Die Frau und der Fjord

Nordischer Trauer-Exzess

Die äußerst vielseitig tätige Schriftstellerin Anette Strohmeyer, die auch unter diversen Synonymen schreibt, hat in ihrem Debütroman «Die Frau und der Fjord» eigene Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes eingebracht. Wie schon der Titel erahnen lässt, befindet sich der Handlungsort ihrer traurigen Geschichte im nördlichen Norwegen, genauer gesagt in einem Fjord auf einer der zugehörigen Inseln, von den Einheimischen nur «Die Heimsuchung» genannt. Dort hat eine hoch angesehene und extrem gut verdienende Top-Geologin aus der Erdölbranche nach dem Unfalltod ihres Mannes spontan ein einsam gelegenes Anwesen gekauft, um sich in der absoluten Einsamkeit eines abgelegenen Fjords endgültig vom Weltgeschehen zu verabschieden und in ihrer Trauer ein Einsiedler-Dasein zu führen. Mit dem untertitel-artigen Hinweis «Roman über Heilung, Neubeginn und die tröstende Kraft der Natur» hat der Verlag die Thematik des Buches überaus deutlich umrissen. Der im Herbst 2025 erschienene Roman wurde in den verschiedenen Leserforen einhellig positiv bewertet, von den Feuilletons aber ebenso einhellig ignoriert, so als wäre dies ein Schundroman. Wer bitte liegt denn da falsch, all die euphorisierten Leser oder die ignorante Kritikerzunft, die doch sonst so gern Jubel-Rezensionen veröffentlicht?

Die 45jährige, kinderlos verheiratete Gro Kristjánsdóttir gilt in ihrer hart umkämpften Branche als absolutes Ausnahme-Talent mit dem besonderen Gespür für Erdöl-Vorkommen. Sie arbeitet oft monatelang auf einer einsamen Bohrplattform in der Barentsee nördlich von Norwegen, wo sie als leitende Geologin verantwortlich dafür ist, anhand der von ihr durchgeführten Bohrungen und den laufend daraus gewonnenen Gesteinsproben auf die Ergiebigkeit der Ölquellen zu schließen. Liegt sie richtig, verdient ihre Firma meist Riesensummen mit der Exploration des Vorkommens, liegt sie aber falsch mit ihren Einschätzungen, würde die vergebliche Bohrung ihren Ölkonzern viele Millionen kosten. Die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes erreicht sie bei einem der monatelangen Aufenthalte auf der Bohrinsel. Wie sich herausstellt, war ihr Mann im Krankenhaus gewesen, wo ihm die Diagnose gestellt wurde, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf dem Heimweg mit dem Auto hatte er dann einen tödlichen Unfall, er ist aus ungeklärter Ursache frontal auf einen Fels geprallt.. Was natürlich zu Spekulationen führte, ob das womöglich ein Suizid war. Völlig entnervt und aus der Bahn geworfen kündigt Gro ihren Job und zieht in die extreme Einsamkeit ihres Fjords.

Ob sie zurück ins Leben findet, bleibt sehr lange fraglich in diesem breit angelegten Roman, denn sie ist absolut untröstlich über ihr Schicksal. Das kleine Holzhaus mit Anlegesteg und einem Schuppen hat vor ihr ein älterer Mann besessen, der bei einem Sturz vom Fels tödlich verunglückt ist. Sie hat zwar einen Stromanschluss, aber kein Telefon und auch kein Handy, das Radio und ein altes Funkgerät ist ihr einziger Kontakt nach draußen. Alle zwei Monate fährt sie mit ihrem kleinen Boot zum Einkaufen ins nächste Fischerdorf, wo sie sich im Supermarkt mit allem eindeckt und wo auch ihre Post lagert. Immer wieder wird in langen Passagen von der unberührten Natur in ihren Fjord berichtet, von ihrer unendlichen Trauer und ihrem latenten Unvermögen zu einem wirklichen Neubeginn. Erst in der Mitte des Romans, beginnend mit der Rettung eines schiffbrüchigen Fischers, mit dem überraschenden Auftauchen zweier ehemaliger Kollegen und mit einem beunruhigenden Besuch der Kriminalpolizei wird diese narrative Monotonie dann endlich unterbrochen.

