinnen. Der vierteilige, im Jahr 1935 in der Lombardei angesiedelte Roman beginnt gleich im Prolog mit einem erzählerischen Paukenschlag: Ein zu den strammen Faschisten gehörender junger Mann versucht, am Ufer des Lambro die brave Francesca zu vergewaltigen. Deren Freundin, die böse «Malnata», kommt ihr zur Hilfe und erschlägt schließlich den Übeltäter im Kampf, – bringt also, ihrem Ruf entsprechend, Unheil.

Maddalena ist ein Freigeist par excellence, unangepasst, kampfeslustig, immer schmutzig, immer zum Widerspruch bereit, sie lässt sich von niemandem etwas sagen. Frech wie sie ist stielt sie zum Beispiel mit Hilfe zweier Jungen, die sie wie Schatten überall begleiten und ihr aufs Wort gehorchen, beim Obsthändler einen ganzen Korb Kirschen. In der Schule sitzen die brave Francesca und die aufmüpfige Maddalena nebeneinander in der ersten Reihe. Auf Wunsch ihres älteren Bruders nämlich soll die «Malnata» unbedingt die Schule absolvieren, wozu sie eigentlich gar keine Lust hat. Aber sie fügt sich ausnahmsweise mal und strengt sich sogar an. Francesca, die gute schulische Leistungen zeigt, hilft ihr nach Kräften dabei. Es kommt zum Eklat, als bei der allmorgendlich zur Begrüßung im Stehen heraus geschmetterten Hymne zu Ehren des Duce Maddalena einfach sitzen bleibt und schweigt. Francesca sagt die Hymne zwar brav auf, fügt aber hinterher noch eine recht kritische Bemerkung zum Faschismus hinzu. Maddalena muss die Schule sofort verlassen, Francesca aber kommt noch mal mit einem blauen Auge davon.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse wird in dieser Coming-of-Age-Geschichte über die Rollen-Erwartungen berichtet, mit denen sich junge Mädchen damals zunehmend konfrontiert sahen. Ihr Kampf um ein selbst bestimmtes Leben beinhaltet auch ihre Auflehnung gegen die gesellschaftliche Scheinheiligkeit in sozialer und religiöser Hinsicht. Diese Loyalitäts-Konflikte kulminieren in einem nebelhaften Ende, das zumindest andeutet, dass die beiden Mädchen im Kern ja Recht habenund der Vergewaltiger seinen Tod selbst herauf beschworen hat. Als Melodram allerdings kann der Roman nicht überzeugen, allzu viele Klischees werden da bemüht, die grotesken Figuren wirken seltsam ambivalent, und das Setting des Romans in Mussolinis Italien ist definitiv zu weit hergeholt als passende historische Kulisse. Der Deutschlandfunk hat letztendlich also doch Recht mit seiner literarischen Zuordnung!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Viva l´Anarchie: 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno

Viva l´Anarchie!

Viva l´Anarchie. Die zumindest theoretische Möglichkeit, dass sich der spanische Anarchist Buenaventura und der ukrainische Aufständische Nestor Machno tatsächlich in Paris getroffen haben, besteht. In vorliegendem Comic von Vater und Sohn Loth versammeln sie sich an einem Tisch und diskutieren die Zukunft der Anarchie. Ein politischer Comic ohne Zeigefinger.

Die Anarchisten der Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die legendäre Machnowschtschina (1917 bis 1921, eigentlich von den Trotzkisten abschätzig verwendete Bezeichnung) bestand nach dem bolschewistischen Oktoberputsch in Teilen der heutigen Ukraine und lehnte sich gegen Zentralismus und Kriegskommunismus auf. Aber Nestor Machno musste fliehen, da seine Bewegung sowohl gegen die Angriffe von Außen durch die Roten als auch die Weißen und im Inneren gegen die Kosaken nicht bestehen konnte. Leo Trotzki als Führer der Roten Armee schlug die Machnowschtschina nieder. Es hätte also – weiterhin theoretisch – die Möglichkeit bestanden, dass Durruti aus den Erfahrungen Machnos für den bevorstehenden spanischen Bürgerkrieg (1936-39) etwas lernen hätte können oder sogar gelernt hat. Beide “Experimente” scheiterten ohnehin, Spanien auch deswegen, weil sich die konsolidierte Sowjetunion in den Bürgerkrieg einmischte.

