Der Autor ist Psychiater und Psychotherapeut in einer Berliner Klinik und leitet in der Charité den Forschungsbereich Affektive Störungen. Sein neues Projekt ist das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik, welches die Auswirkungen des Stadtlebens auf die Strukturen des Nervensystems untersucht. Aufgabe des Gehirns ist „dafür zu sorgen, dass sich sein Besitzer an Gegebenheiten seiner Umwelt anpassen kann.“
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Stress and the City Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind
Gleißendes Licht
Recherche ohne Ergebnis
Marc Sinan, der Musiker und Komponist mit türkisch-armenischen Wurzeln, hat mit «Gleißendes Licht» einen Debütroman vorgelegt, der den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Als Thema ein Tabu in der Türkei, hartnäckig geleugnet bis zum heutigen Tage auch vom derzeitigen Präsidenten Erdoğan, ist dieser erste Genozid des Zwanzigsten Jahrhunderts jedoch vielfach belegte Tatsache, die bis heute nachwirkt. Mit diesem autobiografisch inspirierten Roman liegt nun erneut ein Werk vor, das dieses mehr als hundertjährige Trauma literarisch aufgreift. «Die Wahrheit ist kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hinein fällt», lautet denn auch ein vorangestelltes Zitat von Robert Musil.
Gleich am Anfang wird berichtet, wie im Jahre 1915 der kräftige türkische Hilfssoldat Hüseyin allein ein Boot mit einigen Soldaten und vierzehn armenischen Kindern von Ordu aus auf das Schwarze Meer hinausrudert. Irgendwann soll er stoppen, und dann hört er einen tiefen Schlag und das Aufklatschen eines Körpers auf das Wasser, – das wiederholt sich vierzehn Mal hintereinander, eine kaltblütige Exekution. Hüseyin verdrängt dieses alptraumartige Erlebnis, heiratet später eine armenische Waise und lebt recht gut vom Export von Haselnusskernen, bis ihm kriegsbedingte Import-Beschränkungen das Geschäft verdorben haben. Er verlegte sich auf die Herstellung von Tran, den er aus dem Fang von Delphinen und Schweinswalen gewinnt. Aber auch darauf lag ein Fluch, seine Frau Anneanne wollte ihn davon abbringen, es sei eine Sünde, diese Tiere zu jagen. Und auch hier ging es bald bergab, schon nach zwei Jahren war er wieder ruiniert.
In einem weiteren Handlungsstrang wird unter der Überschrift «München 1986 bis 1992» von Kaan erzählt, zweiter Protagonist des Romans und in vielem Alter Ego des Autors, der Enkel von Hüseyin. Er hat als Gitarist ein Stipendium bekommen und reist nun zu ersten Mal in seinem Leben nach Istanbul. Bis dato war Kaans Münchner Leben in einem Reihenhaus völlig unspektakulär gewesen, sei Vater war Ingenieur bei Siemens, seine Mutter technische Zeichnerin in der gleichen Abteilung. Nur, Kaans Mutter, hatte binnen eines Jahres fließend Deutsch sprechen gelernt und ihren eher unspektakulären, aber gut aussehenden Mann geheiratet, weil sie wusste, dass er kein Macho ist und immer loyal zu ihr stehen würde. Das Leben von Opa Hüseyin und seinem Enkel Kaan könnte unterschiedlicher nicht sein, gleichwohl aber wurden die traumatischen Erlebnisse von 1915 auf rätselhafte Weise über Jahrzehnte und zwei Generationen hinweg bis in die Jetztzeit weitergereicht. Der inzwischen vierzigjährige Kaan trägt unermüdlich Indizien dafür zusammen, wobei die Handlung in weiten Sprüngen die Zeit vom Bosporus bis nach New York, vom Schwarzen Meer bis nach dem München der 1980er Jahre durcheilt. «Schreib endlich die Geschichte auf«, sagt der Großvater, «Schreibe, damit du sie vergessen kannst. Denn nur im Vergessen besteht die Chance zu überleben».
Es ist eine latent in Kaan schlummernde Aggressivität, die ihn letztendlich zum Schreiben veranlasst, außerdem seine ständige Selbstüberforderung als Musiker, aber auch eine geradezu toxische Liebesunfähigkeit. Der Leser wird Zeuge eines Schreibprozesses, bei dem der Autor mit der detektivischen Kleinarbeit seines Protagonisten wirkungsvoll einen Spannungsbogen aufbaut. Leider bleibt sein Held aber bis zum Schluss als Figur unsympathisch, die in vielen Zeit- und Orts-Sprüngen fraktionell erzählte Geschichte ist zudem schwer durchschaubar und wirft mancherlei Fragen auf, die sie nicht beantwortet. Wie andere, thematisch vergleichbare Romane (Alex Schulman – Verbrenn all meine Briefe) bleibt auch dieser hier die Antwort schuldig, wie sich ein kühn behauptetes, generationen-übergreifendes Weiterreichen von Schuld denn psychologisch erklären lasse, – Marc Sinans wortreiche Recherche bleibt jedenfalls ohne Ergebnis!
Fazit: mäßig
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Achtsamkeit. 100 Seiten: Tips zur Entschleunigung
In diesen miesen Zeiten, in denen Emotionen ständig getriggert werden, sinnlose Ablenkungen und Zerstreuungen über uns hereinbrechen und “immer mehr medial vermittelt, aber immer weniger real erlebt wird“, ist es dringend notwendig, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Fokus zu finden und alles Überflüssige wegzulassen. “Entschleunigung” ist wieder angesagt!
Fokus statt Multitasking
Gelassenheit resp. Achtsamkeit (auf Englisch übrigens: mindfulness) muss als Kompetenz erst wieder neu erlernt werden. Früher wollte man “Multitasking” sein, heute ist genau das der Denkfehler. Denn Achtsamkeit lässt sich nur dann erreichen, wenn man sich auf genau das konzentriert, was man in dem Moment gerade macht. Das verlängert btw auch das Leben, denn wer ganz im Moment lebt, dessen Zeit (ver)fließt langsamer. “Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum“, schrieb schon Viktor Frankl und genau diesen Raum wollen wir uns wieder zurückerobern, so auch Hammer. Ein Ende der Dauerstimulation durch Bildschirme, Brillen, EarPods oder Kopfhörer kann nur durch Dissoziation erreicht werden. Der erste wichtige Schritt ist wohl eine strikte Trennung der Off- und der Onlinezeiten und ein damit verbundenes achtsames Atmen. Denn der Atem ist “ein äußerst stabiles Seil auf dem Weg“, weiß Hammer. Hirnforscher Daniel Siegel brachte es auf die Formel COAL: Curiosity, Openness, Acceptance und Love, in der Zen-Tradition auch “shoshin” oder “Anfängergeist” genannt, denn wie ein Kind mit offenen Augen sollten wir immer neugierig, staunend und interessiert das betrachten, was uns umgibt. So kann es auch hilfreich sein, seine Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen, statt ihnen allzu sehr nachzuhängen. Die Bahnhof-Metapher passt da auch ganz gut.
Wieder über die Welt staunen
Statt einer Verschmelzung mit den Gedanken (also Fusion oder Verschmelzung) plädiert Hammer für eine De-Fusion wie in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Denn Gedanken, die Emotionen hervorrufen sind gar flüchtige Gesellen, “vorübergehende Phänomene, die kommen und gehen wie Wellen“. Um die Amygdala (Steuerung von Flucht/Kampf-Reaktion) zu beruhigen, reicht es oft schon, etwas Selbstmitgefühl zu entwicklen. Auch im Umgang mit sich selbst könne das für das Glück so notwendige Oxytocin ausgeschüttet werden. Matthias Hammer lenkt in seinen 100 Seiten Achtsamkeit also nicht nur unsere Gedanken in neue Bahnen, sondern empfiehlt auch einige Übungen, die uns dabei helfen können, “auf den Wellen zu reiten“. So kann man das altbekannte “Craving“, das nicht nur für Drogensucht, sondern für alle Süchte verwendet wird, etwa damit umgehen, dass man Handlungen neu kodiert. Statt zum Handy zu greifen also ein Glas Wasser trinkt oder durch Meditation zum Digital Detox kommt. Als kleine Meditationsanleitung reicht es oft schon, eine Pause zu machen, durchzuatmen oder einfach ein freundliches Wort an jemanden zu richten. Zum Beispiel sich selbst. Alles in allem also eine wertvolle Lektüre deren vollen Wert man erst ermessen kann, wenn man es selbst einmal ausprobiert hat und so eine wirkliche Kompetenz für die Zukunft entwickelt: abschalten.