Auch wenn Trauer und Natur als tragende Bestandteile über weite Strecken dieses Romans schon bald sehr langweilig werden, wird beim Lesen doch ganz allmählich auch die Erwartung auf ein Ende des bereits zwei Jahre andauernden Trauer-Exzesses erweckt. Vergeblich, denn ihre Geschichte endet, gewissermaßen nordisch unterkühlt, nur mit einer vagen Andeutung. Banal ist das alles aber nicht, und man lernt sogar manches dazu – über die arktische Natur.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Der Mörder zahlt mit einer Mark

Gabi Thiemes Der Mörder zahlt mit einer Mark versammelt drei reale Kriminalfälle aus Sachsen und kreist um eine ebenso schlichte wie verstörende Frage: Gibt es das perfekte Verbrechen? Schon der Aufbau des Bandes zeigt, dass es der Autorin nicht um sensationslüsterne Effekte geht, sondern um die Rekonstruktion von Taten, die lange im Dunkeln lagen. Im Vorwort beschreibt sie ihr Buch ausdrücklich als Arbeit gegen das Vergessen, getragen von jahrzehntelanger Erfahrung als Polizei- und Gerichtsreporterin.

Am eindringlichsten gerät der erste, große Fall um die 1987 ermordete Heike Wunderlich. Thieme zeigt das Opfer zunächst als junge Frau mit Familie, Arbeit, Zukunftsplänen und alltäglichen Sorgen, bevor das Verbrechen mit voller Härte in dieses Leben einbricht. Gerade diese behutsame Vergegenwärtigung macht die spätere Tat so erschütternd. Dass der Täter Jahrzehnte später dank DNA-Spur doch noch wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird, verleiht dem Text eine beklemmende, fast unerhörte Form später Gerechtigkeit.

Die beiden anderen Fälle erweitern den Band stimmig. In „Der verlorene Sohn“ geht es um Uwe Schulze, einen Beteiligten an einem Sparkassenraub, der nach seiner Verurteilung, Haft und erneuter Reise schließlich bei der Einreise nach Thailand aufgrund eines noch aktiven internationalen Haftbefehls festgenommen wird; hier interessiert die Autorin weniger die bloße Strafsache als die beschädigte Vater-Sohn-Beziehung. „Tödlicher Cocktail“ wiederum erzählt von Anja Kaiser, die ihren Mann nach Überzeugung des Gerichts vergiftete und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde; besonderes Gewicht erhält dabei der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs mit der Tochter, der zum zentralen Beweismittel wird.

Die Stärke des Buches liegt in seiner journalistischen Genauigkeit, seiner Nähe zu Ermittlern, Angehörigen und Gerichten und in der Fähigkeit, aus Aktenstoff erzählerische Spannung zu gewinnen. Schwächen liegen dort, wo die Darstellung zu sehr erklärt, emotional nachdrückt oder in eine leicht romanhafte Rekonstruktion hineinrutscht. Nicht jede Szene müsste so stark auf Wirkung hin formuliert sein; manches wäre gerade dann noch eindringlicher, wenn es kühler bliebe.

Der Mörder zahlt mit einer Mark ist ein bemerkenswertes True-Crime-Buch: kein bloßes Gruselkabinett, sondern ein Stück ostdeutscher Erinnerungs- und Mentalitätsgeschichte. Gabi Thieme schreibt mit Ernst, Erfahrung und Respekt vor den Opfern. Gerade das macht den Band lesenswert.


Genre: Sachbuch, True Crime
Illustrated by Paperento

The Gourmand’s Mushroom.

Der dritte Streich von The Gourmand: Pilze

The Gourmand. Pilze sind derzeit in aller Munde. In der dritten TASCHEN Publikation von The Gourmand erwartet die Leser:innen eine mykologische Reise. Als Pilot:innen stehen hinter dem Projekt David Lane und Marina Tweed, die zusammen die gleichnamige Food- und Kulturzeitschrift im Jahr 2011 in London gegründet haben.

The Gourmand: Pilze in aller Munde

Die Arbeiten von The Gourmand wurden in der New York Times, The Guardian, Die Zeit und Le Monde gewürdigt und sogar schon im Design Museum London ausgestellt. Das besondere daran ist, dass sie zwar nur das universelle Thema Essen erkunden, es aber durch Publikationen, Filme und Ausstellungen in den Kontext von Kunst, Design, Literatur, Film, Mode und Musik stellen. Pilze waren schon in der Antike spirituelle Helfer, aber nicht nur ihre psychoaktive und oftmals auch medizinische Wirkung wird geschätzt, sondern sie schmecken auch köstlich.

