Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.

Hollywood meets Vienna (in London)

Vor genau 70 Jahren im Spätsommer 1956 haben sich die Tochter von Sigmund Freud, Anna, und Marilyn Monroe tatsächlich in London Hampstead getroffen: Hollywood meets Vienna in London. Hektor Haarkötter hat sich in mühseliger Kleinarbeit durch alle verfügbaren Aufzeichnungen von Gesprächen, private Notizen beider Frauen, Briefe und Tagebucheinträge, Gedichte und viele andere Hinweise geackert, um die psychoanalytischen Sitzungen (à 50 min/7 Tage) detailreich nacherzählen zu können. Es ist alles Spekulation, gibt der Autor freimütig in seinem Vorwort zu Protokoll, aber dennoch könnte es sich in etwa so abgespielt haben. Marilyn “The Wiggle” Monroe weilte aufgrund der Dreharbeiten zu “Der Prinz und die Tänzerin” in den Londoner Pinewood Studios. Auch Colin Clark hat darüber ein Buch verfasst, wozu sie hier eine Rezension finden. Mit Milton Greene hatte sie sich selbständig gemacht, um mit den Marilyn Monroe Productions endlich von ihrem Image als blondes Dummchen wegzukommen. Ins Parkside House reiste sie damals mit 27 Gepäckstücken, die 861 Pfund wogen, an. Für die Überlast zahlte sie eine Zsatzgebühr von 1187 Dollar, wie Haarkötter weiß, mehr als der Flugpreis für zwei Personen. Anna Freud wiederum lebte in der berühmten 20 Maresfield Gardens Adresse, weil ihr Vater von den Nazis aus Wien vertrieben worden war. Sie hatte dort ebenso wie ihr berühmter Vater eine Praxis, auch wenn sie sich eigentlich für die von ihr und Dorothy Burlingham gegründete Hampstead Child Therapy Clinic engagierte. In der 20 Maresfield Gardens fanden auch die Sitzungen mit MM statt.

Führe mich (nicht) in Versuchung!

Dass Marilyn damals schon Drogen nahm (laut HH zu dieser Zeit Dexamyl) mag nicht weiter überraschen. Auch über ihre Kindheit in insgesamt neun Pflegefamilien weiß man recht gut Bescheid. Wer wirklich ihr Vater war, darüber wurde lange spekuliert, Clark Gable mit dem MM an ihrem Lebensende in “The Misfits” spielte und der zehn Tage nach den Dreharbeiten verstarb, war es jedenfalls nicht. MM hatte dies vermutet, da ein Foto ihres Vaters, das ihre Mutter an der Schlafzimmerwand hängen hatte, diesem ähnelte. Die psychischen Probleme ihrer Großmutter Monroe und ihrer Mutter Gladys Baker sind ebenso bekannt, neu ist vielleicht ihre “zwanghafte Nacktheit”, der sie ungeniert auch vor Fotografen frönte. Sex hatte ihr aufgrund von Kindesmissbrauch zwar nie etwas bedeutet, aber dennoch erfüllte sie so manchem Mann seine Wünsche. Anna Freud wiederum war eventuell Inzest durch ihren Vater ausgesetzt und Zeit ihres Lebens homosexuell, so HH. Auch MM soll etwas mit ihrer Schauspiellehrerin gehabt haben.

Prominentestes Opfer der Psychoanalyse: Marilyn M

Seit Anfang der 50er hatte die prominente Schauspielerin schon einen “shrink“, dass sie Anna Freud aufsuchte, überraschte also nicht. Miss Cheesecake 1951 bezeichnet sich an einem der 7 Tage mit Anna als “Kriegsveteran der Nacht” und in Liebessachen als “Macherin” und formuliert damit eine ganz andere, neue Monroe-Doktrin. Mit einem Vokabular wie ein Seemann brüskiert sie die doch etwas prüde Wienerin dann doch, aber das wird auch sie nicht ganz kalt gelassen haben, wie HH süffisant spekuliert. Marilyn Monroe’s Konversion zum Judentum am 1. Juli 1956 ist doch etwas unbekannt, vor allem aber, dass sie es auch nach ihrer Scheidung von Arthur Miller, weiterhin praktizierte. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil ihres Vermögens an die New Yorker Psychoanalytikerin Marianne Kris, eine Freundin von Anna Freud, ging und diese es wiederum Anna vermachte, die es in ihre Stiftung fließen ließ, mag sich die Frage aufdrängen, ob die Psychoanalyse Marilyn Monroe zum Opfer gemacht hat. Jedenfalls nicht umgekehrt.

100 Jahre Marilyn Monroe

Eine wirklich unterhaltsame Lektüre, die es in sich hat und neue Fragen stellt und viele davon auch beantworten kann. Selbstverständlich ist vieles davon Spekulation, aber das hilft wesentlich beim Weiterdenken. Tabubrüche haben uns immer schon weitergebracht und vielleicht nahm Marilyn Monroe sogar die Wilden Sechziger vorweg? Zur Emanzipation der Frau hat sie jedenfalls wesentlich beigetragen, auch wenn sie immer noch gerne als blondes Dummchen belächelt wird. Ihr 100. Geburtstag sollte daran endlich etwas ändern! Und was Marilyn wohl selbst von dem Gerede über sie hält, lässt sich vielleicht so zusammenfassen.

 

Hektor Haarkötter
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex
Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud
2026, Hardcover, 216 Seiten, Abmessungen 15,7cm x 22,9cm
ISBN: 978-3-8000-8110-3
Carl Ueberreuter Verlag
€ 28,00


Genre: Biographie, Psychologie, Psychotherapeuten

Erzählte Welt

Ohne Skandal geht es nicht

Mit seinem literatur-wissenschaftlichen Fachbuch «Erzählte Welt», dessen Untertitel «Eine Literatur-Geschichte der Gegenwart – 1989 bis heute» seinen Inhalt klar benennt, hat der an der Humboldt Uni in Berlin lehrende Steffen Martus ein wichtiges Werk zum Verständnis seiner Kunstgattung geliefert. Denn wie kein anderes spiegelt es die fundamentalen Umbrüche der Zeit in vielerlei Hinsicht, politisch, soziologisch, aber natürlich auch ästhetisch. Nach der politischen Wende waren ja insbesondere in den beiden deutschen Staaten plötzlich alte Gewissheiten obsolet geworden. Und mit der Digitalisierung änderten sich zunehmend nicht nur die altbewährten Vertriebswege, es änderte sich auch der Stellenwert von Büchern, speziell im Vergleich zu den im Internet konsumierbaren Möglichkeiten der Unterhaltung und Erbauung.

Vorweg bleibt festzustellen, dass dieses Buch kein Nachschlagewerk über Literatur ist, die Intention des Autors besteht vielmehr klar erkennbar darin, Literatur-Geschichte als gespiegelte Gesellschafts-Geschichte zu erzählen. Kein Wunder also, dass mit dem turbulenten politischen Geschehen nach 1989 in Deutschland – über mehr als dreißig Jahre hinweg also – auch die bis dato eher behäbig erscheinende deutsche Literatur kräftig aufgemischt wurde, alle der vielen sozialen Krisen haben in ihr sichtbare Spuren hinterlassen. Schaffen doch ihre kreativ gesehen gottgleichen Schöpfer in ihren Werken eine Welt im Kleinen, die immer auch auf die Realität zurückwirkt. Ganz deutlich war das an der Situation der DDR-Schriftsteller zu sehen, denen sich Steffen Martus gleich zu Beginn ausführlich widmet. Er nennt Christa Wolf als Beispiel dafür, wenn von ihr bei den die Wende auslösenden Demonstrationen am Berliner Alexanderplatz politische Orientierung  erwartet wurde. Die sie auch geliefert habe, die sich dann aber schnell als reine Utopie erwiesen hat. Der Sozialismus war wegen der Konsumgier der ostdeutschen Bevölkerung, wegen ihres übermächtigen, materiellen Nachholbedarfs aus der Politik wie auch aus der Literatur in kürzester Zeit verschwunden. Ihm wurde keine Träne nachgeweint, was sich erst in jüngster Zeit vereinzelt geändert hat, ohne dass aber bisher eine wirklich literarische Aufarbeitung stattgefunden hätte. Während des so genannten deutsch-deutschen Literaturstreits veränderte sich die Gesellschaft jedenfalls von Grund auf.