Matthias Hammer
Achtsamkeit. 100 Seiten
Entschleunigung und Gelassenheit als Kompetenz für die Zukunft
2026, Taschenbuch, 100 Seiten, 4 farbige Abbildungen, 1 Schaubild
ISBN: 978-3-15-020796-3
Reclam
12,00 €
Verbrenn all meine Briefe
Roman im Roman
Der in Deutschland wenig bekannte Schriftsteller Alex Schulman hat mit seinem autobiografischen Roman «Verbrenn all meine Briefe» nur vordergründig einen Liebesroman geschrieben. Tatsächlich geht es in der spannenden Erzählung des Autors um ein lange zurückliegendes Drama, das seine Spuren über drei Generationen hinweg in seiner eigenen Familie hinterlassen habe. Der in Schweden sehr populäre Bestseller-Autor gilt als Spezialist für schwierige Familienverhältnisse, wie schon ein Blick auf die Titel seines Œuvres erahnen lässt. Im vorliegenden Roman nun geht es um eine mehr als fünfzig Jahre und über drei Generationen zurückliegende, geheime Liebe, die kaum erklärliche, stattdessen aber katastrophale Folgen in seiner Familie gezeitigt habe, von denen er sich selbst betroffen sehe.
Der Prolog zum Roman beginnt mit dem Satz: «Ich weiß nicht, wie oft ich das noch ertragen kann». Bei einer heftigen Auseinandersetzung mit seiner Frau hat der Ich-Erzähler Alex vor Zorn eine Pfanne samt Inhalt gegen die Küchenwand geworfen. Entsetzt sieht er die Angst in den Augen seiner Frau, und auch seine drei Kinder sind ziemlich verstört nach dem Vorfall. Er erkennt, dass er mit seiner inneren Wut ungewollt einen tiefen Graben zu seiner Frau aufreißt und beschließt, dagegen anzugehen, die Ursachen dafür zu ergründen. Ein typisches Beispiel für diese familiären Spannungen war unlängst die Einladung seines Onkels, Weihnachten bei ihnen zu verbringen. Wie oft bei solchen «friedliche Festen» kommt es dabei zu einer heftigen Auseinandersetzung mit den Verwandten. Wutentbrannt beschließen die Eltern, unter dem Motto «Nie wieder» mit den Kindern am nächsten Morgen ohne Abschied vorzeitig abzureisen.
Den Grund für dieses tief sitzende Unbehagen vermutet Alex in der Vergangenheit seiner Familie. Er beschließt, nach den Ursachen zu forschen und beginnt bei seinen Großeltern, die sich im Sommer 1932, also vor 68 Jahren, bei einem Aufenthalt in der Sigura Literatur-Stiftung anlässlich eines Symposiums kennen gelernt haben. Der erfolgreiche Schriftsteller Sven hat dort ein Stipendium erhalten und will die Zeit nutzen, im für diese Zwecke zur Verfügung gestellten Turmzimmer ein neues Buchprojekt in Ruhe zum Abschluss zu bringen. Seine 24jährige Frau Karin begeleitet ihn, sie ist als Tochter eines Nobelpreisträgers ebenfalls literaturaffin und nimmt an vielen Veranstaltungen teil. Ihr Ehemann Sven erweist sich bei den verschiedenen Diskussionen oft als unbeherrscht und streitlustig. Er vertritt diametral andere Meinungen als der junge Schriftsteller Olof, dessen anspruchvolle Romane wenig gelesen werden und der deshalb ständig in Geldnöten ist. Karin kommt am Rande mit Olof ins Gespräch, sie verlieben sich spontan und heftig ineinander, es kommt schließlich zum Ehebruch. Diese geheime Liebe droht ständig aufzufliegen, ein Skandal, bei dem nicht absehbar wäre, wie der jähzornige Sven reagieren würde. Und tatsächlich scheint Sven Verdacht zu schöpfen und wird immer unleidlicher, bis Karin ihm schließlich erklärt, dass sie sich von ihm trennen will. Bei einer Autofahrt mit ihr kommt es zu einem Unfall, bei dem er als Fahrer leicht verletzt wird, Karin aber erhebliche Brandwunden davonträgt. Letztendlich aber schafft sie es einfach nicht, sich von Sven zu trennen, – sie resigniert. «Verbrenn all meine Briefe», schreibt sie Olof zuletzt!
In einem spannenden Puzzle rekonstruiert der Autor aus Archiven, Rechenchen vor Ort und Gesprächen mit den Verwandten Stück für Stück die kurze, verhängnisvolle Liaison seiner Großmutter. Eine wichtige Quelle sind dabei die Briefe der beiden Liebenden, die Ich-Erzähler Alex schließlich in die Hände bekommt. Neben der mitreißend erzählten Liebesgeschichte mit ihren sympathischen Protagonisten ist es diese Detektivarbeit, die den Spannungsbogen bildet für den klug durchdachten Plot. Der stützt sich, wie der Autor selbst schreibt, auf einen «unzuverlässigen Erzähler», es sei nämlich ausgerechnet Olofs lebenslang geführtes Tagebuch, das den Roman bilde, den wir hier gerade in überarbeiteter Form gelesen hätten!
Fazit: lesenswert
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Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol
“Ich bin von Ort zu Ort gerannt und allmählich von allen und allem weggerissen worden, was ich liebte.” Bereits in der 3. Auflage ist die autobiografische Überlebensgeschichte von Leokadia Justman, die dem Lager Reichenau entkam und die letzten Kriegsmonate in der Region von Lofer überlebte. Der erstmals ins Deutsche übersetzte autobiografische Bericht schildert das Überleben als Jüdin in Tirol während der NS-Zeit.
Auf der Flucht vor der Gestapo
Nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto nahm ihre Mutter die Deportation nach Treblinka auf sich, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Leokadia gelang mit ihrem Vater dann sogar die Flucht nach Tirol. Bis sie an die Gestapo verraten wurden, überlebten sie dort unter falschen Identitäten. Nach der Ermordung ihres Vaters im Lager Reichenau entkam Leokadia mit einer Freundin aus der Haft und versteckte sich in der Nähe von Innsbruck. Besonders dramatisch ist der Augenblick, als sie als Jüdin erkannt wird und ihr Schicksal somit besiegelt erscheint. Als sie im Auto der Gestapo sitzt, fahren sie an ihrem Vater vorbei und sie darf natürlich nicht zeigen, wie sehr sie sich freut, dass er lebt, denn sonst hätte sie ihn ebenfalls als Juden enttarnt. Aber auch andere Momente in den schwierigsten Jahren ihres Lebens, lassen einem den Atem stocken. Aber ihre Geschichte ist so spannend erzählt, dass man gleich weiterliest, denn man will unbedingt wissen, wie sie es schaffte zu überleben. Wie für so viele andere, war dies nur möglich in dem sie ihre wahre Identität verheimlichte und sich als polnische Wanderarbeiterin ausgab. Einmal rettet sie ihre Freundin Helena vor der Enttarnung und damit Deportation, indem sie ihr eine andere Arbeit besorgt. Doch genau diese Helena sollte später indirekt dafür verantwortlich werden, dass eine polnische Untergrundzelle von der Gestapo aufgedeckt wurde. 100 Polen wurden dadurch dem schrecklichen Schicksal des Lagers ausgeliefert und das alles nur, weil Helena einem eingeschleusten Agent Provocateur, der sie immer gut behandelte, allzu viel Vertrauen schenkte. Ihre Naivität und ihr vermeintliches privates Glück kostete viele Menschen das Leben. Aber Leokadia kann ihr keinen Vorwurf machen, denn Helena war einfach zu naiv.
