Lafcadio Hearn war einer jener seltenen Schriftsteller, die nicht nur über ein Land schrieben, sondern allmählich in dessen Vorstellungswelt einzuwandern versuchten. Als er 1890 nach Japan kam, war er kein Tourist im heutigen Sinn, sondern ein Suchender: ein heimatloser, durch viele Brüche gegangener Autor, der in Japan offenbar jenes Gegenbild zur rastlosen westlichen Moderne fand, das er zeitlebens ersehnt hatte. Das Japan-Buch versammelt berühmte Japan-Texte Hearns, begleitet von Stefan Zweigs hymnischem Vorwort und in der historischen Übersetzung von Berta Franzos.
Schon Zweigs Einführung macht klar, in welcher Tradition dieses Buch steht. Hearn erscheint darin als Mittler zwischen Abendland und Japan, als jemand, der das „alte Nippon“ noch einmal festhält, bevor es unter dem Druck der Moderne verschwindet. Diese Deutung ist pathetisch, manchmal überhöht, aber nicht wirkungslos. Zweig sieht in Hearn keinen Reporter statistischer Tatsachen, sondern einen Künstler der Wahrnehmung: einen, der Düfte, Gesten, Schatten, Glockenklänge und Volksglauben bewahrt. Genau darin liegt die Faszination dieses Buches.
Der Text „Mein erster Tag in Japan“ zeigt Hearn auf der Höhe seiner Kunst. Eine Fahrt durch Yokohama wird bei ihm zum Staunenserlebnis. Straßen, Läden, Schriftzeichen, Tempel, Kirschblüten, Priester, Kinder, Klang und Licht treten nicht als touristische Sehenswürdigkeiten auf, sondern als flüchtige Erscheinungen, die der Erzähler vorsichtig berührt. Hearn beschreibt Japan nicht von oben herab, sondern mit einer fast kindlichen Bereitschaft, sich verwandeln zu lassen. Er sieht in Kleinigkeiten ganze Welten: in Papierschirmen, in Votivlaternen, in Tempeltoren, im Klang einer Glocke.
Besonders eindrucksvoll ist „Kusa-Hibari“, die Geschichte eines winzigen Heimchens, dessen Gesang den Erzähler Nacht für Nacht begleitet. Aus der Beobachtung eines kaum sichtbaren Insekts entwickelt Hearn eine Meditation über Liebe, Erinnerung, Abhängigkeit und Schuld. Als das Tier stirbt, weil seine Versorgung vernachlässigt wurde, kippt die Miniatur ins Ethische: Plötzlich steht nicht mehr die exotische Schönheit Japans im Vordergrund, sondern die Verantwortung des Menschen gegenüber dem kleinsten Leben. Das ist große Literatur, weil sie ohne große Geste auskommt.
Auch „Die Macht des Karma“ verbindet erzählerische Spannung mit religiöser und philosophischer Betrachtung. Hearn erzählt von einem schönen jungen Priester, der sich den Anfechtungen der Liebe entziehen will und den Tod sucht. Die Geschichte wird nicht westlich-romantisch verklärt, sondern im Gespräch mit buddhistischem Denken gedeutet. Gerade hier wird sichtbar, wie sehr Hearn an Grenzfragen interessiert ist: an Schuld, Wiederkehr, Begehren, Selbstüberwindung und den unsichtbaren Bindungen zwischen Lebenden und Toten.
Gleichzeitig verlangt dieses Buch eine historisch wache Lektüre. Hearn und erst recht Zweig schreiben aus einer Zeit, in der Japan im Westen häufig als Sehnsuchtsbild, als Kunstlandschaft, als Gegenwelt zur europäischen Moderne betrachtet wurde. Manche Begriffe und Bilder wirken heute überholt, teils exotisierend, gelegentlich paternalistisch. Moderne Hearn-Lektüren weisen genau auf diese Ambivalenz hin: Man kann ihn als empfindsamen Anwalt nichtwestlicher Kulturen lesen, aber auch als Autor des 19. Jahrhunderts, der sich fremde Welten aneignet und ästhetisch formt.