Die literatur-soziologische Perspektive von Steffen Martus, die immer eng an den behandelten Büchern bleibt, beschäftigt sich weniger mit den Aufregungen um die allseits bekannten «Großschriftsteller» wie Handke, Grass, Böll oder Botho Strauss. Er arbeitet vielmehr an vielen Beispielen speziell die Bedeutung der Entwicklungen im popkulturellen Bereich heraus und zeigt auf, wie Literatur marktkonform wird. Dabei interessiert er sich auch für den rasanten Aufstieg des neuen Marktsegments «New Adult». Ausgehend von einem New Yorker Verlag seit 2009 als spezielles Subgenre der Literatur forciert, wird damit eine neue, bisher nicht erreichte Zielgruppe zwischen den Lesern von Liebes- und denen von Jugendromanen angesprochen. Neben den explizit erotischen Themen darin sind im deutschen Sprachraum die fast ausschließlich englischen Titel dieser Romane typisch, ein Merkmal der mit Anglizismen am ehesten ansprechbaren Jugendlichen.

Anschaulich verfasst, ist dieses unterhaltsame Buch der Versuch, dem über den Tellerrand der konsumierten Lektüre hinaus interessierten Lesern tiefere Einblicke in eine der großen Kunstgattungen zu gewähren, ohne sie mit spezifischem Fachwissen zu überfordern. Sein Augenmerk liegt dabei auch auf der Rezeption von Literatur, den Wirkmechanismen im allfälligen Meinungsstreit unter denn Kritikern und Lesern sowie den literarischen Strömungen und Skandalen. Und prompt wurde dem Autor nun in einer Kolumne von Maxim Biller, dem Enfant terrible und Spitzenreiter peinlicher Selbstüberschätzung unter den deutschen Autoren, fälschlich unterstellt, bewusst jüdische Autoren ignoriert zu haben, – ganz ohne Skandal geht es wohl nicht in der Literatur, lernen wir daraus!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Sachbuch
Illustrated by Rowohlt

100 Jahre: Marilyn und die Kamera

100 Jahre Marilyn Monroe

100 Jahre Marilyn Monroe. Die Marilyn Monroe Centennial-Edition 2026 als goldene Jubiläumsausgabe. Norma Jean Baker kam vor 100 Jahren, 1926, zur Welt. In nur 36 Jahren Lebenszeit stellte sie die ganze Welt auf den Kopf und schrieb nebenbei Filmgeschichte. Mit einer Gesamtedition von bislang elf Titeln bleibt Schirmer/Mosel der führende Photobuchverlag, wenn es um die blonde US-Ikone, Marilyn Monroe, geht.

Marilyn Monroe und die Kamera: davor und dahinter

Die vorliegende Publikation, die den Titel “Marilyn Monroe und die Kamera” seit ihrem Ersterscheinen im Jahr 1989 trägt, wurde damals schon fast über Nacht zum
Weltbestseller. Und blieb es bis heute als international erfolgreichstes Marilyn-Buch im Handel. Den Geburtstag der Schauspielerin, Sängerin und Produzentin weiter der Schirmer Mosel Verlag mit einer goldenen Jubiläumsausgabe zu einem unschlagbaren Sonderpreis von € 25,-. Am 1. Juni 1926 erblickte sie das Licht der Welt und wurde bald darauf zur Waise, obwohl sie noch Vater und Mutter hatte. Genaueres zu ihrer aufregenden Vorgeschichte erfährt man auch in Joyce Carol Oates’ “Blond” Biographie, die von Andrew Dominic unlängst sogar verfilmt wurde. In der vorliegenden “Golden Marilyn” zeigen Photographen wie Avedon oder Weegee sowohl die klassische Marilyn als auch eine Fülle selten gesehener Aufnahmen. Marilyns Schauspiel-Kollegin Jane Russell (“Gentlemen prefer Blondes”) hat für das vorliegende Buch auch eine Einführung geschrieben. Neben Russell sind auch andere Kolleg:innen und ihre Ehemänner Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und der Dramatiker Arthur Miller (1956-61) zu sehen.

100 Jahre MM: Schauspielerin, Sängerin und Produzentin

Aber auch Marilyn Monroe selbst kommt zu Wort, etwa in dem großen Interview, das sie dem befreundeten Journalisten Georges Belmont 1960 gewährte. In diesem Interview zeigt sie sich als Person und nicht als – von ihr selbst miterschaffene – Kunstfigur. MM erweist sich darin – entgegen dem Mythos – als kluge, humorvolle und äußerst eloquente Gesprächspartnerin. Denn das blonde Dummchen, diese Wahnvorstellung von ihr, existierte stets nur in den Köpfen misogyner Männer. Von 20th Century Fox wurde sie zwar auf den Typ der naiven, lasziven Blondine festgelegt, avancierte selbst jedoch mit Filmen wie
Niagara, Blondinen bevorzugt, Wie angelt man sich einen Millionär? oder Das verflixte 7. Jahr zu einem ganz eigenen Star. Sie gehörte noch Anfang der 1950er Jahre zu einer der meistphotographierten Frauen der Welt. Erst als sie sich 1954 von ihren Hollywoodverträgen löst und nach New
York ging, wo sie die Marilyn Monroe Productions Incorporated gründete und am Actors Studio studierte, erarbeitete sie sich ein ganze eigenes Profil auch hinter der Kamera. 1957 produzierte sie den Film “Der Prinz und die Tänzerin”, in dem sie auch die Hauptrolle spielte. Mit “Misfits – Nicht gesellschaftsfähig” gelang ihr 1961 auch der Wechsel ins ernste Rollenfach. Am 4.8.1962 starb Marilyn unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten.

GOLDEN MARILYN
Marilyn und die Kamera
Photographien aus den Jahren 1945-1962
Mit einem Vorwort von Jane Russell
und einem Interview von Georges Belmont
272 Seiten, 152 Tafeln in Farbe und Duotone
Zweisprachige deutsch/englische Centennial-Ausgabe
ISBN 978-3-8296-0952-4
Schirmer Mosel Verlag
€ 25,- € (Ö) 25,60 CHF 28,80

 


Genre: Biographie
Illustrated by schirmer/mosel

Marilyn Monroe. 100 Seiten

100 Jahre Marilyn Monroe. Die Journalistin und Schriftstellerin Jenni Zylka huldigt den Filmen der Filmikone Marilyn Monroe zu deren 100. Geburtstag am 1. Juni 2026. Ihre “Marilyn Monroe. 100 Seiten” sind keine Biographie, sondern Filmjournalismus, eine Analyse ihrer Rollen hinter und vor der Leinwand.

Marilyn zwischen Femme Fatale und Fragile

Bereits 1946, gerade einmal 20 Jahre alt, war Norma Jean Baker – so ihr bürgerlicher Name – auf 33 Magazincovern abgebildet. Sie nahm in diesem Alter aber auch schon Schauspielunterricht im Actor’s Lab, einer Schule, die politisch links stand und sich gegen Rassentrennung aussprach. Einiger ihrer Mitglieder kamen später auch auf Hollywoods Schwarze Liste, weiß die Autorin. Ihre inzestuös-missbräuchlich klingenden Daddy-Lieder bekommen ebenfalls einen anderen Beigeschmack, wenn man ihre Peggy Martin Interpretationen in “Ladies of the Chorus” (1948) mit starkem Blues-Timbre vernimmt, was später leider nie mehr zu hören war. Während sie in “Dont bother to Knock” noch gleichzeitig als Femme Fatale und Fragile zu sehen war, wird sie später auf ein doch eher klassisches weibliches Rollenbild festgeschrieben. Wogegen sich MM aber auch zu wehren wusste, wie ihre spätere Karriere zeigt, in der sie eine eigene Produktionsfirma, Marilyn Monroe Productions Incorporated, gründete. Eine weitere Anekdote zeigt, dass Marilyn durchaus fortschrittlich war: bei einem Konzert von Ella Fitzgerald im segregierten Colorado habe sich MM erfolgreich gegen die übliche rassistische Praxis, Schwarze Künstler:innen über den Seiteneingang in den Club zu schicken, gewehrt. So erzählt von Ella herself in ihrer Autobiographie, schreibt Jenni Zylka.