Tiroler Widerstand(skraft) in den Bergen
Immer wieder findet Leokadia aber auch gute Worte für die Österreicher, die sie und ihre Freundin nach der abenteuerlichen Flucht aus dem Gefängnis in Innsbruck halfen. Ausgerechnet bei einem Polizisten fanden sie (vorläufig) Unterschlupf und seine Erzählungen von einer tirolerischen Untergrundarmee von 1200 Mann, die in den Bergen warteten, klangen zwar unglaubwürdig, waren aber nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Denn tatsächlich gab es die Operation Greenspan,bei der drei Widerstandskämpfer von den Alliierten in den Tiroler Bergen abgesetzt wurden um so logistische Unterstützung für den Machtwechsel zu bekommen. Auch darüber ist im Tyrolia Verlag ein Buch erschienen, das selbst den Tarantino-Film “Inglorious Basterds” in ein authentischeres Licht stellt. Auch das Schicksal des österreichischen Beamten Alois Lechner schildert Leokadia. Ihre Freundin Marysia und sie kommen bei seiner Witwe unter, die zwei Söhne hat. Der eine Sohn erzählt beim Fronturlaub von seiner Vorahnung, dass er im Krieg sterben wird und schildert das Schicksal vieler Österreicher: “Aber genau so, wie Sie gezwungen wurden, Ihre Heimat zu verlassen, bin ich dazu gezwungen worden, das zu sein, was ich jetzt bin. Einer von denen. In den Reihen der Henker meines Vaters…ergibt das irgendeinen Sinn?” Nach dem Krieg findet Leokadia Justman trotz ihrer langen Leidensgeschichte ihre Fassung wieder und schafft es sogar durch die Wiederbegründung des Jüdischen Hilfskomittes am Adolf Pichler Platz anderen Jüdinnen und Juden zu helfen, den sie brauchten ein eigenes Komitee, da sie nicht als “eigene Nation” galten, wie ihr erklärt wird. Und genau auf diesem Platz sang die Jüdische Brigade das Hatikvah-Lied, das Lied der Hoffnung und tanzten den Nationaltanz Hora. Für die ganzen versteckten Alt-Nazis, die es auch lange nach dem Krieg noch gab, ein Fingerzeig, dass schlussendlich doch die Gerechtigkeit gesiegt hatte.
Nie wieder!
Die unglaubliche Lebensgeschichte der Leokadia Justman wurde von ihr selbst verfasst und von Dominik Markl und Niko Hofinger herausgegeben, im Anhang befindet sich auch ein ausführliches Personenregister der handelnden Personen. Die Übersetzerinnen Birgit Salzmann und Susanne Costa brachten die englische Ausgabe in ein sehr lesenswertes, fast literarisches Deutsch. Für die Herausgabe der vorliegenden Übersetzung war aber auch die Kenntnis der frühen polnischen Versionen, die unmittelbar nach dem Krieg erschienen, unerlässlich. Die englische Ausgabe entstand lange vor der deutschen, da Leokadia Justman und Joseph Wisnicki 1950 nach New York auswanderten und dort zwei Kinder bekamen. Der Text ist mit vielen Illustrationen, Abbildungen und Fotos versehen und vermittelt ein authentisches Bild der tatsächlichen Ereignisse. Dass der Text erst 80 Jahre in die Region zurückkehrt, wo er sich ereignet hat ist eine dankenswerte Aufgabe und eine eindringliche Mahnung, dass das, was passiert ist, nie wieder passieren darf. Natürlich ist das Buch keine Reinwaschung der Österreicher, Justman erzählt auch, wie viele Nazis auch nach dem Krieg unbehelligt wurden. Aber es gab selbst während des Nationalsozialismus noch aufrechte Menschen in der sog. “Ostmark” und Leokadia hatte das Glück einige von ihnen zu treffen.
Leokadia Justman
Brechen wir aus!
Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte
2026, 3. Auflage, Hardcover, 432 Seiten; 112 farb. und 9 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4275-6
Tyrolia
33.00 €
Mich kriegt ihr nicht!
Die erste jüdische Hochzeit nach dem Krieg in Innsbruck vermählte Joseph Wisnicki und Leokadia Justman. Das Schicksal hatte die beiden Holocaust-Überlenden zusammengeführt. Während Leokadia versteckt in Lofer den Krieg überlebte, musste sich Joseph Wisnicki mehrmals falsche Identitäten zulegen und entkam genauso wie Leokadia nur knapp.
Die Geschichte einer Flucht
In den späten Neunziger Jahren schrieb der jüdische Pole seine Geschichte für seine Familie nieder – mit Fotos und Dokumenten, die dem Bericht eindrückliche Authentizität verleihen. Der Tyrolia Verlag hat die Memoiren über seine Flucht erstmals in literarischer Übersetzung herausgegeben, ebenso wie die seiner späteren Frau Leokadia Justman (“Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte”). Als Polen von der Wehrmacht überfallen wurde, flüchtete Wisnicki nach Ostpolen, das allerdings ebenfalls besetzt war: von der Sowjetunion. Der vorgesehen Grenzverlauf war entlang den Flüssen Narren, Wechsel und San. In diesem Teil Polens war Wisnicki zwar weniger der rassischen Verfolgung ausgesetzt als vielmehr der Tatsache, dass er polnischer Soldat war. Wer sich in Rückkehrlisten nach Westpolen eintrug, wurde von der Sowjetunion nach Sibirien deportiert. Wisnicki konnte sich allerdings verstecken und sich dem Zugriff entziehen. Ein anderes Mal, als er Opfer einer Denunziation in Bludenz wurde, konnte er sich bei einer ärztlichen Untersuchung auf eine Phimose als Grund für seine Beschnittenheit hinausreden. Verblüffenderweise glaubte ihm der Amtsarzt und auch die Gestapo in Innsbruck. Das Kriegsende erlebte er dann im Arbeitslager Reichenau, von wo täglich Insassen nach Auschwitz deportiert wurden.
Unbeugsamer Überlebenswille
“Seine Erzählung rast in höchstem Tempo im Reportagstil dahin”, schreiben die beiden Herausgeber Dominik Markl und Niko Hofinger, die den Text von Joseph Wisnicki auf historische Kontinuität geprüft und mit weiteren Quellen ergänzt haben. Der zweite Teil vorliegenden Buches ist also ganz diesen Anmerkungen gewidmet und erzählt auch die Schicksale anderer Verfolgter. Zum Beispiel von Samuel Wellenberg, einem Freund Wisnickis, der in Treblinka die Kleider derjenigen sortieren musste, die ins Gas gebracht wurden. Dort entdeckte er auch die Kleidungsstücke seiner beiden Schwestern, denn sie waren mit einem grünen Stoff verlängert worden. “Der Mantel war mit dem Kleid der größeren Schwester wie in einer Umarmung verschlungen”. Aber durch eine Revolte im August 43 kann er fliehen und überlebt ebenso wie Wisnicki. Ein sehr bewegender Text, der vom unbeugsamen Überlebenswillen zeugt und die Widerstandskraft und Resilienz betont, die es braucht, um all das zu überstehen. Aber es brauchte auch viele mutige Helfer in Polen und Vorarlberg und Menschen, die ebenfalls ihr eigenes Überleben zurückstellten, um anderen zu helfen.
Joseph Wisnicki
Mich kriegt ihr nicht!
Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg
2026, Hardcover, 160 Seiten; 16 farb. und 114 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4338-8
Tyrolia
20.00 €
Dr. Siri und seine Toten

Es gibt viele Gründe, sich für ein Buch zu entscheiden. In diesem Fall war es eine Empfehlung und die Vorliebe, Literatur aus dem Land zu bevorzugen, in dem ich mich gerade aufhalte. Also, warum nicht mal ein Kriminalroman, der in Laos spielt? Und als das Buch dann auch noch im Besucherzentrum eines Rehabilitationszentrums für Opfer us-amerikanischer Bombenangriffe in Vientiane ausliegt, kann man diese Zeichen des Schicksals nicht mehr ignorieren.
Colin Cotterill hat mit „Dr. Siri ermittelt“ eine sehr erfolgreiche Buchreihe gestaltet. Zwischen 2004 und 2025 erschienen 15 Bände.
