Elisabeth Finch

Tiefpunkt im Werk des Autors

Im umfangreichen Œuvre des vielseitigen britischen Schriftstellers Julian Barnes, der sich selbst als «glücklichen Atheisten» bezeichnet, ist der 2022 erschienene Roman «Elisabeth Finch» ein typisches Beispiel für eine aporetische Suche nach Wahrheit. Ohne Rücksicht auf die Lösbarkeit philosophischer Fragen wendet er sich als Vertreter der Postmoderne nämlich auch hier wieder einer schwierigen Thematik zu, indem er mit der titelgebenden Elisabeth Finch eine Romanfigur erschafft, die als Philosophie-Professorin das Fundament ihrer Erkenntnisse in vorchristlicher Zeit findet. In einem narrativen Mix aus Roman und Essay benutzt der Autor das universitäre Milieu für seine tiefsinnigen philosophischen Betrachtungen, als deren gedankliche Quelle er seine im Mittelpunkt stehende Romanfigur etabliert hat.

Das dreiteilige Buch beginnt damit, dass ein etwa dreißigjähriger, gescheiterter Schauspieler namens Neil an der Londoner Uni ein Abendseminar zum Thema Kultur und Zivilisation besucht, das von der auf Genauigkeit bedachten, ebenso anspruchsvollen wie charismatischen Professorin Elisabeth Finch abgehalten wird. Er ist wie alle seine Kommilitonen fasziniert von der etwa zwanzig Jahre älteren Frau, die streng darauf achtet, dass ihre Studenten das Mitdenken lernen, indem sie von ihr unentwegt mit stoischer Gelassenheit zu messerscharfen Reflexionen über den anspruchsvollen Lehrstoffs genötigt werden. Sie verkörpert eine derart unduldsame Präzision im Denken, dass ihre Studenten ihr nachzueifern versuchen und mit möglichst klaren sowie fundierten Aussagen um ihre Anerkennung werben, allen voran Neil. Obwohl sie sich später regelmäßig mit ihm zum Lunch trifft, bei dem sie stets die Zeche übernimmt, bleibt die zwanzig Jahre ältere Frau absolut unnahbar, ihre Verabredungen dienen lediglich einem für beide bereichernden Gedanken-Austausch. Über ihr Privatleben ist absolut nichts bekannt, sie besuchen sich auch nicht gegenseitig. Eines Tages erfährt Neil, dass sie gestorben ist und ihm ihre Bibliothek und den gesamten schriftlichen Nachlass vererbt hat.

Es folgt im Mittelteil ein umfangreiches Essay über den römischen Kaiser Julian II, der den Beinamen Apostata trug, weil er dem christlichen Glauben abgeschworen hatte und die Christianisierung im vierten Jahrhundert rückgängig machen wollte, was ihm bekanntlich ja nicht gelang. Für Elisabeth Finch ist er ein beredtes Beispiel für die Deutung von Geschichte gewesen, das ihr Denken entscheidend geprägt hat, weil der Schlüssel zur Gegenwart eben oft auch in der Vergangenheit liegt. So stellt sie beispielsweise die Frage: Was wäre passiert, wenn er nicht im vierten Jahr seiner Regentschaft im Kampf gefallen wäre? Im dritten Teil ist Neil damit beschäftigt, den schriftlichen Nachlass von Lis zu sichten, was wenig ergiebig ist. Er beginnt zu recherchieren, findet aber außer dem Bruder von ihr niemanden, der etwas Licht in das Dunkel ihres Privatlebens bringen kann. Die wenigen Bekannten, die sie hatte, haben alle nur losen Kontakt zu ihr gehabt, sie war auch als Privatperson unnahbar. Mit Hilfe des Internets findet Neil schließlich eine ehemalige Kommilitonin, die Liz als Frau auch von einer anderen Seite kannte. Allerdings ist sie aber nicht bereit, Intimes von ihr preiszugeben. Und auch Geoff, der einst als aufmüpfiger Schüler öfter mit seiner strengen Professorin aneinander geraten ist, kann nichts beitragen zur der Recherche, er schimpft aber zwanzig Jahre später selbst posthum immer noch über sie. Neil entschließt sich am Ende, die geplante Biografie über Elisabeth Finch doch nicht zu schreiben.

Das Dilemma dieses «Romans» besteht darin, dass hier eine Erzählung mit einem wie ein Fremdkörper wirkendem Essay übergangslos und ohne Zusammenhang verwoben sind. Dem fiktionalen Teil fehlt eine schlüssige Handlung ebenso wie glaubhaft gezeichnete, lebensnahe Figuren, es kommt sehr schnell große Langweile auf beim Lesen. Ohne Zweifel ist dies der bisher schlechteste seiner Romane, ein unnötiges, narratives Wagnis, mit dem der für seinen brillanten Stil bekannte Julian Barnes auch viele seiner treuesten Anhänger total verprellt hat. Schade!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln, Kröner Verlag

Die Fremde

Die Fremde. “Manchmal haben wir einander tief verletzt, doch es war das Bemühen, sich verständlich zu machen“, schreibt die 1984 in Brooklyn geborene Claudia über die Beziehung zu ihrer Mutter. Sie wurde als CODA (children of deaf adults) geboren, Tochter zweier gehörloser Eltern, die sich einst am Ponte Sisto in Rom kennengelernt hatten. Er versuchte sich von der Brücke zu stürzen, sie rettete ihn. Oder war es doch ganz anders?

Die Tochter der Stummen

In der Version ihres Vaters rettete natürlich er sie, vor einem Überfall am Bahnhof Trastevere. Aber egal welcher Erzählung man lauscht, es ist doch der heimliche Wunsch eines jeden Erdenbürgers von einem anderen gerettet zu werden. Aber das würde man nie zugeben. Ihre italoamerikanische Familie belegt sie ohne schlechtes Gewissen mit Stereotypen, wie sie schreibt, die sich auf “Verbrechen und Leidenschaft beziehen“. Das seien die größenwahnsinnigen Phantasien, denen sie anhingen: “Es sind die Filme, die sie gesehen haben, die Lieder, die sie gehört haben“. Beim Festival von San Remo, die italienische Version des Eurovision Songcontests, achtet sie mit ihrer Mutter auf die Texte, denn die Texte sind das, was sie verbindet. “Meine Mutter und ich liebten Texte, wenn sie wahr waren, aber um uns herum gab es nur Fiktionen.” Die Musik, die ihre Mutter nicht hören konnte, konnte sie aber zumindest berühren, um sie zu erfahren. Die technischen Geräte wie CD-Player oder Walkman, gaben ihr ein Gefühl des Klanges. “Gehörlose begreifen sich selbst vor allem als eine Sprachgemeinschaft“, schreibt die Autorin, aber dennoch lebt sie die meiste Zeit alleine und die Geräusche sind alles, was sie hat.

Benennen: Ein Akt der Liebe

Wenn sie sagen will, dass etwas wunderschön ist, sagt sie, es sei abstrakt“. Claudia und ihr Bruder hatten sich oft darüber lustig gemacht, wenn etwa das Ende eines Films, ein Gemälde, die Geburt ihres Enkels oder ein Kleid im Schaufenster “abstrakt” waren. Claudia wuchs in dem Glauben heran, dass sie für immer gerettet würde, wenn sie sich einem andern Menschen anvertraute, schreibt sie. Und sie glaubt immer noch daran, dass dieses “luzide Sich-Anvertrauen etwas Bedeutsames hat“. “Etwas zu benennen, ist ein Akt der Liebe.” Hin- und hergerissen zwischen Heimweh und Migration, Anpassung und Auflösung beschreitet sie die “scorciatoia”, die “desire paths” zu sich selbst: “Die Zukunft war all das, was vor einem Weggang kam.” Der Titel des vorliegenden Buches bezieht sich auf die polnische Schriftstellerin Maria Kuncewiczowa, die 1940 ihren Roman „cudzoziemka“ veröffentlichte.

Burning Desire und die Taxonomie der Liebe

Aber es geht Claudia Durastanti nicht nur um das Leben ihrer Eltern, sondern auch um eine Momentaufnahme ihres eigenen Lebens, das sie oft mit Filmen, Stimmungen und Bildern beschreibt. Auch die Oxycontinkrise in den USA beschreibt sie, weil ihre Freundin Malinda davon betroffen ist: “Als würden sie sich eine Sustanz spritzen, die sie unter Formaldehyd konservierte, eine Taxidermie, bei der sie immer aufgespürte Tiere blieben, aber in einem Wald ohne Jäger.” Das Burning Desire eines anderen drogenabhängigen Freundes beschreibt sie mit seinem Ehrgeiz seinen Körper wieder auf ganz gesund zu trimmen, um sich danach wieder hemmungslos der Droge hingeben zu können. Dadurch bekommt man einen Körper, “der keine Eroberung ist, sondern die Summe all seiner Gravuren, eine Brailleschrift aus Irrtümern“. Als “Teil des Subproletariats” (O-Ton) beginnt sie sich erst an der Universität zu begreifen und es ist ihr klar, dass ohne den Wohlfahrtsstaat es ihr nie gelungen wäre, sich als Frau zu befreien, zu reisen, ja, eine Frau zu werden, wie sie schreibt.