MM und ihre Rollen im Film

“Blondinen bevorzugt”, “Manche mögen’s heiß”, “Das verflixte 7. Jahr” oder “The Misfits” u.v.a.m. Der naive Filmcharakter, in der Theatersprache “ingénue” bezeichnet, das blonde Dummchen, ihre Rollen als “the girl” waren wohl die Rollen, die das männliche Publikum sich für eine Frau ihrer Träume damals wünschte. Aber zeitlebens tanzte Marilyn auch aus der Reihe, etwa in der köstlichen Komödie von Billy Wilder “Some like it hot”, in der klassische Genderrollen scharf an der Filmzensur vorbei neu interpretiert wurden. Marilyn in ihrer Rolle als “Sugar” (schon das eine eher klassische Rollenzuschreibung) habe ihren Mann allein durch Liebe zu dem Mann gemacht, den sie wolle, schreibt Zylka. “Sie ist bei genauer Betrachtung keine echte Hauptrolle, aber bildet das körperlich-emotionale Zentrum des Films, dessen Integrität, Naivität und Weichheit dazu dienen, die handelnden Männer zu veredeln, bei ihnen eine Entwicklung in Ganz zu setzen”, so Zylka über Sugar. “Für mich spiegeln Marilyn Monroes Charaktere die Rollen, die Frauen in der Gesellschaft zugestanden wurden und werden. Marilyn ist eine Kämpferin in einem starren System”, meint die Autorin abschließend und hat doch gerade in ihren 100 Seiten bewiesen, wie sehr sich Marilyn Monroe selbst zu einer emanzipierten Frau entwickelte. Immerhin war sie ja erst 36 als sie unglücklicherweise an einer Überdosis Barbiturate am 4.8.1962 verstarb. Von Jenni Zylka ist bei Reclam zuletzt auch “Tina Turner. 100 Seiten.” erschienen.

Jenni Zylka
Marilyn Monroe. 100 Seiten
Die Ikone des 20. Jahrhunderts
2026, 100 Seiten – 12 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder. Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
ISBN: 978-3-15-020793-2
Reclam Verlag
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Verlag

Meine Woche mit Marilyn

100 Jahre Marilyn Monroe: Meine Woche mit Marilyn. Auch nach mehr als 60 Jahren ist Marilyn Monroe immer noch ein Mythos. Aber aus Anlass ihres Geburtstages am 1.6.1926 erscheint eine Vielzahl von Publikationen, die mehr Licht in das Rätsel um die eigentliche Norma Jean Baker bringt

Der dritte Produktionsassistent und die weltberühmte Diva

Soll ich sie spielen?”, frägt die private Marilyn ihren neu auserkorenen Schützling Colin Clark. Mit “sie” meint sie ihre andere Persönlichkeit, die Filmdiva, auf die sie getrimmt wurde und an der andere Millionen verdienten. Das “Showgirl” oder “Revuegirl” – die ewig gleiche Rolle – konnte sie erst durchbrechen und sich mit Marilyn Monroe Productions selbständig machte. Ungefähr zur Zeit dieses ersten eigenständigen Films, “Der Prinz und die Tänzerin“, spielt auch die Episode, die Colin Clark in vorliegender “wahrer Geschichte” erzählt. Seine “Woche mit Marilyn” erzählt von der Begegnung im Herbst 1956 in England in den Londoner Pinewood Studios. Die Dreharbeiten mit Sir Laurence Olivier drohen ob der vermeintlichen Allüren der Diva zu scheitern, jedoch gibt es einen, der eisern zu ihr hält: Colin Clark, der Erzähler. Eigentlich kam er über seine Eltern, die Olivier persönlich kannten, zur Filmproduktion. Als dritter Regieassistent ist er Mädchen für alles und muss u.a. die suizidgefährdete Marilyn durch eine Leiter an ihr Fenster retten. Aber alles löst sich in Wohlgefallen auf, denn der vermeintliche Vamp ist ein herzlicher, liebevoller Mensch, der einfach nur etwas Liebe sucht. Dass sie dann auch noch ihre Ehemann, der Dramatiker Arthur Miller, verlässt, gibt ihr erneut das Gefühl des Verlassenwerdens, ihr eigentliches Drama seit ihrer Kindheit. Doch Colin versteht es, ihr das zu geben, was sie auf den rechten Pfad zurückbringt: und sieh da, sie erscheint pünktlich morgens um sieben Uhr zu den Dreharbeiten.

Splish Splash, ein feuchter Kuss im Pool

Natürlich kann alles, was Colin Clark in seinem Tagebuch damals aufgeschrieben hatte, in Zweifel gezogen werden. Aber immerhin versucht er der Legende menschliche Züge abzugewinnen und allein dafür hat er sich ja schon Sympathien verdient. Er ist nicht nur ihrem Ehemann gegenüber kritisch eingestellt, sondern auch Milton H. Greene, ihrem Geschäftspartner in der eigenen Produktionsfirma und Paula Strasberg, ihrem Coach. Die ihm und Marilyn nachgesagte Affäre hat aber eigentlich nie stattgefunden, auch wenn Marilyn in seiner Darstellung auch ein ziemliches Boxluder gewesen zu sein scheint. Insofern ist die Erzählung, dass er als einziger ihr widerstehen konnte und es sogar schaffte sie künstlerisch zu disziplinieren, schon etwas hochgeschraubt, zumal er ja auch noch um sechs Jahre jünger war. Selbst als sie ihn nach dem Nacktschwimmen einen feuchten Kuss auf die Lippen drückt, steht er seinen Mann und widersteht. Man muss anerkennen, dass Clark sie einfach als menschliches Wesen beschreibt, das einfach auch mal sie selbst sein wollte, mit ihm, Colin Clark, konnte sie das scheinbar, wenn auch nur für eine Woche. Und selbst in dieser einen Woche muss sie “sie” spielen. Die Folgen kann sich jeder ausmalen: als sie nämlich “sie” spielt, befinden sich Clark und MM im Windsor Castle und in Null Komma Nichts sind sie von einem Menschenauflauf umringt und die Wachen haben alle Hände voll zu tun. Marilyn diente vielen Männern als perfekte Projektionsfläche ihrer eigenen Phantasien und hatten eigentlich nichts mit MM selbst zu tun, das arbeitet auch Clark gut heraus.

Marilyn Monroe, geb. am 1.6.1926 in Los Angeles als uneheliche Tochter einer Filmcutterin wuchs bei Verwandten und diversen Pflegefamilien auf. Sie war u.a. mit dem Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und dem Dramatiker Arthur Miller (1956-61) verheiratet und starb am 4.8.1962 mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Colin Clark: Meine Woche mit Marilyn ist der literarische Band der Schirmer/Mosel Centennial-Edition 2026, die vier Titel zu Marilyn Monroe umfasst.

Colin Clark
Meine Woche mit Marilyn
Eine wahre Geschichte
Aus dem Englischen übersetzt von Bernadette Ott
2026, gebunden, mit Lesebändchen, 224 Seiten
ISBN 978-3-8296-0599-1
Schirmer/Mosel Verlag
€ 7,95 €(Ö) 8,20 CHF 9,15


Genre: Erzählung
Illustrated by schirmer/mosel

Gern gesehene Gäste

Keine «große» Literatur

Im umfangreichen Œuvre des Schriftstellers Thommie Bayer ist soeben mit «Gern gesehene Gäste» ein neuer Roman erschienenen, der in weiten Teilen einem Roadmovie gleicht und ganz unspektakulär einen Handwerker als Protagonisten aufweist. Allerdings, und das deutet auf autobiografische Bezüge hin, sind mit dem Ehepaar Eric und Keira die wichtigsten Figuren beide Schriftsteller. Außerdem spielt Musik eine gewisse Rolle, was nicht verwundert, ist der Autor doch vor seiner Hinwendung zur Schriftstellerei auch als Musiker aktiv gewesen, und als künstlerisches Multitalent war er sogar auch als Maler tätig.

Matteo ist ein introvertierter Sonderling, der schon in der Schule als Außenseiter galt. Alle Versuche seiner Mutter, einer selbständigen Buchhändlerin, ihn zu Freundschaften mit den Schulkameraden zu animieren, indem sie bei seinen Geburtstagen alle Mitschüler eingeladen hat, sind jedoch gescheitert, er ist und bleibt ein Einzelgänger. Sein Alleinsein kompensiert er schon sehr früh mit Büchern, und er hilft seiner Mutter auch im Buchladen, so gut er kann. Nach seiner Lehre als Zimmermann folgt er der uralten Tradition und geht auf die Walz, die ihn durch ganz Deutschland und umliegende Länder führt. Erst nach der vorgeschriebenen Mindestzeit von fünf Jahren und einem Tag kehrt er erstmals in die Heimat und zu seiner Mutter zurück. Fortan arbeitet mit einem alten Freund zusammen, der sich auf Renovierungs-Arbeiten spezialisiert hat. Dabei lernt er die beiden Schriftsteller kennen, die ein ziemlich herunter gekommenes Bauernhaus als Refugium gekauft haben, um sich endgültig dorthin zurück zu ziehen. Schnell entsteht eine enge Freundschaft zu dem charismatischen Ehepaar. Er ist intellektuell ziemlich auf Augenhöhe mit ihnen, sie schätzen ihn als idealen Gesprächspartner, obwohl sie altersmäßig die Eltern des inzwischen Dreißigjährigen sein könnten. Besonders mit der attraktiven Keira fühlt er sich seelenverwandt.

