Vaim

Eine Stimme für das Unsagbare

Der neueste Roman des norwegischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Jon Fosse mit dem Titel «Vaim» reiht sich ein in sein umfangreiches und vielseitiges Œuvre mit zumeist melancholischer Prägung. In der Begründung des Stockholmer Komitees heißt es, der Preis werde ihm verliehen «für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme verleihen». Mit diesem aktuellen Roman, der als erster einer Trilogie angekündigt wurde, hat der Autor seinem Schreiben eine bisher ungewohnte Leichtigkeit beigemischt, die neugierig macht auf die Folgebände.

Die dreiteilig aufgebaute Geschichte beginnt mit einer Bootsfahrt von Jatgeir, ein älterer Junggeselle, der in dem kleinen Ort Vaim lebt. Er fährt in die Stadt Bjørgvin, hauptsächlich um dort Nadel und Faden zu kaufen, mit denen er lose gewordnen Knöpfe seiner Kleidung annähen will, denn hier auf dem Land ist so etwas nirgends aufzutreiben. Aber auch in der Stadt muss er lange suchen, bis er endlich auf einen Laden stößt, in dem die Verkäuferin dem unbeholfen wirkenden Mann eine halbleere Garnrolle und eine Nähnadel anbietet. Sie will dafür 250 Kronen haben, ein unverschämt hoher, völlig überzogener Preis, den er aber notgedrungen zahlt, weil er nicht mit leeren Händen heimfahren will. Auf dem Rückweg macht er einen spontanen Zwischenstopp auf der kleinen Insel Sartor und hört nachts verdutzt in seiner Kabine, wie eine Frau vom Anleger aus seinen Namen ruft. Es ist Eline die er flüchtig aus der Jugend kennt, mit der er aber nie ein Wort gesprochen hat. Jatgeir hat sie immer nur aus der Ferne bewundert und vor Jahren dann sein Boot nach ihr benannt. «Ich hatte ja gehört, dass Eline irgendwo auf Sartor wohnen solle, aber jetzt hatte ich wohl geradezu Halluzinationen, es konnte doch nicht meine alte heimliche Liebe da stehen und zu meiner Schnigge runterschauen, an deren Steuerhaus auf beiden Seiten so stolz Eline stand, jetzt stand Eline da, denn es war tatsächlich sie, die ohne ihr Wissen meiner Schnigge den Namen gegeben hatte, denn ich hatte ja nie, natürlich nie, Eline etwas von meinen Gefühlen für sie verraten, nie, niemals im Leben hätte ich es gewagt, so etwas zu einer Frau zu sagen, nein so war ich nicht gemacht, ich nicht». Sie war weggezogen und hatte dann einen Fischer geheiratet. Nun steht sie vor ihm. Sie habe gerade ihren Mann verlassen, erklärt sie, und nur einen einzigen Koffer mitgenommen. Und sie bringt den völlig verdutzten Jatgeir schließlich auch noch dazu, jetzt sofort, noch in der Nacht, mit ihr nach Vaim aufzubrechen, in ihre alte Heimat, – und ihm dämmert es, dass sie dort bei ihm wohnen wird!

Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu dem frömmelnden Elias, dem einzigen Freund von Jatgeir, der ebenso verhaltensgestört ist wie er, was soziale Bindungen anbelangt. Elias ist zutiefst verunsichert durch diese Frau, die da plötzlich bei seinem besten Freund wohnt, und steigert sich in Phantasiewelten hinein in seiner Angst, Jatgeir auf Dauer zu verlieren als Freund. Im dritten Teil berichtet Olav ganz unchronologisch von der Vorgeschichte der beiden Erzählungen. Wie er im Gasthof auf Sartor mit zwei Fischern einen ertragreichen Fang feiert und plötzlich eine Frau vor ihm steht, die sich als Eline vorstellt und ihn Frank nennt trotz seiner Proteste, weil er in Wahrheit ja Olav heißt. Sie ist es auch, die ihn zum Tanz auffordert, ihm nicht mehr von der Seite weicht und es schließlich so weit bringt, dass der eingefleischte Junggeselle sie heiratet.

In einem entfernt an Thomas Bernhard erinnernden, hypnotischen Stil wird hier extrem repetitiv, in kreisenden Schritten quasi, eine Dreiecksgeschichte erzählt, die tief in die Psyche der drei männlichen Ich-Erzähler verweist, mit der dominanten Eline als motivisches Zentrum, als eine Art klassischer Schicksalsengel. All das wird in einem einzigen Satz erzählt, als ein meditativer Gedankenstrom der Figuren, durch den man zu kontemplativem Mitdenken angeregt wird. «Das Allerwichtigste ist für mich der Rhythmus und der Sprachfluss» hat der Autor zu seinem sehr speziellen, poetischen Erzählstil erklärt, der aber auch amüsante Züge aufweist. Wer sich darauf einlässt, wird von einem Lesesog mitgerissen, der inhaltliche Irritationen schnell vergessen lässt.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

All das zu verlieren

Listige Subjekt/Objekt-Umkehr

Der im Original zwei Jahre vor ihrem preisgekrönten Bestseller erschienene Roman «All das zu verlieren» der französischen Schriftstellerin mit marokkanischen Wurzeln hat eine brisante Thematik. Es geht um die verhängnisvolle Sexsucht einer saturierten Frau aus dem Mittelstand, die bei ihr zur fatalen Obsession wird und zur Bedrohung für ihr wohlgeordnetes Leben. Dieser Roman zeigt schon mit dem Titel auf, welche erschreckenden Folgen dieser Frau durch ihre Sucht drohen, die aber partout nicht davon lassen kann, so wie der Raucher nicht vom Tabak oder der Trinker nicht vom Alkohol.

Adèle ist eine schlecht bezahlte Journalistin Anfang dreißig und arbeitet bei einer Tageszeitung in Paris. Sie ist mit dem erfolgreichen Chirurgen Richard verheiratet und hat mit ihm einen kleinen Sohn. Ihr Leben aber plätschert ihrer Empfindung nach höhepunktarm vor sich hin, und das gilt insbesondere auch für das Sexleben mit ihrem überarbeiteten Mann. Als attraktive Frau hat sie reichlich Verehrer und potentielle Liebhaber, aber sie sucht nicht nach der lang anhaltenden Liaison. Sie will den schnellen und ungeplanten Sex mit ständig wechselnden Zufalls-Bekanntschaften, gern auch an den unmöglichsten Orten. Sie sehnt sich nicht nach attraktiven, sympathischen Männern aus ihrem Milieu, auch wenn sie während der Weihnachtsfeier ihrer Redaktion mit ihrem Chef auf dem Tisch im Besprechungszimmer einmalig flüchtigen Verkehr hatte. Sie will lieber unterworfen werden, von hässlichen, groben Männern rücksichtslos und hart genommen, gequält und geschlagen werden, je erniedrigender für sie, desto besser! Sie trifft oft in der U-Bahn auf ihre Zufalls-Sexpartner, und die lassen sich auch nie lange bitten. Damit bricht die Autorin radikal mit der gängigen Vorstellung von Frauen, die mühsam erobert werden müssen von potentiell dazu jederzeit bereiten Männern. Im Roman aber ist das anders herum, Adèle möchte willfähriges Objekt sein, nicht dominierendes Subjekt, und genau aus dieser ungewöhnlichen Perspektive heraus wird hier auch erzählt.