Der Raum zwischen zwei Menschen

Im vorletzten Kapitel, “Liebe“, schreibt sie, dass diese vor allem eine Frage des Wiedererkennens sei: “Denn in all den Jahren, die ich tatenlos verbracht hatte, weil ich dachte, ich würde verschwinden, hatte ich einfach nur auf jemanden gewartet. Nach ihm gesucht.” Die wohl schönste Beschreibung der heutigen Twens, der Millenials. “Eine Liebesgeschichte ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, und wenn keine Vorzeichen da sind, muss man sie erfinden, damit alles bedeutend wird.” Der “Raum zwischen zwei Menschen” wird durch Gespräche durchmessen, aber am Ende steht die neuerliche Einsamkeit: “Als ich gescheitert war, als er versagt hatte, fehlte mir nicht nur er, sondern auch das Gefühl, unsterblich zu sein“.

Claudia Durastanti
Die Fremde
Übersetzt von Annette Kopetzki
WAT [887]
2026, 288 Seiten. 12 x 19 cm. Broschiert
ISBN 978-3-8031-2887-4
Wagenbach
15,– €


Genre: Autobiographie, Roman
Illustrated by Wagenbach

Die Glasglocke

Feministischer Klassiker

Der im Original 1963 in Großbritannien unter dem Pseudonym ‹Victoria Lucas› erschienene Roman «Die Glasglocke», geschrieben von der bis dato nur als Lyrikerin bekannten US-amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath, ist vor allem wegen seiner beklemmenden Thematik bekannt geworden, aber natürlich auch wegen seiner unzweifelhaft vorhandenen Authentizität. Denn die Ich-Erzählerin leidet wie auch die Autorin, die sich wenige Wochen später das Leben nahm, an schweren Depressionen, die zur Einweisung in die Psychiatrie führen und als Odyssee durch verschiedene Kliniken die zweite Hälfte der Erzählung ausfüllen. Sie habe den Roman als reine «Brotarbeit» geschrieben, hat die Autorin ihrer Familie erklärt, und einem Kritiker gegenüber hat sie ihren ungewöhnlichen Bildungsroman eine «autobiografische Lehrlingsarbeit» genannt, mit deren Hilfe sie sich von ihrer Vergangenheit zu befreien versucht habe. Im Überschwang des erst acht Jahre später auch in den USA äußerst erfolgreich herausgebrachten Romans wurde sie dann dort als Ikone der Frauenbewegung hochstilisiert, in deren persönlicher Lebensgeschichte sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft widerspiegle. Ihr erster und einziger Roman wurde als Dekonstruktion des scheinbar unausrottbaren amerikanischen Mythos gedeutet, er traf jedenfalls die Stimmungslage vieler Frauen jener Zeit und avancierte schnell zu einem echten Kultbuch.

Die neunzehnjährige Esther Greenwood aus Boston hat, beneidet von fast allen Studentinnen Amerikas, in einem Schreibwettbewerb einen einmonatigen Aufenthalt im Volontariat einer großen New Yorker Modezeitschrift gewonnen. Sie wird zusammen mit elf andern Frauen dort in einem Hotel einquartiert und mit Geschenken und gesellschaftlichen Einladungen überhäuft. Die erste Hälfte des Romans schildert die turbulenten Erlebnisse der Hospitantinnen in Big Apple, unglücklich begonnen mit einer Lebensmittel-Vergiftung, ausgelöst bei einem Bankett durch verdorbenes Krabbenfleisch. Esthers College-Ruhm verblasst dort aber schnell, weil ihre Strebsamkeit in der ungewohnten, neuen Umgebung deutlich leidet. Sie ist andererseits aber auch nicht in der Lage, sich den vielen lockenden Vergnügungen hinzugeben. Insbesondere die Männer enttäuschen die unerfahrene Esther, deren ästhetische Ansprüche sie nicht erfüllen oder die an ihr nicht interessiert sind. Und selbst den Heiratsantrag von ihrem Jugendfreund lehnt sie strikt ab, weil er ihr seine bereits vorhandenen sexuellen Vorerfahrungen verheimlicht hat.

Zurück in Boston scheitert sie bei ihrer Abschlussarbeit über «Finnegans Wake» kläglich an den kreativen Wortgebilden des berühmten irischen Autors. Auch ihren Versuch, selbst einen Roman zu schreiben, bricht sie schon nach wenigen Zeilen mutlos ab. Und als sie für ein Schriftsteller-Seminar in einem angesehenen College wider Erwarten doch nicht angenommen wird, bricht für sie eine Welt zusammen. Versuche ihrer Mutter, sie zu Sprachkursen zu animieren oder in Hinblick auf den Arbeitsmarkt Stenografie zu lernen, lehnt die ehemalige Musterschülerin vehement ab. Nach einem Selbstmordversuch landet sie schließlich in der Psychiatrie, wo sie von einer Klinik zur anderen weitergereicht wird und den Eindruck gewinnt, nun wie in einer «Glasglocke» endgültig von der Welt abgeschottet zu sein. Erst als dann endlich eine fähige Psychiaterin ihr Vertrauen gewinnt und die scheinbar sexuell bedingten Ängste von Esther offen legt, beginnt eine allmähliche Erlösung von ihren wahnhaften Zwangs-Vorstellungen, – und sie lässt sich nun sogar, ganz bewusst, endlich auch entjungfern.

Es sind die längst überholten, weiblichen Rollenbilder, die sich hier überdeutlich auch in einer verklemmten Sexualität ausdrücken, an denen nicht nur Esther tragisch zu scheitern droht. «Die Glasglocke» als titelgebende Metapher verdeutlich gekonnt die Intention der Autorin, das soziale Ausgeschlossensein anders denkender und anders empfindender Frauen kritisch zu hinterfragen. Als feministischer Klassiker ist dieses Buch ein echter Solitär, den man gelesen haben sollte!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Was nicht gesagt werden kann

Sprachlose Männlichkeit

Der mit dem Booker-Prize 2025 prämierte Roman «Was nicht gesagt werden kann» von David Szalay «konzentriert sich auf einen Mann aus der Arbeiterklasse, der normalerweise nicht viel Beachtung findet», hat die Jury erklärt, und hinzugefügt, er «lädt uns ein, hinter die Fassade zu blicken». Das durchweg positive Echo in den Feuilletons bestätigt denn auch eindrucksvoll die einstimmig erfolgte Preisvergabe, sie hätten «noch nie etwas Vergleichbares gelesen», so die britischen Juroren. Und das, obwohl es auch einige wenige Einwände gibt zu diesem eigenwilligen Entwicklungs-Roman, der quer durch alle sozialen Schichten führt und in mancherlei Hinsicht sogar als machohaftes Aufstiegs-Märchen bezeichnet werden muss.

Als Protagonist der auktorial und durchweg im Präsens erzählten Geschichte verkörpert István einen innerlich verarmten Mann, der mit seiner Mutter im typischen Plattenbau-Viertel einer ungarischen Stadt lebt. Dort ist der schüchterne 15Jährige völlig isoliert, bis ihn eine ältere Frau aus dem Hause bittet, ihm beim Hochtragen ihrer Einkäufe in den vierten Stock zu helfen. Als sie ihn irgendwann fragt, ob sie ihn küssen darf, stimmt er perplex zu, und bald darauf landet er, auf ihre Initiative hin, im Bett mit der verheirateten Mitbewohnerin. Bei einem Gerangel mit ihrem Mann stößt István ihn die Treppe herunter und wird wegen Todschlag zu drei Jahren Jugend-Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung meldet er sich für fünf Jahre zum Militär und kommt im Irakkrieg zum Einsatz. Danach geht er nach London und findet eine Stellung als Türsteher in einem Club. Dort wird er von einem Mann angesprochen, der ihm eine Ausbildung als Personenschützer anbietet. Später engagiert ihn dann ein älterer Milliardär als Bodyguard und Chauffeur. Dessen selbstbewusste, junge Frau Helen macht ihm schon bald Avancen, und prompt wird sie seine Geliebte. Nach dem Tod ihres Mannes stellt sich dann heraus, dass er Thomas, ihren gemeinsamen Sohn, als Alleinerben eingesetzt hat. Bis zu seinem 25ten Lebensjahr soll das Erbe aber noch treuhändlerisch von der Mutter verwaltet werden. Helen heiratet István und bekommt ein Kind von ihm. Beide leben in Saus und Braus, weil er finanzielle Transaktionen mit dem von Helen verwalteten Geldvermögen tätigen kann und dabei üppig verdient. Bei einer Feier kommt es zu Eklat mit Thomas, weil der von diesen finanziellen Aktivitäten mit seinem Geld erfahren hat und sich von seiner Mutter und István bestohlen fühlt.

Die auch in dramatischen Szenen nüchterne und unverkennbar machoartige Erzählweise von David Szalay ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass er sehr detailliert schildert, wie sich das äußere Leben seines Protagonisten entwickelt. Gleichzeitig aber schweigt er sich beharrlich darüber aus, was denn innerlich in seinen Figuren vorgeht. István lässt immer alles ambitionslos auf sich zukommen, er lässt alles nur geschehen, ohne je wirklich die Initiative zu ergreifen. Und auch was den Sex angeht, so sind es immer die Frauen, die ihm Avancen machen, die den ersten Schritt tun. Er ist dann oft total erstaunt und im Übrigen auch nicht wählerisch. Jugend und Schönheit sind keine entscheidenden Kriterien für ihn, er lässt sich gerne ins Bett ziehen, aber um eine Frau zu werben käme ihm nicht in den Sinn. Seine eigenen Gefühle bleiben ihm fremd, selbst die zu Helen, die er ja geheiratet hat, – oder wurde er etwa geheiratet?