Viva l´Anarchie: Freiheit ohne Gewalt

Das Vaterland, aber auch die Religion, die vermeintliche Identität der Menschen, all diese Illusionen führen zum Krieg“, bemerkt die Anarchistin Galina Kouzmenko am Tisch zu Durruti und Machno, denn eigentlich steht der Anarchismus für Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit (“An” als Verneinung von “Archia“). Was viele von der Bewegung inspirierte Idealisten allerdings nicht vom Bombenlegen abhielt. Denn allein durch Diskussionen verändert sich bekanntermaßen nichts. Obwohl natürlich die Revolution im Kopf beginnt, wie die Anarchistin Galina es ausdrückt: “Durch Bildung!” Galina Kouzmenko war während der Machnowschtschina Ministerin für Bildung und gerade einmal 35 Jahre alt. Doch dies ist ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld bedarf. Der zweite Band von Viva L’Anarchie! ist ebenfalls bereits erschienen und setzt die spannenden Erzählungen von Machno und Durruti fort. Letzterer führte als “Propagandaktionen” bezeichnete Banküberfälle durch, um die anarchistische Bewegung zu unterstützen, bevor er im Spanischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle spielte. Viva l´Anarchie ist eine interessante Begegnung für lange Diskussionsabende am Küchentisch. Dort wo die meisten Rebellionen und Revolutionen geboren werden und – sterben.

Bruno Loth, Corentin Loth
Viva l´Anarchie
1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno
Aus dem Französischen von Maria Rossi
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 23 • 30cm, 80 Seiten
ISBN 978-3-903478-33-6
Bahoe Books
€ 22,00


Genre: Comic, Geschichte, Politik
Illustrated by Bahoe Books

Unterwegs nach Chevreuse

Anschreiben gegen das Vergessen

Im umfangreichen Werk des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano greift der 2022 erschienene Roman «Unterwegs nach Chevreuse» erneut eine Thematik auf, die typisch ist für diesen Autor. Auch dieser 157 Seiten schmale Band macht sich nämlich als eine Art Erinnerungs-Krimi wieder auf die «Suche nach der verlorenen Zeit», eine deutliche Referenz an den berühmten Kollegen Marcel Proust. Und so hat denn auch Jean Bosmans, der Protagonist des vorliegenden Romans, seine Jugend im Pariser Stadtteil Auteuil verbracht, jenem noblen Viertel, wo Proust geboren wurde. Anders als bei diesem großen Kollegen geht es bei Modiano allerdings nicht sehnsuchtsvoll um die Erinnerung als Thema, sie scheint hier vielmehr toxisch zu sein, jedenfalls äußerst rätselhaft und unheimlich zugleich.

Der zwanzigjährige, angehende Schriftsteller Jean Bosmans, alter Ego des Autors, lernt Mitte der Sechzigerjahre auf seinen endlosen Streifzügen durch die französische Metropole die rätselhafte Camille kennen. Sie ist 2 Jahre älter als er, verkehrt in obskurer Gesellschaft und trägt den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Totenkopf». Eines Tages animiert sie ihn, sie auf einem kurzen Trip ins südlich gelegene Chevreuse-Tal zu begleiten, wo sie und ihre Freundin Martine in einem verschlafenen Dorf ein Haus besichtigen wollen, das die Freundin eventuell zu mieten beabsichtigt. Ihm dämmert, dass dieser Ausflug kein Zufall ist, denn in eben diesem Haus hat Jean Bosmans seine Jugend verbracht. Und dort war es auch, wo er vor fünfzehn Jahren als Kind beobachtet hat, wie im Dachboden Handwerker tätig waren, um dort eine Mauer einzuziehen. Nach und nach ergeben sich weitere Details, die der Protagonist wie ein Puzzle zusammensetzt, welches allmählich auf ein verschwörerisches Komplott gegen ihn hindeutet. Die beiden Frauen wollen ihn scheinbar mit drei Ganoven zusammenbringen, die wohl ein ganz besonderes Interesse an dem Haus im Chevreuse-Tal haben.