Nachdem sie damit begonnen hat, entgleitet Adèle schnell die Kontrolle. Es wird immer schwerer für sie, die körperlichen Spuren ihrer Ausschweifungen zu verdecken, die Eskapaden ihres haltlosen Doppellebens terminlich irgendwie unterzubringen. Dabei hilft ihr eine gute Freundin, die nicht nur als Babysitterin einspringt, wenn es gar nicht anders geht, sondern ihr auch mit Alibis behilflich ist. Für ihre Terminplanung benutzt Adèle ein geheimes zweites Handy, das ihr Ehemann eines Tages zusammen mit ihrem Sextagebuch findet. Wutentbrannt will er sie auf die Straße setzen, einen klaren Schnitt machen. Aber eine familiäre Feier wenige Tage später bringt ihn dazu, erst mal abzuwarten, den peinlichen Skandal schließlich auf danach hinaus zu schieben. Durch einen spontanen Umzug der Familie aufs Land wird Adèle letztendlich gnadenlos aus ihrer fatalen Situation heraus gerissen, sie darf nicht mehr nach Paris und fügt sich antriebslos dem Diktat ihres Mannes, der sie denn auch in psycho-therapeutische Behandlung schickt.

Eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen für das ungewöhnliche Sexualverhalten dieser saturierten Ehefrau bleibt der Roman aber schuldig. Die Autorin hat sich relativierend in der Süddeutschen Zeitung dahin gehend geäußert, dass nur etwa 5 Prozent der wenigen von Sexsucht befallenen Menschen weiblich sind. Das Romanthema beschreibt also ein je nach Definition des Begriffs extrem seltenes Phänomen, hinter dem sich, wie auch hier im Roman, eine existentielle Einsamkeit verbirgt, die sich dann in unkonventionellem Sex ein Ventil sucht. Dieser leicht lesbare Roman, der ebenso häufig wie fälschlich mit «Madame Bovary» verglichen wird, leidet ein wenig an seinen vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, letztendlich aber auch an den irgendwann doch zuviel werdenden, drastisch geschilderten Sexszenen, die besonders im ersten Teil dominieren. Und ob es für Adèle eine Heilung gibt von ihrer psychopathischen Störung oder nicht, das lässt der Roman listig offen.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Malnata

Deutschlandfunk trifft’s

«Malnata», der erste Roman der jungen Schriftstellerin Beatrice Salvioni, erinnert thematisch stark an Elena Ferrantes Bestseller «Meine geniale Freundin». Prompt ist auch hier wieder ein Hype um dieses von den italienischen Feuilletons hoch gelobte und in 35 Sprachen übersetzte Buch entbrannt. Und auch hierzulande waren die Leserkommentare euphorisch, ganz im Gegenteil dazu haben jedoch die deutschen Print-Medien diesen Roman komplett ignoriert, die einzige Buchbesprechung im Perlentaucher stammt jedenfalls vom Deutschlandfunk Kultur und ist ein regelrechter Verriss. Das Buch sei schlicht und ergreifend ein Trivialroman, erklärt der Buchkritiker Christoph Schröder dort in seinem Radiobeitrag! Kann das wahr sein, fragt man sich als irritierter Leser.

Historischer Hintergrund dieser Erzählung ist der Faschismus in Italien und der von Mussolini angezettelte Abessinenkrieg. Die titelgebende «geniale» Freundin in Ferrantes Roman ist bei Salvioni eine «unheilbringende», und so wird Maddalena von allen im Ort auch nur«Malnata» genannt. Manche bezeichnen das selbstbewusste, unangepasste Mädchen, das uns da vom Buchcover her so wütend anblickt, sogar als Hexe, weil in ihrer Anwesenheit schon schreckliche Unfälle passiert sind. Francesca hingegen, die zwölfjährige Ich-Erzählerin und Protagonistin des vorliegenden Romans, stammt aus so genanntem ‹gutem Hause› und wird von ihrer naiv religiösen Mutter streng erzogen. Unterschiedlicher könnten die beiden Mädchen gar nicht sein, aber trotz aller Warnungen werden sie beste Freundinnen. Der vierteilige, im Jahr 1935 in der Lombardei angesiedelte Roman beginnt gleich im Prolog mit einem erzählerischen Paukenschlag: Ein zu den strammen Faschisten gehörender junger Mann versucht, am Ufer des Lambro die brave Francesca zu vergewaltigen. Deren Freundin, die böse «Malnata», kommt ihr zur Hilfe und erschlägt schließlich den Übeltäter im Kampf, – bringt also, ihrem Ruf entsprechend, Unheil.

Maddalena ist ein Freigeist par excellence, unangepasst, kampfeslustig, immer schmutzig, immer zum Widerspruch bereit, sie lässt sich von niemandem etwas sagen. Frech wie sie ist stielt sie zum Beispiel mit Hilfe zweier Jungen, die sie wie Schatten überall begleiten und ihr aufs Wort gehorchen, beim Obsthändler einen ganzen Korb Kirschen. In der Schule sitzen die brave Francesca und die aufmüpfige Maddalena nebeneinander in der ersten Reihe. Auf Wunsch ihres älteren Bruders nämlich soll die «Malnata» unbedingt die Schule absolvieren, wozu sie eigentlich gar keine Lust hat. Aber sie fügt sich ausnahmsweise mal und strengt sich sogar an. Francesca, die gute schulische Leistungen zeigt, hilft ihr nach Kräften dabei. Es kommt zum Eklat, als bei der allmorgendlich zur Begrüßung im Stehen heraus geschmetterten Hymne zu Ehren des Duce Maddalena einfach sitzen bleibt und schweigt. Francesca sagt die Hymne zwar brav auf, fügt aber hinterher noch eine recht kritische Bemerkung zum Faschismus hinzu. Maddalena muss die Schule sofort verlassen, Francesca aber kommt noch mal mit einem blauen Auge davon.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse wird in dieser Coming-of-Age-Geschichte über die Rollen-Erwartungen berichtet, mit denen sich junge Mädchen damals zunehmend konfrontiert sahen. Ihr Kampf um ein selbst bestimmtes Leben beinhaltet auch ihre Auflehnung gegen die gesellschaftliche Scheinheiligkeit in sozialer und religiöser Hinsicht. Diese Loyalitäts-Konflikte kulminieren in einem nebelhaften Ende, das zumindest andeutet, dass die beiden Mädchen im Kern ja Recht habenund der Vergewaltiger seinen Tod selbst herauf beschworen hat. Als Melodram allerdings kann der Roman nicht überzeugen, allzu viele Klischees werden da bemüht, die grotesken Figuren wirken seltsam ambivalent, und das Setting des Romans in Mussolinis Italien ist definitiv zu weit hergeholt als passende historische Kulisse. Der Deutschlandfunk hat letztendlich also doch Recht mit seiner literarischen Zuordnung!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Viva l´Anarchie: 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno

Viva l´Anarchie!

Viva l´Anarchie. Die zumindest theoretische Möglichkeit, dass sich der spanische Anarchist Buenaventura und der ukrainische Aufständische Nestor Machno tatsächlich in Paris getroffen haben, besteht. In vorliegendem Comic von Vater und Sohn Loth versammeln sie sich an einem Tisch und diskutieren die Zukunft der Anarchie. Ein politischer Comic ohne Zeigefinger.

Die Anarchisten der Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die legendäre Machnowschtschina (1917 bis 1921, eigentlich von den Trotzkisten abschätzig verwendete Bezeichnung) bestand nach dem bolschewistischen Oktoberputsch in Teilen der heutigen Ukraine und lehnte sich gegen Zentralismus und Kriegskommunismus auf. Aber Nestor Machno musste fliehen, da seine Bewegung sowohl gegen die Angriffe von Außen durch die Roten als auch die Weißen und im Inneren gegen die Kosaken nicht bestehen konnte. Leo Trotzki als Führer der Roten Armee schlug die Machnowschtschina nieder. Es hätte also – weiterhin theoretisch – die Möglichkeit bestanden, dass Durruti aus den Erfahrungen Machnos für den bevorstehenden spanischen Bürgerkrieg (1936-39) etwas lernen hätte können oder sogar gelernt hat. Beide “Experimente” scheiterten ohnehin, Spanien auch deswegen, weil sich die konsolidierte Sowjetunion in den Bürgerkrieg einmischte.

