Aus purem Glück
Die schon länger für den Nobelpreis vorgeschlagene italienische Kultautorin Dacia Maraini hat sich mit dem Roman «Drei Frauen» erneut als streitbare Pionierin des Feminismus erwiesen. In dieser unkonventionellen Geschichte stellt sie drei Generationen einer aus Großmutter, Mutter und Tochter bestehenden Lebensgemeinschaft vor, deren Zusammenleben unter einem Dach sich nicht nur emotional als schwierig erweist. Diese unkonventionelle Thematik nutzt sie zu mancherlei überraschenden Wendungen in ihrer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Geschichte.
Älteste im Bunde ist mit 60 Jahren die lebenslustige Großmutter Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, die immer noch gern mit Männern flirtet und mit ihrem deutlich jüngeren Bäcker eine ungewöhnliche Liaison hat. Denn er ist nur am Küssen interessiert, darin aber ist er unschlagbar. Gesuina werden jedes Mal die Knie weich, wenn er sie leidenschaftlich küsst, mehr will er aber nicht von ihr. Die früh verwitwete, vierzigjährige Maria, ihre ernste, sittenstrenge Tochter, ist freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Sie ist ein eher lebensfremder Bücherwurm, und sie ist es denn auch, die ihre Familie durchfüttert. Seit fünf Jahren ist sie mit François liiert, eine Fernbeziehung, die sie ganz unkonventionell noch mit langen Briefen ausfüllt. Kulturell interessiert machen sie beide öfter gemeinsam Urlaub, und zwar nicht nur in exotischen Ländern, sondern sie bereisen kulturinteressiert auch Holland, worüber Maria ihrer Familie von unterwegs begeistert per Brief berichtet. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori schließlich, Marias Tochter, ist pubertär bedingt ziemlich aufmüpfig. Sie hat öfter mal Sex mit ihrem festen Freund und kümmert sich ganz unkonventionell um eine auf der Müllkippe hausende Obdachlose, der sie öfter mal Essen und Getränke vorbei bringt und auch Geld zusteckt. Unterschiedlicher als diese drei Charaktere können Romanfiguren wohl kaum sein.
Es gibt schließlich eine überraschende Wendung, als sich herausstellt, dass Lori schwanger ist. Während der Geliebte ihrer Mutter an Weihnachten zu Besuch war, hat sie die Gelegenheit genutzt und mal schnell Sex mit François gehabt, einfach weil sie neugierig war auf den gut aussehenden Mann. Aber selbstverständlich wollte sie ihn der Mutter nicht ausspannen! Man fragt sich als Leser, ob die Autorin es nicht auf die Spitze treibt in ihrer Geschichte, wenn sie es bei diesem leichtsinnigen Spontansex nun auch gleich zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen lässt. Sie wollte «der heutigen, verwöhnten Jugend einen Spiegel vorhalten», hat sie dazu erklärt. «Die lassen sich leichtfertig treiben, sie weichen Verpflichtungen aus und denken kaum über den Tag hinaus». Insoweit soll also ihr an die Vernunft appellierender Roman auch eine moralische Botschaft transportieren. Lori traut sich nicht, ihrer Mutter zu beichten, denn auch die Großmutter lehnt es vehement ab, die arme Maria damit zu konfrontieren. Soll Lori abtreiben oder einfach ihrem festen Freund das Kind unterschieben? Nach mehr als drei Monaten ist der Bauch nicht mehr zu verstecken, François hat sich schändlich ‹vom Acker gemacht›, und Lori offenbart sich endlich ihrer Mutter, ziemlich feige zwar, – in einem langen Brief nämlich!
Stilistisch perfekt wird diese Geschichte, ständig wechselnd und meisterhaft gekonnt, aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen erzählt: Als Tonband-Aufzeichnung der Großmutter, in Briefen der Mutter und in Tagebuch-Einträgen der Tochter. Letztere gebiert einen prächtigen Jungen, dem sie ganz unbeirrt den Namen Prometheus gibt, der ‹Vorausdenkende›. Das Baby verändert die familiäre Struktur schlagartig zum Positiven, das Gefühls-Karussell dieser drei ungleichen Frauen justiert sich von Grund auf neu. Sehr subtil legt die Autorin in ihrem raffiniert angelegten Plot eine zerbrechliche Familien-Struktur dar, die mit dem Vogelkäfig auf dem Cover auch die Freiheit als politisches Ziel symbolisiert. Trotzdem bleibt sie aber auch hoffnungsfroh, denn am Ende lachen alle wieder, die letzten Worte dazu lauten ergänzend «aus purem Glück»!
Fazit: erstklassig
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Toxisches Schweigen. Unser Zeitalter wird einst als das Zeitalter der Narzissten in die Geschichte eingehen. Diese Spezies Mensch versteht es besonders gut, sogar durch Schweigen Terror auszuüben, “Schweigeterror” nennt das der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der in vorliegender Publikation auf alle Arten des Schweigens eingeht.
Schlafesruh
Radikaler Underdog-Roman
Nordischer Trauer-Exzess

Die Großmutter spielte schon im Roman Frei -Erwachsenwerden am Ende der Geschichte – eine große Rolle. Geboren wurde sie in Saloniki in der Zeit, als das Osmanische Reich sich auflöste, dort hatte sie zur Oberschicht gezählt, und sprach Französisch, so wie später auch mit Lea.




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