Der Inhalt ist mehr nett als spannend, gibt aber recht gut die Kultur des Landes wieder: Ein älterer Arzt wird von der typischerweise alleinregierenden kommunistischen Partei zum einzigen Leichenbeschauer des Landes berufen. Oder besser: Er wird ohne Widerspruchsrecht befehligt. Mit einem Pathologie-Handbuch aus dem Jahr 1948, ein paar Freunden, viel Intuition und noch mehr schelmischem Augenzwinkern löst er seinen ersten Fall. Ein anderer Ausgang wäre auch eher schlecht als Beginn einer Krimi-Serie.
Die lokalen Verhältnisse innerhalb des rigiden Staatsapparats und ein paar kulturelle Eindrücke schaffen es in der Tat, spürbares Lokalkolorit zu erzeugen. Unterstützt wird dies durch die vielen, sehr komplexen laotischen Namen, die die Spannung erhöhen, da man sich nie ganz sicher sein kann, ob, wann und in welchem Zusammenhang man einen Namen schon einmal gehört hat. Dass es der Autor bisweilen mit der Logik nicht so ganz genau nimmt, indem auf einmal en passant Einschusslöcher in der Haustür auftauchen oder amerikanische Drahtzieher kurz vor Schluss in einem Nebensatz erwähnt werden, kann man dem humorvollen Dr. Siri bzw. dessen Autor irgendwie nicht übel nehmen.
Wie immer bei Kriminalromanen kann man aus dem Inhalt ja eigentlich fast nichts erzählen, ohne die Spannungsblase unabsichtlich platzen zu lassen. Vielleicht nur so viel: Es gibt ein paar Leichen und Mörder.
Wirklich spannend fand ich sowieso eher das Leben des Autors Colin Cotterill, das in Stichworten so verlief: geboren in London, Pädagogikstudium, danach Weltreise, dann Sportlehrer in Israel, Grundschullehrer in Australien, Ratgeber für behinderte Schüler in den USA, Hochschuldozent in Japan, Weiterbilder für Lehrer in Südostasien, im Auftrag der UNESCO Gestaltung eines Englisch-Sprachkurses im laotischen Fernsehen, Gründung einer NGO für Kinderschutz, Mitarbeiter in der ECFPAT-Organisation gegen Kinderpornografie und -prostitution in Laos und später in Phuket, Kolumnist in der Bangkok Post. Ab 1990 Cartoonist für diverse Zeitschriften und Magazine. Er lebt heute in einem Fischerdorf in Thailand. Und schreibt Bücher, die er nicht selten selbst illustriert und die ihm weltweiten Erfolg gebracht haben.
Offensichtlich eher keinen Einfluss hat Cotterill auf die Auswahl der Sprecher bei der Vertonung seiner Bücher. Bei diesem Hörbuch hat sich der Goldmann-Verlag für Jan Josef Liefers entschieden, der im deutschsprachigen Raum als verschrobener Tatort-Kommissar wohl eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, sagt man. Leider demontiert Liefers dieses Buch mit seiner Intonation und hat mehr Einfluss auf dessen Charakter, als einem Sprecher zusteht. Phasenweise wirkt seine Stimme einschläfernd, dann aber wieder so infantil, dass man glaubt, in einer Folge von „Die Sendung mit der Maus“ gelandet zu sein. Also, wenn schon, dann lieber selbst lesen.
Der rote Kaiser. Xi Jinping und sein neues China
China ist für den Westen seit Jahrzehnten Projektionsfläche, Handelspartner, Angstgegner und Rätsel zugleich. Mal erschien das Land als verlängerte Werkbank der Globalisierung, mal als Hoffnung auf eine sanfte Öffnung durch Wohlstand, mal als kommende Weltmacht, die mit Hochgeschwindigkeitszügen, Wolkenkratzern und künstlicher Intelligenz den Takt des 21. Jahrhunderts vorgibt. Michael Sheridan interessiert sich in seinem Buch „Der rote Kaiser“ jedoch weniger für das glänzende Schaufenster dieses neuen China. Er geht hinter die Kulissen der Macht und stellt die Frage, wer jener Mann ist, der an der Spitze dieses riesigen Apparates steht.
Sheridan sieht in Xi Jinping keinen gewöhnlichen Parteifunktionär, keinen Technokraten der Moderne und auch keinen bloßen Verwalter kommunistischer Macht. Für ihn ist Xi das Produkt einer roten Aristokratie, eines innerchinesischen Hochadels der Revolution, dessen Familiengeschichte, Opfermythologie und Herrschaftsanspruch sich zu einer neuen Form politischer Alleinherrschaft verdichten. Der Titel „Der rote Kaiser“ ist daher nicht nur zugkräftige Zuspitzung, sondern das eigentliche Deutungsmodell des Buches.
Sheridan beginnt bei Xis Vater Xi Zhongxun, einem der alten Revolutionäre, die Maos Volksrepublik mitbegründeten, selbst aber in die Mühlen jenes Systems gerieten, dem sie gedient hatten. Aus dieser Familiengeschichte entwickelt der Autor sein zentrales Motiv: In China, so Sheridans Lesart, wurde die Kaiserzeit von der kommunistischen Partei in neuer Gestalt fortgeschrieben.
Besonders eindringlich sind die Passagen über Xis Jugend während der Kulturrevolution. Der Sturz des Vaters, die Erniedrigung der Familie, die Jahre auf dem Land: Sheridan schildert diese Erfahrungen als Training in Härte, Vorsicht und politischem Überlebenswillen.
Sheridan erzählt Xis Aufstieg als Charakterstudie im Machtmilieu. Aus dem jungen Mann, der in Provinzen wie Hebei, Fujian und Zhejiang scheinbar unauffällig Karriere macht, wird ein Politiker, der gerade durch seine Undurchsichtigkeit aufsteigt. Xi wirkt nicht brillant, nicht flamboyant, nicht reformerisch. Er wirkt beharrlich, kontrolliert und ungefährlich – bis er es nicht mehr ist.
Lesenswert sind die Kapitel über die Machtkämpfe vor Xis endgültigem Durchbruch. Der Sturz Bo Xilais, der Mordfall um den britischen Geschäftsmann Neil Heywood, die Rolle Gu Kailais und die Ausschaltung mächtiger Rivalen lesen sich bei Sheridan stellenweise wie ein Politthriller. Hier zeigt sich seine Erfahrung als Auslandskorrespondent: Er kann komplexe Machtverhältnisse erzählerisch bündeln, ohne sie völlig zu vereinfachen.
Doch gerade darin liegt auch eine Gefahr. Das Buch ist stark, weil es eine klare These hat. Es ist zugleich begrenzt, weil diese These fast alles überstrahlt. Die Kaiser-Metapher trägt weit, manchmal vielleicht zu weit. Wo immer Xi erscheint, sieht Sheridan Hof, Clan, Dynastie, Mandat, Palast und Unterwerfung.
Auch der Ton ist nicht der eines zurückhaltenden Historikers, sondern der eines engagierten Journalisten, der seine Warnung deutlich vernehmbar formuliert. Sheridan schreibt mit Tempo, mit Sinn für dramatische Zuspitzung und mit sichtbarer Skepsis gegenüber der westlichen Illusion, wirtschaftliche Öffnung werde früher oder später politische Freiheit erzwingen.
Vorsichtig sollte man besonders jene Passagen lesen, in denen der Autor Gerüchte, Insiderberichte oder schwer überprüfbare private Details verarbeitet. Das Buch ist quellenbewusst, aber nicht jedes Detail besitzt dieselbe Belastbarkeit. Nicht jede Hofgeschichte wird dadurch wahr, weil sie gut erzählt ist.
Dennoch bleibt der Erkenntnisgewinn erheblich. Sheridan zeigt, wie Xi Jinping die Reformära nicht fortsetzt, sondern beendet. Die Antikorruptionskampagne erscheint bei ihm nicht als moralischer Neubeginn, sondern als politisches Schwert. Die Partei wird nicht modernisiert, sondern enger an ihren Führer gebunden. Das private Unternehmertum darf wachsen, solange es sich duckt. Technologie wird nicht als Freiheitsversprechen verstanden, sondern als Instrument perfektionierter Überwachung. Aus dem ökonomischen Aufstieg Chinas entsteht kein liberaler Staat, sondern ein hochgerüsteter Parteiapparat mit digitalem Nervensystem.