Viva l´Anarchie: Freiheit ohne Gewalt

Das Vaterland, aber auch die Religion, die vermeintliche Identität der Menschen, all diese Illusionen führen zum Krieg“, bemerkt die Anarchistin Galina Kouzmenko am Tisch zu Durruti und Machno, denn eigentlich steht der Anarchismus für Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit (“An” als Verneinung von “Archia“). Was viele von der Bewegung inspirierte Idealisten allerdings nicht vom Bombenlegen abhielt. Denn allein durch Diskussionen verändert sich bekanntermaßen nichts. Obwohl natürlich die Revolution im Kopf beginnt, wie die Anarchistin Galina es ausdrückt: “Durch Bildung!” Galina Kouzmenko war während der Machnowschtschina Ministerin für Bildung und gerade einmal 35 Jahre alt. Doch dies ist ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld bedarf. Der zweite Band von Viva L’Anarchie! ist ebenfalls bereits erschienen und setzt die spannenden Erzählungen von Machno und Durruti fort. Letzterer führte als “Propagandaktionen” bezeichnete Banküberfälle durch, um die anarchistische Bewegung zu unterstützen, bevor er im Spanischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle spielte. Viva l´Anarchie ist eine interessante Begegnung für lange Diskussionsabende am Küchentisch. Dort wo die meisten Rebellionen und Revolutionen geboren werden und – sterben.

Bruno Loth, Corentin Loth
Viva l´Anarchie
1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno
Aus dem Französischen von Maria Rossi
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 23 • 30cm, 80 Seiten
ISBN 978-3-903478-33-6
Bahoe Books
€ 22,00


Genre: Comic, Geschichte, Politik
Illustrated by Bahoe Books

Unterwegs nach Chevreuse

Anschreiben gegen das Vergessen

Im umfangreichen Werk des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano greift der 2022 erschienene Roman «Unterwegs nach Chevreuse» erneut eine Thematik auf, die typisch ist für diesen Autor. Auch dieser 157 Seiten schmale Band macht sich nämlich als eine Art Erinnerungs-Krimi wieder auf die «Suche nach der verlorenen Zeit», eine deutliche Referenz an den berühmten Kollegen Marcel Proust. Und so hat denn auch Jean Bosmans, der Protagonist des vorliegenden Romans, seine Jugend im Pariser Stadtteil Auteuil verbracht, jenem noblen Viertel, wo Proust geboren wurde. Anders als bei diesem großen Kollegen geht es bei Modiano allerdings nicht sehnsuchtsvoll um die Erinnerung als Thema, sie scheint hier vielmehr toxisch zu sein, jedenfalls äußerst rätselhaft und unheimlich zugleich.

Der zwanzigjährige, angehende Schriftsteller Jean Bosmans, alter Ego des Autors, lernt Mitte der Sechzigerjahre auf seinen endlosen Streifzügen durch die französische Metropole die rätselhafte Camille kennen. Sie ist 2 Jahre älter als er, verkehrt in obskurer Gesellschaft und trägt den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Totenkopf». Eines Tages animiert sie ihn, sie auf einem kurzen Trip ins südlich gelegene Chevreuse-Tal zu begleiten, wo sie und ihre Freundin Martine in einem verschlafenen Dorf ein Haus besichtigen wollen, das die Freundin eventuell zu mieten beabsichtigt. Ihm dämmert, dass dieser Ausflug kein Zufall ist, denn in eben diesem Haus hat Jean Bosmans seine Jugend verbracht. Und dort war es auch, wo er vor fünfzehn Jahren als Kind beobachtet hat, wie im Dachboden Handwerker tätig waren, um dort eine Mauer einzuziehen. Nach und nach ergeben sich weitere Details, die der Protagonist wie ein Puzzle zusammensetzt, welches allmählich auf ein verschwörerisches Komplott gegen ihn hindeutet. Die beiden Frauen wollen ihn scheinbar mit drei Ganoven zusammenbringen, die wohl ein ganz besonderes Interesse an dem Haus im Chevreuse-Tal haben.

Mit vielen in seine Erzählung eingestreuten Details ohne zunächst erkennbaren Nutzen entwickelt der Autor auf subtile Art ein Geflecht der Erinnerungen, das zuweilen sogar ins Traumhafte und Mystische abgleitet. Da werden Gegenstände wie ein Feuerzeug mit extrem hoher Flamme beschrieben, ein gravierter Globus, der Jean in der Schule gestohlen wurde, eine Armee-Armbanduhr mit erstaunlich vielen Funktionen und anderes mehr. Zu dieser Sammlung von erinnerten Indizien gehören auch die zum Teil wechselnden Namen von undurchschaubaren Leuten, die sich einst täglich, wie auch Camille, zu nächtlicher Stunde in dem Haus getroffen haben, ohne dass klar wird, was diese Geselligkeit bezweckte. Tagsüber nämlich war dort die Gouvernante Kim anzutreffen, wie Jean feststellt, die das Kind des allein lebenden René-Marco Heriford betreut, der aber fast nie anwesend ist, – eine durchaus merkwürdige Parallelwelt! Und der Autor deutet auch an, dass einst die Polizei Haus und Garten gründlich durchsucht habe, ohne allerdings etwas zu finden. Scheibchenweise kommt schließlich heraus, dass sich die drei Männer, die tatsächlich dringend den Kontakt zu Jean Bosmans suchen, im Gefängnis kennen gelernt haben.

Das Echo auf die Bücher von Patrick Modiano ist in deutschen Leserkreisen eher verhalten. Sein Stil ist auch hier von Redundanzen geprägt, die dem Plot eher flirrend oder schwebend erscheinen lassen, also nur auf Umwegen zum Ziel führend. Gleichwohl ist «Unterwegs nach Chevreuse» ein spannender Roman, der mitdenkenden Lesern schon früh versteckte Hinweise liefert, um mit detektivischem Gespür zu erahnen, worum es hier in Wirklichkeit geht. Letztendlich ist der Protagonist selbst der Autor dieses autofiktionalen Romans, wir erleben die Recherchen dafür hautnah mit. Er stellt gekonnt das zeitlich verschachtelte Anschreiben eines Schriftstellers gegen das Vergessen dar. Der siebzigjährige Jean erinnert sich an den zwanzigjährigen, der sich in seinem Buch an den fünfjährigen Jean erinnert. Und wer dabei mitdenkt als Leser, wird tatsächlich angenehm unterhalten.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Minnesota

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbø, berühmt geworden mit seiner Reihe um den charismatischen Ermittler Harry Hole, wählt mit dem US-Bundesstaat Minnesota einen Schauplatz, der ausgerechnet in den Tagen der Buchpremiere traurige Berühmtheit erlangt. Nesbøs blutige Story spielt in Minneapolis, der an den Ufern des Mississippi River gelegenen Metropole, die schon vor dreißig Jahren wegen ihrer extremen Tötungsrate mit dem Beinamen „Murderpolis“ bedacht wurde.

Die brutale Tötung des schwarzen Jugendlichen George Floyd, der am 25.05.2020 von einem Polizisten zu Boden gedrückt und erstickt wurde, löste die Protestbewegung „Black Lives Matter“ aus. Und während ich Nesbøs Kriminalroman verschlinge, werden unbewaffnete Bürger von Trumps „ICE“ auf offener Straße getötet. Der norwegische Bestsellerautor hat offenbar einen sicheren Instinkt für Orte, an denen der Sensenmann regiert.

Mit Bob Oz führt Nesbø einen neuen Ermittler ein, der seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr er selbst ist. Seine Frau Alice hat ihn verlassen, Freunde haben sich zurückgezogen. Oz ist – wie Harry Hole – ein vom Leben hart gebeutelter einsamer Wolf mit Hang zu Frauen und Alkohol, dazu ein gestörtes Verhältnis zu Autorität und Vorgesetzten. In Minneapolis jagt der Detective einen raffinierten Mörder, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führt.