Pilze: das unsichtbare Netz

Seit bekannt ist, dass die Pilze auch unterirdisch ein quasi weltumfassendes Netzwerk bilden, das der Versorgung aller Beteiligten dient, sind Pilze ohnehin zu den Rockstars unter den Lebensmitteln aufgestiegen. Die Kulturkarriere des Pilzes in der Moderne lassen den Pilz wie ein Kunstwerk erscheinen, dem in vorliegender Publikation in vielen Geschichten und Originalrezepten gehuldigt wird. In der Einleitung teilt übrigens der renommierte Koch und “Food”-Autor Jeremy Lee in einer Art lyrischen Reflexion seine Gedanken über Vergänglichkeit, Nahrungssuche und kulinarische Erinnerungen. Ein Fest der Sinne nicht nur für Mykologen!

Eine mykolgisch-kulturelle Reise

The Gourmand’s Mushroom. A Collection of Stories & Recipes ist eine köstliche Lektüre voller kulinarischer Innovationen. Ein Leckerbissen, ein Festmahl das sowohl als Nahrung, Heilmittel, Sakrament und Symbol eine jahrtausendealte Kulturgeschichte hat. Die kulinarische Praxis mit kultureller Reflexion, die auch für die beiden anderen Publikationen von The Gourmand so stilbildend war, wird auch in The Gourmand’s Mushroom weitergepflegt: in Essays, deren Themen von Mythologie über Toxikologie bis hin zu Kunst, Architektur, Mode, Film und sogar Raumfahrt reichen. Begleitet wird der Intellektuelle und kulturelle Reigen auch von visuellen Inspirationen: Fotos, die Pilze als Formen, Strukturen und fast skulpturale Erscheinungen feiern.

The Gourmand: Mushrooms in Cinemascope

Unter den Künstlern finden sich bekannte wie unbekannte, darunter Bosch und Beatrix Potter, María Sabina und die CIA, Yayoi Kusama und Takashi Murakami. Aber auch Comicfiguren oder Todesboten, in Feenkreisen oder Kriminalromanen, ob Fliegenpilz oder Knollenblätterpilz, Heilmittel oder Halluzinogen sind Pilze essentieller Bestandteil der großen Erzählung der Menschheitsgeschichte. Die umfangreiche Sammlung von Originalrezepten huldigt der erdigen, umami-reichen Köstlichkeit. Von delikaten kantonesischen gefüllten Pilzen und knusprigem Tempura über Pierogi, Risotto, Ramen-ähnlichen Relishes, Ravioli mit Waldpilzen und klassischer Duxelles bis hin zum einfachen Pilzketchup.

David Lane und Marina Tweed
The Gourmand’s Mushroom.
A Collection of Stories and Recipes
Ausgabe: Englisch
2026, Hardcover, 20 x 27.9 cm, 1.40 kg, 292 Seiten
ISBN 978-3-8365-8661-0
TASCHEN
€ 40


Genre: Design, Film, Kulturgeschichte, Kunst, mediterrane Küche, Mode, Musik, Musik und Literatur
Illustrated by Taschen Köln

Prince. 100 Seiten

Zehn Jahre ist er tot: Prince, unvergessen!

Prince. 100 Seiten. April 2016: Prince ist tot. Gerade einmal 57 Jahre alt geworden (*7. Juni 1958) ereilte ihn das Schicksal des “Club 27” dreißig Jahre später. Eine Überdosis von Schmerzmitteln, die Autorin spricht von Fentanyl, hatte dem begnadeten Visionär, Genie und Ikone der LGBTIQ+ wohl eher unabsichtlich dahingerafft.

Prince: Club 27 mit 57

Berühmt für seine rücksichtslosen Tanzeinlagen hatte sich der Spätberufene Zeuge Jehovas Hüft-, Knie- und Gelenksschmerzen eingehandelt, die ihm – je älter er wurde – derart zu schaffen machten, dass er es ohne Schmerzmittel nicht mehr aushielt. Als Zeuge Jehovas war ihm eine lebensrettende Operation – die Bluttransfusion zur Folge gehabt hätte – schlichtwegs nicht erlaubt. Am 16. April soll er bei einem letzten Konzert in seinem Paisley Park Anwesen noch die unheilvollen Worte “Wait a new days, before you waste any prayers” abgesetzt haben, 5 Tage später, am 21. April fand man ihn tot im Aufzug von Paisley Park.