Obwohl emotionale Nähe zu dem verstockten Protagonisten nicht aufkommen will, bleibt man als Leser doch sehr nah dran an der Figur. Zu dieser Nähe tragen insbesondere die das Geschehen prägenden, köstlichen Dialoge bei. Sie werden oft stakkatoartig geführt, wobei «Okay» das von ihm meistverwendete Wort ist, und auf Fragen folgt fast immer erstmal eine wörtliche Wiederholung der Frage, so als hätte er sie nicht verstanden. Dieser auf das Nötigste reduzierte Erzählstil macht keinerlei Unterschied zwischen Banalem und Dramatischem, alles ist gleichermaßen wert, erzählt zu werden. Nach tragischem Niedergang und Rückkehr nach Ungarn beerdigt István dort seine Mutter, und der letzte Satz lautet lapidar: «Danach lebt er allein»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Goldstrand

Narratives Chaos

Der Roman «Goldstrand» der Schriftstellerin Katerina Poladjan wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnet. Leider gibt die veröffentlichte Begründung der Jury keinen Hinweis, aus welchen Gründen ihr Votum denn gerade auf diesen Roman gefallen ist. Neben einem Satz, der den Inhalt zusammenfasst, wird schriftlich erklärt: «Katerina Poladjans Roman ist ein Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker – und erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt». Demnach ist also der «Abgesang auf Europa» als Thematik das ausschlaggebend Preiswürdige an diesem Buch.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Eine Frau steigt 1922 nachts auf einem Flüchtlings-Dampfer aus Odessa nach Konstantinopel über die Reling und verschwindet spurlos. Zusammen mit seinem Sohn macht sich deren Bruder Lew von Rumänien aus auf die Suche nach seiner Schwester. Er will es nicht wahrhaben, dass sie tot ist. Nach jahrelanger Suche lässt er sich an einem leeren Strand nieder und baut mit seinem Sohn Felix eine Hütte, in der sie ein bescheidenes Leben fristen, er arbeitet als Tagelöhner. Felix studiert später in Sofia Architektur und hat die Idee, den idyllischen Strand als Feriendomizil zu erschließen. Unter seiner Ägide werden in den fünfziger Jahren um die ehemalige Hütte herum Hotels aus dem Boden gestampft. Felix trifft auf Francesca, Tochter faschistisch orientierter Eltern, die sie verstoßen, als sie von ihm schwanger wird. Ihr gemeinsamer Sohn Eli schließlich studiert und wird ein bekannter Filmemacher, der dann als 62jähriger Klient einer Dottoressa in den Therapie-Sitzungen von seinem Leben und dem der Eltern und Großeltern erzählt. Der Großteil des nichtlinear erzählten Plots besteht aus den Analyse-Gesprächen mit der italienischen Psycho-Therapeutin. Das Setting der sieben Kapitel des Romans wechselt erst im letzen Kapitel von deren Praxis in Rom mit der berühmten Analyse-Couch in seine Wohnung, als die Dottoressa ihn dort erstmals besuchen kommt. Später stößt auch noch Francesca hinzu, seine Mutter. Eli erklärt, dass er mit seinem alten Segelschiff nach Bulgarien reisen wolle, um dort seinen Vater zu treffen.

Der Roman strotzt nur so von literarischen Anspielungen und Zitaten, die von Calvino, Duchamp, Caspar David Friedrich und Goethe bis zu Heiner Müller und Wittgenstein reichen, zu denen noch berühmte Filmszenen von Pasolini und Kompositionen von Giorgio Moroder hinzu kommen, die alle von der Autorin am Ende in einem Hinweis explizit benannt werden. Die sieben Jahre, die Lew und Felix als Gärtner der Königin Marie von Edinburgh in Rumänien verbracht haben, lesen sich eher wie ein Märchen als ein Roman und sprengen deutlich den Rahmen dieses Genres. Weite Teile des Romans werden in Form von Dialogen vorgetragen, zu denen insbesondere die oft sehr ausschweifenden und unzuverlässigen Erzählungen von Eli gehören, der von seiner Therapeutin immer wieder ermahnt wird, nicht den Faden zu verlieren bei seinen Rückblenden in die Familien-Geschichte. Ob dort aber wirklich die Probleme für seine Schaffenskrise verborgen liegen, das bleibt eher fraglich. Die strenge Fixierung großer Teile des Plots auf die Psychoanalyse wird durchbrochen, als Eli am Ende einen ihm zugeflogenen Sittich zur Therapiestunde mitbringt. Dann stößt ein fremder Mann namens Paolo während einer Sitzung wie selbstverständlich hinzu, ohne dass die Dottoressa eine Erklärung dazu abgibt, und plötzlich wird auch noch ganz unprofessionell Kaffee und Kuchen serviert.

Trotz der stilistischen Raffinesse und den für die Autorin typischen, surrealen Einsprengseln führt das Spiel mit dem Uneindeutigen hier letztendlich in ein eher enttäuschendes narratives Chaos. Dazu tragen auch die cineastischen Szenen bei, die in den komplexen Plot mit eingeflochten sind. Dieser von der Leipziger Jury apostrophierte «Abgesang auf Europa», das lassen auch skeptische Leser-Kommentare erkennen, ist per se weder erkennbar noch gar preiswürdig!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Die Wechseljahre als Comic

Peri Meno. Rinah Lang arbeitet gerne mit Tusche, Buntstift, Schere und Papier – auch wenn sie immer wieder merkt, dass digitales Arbeiten manchmal echt praktischer ist. In ihrem neuesten Buch beim Carlsen Verlag widmet sie sich einem höchst tabuisierten Thema: den Wechseljahren, anders gesagt der Menopause.

Auf den Spuren eines gesellschaftlichen Tabus

Aufmunternd beginnt der Comic mit einer Neujahrsfeier unter einer Discokugel. Wie die Jahre vergehen! Erst noch Mutter und plötzlich erwachsene Kinder und dann klopft schon die Menopause an. Nicht bei jeder Frau zum selben Zeitpunkt, aber meistens früher als erwartet und zumeist erwünscht. Was zuerst mit einer vermeintlichen Erleichterung der Monatsblutung beginnt und sich hormonell vielleicht sogar durch größere sexuelle Aktivität auswirken kann, schlägt schnell in das Gegenteil um. Kopfweh, Schlafstörungen, Hitzewallungen/Schwitzen, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen etc. gehören zu den unangenehmen Nebenwirkungen der Wechseljahre, die bis zu zehn Jahre oder sogar länger andauern können. Auf die Mischung kommt es an: Östrogen, Progesteron und auch Testosteron befinden sich zunehmend im Ungleichgewicht und sorgen für das, was Rinahs Schwiegermutter mit “Streitsucht” umschreibt. Auf der Grundlage von Sheila de Liz ordnet Rinah den drei Hormonen drei Schauspielerinnen zu: Drew Barrymore, Cameron Diaz und Lucy Liu, was sich zeichnerisch richtig witzig liest und zudem die Vorstellungskraft erweitert. Viele anderen Angaben sind natürlich wissenschaftlich untermauert, etwa die Prämeno, Perimeno, Meno und Postmenopause. Was an dem Ganzen allerdings eine “Pause” sein soll, das fragen sich schon seit mehreren Generationen viele Frauen…

Aufklärung ist Teilnahme und Fürsorge

Rinah Lang hat eine unterhaltsame Geschichte gezeichnet und getextet, die früher oder später alle Frauen betrifft. Dass das Thema endlich ent-tabuisiert wird, weil nur das zur Aufklärung beiträgt, ist ohnehin schon ein sehr wichtiges Anliegen, das hier auf amüsante Weise gelöst wird. “Edutainment” at its best möchte man sagen. Ihr Fazit: man muss einfach mit und nicht gegen die eigenen Ressourcen arbeiten. Aber das ergibt sich ohnehin durch das fortschreitende Alter. Als positiver Nebeneffekt der Menopause nennt sie auch, dass man endlich das macht, was man immerhin schon machen wollte. Zum Beispiel seinen Brotjob zu kündigen und einen lesenswerten Comic über die Menopause zu verfassen und zu illustrieren. Übrigens auch Männer haben eine Menopause. Sie nennt sich Andropause, ist weit weniger schlimm als die weibliche Version der hormonellen Umstellungsphase in der Mitte des Lebens, aber vielleicht auch einen weiteren Comic der Autorin wert?

Peri Meno Pause und Andropause

Wir werden sehen. Klug, kurzweilig und informativ erzählt Rinah Lang von dieser (vorletzten) Lebensphase mit all ihren Herausforderungen, Vorteilen und Nachteilen. Sie macht sich auf die Suche nach Zusammenhängen, besucht Expert:innen und begibt sich in regen Austausch mit ihren Freundinnen. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und Vivantes Klinikum Neukölln, Autorin, Podcasterin. “Aufklärung ist eben kein Luxus – sondern Fürsorge“, so Dr. Mertcan Usluer, Gynäkollege.