Gerade für westliche Leser ist das unbequem. Sheridan schreibt auch die Geschichte einer Selbsttäuschung. Jahrzehntelang glaubte man, Handel werde Wandel bringen. Man hoffte, Konsum werde Ideologie verdrängen. Man hielt Globalisierung für eine Einbahnstraße in Richtung Offenheit. Xi Jinping steht in diesem Buch als Gegenbeweis: Er nutzt die Modernisierung, ohne sich ihr politisch zu unterwerfen. Er nimmt den Kapitalismus als Werkzeug, nicht als Weltanschauung.
„Der rote Kaiser“ ist weniger eine klassische Biografie als eine politische Warnung. Sheridan erzählt vom Aufstieg eines Mannes, aber eigentlich vom Umbau eines Systems. Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von Familiengeschichte, Parteigeschichte und Machtanalyse. Seine Schwäche liegt in der gelegentlichen Übermacht der eigenen Leitmetapher.
Am Ende bleibt das Bild eines Herrschers, der die Vergangenheit nicht überwunden hat, sondern sie in die Zukunft verlängert. Xi Jinping erscheint als Mann, der Mao beerbt, kaiserliche Muster imitiert und die Werkzeuge des digitalen Zeitalters nutzt. Das ist keine beruhigende Lektüre, aber eine notwendige. Denn wer China verstehen will, muss nicht nur auf Handelszahlen, Parteitage und Militärparaden schauen. Er muss auch begreifen, welche Geschichten sich die Mächtigen über sich selbst erzählen.
Das Japan-Buch
Lafcadio Hearn war einer jener seltenen Schriftsteller, die nicht nur über ein Land schrieben, sondern allmählich in dessen Vorstellungswelt einzuwandern versuchten. Als er 1890 nach Japan kam, war er kein Tourist im heutigen Sinn, sondern ein Suchender: ein heimatloser, durch viele Brüche gegangener Autor, der in Japan offenbar jenes Gegenbild zur rastlosen westlichen Moderne fand, das er zeitlebens ersehnt hatte. Das Japan-Buch versammelt berühmte Japan-Texte Hearns, begleitet von Stefan Zweigs hymnischem Vorwort und in der historischen Übersetzung von Berta Franzos.
Schon Zweigs Einführung macht klar, in welcher Tradition dieses Buch steht. Hearn erscheint darin als Mittler zwischen Abendland und Japan, als jemand, der das „alte Nippon“ noch einmal festhält, bevor es unter dem Druck der Moderne verschwindet. Diese Deutung ist pathetisch, manchmal überhöht, aber nicht wirkungslos. Zweig sieht in Hearn keinen Reporter statistischer Tatsachen, sondern einen Künstler der Wahrnehmung: einen, der Düfte, Gesten, Schatten, Glockenklänge und Volksglauben bewahrt. Genau darin liegt die Faszination dieses Buches.
Der Text „Mein erster Tag in Japan“ zeigt Hearn auf der Höhe seiner Kunst. Eine Fahrt durch Yokohama wird bei ihm zum Staunenserlebnis. Straßen, Läden, Schriftzeichen, Tempel, Kirschblüten, Priester, Kinder, Klang und Licht treten nicht als touristische Sehenswürdigkeiten auf, sondern als flüchtige Erscheinungen, die der Erzähler vorsichtig berührt. Hearn beschreibt Japan nicht von oben herab, sondern mit einer fast kindlichen Bereitschaft, sich verwandeln zu lassen. Er sieht in Kleinigkeiten ganze Welten: in Papierschirmen, in Votivlaternen, in Tempeltoren, im Klang einer Glocke.
Besonders eindrucksvoll ist „Kusa-Hibari“, die Geschichte eines winzigen Heimchens, dessen Gesang den Erzähler Nacht für Nacht begleitet. Aus der Beobachtung eines kaum sichtbaren Insekts entwickelt Hearn eine Meditation über Liebe, Erinnerung, Abhängigkeit und Schuld. Als das Tier stirbt, weil seine Versorgung vernachlässigt wurde, kippt die Miniatur ins Ethische: Plötzlich steht nicht mehr die exotische Schönheit Japans im Vordergrund, sondern die Verantwortung des Menschen gegenüber dem kleinsten Leben. Das ist große Literatur, weil sie ohne große Geste auskommt.
Auch „Die Macht des Karma“ verbindet erzählerische Spannung mit religiöser und philosophischer Betrachtung. Hearn erzählt von einem schönen jungen Priester, der sich den Anfechtungen der Liebe entziehen will und den Tod sucht. Die Geschichte wird nicht westlich-romantisch verklärt, sondern im Gespräch mit buddhistischem Denken gedeutet. Gerade hier wird sichtbar, wie sehr Hearn an Grenzfragen interessiert ist: an Schuld, Wiederkehr, Begehren, Selbstüberwindung und den unsichtbaren Bindungen zwischen Lebenden und Toten.
Gleichzeitig verlangt dieses Buch eine historisch wache Lektüre. Hearn und erst recht Zweig schreiben aus einer Zeit, in der Japan im Westen häufig als Sehnsuchtsbild, als Kunstlandschaft, als Gegenwelt zur europäischen Moderne betrachtet wurde. Manche Begriffe und Bilder wirken heute überholt, teils exotisierend, gelegentlich paternalistisch. Moderne Hearn-Lektüren weisen genau auf diese Ambivalenz hin: Man kann ihn als empfindsamen Anwalt nichtwestlicher Kulturen lesen, aber auch als Autor des 19. Jahrhunderts, der sich fremde Welten aneignet und ästhetisch formt.
Doch gerade diese Spannung macht Das Japan-Buch interessant. Es ist kein aktueller Japanführer und keine kulturwissenschaftlich neutrale Studie. Es ist ein literarisches Dokument der Meiji-Zeit, ein Werk der europäischen Japanbegeisterung um 1900 und zugleich ein erstaunlich feines Buch der Wahrnehmung. Hearn sieht mehr, als viele Reisende sehen, weil er nicht nur wissen, sondern lauschen will. Seine besten Seiten besitzen die Zartheit einer Tuschezeichnung und die Unruhe eines Menschen, der weiß, dass jede Schönheit vergeht.
Berta Franzos’ Übersetzung trägt den Ton einer anderen Epoche. Sie ist blumig, gelegentlich schwer, aber auch von einer Musikalität, die zu Hearn passt. Wer eine knappe, moderne Reportagesprache erwartet, wird sich einlesen müssen. Wer jedoch bereit ist, dem Rhythmus dieser Prosa zu folgen, entdeckt ein Buch voller atmosphärischer Genauigkeit.
Das Japan-Buch ist damit eine lohnende Wiederbegegnung mit einem Autor, der in Deutschland einmal große Resonanz hatte und heute neu gelesen werden kann: nicht naiv bewundernd, nicht vorschnell verwerfend, sondern mit Sinn für seine Schönheit und seine historischen Begrenzungen. Hearn schenkt uns kein „wahres Japan“ im objektiven Sinn. Er schenkt uns den literarischen Traum eines Menschen, der in Japan eine geistige Heimat fand — und der aus diesem Traum Bilder geschaffen hat, die noch immer leuchten.
Fazit: Ein poetisches, stellenweise altmodisches, aber eindrucksvolles Lesebuch über Japan. Am stärksten ist Hearn dort, wo er nicht erklärt, sondern betrachtet: ein Tempeltor, ein Lächeln, eine Glocke, ein Insekt. Gerade in diesen kleinen Dingen wird seine Prosa groß.
Stella
Gräuel im Kinderbuchstil
Mit seinem zweiten Roman «Stella» hat Takis Würger einen Aufschrei der Feuilletons herauf beschworen, die im Gegensatz zu den Online-Kommentaren der Leserschaft das Buch überwiegend als misslungen eingestuft haben. Mit dem von Juden als Schoa bezeichneten Holocaust hat der vor allem als Journalist bekannte Autor eine hoch sensible Thematik gewählt, die er in eine als Plot äußerst banale Liebesgeschichte integriert hat, was allgemein nur Kopfschütteln auslöste. Dabei greift diese authentische Geschichte auf die Realität zurück, die bereits als Sachbuch, als Dokumentar- und Spielfilm und sogar als Musical erschienen ist (man glaubt es kaum!)