Der Roman beginnt als Protokoll eines Erzählers, der durch die Stadt streift, um die Geschichte eines länger zurückliegenden Mordfalls zu rekonstruieren. Mit diesem Kniff versteht es der Autor, die Leser in eine atmosphärisch dicht geschilderte Welt hineinzusaugen und die Spannung so beharrlich zu steigern, bis man nicht mehr aussteigen kann.

Nesbøs psychologisches Thema ist traumatische Einsamkeit. Ein solches Trauma entsteht, wenn man jemanden verliert, von dem man glaubte, sein ganzes Leben mit ihm verbringen zu können – eine feste Überzeugung, gespeist aus dem Leben, das man bis dahin geführt hat. Dieser Verlust reißt Wunden auf, und die Einsamkeit hält einen im Trauma gefangen. Nesbø spricht von „Verlassenheitswut“: ein Gefühl, das an ein früheres Trauma rührt und die Wut wieder zum Leben erweckt. Dann geschieht alles, was früher geschehen ist, noch einmal. Die ganze Last der Erfahrungen ist plötzlich wieder da – und die bis dahin festgefrorene Trauer explodiert in wütender Rache. Die dabei freigesetzte Gewalt ist oft extrem.

Oz scheint den Täter in seiner Gefühlsstruktur zu verstehen. Doch der ist ihm stets einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, legt falsche Fährten, hinterlässt irreführende Spuren. Erst als bekannt wird, dass ein Anschlag auf den Bürgermeister geplant ist, fällt es Oz wie Schuppen von den Augen, wen er vermeintlich – und wen er tatsächlich – jagt.

Nesbø ist ein großartiger Kriminalroman gelungen: spannungsgetrieben, mit psychologischem Tiefgang, und zugleich beweglich genug, sich durch ein gesellschaftliches Szenario zu arbeiten, das sich aktuell chaotisch aufzulösen scheint. Der Meister des packenden Erzählens zeigt, dass es möglich ist, mit wenigen Federstrichen politische Entwicklungen anzudeuten – und sie im selben Moment zur Diskussion zu stellen.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Ullstein

Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories

Gedankenstrahlen” versammelt erstmals Meistererzählungen und Kurzgeschichten der Literaturentdeckung Maria Lazar (1895–1948) aus den späten 30er und frühen 40er Jahren, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden.

Die Wiederentdeckung eines literarischen Talents

Ihre schwarzhumorigen Geschichten, geschrieben am Vorabend der größten Menschheitskatastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, sind auch heute noch brandaktuell und eröffnen geradezu ein Kaleidoskop an Intrigen, Begegnungen, Widersprüchen, Sehnsüchten, Grenzgängen und unerhörten Erfahrungen für alle Leser und Leserinnen. Im Nachwort erzählt der Herausgeber Albert C. Eibl aus Anlass des 130. Geburtstages der “Dichterprophetin” wie es zu der unglaublichen Wiederentdeckung einer Autorin kam, die geradezu eine Wiedergeburt erfährt, nicht nur in den Publikationen des DVB-Verlages, sondern auch auf den Bühnen der Welt und in zahlreichen Übersetzungen im Ausland. Die von Oskar Kokoschka mit einem Papageien porträtierte Schriftstellerin Maria Lazar musste 1933 aufgrund des national-sozialistischen Terrors ins dänische Exil auswandern und schrieb dort u.a. unter einem Pseudonym, Esther Grenen, damit sich ihre Werke besser veröffentlichen ließen. Die Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Übersetzerin nahm schon früh die tektonischen Verschiebungen des gesellschaftlichen Klimas in Mitteleuropa wahr und konnte so noch rechtzeitig fliehen. Die meisten der hier, in “Gedankenstrahlen” veröffentlichten Texte wurden zwischen 1937 und 1942 unter dem Pseudonym Esther Grenen in der renommierten Basler National-Zeitung erstabgedruckt, also schon nach der nationalsozialistischen Machtübernahme.

Geschichten von Reisenden und Heimatsuchenden

“Raskolnikow in der Pension” heißt eine der insgesamt 31 in vorliegendem Band abgedruckten Geschichten und ganz klar eine Anspielung an Dostojewksi’s Schuld und Sühne. Der darin erwähnten Baronin wird allerdings ein anderes Schicksal zuteil und Raskolnikow ist natürlich kein Raskolnikow, sondern nur eine Russe, der sich über einen Vertrag ärgert. Auch “Es spukt im Hotel” spielt im Milieu der Reisenden oder Heimatsuchenden. Geteiltes Schicksal verbindet: “Aus zwei Hotelgästen waren wir zu Kameraden geworden”, schreibt Lazar. In “Der Mann, der die Stimme Gottes hörte” liest ein Ehemann von seiner Ehefrau in der Zeitung: “Sie sei ein leichtsinniges Geschöpf gewesen, ohne Lebensinhalt und inneres Licht, ohne Liebe für ihre Nächsten”. Und das sagte sie noch dazu über sich selbst in einem Vortrag! Als sie beginnt ihm Vorwürfe zu machen, dass er nur an Profit interessiert sei und sich nicht um das Wohlergehen der Menschheit schere, legt er sich eine neue Strategie zurecht: Divorce Proxy. Ein geheimnisvoller Dr. Ambrosius wiederum spielt eine Hauptrolle in “Ein dürftiges Herz”, wo eine Frau mit einem Briefbeschwerer in ihrem Büro erschlagen wird. Besonders oft verwendet Maria Lazar den Ausdruck “Hall”, also nicht das deutsche “Halle”, sondern die auf Englisch ausgesprochene Vorhalle, das Entree. Hier finden die Begegnungen statt. Hier stoßen Fremde auf Fremde und Neugierige auf noch mehr Stoff für ihre Beobachtungen. Ob die Maschine von Leo Pery aus der Titelgeschichte, die Gedanken beeinflussen kann, wohl wirklich funktioniert?

Maria Lazar
Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories
Erstmals aus dem Nachlass herausgegeben, ausgewählt und mit einem Nachwort von Albert C. Eibl.
2025, Hardcover mit Surbalinbezug und Lesebändchen, 412 Seiten
ISBN 978-3-903244-31-3.
Verlag Das Vergessene Buch DVB
€26,00


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by DVB Verlag

Fuchs 8

Linguistisch überschäumende Kreativität

George Saunders ist einer der kreativsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit, dessen Erzählung «Fuchs 8» unwillkürlich an das Ende des Mittelalters erstmals erschienene Fabel von ‹Reineke Fuchs› erinnert, auf dem auch das berühmten Versepos von Goethe basiert. Anders aber als der historische Übeltäter mit seinen Bosheiten und Übeltaten ist der Fuchs in dieser illustrierten Fabel eine durch und durch gutmütige und zutiefst emotionale Figur, die als Ich-Erzähler mit einer ganz eigenen Diktion enttäuscht auf eine fragwürdige Welt blickt.

In einem Rudel von Füchsen ist ‹Fuchs 8› derjenige, der schon immer neugierig war und sich um mehr als die tägliche Futtersuche gekümmert hat. Besonders der Mensch hat es ihm angetan, er hat heimlich ihre Nähe gesucht, sich an ihre Fenster geschlichen und ihnen stundenlang zugehört, wenn Eltern ihren Kindern zum Beispiel Gutenacht-Geschichten vorgelesen haben. So hat er mit der Zeit immer mehr von ihrer Sprache verstanden, hat es schließlich so weit gebracht, ihre Schriftzeichen zu lesen und am Ende sogar in ihrer Sprache zu schreiben, wenn auch mit einigen «Schwirichkaitn». Das klingt, wenn es beispielsweise um das Verhältnis der Füchse zu ihrer Lieblingsbeute geht, dann wie folgt: «Wir legen keine Hüner rein! Wir sind sehr offen und erlich mit Hünern. Mit Hünern haben wir einen super fairen Dil, der get so: Sie machen di Aja, wir nehmen die Aja, sie machen noie Aja. Und manchmal essen wir sogar ein leemdes Hun, falls dises Hun seine Zustimmung zeigt, von uns gefressen zu werden, indem es nich wekloift, wenn wir neer komm».

