Huris

Allen Drohungen zum Trotz

Für seinen im Jahre 2025 auf Deutsch erschienenen, dritten Roman «Huris» erhielt der in Algerien geborene und 2020 in Frankreich eingebürgerte Schriftsteller Kamel Daoud als erster algerisch-stämmiger Autor den Prix Goncourt. Er zählt in Frankreich zu den maßgebenden zeitgenössischen Autoren und ist für seine harsche Kritik am Islam bekannt, auch was dessen latente Frauenfeindlichkeit anbelangt. Der intellektuelle Autor wurde deshalb, ähnlich wie sein inhaftierter Landsmann Boualem Sansal, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, vor allem aber in seinem Heimatland mit Drohungen, Klagen und Prozessen überzogen. Der vorliegende Roman ist in Algerien natürlich verboten, er verstößt gegen Artikel 46 der «Charta für Frieden und nationale Versöhnung», aus dem Daoud im Vorspann ausführlich zitiert. Darin werden Verstöße gegen das Schweigegebot über den Bürgerkrieg ausdrücklich unter Strafe gestellt. Der Buchtitel bezieht sich übrigens auf die großäugigen, verführerischen Jungfrauen, die den islamischen Märtyrer, als Belohnung quasi, im Jenseits erwarten, als lebendes Geschenk, als Sache also, – frauenfeindlicher geht es wohl kaum!

Dieser Roman ist ein Fanal gegen die Grausamkeiten des Bürgerkriegs 1992-2002 in Algerien, dem so genannten «Finsteren Jahrzehnt». Protagonistin des Romans ist die 26jährige «Aube», was «Morgendämmerung» bedeutet. Sie erzählt aus ihrer speziellen Perspektive als Opfer einer Gewalttat von islamistischen Milizen quasi mit zwei Stimmen, mit einer durch ihre schlimme Verletzung am Hals kaum hörbaren äußern und einer umso deutlicheren inneren Stimme. Sie kann deshalb auch keine feste Nahrung aufnehmen, ihre Mutter aber versucht alles und bereist die ganze Welt in dem Glauben an ein medizinisches Wunder. Jetzt ist Aube schwanger, der Vater des Kindes ist ein Fischer, der sich nach Europa abgesetzt hat. Sie traut sich nicht, es ihrer Mutter zu sagen, denn sie ist fest dazu entschlossen, die in ihr heranwachsende Tochter vor dieser von Männern beherrschten Welt zu bewahren, – die dafür erforderlichen Abtreibungspillen hat sie sich bereits besorgt.

In weiten Teilen stilistisch als innere Rede angelegt, beginnt Aube in diesem Roman mit einer an ihr ungeborenes Kind gerichteter Stimme zu erzählen, was sie alles erlebt und wahrgenommen hat in ihrem Leben. Sie betreibt einen Friseursalon in der Küstenstadt Oran, der ihr einige Freiheiten beschert, wenn sie den Frauen mit neuer Frisur zu Attraktivität verhilft. Sie suchen bei ihr aber zuweilen auch Zuflucht vor Missachtung, Ungerechtigkeit und Gewalt der Männer. Denn die Stellung der Frauen innerhalb der algerischen Gesellschaft ist nach wie vor prekär, sie werden sogar als Schandfleck wahrgenommen von den muslimischen Machos. Dem Imam der gegenüber gelegenen Moschee ist ihr Salon ein Dorn im Auge wegen der bei ihr herrschenden, liberalen Gesinnung, dem das frauenfeindliche, strenge Reglement der Moslems bekanntermaßen unversöhnlich gegenüber steht. Aube wird am Tag des großen Opferfestes an einer Autobahn von zwei Männern ausgeraubt und danach von einem freiheitlich denkenden Buchhändler aufgegabelt. Die junge Frau ist verzweifelt: «Ich bin jetzt eine Herumtreiberin, eine Landstreicherin. Ideale Beute für Männer in diesem Land, die von Jungfrauen und immerwährenden Entjungferungen träumen. Eine Frau, die keinem Mann gehört, nicht ihrem Vater, ihrem Bruder, ihrem Gatten, nicht einmal ihrem Sohn, wird ‹Herumtreiberin› genannt. Die Männer sagen, sie sei ein unbebautes Gelände».

Der ebenso tabulose wie schockierende Plot dieses mit diversen Zeitsprüngen recht ausufernd erzählten, arabeskenreichen Romans kreist um die spannende Frage, wie sich die innerlich zerrissene Aube letztendlich entscheidet, wohin ihre tastende, existentielle Sinnsuche sie denn führen wird. Kernthema allerdings ist das Erinnern an Zeiten eines lang andauernden Schreckens, dem der Autor sich hier unbeirrt angenommen hat, allen Drohungen zum Trotz.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

Die Heilung von Luzon

 Unerfüllte Erwartungen

Der neue Roman von Karl-Heinz Ott mit dem deskriptiven Titel «Die Heilung auf Luzon» ist ein psychologisch raffiniertes Spiel mit den Ängsten und Problemen zweier Paare, von denen jeweils einer der Partner unheilbar erkrankt ist. Nachdem die Schulmedizin ihnen keine Aussicht mehr auf Heilung attestieren kann, setzen sie nun ihre letzte Hoffnung auf den Wunderheiler Bon Sato, einer der bekanntesten fernöstlichen Schamanen, der in Baguio lebt, einem der prominenten Orte in den Kordilleren auf Luzon, wo auch die Staatspräsidentin ein repräsentatives Anwesen besitzt.

Nach einem sechzehnstündigen Flug mit Zwischenstopp in Hongkong kommt ein Berliner Ehepaar erschöpft in Manila an, wo sie ein Taxifahrer erwartet, der sie zum Hotel fährt, um sie am nächsten Tag dann zu ihrem Resort auf Luzon zu bringen. Der egozentrische, 55jährige Bock, einst ein bekannter Theaterregisseur von der Sorte ‹Kotzbrocken›, ist an Krebs erkrankt, ein Berserker ohne Kraft nur noch, er setzt nun seine letzte Hoffnung auf Bon Sato. Begleitet wird er von Gela, seiner zehn Jahre jüngeren Frau, die schon lange mit ihm verheiratet ist, viel in ihrem Leben für ihn geopfert hat, nun aber zunehmend unter seinen Launen und Wutanfällen leidet und sehr bedauert, dass sie ihn nicht schon längst verlassen hat, – jetzt scheint es ihr zu spät dafür. Bei einem zweiten Berliner Paar Ende vierzig ist es die experimentierfreudige, lebenslustige Rikka, die unheilbar am Krebs erkrankt ist und auf ein Wunder hofft. Tom, ihr Mann, arbeitet ohne inneren Antrieb als Lehrer für Deutsch und Ethik. Er befindet sich in einer veritablen Midlife-Crisis, in einem andauernden, inneren Aufruhr, der ihn niederdrückt und verzweifeln lässt. Denn im Grunde will er nur einfach der wieder sei, der er mal war, er hadert also mit den verpassten Chancen in seinem immer banaler und eintöniger gewordenen Leben, wobei er einseitig seiner eher labilen Frau die Schuld dafür gibt. Rikka hatte nach ihrem ziemlich wilden Leben in dem ruhigen, soliden Tom einen Ruhepol gefunden, bis dann eine Fehlgeburt der Grund war für alles Unglück und die schwelenden Probleme ihrer Beziehung.

Zeitlich ist diese Geschichte in der Osterzeit des Jahres 2004 angesiedelt, was sich in den Schilderungen der armseligen Hütten, Bauruinen und primitiven Elektrokabel widerspiegelt, wo es damals von Bettlern wimmelte und man, als Europäer total entsetzt, plötzlich in Manila auf der Straße sogar Leprakranken begegnen konnte. Andererseits ist man damals aber auch noch nicht von Touristen-Schwärmen umzingelt, der Strand ist paradiesisch leer. Tom sagt, er fühle sich hier wie in der Südsee, – letztendlich aber sind sie ja nicht auf Urlaub hier! Vierzehn Tage lang werden sie jetzt nämlich jeden Tag zu dem Wunderheiler kutschiert, der in einer voodooartigen, viertelstündigen Zeremonie vor Publikum angeblich das Schlechte aus den Kranken herausholt, wofür Bon Sato vorab eintausend Dollar in bar kassiert hat. In den 18 Kapiteln des Romans wird aus wechselnder Perspektive der vier Protagonisten von deren Vergangenheit erzählt, von den Verwerfungen und verpassten Chancen in ihrem Leben. Nach und nach setzt schließlich bei den beiden Kranken eine Schicksals-Ergebenheit ein, für ihre beiden Partner aber deutet sich vage eine Hoffnung auf ein spätes Glück ein.