Beginnend im Januar und endend im Dezember des Jahres 1942 wird darin erzählt, wie ein schüchterner junger Mann namens Friedrich, der aus einer reichen Schweizer Unternehmer-Familie stammt, nach Berlin kommt, um dort eine Kunstschule zu besuchen. Gleich bei seiner Anmeldung wird der Ich-Erzähler eingeladen, in den Saal zu gehen, dort beginne gerade eine Zeichenstunde für Aktmalerei. Auf einer Art Bühne liegt eine nackte junge Frau, die der naive Friedrich bezaubernd findet, er kann den Blick nicht von ihr lösen. Nach Ende der Session spricht sie ihn an, später nimmt sie ihn mit in einen geheimen Jazzclub, wo sie als Sängerin auftritt, die Beiden werden schnell ein Paar. Friedrich logiert in einem vornehmen Nobelhotel und verwöhnt die scheinbar aus einfacheren Verhältnissen kommende Kristin, seine finanziellen Mittel sind äußerst großzügig bemessen von seinem Vater. Über sie lernt Friedrich auch Tristan von Appen kennen, der ebenfalls auf großem Fuße lebt und sich mit Friedrich anfreundet. Man trifft sich immer wieder mal, auch Tristan ist ein Jazzfreund, und er hat gute Beziehungen in höhere Kreise, nimmt die beiden Verliebten zu Einladungen und Empfängen mit.
Friedrich fühlt sich in dieser Gesellschaft sehr wohl, auch wenn der Krieg unübersehbar näher rückt und das Leben der Bevölkerung immer mehr eingeschränkt wird. Das Geld von Friedrich und die Kontakte von Tristan helfen, all diese lästigen Beschränkungen zu umgehen. Als Kristin, die nie bei Friedrich übernachtet, eines Morgens verletzt an seine Zimmertür klopft, erklärt sie ihm: «Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt». Es stellt sich heraus, dass sie Jüdin ist, in Wahrheit Stella heißt und man sie unter Folter dazu gezwungen hat, mit der Gestapo zusammen zu arbeiten und geheime Verstecke von Juden zu finden. Und auch das Geheimnis von Tristan wird schließlich gelüftet, er ist Obersturmbannführer der SS. Der Roman endet im Dezember 1942, als der von Stella verlassene Friedrich Berlin resigniert in Richtung Schweiz verlässt.
Trotz einiger weniger, verhalten positiv ausgefallener Rezensionen brach in den Feuilletons ein Sturm der Entrüstung los. Die Kritik, der Roman sei «voller erzählerischer Klischees», ist dabei noch die mildeste, «Gräuel im Kinderbuchstil» wird da schon deutlicher. In der SZ konnte man sogar lesen: «Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen». Eindeutig aber ist dieser Roman unterhaltend, und durch die Einblendung von Gerichtsnotizen und diversen historischen Ereignissen dieses Jahres 1942, an dessen Ende sich mit Stalingrad auch eine entscheidende Veränderung des Kriegsgeschehens abzeichnete, ist das Buch durchaus auch bereichernd. Ein Teil des Frusts der Kritiker war sicherlich auch dadurch ausgelöst worden, dass der Roman vom Verlag als «literarisches Großereignis» angekündigt wurde. Nur was den Skandal betrifft, stimmt das vollinhaltlich, denn so was gibt es nicht alle Tage! Der Roman selbst jedoch leidet an seiner Ambivalenz, harmlose Liebesgeschichte und brutale Judenverfolgung sind nicht unter einen Hut zu bringen, das wird dem Leser nach der Lektüre klar, und das ist zweifellos auch moralisch bedenklich, gerade in einem deutschen Roman! Womit denn auch gleich die Frage aufgeworfen wird, wie konnte Stella hunderte von Juden in den sicheren Tod schicken? Zumindest eine Andeutung dazu hätte man erwartet, es ist ja nicht alles ein Märchen, was man da gelesen hat!
Fazit: miserabel
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Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht
Männer, Väter, Patriarchen. Männer vor und nach der Vaterschaft beschäftigen den Vater eines Sohnes Augustine Sedgewick. An der Harvard University promovierte er mit Forschungen zur globalen Geschichte des Kapitalismus, der Arbeit, des Essens und der Familie u. a. Außerdem eine Kulturgeschichte des Kaffees.
Vaterschaft an ausgewählten Beispielen
Anhand berühmter Beispiele aus der Geschichte – wie etwa Aristoteles, Augustinus, Heinrich VIII., Jefferson, Emerson, Thoreau, Darwin, Freud, Dylan – exemplifiziert Sedgewick wie Väter die Welt durch das Patriarchat prägten. In Hammurapis Gesetzestafeln sieht Sedgewick die “früheste Institutionalisierung des Patriarchats, verewigt in dem monumentalen phallischen Stein”. Aber auch die Schrift, das Privateigentum, Staatsformen, Religion und die patriarchalisch geprägte Familie dürften in jener fernen Zeit im Zwischenstromland entstanden sein oder zumindest ihren Ursprung nehmen (18.Jhdt v. Chr.). “Der Körper der Frau ist das Terrain auf dem das Patriarchat errichtet wurde“, ruft die von de Beauvoir beeinflusste Adrienne Rich dem Patriarchat hinterher oder wie John Lennon es ausdrückte: “Woman is the nigga of the world”. Aber wie kam es eigentlich dazu, dass plötzlich der Penis das Maß aller Dinge wurde? Augustine Sedgewick setzt bei seiner kleinen Kulturgeschichte der Vaterschaft bei Einzelfällen an, gibt er natürlich ihr soziales Umfeld ebenso an wie persönliche Bezüge. “Immerhin konnten Mütter sicher sein, dass ihre Kinder auch tatsächlich ihre eigenen waren“, schreibt Sedgewick im Aristoteles Kapitel in dem er Sokrates, Platon und Aristoteles, der immerhin dem größten Feldherrn aller Zeiten, Alexander, diente. Phallische Macht ließ dieser sogar seinen Neffen, den Historiker Kallisthenes, spüren. Als dieser sich weigerte Alexander als Gott zu verehren ließ er ihn kurzerhand hinrichten.
Zuversicht über die Zukunft der Vaterschaft
Auch einige Jahrhunderte später, im Falle Sigmund Freuds, spielt das Vatersein immer noch eine große Rolle. Der “goldene Sigi” – wie seine Mutter ihn nannte wohlweislich nicht weil er auf den elterlichen Teppich uriniert hatte – erklärte es für normal, seinen Vater zu verachten. Immerhin erfand er wenig später ja den Ödipuskomplex, der seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete – allerdings ohne etwas davon zu wissen. Antigone – Tochter und Halbschwester zugleich – pflegte den sich selbst geblendeten Ödipus dann bis zum Lebensende. “Wir sind die Nachkommen einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern“, resümiert Freud schließlich die Menschheitsgeschichte in “Totem und Tabu”. Auch Freud, der am Ende seines Lebens an einer Gewebsnekrose in der Mundhöhle litt, wurde von seiner Tochter Anna bis zum Ende gepflegt. Vielleicht hätte sich das auch Bob Dylan gewünscht, der immerhin vier Kinder mit seiner großen Liebe Sara zeugte. Für sie hatte er zwischen 1966 und 1973 seine Karriere fast aufgegeben und war in die Rolle des Vaters geschlüpft. Auch von ihr erwartete er aber die klassische Mutterrolle, was dazu führte, dass er sie ganz dem patriarchalen Modell verpflichtet schlug und sie die Scheidung einreichte. Damit war es vorbei mit dem traditionellen Familienbild und Dylan begab sich auf die seither anhaltende Never Ending Tour. Das Resümee von Sedgewick fällt gar nicht so schlecht aus: die Vaterschaft heute sei der der Mutterschaft immer ähnlicher geworden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hätte es so viele aktive Väter gegeben, vielleicht auch deswegen, weil man diese heutzutage einwandfrei nachweisen kann. Jetzt wissen auch die Väter über ihre Kinder Bescheid und – ecce homo! – nehmen ihr Rolle aktiver wahr.