Das vorliegende Büchlein, welches auf diese Art entstanden ist, stellt einen verzweifelten Versuch dar, den Menschen ins Gewissen zu reden, von ihrer rücksichtslosen, die Natur missachtenden Lebensweise abzulassen, den Lebensraum nicht nur der Füchse, sondern aller Tiere nicht zu gefährden. ‹Fuchs 8› erzählt, wie er eines Tages beschlossen hat, zu den Menschen zu gehen, die den ganzen Wald gerodet haben, in dem seine Fuchsgruppe lebt. Sie haben dort ein Einkaufszentrum errichtet mit einem riesigen Parkplatz drum herum. Sein Freund ‹Fuchs 7› begleitet ihn bei dieser Erkundungstour, in der es ihnen sogar gelingt, ohne totgefahren zu werdenden den Parkplatz zu überqueren und durch die Drehtür in den riesigen Markt zu gelangen. Was sie dort sehen, verblüfft sie maßlos, und sie sind auch überrascht, dass die Menschen ihnen alles Mögliche zum Fressen geben, also nett zu ihnen sind. Als sie den Konsumtempel aber schließlich durch eine andere Tür verlassen, werden sie dort von zwei Bauarbeitern attackiert. ‹Fuchs 7› kommt dabei zu Tode, und ‹Fuchs 8› verliert jede Orientierung. Er findet nicht mehr zu seiner Gruppe zurück und landet in naturfernen, von Menschen genutzten Gegenden, wo er kaum noch was zu fressen findet.

Es ist ein Antimärchen, das hier in einer extrem naiven Diktion erzählt wird. Die lässt den Leser  erstmal stutzen, erweist sich dann aber schnell als ideal, den Erzählstoff überaus stimmig, nämlich ‹tiergerecht›, zu artikulieren und dem Leser nahe zu bringen. Man gewöhnt sich übrigens auch schnell an diese Fuchs-Sprache, die zudem wesentlich dazu beiträgt, immer wieder vergnügt zu schmunzeln bei den absurden Wortgebilden, die fernab von Duden & Co. da so unkonventionell formuliert sind. Der Autor und auch der kongeniale Übersetzer haben mit ihrer linguistisch überschäumenden Kreativität wahrhaft lustige Wörter erfunden, mit denen sie hier eine traurige Realität vergnüglich beschreiben. Von einem Kinderbuch ist «Fuchs 8» auch thematisch weit entfernt, und es erfordert zudem einiges an Mitdenken, will man die oft in diesem lustigen Büchlein versteckte Gesellschafts-Kritik an der zerstörerischen Lebensweise der Menschheit nicht einfach überlesen. George Saunders erweist sich auch mit dieser Kurzgeschichte als einer der wichtigsten US-Schriftsteller der Gegenwart, von dem man sich nach seinem grandiosen Debüt «Lincoln im Bardo» – in aller Bescheidenheit – endlich mal wieder einen Roman erhofft!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Fabel
Illustrated by Luchterhand

Die elfte Stunde. Fünf Erzählungen

Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details. Weiterlesen


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Penguin

Amphibium

Adoleszenz eines toughen Mädchens

Mit dem kryptischen Titel «Amphibium» wurde jüngst der feministische Debüt-Roman der hierzulande noch weitgehend unbekannten englischen Schriftstellerin Tyler Wetherall auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Die junge Autorin erzählt darin die mit märchenhaften Elementen angereicherte Coming-of-Age-Geschichte eines elfjährigen Mädchens, das tief beeindruckt ist von dem berühmten Märchen «Die kleine Meerjungfrau» von Andersen. Dieses wiederum basiert auf der Sage von Undine, dem jungfräulichen Wassergeist in der Mythologie.

Die zurückhaltende, scheue Sissy lebt in den 1990er Jahren mit ihrer unter Depressionen leidenden, allein erziehenden Mutter unter prekären Verhältnissen in einer kleinen Stadt im Südwesten Englands. Durch einen Umzug ist sie neu in eine Klasse an der örtlichen Schule gekommen, wo das zurückhaltende Mädchen von allen Schülern nur als «Die Neue» bezeichnet wird. Man schneidet die Außenseiterin regelrecht, sie bleibt in den Pausen auf dem Schulhof allein, niemand redet mit ihr. Nur von Ferne bewundert sie die ein Jahr ältere Tegan, selbstbewusste Anführerin einer Clique von Mädchen, der die Macht von allein zufliegt, die nie darum kämpfen musste. Sie lässt sich nichts bieten und weiß sich auch bei den Jungen Respekt zu verschaffen. Als Tegan in der Pause mit einigen Jungen im Labyrinthgarten verschwindet und Sissy ihr nachschleicht, beobachtet sie, dass Tegan die Buben damit verblüfft, dass sie wie eine Zauberin einen runden Stein spurlos in ihrer Unterhose verschwinden lassen kann. Sissy wird entdeckt und nun von einem der Jungen gewaltsam bedrängt, dieses Kunststück nachzumachen. Sie wehrt sich, indem sie dem Jungen den Stein, den er ihr dafür in die Hand gedrückt hat, bei der verzweifelten Gegenwehr auf den Kopf schlägt und er heftig blutet.

Fortan wird Sissy von allen geachtet, sogar gefürchtet. Sie und die bei ihrer älteren Schwester lebende Tegan werden beste Freundinnen und stürzen sich gemeinsam in das Abenteuer, eine Frau zu werden. Sie nehmen im Internet anonym Kontakt zu Männern auf, feiern in der Wohnung der lebenslustigen Schwester wilde Partys, beschäftigen sich intensiv mit dem spurlosen Verschwinden junger Mädchen, das die Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Ihre naive Fantasie geht so weit, dass die Beiden Fotos von sich machen, mit denen nach ihnen gefahndet werden soll, wenn sie selbst mal entführt werden, weil die üblicherweise ja zufälligen Fahndungsfotos ihnen nicht fotogen genug erscheinen. Die Freundinnen erkunden spielerisch ihre beginnende Sexualität, – immer zwischen Neugier und Abscheu davor. Sie beobachten aber auch ängstlich die Bedrohung durch aggressive Männlichkeit, die ihnen überall begegnet. Als eines Tages Tegan befürchtet, schwanger zu sein und mit Sissy zusammen in der Drogerie einen Schwangerschaftstest stehlen will, werden sie bei der Tat ertappt, – mit fatalen Folgen! Danach ist nichts mehr wie es war, auch die enge Beziehung zwischen den Freundinnen wird zerstört, sie stehen den Zumutungen der Erwachsenenwelt fortan allein gegenüber. Und mit der Menstruation hat inzwischen auch bei Sissy der Prozess des Erwachsenwerdens unaufhaltsam begonnen, ihre Kindheit ist nun endgültig vorbei.

Die Ich-Erzählerin Sissy lebt das mystische Motiv der Frauwerdung intensiv aus, auch wähnt sie sich bereits in einem körperlichen Wandel zum titelgebenden «Amphibium». Ihre Phantasie geht nämlich so weit, dass sie glaubt, ihr würden Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen und ein Schwanz würde sich langsam ausbilden wie bei der berühmten Meerjungfrau, den sie nun erschrocken vor allen zu verstecken sucht. Einfühlsam wird hier über Rollenbilder und Erwartungen in der Adoleszenz berichtet, über die innere Zerrissenheit eines toughen Mädchens, über gebrochene Versprechen und einen herben Vertrauensverlust. Dabei kippt die zuweilen gnadenlos realistische Erzählweise immer wieder in den magischen Realismus ab, ohne dass deswegen aber die innige Mädchen-Freundschaft kitschig romantisiert wird. Ein weitgehend gelungenes Debüt mithin, das Lust auf mehr macht aus der Feder dieser Autorin.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Fehldiagnose: Psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen.