Als Eric, der von den Beiden der erfolgreichere Schriftsteller ist und oft auf Lesereisen gehen muss, ihm das Angebot macht, ihn als sein Chauffeur zu begleiten, da er selbst keinen Führerschein hat, willig er freudig ein. Es entsteht dadurch ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Lange Strecken der Geschichte füllen die sich meist ähnlichen Erlebnisse und Begegnungen auf diesen oft wochenlangen Autoreisen, die teils in Büchereien, teils in eigens angemieteten Versammlungs-Räumen stattfinden und immer ein großes Publikum anlocken. Das zu 90 Prozent übrigens aus Frauen besteht, die den charismatischen Eric anhimmeln. Hier plaudert Thommie Bayer genüsslich aus dem Nähkästchen und enthüllt so manches Interna der Literatur-Branche. Dabei stellt sich dann aber leider schon bald Langeweile ein beim Lesen, weil sich das ständig gleiche Prozedere derartiger Veranstaltungen und die sich ebenso ähnelnden Begebenheit auf den Autoreisen und in den Hotels ständig wiederholen. Die Zigarette nach der Lesung, der letzte Drink abends an der Hotelbar, die Raststätten an der Autobahn, der schnelle Imbiss unterwegs.

Fast unmerklich beginnt der Autor einen Spannungsbogen aufzubauen, als Matteo entdeckt, dass sich hinter Erics Erfolgen scheinbar ein Geheimnis verbirgt. Immer wenn seine Bücher überschwänglich gelobt werden, setzt er eine undurchdringliche Miene auf, so als ginge ihn das alles nichts an. Der Leser wird also zu Spekulationen angeregt, weil Eric einen unerklärlichen Abstand zu seinen Büchern erkennen lässt. Wobei sich das nahe Liegende natürlich als falsch erweist. Denn der Autor baut mehrere Varianten ein, um die Vermutungen des Lesers zu konterkarieren, und wartet dann mit einem umso mehr überraschenden Finale auf. Damit werden die legitimen Erwartungen der Leserschaft nach Unterhaltung voll erfüllt, wird mit Walz und Lesereise sogar durchaus Bereicherndes erzählt, das Ganze bewegt sich aber immer hart am Rande der Trivialität. Es fehlt insbesondere an psychologischer Tiefe bei den Figuren, mit denen man sich emotional nicht verbunden fühlt. Keine «große» Literatur also!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Marmor, Quecksilber, Nebel

Wenn Wissenschaft poetisch wird

Das gerade erschienene Buch der Schriftstellerin Judith Schalansky mit dem Titel «Marmor, Quecksilber, Nebel« und dem Untertitel «Woraus die Welt gemacht ist» trägt keine Genrebezeichnung. Es ist ähnlich wie bei ihrem erfolgreichen Bildungsroman «Der Hals der Giraffe» eine Mischung aus Essay und Fiktion, wobei die Thematik naturwissenschaftlicher Art ist, es geht dabei um Erkenntnisse und Empfindungen die Materie betreffend. Damit gehört die Autorin als jüngste zu den populärsten deutschen Vertretern des Natur Writing, wobei das deutlich gewachsene Umweltbewusstsein natürlich auch das zunehmende Interesse an dieser Art Literatur erklärt. Dazu passt wohl auch, dass Judith Schalansky in Jahre 2023 die Ehre zuteil wurde, als bisher neunte Schriftstellerin ein neu geschaffenes, unveröffentlichtes Werk an die norwegische ‹Future Library› in Oslo übergeben zu dürfen. Damit gehört es zum Bestand von 100 Texten, die erst im Jahre 2114 veröffentlich werden sollen. Alle eingereichten Manuskripte werden in der Osloer Bibliothek äußerst streng unter Verschluss gehalten und in Glasvitrinen ausgestellt. Eine Ehrung post mortem also! Ein parallel dazu gepflanzter Wald nahe Oslo ist im Rahmen dieser Aktion als Ausgleich für den Papierverbrauch beim künftigen Druck dieser 100 Werke vorgesehen. Wie schön, dass es solch kreative Idealisten gibt!

Die drei Kapitel des vorliegenden Buches gingen aus drei im Jahre 2025 von der Autorin gehaltenen Vorträgen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen hervor. Dabei ging es ihr um die Frage, inwieweit sich Weltgeschichte auf einen einzelnen Gegenstand zurückführen lässt. So ist es zu Beginn ein Marmorblock, der ihr bei einer Fahrt mit der Fähre durch das Thrakische Meer auffällt. Es sind gleich mehrere Tieflaster mit solch tonnenschweren Blöcken, die sie im Transportdeck bestaunt, wobei sie einem Aufdruck entnimmt, dass so ein Marmorblock 27 Tonnen wiegt. Ihre Gedanken beginnen, um dessen Beschaffenheit und seine Materialeigenschaften zu kreisen. Gerade der hier transportierte, schneeweiße Thrakische Marmor sei ja der begehrteste, stellt sie fest, weil er keine Maserung aufweist und damit für Statuen ideal geeignet ist. Die Gedanken der Ich-Erzählerin kreisen auch um dieses Material als bis in die Antike zurückreichender, begehrter Baustoff. Sie nennt einige berühmte Gebäude, in denen viel Marmor verbaut wurde, und erzählt von deren Geschichte. Sogar in ihrer heimischen Berliner Staatsbibliothek, die sie täglich aufsucht, findet sie überraschend viele Marmorflächen.

In ihrem Buch verknüpft die Autorin gekonnt die Geschichte des Marmors mit einer Vortragsreise zur Uni in Guadalajara sowie einem Ausflug auf den Brocken im Harz. Dabei stellt speziell der Nebel auf dem Berg die Verbindung her zu historischen Betrachtungen über die Welterschließung, zum Beispiel in Form von Orakelsprüchen, löst aber auch skeptische Reflektionen der KI gegenüber aus. Am Beispiel Marmor zeigt sie die Gemeinsamkeit zur Schreibarbeit auf: In beiden Fällen liege zu Beginn ein unbehauener Block vor, der intensiv und sorgfältig bearbeitet werden muss, um dann in Vollkommenheit erstrahlen zu können. Wie die Statue im Marmor, so lag für die Autorin ihr Text bereits im Stofflichen vor, sie musste ihn für dieses Buch nur herausarbeiten wie Michelangelo seinen David.

Der Text ist angereichert mit vielen Querverweisen und Reflexionen in die Kulturgeschichte, die allesamt zur Unterstützung ihrer verschiedenen Thesen dienen sollen, denn jeder Aspekt zieht eine neue Betrachtung nach sich. «Wenn ich wüsste was ich tue» hat Judith Schalansky dem Tagesspiegel gestanden, «dann täte ich es nicht». Daraus kann man folgern, sie sei mitgerissen worden von einem Gedankenstrom bei ihrem Text, der die materiellen Rahmenbedingungen von Literatur zum Gegenstand hat. Dazu gehört auch die bange Frage: Wo liegt die Zukunft des Buches? Viele Leser dürften mit den wild wuchernden Assoziationen dieses von vermeintlichen Erkenntnissen geradezu strotzenden Werkes ihre Probleme haben, – andere werden jubeln!

Fazit:   mäßig

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Genre: Essay
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Gefährten

Fraktionelles Zeitdokument

Von der hierzulande kaum bekannten, dänischen Schriftstellerin Christina Hesselholdt liegen nur wenige Werke in deutscher Übersetzung vor, dazu gehört auch der 2018 veröffentliche Roman «Gefährten». Das im Original in Teilstücken zwischen den Jahren 2008 und 2014 erschienene Werk mit sechs Ich-Erzählern im Alter um die vierzig kommt ohne roten Faden aus, erzählt werden unabhängig von einander kleine und kleinste Lebensabschnitte der Protagonisten aus einer sehr persönlichen Sicht und ohne auf ein Ziel zuzusteuern. Damit wäre es jederzeit möglich, nur einzelne Abschnitte zu lesen, ohne etwas versäumt zu haben, alle Erzählschnipsel dieses raffinierten Zeitdokuments stehen für sich allein.