Rinah Lang
Peri Meno
2026, Hardcover, 192 Seiten, Größe: 175 mm x 246 mm
ISBN: 978-3-551-80568-3
Carlsen Verlag
26,00 €


Genre: Frauen, Gesellschaft, Gesundheit
Illustrated by Carlsen Comics

Juli, August, September

Jüdische Identität im Land der Täter

«Juli, August, September», letzter Roman der in Baku geborenen und heute in Wien lebenden Olga Grjasnowa, weist bereits im Titel auf eine Dreiteilung hin. «Der Roman hat natürlich autobiografische Züge», hat die Autorin erklärt. Sein Thema ist die Selbstfindung der jüdischen Kunsthistorikerin Ludmilla, die im Roman nur Lou genannt wird. In Aserbaidschan geboren und russischsprachig aufgewachsen, kam Lou als so genannter Kontingentflüchtling von dort nach Berlin, wo sie in einer angesehenen Galerie arbeitet. Aus ihrer zweiten Ehe mit dem charismatischen Konzertpianisten Sergej ist die fünfjährige Tochter Rosa hervorgegangen, die noch nie in einer Synagoge gewesen ist, – im Berlin des Jahres 2023 also eine ganz normale, weil ziemlich religionsferne jüdische Familie.

Als Lou ihrer Tochter die Geschichte der Anne Frank aus einem banalisierenden, bebilderten Kinderbuch vorliest, glaubt Rosa unbeirrt, dessen Autor heiße Adolf Hitler. In diesem Moment wird der Mutter plötzlich klar, dass ihre eigene Identität ja nicht wirklich geklärt ist. Sie spricht ihre Muttersprache Russisch mit ihrer kleinen Tochter, um ein Stück Heimat in ihr zu verankern. Im Beruf und Alltag und auch mit Sergej spricht sie natürlich deutsch, alle der zumeist in Israel lebenden Familien-Mitglieder aber sprechen hebräisch, was sie selbst nur rudimentär beherrscht. Ist das denn überhaupt noch eine Familie, fragt sie sich. Und wie sollen sie als Eltern und nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden Rosa denn erziehen hier im Land der Täter? Anlässlich der groß angelegten Geburtstagsfeier ihrer 90jährigen Großtante Maya in einem etwas herunter gekommenen Resort auf Gran Canaria, zu der der gesamte Familienclan zumeist aus Israel anreisen wird, hofft sie im Gespräch mit der dort versammelten Verwandtschaft ihre nicht nur sprachliche Identität finden zu können. Da Sergej wie so oft auf internationaler Konzertreise ist und ihr zurät, auch ohne ihn an der großen Familienfeier teilzunehmen, fliegt sie allein mit Rosa zu dem einwöchigen Treffen.

Der mit «August» betitelte Mittelteil des Romans schildert in epischer Breite den klischeehaften Bade-Tourismus, aber auch die Gespräche der zum Teil sogar verfeindeten, drei Generationen umfassende jüdischen Mischpoke, der gegenüber nicht nur Lou sich als Fremde fühlt. Tatsächlich kennt sie außer ihrer Mutter und deren Schwester sowie einigen entfernten Verwandten persönlich fast niemanden aus der weltweit verzweigten Familie. Und ihre Gespräche, mit denen sie dunkle Punkte der Vergangenheit zu klären hofft, scheitern meist an ihrem unzureichenden Hebräisch, von der lückenhaften und unzuverlässigen Erinnerung an Jahrzehnte zurückliegende Geschehnisse ganz zu schweigen. Insbesondere die Jubilarin und Seniorin des Clans, Großtante Maya, die als Älteste noch am meisten beitragen könnte zur Klärung der Geschehnisse im Holocaust, liefert sich widersprechende Geschichten ab. Das sind aber keine Lügen, allenfalls unterschiedliche Erinnerungen an die Ereignisse damals. Als die familiären Querelen schließlich zunehmen, beschließt Lous Mutter, früher abzureisen, und Lou bittet sie spontan, doch die kleine Rosa mitzunehmen, sie selbst käme in ein paar Tagen nach. Ihr ist nämlich klar geworden, dass die Antworten auf ihre Fragen nur in Tel Aviv zu finden sind, und sie fliegt auch dorthin.

Ihr Judentum habe «per se etwas mehr von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion», erklärte die Autorin. Auch der Trip der Protagonistin nach Israel bringt in Teil drei des Romans keine weiteren Erkenntnisse, weder ihr noch dem Leser. Damit erscheint dieser letzte Teil narrativ wie ein Fremdkörper, und tatsächlich sei er, dem Vernehmen nach, aus einem geplanten Essay hervor gegangen. Die jüdische Identitätssuche bleibt hier letztendlich also leider ohne Ergebnis. Und auch der auf Gran Canaria angesiedelte Teil mit seinen vielen albernen All-inclusive-Klischees ist alles andere als bereichernde Literatur. Die Sprachkunst-Professorin Olga Grjasnowa aus Wien kann es deutlich besser, das hat sie mit ihrem Debüt bewiesen!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze

Es gehört zu den haltbarsten Versuchungen der Kulturgeschichte, das Genie dort zu suchen, wo der Mensch aus der Bahn gerät. Wer anders sieht, anders hört, anders empfindet, wer leidet, halluziniert, träumt, vergisst oder sich erinnert, gilt schnell als Berührter höherer Mächte – oder als Fall für die Klinik. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Mario de la Piedra Walters Buch „Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze“, das aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer übersetzt wurde.

Der Autor ist Mediziner und Neurologe, aber er schreibt nicht wie jemand, der Kunst auf Befunde reduzieren möchte. Gerade darin liegt der Reiz dieses Buches. De la Piedra Walter interessiert sich für die empfindlichen Übergänge: zwischen Wahrnehmung und Bild, Krankheit und Ausdruck, Erinnerung und Erfindung, wissenschaftlicher Erklärung und ästhetischem Geheimnis. Sein Buch ist weniger eine systematische Theorie der Kreativität als ein weit ausschwingender Essay über die Frage, was im Gehirn geschieht, wenn der Mensch mehr tut, als bloß zu funktionieren.

Der Auftakt ist bezeichnend. Das Buch beginnt mit Albert Einsteins Gehirn, jenem berühmten Organ, das nach dem Tod seines Besitzers zum Gegenstand wissenschaftlicher Neugier, aber auch beinahe reliquienhafter Verehrung wurde. Schon hier stellt sich die Grundfrage, ob sich Genialität anatomisch fassen lässt? Sitzt der Geistesblitz irgendwo zwischen Furchen, Windungen und Nervenzellen? Oder verrät diese Suche vor allem unsere eigene Sehnsucht, das Außerordentliche endlich dingfest zu machen?

Von dort aus führt de la Piedra Walter in zwölf Kapiteln durch eine erstaunlich breite Landschaft. Er spricht über Höhlenkunst und frühe Zeichen, über Erinnerung und Vergessen, über Borges, Dostojewski, Frida Kahlo, Kandinsky, Virginia Woolf, Andy Warhol, über Synästhesie, Epilepsie, Depression, Traum, Autismus, Art brut und schließlich auch über künstliche Intelligenz. Das ist viel, manchmal fast zu viel. Doch im besten Fall entsteht daraus ein funkelndes Panorama menschlicher Ausdrucksformen.

Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo es verbreitete Klischees aufnimmt, um sie anschließend zu verfeinern. Die alte Formel von „Genie und Wahnsinn“ wird nicht einfach bestätigt. De la Piedra Walter zeigt vielmehr, wie gefährlich diese Formel ist. Krankheit erklärt keine Kunst. Leiden macht niemanden eo ipse schöpferisch. Depression, Epilepsie, neurologische Ausfälle oder abweichende Wahrnehmungsformen sind keine romantischen Produktionsmittel des Genies. Sie können Erfahrungen prägen, Wahrnehmungen verschieben, biografische Wunden schlagen – aber aus ihnen entsteht erst dann Kunst, wenn ein Mensch ihnen Form, Sprache, Rhythmus, Bild oder Komposition abringt.

Dostojewskis Epilepsie wird deshalb nicht als simpler Ursprung seines literarischen Ranges behandelt. Frida Kahlos Schmerzen erklären nicht ihre Kunst, sondern bilden einen Erfahrungsraum, den sie mit unerhörter Bildkraft verwandelt. Kandinskys Nähe von Farbe und Klang öffnet den Blick auf die Frage, wie porös unsere Sinnesgrenzen tatsächlich sind. Und bei Warhol wird Wiederholung nicht nur als Pop-Geste verständlich, sondern als Wahrnehmungsprinzip einer Welt, die längst aus Oberflächen, Marken, Vervielfältigungen und medialen Echos besteht.

Der Autor betrachtet seine Figuren nicht wie Präparate unter Glas. Das unterscheidet sein Buch wohltuend von Sachbüchern, die Kunstwerke am liebsten in Hirnareale übersetzen und damit den Eindruck erwecken, ein Gedicht, ein Gemälde oder eine Sonate sei im Grunde nur eine besonders hübsche Nebenwirkung neuronaler Aktivität. Hier bleibt die Kunst mehr als ihr biologischer Unterbau. Das Gehirn ist Bedingung, nicht Ersatz des Kunstwerks.

Zugleich liegt in der Anlage des Buches auch seine Schwäche. Die Fülle der Beispiele, Namen und Themen kann stressen. Der Bogen reicht von prähistorischer Kunst über indigene Rituale, psychedelische Erfahrung, Psychoanalyse, Neurowissenschaft, Psychiatriegeschichte bis zu KI-generierten Bildern. Nicht jede Verbindung ist gleich zwingend. Manchmal wirkt der Übergang von der Fallgeschichte zur großen kulturgeschichtlichen Deutung etwas rasch. Dann gleitet der Text vom Befund in die schöne Analogie, vom neurologischen Phänomen in die essayistische Erhellung. Das ist anregend, aber nicht immer beweisend.