Krankheit und Tod sind die vermeintlich großen Themen dieses Romans, seine eigentliche Thematik besteht aber im Zwischen-Menschlichen unter den extremen Bedingungen des unabweisbar nahen Todes. Es ist ja nicht so, dass der nicht betroffene Partner zum Heiligen wird in solcher Situation. Gela bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, sie erschrecke die Vorstellung, «… noch weitere Jahre an der Seite eines Kranken zu verbringen, von dem sie sich schon lange trennen wollte». Das psychologische Experimentierfeld dieses Romans voller Klischees und Wiederholungen wirft immer wieder die gleichen Fragen auf und läuft schließlich auf das vom Leser vorab erwartete Ende hinaus. Es ist nicht die begrenzte Lebenszeit, die sich im Roman als Problem erweist, im Fokus stehen hier die unerfüllten Erwartungen seiner Protagonisten.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Der alte Zausel oder Was ist Wahrheit?

Es gehört zu den bittersten Erfahrungen eines Lebens, irgendwann erkennen zu müssen, die falschen Menschen für die richtigen gehalten zu haben – und zugleich zu begreifen, wie weit Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Noch bitterer wird diese Einsicht, wenn die Hoffnung dennoch nicht stirbt, die Schere zwischen beiden könne sich eines Tages wieder schließen. In dieser Spannung bewegt sich das Leben des 1940 geborenen Ludwig Zaumseil, dessen Biografie Ulrich Völkel in seinem Roman „Der alte Zausel“ mosaikartig und eindringlich erzählt.

Völkel schildert die Entwicklung eines ehrgeizigen jungen Mannes, der von der sozialistischen Idee überzeugt ist und seine Begabung in den Dienst des neuen Staates stellt. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften geht Zaumseil nach Rügen, in die „weiße Stadt am Meer“, wo er zum jüngsten Chefdramaturgen der DDR aufsteigt. Seine Karriere verläuft zunächst steil: Auszeichnungen, SED-Mitgliedschaft, Funktionärslaufbahn, Aussicht auf den Intendantenposten. Dazu kommen Privilegien, die in der DDR nicht selbstverständlich sind – eine begehrte Wohnung, direkte Zugänge zu politischen Entscheidungsträgern, gesellschaftliches Ansehen. Dass er sich zugleich als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit verdingen lässt und sogar einen systemkritischen Freund verrät, gehört zur dunklen Seite dieses Aufstiegs.

Gerade darin liegt eine Stärke des Romans: Völkel zeichnet keinen eindimensionalen Täter und keinen makellosen Helden, sondern eine widersprüchliche Figur, die sich in einem System bewegt, das Loyalität belohnt und Zweifel sanktioniert. Hinter der glatten Fassade des Parteigängers treten immer wieder menschliche Züge hervor. So hilft Zaumseil einem Ehepaar, dessen Sohn nach dem Mauerbau auf der Flucht nach Westberlin erschossen wurde, indem er heimlich Briefe an dessen schwangere Verlobte schreibt. Die Großmutter möchte ihren Enkel sehen – ein Wunsch, der an der hermetischen Grenze scheitert. Solche Szenen verleihen dem Roman emotionale Tiefe und zeigen, wie politische Systeme in das Intimste menschlicher Beziehungen eingreifen.

Zunehmend stößt Zaumseil auf Widersprüche zwischen dem moralischen Anspruch des Sozialismus und der gelebten Realität. Besonders prägnant ist eine Episode aus dem Umfeld der Volkskammerwahlen, bei denen er als Helfer eingesetzt wird und feststellen muss, dass die triumphalen Wahlergebnisse der SED teilweise manipuliert sind. Spätestens hier rückt die Frage nach subjektiver und objektiver Wahrheit ins Zentrum des Romans – und mit ihr die Frage, wie lange man an ein System glauben kann, dessen Praxis seine eigenen Ideale dementiert.

Auch auf ästhetisch-kulturpolitischer Ebene wird dieser Konflikt sichtbar. Zaumseil verliebt sich in die Enkelin eines Arbeiterschriftstellers, dessen Werke er an seinem Theater zeigen möchte. In den Gesprächen mit ihr schärft sich sein Blick für die Diskrepanz zwischen marxistisch-leninistischem Anspruch und realsozialistischer Wirklichkeit. Gerade am Theater – also dort, wo Sprache, Idee und gesellschaftliche Debatte aufeinandertreffen – erfährt er die Grenzen des Erlaubten. Eine von oben verordnete Kulturpolitik reglementiert die künstlerische Auseinandersetzung. Aus dem linientreuen Funktionär wird ein innerlich Zerrissener.

Als Zaumseil immer stärker in Konflikt mit den Machtstrukturen gerät, greift das System zu den bekannten Mitteln: Die Staatssicherheit lässt ihn unter dem Vorwand einer Erkrankung für drei Monate in die Psychiatrie einweisen. Dass ihn das engagierte Eingreifen der Theaterintendantin wieder in Freiheit bringt, ist nicht nur ein dramatischer Wendepunkt, sondern verweist auch auf die Gegenkräfte innerhalb des Systems – auf Mut, Integrität und Solidarität. Zaumseil übersteht diese Phase und erlebt schließlich in den späten 1980er Jahren die schrittweise Auflösung der DDR bis hin zur Grenzöffnung.

Wer sich für die Biografie eines DDR-Kulturschaffenden interessiert – und für die Widersprüche, in denen sich Intellektuelle in diesem Staat bewegten –, findet in Völkels Roman eine überzeugende Lektüre. Vieles deutet darauf hin, dass eigene Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen des Autors in die Gestaltung eingeflossen sind. Gerade dadurch gewinnt das Buch an Anschaulichkeit und Glaubwürdigkeit, ohne sich im Dokumentarischen zu erschöpfen.

Der Titel „Der alte Zausel“ wirkt auf den ersten Blick etwas unglücklich gewählt. Er geht auf einen neckisch-liebevollen Spitznamen zurück, den die Bühnenarbeiter des Theaters dem Protagonisten geben. Wer hinter dem Titel ein Alterswerk in staubigem Ton vermutet, wird jedoch schnell eines Besseren belehrt: Völkels Prosa ist lebendig, klar und nah an den Konflikten seiner Figur. Der Roman liest sich keineswegs wie eine rückwärtsgewandte Abrechnung, sondern wie eine bis heute aktuelle Auseinandersetzung mit der politischen und moralischen Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit.

„Der alte Zausel“ ist mehr als nur ein DDR-Roman. Ulrich Völkel gelingt ein facettenreiches Lebensbild, das von Anpassung und Verrat, von Hoffnung und Ernüchterung, von Macht und Gewissen erzählt. Gerade in dieser Ambivalenz liegt die literarische Qualität des Buches – und seine gegenwärtige Relevanz.


Genre: Gesellschaftsroman, Zeitgeschichte
Illustrated by Ultraviolett

Zsömle ist weg

Zwischen Wahnsinn und Realität

Der ungarische Schriftsteller Lásló Krasznahorkai wurde 2025 mit dem Nobelpreis des Jahres ausgezeichnet «für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Macht der Kunst bekräftigt». Passend dazu erschien im gleichen Jahr auch sein neuester Roman unter dem kryptischen Titel «Zsömle ist weg», der, als politische Satire angelegt, eine aberwitzige Geschichte erzählt, die vor sarkastischem Humor geradezu strotzt, wobei sie aber auch mit einem Schleier der Melancholie überzogen ist. Der Plot regt immer wieder zum Nachdenken an in Hinblick auf die politischen Realitäten der Jetztzeit, in denen er angesiedelt ist, und zwar im autokratisch regierten Ungarn eines Viktor Orbán. «Er wolle eigentlich über Hoffnung sprechen», sagte der Autor in Stockholm anlässlich der Verleihung des Nobelpreises, «… aber meine Vorräte an Hoffnung sind eindeutig an ihr Ende gekommen». Gleichwohl, er nimmt es mit Galgenhumor, das beweist eindrucksvoll dieser neue Roman!