Mit vielen in seine Erzählung eingestreuten Details ohne zunächst erkennbaren Nutzen entwickelt der Autor auf subtile Art ein Geflecht der Erinnerungen, das zuweilen sogar ins Traumhafte und Mystische abgleitet. Da werden Gegenstände wie ein Feuerzeug mit extrem hoher Flamme beschrieben, ein gravierter Globus, der Jean in der Schule gestohlen wurde, eine Armee-Armbanduhr mit erstaunlich vielen Funktionen und anderes mehr. Zu dieser Sammlung von erinnerten Indizien gehören auch die zum Teil wechselnden Namen von undurchschaubaren Leuten, die sich einst täglich, wie auch Camille, zu nächtlicher Stunde in dem Haus getroffen haben, ohne dass klar wird, was diese Geselligkeit bezweckte. Tagsüber nämlich war dort die Gouvernante Kim anzutreffen, wie Jean feststellt, die das Kind des allein lebenden René-Marco Heriford betreut, der aber fast nie anwesend ist, – eine durchaus merkwürdige Parallelwelt! Und der Autor deutet auch an, dass einst die Polizei Haus und Garten gründlich durchsucht habe, ohne allerdings etwas zu finden. Scheibchenweise kommt schließlich heraus, dass sich die drei Männer, die tatsächlich dringend den Kontakt zu Jean Bosmans suchen, im Gefängnis kennen gelernt haben.

Das Echo auf die Bücher von Patrick Modiano ist in deutschen Leserkreisen eher verhalten. Sein Stil ist auch hier von Redundanzen geprägt, die dem Plot eher flirrend oder schwebend erscheinen lassen, also nur auf Umwegen zum Ziel führend. Gleichwohl ist «Unterwegs nach Chevreuse» ein spannender Roman, der mitdenkenden Lesern schon früh versteckte Hinweise liefert, um mit detektivischem Gespür zu erahnen, worum es hier in Wirklichkeit geht. Letztendlich ist der Protagonist selbst der Autor dieses autofiktionalen Romans, wir erleben die Recherchen dafür hautnah mit. Er stellt gekonnt das zeitlich verschachtelte Anschreiben eines Schriftstellers gegen das Vergessen dar. Der siebzigjährige Jean erinnert sich an den zwanzigjährigen, der sich in seinem Buch an den fünfjährigen Jean erinnert. Und wer dabei mitdenkt als Leser, wird tatsächlich angenehm unterhalten.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Minnesota

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbø, berühmt geworden mit seiner Reihe um den charismatischen Ermittler Harry Hole, wählt mit dem US-Bundesstaat Minnesota einen Schauplatz, der ausgerechnet in den Tagen der Buchpremiere traurige Berühmtheit erlangt. Nesbøs blutige Story spielt in Minneapolis, der an den Ufern des Mississippi River gelegenen Metropole, die schon vor dreißig Jahren wegen ihrer extremen Tötungsrate mit dem Beinamen „Murderpolis“ bedacht wurde.

Die brutale Tötung des schwarzen Jugendlichen George Floyd, der am 25.05.2020 von einem Polizisten zu Boden gedrückt und erstickt wurde, löste die Protestbewegung „Black Lives Matter“ aus. Und während ich Nesbøs Kriminalroman verschlinge, werden unbewaffnete Bürger von Trumps „ICE“ auf offener Straße getötet. Der norwegische Bestsellerautor hat offenbar einen sicheren Instinkt für Orte, an denen der Sensenmann regiert.