Prince: Das bescheidene Genie

Der nur 157cm große Künstler war einer der letzten wirklich Großen der US-amerikanischen Unterhaltungsbranche. Sein zurückgelassenes Werk wird auf weitere 58 Alben geschätzt, so fleißig und ehrgeizig war der aus zerrütteten Verhältnissen in Minneapolis stammende Musiker, Performer und auch Tänzer gewesen. Aber auch bescheiden, wie ihm folgendes berühmtes Zitat bescheinigt: “If you seek somethin else but music in me, then it’s something inside of you that’s lackeng“. Pointiert, intelligent und sharp, ganz so wie sein Bühnen-Ich. “Fuckability” fällt in diesem Zusammenhang als Stichwort der Musikexpress-Journalistin.

Riesiges Vermächtnis eines Ausnahmekünstlers

Dabei hatte ihn selbst seine fatale Begegnung mit seinem Vorbild Graham (Sly & the Family Stone) das Leben gekostet. Graham war es nämlich der ihn zu den JW missioniert hatte und so wurde ihm die Beziehung schließlich zum Verhängnis, wie die Autorin anmerkt. Enttäuscht zeigt sich die – widerwillige – Biographin übrigens von seinem Verhältnis zur nur 16-jährigen Mayte Garcia, dabei hatte Prince doch stets Augenhöhe in Beziehungen propagiert. So auch zu seinen lesbischen Co-Künstlerinnen und Bandmitglieder:innen Wendy und Lisa, die er stets mit Respekt behandelte. Indirekt war Prince auch für die Gründung der von Tipper Gore propagierten PAEL-Stickers verantwortlich. Sein Song “Darling Nikki” war so sexy, dass Tipper Gore ihre Zensur-Organisation PMRC gründete.

Prince: Off Records und In Records

Ein Interview mit dem deutschen Tontechniker Hans-Martin Buff ergänzt die ansonsten doch sehr gut gelungene Lektüre über einen der größten Musiker unserer Tage. Natürlich wird auch nicht auf seine “Schauspieler”-Karriere vergessen, deswegen unter Anführungszeichen, weil er ja doch hauptsächlich sich selbst spielte. So etwa in dem unvergessenen “Purple Rain” (1984), “Under the Cherry Moon” (1986) und “Sign o’ the Times” (1987). Zwischen 1978 und 2015 erschienen 39 Studioalben, ein Vermanschen seines Nachlasses wurde bisher noch nicht registriert. Aber der bevorstehende Geburtstag am 7. Juni wird für die von Prince schon zu Lebzeiten verhasste Industrie sicherlich ein guter Anlass sein, seine Alben neu aufzulegen.

Die Autorin und Journalistin für taz, konkret, KaputMag und Musikexpress betreibt auch den Podcast “Rebecca räumt auf”. 2025 erschien ihr Buch Mega!, das Kolumnen, Essays und Kommentare zu popkulturellen Themen versammelt.

Rebecca Spilker
Prince. 100 Seiten
Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
2026, 100 Seiten – 17 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder
ISBN: 978-3-15-020797-0
Reclam
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister! Die Kultur der Diné steht im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Comics von Schauspiel- und Regielegende Jamie Lee Curtis. Als Zeichner werkten Karl Stevens und Russell Goldman und gemeinsam setzten sie eine Geschichte in Gang, die tatsächlich passiert ist. Bis halt auf ein paar fiktionale Einschübe…

Kampf dem Klimawandel

Die Four-Corners, der Südwesten der USA, also Colorado, Utah, Arizona, New Mexico, sind der Teil, wo auch heute noch am meisten Ressourcen abgebaut werden. Nicht ganz zufällig ist das auch die Gegen der Staaten, wo die meisten Indigenas überleben konnten und es noch Reservate gibt, die theoretisch unantastbar sind. Aber man kennt ja den Hunger der Erdölkonzerne und anderer Energieriesen: er ist unersättlich. In der vorliegenden Geschichte geht es um zwei Generationen von Frauen, die den Raubbau von “Mutter Natur” miterleben müss(t)en. Nova Terrel, die schon als Kind miterleben musste, wie ihr Vater bei einem experimentellen Ölförderungsprojekt unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, steht im Mittelpunkt. Die Firma, für die ihr Vater gearbeitet hat, verhält sich augenfällig seltsam, es stimmt etwas nicht, wie sie schnell bemerkt. Einerseits produziert sie mit dem „Mother Nature“-Projekt sauberes Wasser in Catch Creek, andererseits wird Radium in diesem Trinkwasser gefunden. Als sie erwachsen ist, stellt sich Nova gegen den Ölgiganten und macht eine schreckliche Entdeckung.