Der 91jährige József Kada, ein ehemaliger Elektriker, der als Witwer etwas abseits von seiner Gemeinde mit seinem Hund Zsömle (sic) einsam auf einem Berg wohnt, erhält eines Tages überraschend Besuch von einer bunten Truppe von Royalisten, die ihn nach langen Recherchen als Nachfolger der 1301 verschwundenen Dynastie der Arpaden, und damit als legitimer Anwärter auf dem ungarischen Thron, ausfindig gemacht haben. Er allein, so ihre Überzeugung, könne in die korrupte und machtgeile, autokratische Gegenwarts-Politik des Landes so etwas wie Moral zurückbringen als Oberhaupt eines neu auszurufenden Königreichs Ungarn. Wenig erfreut über die Störung seines beschaulichen Rentnerlebens erklärt er den Royalisten: «Ich möchte Sie bitten, dass das, was Sie entdeckt haben, also dass es mich gibt und wir uns hier treffen, ein gut gehütetes Geheimnis bleibt, niemand, verstehen Sie, niemand darf wissen, wer ich bin und wo ich zu finden bin». Nach weiteren Treffen mit seiner stetig wachsenden Anhängerschar, die ihn inzwischen nur noch liebevoll als Onkel Józsi anredet, weil er sich «Majestät» als Anrede verbeten hat, willigt er schließlich zögernd ein, dieses Amt zu übernehmen, wenn es denn an ihn herangetragen würde. Als ihm die Monarchisten aber ein geheimes Waffenlager zeigen, dass sie für einen Putsch bereits angelegt haben, will er davon nichts wissen, – er möchte nur auf politisch korrekte Weise König werden, sonst verzichte er gerne.

Man muss Einiges wissen oder nachschlagen über die ungarische Geschichte, um all die Anspielungen im Roman verstehen zu können. Onkel Józsi versinkt immer mehr in Träume von den guten alten Zeiten, von dem völkischen Schriftsteller Albert Wass beispielsweise, der unter Viktor Orbán, als Ersatz für das Holocaust-Opfer Imre Kertész, als ungarischer Schriftsteller zur Pflichtlektüre an den Schulen bestimmt wurde. Oder er schwärmt von der ungarischen Sängerin Zita Szeleczky, die als glühende Faschistin zeitweise auch mit Wass liiert war und deren Lieder ihn damals zutiefst berührt haben. Er sei auch, sagt Onkel Józsi, mit vielen Persönlichkeiten in Deutschland gut befreundet, «… mit ‹Heinrich XIII Prinz von Reuß›, vor allem mit dem, ich spreche perfekt Deutsch, wir verstehen uns also in jeder Hinsicht gut, er will das Gleiche wie ich, doch seine Mittel sind andere».

Schon im Roman «Baron Wenckheim kehrt zurück» findet sich das Motiv des politischen Hoffnungsträgers, eine Figur, die übrigens auch in diesem Roman eine Gastrolle hat. Erzählt wird in dem für Lásló Krasznahorkai typischen Stil als ununterbrochener Gedankenstrom, also hier in elf Langsätzen, in denen sich sprunghaft Geschehen und Dialoge abwechseln, und die erst am Schluss des jeweiligen Teils mit einem Punkt beendet werden, ein endloses Palaver also, das leider auch einige Längen und Wiederholungen aufweist. «Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle» ist stilistisch das Motto des Autors, wie er betont hat. Er lotet narrativ gerne die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität aus, was hier aber nicht parabelartig endet, ganz im Gegenteil!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Karen W.

Authentisches Zeitzeugnis

Der im Jahre 1974 in der damaligen DDR erschienene Debütroman von Gerti Tetzner mit dem Titel «Karen W.» wurde kürzlich als Wiederentdeckung in einer Neuauflage herausgebracht, ergänzt um ein ausführliches Interview mit der betagten Schriftstellerin. Zwischen der titelgebenden Protagonistin und Ich-Erzählerin Karen Waldau und der Autorin gibt es unübersehbare Parallelen, beide haben Jura studiert und als Notarin gearbeitet, insoweit ist dieser Roman einer Zeitzeugin autofiktional, sie verarbeitet eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Die zum «Weiberkreis» junger Autorinnen um Christa Wolf gehörende Gerti Tetzner wurde von der berühmten Kollegin bei ihrem Romanprojekt wohlwollend unterstützt, das Buch war dann mit einer hohen Auflage auf Anhieb auch sehr erfolgreich. Aber schon ihr nächster Roman wurde von der Zensur abgelehnt, – und sie wurde eindringlich davor gewarnt, ihn im Westen zu veröffentlichen. Demotiviert begann sie, einige Kinderbücher zu schreiben und geriet schließlich weitgehend in Vergessenheit.

Karen, die in der unschwer als Leipzig erkennbaren Universitätsstadt L. zusammen mit ihrem Freund Peters und der gemeinsamen Tochter Bettina lebt, war vor zwölf Jahren aus der Enge eines kleinen thüringischen Dorfes geflüchtet und nach dem Studium in der Stadt geblieben. Aber ihr Leben erscheint ihr eintönig und sinnlos, sie lebt mit Peters, ihrer einstigen großen Liebe, nur noch nebeneinander her. Als knapp Dreißigjährige will sie aus den Alltagstrott und der Enge des reglementierten Arbeitslebens ausbrechen und etwas Neues wagen, von dem sie allerdings noch nicht weiß, was das denn sein könnte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion nutzt sie eine Reise ihres Partners und zieht unangekündigt aus, zurück in das Dorf ihrer Jugend. Das von den Eltern geerbte Haus ist an einen Tierarzt vermietet, der von seiner Frau verlassen dort allein lebt. Sie bietet ihm an, wohnen bleiben zu können, wenn sie die beiden ungenutzten Dachkammern mit ihrer Tochter beziehen kann. Die siebenjährige Bettina wird in der örtlichen Schule angemeldet, und Karen selbst sucht sich eine Arbeit in einer LPG. In der landwirtschaftlich geprägten Gegend werden überall händeringend Arbeitskräfte gesucht. Peters schreibt ihr irritiert hinterher: «Wohin treibst Du? Weißt Du, was Du riskierst?»

Karen erinnert sich nun an ihre Kindheit und Jugendzeit, an die erste Begegnung mit Peters, ihre schwierige Identitätssuche als junge Frau und die latenten Probleme mit der weiblichen Selbstbestimmung. Und sie denkt daran zurück, wie sie mit ihrem selbstbewussten, kritischen Denken immer wieder in Konflikt gekommen ist mit der allgegenwärtigen Staatsmacht, gegen die sie hilflos ist. Und genau diese Konflikte haben ihr auch das Zusammenleben mit Peters schwierig gemacht. So fragt sich Karen an einer Stelle: «Was war das bloß für eine Zeit und ein Land um mich rum? Immer blieb ich für oder gegen was verwickelt, und immer traf jede Wahl die ungewählte Kehrseite mit. Gab’s denn nie ein vollkommenes rundes Ja? Nicht mal in der Liebe?» Der Idealismus und Optimismus sowohl der Autorin als auch ihrer Ich-Erzählerin Karen bleibt ungebrochen. Beide sind sie selbstbewusst und unbeugsam überzeugt, in der Realität mit ihren abweichenden Meinungen und Zweifeln auf der richtigen Seite zu stehen.

Das Besondere am Roman von Gerti Tetzner ist die Tatsache, dass sie Mitte der siebziger Jahre das unrühmliche Ende der DDR ja nicht mitdenken konnte. Christa Wolf hatte in einer Stellungnahme zu 36 Manuskript-Seiten vom Romananfang neben einiger Kritik angemerkt, die «wachsende innere Inaktivität unter vielen jungen Leuten» als Thematik sei interessant und könne Kräfte wecken, «die unbewusst vorhanden sind und Bestätigung, Ermutigung, Anstoß brauchen». Der leicht lesbare Roman wirkt mit originellen Wörtern und Redensarten aus der Umgangssprache als Zeitzeugnis sehr authentisch, er ist trotz einiger Längen und häufiger Wiederholungen eine kontemplativ anregende, empfehlenswerte Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Die Holländerinnen

Dschungelartiges Erzählspiel

Die Schweizer Schriftstellerin Dorotee Elmiger hat mit ihrem Roman «Die Holländerinnen» den Deutschen Buchpreis des Jahres 2025 gewonnen. Die an Joseph Conrads «Herz der Finsternis» erinnernde, kurze Geschichte greift auf ein reales Ereignis zurück, bei dem 2014 zwei junge holländische Frauen im Urwald spurlos verschwunden sind, – ein Fall, der nie aufgeklärt wurde. Im vorliegenden Roman nun hat ein namenlos bleibender «Theatermacher» die glorreiche Idee, diese Geschichte fürs Theater zu adaptieren und dazu selbst an den Ort des Geschehens zu reisen. Er nimmt telefonisch Kontakt zu einer ebenfalls namenlos bleibenden «Schriftstellerin» auf und überredet sie wortreich dazu, als Protokollantin an der geplanten Expedition teilzunehmen mit dem Ziel, das Geschehen theatergerecht zu rekonstruieren. Ein Kameramann sei mit von der Partie und ein Tontechniker, die ihr Protokoll visuell vervollständigen würden. Wenige Wochen später ist sie bereits auf dem Weg nach Panama.