Mit Bob Oz führt Nesbø einen neuen Ermittler ein, der seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr er selbst ist. Seine Frau Alice hat ihn verlassen, Freunde haben sich zurückgezogen. Oz ist – wie Harry Hole – ein vom Leben hart gebeutelter einsamer Wolf mit Hang zu Frauen und Alkohol, dazu ein gestörtes Verhältnis zu Autorität und Vorgesetzten. In Minneapolis jagt der Detective einen raffinierten Mörder, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führt.

Der Roman beginnt als Protokoll eines Erzählers, der durch die Stadt streift, um die Geschichte eines länger zurückliegenden Mordfalls zu rekonstruieren. Mit diesem Kniff versteht es der Autor, die Leser in eine atmosphärisch dicht geschilderte Welt hineinzusaugen und die Spannung so beharrlich zu steigern, bis man nicht mehr aussteigen kann.

Nesbøs psychologisches Thema ist traumatische Einsamkeit. Ein solches Trauma entsteht, wenn man jemanden verliert, von dem man glaubte, sein ganzes Leben mit ihm verbringen zu können – eine feste Überzeugung, gespeist aus dem Leben, das man bis dahin geführt hat. Dieser Verlust reißt Wunden auf, und die Einsamkeit hält einen im Trauma gefangen. Nesbø spricht von „Verlassenheitswut“: ein Gefühl, das an ein früheres Trauma rührt und die Wut wieder zum Leben erweckt. Dann geschieht alles, was früher geschehen ist, noch einmal. Die ganze Last der Erfahrungen ist plötzlich wieder da – und die bis dahin festgefrorene Trauer explodiert in wütender Rache. Die dabei freigesetzte Gewalt ist oft extrem.

Oz scheint den Täter in seiner Gefühlsstruktur zu verstehen. Doch der ist ihm stets einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, legt falsche Fährten, hinterlässt irreführende Spuren. Erst als bekannt wird, dass ein Anschlag auf den Bürgermeister geplant ist, fällt es Oz wie Schuppen von den Augen, wen er vermeintlich – und wen er tatsächlich – jagt.

Nesbø ist ein großartiger Kriminalroman gelungen: spannungsgetrieben, mit psychologischem Tiefgang, und zugleich beweglich genug, sich durch ein gesellschaftliches Szenario zu arbeiten, das sich aktuell chaotisch aufzulösen scheint. Der Meister des packenden Erzählens zeigt, dass es möglich ist, mit wenigen Federstrichen politische Entwicklungen anzudeuten – und sie im selben Moment zur Diskussion zu stellen.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Ullstein

Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories

Gedankenstrahlen” versammelt erstmals Meistererzählungen und Kurzgeschichten der Literaturentdeckung Maria Lazar (1895–1948) aus den späten 30er und frühen 40er Jahren, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden.

Die Wiederentdeckung eines literarischen Talents

Ihre schwarzhumorigen Geschichten, geschrieben am Vorabend der größten Menschheitskatastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, sind auch heute noch brandaktuell und eröffnen geradezu ein Kaleidoskop an Intrigen, Begegnungen, Widersprüchen, Sehnsüchten, Grenzgängen und unerhörten Erfahrungen für alle Leser und Leserinnen. Im Nachwort erzählt der Herausgeber Albert C. Eibl aus Anlass des 130. Geburtstages der “Dichterprophetin” wie es zu der unglaublichen Wiederentdeckung einer Autorin kam, die geradezu eine Wiedergeburt erfährt, nicht nur in den Publikationen des DVB-Verlages, sondern auch auf den Bühnen der Welt und in zahlreichen Übersetzungen im Ausland. Die von Oskar Kokoschka mit einem Papageien porträtierte Schriftstellerin Maria Lazar musste 1933 aufgrund des national-sozialistischen Terrors ins dänische Exil auswandern und schrieb dort u.a. unter einem Pseudonym, Esther Grenen, damit sich ihre Werke besser veröffentlichen ließen. Die Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Übersetzerin nahm schon früh die tektonischen Verschiebungen des gesellschaftlichen Klimas in Mitteleuropa wahr und konnte so noch rechtzeitig fliehen. Die meisten der hier, in “Gedankenstrahlen” veröffentlichten Texte wurden zwischen 1937 und 1942 unter dem Pseudonym Esther Grenen in der renommierten Basler National-Zeitung erstabgedruckt, also schon nach der nationalsozialistischen Machtübernahme.