Alma und Kristian, Camilla und Charles, Edward und Alwilda bilden als Kopenhagener Jugendfreunde eine unzertrennliche Gemeinschaft, sie schätzen sich gegenseitig als intellektuelle Gesprächspartner und unternehmen vielerlei miteinander, nicht zuletzt auch mehr oder weniger ausgedehnte Reisen, auch rund um den Erdball. Themen ihrer Gespräche sind die Ehe, die nicht immer so verläuft, wie es einst erhofft worden ist, ferner persönliche Ziele, die man scheinbar verpasst hat, sowie latent vorhandene Sehnsüchte und unerfüllte Träume. Inzwischen stellen sich auch erste Krankheiten ein, der allgegenwärtige Tod in der Elterngeneration erinnert sie unerbittlich daran, dass auch ihr Leben vergänglich ist. Und nach wie vor bleibt die Liebe ein dominantes Thema des Lebens, sie ist vergänglich, taucht aber auch oft überraschend neu wieder auf, wenn man schon längst nicht mehr an dieses übermächtige Gefühl gedacht hat.

Jede einzelne Szene des Romans steht selbständig für sich, irgendwelche Übergänge sind nicht erkennbar in dieser konsequent durchgehaltenen, fraktionellen Erzählweise. So schildert Camilla zum Beispiel, wie sie mit Charles eine Striptease-Bar besucht, wo die beiden total versacken. Sie kommt mit den Tänzerinnen ins Gespräch, die an einem Extratisch zusammen sitzen. Zu vorgerückter Stunde bietet sie einer der Tänzerinnen ihren Man an: «Willst Du ihn kaufen?» frage ich, «für 300 Euro?» Nach einem zweifelnden Blick auf Charles sagt die Tänzerin: «Oje, das ist aber viel Geld». «Er ist zwar schon etwas älter, aber er ist gut […] er fickt wie ein Hengst.» Nach acht Stunden in der Bar stellen sie am Morgen entsetzt fest, dass sie 9000 Kronen ausgegeben haben. Es ist Camilla, der die Autorin die meisten Szenen in den Mund gelegt hat, sie dominiert vom Stoff her etwas gegenüber den anderen Ich-Erzählern. Derart radikal subjektive Szenen, die sich oft nur über wenige Seiten hinweg erstrecken, gibt es hunderte in diesem vielschichtigen Roman, mal heiter, mal ernst, mal traurig oder gar extrem bitter. Stilistisch also ein steter Wechsel zwischen Dur und Moll, wie das Hamburger Abendblatt so anschaulich schrieb.

Dabei geht es nicht selten auch derb zu, wird anzüglich geredet auch in den häufigen inneren Monologen der sechs Erzählinstanzen, um deren Befindlichkeiten es geht in diesem Roman mit seinen vielen Facetten. Ihre zuweilen larmoyante Suche nach sich selbst ist stets feinsinnig und häufig auch selbstironisch. Abgesehen von einigen extremen, ungewöhnlichen Situationen dreht es sich zumeist um Alltägliches, mit dem diese Intellektuellen konfrontiert sind. All das wird authentisch beschrieben mit zuweilen melancholischem Unterton. Dabei gelingt es der dänischen Autorin, befreiend offen und geradezu beiläufig von den Problemen, Kümmernissen, aber auch von Abenteuerlust und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit ihrer Figuren zu erzählen. Am intensivsten bleibt nach der Lektüre der Eindruck zurück, welches besondere Lebensglück doch in der Verbundenheit mit Freunden liegt. Bereichernd sind auch die vielen intertextuellen Verweise, die zahlreiche Größen aus dem literarischen Olymp mit einbeziehen, von denen einige aber auch explizit zitiert werden. Sylvia Plath kommt beispielsweise schon im vorangestellten Zitat zu Wort, Vladimir Nabokov, Virginia Woolf, Nadine Gordimer und viele andere folgen.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Das Café ohne Namen

Klischeehafte Milieu-Schilderungen

In seinem autobiografisch inspirierten Roman «Das Café ohne Namen» schildert der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler, wie zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt Wien, aus den Trümmern erhoben, in eine neue Zeit hineinwächst. Als Setting nutzt er das titelgebende Café, in dem ein buntes Völkchen von Figuren aus der untersten Gesellschaftsschicht sich die Klinke in die Hand gibt. Wie schon der Titel zeigt, bildet das namenlose Café hier also nur die als solche bedeutungslose Bühne, auf der allein die zahlreichen Figuren, mit ihren Ängsten und Nöten kämpfend, den Erzählstoff dieses Romans bilden. Wobei diese Menschen allesamt, durchaus typisch für diesen Autor, mit ihrem Schicksal hadern und gegen ihre Einsamkeit ankämpfen.

Der Roman beginnt orts- und zeitgleich mit der Geburt des Autors in Wien im Spätsommer 1966. Der junge Gelegenheitsarbeiter Robert Simon, der auf dem Karmelitermarkt in Wien sein Brot verdient, beschließt, eine schon länger leer stehende Gastwirtschaft zu pachten und dort ein Café zu eröffnen. Wobei es eigentlich nicht ein typisches Café ist, das er betreiben will, sondern, vom gastronomischen Angebot her gesehen, eine Mischform mit einer Kneipe, in der die Anwohner und die in dem Viertel arbeitenden Menschen verkehren. Bei ihm also das Kaffeekränzchen älterer  Damen ebenso wie der Trupp von Bauarbeitern, die hier ihre Mittagspause machen. Und tatsächlich geht Simons Kalkül auf, sein «Café» entwickelt sich schnell zu einem Szene-Treff im herunter gekommenen zweiten Wiener Bezirk. Manche seiner Gäste suchen lediglich nach Gesellschaft, andere nach Anerkennung und einige sogar nach Liebe. Und alle bringen ihre Geschichten mit, von denen dieser Roman erzählt und von denen nicht zuletzt auch Simon profitiert, er «wächst» menschlich sogar an ihnen.

Kurz entschlossen schließt Simon mit dem Hausbesitzer einen Pachtvertrag und beginnt gleich auch mit der dringend erforderlichen Renovierung der verwahrlosten Räume. Er wohnt bei der Kriegerwitwe Martha Pohl  und freundet sich sehr schnell auch mit dem Fleischermeister Johannes Berg auf der anderen Straßenseite an, sein direktes Gegenüber, der dem unerfahrenen Kneipier auch einige gute Ratschläge gibt. Als die junge Hilfsnäherin Mila aus der Textilfabrik, die gerade ihre Arbeit verloren hat, weil die Konkurrenz aus China zu stark geworden ist, vor der Fleischerei einen Ohnmachtsanfall erleidet, geht der Fleischer mit ihr ins Café gegenüber und empfiehlt sie dem Simon als Bedienung, die er ja sowieso bald brauche, denn dessen Geschäfte gehen gut. Dort verkehrt inzwischen auch René Wurm, einer der wilden Heumarkt-Ringer, der von dem Trubel um die Catcher-Kämpfe gut lebt, aber immer von Amerika träumt. Als es im nächsten Winter bitterkalt wird, ergänzt Simon sein Getränke-Angebot um Punsch, der denn auch sofort begeistert angenommen wird. Es gibt Eifersuchts-Szenen in seinem Café, René und die Bedienung Mila finden als Liebespaar zueinander und bekommen ein Kind, das aber bei der Geburt stirbt. Es ist ein bunter Reigen an Geschehnissen, die der Autor in seinem Roman beschreibt und in dem so ziemlich alle Vorkommnisse thematisiert werden, die sich in derartigen Kreisen ereignen können. Am Ende stürzt am 1. August 1976 nachts kurz vor 5:00 Uhr auch noch die Reichsbrücke ein, woraufhin Simon spontan sein Café schließt.

Von wenigen Rückblenden abgesehen wird die Handlung in 39 Kapiteln chronologisch und intern fokalisiert erzählt. Dabei beweist sich der Autor als Meister darin, kleine und kleinste Ereignisse zu literarischen hoch zu stilisieren. Unbefriedigend bleibt vor allem, dass gerade hier, im größten Judenviertel Wiens, der Holocaust völlig unerwähnt bleibt. Meist ist es ereignisloser Klatsch und Tratsch, der hier erzählt wird, ein oberflächliches Gerede ohne Belang, als ereignislose Banalitäten zum Weiterdenken partout ungeeignet. Welche Intentionen der Autor mit seinen klischeehaften Milieu-Schilderungen letztendlich verfolgt, bleibt sein Geheimnis!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Claasen München

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Unerquickliches Nebenwerk

Es ist nahe liegend, wie Bodo Kirchhoff auf die Idee für seinen kurzen Roman «Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt» gekommen ist. Er hat dazu im Interview erklärt, er habe selbst per E-Mail eine solche Einladung erhalten (sic). «Es hörte sich großartig an. Dann gab es einen Anhang und dann habe ich diesen Anhang studiert und mit meiner Frau darüber gesprochen und am nächsten Tag haben wir zwei freundliche Zeilen zurückgeschickt. In dem Moment, wo diese beiden Zeilen abgeschickt wurden, da kam mir der Gedanke: Das kann man auch auf 130 Seiten ausdehnen, diese Antwort». Und so besteht nun der gesamte Roman aus einer einzigen Antwort-Mail seines Ich-Erzählers, die er mit mentaler Unterstützung durch so manches Glas edlen, gut abgelagerten Whiskys verfasst und der Kreuzfahrt-Reederei zurück geschickt hat. Das mithin ist der komplette Roman, den wir lesen, – es geht hier also niemand an Bord!