Als bedeutende Schriftstellerin wird diese Protokollantin im Roman zu Vorträgen eingeladen, in denen sie vor einem studentischen Auditorium über ihre spektakuläre Reise nach Panama berichtet. Dorotee Elmiger erzählt bis auf ganz wenige, kurze Ausnahmen ihre Geschichte in indirekter Rede, lässt also ihre Roman-Figuren im Konjunktiv reden. Damit erreicht sie eine Unmittelbarkeit, die dem Text etwas extrem Authentisches verleiht, wobei der Konjunktiv aber auch andere Deutungen erlaubt, ja geradezu herauszufordern scheint. Kennzeichnend für den zunächst spannend zu lesenden Roman ist einerseits die eindringliche Schilderung des Urwalds, der unheimlich erscheint, undurchdringlich, von schrillen Geräuschen erfüllt, ein für alle Teilnehmer bedrohlich erscheinender Lebensraum, mit extrem viel Regen zudem. Die Gruppe kommt in einem Camp unter und bereitet sich auf die Erkundungstour vor, die nach den Vorstellungen des Theatermachers dem mutmaßlichen Weg der beiden Holländerinnen folgen soll, um daraus die Basis zu schaffen für sein geplantes Projekt.

Was vordergründig wie ein Krimi wirkt, stellt in Wahrheit das Bemühen von Dorothee Elmiger dar, den Horror dieser Wildnis in ihrem Roman sprachlich umzusetzen. Das aber erweist sich letztendlich als unmöglich, denn was da Unheimliches geschieht, das sei literarisch einfach nicht adäquat darstellbar als zutiefst seelische Grenzerfahrung. Sie schafft stattdessen eine hoch komplexe Aneinanderreihung verschiedenster Geschichten, die von den Teilnehmern zum Besten gegeben worden seien, wie die Rednerin sagt. Sie scheinen vordergründig allerdings fast ausnahmslos ohne inneren Zusammenhang zu sein, oft auch erschließt sich deren vorgebliche Parallelität mit der Situation im Dschungel nur schwer.

In den Feuilletons gab es neben Lob auch kritische Stimmen zu diesem prämierten Roman, und die Kommentare in Onlinehandel sind negativ wie selten. Dem brillanten Erzählstil der Autorin mit den vielen kulturellen Verweisen steht als wichtigster Kritikpunkt die extrem fragmentarische Erzählweise gegenüber, deren tieferer Sinn sich einem kaum erschließt. Das vorgebliche Ringen um Worte ist unglaubwürdig angesichts einer realen Vorlage, die trotz ihres Schreckens so ungewöhnlich ja nicht ist, die Nachrichten sind doch voll davon. Mit Elementen des Krimis angereichert, erweist sich der Plot mit der Zeit immer mehr zu einem Irrweg ähnlich denen im Dschungel, die im Nirgendwo enden. Das Narrativ besteht aus einem dschungel-artigen Spiel mit ausufernd vielen Gerüchten, Spekulationen, Bedrohungen und Mythen, die Autorin gefällt sich offensichtlich in ihrem überfrachteten, multiplen Nacherzählen, basierend oft auf märchenhaftem Hörensagen als fragwürdige Quelle. Das wird mit der Dauer immer schwerer erträglich beim Lesen, zumal es, wie man schon bald ahnt, zu nichts hinführt. Stilistische Brillanz, mit der Dorothee Elmiger wahrhaft glänzt in diesem anspielungsreichen, zu kontemplativem Mitdenken anregenden Roman, ist allein allerdings wenig tragfähig als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Abschied(e)

Ist die Erinnerung ebenso eine Konstruktion wie die Wirklichkeit? Julian Barnes, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, blickt auf ein erfülltes Schriftstellerleben und stellt sich die wichtigsten Fragen des Seins: was ist wirklich wichtig und wer sind wir?

Madeleine, die Pilgermuschel, auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dass die Erinnerung die Identität wesentlich mutgestaltet, darüber sind sich wohl nicht nur Fans des aus Leicester stammenden Schriftstellers, der schon seit den Achtziger Jahren seine Leser:innen beglückt, einig. “Üblicherweise verstehen wir unter einer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein bißchen verändert, bis es schließlich zu jener Version gerinnt, von der wir uns einreden sie sei die Wahrheit”, schreibt Barnes in seinem Prolog zu seinem neuen Roman “Abschied(e)“. Dabei bedient sich der gebildete und voller literaturwissen-schaftlicher Anspielungen enthusiasmierte Essayist und Romancier natürlich auch der berühmtesten Stelle in der Literaturgeschichte zu diesem Thema: Proust’s Madeleine. Sie sieht aus wie eine Pilgermuschel und wird zur Pilgerfahrt in die Erinnerung. Barnes unterscheidet zwischen IAMs (Involuntary Autobiographical Memory) und HSAMs (highly superior autobiographical memory) und erklärt auch was eine Kryptomnesie für den Betroffenen bedeutet. Aber keine Angst vor all den Fachbegriffen, Barnes bemüht sich um seine Leser:innen, erklärt sie schlüssig und verpasst ihnen auch genau jede Prise englischen Humors, die einem das Leben so versüßen. Trotz des traurigen Umstandes, dass sich der Autor ja von seinem Leben und Werk verabschieden möchte, vergisst er nämlich nicht auf Selbstironie, Humor und den Verve, den es braucht, sich mit seinem eigenen Ableben zu beschäftigen.

Dial Down Love, Baby!

Mit luzider Präzision seziert Julian Barnes sein Thema und erzählt zudem die Geschichte des Paares Stephen und Jean, die sich in ihren Zwanzigern trennen, um nach 40 Jahren wieder zusammenzukommen und sich erneut zu trennen “etc. pp.”. Aus “er strengt sich an” wird “ja, er ist wirklich anstrengend” für Jean, denn Stephen liebt sie zu viel. Ja, das gibt es auch. Barnes’ eigene Diagnose, “kein Todesurteil, sondern lebenslänglich”, sein Blutkrebs, den er am Höhepunkt der weltweiten Pandemie attestiert bekommt, beschreibt er ebenso nüchtern, wie den Abschied von seiner Frau zwölf Jahre zuvor. “Ich lebe in der Gegenwart, doch meine Zukunft sieht so aus aus, dass ich nur noch in der Vergangenheit existiere“, schreibt Barnes analytisch und ohne Reue. Denn eine “Tragödie mit Happy End” – die Hollywoodformel für den Kassenerfolg eines Films – wird sich bei ihm nicht mehr ausgehen, wie er selbst schreibt. Denn vor der “alten Mischung aus Trübsinn und Selbstmitleid” rettet ihn sein Hund Jimmy. Aber natürlich auch die Dichtung, die französische. Mallarmé, Baudelaire und Rimbaud sind für ihn die Triade der französischen Wortkunst und es könnte einen fast das Stendhalsyndrom befallen angesichts ihrer Fülle. Dass am Ende des Lebens in der Mitte des Lebens ein großes Loch klafft, weil man ja gedanklich immer mehr in die Kindheit zurückverfällt, ist eine der vielen Absurditäten, derer Barnes mit Humor zu gedenken weiß.

Dignity in Dying

Nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?” Denn was einen am Ende erwartet ist das Auslöschen von allem, was man erreicht hat, das Vergessen von allem was man am sehnlichsten erreichen wollte. “Es ist eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die Fühlenden“, schreibt Barnes und spendet nicht nur sich selbst Trost, sondern auch allen jenen, die sich mit der Vergänglichkeit des Seins beschäftigen wollen bevor es zu spät ist. Ein Buch, das zeigt, was das Leben so lebenswert macht: die Liebe, die Erinnerung und die Literatur.

Julian Barnes
Abschied(e)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
2026, Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-462-00919-4
Kiepenheuer & Witsch
23,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Blaue Romanze

Polit-Seminar statt Liebes-Schnulze

Der 2025 erschienene, zweite Roman von Nora Haddada weist mit seinem Titel wie auch im Klappentext auf eine Liebesgeschichte hin und weckt Leser-Erwartungen, die er letztendlich konterkariert mit einer brisanten politischen Thematik. Es geht um die seit der Gründung des Staates Israel als Folge des Genozids an den Juden andauernde, kriegerische Auseinandersetzung mit den Palästinensern. Die hat am 7. Oktober 2023 mit dem überraschenden Überfall der Terrororganisation Hamas auf das südliche israelische Grenzgebiet eine neue, fatale Brutalität erreicht. Andauernde Demonstrationen in den westlichen Ländern betreffen beide Konfliktparteien gleichermaßen, und auch im Roman vertreten die beiden Protagonisten der ‹Generation Y› diametral entgegen gesetzte Positionen, was ihre Beziehung schwer belastet.