Mit seinem Standardwerk »Fehldiagnose psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen« richtet sich der Berliner Heilpraktiker Reinhard Clemens an Menschen, die sich mit ihrer Krankengeschichte allein gelassen oder von der Medizin nicht wirklich gesehen fühlen. Zugleich versucht er, eine Brücke zu schlagen zwischen etablierter Schulmedizin und einer ganzheitlichen Sicht auf Krankheit und Heilung. Clemens’ Ausgangsthese: Wer nicht rasch in die gängigen Raster der schulmedizinischen Diagnostik passt – oder bei wem eine aufwendigere Abklärung nötig wäre –, erhält nicht selten die Verlegenheitsdiagnose »psychosomatisch« als ultima ratio im Rahmen routinierter ICD-10-Klassifikationen.

Die moderne Medizin, so der Autor, neige aufgrund ihrer zunehmenden Spezialisierung dazu, den Patienten »wie einen Flickenteppich aus Organen zu behandeln«. Als maßgeblicher Treiber erscheint ihm der Kostendruck: Er zwinge Ärztinnen und Ärzte in engen Zeitfenstern zu einer abrechenbaren Diagnose. Dass Hausärzten dafür – wie Clemens anmerkt – teils nur ein sehr geringes Laborbudget von rund vier Euro pro Patient und Quartal zur Verfügung steht, illustriert die strukturelle Enge, in der Diagnostik heute häufig stattfindet.

Dem setzt Clemens den ganzheitlichen Ansatz entgegen. Dieser könne die Versorgung verbessern, indem er das Risiko von Fehldiagnosen senke und die Chancen einer langfristigen Gesundung erhöhe. Zu einem solchen Umdenken gehöre, so Clemens, „die verstärkte Forschung in Bereichen wie Mikrobiom, Mitochondrien, Mikronährstoffen, Genetik und psychosozialen Faktoren“.

Statt sich an der Oberfläche der Symptome aufzuhalten, plädiert der Autor dafür, alle relevanten Facetten eines Krankheitsbildes zu ergründen, um eine tragfähige Diagnose und darauf aufbauend eine umfassende Therapie zu ermöglichen. Doch gerade eine ausführliche Anamnese und eine differenzierte Labordiagnostik seien unter dem enormen Zeit- und Kostendruck in vielen Praxen kaum realisierbar. Hinzu kommt: Spezialisierte Laboranalysen sind nicht selten nur für Selbstzahler zugänglich.

Den besonderen Wert des Buches bilden die zahlreichen Fallbeispiele und die gründliche Auseinandersetzung mit Beschwerden, die in der Schulmedizin mitunter nicht ernst genommen oder nicht konsequent genug hinterfragt werden. Clemens spannt dabei einen weiten Bogen – von stillen Entzündungsprozessen über Nahrungsunverträglichkeiten bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten.

Am Ende bietet der Autor eine kurze Checkliste, die dem Leser ein pragmatisches Instrument an die Hand gibt, um grob zwischen psychosomatischen und somatischen (also körperlich bedingten) Ursachen zu unterscheiden. Seine Stärke liegt dabei in der Fähigkeit, komplexe medizinische Zusammenhänge verständlich und zugänglich zu erläutern. Auch wenn ein – bei Sachbüchern dieser Art hilfreiches – Schlagwortverzeichnis fehlt, erhält der Leser insgesamt einen soliden, anregenden Einstieg in das Thema.


Genre: Medizin, Sachbuch Gesundheit
Illustrated by tredition

Lebensversicherung

Stilistischer Fehlgriff par excellence

Der erste Roman von Kathrin Bach mit dem Titel «Lebensversicherung» wurde für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert, ein schöner Erfolg für dieses Prosadebüt einer Lyrikerin. Schon der Titel weist darauf hin, dass es hier um Angst geht, die Angst vor dem Tod und insbesondere um dessen Folgen, denn die lassen sich bekanntlich ja zumindest finanziell abfedern, mit einer entsprechenden Versicherungspolice nämlich. Ein typisch deutsches Thema, das sogar im englischen Sprachraum mit dem Begriff «German Angst» seinen ironischen Niederschlag gefunden hat. Es handelt sich um die Coming-of-Age-Geschichte einer Schriftstellerin (sic), die im Milieu einer seit zwei Generationen in der Assekuranz tätigen Familie aufwächst. Die Besonderheit dabei ist die stilistische Umsetzung des chronologisch Erzählten in Form von kurzen Skizzen, Erläuterungen, Listen, Aufstellungen, Bildern und Erzählschnipseln, – ein Plot ist nicht mal ansatzweise erkennbar. Die Kritik in den Feuilletons und Leser-Kommentaren an diesem narrativen Flickenteppich war zwiespältig, es wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob es sich hierbei denn überhaupt um einen Roman handele!

In einem Dorf in der westdeutschen Provinz wird in den neunziger Jahren die Ich-Erzählerin und Protagonistin in eine große Familie hineingeboren, ihr eigener Vater, ein Onkel und die beiden Großväter sind freiberuflich als Versicherungs-Vertreter tätig, die Agenturen wurden nach dem Krieg von den Großvätern aufgebaut. Das Büro des Vaters befindet sich in einem Neubau am Rande des Dorfes, auch die Mutter arbeitet da kräftig mit, die Geschäfte gehen jedenfalls gut, Wirtschaftswunder eben! Man lebt bescheiden, schuftet nach dem Motto ‹Zeit ist Geld›, schon zwei Wochen Urlaub im Jahr sind purer Luxus in jenen Zeiten. Die Tochter bekommt schon von Jugend an bei den Gesprächen am Esstisch alle Aspekte dieser Branche hautnah serviert, hört von den Schadensfällen und Krankheiten, und auch der Tod ist ständiger Gast bei Tische. So bekommt sie schon als Kind jedes Mal einen Schreck, wenn das Telefon klingelt, es könnte ja wieder ein Unfall oder eine Katastrophe sein, die da gemeldet wird, – der Schrecken gehört zur Normalität in ihrem Elternhause!

Mit dem Älterwerden sucht sich die Ich-Erzählerin schreibend aus diesem Trauma zu befreien. Sie betreibt auf diese Weise eine literarische Erinnerungskultur, mit der sie gegen ihre eigenen Angststörungen ankämpft, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus einem permanenten Teufelskreis, in dem das Schlimmste zur Normalität herabgewürdigt wird. Die spezielle Erzählperspektive dieser narrativen Collage vereint als Gesellschaftsstudie die kollektive Sehnsucht nach Sicherheit in allen ihren Prägungen und widmet sich dabei psychoanalytisch besonders den vielfältigen Traumata, die nach Befreiung streben. Der Erzählton ändert sich, als die Ich-Erzählerin mit dem Mut zum Ausbruch nach Berlin geht, um zu studieren. Aus der Entfernung gelingt es ihr denn auch, allmählich ihre Panik zu überwinden. Sie widmet sich am Ende ausführlich dem Tod der Großeltern als ganz natürlichen Ereignissen, die ohne jeden Anflug von Panik als naturgegeben akzeptiert werden.