Das Alter Ego des Autors wird als «Gastkünstler» samt Begleitung zu einer 14tägigen Kreuzfahrt in die Karibik eingeladen. Beginnend und endend in Havanna soll sie in einem dreiviertel Jahr, über Weihnachten und Sylvester hinweg, stattfinden. Es wird ihm ein großzügiges Honorar geboten, eine Kabine mit Außenbalkon und andere Vergünstigungen, wenn er täglich eine Lesung veranstaltet und auch an den anschließenden Diskussionen über das Werk teilnimmt. In dem 18seitigen Anhang der E-Mail stößt er auf allerlei Pflichten und Regelungen, die nicht unbedingt seinen Vorstellungen entsprechen. Das Schiff kann 5000 Passagiere aufnehmen, um die sich insgesamt etwa 2000 Mitarbeiter kümmern, für einen Einsiedler wie ihn schon das fast ein Alptraum. Die Reederei hat außer ihm noch zwei weitere «Edutainer» engagiert, also Allein-Unterhalter, die belehrend und unterhaltend zugleich tätig sind. Er sieht sich intellektuell nicht auf einem Niveau mit den Kollegen, die wie er die gelangweilten Passagiere unterhalten und bespaßen sollen.

Zu den Problemen, die der Schriftsteller in dem umfangreichen Anhang zur Einladung findet, gehört in erster Linie mal die Auswahl der Stücke, die er aus seinen Werken vorlesen soll. Die müssen nämlich mit der Reederei im Voraus abgestimmt werden, damit die Passagiere nicht eventuell verunsichert werden. Ein Eingriff in seine Kunst, den er kaum akzeptieren kann. Lustvoll entwickelt Bodo Kirchhoff ein Problem nach dem anderen, mit dem sein Protagonist konfrontiert ist, selbst wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass Derartiges wirklich passiert. Und er hadert noch mit vielen anderen Umständen dieser Kreuzfahrt. Könnten nicht Passagiere an Bord sein, die schlimmstenfalls auf hoher See eine Gefahr darstellen. Ist der Kapitän absolut zuverlässig oder könnte sich wiederholen, was 2012 mit der Costa Concordia passierte, als sie nahe der Insel Giglio auf Grund gelaufen ist, wobei 32 der 4229 Passagiere ums Leben kamen. Überhaupt habe er Zweifel, ob derartige Reisen mit ihren immensen Umweltbelastungen überhaupt noch in die Zeit passen. Der Protagonist brennt ein wahres Feuerwerk ab an Einwänden, nebenbei erfährt man aber auch eine Menge an Details über solche Reisen, die Gepflogenheiten an Bord betreffend ebenso sowie die Reisenden selbst und deren Motive, die er voller Ironie überaus kritisch hinterfragt.

Es fragt sich, ob der Autor hier nicht selbstverliebt mit seiner Bildung protzt, wenn er derart viele intertextuelle Verweise einfügt. Seinen Protagonisten zeichnet er ziemlich übertrieben einerseits als verachtenswerten Hasenfuß, andererseits aber auch als großmäuligen Macho, dem das andere Geschlecht prinzipielle unterlegen sei. Bei alldem schwingt zwar auch eine gewisse Selbstironie mit, und die vielen heraufbeschworenen Unglücks-Szenarien sind unverkennbar satirisch überhöht. So richtig zum Tragen aber kommt sein Witz leider nicht, und seine Ironie kippt allzu häufig in reine Selbstverliebtheit um. Dieses laut Autor «Nebenwerk» ist jedenfalls keine literarische Bereicherung, es ist und bleibt unerquicklich als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Frankfurter Verlagsanstalt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt. Thanos steht im Griechischen für eine Kurzform von Athanasios (Athanasius) und bedeutet „der Unsterbliche“. Aber auch Thanatos, der Tod, spielt als Vorläufer des Namens eine Rolle, denn die Comicfigur Thanos von Titan, ist gekommen, um die Menschheit zu vernichten. Oder zumindest das Weltall um die Hälfte zu entvölkern.

Humor, die unerprobte Geheimwaffe

Der in den Achtzigern weit verbreitete Glaube, das eigentliche Problem der Menschheit sei die Überbevölkerung und nicht die Umverteilung, erhält in vorliegendem Comic einen schlagkräftigen Vertreter: Thanos von Titan. Der Marvel Held hat nicht unbedingt einen sehr hohen IQ, denn mit seinem Vorhaben will er vor allem Lady Death beeindrucken. Diese legt allerdings wenig wert auf seine abgöttische Zuneigung und benutzt ihn einfach für ihre Zwecke. Um sein Ziel, die Ausrottung der Hälfte allen Lebens um die andere Hälfte zu retten, zu erreichen, will er allerdings zuerst die fünf magischen Steine ausfindig machen, damit ihm die Vernichtung auch tatsächlich erfolgreich und effizient gelingen kann. Aber er hat nicht mit dem Silver Surfer gerechnet, der in der hier vorliegenden MUST HAVE Gesamtausgabe des Abenteuers, das sich bis in die Neunziger zog, auch einer ganz neuen, (für ihn) unerwarteten Waffe bedient: des Humors.

“Das Universum gehört mir!”

Der kosmische Held, dessen Energie nicht von seinem Surfboard betrieben wird, sondern aus seiner intrinsischen Motivation, muss allerdings selbst erst einige Selbstzweifel abschütteln, bevor er sich dem großen Kampf gegen einen seiner wohl häßlichsten Gegner richtig stellen kann. So begegnet ihm nicht nur das Böse in Form eines kleinen außerirdischen Babies, sondern auch ein Kobold namens Impossible Man treibt sein Unwesen in seinem Kopf oder im Weltall, je nach dem. Dieser kann sich verwandeln und ihm Torten ins Gesicht werfen, bis Silver Surfer endlich kapiert, dass es sich mit einem Lächeln im Gesicht einfach besser lebt. Und so begibt er sich selbst auf den Titan, einem künstlichen Mond des Saturns, wo der sanftmütige Herrscher Mentor residiert. Dieser will ihn mit seinen Söhnen, Eros und Drax, im Kampf gegen Thanos unterstützen, jedoch erweist sich dieser Dienst eher als Schuss ins Knie.

Die beeindruckenden Zeichnungen entführen die Leser:innen in ein unbevölkertes Weltall, wo sich die Titanen einen Kampf auf Leben und Tod liefern und so letztendlich die Frage lösen, wem das Universum wirklich gehört. Die Autoren Jim Starlin und Scott Edelman sowie Zeichner Mike Zeck und Ron Lim liefern eine spannende Vorgeschichte zur legendären Storyline um den Infinity-Handschuh. Plus: Thanos’ erster Solo-Auftritt!

 

Jim Starlin/Scott Edelman
Marvel Must-Have
Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt
(Original Storys: Silver Surfer (1987) 34–38, Thanos Quest (1990) 1–2, Logan’s Run (1977) 6)
2026, Hardcover, 240 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647147
Panini
39,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Sandman – Death

               Sandman – Death, ein Mitglied der The         Endless Family

Sandman – Death. Der Tod in Gestalt eines hübschen, jungen Goth-Punk-Girls spielte bei der legendären Sandman-Saga von Schöpfer Neil Gaiman von Anfang an eine wichtige Rolle. Als Mitglied der The Endless Familie rangiert er gleichberechtigt neben Delirium, Desire, Despair, Destiny, Destruction und Dream, also Sandmann selbst. In der neu übersetzten Serie (zwei Death-Mini-Serien gibt es schon), die Neil Gaiman gemeinsam mit Zeichner Chris Bachalo realisierte hat Death an einem einzigen Tag an dem auch sie sterblich ist, die Welt der Menschen zu erforschen und erfahren.