Geschichten von Reisenden und Heimatsuchenden

“Raskolnikow in der Pension” heißt eine der insgesamt 31 in vorliegendem Band abgedruckten Geschichten und ganz klar eine Anspielung an Dostojewksi’s Schuld und Sühne. Der darin erwähnten Baronin wird allerdings ein anderes Schicksal zuteil und Raskolnikow ist natürlich kein Raskolnikow, sondern nur eine Russe, der sich über einen Vertrag ärgert. Auch “Es spukt im Hotel” spielt im Milieu der Reisenden oder Heimatsuchenden. Geteiltes Schicksal verbindet: “Aus zwei Hotelgästen waren wir zu Kameraden geworden”, schreibt Lazar. In “Der Mann, der die Stimme Gottes hörte” liest ein Ehemann von seiner Ehefrau in der Zeitung: “Sie sei ein leichtsinniges Geschöpf gewesen, ohne Lebensinhalt und inneres Licht, ohne Liebe für ihre Nächsten”. Und das sagte sie noch dazu über sich selbst in einem Vortrag! Als sie beginnt ihm Vorwürfe zu machen, dass er nur an Profit interessiert sei und sich nicht um das Wohlergehen der Menschheit schere, legt er sich eine neue Strategie zurecht: Divorce Proxy. Ein geheimnisvoller Dr. Ambrosius wiederum spielt eine Hauptrolle in “Ein dürftiges Herz”, wo eine Frau mit einem Briefbeschwerer in ihrem Büro erschlagen wird. Besonders oft verwendet Maria Lazar den Ausdruck “Hall”, also nicht das deutsche “Halle”, sondern die auf Englisch ausgesprochene Vorhalle, das Entree. Hier finden die Begegnungen statt. Hier stoßen Fremde auf Fremde und Neugierige auf noch mehr Stoff für ihre Beobachtungen. Ob die Maschine von Leo Pery aus der Titelgeschichte, die Gedanken beeinflussen kann, wohl wirklich funktioniert?

Maria Lazar
Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories
Erstmals aus dem Nachlass herausgegeben, ausgewählt und mit einem Nachwort von Albert C. Eibl.
2025, Hardcover mit Surbalinbezug und Lesebändchen, 412 Seiten
ISBN 978-3-903244-31-3.
Verlag Das Vergessene Buch DVB
€26,00


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by DVB Verlag

Fuchs 8

Linguistisch überschäumende Kreativität

George Saunders ist einer der kreativsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit, dessen Erzählung «Fuchs 8» unwillkürlich an das Ende des Mittelalters erstmals erschienene Fabel von ‹Reineke Fuchs› erinnert, auf dem auch das berühmten Versepos von Goethe basiert. Anders aber als der historische Übeltäter mit seinen Bosheiten und Übeltaten ist der Fuchs in dieser illustrierten Fabel eine durch und durch gutmütige und zutiefst emotionale Figur, die als Ich-Erzähler mit einer ganz eigenen Diktion enttäuscht auf eine fragwürdige Welt blickt.

In einem Rudel von Füchsen ist ‹Fuchs 8› derjenige, der schon immer neugierig war und sich um mehr als die tägliche Futtersuche gekümmert hat. Besonders der Mensch hat es ihm angetan, er hat heimlich ihre Nähe gesucht, sich an ihre Fenster geschlichen und ihnen stundenlang zugehört, wenn Eltern ihren Kindern zum Beispiel Gutenacht-Geschichten vorgelesen haben. So hat er mit der Zeit immer mehr von ihrer Sprache verstanden, hat es schließlich so weit gebracht, ihre Schriftzeichen zu lesen und am Ende sogar in ihrer Sprache zu schreiben, wenn auch mit einigen «Schwirichkaitn». Das klingt, wenn es beispielsweise um das Verhältnis der Füchse zu ihrer Lieblingsbeute geht, dann wie folgt: «Wir legen keine Hüner rein! Wir sind sehr offen und erlich mit Hünern. Mit Hünern haben wir einen super fairen Dil, der get so: Sie machen di Aja, wir nehmen die Aja, sie machen noie Aja. Und manchmal essen wir sogar ein leemdes Hun, falls dises Hun seine Zustimmung zeigt, von uns gefressen zu werden, indem es nich wekloift, wenn wir neer komm».