Als Analyse eines Sicherheitswahns, der davon träumt, sich von allen Widrigkeiten des Lebens freikaufen zu können, ist dieser Roman mit der Assekuranz zweifellos in ein stimmiges Setting eingebettet. Hervorzuheben ist auch, dass die Autorin es konsequent vermieden hat, in Pathos abzugleiten. Weniger gelungen ist aber die narrative Umsetzung dieses Stoffes. Insbesondere bei den vielen Erzählschnipseln über die beiden Großeltern-Paare im Umgang mit der Enkelin gerät die Spöttelei oft ins Slapstickartige. Größtes Manko aber ist, dass hier eigentlich nichts wirklich Erzählenswertes zu finden ist, und von Spannung kann schon gar keine Rede sein. Letztendlich erweist sich zudem das eigenwillige, notizbuchartige Textkonstrukt voller Schrulligkeiten und Absurditäten als stilistischer Fehlgriff par excellence, der alles kaputtmacht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Voland & Quist

Das Ende der Demokratie

Das Ende der Demokratie.Werden die Gangs die Welt beherrschen?” Bereits in der 2. Auflage aufgrund der hohen Nachfrage: wen wundert’s? Die aktuelle Lage lässt durchaus an die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergegangenen Jahrhunderts denken. Nur dass das Problem nicht mehr nur Deutschland betrifft, sondern bereits die ganze Welt. Die Demokratie ist international in Gefahr.

It can’t happen now?

Werden die Gangs die Welt beherrschen?” lautet auch der Titel einer Reportage aus dem Deutschland des Jahres 1932 von Dorothy Thompson (1893–1961) in dem sie ein furchterregendes Zitat von Reichskanzler Brüning an den Anfang stellt: “Aber ich kann mir leicht einen Zustand vorstellen, in dem in einem Land nach dem anderen eine rechtmäßige Regierung unmöglich wird; einem Zustand in dem die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind“, so Brüning. Nur ein Jahr später war es dann wirklich so weit und auch Brüning hatte die Schreckensherrschaft der Nazis, der “Gangster”, nicht verhindern können. Dabei hatte er richtig analysiert, dass neun Zehntel der Bevölkerung bitterarm sind und das letzte Zehntel “uns mit der Zurschaustellung von Luxus empört“. Noch weitaus präziser als Brüning analysiert die Journalistin Dorothy Thompson den Zustand Deutschlands Anfang der Dreißiger Jahre. Sie schrieb vor allem für die Saturday Evening Post, einer Zeitung, die in ihrem Renommee und ihrer Reichweite heute etwa dem New Yorker oder dem Spiegel vergleichbar ist, so Oliver Lubrich in seinem lesenswerten Nachwort. Als Ehefrau des Schriftstellers Sinclair Lewis, der mit “It can’t happen here” (1935) die Chancen des Faschismus in den USA selbst beschrieb hatte sie ohnehin schon ein gutes Standing. Aber mehr brachten es ihr scharfer Verstand und ihre Analysen in die Annalen des engagierten Journalismus. Als Zeitzeugin und auch als Historikerin erfasst sie die paranoide Phantasie von einem “Großen Austausch”, der das einheimische Eichhörnchen bedrohe und macht sie als “Grauhörnchenkomplott” lächerlich.

Demokratie Demontage durch Provinz-Phänomen-Populisten

Getragen sei die nationalsozialistische Bewegung vor allem vom Kleinbürgertum gewesen, der unteren Mittelklasse und nicht den Arbeitern, wie sie bei einer Berliner Sportpalastrede von Goebbels 1931 beobachtete (“Armut de Luxe“). In “Es muss etwas geschehen” porträtiert Dorothy Thompson die deutsche Jugend zwischen Faschismus und Kommunismus. Sie kennt sogar George Grosz und weiß, dass die von ihm karikierten Zeitgenossen alles tun werden, die nationale Wiederaufrüstung Deutschlands zu erreichen und die deutsche Arbeiterklasse zu unterdrücken. Mit “Zwei Seele wohnen auch in meiner Brust”, zitiert die Amerikanerin sogar Goethe und beschreibt diese Seelen als “militaristisch, chauvinistisch, überheblich und aggressiv” und gleichzeitig als Sehnsucht nach einem “idyllischen, wettbewerbsfreien und vereinfachten Leben” (dem alten Bauernleben). Dorothy Thompson bezeichnet den Nationalsozialismus sogar als “Provinz-Phänomen“, der auf einem Stadt-Land Gegensatz und einem Ost-West-Gegensatz beruhe. Eine “Revolution” der Landbevölkerung gegen die Städter und die gefährliche, reaktionäre Ostpreußen hätten den Aufstieg Hitlers ebenso begünstig wie der Erste Weltkrieg. Die Lektion der Geschichte lautet dabei, dass Hindenburg, Papen und Schleicher schon eine Diktatur geschafften hatten, bevor sie Hitler zum Diktator machten. Die Selbstüberschätzung der Konservativen, den Populisten einzubinden, kostete Deutschland die Republik und viele Millionen Menschen das Leben.

Pflichtlektüre für Schulen, Universitäten und die politischen Eliten

Die vorliegende Publikation glänzt durch eine Inhaltsangabe der elf Artikel, eine reiche Bebilderung, Faksimiles der Originalartikel aus der Saturday Evening Post, einem Literatur- und Quellenverzeichnis, Erläuterungen und einer Zeittafel. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Herbst 2026 und versammelt Reportagen aus dem Deutschland der Jahre 1933-34 unter dem Titel “Der Anfang der Diktatur“. Pflichtlektüre für Schulen und Universitäten und absolut empfehlenswert allein aufgrund der Parallelen der aktuellen politischen Entwicklung. Ein zweites Mal sollten sich die konservativen Eliten nicht von Populisten täuschen lassen, es sei denn, sie wollen, dass die Geschichte sich knappe 100 Jahre später exakt genau so wiederholen wird. Ebenfalls bei DVB von Dorothy Thompson erschienen: “I Saw Hitler!” (1932), u.a.

Oliver Lubrich (Hrsg.)
Dorothy Thompson. Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932.
Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Oliver Lubrich
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Johanna von Koppenfels
Mit Lesebändchen und zahlreichen farbigen Abbildungen
2026, 2. Auflage, Hardcover, 424 Seiten
ISBN 978-3-903244-46-7
Verlag Das Vergessene Buch DVB
27 Euro


Genre: Faschismus, Geschichte, Politik
Illustrated by Verlag Das Vergessene Buch DVB

Lachen kann, wer Zähne hat

Und Wera zeigt Zähne

Die in ihrer Heimat hochgeschätzte Autorin Zyta Rudzka ist mit dem Roman «Lachen kann, wer Zähne hat» erstmals Gewinnerin des Nike-Preises 2023 geworden, dem höchsten Buchpreis in Polen. Ihr kürzlich auch auf Deutsch erschienener dritter Roman widmet sich wieder einer psychologisch sehr speziellen Thematik, denn als Psychotherapeutin versteht sie sich sehr gut darin, psychologische Grenzerfahrungen zu beschreiben. Wobei der Buchtitel anzudeuten scheint, dass im vorliegenden Buch das Lachen nur gelingen kann, wenn man Zähne zeigt, wenn man sich also wehrt gegen die Widrigkeiten des Lebens.