Doch gerade diese Spannung macht Das Japan-Buch interessant. Es ist kein aktueller Japanführer und keine kulturwissenschaftlich neutrale Studie. Es ist ein literarisches Dokument der Meiji-Zeit, ein Werk der europäischen Japanbegeisterung um 1900 und zugleich ein erstaunlich feines Buch der Wahrnehmung. Hearn sieht mehr, als viele Reisende sehen, weil er nicht nur wissen, sondern lauschen will. Seine besten Seiten besitzen die Zartheit einer Tuschezeichnung und die Unruhe eines Menschen, der weiß, dass jede Schönheit vergeht.
Berta Franzos’ Übersetzung trägt den Ton einer anderen Epoche. Sie ist blumig, gelegentlich schwer, aber auch von einer Musikalität, die zu Hearn passt. Wer eine knappe, moderne Reportagesprache erwartet, wird sich einlesen müssen. Wer jedoch bereit ist, dem Rhythmus dieser Prosa zu folgen, entdeckt ein Buch voller atmosphärischer Genauigkeit.
Das Japan-Buch ist damit eine lohnende Wiederbegegnung mit einem Autor, der in Deutschland einmal große Resonanz hatte und heute neu gelesen werden kann: nicht naiv bewundernd, nicht vorschnell verwerfend, sondern mit Sinn für seine Schönheit und seine historischen Begrenzungen. Hearn schenkt uns kein „wahres Japan“ im objektiven Sinn. Er schenkt uns den literarischen Traum eines Menschen, der in Japan eine geistige Heimat fand — und der aus diesem Traum Bilder geschaffen hat, die noch immer leuchten.
Fazit: Ein poetisches, stellenweise altmodisches, aber eindrucksvolles Lesebuch über Japan. Am stärksten ist Hearn dort, wo er nicht erklärt, sondern betrachtet: ein Tempeltor, ein Lächeln, eine Glocke, ein Insekt. Gerade in diesen kleinen Dingen wird seine Prosa groß.
Gräuel im Kinderbuchstil
Männer, Väter, Patriarchen. Männer vor und nach der Vaterschaft beschäftigen den Vater eines Sohnes Augustine Sedgewick. An der Harvard University promovierte er mit Forschungen zur globalen Geschichte des Kapitalismus, der Arbeit, des Essens und der Familie u. a. Außerdem eine Kulturgeschichte des Kaffees.
“Entspann dich mal!” Wir kennen es alle: keiner will diesen Satz hören, wenn gerade die Amygdala die Kontrolle übernommen hat. Dabei kann der Atem einen einfachen Weg aus der Erregung heraus herbeiführen. Durch eine bewusste Steuerung der Atmung, kann man wieder runterkommen und der präfontale Kortex übernimmt wieder das Ruder.
Joschka stellt dem Buch Strophen von Heines Wintermärchen voraus und schreibt dazu, was ihn beeindruckt: “seine tiefe Abneigung gegen Preußen und dessen autoritären Obrigkeitsstatt, zugleich seine fast verzehrende Liebe zu diesem Deutschland, zu dessen Sprache und Musik!“ Und stellt die Frage, wie es dem Sohn einer jüdischen Familie ergangen wäre, hätte er in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt.Damit umreißt er die Widersprüche seines eigenen Deutschseins. 
100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.
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100 Jahre Marilyn Monroe. Die Journalistin und Schriftstellerin Jenni Zylka huldigt den Filmen der Filmikone Marilyn Monroe zu deren 100. Geburtstag am 1. Juni 2026. Ihre “Marilyn Monroe. 100 Seiten” sind keine Biographie, sondern Filmjournalismus, eine Analyse ihrer Rollen hinter und vor der Leinwand.
100 Jahre Marilyn Monroe: Meine Woche mit Marilyn. Auch nach mehr als 60 Jahren ist Marilyn Monroe immer noch ein Mythos. Aber aus Anlass ihres Geburtstages am 1.6.1926 erscheint eine Vielzahl von Publikationen, die mehr Licht in das Rätsel um die eigentliche Norma Jean Baker bringt
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