Vom Öko-Horrorfilm zum Mystery-Comic

Die künstlerischen Aspekte, also die Zeichnungen sind durchaus als bemerkenswert zu bezeichnen, auch wenn man der Erzählung selbst anmerkt, dass es sich eigentlich um eine Drehbuchvorlage handelt. Das Verbindende von Bild und Text, das andere Graphic Novelle auszeichnet, wird hier eher ausgespart zugunsten unklarer Schockmomente, wie es in einem Film vielleicht funktionieren würde. Der Diné Autor Brian Lee Young hat das Nachwort verfasst indem er das Anliegen, seine Kultur in der Öffentlichkeit breiter zu repräsentieren, lobt. “Mother Nature” spreche vielschichtige Themen wie “Muttersein, Erbe, Klimawandel und Hoffnung auf eine bessere Zukunft” an. Eigentlich entstand der Comic nach einem Filmdrehbuch wie man in einem kurzen Interview am Ende des Bandes erfährt. JLC nennt es darin ein Drehbuch für einen “Öko-Horrorfilm”, aber ganz so drastisch ist die Graphic Novel dann doch nicht geworden. Der reale Kampf der indigenen Gemeinden der USA gegen den Klimawandel dauert immer noch an. Auch die vorliegende Graphic Novel ist Teil dieses internationalen Kampfes auf den in jeder Weise hingewiesen werden muss. Zeichnerisch wirklich gelungen!

Jamie Lee Curtis
Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!
2026, Hardcover, 184 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN: 9783741638275
Panini
29,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Daredevil – Das Leben des Jack Murdock

In der Reihe Marvel Must-Have wurde “Daredevil – Das Leben des Jack Murdock” von den Autoren Carmine Di Giandomenico und Zeb Wells sowie Zeichner Carmine Di Giandomenico neu aufgelegt. Der Vater des blinden Rechtsanwalts Matt Murdock war der Boxer Jack Murdock, der sich leider mit den falschen Leuten anlegte.

Wie der Vater, so der Sohn…

Sein Debüt hatte er in der Serie Daredevil (1964), aber in der vorliegenden Geschichte, die im Original Battlin’ Jack Murdock heißt und aus dem Jahre 2007 stammt, läßt er es so richtig krachen. Als alleinerziehender Vater tut er sein Bestes, seinen noch minderjährigen Sohn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Seine Mutter, Maggie Grace, hatte die beiden verlassen, und nun muss Jack für den Kleinen sorgen. Damit sich dieser keine Sorgen mehr über seine Mutter macht, erzählt er ihm, dass sie schon tot sei. Eine Notlüge, um ihm das Leben zu erleichtern. Aber wie wir alle wissen sind es genau diese kleinen Notlügen, die große Konsequenzen zeitigen. Jack, der sein Geld weiterhin als Boxer verdient gerät auf die schiefe Bahn, da das Boxwesen von der Unterwelt durchdrungen ist. Bei einem Kampf soll er in der vierten runde runtergehen, um die Wettgewinne beim Mob zu erhöhen. “Manche Lehrer sind nicht gut für einen“, heißt es das kryptisch. Manche Vorbilder ebensowenig.