Auch die wissenschaftliche Erklärungstiefe schwankt. Einige Passagen vermitteln neurologische Zusammenhänge sehr anschaulich, andere bleiben eher im Modus der gebildeten Annäherung. Wer eine streng systematische Theorie kreativen Denkens erwartet, wird hier nicht fündig. Wer sich hingegen auf einen gelehrten, erzählerisch beweglichen Streifzug einlässt, findet zahlreiche Anstöße. Das Buch liefert keine Formel der Kreativität. Es zeigt eher, warum jede solche Formel verdächtig klingt.

Bemerkenswert ist auch das Kapitel über künstliche Intelligenz. Es erweitert die Grundfrage des Buches: Wenn Maschinen Bilder erzeugen, Texte kombinieren und Stile imitieren können, was bleibt dann als genuin menschliche Kreativität? De la Piedra Walter sieht in der KI ein Werkzeug, vielleicht auch eine Herausforderung, aber keinen Beweis dafür, dass Maschinen bereits erleben, leiden, träumen oder verstehen. Gerade nach den Kapiteln über Schmerz, Erinnerung, Körper und Wahrnehmung wird deutlich: Kreativität ist nicht nur Produktion von Neuem. Sie ist auch Erfahrung von Welt.

„Unser kreatives Gehirn“ ist ein kluges, stellenweise glänzend erzähltes Sachbuch, dessen Reiz in der Verbindung von Kunstgeschichte, Medizin und Kulturessay liegt. De la Piedra Walter zerlegt die Kunst nicht in Synapsen. Er zeigt, dass jedes Kunstwerk durch ein Gehirn hindurch muss – aber nicht in ihm aufgeht. Am Ende bleibt weniger die Antwort auf die Frage, wo Kreativität sitzt, als die Einsicht, dass sie aus Beziehungen entsteht: zwischen Körper und Geist, Erinnerung und Verlust, Schmerz und Form, Wahrnehmung und Deutung, Mensch und Welt.


Genre: Kulturgeschichte, Neurologie
Illustrated by Diogenes

Der letzte Sommer der Tauben

Staatsterror versus Taubenschlag

Der neue Roman von Abbas Khider mit dem Titel «Der letzte Sommer der Tauben» weist auf die Passion seines Protagonisten hin und damit auf eine Erzählebene, die in dem schmalen Band eine wichtige Funktion erfüllt. Ich-Erzähler ist der 14jährige Noah, der von seinem nebenan wohnenden Onkel Ali alles gelernt hat, was man als Taubenzüchter wissen und beachten muss. Handlungsort ist eine nicht genannte Stadt in einem nicht genannten Land des Orients, in dem das Kalifat ausgerufen wurde und die Mudschahedin die Kontrolle übernommen haben. Der in Bagdad geborene Autor spricht, was die Tauben anbelangt, aus eigener Erfahrung, er war selber Taubenzüchter, bevor er seiner Heimat mit 19 Jahren fluchtartig den Rücken kehren musste und auf Umwegen nach Deutschland gelangt ist. Thema seiner berührenden Erzählung sind die Veränderungen im Alltag der Bevölkerung, die durch den Terror der Gotteskrieger ausgelöst werden und die er im Roman immer wieder am friedlichen Sozialverhalten der Tauben spiegelt.

Noahs Vater betreibt einen Kleiderladen, dessen Sortiment nach den rigorosen Vorschriften der Religionspolizei unverzüglich auf ausschließlich sittsame, nämlich schwarze Kleidung umgestellt werden muss. Auf den Kartons der Ware müssen alle Abbildungen schwarz übermalt werden, wenn irgendwo Haut zu sehen ist. Mit seinem Vater trägt er die verbotene bunte Ware zu einem Sammelplatz, wo sie entschädigungslos öffentlich verbrannt wird. Sein Onkel Ali muss sein Café schließen, derartig westliche Gastronomie ist ab sofort verboten im Gottesstaat. Seine Mutter darf künftig nur noch mit Niqab streng verhüllt ausgehen, und auch nicht mehr allein, sie muss nun immer in Begleitung unterwegs sein. Meist übernimmt Noah diese Rolle, um seine schwangere Schwester damit zu entlasten. Ihr älterer Bruder bekennt sich zu den Mudschahedin und hat eine führende Rolle in deren Gewaltsystem übernommen, von seiner Familie hat er sich inzwischen vollkommen entfernt. Noah fürchtet sich vor der alltäglichen Gewalt der Fanatiker, die ihre Augen überall haben, zu Denunziationen anstiften und willkürliche Verhaftungen vornehmen. Öffentliche Steinigungen oder Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Menschen verschwinden spurlos, nichts und niemand ist mehr sicher im Gottesstaat.

Freiheit empfindet Noah nur noch bei seinem Taubenschlag auf dem Dach, wo seine zwölf liebevoll mit Namen wie Schneeweiß, Tänzer, Himmelblau oder Karamelle benannten, gefiederten Lieblinge friedlich leben und treu zu einander halten. Je mehr sein eigener Horizont durch kleinliche Vorschriften und barbarische Strafen eingeengt ist, desto mehr beneidet er seine Tauben. Bis eines Tages dann die Nachricht verbreitet wird, dass ab sofort Tauben auf dem Dach nicht mehr gehalten werden dürfen. Als Grund heißt es, von dort oben würden die Männer in die darunter liegenden Wohnungen schauen können, wo die Frauen ja alle unverschleiert sind. Und Onkel Ali schließlich, der wohl im Untergrund gegen das Unrechts-Regime kämpft, hat das Land heimlich bei Nacht und Nebel verlassen, ohne jemanden vorab zu informieren.

Trotz düsterer Grundstimmung scheint oft auch Humor auf in diesem Roman. Als eine Freundin von Noahs Schwester zu Besuch kommt, streift sie sofort den lästigen Niqab ab: «Verdammt, ich fühle mich mit dem Ding wie ein Mehlsack», und auf ihre Brüste und den Hintern deutend, fügt sie hinzu: «All das hier ist geschaffen von Gott, und trotzdem soll es niemand sehen dürfen. Was für ein Unsinn!» Mit den vielen, jeweils übertitelten, kurzen Kapiteln wächst das Unbehagen an den politischen Verhältnissen. Das alles erinnert an die aktuelle Situation im Iran, wo religiöse Fanatiker zehntausende von protestierenden Bürgern einfach hinmetzeln, – und die Welt schaut tatenlos zu. Der Erzähl-Stil des Autors ist durch eine einfache Diktion geprägt, die ohne Arabesken sehr gekonnt erlebbare Realität mit einer konträren Symbolik verknüpft, hier also den staatlichen Terror mit dem Taubenschlag als Symbol des Friedens. Wobei man en passant auch eine Menge über Tauben lernt, – zum Beispiel, dass die weltweit letzte Wandertaube «Martha» hieß!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Lebensentscheidung

Politisch und medizinisch unheilbar krank

In seinem neuesten Werk, der Novelle «Die Lebensentscheidung», greift der österreichische Schriftsteller Robert Menasse ein schwieriges Thema auf, bei dem es um eine Mutter-Sohn-Beziehung geht, die auf eine extrem harte Weise auf die Probe gestellt wird. Angesiedelt ist diese Geschichte im Jahre 2024 im Milieu der Brüsseler EU-Zentrale, die vor neun Jahren auch das Setting für den Erfolgsroman «Die Hauptstadt» gebildet hat, dem ersten EU-Roman überhaupt. Der in verschiedenen Genres tätige, äußerst streitbare Autor beschäftigt sich intensiv mit den Verhältnissen in diesem Bürokratie-Monster und legt dabei einige der Hintergründe für den zweifelhaften Erfolg dieser europäischen Institution dar.

Als Protagonist dieser Novelle ist der EU-Beamte Franz Fiala derart frustriert von den meist erfolglosen Bemühungen seiner Behörde, deren sorgsam erarbeitete Gesetzes-Vorlagen nur zu oft an den Ränkespielen und Animositäten im Parlament und im EU-Rat scheitern oder nur stark verwässert umgesetzt werden. Besonders die europäischen Bauern nerven ihn, deren Beitrag zum Bruttosozialprodukt der EU nur 4 Prozent betrage, die aber 38 Prozent aller Fördergelder erhalten würden. Ein krasses Missverhältnis, das gegen jede Vernunft hartnäckig verteidigt wird, unterstützt mit medienwirksamen Protestaktionen aufgebrachter Bauern in Brüssel. Die verteidigen dort ihre ökonomisch völlig sinnlosen, üppigen Subventionen mit Zähnen und Klauen. Daniel, ein guter Freund und Kollege von Franz, der das genau so sieht, bestätigt ihm in einem langen Brief ausdrücklich, er handle richtig, wenn er den Job hinschmeißt. Und er schreibt von einem Meeting, bei dem alle Mitarbeiter von ihrem Direktor über den neuen Kurs der Kommission informiert wurden: «Es geht […] heute nicht mehr darum, die Union weiter zu entwickeln, sondern vordringlich darum, die Demokratie in den Mitgliedsstaaten vor den Rechtsextremen und den Nationalisten zu retten». Und auch Daniel strebt nun einen neuen Job an.