Beim Urlaub in Marseille treffen die Französin Myriam und der deutsche Julian in der feuchtfröhlichen Runde einer Karaokebar aufeinander. Man unterhält sich angeregt über allerlei Themen, und schließlich kommen sie auf die Idee, gemeinsam auf der Bühne ein Duett zu singen, auch wenn das peinlich enden könnte, denn beide sind keine großen Sänger. Das gemeinsame Abenteuer und die anregenden Gespräche treiben Myriam und Julian zueinander, sie finden sich überaus sympathisch. Am nächsten Morgen muss Myriam dann feststellen, dass Julian ihre Wohnung schon verlassen hat, – ohne Abschied zu sagen. Sie kehrt nach Paris zurück, um ihr Studium abzuschließen, er versucht in Berlin, journalistisch tätig zu werden, was ihm durch Protektion eines Freundes auch bald gelingt. Und Julian legt dann als freier Journalist eine Blitzkarriere hin, seine Artikel sind begehrt und werden gut bezahlt. Nach Abschluss ihres Studiums vermittelt in Paris der Professor von Myriam seiner hochbegabten Studentin eine Dozentenstelle bei einer Kollegin in Berlin, die sie begeistert annimmt. Ein halbes Jahr, nachdem Julian sie in Marseille ohne Hinterlassen seiner Adresse grußlos verlassen hat, treffen sie nun im universitären Umfeld Berlins schon bald wieder aufeinander, – und finden zögernd auch wieder zueinander!

Myriams Seminar zum Thema «Einführung in die postkoloniale Theorie» findet großes Interesse vor allem im maghrebinisch-französischen Teil der Studentenschaft, weil es sich dabei auch um die wissenschaftliche Bewertung der genozidartigen militärischen Angriffe auf Gaza und die völkerrechtswidrige Blockade der Zugänge dorthin handelt. Julian hingegen rechtfertigt in seinen Zeitungsartikeln die brutale israelische Vorgehensweise und weist darauf hin, dass die palästinensische Bevölkerung, wie einst auch die Deutschen, ebenfalls schuldig ist durch die «apathische Hinnahme eines Regimes wie das der Hamas oder der Nationalsozialisten». Übrigens, nicht zuletzt darauf beruht ja die bis heute gültige, so genante «Staatsdoktrin» Deutschlands, was Israel anbelangt. Als ein Freund von Julian ihn darüber informiert, dass sein Verlag einen vernichtenden Artikel über Myriams vieldiskutierte Thesen veröffentlichen will, kommt Julian dem zuvor und schreibt seinerseits eine dort veröffentlichte, gemäßigte Kritik zu den palästinenser-freundlichen, wissenschaftlichen Theorien Myriams.

Der an sich ja banale Plot einer «Romanze» ist alles andere als ein Liebesroman, er ist vielmehr ein loses Handlungsgerüst für einen vielstimmigen, akademischen Diskurs zu den Voraussetzungen und Folgen des 7. Oktobers 2023. In einer unprätentiösen, stimmigen Diktion wird da im Freundeskreis hitzig debattiert, werden unverrückbare Standpunkte definiert, und das alles ganz ohne Liebelei, ohne Romantik jedenfalls. Die Anzahl der Küsse kann man an einer Hand abzählen, und Sex findet bei diesen ‹verkopften› Millenials allenfalls mal vage angedeutet und gut versteckt zwischen den Zeilen statt! Dafür aber ist dieser intellektuell elitäre Roman eine geradezu unerschöpfliche, bereichernde Fundgrube politischer Argumentationen zum Palästina-Konflikt, – die leider allesamt verdeutlichen, dass er wahrscheinlich unlösbar bleiben wird!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Der Gärtner und der Tod

Bulgarische Scheherazade

Mit seinem aktuellen Roman «Der Gärtner und der Tod» greift der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov einen Stoff auf, der neben der Liebe zu den thematisch bedeutsamsten und philosophisch schwierigsten in der Literatur gehört, der Tod in allen seinen Aspekten. Mit vielen Kindheits-Erinnerungen ist dieses sehr persönliche Buch eine berührende Hommage an einen über Alles geliebten Vater, der ein leidenschaftlicher Gärtner war und außerdem auch ein begnadeter Geschichten-Erzähler. Das Buch ist nicht nur eine breit angelegte Studie über das Abschiednehmen, sondern auch über das Schicksal der alten Leute am Rande der Gesellschaft, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich auf dem Abstellgleis gelandet sind.

Als Roman deklariert, ist dieses Buch tatsächlich ein geradezu klassisches Memoir, also eine aus der Ich-Perspektive des Autors erzählte, nicht fiktionale Geschichte, die mit den literarischen Mitteln eines Romans gestaltet und auf einen ganz bestimmten Abschnitt im Leben des Verfassers fokussiert ist. In diesem elegischen Buch ist es das in 91 kurzen Kapiteln erzählte, qualvollen Sterben seines an Krebs erkrankten Vaters in der ersten Hälfte, während die Zeit der Trauer danach die zweite Hälfte mit dem Verarbeiten der eigenen Erfahrungen füllt. Zu denen gehörte auch eine hartnäckige Schreibhemmung, die er nur langsam überwinden konnte, um letztendlich dann das vorliegende Memoir schreiben zu können. Dabei nimmt der Garten die Funktion eines zweiten Erzählfadens ein, denn der war es, der dem Vater nach dem ersten Erkennen seiner Krebserkrankung zusammen mit einer erfolgreichen Behandlung wieder auf die Beine geholfen und seinen Lebensmut regelrecht beflügelt hat. Bis nach 17 Jahren der Krebs dann erneut auftrat und das Ende in wenigen Monaten unabweisbar vorgezeichnet war. In vielen Rückblenden wird der Vater als stets gutgelaunter, positiv denkender Mensch geschildert, der für jede Gelegenheit die passende Anekdote parat hatte und allen Widrigkeiten des Lebens mit der immergleichen Floskel «halb so wild» den Schrecken nahm.

«Einen Tod zu erzählen ist nicht leichter als ihn zu erleben», heißt es an einer Stelle, wozu der Autor trickreich mit allerlei Zitaten aus Literatur und Mythologie aufwartet. Da wird beispielsweise der Hund von Odysseus erwähnt, der halbtot schon bei dessen Rückkehr gerade noch die Kraft hat, freudig mit dem Schwanz zu wedeln, was soviel wie «ich habe dich erwartet, nun kann ich sterben» bedeute. Oder er erwähnt einen Besuch am Grab von Thomas Mann inmitten aromatisch duftender, von Bienen umsummter Kräuter, analog zum Garten seines Vaters und dessen Grabstätte. In einer Anekdote erzählt eine Frau, sie sei vom Handy ihres vor zwei Tagen beerdigten Mannes aus angerufen worden, welches sie ihm aber doch, auf seinen Wunsch hin, mit in den Sarg gelegt habe. Das kann tatsächlich technisch vorkommen, erklärt ihr ein junger Mann, «da können Sie nur beim Friedhof anrufen, – oder bei der Polizei». Zum Thema Unkraut, mit dem der Vater permanent im Krieg war, wirft der Autor verschmitzt die Frage auf, was eigentlich mit dem Garten Eden passiert sei, nachdem Adam und Eva ihn verlassen mussten, «hat das Unkraut auch ihn überwuchert?»

Viele amüsante Anekdoten aus dem Leben dieses Vaters konterkarieren die drückend über allem liegende Elegie, er hat sich zeitlebens auch oft über sich selbst lustig gemacht. Damit hat er wohl besonders in der letzten Phase seiner Erkrankung immer wieder instinktiv versucht, wie Scheherazade sein Leben zu verlängern. In seiner Poesie der Trauer ist der Autor ständig auf der Suche nach den richtigen Worten, an der er auch seine Leser teilnehmen lässt. Was manchmal aber gehörig daneben gehen kann, wenn es am Anfang beispielsweise heißt: «Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten». Den Motiven Schmerz, Tod, Trauer und Melancholie steht bei diesem bulgarischen Autor die Wirkung von Sprache als wichtige narrative Thematik bereichernd gegenüber!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Memoir
Illustrated by Aufbau Berlin

Vaim

Eine Stimme für das Unsagbare

Der neueste Roman des norwegischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Jon Fosse mit dem Titel «Vaim» reiht sich ein in sein umfangreiches und vielseitiges Œuvre mit zumeist melancholischer Prägung. In der Begründung des Stockholmer Komitees heißt es, der Preis werde ihm verliehen «für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme verleihen». Mit diesem aktuellen Roman, der als erster einer Trilogie angekündigt wurde, hat der Autor seinem Schreiben eine bisher ungewohnte Leichtigkeit beigemischt, die neugierig macht auf die Folgebände.