Vorbilder und Ebenbilder

Im düsteren Noir-Stil zeigt der vorliegende Comic von Ausnahmekünstler Carmine Di Giandomenico, Autor und Zeichner, der mit der Miniserie „Examen“ für den Verlag Phoenix und „Conan der Barbar“ für Marvel Italia bekannt wurde, wie das Boxermilieu funktioniert. Eine zeitlose Geschichte, in wechselnden Panels erzählt, zeigt Kante und vergisst dabei nicht auf detailreiche Milieustudien. Dass Jack erst einmal richtig absaufen muss, um dann wieder ein Phoenix wiederaufzuerstehen, hat er vor allem den dunklen Hintermännern des Mob zu verdanken. Denn er war schon einmal ganz unten, bevor ihm ein weiteres Angebot wieder zu kämpfen wieder auf die Beine half. “Dachtest du etwa der liebe Gott entscheidet den Kampf? Vergiss es, das tut allein der Fixer“, ermahnt ihn der Ringrichter in der dritten Runde. Noch hat Jack Zeit zu überlegen, ob nicht auch er einmal “Gott” spielen kann. Zudem hat Josie ihr gesamtes Trinkgeld auf ihn gesetzt…

Eine hieb- und stichfeste, knallharte Geschichte die man sich nicht entgehen lass sollte: nicht zuletzt deswegen erschient sie in der Reihe Reihe Marvel Must-Have, um noch einmal eine letzte Chance zu bekommen, so wie Jack…

Marvel Must-Have
Carmine Di Giandomenico, Zeb Wells
Daredevil – Das Leben des Jack Murdock
Original Storys: Daredevil: Battlin’ Jack Murdock (2007) 1–4
2026, Hardcover, 112 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647130
Panini
25,00 €

 

 

 


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Der Sterbliche Thor 1

Vom Staube stammen die Sterblichen“, heißt es in der nördlichen Erzählung Edda von Saemundor Sigfusson., so das Zitat, das die vorliegende mehrteilige Serie über den sterblichen Thor einleitet. In Teil 1/3 wird die Realität neu geschrieben: Donald Blake, früher einmal die menschliche Erscheinung von Thor, ist jetzt sein böses alter ego.

Der Sterbliche Thor 1

Thor muss es in vorliegendem Abenteuer nicht nur gegen die Machenschaften des Konzernriesen Roxxon aufnehmen, sondern auch gegen die Schrecken des finsteren Reichs der Utgard und das Gedächtnis der Menschen: Sie haben die Götter Asgard vergessen und können sich nicht mehr an sie erinnern. Aber der Sterbliche Thor tut alles, um sie ihnen wieder in Erinnerung zu rufen: irgendwo in New York erwacht ein Mann mit einem Hammer und eine Legende nimmt ihren Lauf. “Ich schade nicht anderen, um mich selbst zu bereichern“, sagt der wie ein alternder Hippie aussehende Thor zu einem ihn verführenden Geschäftsmann. Auch die anderen Erdenbewohner sind nicht gerade freundlich zu ihm und halten ihm ein Messer unter die Kehle. “Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht. Er säumt selten. Wenn er solches vernimmt.”, so der Ausspruch der Seherin Völuspa aus schon zitierter Schrift. Aber die anderen glauben viel mehr an einen Thor des Zorn, der Willenskraft, der Macht, der Stärke. Und nicht einen der auf Liebe und Frieden setzt. Also bekommen sie auch den, den sie sich wünschen.

Die Schöpfung vom Vater der Lüge

Zeichner Pasqual Ferry entfesslt eine Geschichte die viele Zweikämpfe zeigt (meist zwei gegen einen allerdings) und auch sonst an Dynamik nichts zu wünschen übrig lässt. Die Farbgebung ist düster bis bunt und stets schwarz umrandet. Als die Sons of a Serpent antreten wird es vielleicht etwas zu düster, denn ihre geschlossenen Reihen erinnern doch sehr stark an Formationen, die man sich besser nicht zurückwünschen sollte. Sonst trifft es am Ende noch die, die sich genau das immer für die anderen wünschten. Aber wie wusste schon Goethe: den Zauberlehrling, den ich rief, werde ich nun nicht mehr los. Düstere Kräfte aller Orten, im Comic und in der Realität. Gut, dass Thor es gleich gegen eine ganze Armee dieser Finsterlinge aufnimmt. Am Ende, Kapitel “Vater der Lüge” stellt sich dann doch die Frage, ob dies nicht alles vom Göttervater selbst herrührt. War etwa die ganze Schöpfung auf einem Irrtum begründet? Fortsetzung folgt in “Der Sterbliche Thor 2“. ABO-TIPP: keine Ausgabe verpassen! Im Panini Abo-Shop gibt es Thor im flexiblen Abo und Thor im Jahresabo.