Das vorliegende Büchlein, welches auf diese Art entstanden ist, stellt einen verzweifelten Versuch dar, den Menschen ins Gewissen zu reden, von ihrer rücksichtslosen, die Natur missachtenden Lebensweise abzulassen, den Lebensraum nicht nur der Füchse, sondern aller Tiere nicht zu gefährden. ‹Fuchs 8› erzählt, wie er eines Tages beschlossen hat, zu den Menschen zu gehen, die den ganzen Wald gerodet haben, in dem seine Fuchsgruppe lebt. Sie haben dort ein Einkaufszentrum errichtet mit einem riesigen Parkplatz drum herum. Sein Freund ‹Fuchs 7› begleitet ihn bei dieser Erkundungstour, in der es ihnen sogar gelingt, ohne totgefahren zu werdenden den Parkplatz zu überqueren und durch die Drehtür in den riesigen Markt zu gelangen. Was sie dort sehen, verblüfft sie maßlos, und sie sind auch überrascht, dass die Menschen ihnen alles Mögliche zum Fressen geben, also nett zu ihnen sind. Als sie den Konsumtempel aber schließlich durch eine andere Tür verlassen, werden sie dort von zwei Bauarbeitern attackiert. ‹Fuchs 7› kommt dabei zu Tode, und ‹Fuchs 8› verliert jede Orientierung. Er findet nicht mehr zu seiner Gruppe zurück und landet in naturfernen, von Menschen genutzten Gegenden, wo er kaum noch was zu fressen findet.

Es ist ein Antimärchen, das hier in einer extrem naiven Diktion erzählt wird. Die lässt den Leser  erstmal stutzen, erweist sich dann aber schnell als ideal, den Erzählstoff überaus stimmig, nämlich ‹tiergerecht›, zu artikulieren und dem Leser nahe zu bringen. Man gewöhnt sich übrigens auch schnell an diese Fuchs-Sprache, die zudem wesentlich dazu beiträgt, immer wieder vergnügt zu schmunzeln bei den absurden Wortgebilden, die fernab von Duden & Co. da so unkonventionell formuliert sind. Der Autor und auch der kongeniale Übersetzer haben mit ihrer linguistisch überschäumenden Kreativität wahrhaft lustige Wörter erfunden, mit denen sie hier eine traurige Realität vergnüglich beschreiben. Von einem Kinderbuch ist «Fuchs 8» auch thematisch weit entfernt, und es erfordert zudem einiges an Mitdenken, will man die oft in diesem lustigen Büchlein versteckte Gesellschafts-Kritik an der zerstörerischen Lebensweise der Menschheit nicht einfach überlesen. George Saunders erweist sich auch mit dieser Kurzgeschichte als einer der wichtigsten US-Schriftsteller der Gegenwart, von dem man sich nach seinem grandiosen Debüt «Lincoln im Bardo» – in aller Bescheidenheit – endlich mal wieder einen Roman erhofft!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Fabel
Illustrated by Luchterhand

Die elfte Stunde. Fünf Erzählungen

Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details. Weiterlesen


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Penguin

Amphibium

Adoleszenz eines toughen Mädchens

Mit dem kryptischen Titel «Amphibium» wurde jüngst der feministische Debüt-Roman der hierzulande noch weitgehend unbekannten englischen Schriftstellerin Tyler Wetherall auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Die junge Autorin erzählt darin die mit märchenhaften Elementen angereicherte Coming-of-Age-Geschichte eines elfjährigen Mädchens, das tief beeindruckt ist von dem berühmten Märchen «Die kleine Meerjungfrau» von Andersen. Dieses wiederum basiert auf der Sage von Undine, dem jungfräulichen Wassergeist in der Mythologie.