Und bei Wera, der Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans, häufen sich die Probleme in erschreckender Weise. «Schuhe für einen Toten finden ist schwer» lautet der erste Satz, und weiter: «Totenschuhe und Schuhe fürs Leben, das sind zwei Paar Schuhe. Schuhe für einen, der grad gestorben ist, sind am besten ganz neu». Damit ist nicht nur die vordergründige Thematik des Romans umrissen, es wird auch gleich der narrativ prägende Ton vorgegeben, in dem nachfolgend von der Herrenfriseuse Wera ein tragisch-komisches Geschehen erzählt wird. Weras Mann, der früher mal als Jockey bei Pferderennen recht erfolgreich war, ist – endlich – gestorben. Ihre Beziehung habe eigentlich mehr aus Sex bestanden als aus guten Gesprächen, stellt sie fest, aber eine Ehe sei schließlich ja auch «kein Kulturzentrum». Und traurig ist sie wirklich nicht, er hat in den letzten Jahren nichts mehr getan, Wera allein musste ihn mit durchschleppen. Aber auch ihr geht es inzwischen schlecht, sie hat ihren geliebten Salon «Wera – Herrenfriseur» aufgeben müssen. Man hat sie sehr unfair regelrecht hinausgedrängt aus dem einst erfolgreichen Geschäft. Wera hatte viele Stammkunden, die ihr blind vertraut haben, was ihre Frisur angeht. Sie wurde von einem gut verdienenden Zahnarzt aus ihrem Geschäft verdrängt, der nun mit dem dümmlichen Spruch «Lachen kann, wer Zähne hat» auf einem Schild in seiner Praxis wirbt.

Beerdigungen sind teuer, das muss sie nun erfahren, – und Schuhe besonders! Nachdem sie zuletzt fast alles ins Pfandhaus bringen musste, was sie und ihr Jockey besessen haben, macht sie sich nun auf den Weg zu Freunden, Bekannten und Ex-Liebhabern, um Geld aufzutreiben. Sie rückt auch dem Pfandleiher auf die Pelle, dem sie eine wertvolle Uhr des Großvaters in Kommission gegeben hat, die aber immer noch im Schaufenster liegt, also nicht verkauft ist. Der Weg führt sie auch zu Dawid, ehemals Inhaber eines Geschäftes für Damenwäsche, der seinen vielen Kundinnen mit großem Erfolg maßgeschneiderte BHs angeboten hat. «BHs von Dawid Zucker hab ich zwei» heißt es da. «Aber Maß genommen hat er an die tausend Mal. Er nahm gern an mir Maß. Immer mit den Händen. Er legte mir die Hände auf die Titten. Ich hatte immer gute Titten, nicht nur zum Maßnehmen». Billigware aus China hatte den Markt überschwemmt, nun ist auch Dawids Zeit vorbei, er musste ebenfalls aufgeben.

Dieser odysseeartige Streifzug durch die Stadt verweist in Rückblenden auf das Leben der schlagfertigen, nie um eine Antwort verlegenen Wera hin. Er beleuchtet auf amüsante Weise das Leben dieser toughen Frau, die sich partout nicht unterkriegen lässt, die sich immer hat durchschlagen können. Mit Willensstärke und scharfer Zunge gedenkt sie, den Widrigkeiten des Lebens auch diesmal zu trotzen. Und da sie kein Kind von Traurigkeit ist, notfalls eher zum Wodka greift als trübsinnig zu werden, kann sie ihren Jockey am Ende auch mit dem einzig angemessenen, guten Schuhwerk in die Erde versenken lassen. Man kann hierbei sicherlich nicht von einer konventionellen Handlung reden, der oft als innerer Monolog angelegte Plot ist ein Sammelsurium von skurrilen Begebenheiten und urkomischen Reflexionen der lebenslustigen Protagonistin. All das wirkt eher karikaturistisch in einem burschikos anmutendem, primitiven Tonfall, der aber recht authentisch rüberkommt und die vulgäre Wera überaus sympathisch erscheinen lässt, – und weil sie Zähne zeigt, haben auch wir was zulachen als Leser!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

Kopflos

Radikale stilistische Unmittelbarkeit

Nach dem erfolgreichen Debüt der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz, das gerade von Martin Scorcese verfilmt worden ist, erschien kürzlich ihr zweiter Roman unter dem Titel «Kopflos» auf Deutsch. Auch er beschäftigt sich wieder mit einer feministischen Thematik, wobei der Buchtitel auf den psychischen Zustand der Protagonistin und Ich-Erzählerin dieses Romans hindeutet. Der Klappentext spricht zwar von der Geschichte einer Entführung, aber es geht, thematisch tiefgründiger, um den ebenso erbitterten wie verzweifelten Kampf einer Frau, die sich nicht damit abfinden kann, dass ihr das Sorgerecht für ihre fünfjährigen Zwillinge entzogen wurde. Dieser Roman handelt letztendlich vom tragischen Ende eines Liebespaares, indem er davon zeugt, wozu verzweifelte Menschen fähig sind, auf welche Abwege sie gelangen können in extremen seelischen Nöten.

Lisa wurde im Prozess von ihrem Mann in 151 Punkten beschuldigt, darunter als schwerstem Vergehen auch häusliche Gewalt, das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder wurde dem Vater zugesprochen. Sie muss künftig vom Haus des Vaters und von ihren Kindern einen Mindestabstand einhalten, darf die Buben nur einmal im Monat im Beisein einer amtlichen Person sehen. Der Schmerz, als Mutter das Heranwachsen ihrer beiden Söhne nicht miterleben zu können, stürzt sie in tiefste Verzweifelung. Trotz Verbots versucht sie, die Kinder wenigstens aus der Ferne zu sehen, sie spürt ihnen nach, beobachtet sie Tag für Tag und hört nicht auf die Mahnungen ihrer Verteidigerin. Die versucht ihr immer wieder klarzumachen, was sie riskiert, wenn sie die strengen Regeln des Urteils permanent missachtet, weil sie ihre Söhne dann irgendwann überhaupt nicht mehr sehen darf. Aber sie kann das ständige Beobachten nicht lassen, es ist ihr zur Obsession geworden.

Und es kommt schließlich so weit, dass sie in das Haus des Mannes eindringt, Feuer legt und dann mit den Buben im Auto flüchtet. Was sich anschließt ist eine der klassischen Roadnovel ähnliche Geschichte. Sie übernachten zusammen im Auto, Lisa entfernt sich auf ihrer Flucht immer mehr von ihrem bisherigen Wohnort in Gegenden, wo sie niemand kennt, wo sie unentdeckt bleibt. Soweit erzählt uns diese Geschichte nichts Neues, solche Kinds-Entführungen gibt es von Vätern und Müttern gleichermaßen, nicht wenige Krimis beruhen auf dieser unspektakulären Thematik. Was den Plot von Ariana Harwicz anbelangt ist das Besondere daran die Art, wie er erzählt wird. In geradezu wütenden Tönen wird da über Mutterschaft in allen ihren Facetten berichtet, über Kontrollverlust, ohnmächtige Wut, das Abgleiten in Formen des Wahnsinns. Die Autorin benutzt einen authentisch anmutenden Bewusstseinsstrom als markantes Stilmittel ihrer Erzählweise. So erzeugt sie mit einer rigorosen Wortwahl und einer verächtlich wirkenden Einsilbigkeit eine beklemmende Stimmung beim Lesen. Den potentiellen Leser erwartet da also kein Wohlfühl-Roman, eher ein schwer erträglicher!

Erzählt wird ohne wörtliche Rede in einem gehetzt klingendem Präsens größtenteils aus der Ich-Perspektive einer unsympathisch bleibenden, weil weitgehend emotionslosen Protagonistin, die von den Zuschreibungen ihrer Mutterrolle geradezu erdrückt wird. Lisa ist am Ende ihrer Kräfte und kann nicht mehr klar denken, ist also «kopflos» geworden! Dadurch wird eine fast schon radikale Unmittelbarkeit erzeugt. Ein besonders markantes Beispiel dafür ist folgende Textstelle: «Gehe rüber in die Bar der Kaputten, Arbeiter und anderen Abschaums der Gesellschaft, trinke an der Theke, gehe wieder zurück. Masturbiere lustlos, nur um etwas zu tun, so, wie man die Revolvertrommel weiterdreht beim Russisch Roulette». Somit wird dann sogar noch eine suizidale Komponente in das makabere Geschehen eingefügt, das zwar nicht ganz ohne Klischees auskommt, allerdings aber auch ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger erzählt wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by C. H. Beck München