Franz Fialas Entschluss, vorzeitig seinen Dienst bei der Europäischen Kommission zu quittieren, ist eine Entscheidung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Nicht nur, weil seine Freundin Nathalie ihm mutmaßlich nicht nach Wien folgen wird und ihre seit vier Jahren andauernde Beziehung letztendlich daran zerbrechen dürfte. Sein ungeschickt vorgebrachter Heiratsantrag ist jedenfalls gescheitert, eine gemeinsame Zukunft wird es wohl nicht geben. Die in seiner Geburtsstadt Wien lebende, an zunehmender Demenz leidende, 89jährige Mutter benötigt dort seine Hilfe, für ihn ist es selbstverständlich dass er sich um sie kümmern muss. Nur ihrer Hartnäckigkeit verdankt er, diese nach Brüssel führende, glänzende Karriere gemacht zu haben, sie hat ihn immer unterstützt  dabei. Zu allem Übel treten in letzter Zeit bei ihm aber immer wieder Schmerzen auf, die langsam stärker werden, die er anfangs allerdings nicht so ernst nimmt. Als er dann schließlich die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, der ihm allenfalls noch sechs Monate Lebenszeit lassen dürfte, beschließt er gegen den dringenden Rat der Ärzte, keine Chemotherapie zu machen. Er will nämlich auch nicht, dass seine Mutter erfährt, wie es um ihn steht, die bekannten Folgen der Therapie würden es ihr ja deutlich zeigen. Und er will ihr vor allem unbedingt den Schmerz ersparen, dass ihr Sohn womöglich vor ihr stirbt. Eine harte «Lebensentscheidung» also in der Hoffnung, er wird seinen Tod mit Willenskraft lang genug herauszögern können, damit sie ihn nicht sterben sehen muss.

Diese an eine griechische Tragödie erinnernde Novelle läuft zielgerichtet auf ein tragisches Ende hinaus. In einer unprätentiösen Sprache wird die Mutter-Sohn-Geschichte, trotz absehbarer Dramatik, ohne Pathos locker erzählt. Nicht übersehbar dabei ist allerdings, was Brüssel angeht, eine schon in seinem EU-Roman vorherrschende, politische Besserwisserei des Autors, die immer wieder durchschimmert, so als sei die EU unheilbar krank! Auf Dauer jedenfalls stört das ziemlich, und auch wenn es womöglich satirisch gemeint ist, ist es nicht wirklich amüsant!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Novelle
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Bestiarium Groenlandicum. Die mythischen Wesen Grönlands

Manchmal braucht es leider erst die Gier der Macht, damit der Blick auf eine ferne Kultur fällt. Seit US-Präsident Donald Trump seine Besitzphantasien gegenüber Grönland wiederholt öffentlich erneuert hat und die Insel dabei wie ein strategisches Objekt, einen Rohstoffspeicher oder eine arktische Trophäe behandelt, ist Grönland in den europäischen Feuilletons und Nachrichtenspalten plötzlich wieder präsent. Die grönländische Politik reagierte mit deutlicher Zurückweisung: Nicht Washington, sondern die Grönländer selbst hätten über ihre Zukunft zu entscheiden.

In einem solchen Moment erscheint im Inuit Verlag ein Buch, das wohltuend das Gegenteil jener geostrategischen Gier verkörpert: Bestiarium Groenlandicum. Die mythischen Wesen Grönlands. Das ist nicht die kartographische Aneignung einer riesigen Eisinsel von oben herab, sondern eine Annäherung von innen — über Geschichten, Ängste, Naturbilder, Volksglauben und die schöpferische Erinnerung eines Landes, das mehr ist als seine militärische Lage oder seine Bodenschätze. Die deutsche Ausgabe versammelt auf 160 Seiten mehr als 65 mythische Wesen; sie basiert auf einem grönländischen Original. Wir begegnen dem Riesenwurm Aassik, dem Riesenwalross Aaverpak, dem Landbär Allaq, dem Riesenwolf Amaroq, dem Mondmann Aningaaq, dem Fuchswesen Pissaap Inua und dem Bergläufer Qivittut. In alphabetischer Reihenfolge versammelt sind Hilfsgeister, Geisterschreck, Steintroll, Wind- und Wettergötter, Fischgeister, Gedärmfresserin, Topfwesen, Halbmenschen, Gestaltwandler, Eisschildriesen, Tollpatsche, Kratzwesen, Riesen und Hexen. Die Unwirtlichkeit des Landes scheint einen optimalen Nährboden für die Entstehung von Kreaturen, Geistern und fremdartigen Erscheinungen zu bilden.

Schon der verlegerische Entschluss verdient Beachtung. Kleine, mutige Editionen sind es oft, die dorthin gehen, wo die großen Programme sich nicht hinwagen: an die Ränder der Wahrnehmung, in sprachliche und kulturelle Zonen, die im deutschen Buchmarkt allzu leicht exotisiert oder übergangen werden. Der Inuit Verlag hebt mit diesem Band nicht nur ein Nischenthema ins Sichtbare; er zeigt auch, dass Vermittlung mehr sein kann als wohlmeinende Folklore. Das Buch will Grönlands mythische Überlieferung nicht verniedlichen, sondern in ihrer Rauheit, Dunkelheit und Fremdheit ernst nehmen. Schon der Verlag weist auf Darstellungen von Nacktheit und Gewalt hin, die den ursprünglichen Erzähltraditionen entsprechen.

Wer nach einer linearen Erzählung sucht, wird freilich umdenken müssen. Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein Bestiarium im besten Sinne: eine Sammlung von Kreaturen, Geistern und Zwischenwesen, deren Einzelporträts zusammen ein kulturelles Weltbild ergeben. Das Prinzip ist alt, die Wirkung überraschend frisch. Da ist etwa der Kiliffak, jenes riesenhafte, langhaarige Wesen mit sechs, manchmal gar zehn Beinen, größer als ein Eisbär, schnell, gefährlich und von bedrängender Körperlichkeit. Und da ist der Qivittoq, ein Mensch, der sich aus der Gemeinschaft löst, in die Wildnis flieht und dort zum übermenschlichen Wesen wird — eine tragische Figur der Einsamkeit, der Verwandlung und der Selbstentäußerung. Solche Gestalten werden hier nicht als pittoreske Kuriositäten abgeheftet, sondern als Ausdruck einer Erfahrungswelt, in der Natur, Gefahr, Schamane, Tier und Mensch ineinander übergehen.

Wenn man Trump nun, mit einem Anflug von Bosheit, in eines dieser Wesen verwandeln wollte, käme wohl am ehesten der Kiliffak in Betracht: ein raumgreifendes Geschöpf aus der Eiswelt, das jagt, scharrt, verschlingt und sich nimmt, was ihm nicht gehört. Doch das ist nur die feuilletonistische Pointe. Der eigentliche Triumph dieses Buches liegt darin, dass es Grönland gerade nicht durch die Fratze des amerikanischen Begehrens betrachtet, sondern durch die Eigenmacht seiner Imagination. Das Land erscheint hier nicht als Objekt, sondern als Erzählraum — bevölkert von Mächten, die älter sind als jede Präsidentschaft und langlebiger als jeder außenpolitische Größenwahn.

Besonders eindrucksvoll ist die ästhetische Umsetzung. Hinter dem Band steht nicht bloß eine Herausgeberin, sondern ein ganzes Recherche- und Künstlerteam. Maria Bach Kreutzmann arbeitete mit weiteren Rechercheuren und acht Illustratoren zusammen; die visuelle Gestaltung setzt ausdrücklich auf zeitgenössische nordische und grönländische Positionen. Der Verlag spricht zu Recht von einer Übertragung der Mythenfiguren ins 21. Jahrhundert. Das klingt schnell nach Werbesprache, trifft hier aber einen Kern: Diese Bilder illustrieren nicht bloß, sie aktualisieren. Sie machen aus dem Stoff kein Museum, sondern Gegenwart.

Dass ein solches Projekt im Deutschen erscheint, ist kulturell alles andere als selbstverständlich. Es verlangt Recherche, Übersetzungsarbeit, editorisches Augenmaß und den Mut, einer wenig vertrauten Mythologie Raum zu geben, ohne sie zu trivialisieren. Gerade deshalb verdient diese Edition Lob. Sie öffnet ein Fenster in eine Überlieferung, die im deutschsprachigen Raum kaum präsent ist, und tut dies mit Respekt vor der Herkunft und mit Sinn für künstlerische Form. Selbst die bislang wenigen öffentlichen Leserreaktionen betonen vor allem diese Sorgfalt: die Kraft der Illustrationen, die Nähe zu den Geschichten, die besondere Stimmung des Bandes.

Natürlich liegt in der Anlage des Buches auch eine Grenze. Wer zu jedem Wesen eine ausführliche ethnologische Abhandlung erwartet oder sich eine stärker systematische Kommentierung wünscht, könnte die Form als zu knapp empfinden. Doch wäre es verfehlt, daraus einen Mangel zu machen. Dieses Buch will kein universitärer Apparat sein. Es will erschließen, verlocken, sichtbar machen. Und genau das gelingt ihm.

Bestiarium Groenlandicum ist mehr als ein schön gemachtes Sonderbuch. Es ist ein verlegerisches Statement: gegen die gedankenlose Vereinnahmung einer Kultur, gegen das kartographische Denken der Macht, gegen die Arroganz des bloßen Zugriffs. Während anderswo über Grönland gesprochen wird, als sei es eine zu erwerbende Fläche, erinnert dieses Buch daran, dass ein Land zuerst aus Geschichten besteht. Aus Bildern. Aus Stimmen. Aus Wesen, die nur dem etwas verraten, der nicht kommen will, um zu besitzen, sondern um zu lernen.