Die dreiteilig aufgebaute Geschichte beginnt mit einer Bootsfahrt von Jatgeir, ein älterer Junggeselle, der in dem kleinen Ort Vaim lebt. Er fährt in die Stadt Bjørgvin, hauptsächlich um dort Nadel und Faden zu kaufen, mit denen er lose gewordnen Knöpfe seiner Kleidung annähen will, denn hier auf dem Land ist so etwas nirgends aufzutreiben. Aber auch in der Stadt muss er lange suchen, bis er endlich auf einen Laden stößt, in dem die Verkäuferin dem unbeholfen wirkenden Mann eine halbleere Garnrolle und eine Nähnadel anbietet. Sie will dafür 250 Kronen haben, ein unverschämt hoher, völlig überzogener Preis, den er aber notgedrungen zahlt, weil er nicht mit leeren Händen heimfahren will. Auf dem Rückweg macht er einen spontanen Zwischenstopp auf der kleinen Insel Sartor und hört nachts verdutzt in seiner Kabine, wie eine Frau vom Anleger aus seinen Namen ruft. Es ist Eline die er flüchtig aus der Jugend kennt, mit der er aber nie ein Wort gesprochen hat. Jatgeir hat sie immer nur aus der Ferne bewundert und vor Jahren dann sein Boot nach ihr benannt. «Ich hatte ja gehört, dass Eline irgendwo auf Sartor wohnen solle, aber jetzt hatte ich wohl geradezu Halluzinationen, es konnte doch nicht meine alte heimliche Liebe da stehen und zu meiner Schnigge runterschauen, an deren Steuerhaus auf beiden Seiten so stolz Eline stand, jetzt stand Eline da, denn es war tatsächlich sie, die ohne ihr Wissen meiner Schnigge den Namen gegeben hatte, denn ich hatte ja nie, natürlich nie, Eline etwas von meinen Gefühlen für sie verraten, nie, niemals im Leben hätte ich es gewagt, so etwas zu einer Frau zu sagen, nein so war ich nicht gemacht, ich nicht». Sie war weggezogen und hatte dann einen Fischer geheiratet. Nun steht sie vor ihm. Sie habe gerade ihren Mann verlassen, erklärt sie, und nur einen einzigen Koffer mitgenommen. Und sie bringt den völlig verdutzten Jatgeir schließlich auch noch dazu, jetzt sofort, noch in der Nacht, mit ihr nach Vaim aufzubrechen, in ihre alte Heimat, – und ihm dämmert es, dass sie dort bei ihm wohnen wird!

Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu dem frömmelnden Elias, dem einzigen Freund von Jatgeir, der ebenso verhaltensgestört ist wie er, was soziale Bindungen anbelangt. Elias ist zutiefst verunsichert durch diese Frau, die da plötzlich bei seinem besten Freund wohnt, und steigert sich in Phantasiewelten hinein in seiner Angst, Jatgeir auf Dauer zu verlieren als Freund. Im dritten Teil berichtet Olav ganz unchronologisch von der Vorgeschichte der beiden Erzählungen. Wie er im Gasthof auf Sartor mit zwei Fischern einen ertragreichen Fang feiert und plötzlich eine Frau vor ihm steht, die sich als Eline vorstellt und ihn Frank nennt trotz seiner Proteste, weil er in Wahrheit ja Olav heißt. Sie ist es auch, die ihn zum Tanz auffordert, ihm nicht mehr von der Seite weicht und es schließlich so weit bringt, dass der eingefleischte Junggeselle sie heiratet.

In einem entfernt an Thomas Bernhard erinnernden, hypnotischen Stil wird hier extrem repetitiv, in kreisenden Schritten quasi, eine Dreiecksgeschichte erzählt, die tief in die Psyche der drei männlichen Ich-Erzähler verweist, mit der dominanten Eline als motivisches Zentrum, als eine Art klassischer Schicksalsengel. All das wird in einem einzigen Satz erzählt, als ein meditativer Gedankenstrom der Figuren, durch den man zu kontemplativem Mitdenken angeregt wird. «Das Allerwichtigste ist für mich der Rhythmus und der Sprachfluss» hat der Autor zu seinem sehr speziellen, poetischen Erzählstil erklärt, der aber auch amüsante Züge aufweist. Wer sich darauf einlässt, wird von einem Lesesog mitgerissen, der inhaltliche Irritationen schnell vergessen lässt.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

All das zu verlieren

Listige Subjekt/Objekt-Umkehr

Der im Original zwei Jahre vor ihrem preisgekrönten Bestseller erschienene Roman «All das zu verlieren» der französischen Schriftstellerin mit marokkanischen Wurzeln hat eine brisante Thematik. Es geht um die verhängnisvolle Sexsucht einer saturierten Frau aus dem Mittelstand, die bei ihr zur fatalen Obsession wird und zur Bedrohung für ihr wohlgeordnetes Leben. Dieser Roman zeigt schon mit dem Titel auf, welche erschreckenden Folgen dieser Frau durch ihre Sucht drohen, die aber partout nicht davon lassen kann, so wie der Raucher nicht vom Tabak oder der Trinker nicht vom Alkohol.

Adèle ist eine schlecht bezahlte Journalistin Anfang dreißig und arbeitet bei einer Tageszeitung in Paris. Sie ist mit dem erfolgreichen Chirurgen Richard verheiratet und hat mit ihm einen kleinen Sohn. Ihr Leben aber plätschert ihrer Empfindung nach höhepunktarm vor sich hin, und das gilt insbesondere auch für das Sexleben mit ihrem überarbeiteten Mann. Als attraktive Frau hat sie reichlich Verehrer und potentielle Liebhaber, aber sie sucht nicht nach der lang anhaltenden Liaison. Sie will den schnellen und ungeplanten Sex mit ständig wechselnden Zufalls-Bekanntschaften, gern auch an den unmöglichsten Orten. Sie sehnt sich nicht nach attraktiven, sympathischen Männern aus ihrem Milieu, auch wenn sie während der Weihnachtsfeier ihrer Redaktion mit ihrem Chef auf dem Tisch im Besprechungszimmer einmalig flüchtigen Verkehr hatte. Sie will lieber unterworfen werden, von hässlichen, groben Männern rücksichtslos und hart genommen, gequält und geschlagen werden, je erniedrigender für sie, desto besser! Sie trifft oft in der U-Bahn auf ihre Zufalls-Sexpartner, und die lassen sich auch nie lange bitten. Damit bricht die Autorin radikal mit der gängigen Vorstellung von Frauen, die mühsam erobert werden müssen von potentiell dazu jederzeit bereiten Männern. Im Roman aber ist das anders herum, Adèle möchte willfähriges Objekt sein, nicht dominierendes Subjekt, und genau aus dieser ungewöhnlichen Perspektive heraus wird hier auch erzählt.

Nachdem sie damit begonnen hat, entgleitet Adèle schnell die Kontrolle. Es wird immer schwerer für sie, die körperlichen Spuren ihrer Ausschweifungen zu verdecken, die Eskapaden ihres haltlosen Doppellebens terminlich irgendwie unterzubringen. Dabei hilft ihr eine gute Freundin, die nicht nur als Babysitterin einspringt, wenn es gar nicht anders geht, sondern ihr auch mit Alibis behilflich ist. Für ihre Terminplanung benutzt Adèle ein geheimes zweites Handy, das ihr Ehemann eines Tages zusammen mit ihrem Sextagebuch findet. Wutentbrannt will er sie auf die Straße setzen, einen klaren Schnitt machen. Aber eine familiäre Feier wenige Tage später bringt ihn dazu, erst mal abzuwarten, den peinlichen Skandal schließlich auf danach hinaus zu schieben. Durch einen spontanen Umzug der Familie aufs Land wird Adèle letztendlich gnadenlos aus ihrer fatalen Situation heraus gerissen, sie darf nicht mehr nach Paris und fügt sich antriebslos dem Diktat ihres Mannes, der sie denn auch in psycho-therapeutische Behandlung schickt.

Eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen für das ungewöhnliche Sexualverhalten dieser saturierten Ehefrau bleibt der Roman aber schuldig. Die Autorin hat sich relativierend in der Süddeutschen Zeitung dahin gehend geäußert, dass nur etwa 5 Prozent der wenigen von Sexsucht befallenen Menschen weiblich sind. Das Romanthema beschreibt also ein je nach Definition des Begriffs extrem seltenes Phänomen, hinter dem sich, wie auch hier im Roman, eine existentielle Einsamkeit verbirgt, die sich dann in unkonventionellem Sex ein Ventil sucht. Dieser leicht lesbare Roman, der ebenso häufig wie fälschlich mit «Madame Bovary» verglichen wird, leidet ein wenig an seinen vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, letztendlich aber auch an den irgendwann doch zuviel werdenden, drastisch geschilderten Sexszenen, die besonders im ersten Teil dominieren. Und ob es für Adèle eine Heilung gibt von ihrer psychopathischen Störung oder nicht, das lässt der Roman listig offen.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Malnata

Deutschlandfunk trifft’s

«Malnata», der erste Roman der jungen Schriftstellerin Beatrice Salvioni, erinnert thematisch stark an Elena Ferrantes Bestseller «Meine geniale Freundin». Prompt ist auch hier wieder ein Hype um dieses von den italienischen Feuilletons hoch gelobte und in 35 Sprachen übersetzte Buch entbrannt. Und auch hierzulande waren die Leserkommentare euphorisch, ganz im Gegenteil dazu haben jedoch die deutschen Print-Medien diesen Roman komplett ignoriert, die einzige Buchbesprechung im Perlentaucher stammt jedenfalls vom Deutschlandfunk Kultur und ist ein regelrechter Verriss. Das Buch sei schlicht und ergreifend ein Trivialroman, erklärt der Buchkritiker Christoph Schröder dort in seinem Radiobeitrag! Kann das wahr sein, fragt man sich als irritierter Leser.

Historischer Hintergrund dieser Erzählung ist der Faschismus in Italien und der von Mussolini angezettelte Abessinenkrieg. Die titelgebende «geniale» Freundin in Ferrantes Roman ist bei Salvioni eine «unheilbringende», und so wird Maddalena von allen im Ort auch nur«Malnata» genannt. Manche bezeichnen das selbstbewusste, unangepasste Mädchen, das uns da vom Buchcover her so wütend anblickt, sogar als Hexe, weil in ihrer Anwesenheit schon schreckliche Unfälle passiert sind. Francesca hingegen, die zwölfjährige Ich-Erzählerin und Protagonistin des vorliegenden Romans, stammt aus so genanntem ‹gutem Hause› und wird von ihrer naiv religiösen Mutter streng erzogen. Unterschiedlicher könnten die beiden Mädchen gar nicht sein, aber trotz aller Warnungen werden sie beste Freundinnen. Der vierteilige, im Jahr 1935 in der Lombardei angesiedelte Roman beginnt gleich im Prolog mit einem erzählerischen Paukenschlag: Ein zu den strammen Faschisten gehörender junger Mann versucht, am Ufer des Lambro die brave Francesca zu vergewaltigen. Deren Freundin, die böse «Malnata», kommt ihr zur Hilfe und erschlägt schließlich den Übeltäter im Kampf, – bringt also, ihrem Ruf entsprechend, Unheil.

Maddalena ist ein Freigeist par excellence, unangepasst, kampfeslustig, immer schmutzig, immer zum Widerspruch bereit, sie lässt sich von niemandem etwas sagen. Frech wie sie ist stielt sie zum Beispiel mit Hilfe zweier Jungen, die sie wie Schatten überall begleiten und ihr aufs Wort gehorchen, beim Obsthändler einen ganzen Korb Kirschen. In der Schule sitzen die brave Francesca und die aufmüpfige Maddalena nebeneinander in der ersten Reihe. Auf Wunsch ihres älteren Bruders nämlich soll die «Malnata» unbedingt die Schule absolvieren, wozu sie eigentlich gar keine Lust hat. Aber sie fügt sich ausnahmsweise mal und strengt sich sogar an. Francesca, die gute schulische Leistungen zeigt, hilft ihr nach Kräften dabei. Es kommt zum Eklat, als bei der allmorgendlich zur Begrüßung im Stehen heraus geschmetterten Hymne zu Ehren des Duce Maddalena einfach sitzen bleibt und schweigt. Francesca sagt die Hymne zwar brav auf, fügt aber hinterher noch eine recht kritische Bemerkung zum Faschismus hinzu. Maddalena muss die Schule sofort verlassen, Francesca aber kommt noch mal mit einem blauen Auge davon.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse wird in dieser Coming-of-Age-Geschichte über die Rollen-Erwartungen berichtet, mit denen sich junge Mädchen damals zunehmend konfrontiert sahen. Ihr Kampf um ein selbst bestimmtes Leben beinhaltet auch ihre Auflehnung gegen die gesellschaftliche Scheinheiligkeit in sozialer und religiöser Hinsicht. Diese Loyalitäts-Konflikte kulminieren in einem nebelhaften Ende, das zumindest andeutet, dass die beiden Mädchen im Kern ja Recht habenund der Vergewaltiger seinen Tod selbst herauf beschworen hat. Als Melodram allerdings kann der Roman nicht überzeugen, allzu viele Klischees werden da bemüht, die grotesken Figuren wirken seltsam ambivalent, und das Setting des Romans in Mussolinis Italien ist definitiv zu weit hergeholt als passende historische Kulisse. Der Deutschlandfunk hat letztendlich also doch Recht mit seiner literarischen Zuordnung!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Viva l´Anarchie: 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno

Viva l´Anarchie!

Viva l´Anarchie. Die zumindest theoretische Möglichkeit, dass sich der spanische Anarchist Buenaventura und der ukrainische Aufständische Nestor Machno tatsächlich in Paris getroffen haben, besteht. In vorliegendem Comic von Vater und Sohn Loth versammeln sie sich an einem Tisch und diskutieren die Zukunft der Anarchie. Ein politischer Comic ohne Zeigefinger.

Die Anarchisten der Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die legendäre Machnowschtschina (1917 bis 1921, eigentlich von den Trotzkisten abschätzig verwendete Bezeichnung) bestand nach dem bolschewistischen Oktoberputsch in Teilen der heutigen Ukraine und lehnte sich gegen Zentralismus und Kriegskommunismus auf. Aber Nestor Machno musste fliehen, da seine Bewegung sowohl gegen die Angriffe von Außen durch die Roten als auch die Weißen und im Inneren gegen die Kosaken nicht bestehen konnte. Leo Trotzki als Führer der Roten Armee schlug die Machnowschtschina nieder. Es hätte also – weiterhin theoretisch – die Möglichkeit bestanden, dass Durruti aus den Erfahrungen Machnos für den bevorstehenden spanischen Bürgerkrieg (1936-39) etwas lernen hätte können oder sogar gelernt hat. Beide “Experimente” scheiterten ohnehin, Spanien auch deswegen, weil sich die konsolidierte Sowjetunion in den Bürgerkrieg einmischte.

Viva l´Anarchie: Freiheit ohne Gewalt

Das Vaterland, aber auch die Religion, die vermeintliche Identität der Menschen, all diese Illusionen führen zum Krieg“, bemerkt die Anarchistin Galina Kouzmenko am Tisch zu Durruti und Machno, denn eigentlich steht der Anarchismus für Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit (“An” als Verneinung von “Archia“). Was viele von der Bewegung inspirierte Idealisten allerdings nicht vom Bombenlegen abhielt. Denn allein durch Diskussionen verändert sich bekanntermaßen nichts. Obwohl natürlich die Revolution im Kopf beginnt, wie die Anarchistin Galina es ausdrückt: “Durch Bildung!” Galina Kouzmenko war während der Machnowschtschina Ministerin für Bildung und gerade einmal 35 Jahre alt. Doch dies ist ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld bedarf. Der zweite Band von Viva L’Anarchie! ist ebenfalls bereits erschienen und setzt die spannenden Erzählungen von Machno und Durruti fort. Letzterer führte als “Propagandaktionen” bezeichnete Banküberfälle durch, um die anarchistische Bewegung zu unterstützen, bevor er im Spanischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle spielte. Viva l´Anarchie ist eine interessante Begegnung für lange Diskussionsabende am Küchentisch. Dort wo die meisten Rebellionen und Revolutionen geboren werden und – sterben.