Augustine Sedgewick
Übersetzt von: Holger Hanowel
Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht
Eine überraschende Geschichte der Vaterschaft
2026, Hardcover, 362 Seiten
ISBN: 978-3-15-011486-5
Reclam
30,00 €
Atem – Die Lösung für dein Trauma
“Entspann dich mal!” Wir kennen es alle: keiner will diesen Satz hören, wenn gerade die Amygdala die Kontrolle übernommen hat. Dabei kann der Atem einen einfachen Weg aus der Erregung heraus herbeiführen. Durch eine bewusste Steuerung der Atmung, kann man wieder runterkommen und der präfontale Kortex übernimmt wieder das Ruder.
Aktive Selbstregulation
Was sich vielleicht etwas medizinisch anhört ist in Wirklichkeit ganz einfach: Der Atem gibt uns die Kontrolle zurück. Wir alle können mit seiner Hilfe die Steuerung unserer Emotionen wieder übernehmen, den “limbischen Widerstand brechen“. Durch gezielte Atemtechniken kann sich das Nervensystem wieder beruhigen und wir können wieder Entscheidungen treffen, die unseren langfristigen Ziele und Wert entsprechen, so Alan. Sowohl durch die Hochregulation (Sympathikus) als auch die Herunterregulation (Parasympathikus) bestimmen wir unsere Haltung: Löwe oder Zebra. Jagd oder Flucht. Wer seine Gewohnheiten durchbrechen will, muss neue Habits etablieren. “What fies together, wires together“, also jede bewusste Handlung, die regelmäßig stattfindet, erzeugt ein neuroyales Muster, das mit der Zeit immer leichter reaktiviert werden kann. Je öfter also “Breathwork” im Tagesablauf etabliert wird, desto einfacher wird es, es wieder abzurufen. “Das In-Kontakt-Sein mit dem, was in mir lebendig ist” nennt Alan das. Der erst”e Teil wird durch drei Hinweise zu gezielten Atemübungen abgeschlossen und danach widmet sich der Autor noch der sog. Trauerarbeit.
Trigger, Traumaarbeit und Tiefenschärfe
Situationsbedingte und entwicklungsbedingte Traumata werden von ihm dabei unterschieden. Ersteres wäre etwa ein Autounfall, eine Schlägerei oder ähnliches, letzteres rührt von Schemata aus der Kindheit her. Neben den im ersten Teil bereits genannten Überlebensreaktionen (Kampf, Flucht, Erstarren) fügt Alan noch Fawn (Anpassung) und Collapse (Dissoziation, Zusammenbruch) an. Bei Fawn wird durch Bindung, Unterwerfung oder Harmonisierung versucht Sicherheit herzustellen. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit schlummert schließlich in uns allen. Aber Traumata wirken oft im Stillen weiter und stören die angestrebte Sicherheit. Trigger können diese schlummernden Traumata wieder auslösen und eine Zyklusschleife auslösen, die schwer abzustellen ist. Aber durch Verstärkung der Einatmung kann man die Kontrolle über seinen Zustand eventuell wiedergewinnen, so Alan. Eine große Rolle spielt dabei auch das narrative Selbst, das die Identität immer wieder erneut bestätigt und Glaubenssätze über sich selbst zementiert. Meist ist das Bedürfnis nach Schutz die Ursache dafür. Aber die eigene emotionale Realität ist kein festes Faktum – sie ist ein Konstrukt, betont der Lehrer und Trainer. Maladaption etwa mit negativen Mustern kann überwunden werden. Co-Regulation und metakognitive Intelligenz können dabei helfen, alte Prinzipien zu überwinden und sich wieder lebendiger zu fühlen.
“Ruha d’Qudsh”: endlich ankommen
Das Default Mode Network (DMN) (“Ruhezustandsnetzwerk”, “Werkeinstellungsnetzwerk”) habe die zentrale Aufgabe, ein kohärentes Selbstbild aufrechtzuerhalten. Unser autobiographisches Selbstverständnis, die Ich-Geschichte, vermittle uns zwar Kontinuität und Identität, könne aber auch in gedanklichen Schleifen und selbstbezogenen Grübeleien (Ruminatisnen) gefangen halten. Ein überaktives DMN würde sogar die identitätsbasierte Selbstwahrnehmung verfestigen und den Zugang zur gegenwärtige Erfahrung, Offenheit und kognitiver Flexibilität erschweren, gibt Alan zu Bedenken. Meditation könne da langfristig helfen, Atmung dafür aber sofort, da es ein Erleben jenseits der gewohnten Konditionierungen ermögliche. “Was uns einst gebrochen hat, kann zu dem werden, was uns trägt. (…) Heilung ist wunderbar.” Der Atem sei eines der wenigen autonomen Körpersysteme, das willentlich beeinflusst werden könne, mit ihm können nicht nur das Nervensystem, sondern auch emotionale Zustände verändert und Muster aufgebrochen werden. Zudem ist der Atmem direkt an unser implizites Gedächtnis gekoppelt und könne so auch Erinnerungen, die kognitiv nicht zugänglich sind und in der Physiologie oder der Muskulatur verborgen liegen, öffnen. Nicht zuletzt spreche durch das Atmen ja auch der Planet selbst zu uns, wie Alan schreibt. “Ruha d’Qudsh”, aramäisch für heiliger Atem oder Geist, Hauch wirke, wenn wir uns in der Stille versenken. Der Atem könne uns die Tür zur Seele öffnen, helfe uns präsent und unabgelenkt zu sein und endlich anzukommen. Oder wie es schon Grace Slick in “White Rabbit” ausdrückte: “Just rembember what the dormouse said!”
Daniel Alan
Atem – Die Lösung für dein Trauma
2026, Paperback, 222 Seiten
ISBN: 9783689690540
now Verlag
€20,00
Wer sind wir? Deutschland auf der Suche nach seiner Identität
Joschka stellt dem Buch Strophen von Heines Wintermärchen voraus und schreibt dazu, was ihn beeindruckt: “seine tiefe Abneigung gegen Preußen und dessen autoritären Obrigkeitsstatt, zugleich seine fast verzehrende Liebe zu diesem Deutschland, zu dessen Sprache und Musik!“ Und stellt die Frage, wie es dem Sohn einer jüdischen Familie ergangen wäre, hätte er in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt.Damit umreißt er die Widersprüche seines eigenen Deutschseins. Weiterlesen
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex
100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.
Hollywood meets Vienna (in London)
Vor genau 70 Jahren im Spätsommer 1956 haben sich die Tochter von Sigmund Freud, Anna, und Marilyn Monroe tatsächlich in London Hampstead getroffen: Hollywood meets Vienna in London. Hektor Haarkötter hat sich in mühseliger Kleinarbeit durch alle verfügbaren Aufzeichnungen von Gesprächen, private Notizen beider Frauen, Briefe und Tagebucheinträge, Gedichte und viele andere Hinweise geackert, um die psychoanalytischen Sitzungen (à 50 min/7 Tage) detailreich nacherzählen zu können. Es ist alles Spekulation, gibt der Autor freimütig in seinem Vorwort zu Protokoll, aber dennoch könnte es sich in etwa so abgespielt haben. Marilyn “The Wiggle” Monroe weilte aufgrund der Dreharbeiten zu “Der Prinz und die Tänzerin” in den Londoner Pinewood Studios. Auch Colin Clark hat darüber ein Buch verfasst, wozu sie hier eine Rezension finden. Mit Milton Greene hatte sie sich selbständig gemacht, um mit den Marilyn Monroe Productions endlich von ihrem Image als blondes Dummchen wegzukommen. Ins Parkside House reiste sie damals mit 27 Gepäckstücken, die 861 Pfund wogen, an. Für die Überlast zahlte sie eine Zsatzgebühr von 1187 Dollar, wie Haarkötter weiß, mehr als der Flugpreis für zwei Personen. Anna Freud wiederum lebte in der berühmten 20 Maresfield Gardens Adresse, weil ihr Vater von den Nazis aus Wien vertrieben worden war. Sie hatte dort ebenso wie ihr berühmter Vater eine Praxis, auch wenn sie sich eigentlich für die von ihr und Dorothy Burlingham gegründete Hampstead Child Therapy Clinic engagierte. In der 20 Maresfield Gardens fanden auch die Sitzungen mit MM statt.
Führe mich (nicht) in Versuchung!