Die zurückhaltende, scheue Sissy lebt in den 1990er Jahren mit ihrer unter Depressionen leidenden, allein erziehenden Mutter unter prekären Verhältnissen in einer kleinen Stadt im Südwesten Englands. Durch einen Umzug ist sie neu in eine Klasse an der örtlichen Schule gekommen, wo das zurückhaltende Mädchen von allen Schülern nur als «Die Neue» bezeichnet wird. Man schneidet die Außenseiterin regelrecht, sie bleibt in den Pausen auf dem Schulhof allein, niemand redet mit ihr. Nur von Ferne bewundert sie die ein Jahr ältere Tegan, selbstbewusste Anführerin einer Clique von Mädchen, der die Macht von allein zufliegt, die nie darum kämpfen musste. Sie lässt sich nichts bieten und weiß sich auch bei den Jungen Respekt zu verschaffen. Als Tegan in der Pause mit einigen Jungen im Labyrinthgarten verschwindet und Sissy ihr nachschleicht, beobachtet sie, dass Tegan die Buben damit verblüfft, dass sie wie eine Zauberin einen runden Stein spurlos in ihrer Unterhose verschwinden lassen kann. Sissy wird entdeckt und nun von einem der Jungen gewaltsam bedrängt, dieses Kunststück nachzumachen. Sie wehrt sich, indem sie dem Jungen den Stein, den er ihr dafür in die Hand gedrückt hat, bei der verzweifelten Gegenwehr auf den Kopf schlägt und er heftig blutet.

Fortan wird Sissy von allen geachtet, sogar gefürchtet. Sie und die bei ihrer älteren Schwester lebende Tegan werden beste Freundinnen und stürzen sich gemeinsam in das Abenteuer, eine Frau zu werden. Sie nehmen im Internet anonym Kontakt zu Männern auf, feiern in der Wohnung der lebenslustigen Schwester wilde Partys, beschäftigen sich intensiv mit dem spurlosen Verschwinden junger Mädchen, das die Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Ihre naive Fantasie geht so weit, dass die Beiden Fotos von sich machen, mit denen nach ihnen gefahndet werden soll, wenn sie selbst mal entführt werden, weil die üblicherweise ja zufälligen Fahndungsfotos ihnen nicht fotogen genug erscheinen. Die Freundinnen erkunden spielerisch ihre beginnende Sexualität, – immer zwischen Neugier und Abscheu davor. Sie beobachten aber auch ängstlich die Bedrohung durch aggressive Männlichkeit, die ihnen überall begegnet. Als eines Tages Tegan befürchtet, schwanger zu sein und mit Sissy zusammen in der Drogerie einen Schwangerschaftstest stehlen will, werden sie bei der Tat ertappt, – mit fatalen Folgen! Danach ist nichts mehr wie es war, auch die enge Beziehung zwischen den Freundinnen wird zerstört, sie stehen den Zumutungen der Erwachsenenwelt fortan allein gegenüber. Und mit der Menstruation hat inzwischen auch bei Sissy der Prozess des Erwachsenwerdens unaufhaltsam begonnen, ihre Kindheit ist nun endgültig vorbei.

Die Ich-Erzählerin Sissy lebt das mystische Motiv der Frauwerdung intensiv aus, auch wähnt sie sich bereits in einem körperlichen Wandel zum titelgebenden «Amphibium». Ihre Phantasie geht nämlich so weit, dass sie glaubt, ihr würden Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen und ein Schwanz würde sich langsam ausbilden wie bei der berühmten Meerjungfrau, den sie nun erschrocken vor allen zu verstecken sucht. Einfühlsam wird hier über Rollenbilder und Erwartungen in der Adoleszenz berichtet, über die innere Zerrissenheit eines toughen Mädchens, über gebrochene Versprechen und einen herben Vertrauensverlust. Dabei kippt die zuweilen gnadenlos realistische Erzählweise immer wieder in den magischen Realismus ab, ohne dass deswegen aber die innige Mädchen-Freundschaft kitschig romantisiert wird. Ein weitgehend gelungenes Debüt mithin, das Lust auf mehr macht aus der Feder dieser Autorin.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Fehldiagnose: Psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen.