Bruno Loth, Corentin Loth
Viva l´Anarchie
1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno
Aus dem Französischen von Maria Rossi
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 23 • 30cm, 80 Seiten
ISBN 978-3-903478-33-6
Bahoe Books
€ 22,00


Genre: Comic, Geschichte, Politik
Illustrated by Bahoe Books

Unterwegs nach Chevreuse

Anschreiben gegen das Vergessen

Im umfangreichen Werk des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano greift der 2022 erschienene Roman «Unterwegs nach Chevreuse» erneut eine Thematik auf, die typisch ist für diesen Autor. Auch dieser 157 Seiten schmale Band macht sich nämlich als eine Art Erinnerungs-Krimi wieder auf die «Suche nach der verlorenen Zeit», eine deutliche Referenz an den berühmten Kollegen Marcel Proust. Und so hat denn auch Jean Bosmans, der Protagonist des vorliegenden Romans, seine Jugend im Pariser Stadtteil Auteuil verbracht, jenem noblen Viertel, wo Proust geboren wurde. Anders als bei diesem großen Kollegen geht es bei Modiano allerdings nicht sehnsuchtsvoll um die Erinnerung als Thema, sie scheint hier vielmehr toxisch zu sein, jedenfalls äußerst rätselhaft und unheimlich zugleich.

Der zwanzigjährige, angehende Schriftsteller Jean Bosmans, alter Ego des Autors, lernt Mitte der Sechzigerjahre auf seinen endlosen Streifzügen durch die französische Metropole die rätselhafte Camille kennen. Sie ist 2 Jahre älter als er, verkehrt in obskurer Gesellschaft und trägt den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Totenkopf». Eines Tages animiert sie ihn, sie auf einem kurzen Trip ins südlich gelegene Chevreuse-Tal zu begleiten, wo sie und ihre Freundin Martine in einem verschlafenen Dorf ein Haus besichtigen wollen, das die Freundin eventuell zu mieten beabsichtigt. Ihm dämmert, dass dieser Ausflug kein Zufall ist, denn in eben diesem Haus hat Jean Bosmans seine Jugend verbracht. Und dort war es auch, wo er vor fünfzehn Jahren als Kind beobachtet hat, wie im Dachboden Handwerker tätig waren, um dort eine Mauer einzuziehen. Nach und nach ergeben sich weitere Details, die der Protagonist wie ein Puzzle zusammensetzt, welches allmählich auf ein verschwörerisches Komplott gegen ihn hindeutet. Die beiden Frauen wollen ihn scheinbar mit drei Ganoven zusammenbringen, die wohl ein ganz besonderes Interesse an dem Haus im Chevreuse-Tal haben.

Mit vielen in seine Erzählung eingestreuten Details ohne zunächst erkennbaren Nutzen entwickelt der Autor auf subtile Art ein Geflecht der Erinnerungen, das zuweilen sogar ins Traumhafte und Mystische abgleitet. Da werden Gegenstände wie ein Feuerzeug mit extrem hoher Flamme beschrieben, ein gravierter Globus, der Jean in der Schule gestohlen wurde, eine Armee-Armbanduhr mit erstaunlich vielen Funktionen und anderes mehr. Zu dieser Sammlung von erinnerten Indizien gehören auch die zum Teil wechselnden Namen von undurchschaubaren Leuten, die sich einst täglich, wie auch Camille, zu nächtlicher Stunde in dem Haus getroffen haben, ohne dass klar wird, was diese Geselligkeit bezweckte. Tagsüber nämlich war dort die Gouvernante Kim anzutreffen, wie Jean feststellt, die das Kind des allein lebenden René-Marco Heriford betreut, der aber fast nie anwesend ist, – eine durchaus merkwürdige Parallelwelt! Und der Autor deutet auch an, dass einst die Polizei Haus und Garten gründlich durchsucht habe, ohne allerdings etwas zu finden. Scheibchenweise kommt schließlich heraus, dass sich die drei Männer, die tatsächlich dringend den Kontakt zu Jean Bosmans suchen, im Gefängnis kennen gelernt haben.

Das Echo auf die Bücher von Patrick Modiano ist in deutschen Leserkreisen eher verhalten. Sein Stil ist auch hier von Redundanzen geprägt, die dem Plot eher flirrend oder schwebend erscheinen lassen, also nur auf Umwegen zum Ziel führend. Gleichwohl ist «Unterwegs nach Chevreuse» ein spannender Roman, der mitdenkenden Lesern schon früh versteckte Hinweise liefert, um mit detektivischem Gespür zu erahnen, worum es hier in Wirklichkeit geht. Letztendlich ist der Protagonist selbst der Autor dieses autofiktionalen Romans, wir erleben die Recherchen dafür hautnah mit. Er stellt gekonnt das zeitlich verschachtelte Anschreiben eines Schriftstellers gegen das Vergessen dar. Der siebzigjährige Jean erinnert sich an den zwanzigjährigen, der sich in seinem Buch an den fünfjährigen Jean erinnert. Und wer dabei mitdenkt als Leser, wird tatsächlich angenehm unterhalten.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Minnesota

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbø, berühmt geworden mit seiner Reihe um den charismatischen Ermittler Harry Hole, wählt mit dem US-Bundesstaat Minnesota einen Schauplatz, der ausgerechnet in den Tagen der Buchpremiere traurige Berühmtheit erlangt. Nesbøs blutige Story spielt in Minneapolis, der an den Ufern des Mississippi River gelegenen Metropole, die schon vor dreißig Jahren wegen ihrer extremen Tötungsrate mit dem Beinamen „Murderpolis“ bedacht wurde.

Die brutale Tötung des schwarzen Jugendlichen George Floyd, der am 25.05.2020 von einem Polizisten zu Boden gedrückt und erstickt wurde, löste die Protestbewegung „Black Lives Matter“ aus. Und während ich Nesbøs Kriminalroman verschlinge, werden unbewaffnete Bürger von Trumps „ICE“ auf offener Straße getötet. Der norwegische Bestsellerautor hat offenbar einen sicheren Instinkt für Orte, an denen der Sensenmann regiert.

Mit Bob Oz führt Nesbø einen neuen Ermittler ein, der seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr er selbst ist. Seine Frau Alice hat ihn verlassen, Freunde haben sich zurückgezogen. Oz ist – wie Harry Hole – ein vom Leben hart gebeutelter einsamer Wolf mit Hang zu Frauen und Alkohol, dazu ein gestörtes Verhältnis zu Autorität und Vorgesetzten. In Minneapolis jagt der Detective einen raffinierten Mörder, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führt.

Der Roman beginnt als Protokoll eines Erzählers, der durch die Stadt streift, um die Geschichte eines länger zurückliegenden Mordfalls zu rekonstruieren. Mit diesem Kniff versteht es der Autor, die Leser in eine atmosphärisch dicht geschilderte Welt hineinzusaugen und die Spannung so beharrlich zu steigern, bis man nicht mehr aussteigen kann.

Nesbøs psychologisches Thema ist traumatische Einsamkeit. Ein solches Trauma entsteht, wenn man jemanden verliert, von dem man glaubte, sein ganzes Leben mit ihm verbringen zu können – eine feste Überzeugung, gespeist aus dem Leben, das man bis dahin geführt hat. Dieser Verlust reißt Wunden auf, und die Einsamkeit hält einen im Trauma gefangen. Nesbø spricht von „Verlassenheitswut“: ein Gefühl, das an ein früheres Trauma rührt und die Wut wieder zum Leben erweckt. Dann geschieht alles, was früher geschehen ist, noch einmal. Die ganze Last der Erfahrungen ist plötzlich wieder da – und die bis dahin festgefrorene Trauer explodiert in wütender Rache. Die dabei freigesetzte Gewalt ist oft extrem.

Oz scheint den Täter in seiner Gefühlsstruktur zu verstehen. Doch der ist ihm stets einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, legt falsche Fährten, hinterlässt irreführende Spuren. Erst als bekannt wird, dass ein Anschlag auf den Bürgermeister geplant ist, fällt es Oz wie Schuppen von den Augen, wen er vermeintlich – und wen er tatsächlich – jagt.

Nesbø ist ein großartiger Kriminalroman gelungen: spannungsgetrieben, mit psychologischem Tiefgang, und zugleich beweglich genug, sich durch ein gesellschaftliches Szenario zu arbeiten, das sich aktuell chaotisch aufzulösen scheint. Der Meister des packenden Erzählens zeigt, dass es möglich ist, mit wenigen Federstrichen politische Entwicklungen anzudeuten – und sie im selben Moment zur Diskussion zu stellen.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Ullstein