Dass Marilyn damals schon Drogen nahm (laut HH zu dieser Zeit Dexamyl) mag nicht weiter überraschen. Auch über ihre Kindheit in insgesamt neun Pflegefamilien weiß man recht gut Bescheid. Wer wirklich ihr Vater war, darüber wurde lange spekuliert, Clark Gable mit dem MM an ihrem Lebensende in “The Misfits” spielte und der zehn Tage nach den Dreharbeiten verstarb, war es jedenfalls nicht. MM hatte dies vermutet, da ein Foto ihres Vaters, das ihre Mutter an der Schlafzimmerwand hängen hatte, diesem ähnelte. Die psychischen Probleme ihrer Großmutter Monroe und ihrer Mutter Gladys Baker sind ebenso bekannt, neu ist vielleicht ihre “zwanghafte Nacktheit”, der sie ungeniert auch vor Fotografen frönte. Sex hatte ihr aufgrund von Kindesmissbrauch zwar nie etwas bedeutet, aber dennoch erfüllte sie so manchem Mann seine Wünsche. Anna Freud wiederum war eventuell Inzest durch ihren Vater ausgesetzt und Zeit ihres Lebens homosexuell, so HH. Auch MM soll etwas mit ihrer Schauspiellehrerin gehabt haben.
Prominentestes Opfer der Psychoanalyse: Marilyn M
Seit Anfang der 50er hatte die prominente Schauspielerin schon einen “shrink“, dass sie Anna Freud aufsuchte, überraschte also nicht. Miss Cheesecake 1951 bezeichnet sich an einem der 7 Tage mit Anna als “Kriegsveteran der Nacht” und in Liebessachen als “Macherin” und formuliert damit eine ganz andere, neue Monroe-Doktrin. Mit einem Vokabular wie ein Seemann brüskiert sie die doch etwas prüde Wienerin dann doch, aber das wird auch sie nicht ganz kalt gelassen haben, wie HH süffisant spekuliert. Marilyn Monroe’s Konversion zum Judentum am 1. Juli 1956 ist doch etwas unbekannt, vor allem aber, dass sie es auch nach ihrer Scheidung von Arthur Miller, weiterhin praktizierte. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil ihres Vermögens an die New Yorker Psychoanalytikerin Marianne Kris, eine Freundin von Anna Freud, ging und diese es wiederum Anna vermachte, die es in ihre Stiftung fließen ließ, mag sich die Frage aufdrängen, ob die Psychoanalyse Marilyn Monroe zum Opfer gemacht hat. Jedenfalls nicht umgekehrt.
100 Jahre Marilyn Monroe
Eine wirklich unterhaltsame Lektüre, die es in sich hat und neue Fragen stellt und viele davon auch beantworten kann. Selbstverständlich ist vieles davon Spekulation, aber das hilft wesentlich beim Weiterdenken. Tabubrüche haben uns immer schon weitergebracht und vielleicht nahm Marilyn Monroe sogar die Wilden Sechziger vorweg? Zur Emanzipation der Frau hat sie jedenfalls wesentlich beigetragen, auch wenn sie immer noch gerne als blondes Dummchen belächelt wird. Ihr 100. Geburtstag sollte daran endlich etwas ändern! Und was Marilyn wohl selbst von dem Gerede über sie hält, lässt sich vielleicht so zusammenfassen.
Hektor Haarkötter
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex
Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud
2026, Hardcover, 216 Seiten, Abmessungen 15,7cm x 22,9cm
ISBN: 978-3-8000-8110-3
Carl Ueberreuter Verlag
€ 28,00
Erzählte Welt
Ohne Skandal geht es nicht
Mit seinem literatur-wissenschaftlichen Fachbuch «Erzählte Welt», dessen Untertitel «Eine Literatur-Geschichte der Gegenwart – 1989 bis heute» seinen Inhalt klar benennt, hat der an der Humboldt Uni in Berlin lehrende Steffen Martus ein wichtiges Werk zum Verständnis seiner Kunstgattung geliefert. Denn wie kein anderes spiegelt es die fundamentalen Umbrüche der Zeit in vielerlei Hinsicht, politisch, soziologisch, aber natürlich auch ästhetisch. Nach der politischen Wende waren ja insbesondere in den beiden deutschen Staaten plötzlich alte Gewissheiten obsolet geworden. Und mit der Digitalisierung änderten sich zunehmend nicht nur die altbewährten Vertriebswege, es änderte sich auch der Stellenwert von Büchern, speziell im Vergleich zu den im Internet konsumierbaren Möglichkeiten der Unterhaltung und Erbauung.
Vorweg bleibt festzustellen, dass dieses Buch kein Nachschlagewerk über Literatur ist, die Intention des Autors besteht vielmehr klar erkennbar darin, Literatur-Geschichte als gespiegelte Gesellschafts-Geschichte zu erzählen. Kein Wunder also, dass mit dem turbulenten politischen Geschehen nach 1989 in Deutschland – über mehr als dreißig Jahre hinweg also – auch die bis dato eher behäbig erscheinende deutsche Literatur kräftig aufgemischt wurde, alle der vielen sozialen Krisen haben in ihr sichtbare Spuren hinterlassen. Schaffen doch ihre kreativ gesehen gottgleichen Schöpfer in ihren Werken eine Welt im Kleinen, die immer auch auf die Realität zurückwirkt. Ganz deutlich war das an der Situation der DDR-Schriftsteller zu sehen, denen sich Steffen Martus gleich zu Beginn ausführlich widmet. Er nennt Christa Wolf als Beispiel dafür, wenn von ihr bei den die Wende auslösenden Demonstrationen am Berliner Alexanderplatz politische Orientierung erwartet wurde. Die sie auch geliefert habe, die sich dann aber schnell als reine Utopie erwiesen hat. Der Sozialismus war wegen der Konsumgier der ostdeutschen Bevölkerung, wegen ihres übermächtigen, materiellen Nachholbedarfs aus der Politik wie auch aus der Literatur in kürzester Zeit verschwunden. Ihm wurde keine Träne nachgeweint, was sich erst in jüngster Zeit vereinzelt geändert hat, ohne dass aber bisher eine wirklich literarische Aufarbeitung stattgefunden hätte. Während des so genannten deutsch-deutschen Literaturstreits veränderte sich die Gesellschaft jedenfalls von Grund auf.
Die literatur-soziologische Perspektive von Steffen Martus, die immer eng an den behandelten Büchern bleibt, beschäftigt sich weniger mit den Aufregungen um die allseits bekannten «Großschriftsteller» wie Handke, Grass, Böll oder Botho Strauss. Er arbeitet vielmehr an vielen Beispielen speziell die Bedeutung der Entwicklungen im popkulturellen Bereich heraus und zeigt auf, wie Literatur marktkonform wird. Dabei interessiert er sich auch für den rasanten Aufstieg des neuen Marktsegments «New Adult». Ausgehend von einem New Yorker Verlag seit 2009 als spezielles Subgenre der Literatur forciert, wird damit eine neue, bisher nicht erreichte Zielgruppe zwischen den Lesern von Liebes- und denen von Jugendromanen angesprochen. Neben den explizit erotischen Themen darin sind im deutschen Sprachraum die fast ausschließlich englischen Titel dieser Romane typisch, ein Merkmal der mit Anglizismen am ehesten ansprechbaren Jugendlichen.
Anschaulich verfasst, ist dieses unterhaltsame Buch der Versuch, dem über den Tellerrand der konsumierten Lektüre hinaus interessierten Lesern tiefere Einblicke in eine der großen Kunstgattungen zu gewähren, ohne sie mit spezifischem Fachwissen zu überfordern. Sein Augenmerk liegt dabei auch auf der Rezeption von Literatur, den Wirkmechanismen im allfälligen Meinungsstreit unter denn Kritikern und Lesern sowie den literarischen Strömungen und Skandalen. Und prompt wurde dem Autor nun in einer Kolumne von Maxim Biller, dem Enfant terrible und Spitzenreiter peinlicher Selbstüberschätzung unter den deutschen Autoren, fälschlich unterstellt, bewusst jüdische Autoren ignoriert zu haben, – ganz ohne Skandal geht es wohl nicht in der Literatur, lernen wir daraus!
Fazit: lesenswert
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