Genre: Bildband, Kulturgeschichte, Mythologie
Illustrated by Inuit

Krähen im Park

Der neunte November

Der Roman «Krähen im Park» von Christoph Peters, laut Klappentext an die «Trilogie des Scheiterns» von Wolfgang Koeppen angelehnt, behandelt als Chronologie eines einzigen Tages, dem 9. November 2021, multiperspektivisch die Geschehnisse in verschiedenen Milieus der Metropole Berlin. Mitten in der Corona-Pandemie also wird dieser Tag aus Sicht der unterschiedlichen Protagonisten dieses Romans geschildert, denen zum Teil leicht erkennbare, reale Personen zugrunde liegen, wobei die ausufernd vielen Details des Plots ein literarisches Wimmelbild bilden, in dem alles und jedes seinen Platz bekommen zu haben scheint.

Trotz Lockdown hat eine der für Berlin typischen Kultur-Salonièren alle Hände voll zu tun, um die für den Abend geplante, feierliche Preisverleihung an den dafür eigens angereisten, französischen Schriftsteller Bernard Entremont zu organisieren. Schwer genug, denn der Bestseller-Autor ist äußerst menschenscheu, Kettenraucher und für seine eigensinnigen politischen Ansichten gefürchtet, ein Skandal liegt sozusagen schon in der Luft bei ihm. Nach langer Odyssee ist ein afghanischer Flüchtling endlich illegal in Berlin angekommen und versucht nun, Kontakt zu Landsleuten aufzunehmen, die ihm weiterhelfen sollen, einen Fixpunkt im Großstadttrubel zu finden und ihn beim Kampf mit den deutschen Behörden zu unterstützen. Erzählt wird auch von einer erfolgreichen, schon etwas älteren Influencerin, deren Partner nach zwei Romanen endlich seinen dritten schreiben soll, damit aber nicht weiter kommt und ihr nur auf der Tasche liegt. Der Sohn eines bekannten Politikers ist von wirren Verschwörungs-Theorien überzeugt und liefert sich oft Diskussionen mit dem in der Öffentlichkeit stehenden Vater, bis es an eben diesem 9. November zum Eklat kommt, als er einige gleich gesinnte Extremisten an den Personen-Schützern vorbei in die väterliche Wohnung einlädt. Ein junges, deutsch-türkisches Pärchen gerät in Panik, als nach positivem Schwangerschaftstest das Gespräch mit den Eltern bevorsteht, bei dem voraussichtlich alle ethnischen Ressentiments ausgelöst werden dürften, denn die Beiden wollen heiraten, obwohl die Braut noch keine achtzehn Jahre alt ist.

Im Roman verwebt Christoph Peters diese parallelen Handlungsfäden über die 24 Stunden des Tages hinweg eng miteinander, wechselt gekonnt immer wieder die Perspektive und leitet deutlich erkennbar von einer Szene zur nächsten weiter. Anders als bei den typischen Berlin-Romanen ist die Metropole hier ein undurchschaubares, anonymes Gefüge im Umbruch, alte Gewissheiten zählen nicht mehr, die politische Lage ist desaströs. Anders auch als bei Koeppen ist die Einbindung der zeitgenössischen Gesellschaft hier aber weniger breit gefächert angelegt, sie bleibt eher scharf sezierend auf das einzelne Detail gerichtet. Hervorzuheben aber ist, dass der Plot perfekt ins Heute passt, die beispielhaft herangezogenen Milieus werden stimmig geschildert und bilden ein perfektes Abbild des konfusen Zeitgeschehens nicht nur am 9.11.2021, sondern als Fortschreibung auch desjenigen unserer Tage, die das Koeppensche Scheitern als Prognose ja weiterhin munter bestätigt.

Optimal angepasst an die Handlung und deren Aussage wirkt der Erzählstil von Christoph Peters mithin so heutig wie nur denkbar. Denn nicht nur feiert der konfuse Jugendsprech hier Triumphe, auch Satzbau und Wortwahl bilden überraschend modern die Gegenwart ab, altväterliche Beschaulichkeit hat hier keinen Platz. Prägendes Stilmittel, besonders auf den ersten dutzend Seiten, ist die üppig ausgeprägte Parataxe, die das quirlige Geschehen noch zusätzlich sehr ausdrucksstark verdeutlicht. Auch diverse ebenso überraschende wie gekonnte Komposita verleihen dem speziellen, durchaus ungewöhnlichen Erzählstil des Autors eine beeindruckende Bedeutungs-Schärfe, die nach der Lektüre haften bleibt. Mit dem 9. November hat er – ganz unbescheiden – zudem ein bedeutsames Datum deutscher Geschichte gewählt für seinen Plot.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by btb Verlag

Nur das Allerbeste

Ein frommer Wunsch, “Nur das Allerbeste” wird zum Anfangs- und Endpunkt dieses Romans direkt von der Bowery in New York in Ihr Wohnzimmer gehext. Denn die beschriebene Dinnerparty ist so authentisch und live beschrieben, dass sie auch genau da stattfinden könnte: in Ihrem Wohnzimmer.

Ein (Gedanken-)Fluß ohne Wiederkehr

Dass die Floskel “Nur das Allerbeste” sogar besser passt als die im Amerikanischen Original verwendete Grußformal “Happiness and Love” ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass “Holzfällen” (1984) von Thomas Bernhard zum Ausgangspunk ihres Debütromans wurde, wie die Autorin selbst in ihrer Anmerkung statt eines Nachworts schreibt. Zu danken ist natürlich auch der Übersetzerin, die wohl das Werk von Bernhard ebenso gut kennen dürfte wie das Debüt von Dubno, die schreibt: “Holzfällen ist zum Verständnis meines Buchs nicht notwendig, aber absolut empfehlenswert“. Und tatsächlich liest sich “Nur das Allerbeste” wie in einem Fluß, so beschwingt ist der Flow und der Stream dieses Gedankenreigens. Eine zufällige Begegnung auf einer Trauerfeier, ein geselliges, “künstlerisches” Abendessen wird zum Ausgangspunkt eines inneren Monologs, eines stream of consciousness, der einen schnell die mondäne Umgebung, ein Penthouse in New York, vergessen lässt. Denn der Gedankenstrudel von Zoe Dubno reißt einen mit in einen Fluß ohne Wiederkehr, bei dem nur Leichen überbleiben können. Bis am Schluss dann die Grußformel “Nur das Allerbeste” vielleicht doch alles wieder rettet?

Trauerfeier als Performance

Die beiden Wohltäter und Mäzene, Nicole und Eugene, die eine New Yorker Künstlerclique durch Parties über Wasser hält wird derartig genüsslich und appetitlich durch den Kakao gezogen, dass einem tatsächlich die Spucke wegbleibt. Die etwas jüngere Protagonistin, die “Neunzehnjährige”, die inzwischen auch schon bald in ihren Dreißigern angelangt sein dürfte, kommt von ihrem fünfjährigen Europaaufenthalt zurück und erfährt, dass Rebecca “zu viele Pillen” geschluckt hat und das Zeitliche segnete. Auf der Trauerfeier in dem Apartment der Mäzene Nicole und Eugene treffen sich alle ihre ehemaligen alten Bekannten und warten auf eine Schauspielerin. Diese soll für die ehemalige Schauspielerin Rebecca die Trauerrede halten, die dann allerdings etwas aus dem Ruder gerät. Obwohl die Erzählerin immerhin den Atlantische Ozean zwischen diesen Menschen und sich als Pufferzone errichtet hatte, stößt ihr sofort alles das, was sie damals so ihnen verabscheute, wieder auf. Denn die zur Schau getragene Großzügigkeit der beiden Vampire ist in Wirklichkeit nichts als ein gewinkelter Schachzug an neue Ideen von anderen ranzukommen. Aus einem Vierliter-Ziploc-Beutel, der weitergereicht wird, entnehmen die Anwesenden die Asche Rebeccas und streuen sie in den Wind während die Protagonistin sich in Erinnerungen verliert und ihre Abscheu immer größer wird. Doch dann trifft endlich die Schauspielerin ein und nimmt ihr quasi die Worte aus dem Mund…

Middle Brow, Content Farmen, Leverage Buyout, Corporate Governance und die “Performativität von Objekten”

Eine lesenswerte Abrechnung mit einer Kulturschickeria, bei der Performance den eigentlichen Wert von Kunst längst ausgehöhlt hat und der bloßen Profitmaximierung dient. Selbst die Filme die sie sich ansehen tun nur so als ob sie diese angeprangerte Kultur kritisieren würden, inszenierten sie jedoch gerade und legten die eigentliche Sehnsucht der Regisseure oder Drehbuchschreiber, selbst Kapitalist sein zu wollen, bloß. Zoe Dubno rockt in ihrem Debütroman richtig ab und reicht beim Schimpfen auf die Kulturelite ihres Landes selbst Bernhard das Wasser, sie spricht wohl vielen aus der Seele, wenn sie gesteht, dass auch sie schon einmal ihre Seele zum Dumpingpreis an die Kulturindustrie verkauft hat. But what can a poor girl do, but sing in a rock and roll band? Mit einem Wort: Großartig!