Mit seinem Standardwerk »Fehldiagnose psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen« richtet sich der Berliner Heilpraktiker Reinhard Clemens an Menschen, die sich mit ihrer Krankengeschichte allein gelassen oder von der Medizin nicht wirklich gesehen fühlen. Zugleich versucht er, eine Brücke zu schlagen zwischen etablierter Schulmedizin und einer ganzheitlichen Sicht auf Krankheit und Heilung. Clemens’ Ausgangsthese: Wer nicht rasch in die gängigen Raster der schulmedizinischen Diagnostik passt – oder bei wem eine aufwendigere Abklärung nötig wäre –, erhält nicht selten die Verlegenheitsdiagnose »psychosomatisch« als ultima ratio im Rahmen routinierter ICD-10-Klassifikationen.

Die moderne Medizin, so der Autor, neige aufgrund ihrer zunehmenden Spezialisierung dazu, den Patienten »wie einen Flickenteppich aus Organen zu behandeln«. Als maßgeblicher Treiber erscheint ihm der Kostendruck: Er zwinge Ärztinnen und Ärzte in engen Zeitfenstern zu einer abrechenbaren Diagnose. Dass Hausärzten dafür – wie Clemens anmerkt – teils nur ein sehr geringes Laborbudget von rund vier Euro pro Patient und Quartal zur Verfügung steht, illustriert die strukturelle Enge, in der Diagnostik heute häufig stattfindet.

Dem setzt Clemens den ganzheitlichen Ansatz entgegen. Dieser könne die Versorgung verbessern, indem er das Risiko von Fehldiagnosen senke und die Chancen einer langfristigen Gesundung erhöhe. Zu einem solchen Umdenken gehöre, so Clemens, „die verstärkte Forschung in Bereichen wie Mikrobiom, Mitochondrien, Mikronährstoffen, Genetik und psychosozialen Faktoren“.

Statt sich an der Oberfläche der Symptome aufzuhalten, plädiert der Autor dafür, alle relevanten Facetten eines Krankheitsbildes zu ergründen, um eine tragfähige Diagnose und darauf aufbauend eine umfassende Therapie zu ermöglichen. Doch gerade eine ausführliche Anamnese und eine differenzierte Labordiagnostik seien unter dem enormen Zeit- und Kostendruck in vielen Praxen kaum realisierbar. Hinzu kommt: Spezialisierte Laboranalysen sind nicht selten nur für Selbstzahler zugänglich.

Den besonderen Wert des Buches bilden die zahlreichen Fallbeispiele und die gründliche Auseinandersetzung mit Beschwerden, die in der Schulmedizin mitunter nicht ernst genommen oder nicht konsequent genug hinterfragt werden. Clemens spannt dabei einen weiten Bogen – von stillen Entzündungsprozessen über Nahrungsunverträglichkeiten bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten.

Am Ende bietet der Autor eine kurze Checkliste, die dem Leser ein pragmatisches Instrument an die Hand gibt, um grob zwischen psychosomatischen und somatischen (also körperlich bedingten) Ursachen zu unterscheiden. Seine Stärke liegt dabei in der Fähigkeit, komplexe medizinische Zusammenhänge verständlich und zugänglich zu erläutern. Auch wenn ein – bei Sachbüchern dieser Art hilfreiches – Schlagwortverzeichnis fehlt, erhält der Leser insgesamt einen soliden, anregenden Einstieg in das Thema.


Genre: Medizin, Sachbuch Gesundheit
Illustrated by tredition