Das Herz im Verborgenen

Death, der Tod in Gestalt eines hübschen Punk-Girls, tauchte in Neil Gaimans Bestsellerserie Sandman sehr früh auf und avancierte nicht nur zur Lieblingsfigur, sondern bekam auch zwei Miniserien spendiert, die ebenfalls längst Klassiker sind. Hier sind die Storys, in denen Death u.a. für einen Tag sterblich ist, in einem Band. In der dreiteiligen Geschichte “Der Preis deines Lebens” (Death: The High Cost of Living 1–3, 1993) geht es um den jungen Ausreißer Sexton, der etwas dem 1994 verstorbenen Grunge-Musiker Kurt Cobain ähnelt. Er wird von Death aus einer mißlichen Lage befreit und glaubt ihr dennoch kein Wort. Aber ihre Geschichte ist ja auch mehr als unglaubwürdig, denn wer würde schon hinter der unschuldigen Fassade des jungen Mädchens das mächtigste Mitglied der berühmten Endless-Familie vermuten? Doch auch Mad Hettie gibt dem jungen Sexton einige Rätsel auf, denn sie will ausgerechnet ihr Herz zurückbekommen und er soll ihr dabei helfen. Die Zeichnungen sind im klassischen Neunziger Jahre stil, sehr düster und auf die Abfallplätze unserer Gesellschaft abonniert. Ein New York kurz vor dem Untergang, aber dennoch sehr lebendig. Und am Ende findet man heraus, welchen Schatz eine hölzerne Babuschka-Puppe wirklich beinhalten kann.

Rockstar sucht Familie

Die zweite Geschichte in vorliegendem Band, The Time of Your Life 1–3, 1996, erzählt von Foxglove, dem kommenden Rockstar des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ihr Album “Slits of Love” wird gerade veröffentlicht und die Promotiontour dafür, führt sie weit weg von ihrer Geliebten, Hazel, u.a. nach L.A. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Alvie, und müssen sich entscheiden, wen von ihnen Death nun denn holen darf. Auch wenn man mit ihr eigentlich nicht handeln kann, weil sie nur das ausführt, was festgelegt ist, eröffnet sich dennoch eine neue Option. Und vielleicht können die drei doch noch die Zeit ihres Lebens, the time of their life, gemeinsam verbringen? Eine Geschichte die zeigt, dass auch das Leben als Rockstar seine Schattenseiten haben kann und Ruhm nicht alles ist. Vor allen Dingen die eine unstillbare Sehnsucht, irgendwo daheim zu sein, ein Zuhause zu haben, nicht stillen kann. Auch erhältlich als Hardcover-Variant!

Neil Gaiman/Chris Bachalo
Sandman – Death
(Original Storys: Death: The High Cost of Living 1–3, The Time of Your Life 1–3)
2026, Softcover, 176 Seiten
ISBN: 9783741648748
Panini
24,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Du hättest gehen sollen

Autofiktionale Schreibkrise

Die Erzählung «Du hättest gehen sollen» von Daniel Kehlmann thematisiert die Schaffenskrise eines Drehbuchautors mit Elementen des Horrorfilms, allen voran wird man an «Shining» von Stanley Kubrick erinnert. Dem Ich-Erzähler kommt in einem einsam gelegenen, hochmodernen Chalet in den Alpen die Wirklichkeit abhanden. Das Ganze endet chaotisch, das Kladde des Drehbuchautors bleibt leer und seine Ehe ist gescheitert, – oder auch nicht? So ganz sicher ist nichts in dieser mit phantastischen Elementen angereicherten Erzählung, deren letzter Satz «Und dabei bin ich erst ganz am» ohne Schlusspunkt endet! Ein Zeichen der Unfertigkeit, die sich auch an anderen Stellen im Text dieses unzuverlässigen Ich-Erzählers häufig findet.

Mit Frau und vierjähriger Tochter hat sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler für einige Tage ein Chalet gemietet, um Ruhe zu finden für das Drehbuch eines Films, der als Fortsetzung an den großen Erfolg seines letzten Spielfilms anknüpfen soll. Aber er kommt über einzelne Stichworte und Ideen für sein Filmskript, die er in sein Notizbuch schreibt, nicht hinweg, die auf dem Schreibtisch bereit gelegte Drehbuch-Kladde bleibt leer. In diesem 92 Seiten langen Büchlein findet sich, wie in vielen seiner anderen Bücher, auch der Spiegel als beliebtes Metapher des Autors wieder. Sein Held erkennt sich nicht wieder im Spiegel, er ist seltsam verzerrt oder überhaupt nicht sichtbar, wirkt wie sein eigener Doppelgänger, weiß zwischen Original und Spiegelbild nicht mehr zu unterscheiden. Sogar in dem nächtlich dunklen Fenster seines Arbeitszimmers sieht er manchmal nicht sein Spiegelbild. Ähnlich mysteriös erscheinen plötzlich Bilder an den Wänden, wo vorher keine waren, tauchen an anderer Stelle auf oder zeigen etwas ganz anderes. Der Schwindel mit der Realität geht so weit, dass er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut, die Entfernungen im Haus verschieben sich, auf nichts ist mehr Verlass. Ein Geodreieck, das ihm der ziemlich einsilbige Besitzer des Dorfladens beim Einkauf geschenkt hat, zeigt falsche Winkel an. Sogar das Haus verändert seine Proportionen, ist plötzlich riesengroß oder wirkt völlig schief gebaut, er glaubt schließlich sogar, sich in zwei Wesen aufgespaltet zu haben, denn wenn er die Hautür öffnet, fürchtet er, selbst davor zu stehen.

Im Dorf raunt man von unerklärlichen Vorgängen in dem Chalet und dessen Vorgängerbauten, es soll sogar mal ein Turm an dieser Stelle gestanden haben. Einige Urlauber seien spurlos von dort verschwunden, der Ort sei des Teufels. Als der Drehbuchautor den Vermieter anrufen will, um ihn über seine vorzeitige Abreise zu informieren, sucht er im Mobiltelefon seiner Frau nach dessen Nummer und stößt dabei auf eine Textnachricht: «Ich will dich wieder anfassen», -Absender ist ein gewisser David. Er blättert weiter und findet viele ähnliche Nachrichten von ihm. Als er seine Frau zur Rede stellt, verlässt sie nach heftigem Streit das Haus und fährt mit dem Auto davon. Er sitzt in der Falle und flüchtet mit seiner kleinen Tochter zu Fuß hinunter ins Dorf, um dort ein Taxi zu bestellen. Als er fast am Ziel ist, sieht er plötzlich ein erleuchtetes Haus, muss aber feststellen, dass er vor der Haustür des gemieteten Chalets steht. «Du hättest gehen sollen», denkt er sich.

Nach der Lektüre stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob diese Erzählung autofiktional ist, ob Daniel Kehlmann hier seine eigene Schreibkrise schildert. Weder der Plot kann überzeugen noch die wenigen Figuren in diesem literarischen Kammerspiel. Eine besonders schwache Figur ist die der Ehefrau, einer ebenso berühmten wie attraktiven Schauspielerin, die einen akademischen Abschluss in Deutscher Philologie hat und ihrem Mann intellektuell überlegen ist. Sie bleibt als Figur völlig blutleer, die durch ihre Untreue ausgelöste Ehekrise wird lapidar in wenigen Sätzen abgehandelt. Unklar bleibt auch, ob zwischen Schaffenskrise und Ehekrise ein Zusammenhang besteht. Fest steht nur, dass die äußeren Koordinaten des Ich-Erzählers total verschoben sind. Wirklich ärgerlich aber bleiben die vielen mysteriösen Vorkommnisse, denen rein gar nichts folgt!

Fazit:   miserabel

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Genre: Erzählung
Illustrated by Rowohlt

Gegen die Welt, gegen das Leben

Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend

Von Michel Houellebecq, der als wichtigster französischer Schriftsteller der Gegenwart gilt, wurde 1991 mit seinem Essay «Gegen die Welt, gegen das Leben» sein erstes Werk veröffentlicht. Darin geht es um H. P. Lovecraft, den amerikanischen Urvater der fantastischen Literatur, der weltweit als der einflussreichste Autor der Horror-Erzählungen des 20ten Jahrhunderts gilt. Diesem Sonderling wird ein «kosmischer Horror» attestiert, dessen Thematik sich um die Angst vor dem Unbekannten und die Unermesslichkeit des Universums dreht. Bei seinem romanhaften, fiktional angereicherten Essay über ihn geht es Houellebecq insbesondere um die visionäre Kraft von Lovecraft, aber auch um seine Außenseiter-Stellung und die Ursachen für seinen Rassismus. Indem er dem Amerikaner, den er auf eine Stufe stellt mit Edgar Allen Poe, literarisch ein Denkmal setzt, entwickelt er die Grundlagen für seine eigene Poetik und schafft damit einen Schlüssel zu seinem eigenen, umfangreichen Werk.