Zoe Dubno
Nur das Allerbeste.
Roman
Originaltitel: Happiness and Love
Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
2026, Hardcover, 288 Seiten, Format : 11,8 x 19,5 cm
ISBN : 978-3-423-28521-6
dtv
EUR 24,00 [DE] – EUR 24,70 [AT]


Genre: Debüt, Gesellschaftskritik, Kunst, Musik und Literatur, Roman
Illustrated by dtv

Der Fluss der Zeit

Philosophische Miniaturen

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri hat unter dem Pseudonym Pascal Mercier vier Romane und eine Novelle geschrieben, und posthum wurde soeben auch noch ein Band mit fünf Erzählungen unter dem Titel «Der Fluss der Zeit» veröffentlicht. Als Epiker hatte er seinen Durchbruch mit dem Bestseller-Roman «Nachtzug nach Lissabon», in dem er, wie auch in den anderen Werken, viele philosophische Fragen der menschlichen Existenz in die Handlung mit eingewoben hat. Und auch die Geschichten in der Neuentdeckung drehen sich wieder um zutiefst Existentielles.

In der ersten Erzählung wird geschildert, wie ein allein stehender Restaurator, der ins Pflegeheim gehen will, sein Haus an die Käufer übergibt. Die formale Hausübergabe ist schnell erledigt, die Schlüssel hat er alle penibel ausgerichtet nebeneinander auf den Tisch gelegt. Er führt die Käufer durch alle Räume, weist auf dies und jenes hin. Es ist offensichtlich, dass ihm der Abschied von seinem Haus, in dem er Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat, unendlich schwer fällt. Bei einer Einladung lernt ein Paar einen Pianisten kennen, und es wird sehr schnell eine innige Freundschaft aus dieser Begegnung. Als der neue Freund sich einen Finger bricht und es fraglich bleibt, ob er je wieder wird spielen können, bricht alles zusammen für ihn, er wird sich die teure Wohnung bald nicht mehr leisten können. Das wohlhabende Paar beschließt, die Wohnung zu kaufen und ihm zu schenken. Zögernd stimmt er zu, – lässt aber dann lange nichts mehr von sich hören. Am Ende stellt sich heraus, dass er psychische Probleme hat mit seiner Rolle als Beschenkter, der mutmaßliche Wunsch seiner Gönner nach Dankbarkeit belastet ihn schwer.

Dann wird von einem an ständigem Husten leidenden Mann berichtet, dem sein Arzt erklärt, dass das Ergebnis einer vorsichtshalber vorgenommenen Biopsie erst einige Tage später eintreffen würde. Nun kann er an nichts anderes mehr denken als an das drohende Unheil. Die Ambivalenz des Zeitempfindens wird hier sehr gekonnt dadurch verdeutlich, dass er erst das Ergebnis gar nicht schnell genug bekommen kann, je näher aber der Termin rückt, desto mehr wünscht er sich, die Zeit würde langsamer vergehen. Denn sogar eine spontane Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nicht abhalten von seiner ständigen Grübelei. Ein Busfahrer schließlich hat immer mehr Probleme mit Lärm, sei es von außen oder auch von seinem pubertären Stiefsohn, der ständig mit seiner lautstarken PlayStation spielt. Als der Sohn merkt, dass er den Lärm als Waffe einsetzen kann in der Auseinandersetzung mit seinem Stiefvater, eskaliert die Situation auf tragische Weise. In der letzten Erzählung geht es erneut um die fließende Zeit. Ein Linguist weilt nach vierzig Jahren anlässlich eines Kongresses in der Stadt, wo er einst studiert hat. Er nutzt die Gelegenheit, sich bei den Vermietern seiner ehemaligen Studentenbude zu melden, – sie wohnen tatsächlich noch dort. Er wird freudig empfangen, sie bieten ihm sogar an, er könne gern in der Mansarde übernachten, sie ist nicht mehr vermietet. Für ihn ist dieser überraschende Aufenthalt eine wehmütige Reise zurück in eine ferne Vergangenheit, und zuhause beschließt er dann wohlgemut, genau darüber zu schreiben.

Es sind existentielle Erfahrungen wie Freiheit, Angst, Krankheit oder Tod, die in diesem schmalen Band anhand von sorgsam ausgearbeiteten, kurzen Geschichten verständlich dargestellt werden. Dabei sind immer Emotionen und Gedanken im Spiel, mit denen die Figuren versuchen, die Realitäten des Lebens zu begreifen, an denen man partout nicht vorüber kommt. Wobei es kritische Wendepunkte sind, die den Figuren hier zu schaffen machen und die Pascal Mercier philosophisch scharfsinnig hinterfragt. Stilistisch bewerkstelligt er das in einer angenehm lesbaren, unprätentiösen Sprache, ergänzt um eine präzise Figuren-Zeichnung, welche ohne Schnörkel jeweils auf das Wesentlich reduziert bleibt in diesen philosophischen Miniaturen für mitdenkende Leser.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Hanser Verlag München

Drei Frauen

Aus purem Glück

Die schon länger für den Nobelpreis vorgeschlagene italienische Kultautorin Dacia Maraini hat sich mit dem Roman «Drei Frauen» erneut als streitbare Pionierin des Feminismus erwiesen. In dieser unkonventionellen Geschichte stellt sie drei Generationen einer aus Großmutter, Mutter und Tochter bestehenden Lebensgemeinschaft vor, deren Zusammenleben unter einem Dach sich nicht nur emotional als schwierig erweist. Diese unkonventionelle Thematik nutzt sie zu mancherlei überraschenden Wendungen in ihrer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Geschichte.

Älteste im Bunde ist mit 60 Jahren die lebenslustige Großmutter Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, die immer noch gern mit Männern flirtet und mit ihrem deutlich jüngeren Bäcker eine ungewöhnliche Liaison hat. Denn er ist nur am Küssen interessiert, darin aber ist er unschlagbar. Gesuina werden jedes Mal die Knie weich, wenn er sie leidenschaftlich küsst, mehr will er aber nicht von ihr. Die früh verwitwete, vierzigjährige Maria, ihre ernste, sittenstrenge Tochter, ist freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Sie ist ein eher lebensfremder Bücherwurm, und sie ist es denn auch, die ihre Familie durchfüttert. Seit fünf Jahren ist sie mit François liiert, eine Fernbeziehung, die sie ganz unkonventionell noch mit langen Briefen ausfüllt. Kulturell interessiert machen sie beide öfter gemeinsam Urlaub, und zwar  nicht nur in exotischen Ländern, sondern sie bereisen kulturinteressiert auch Holland, worüber Maria ihrer Familie von unterwegs begeistert per Brief berichtet. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori schließlich, Marias Tochter, ist pubertär bedingt ziemlich aufmüpfig. Sie hat öfter mal Sex mit ihrem festen Freund und kümmert sich ganz unkonventionell um eine auf der Müllkippe hausende Obdachlose, der sie öfter mal Essen und Getränke vorbei bringt und auch Geld zusteckt. Unterschiedlicher als diese drei Charaktere können Romanfiguren wohl kaum sein.

Es gibt schließlich eine überraschende Wendung, als sich herausstellt, dass Lori schwanger ist. Während der Geliebte ihrer Mutter an Weihnachten zu Besuch war, hat sie die Gelegenheit genutzt und mal schnell Sex mit François gehabt, einfach weil sie neugierig war auf den gut aussehenden Mann. Aber selbstverständlich wollte sie ihn der Mutter nicht ausspannen! Man fragt sich als Leser, ob die Autorin es nicht auf die Spitze treibt in ihrer Geschichte, wenn sie es bei diesem leichtsinnigen Spontansex nun auch gleich zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen lässt. Sie wollte «der heutigen, verwöhnten Jugend einen Spiegel vorhalten», hat sie dazu erklärt. «Die lassen sich leichtfertig treiben, sie weichen Verpflichtungen aus und denken kaum über den Tag hinaus». Insoweit soll also ihr an die Vernunft appellierender Roman auch eine moralische Botschaft transportieren. Lori traut sich nicht, ihrer Mutter zu beichten, denn auch die Großmutter lehnt es vehement ab, die arme Maria damit zu konfrontieren. Soll Lori abtreiben oder einfach ihrem festen Freund das Kind unterschieben? Nach mehr als drei Monaten ist der Bauch nicht mehr zu verstecken, François hat sich schändlich ‹vom Acker gemacht›, und Lori offenbart sich endlich ihrer Mutter, ziemlich feige zwar, – in einem langen Brief nämlich!

Stilistisch perfekt wird diese Geschichte, ständig wechselnd und meisterhaft gekonnt, aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen erzählt: Als Tonband-Aufzeichnung der Großmutter, in Briefen der Mutter und in Tagebuch-Einträgen der Tochter. Letztere gebiert einen prächtigen Jungen, dem sie ganz unbeirrt den Namen Prometheus gibt, der ‹Vorausdenkende›. Das Baby verändert die familiäre Struktur schlagartig zum Positiven, das Gefühls-Karussell dieser drei ungleichen Frauen justiert sich von Grund auf neu. Sehr subtil legt die Autorin in ihrem raffiniert angelegten Plot eine zerbrechliche Familien-Struktur dar, die mit dem Vogelkäfig auf dem Cover auch die Freiheit als politisches Ziel symbolisiert. Trotzdem bleibt sie aber auch hoffnungsfroh, denn am Ende lachen alle wieder, die letzten Worte dazu lauten ergänzend «aus purem Glück»!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Folio Verlag