Durch das Gesamtwerk des Franzosen zieht sich kontinuierlich eine immerwährende westliche Dekadenz hindurch, und man spürt seinen besonders ausgeprägten Sinn für den Zeitgeist. Kaum ein heutiger Autor ist derart in Skandale und Kontroversen verwickelt wie Michel Houellebecq. Zu den häufigsten Vorwürfen gehört dabei die Behauptung, er sei ein Rassist. Als «nouveau réactionnaire» ist er allerdings wenig daran interessiert, sich gegen solche Vorwürfe zu wehren, – ganz im Gegenteil , er hat sie in Interviews sogar häufig bestätigt und weitere Provokationen hinzugefügt. Außer Rassismus wird ihm aber auch Frauenhass unterstellt, und als Agnostiker gilt er als besonders islamfeindlich, sein Roman «Unterwerfung» ist ein beredtes Beispiel dafür. Sein Image ist geprägt durch seine ebenso häufigen wie scharfen Attacken gegen den Zeitgeist, Skandale sind erkennbar ein wichtiger Bestandteil seiner Strategie, sich am Markt weit oben zu positionieren. Damit ist er zwar ein Mahner, ein Moralist zudem, der allerdings auf die Ursachen für das weit verbreitete Gefühl menschlicher Ohnmacht keine Antwort weiß. Er selbst hat sich im Interview als Autor bezeichnet, der sich mit dem Leiden beschäftigt, das durch den Nihilismus erzeugt wird. Politisch tritt er öfter mal ins Fettnäpfchen, so wenn er zum Beispiel behauptet, Napoleon sei schlimmer als der Gröfaz gewesen, und seine Sympathie für Stalin rühre daher, dass der ja viele Anarchisten umgebracht habe. Zu seinen konträren Standpunkten gehören seine Statements zu den positiven Folgen der Corona-Pandemie ebenso wie die Skepsis den modernen Medien gegenüber, die massenhaft soziale Kontakte zerstören würden.

Das vorliegende Essay über H. P. Lovecraft trägt erheblich zur Legendenbildung um den «Einsiedler von Providence» bei, die fundamentale Sinnlosigkeit des Lebens hätten nur sehr wenige Menschen erkannt, glaubt Houellebecq. Und er nennt als dessen literarische Ingredienzien den «absoluten Materialismus», die Verwendung von wissenschaftlichen Termini, zudem aber auch ein Gefühl, es gebe in seinen Schriften etwas, das partout als nicht-literarisch angesehen werden müsse. Außerdem lehne Lovecraft Freuds Psychoanalyse ab und spreche verächtlich von dessen «puerilem Symbolismus».

Gleich zu Beginn wird der Leser im ersten Satz thematisch eingestimmt: «Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend». Das gilt auch für dieses enttäuschende Essay, mit dem sein Autor den Blick auf einen schon lange in Vergessenheit geratenen Außenseiter mit einer äußerst kleinen Fan-Gemeinde lenkt. Er identifiziert sich als heutiger Exeget mit fast allem, was Lovecraft als Degeneration brandmarkt, wobei er in puncto Misanthropie allerdings hinter ihm zurückbleibt. Aber auch als Privatmann wird der Visionär aus den USA beschrieben, seine Ehe, seine Zeit in New York, seine finanziellen Nöte als Schriftsteller, der nicht veröffentlich wird. Ohne Zweifel dient dieses Essay Houellebecq als Selbstbestätigung für sein eigenes Schreiben, worin denn auch der einzige Nutzen für den literatur-interessierten Leser liegen dürfte.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Essay
Illustrated by DuMont

Ausradiert

Literatur-Satire der besonderen Art

Als bitterböse Satire über den Literaturbetrieb wurde der im Original 2001 in den USA erschienene Roman von Percival Everett kürzlich unter dem Titel «Ausradiert» auch auf Deutsch veröffentlicht. Der Roman wurde inzwischen verfilmt, erhielt 2024 fünf Oscar-Nominierungen und wurde mit dem Oscar für das «Beste adaptierte Drehbuch» ausgezeichnet. Der mit seinen 24 Romanen, aber auch mit Erzählbänden und Lyrik bis dato in Deutschland kaum bekannte Autor hat dann mit «James» voriges Jahr den Pulitzerpreis erhalten, was die eilends erfolgte Neuerscheinung erklärt. Wobei dieser Roman im Onlinehandel sogar als «Das Buch zum oscarprämierten Film ‹American Fiction› bezeichnet wird, – also nicht als der Film nach dem Roman, der ja viel eher da war! Die bisher einzige in den Feuilletons erschienene Rezension der Frankfurter Rundschau ist allerdings ein grandioser Verriss, und das Schweigen aller anderen Zeitungen dürfte ja auch etwas zu bedeuten haben. So was macht einen denn doch neugierig!

Der farbige Schriftsteller Thelonious Ellison, von seinen Freunden wegen des gleichen Vornamens wie der berühmte Jazzmusiker nur «Monk» genannt, galt schon von klein auf als hochbegabtes Kind. Seine Schwester Lisa, mit der er sich bestens versteht, ist Gynäkologin und betreibt mit ihrer Kollegin eine Gemeinschafts-Praxis, in der legale Schwangerschafts-Abbrüche speziell bei bedürftigen Frauen durchgeführt werden. Immer wieder versammeln sich vor ihrer Praxis radikale Abtreibungs-Gegner und bedrohen die beiden Ärztinnen. Monks Vater ist schon lange tot, der schwule Bruder hat sein Coming Out, die Mutter erkrankt an Alzheimer und Lisa wird in ihrer Praxis erschossen, Monk wird sich nun um seine Mutter kümmern müssen. Dieser langsame Zerfall der Familie bildet den einen Erzählstrang dieses Romans, der zweite beschäftigt sich mit dem Literaturbetrieb als solchem und seinen für literatur-affine Leser interessanten Interna. In beiden aber geht es vor allem auch um die Suche nach Identität.

Professor Thelonious «Monk» Ellison hat fünf intellektuell anspruchsvolle Romane über Schwarze geschrieben, die gute Kritiken bekommen haben, die aber keiner lesen will, während kitschige Ghetto-Romane voller Klischees hohe Auflagen erreichen. Voller Wut über diese Ignoranz der Leserschaft und die Erfolge der vielen Schundromane schreibt er selbst unter Synonym einen solch grottenschlechten Ghettoroman und gibt ihm den provokanten Titel «Fuck». Der Erfolg ist überwältigend, sein Verleger, der ihm immer schon vorgeworfen hat, er sei «nicht schwarz genug», ist begeistert. Die für seine Verhältnisse enorm hohen Auflagen bescheren Monk erstmals einen schon lange erwarteten und auch dringend benötigten Geldsegen, bringen aber ganz unerwartet auch einiges an Chaos in sein bisher unspektakuläres Leben. Er hat einst sein Studium in Harvard mit ‹summa cum laude› abgeschlossen, interessiert sich für die Antike, spielt mit wenig Erfolg Basketball und hört am liebsten Sinfonien von Gustav Mahler und Jazz von Charlie Parker. Den Helden in seinem Schundroman stellt er so vor: «Mein Name ist Van Go Jenkins und ich bin neunzehn Jahre alt und ich geb n Scheiß auf niemanden, nich auf dich, nich auf meine Mutter und nich auf den alten Mann da oben im Himmel». Der als Roman im Roman, also als «Fuck» in Gänze in «Ausradiert» enthaltene Schundroman wird von der Kritik gefeiert, er selbst sitzt sogar in der Jury, die über die Vergabe des Literaturpreises zu entscheiden hat, und zieht vom Leder: «Das ist kein schlechter Roman [   ] es ist überhaupt kein Roman. Es ist ein missglückter Versuch, ein unfertiger Fötus [   ] ein Wort ohne Vokale». Mehr Satire geht nicht!

Ein Teil des Lesevergnügens ist den vielen tagebuchartigen Notizen zu verdanken, die der Autor von «Fuck» in seinen Text einstreut. Der raffiniert konstruierte Plot ist flüssig lesbar und mit viel Sprachwitz angereichert, schießt mit seinem originellen Gepräge zuweilen aber deutlich über das Ziel hinaus, was so manchen Leser auf Dauer stören dürfte. Aber die Geschmäcker sind nun mal verschieden!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München