Al Ewing/Pasqual Ferry
Der Sterbliche Thor 1
Original Storys: Mortal Thor (2025) 1-3
2026, Klebebindung, 72 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741646799
Panini
9,99 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Das Liebespaar des Jahrhunderts

Eine wichtige Erkenntnis

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist das zweite Buch einer Trilogie von Julia Schoch über die Biografie einer Frau. Dieser selbständig lesbare Roman ist erkennbar autobiografisch gefärbt, die Ich-Erzählerin weist nicht nur als Schriftstellerin Parallelen auf zur Autorin, auch wenn die dafür gesorgt hat, alle Spuren zu verwischen. Konsequent werden keine Namen genannt in diesem literarischen Zwei-Personen-Stück, und die zwei Kinder, die schließlich aus der dreißigjährigen Beziehung hervorgegangen sind, bleiben sogar auch im fortgeschrittenen Alter noch geschlechtslos, sie sind immer nur das« ältere» und das «jüngere Kind». Dementsprechend wird, der Thematik des Romans folgend, hier eine Liebe von ihrem Ende her zu erzählen, konsequent nur aus der Perspektive der namenlosen Frau, und das sehr distanziert und weitgehend emotionslos. Insoweit ist der Titel dieses Romans irreführend, denn seine beiden Protagonisten sind weit davon entfernt, das Traumpaar «des Jahrhunderts» zu bilden.

«Im Grunde ist es ganz einfach. Ich verlasse dich» heißt es am Beginn des Romans, das Scheitern ihrer Beziehung ist nämlich für die Ich-Erzählerin schon lange beschlossene Sache. Ohne dass sie allerdings je mit ihrem Partner darüber gesprochen hat, nicht mal ansatzweise. Der ist und bleibt jedenfalls völlig ahnungslos. Denn wie sie es sagen wird und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, das erweist sich für sie als großes Problem. Sie fertigt eine Liste mit Argumenten an, die für eine Trennung sprechen, schreibt genau auf, was sie sagen will und lernt den Text auswendig, um nicht aus dem Konzept zu kommen, wenn er sie unterbricht und Einwände vorbringt. Als Schriftstellerin ist es für sie auch nahe liegend, ihm einen ausführlichen Brief zu schreiben über ihren Entschluss und alle Faktoren dazu, – und ihn nie abzuschicken! Erst sind es die Kinder, die eine Trennung fast unmöglich machen für sie, und obwohl es nicht mangelt an Kehrpunkten ihrer Beziehung, die einen Anlass bieten würden, schreckt sie letztendlich immer wieder davor zurück, auszubrechen in das, was sie ein freies Leben nennt.

In endlosen Rückblenden reflektiert sie in einer Art innerem Monolog ihre dreißigjährige Liebe, die ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte mit abbildet, zu der auch der Fall der Berliner Mauer gehört. Die Beiden haben sich während des Studiums kennen und lieben gelernt, sie hat ihn geradezu angehimmelt damals in einer symbiotischen Beziehung. Und sich schließlich sogar entschlossen, ihre Doktorarbeit seinetwegen abzubrechen. Man verkehrt in intellektuellen Kreisen, die Beiden sind kunstinteressiert, lesen viel und gehen gern ins Kino. Sie holen auch all die Reisen nach, die sie zu DDR-Zeiten nie  machen konnten. Was den Abkühlungs-Prozess einer Liebe anbelangt ist dieser Roman jedenfalls recht banal und voller Gemeinplätze, seine Stärke, ja fast sein Alleinstellungs-Merkmal sind die klugen Reflexionen zum Thema. «Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, um mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln», sinniert sie. «Jemanden zu verlassen heißt: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb?» grübelt sie an anderer Stelle. Durchaus selbstkritisch merkt sie an: «Vielleicht hat das Zusammenleben ‹mit mir› dich zu jemandem gemacht, der mir allmählich unerträglich geworden ist». Der Superlativ des Romantitels wird schließlich dahingehend relativiert, es handele sich um ein repräsentatives Liebespaar, in dem «sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren». Und auf der letzten Seite wartet noch eine handfeste Überraschung dazu!

Erich Kästner hat zum Thema geschrieben: «Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut». Im Roman wimmelt es nur so von derartigen Betrachtungen, wobei da auch ständig darüber reflektiert wird, wie authentisch das alles denn wirklich ist. Denn ein Gefühl stellt sich hier schon bald ein, dass es nämlich nichts zum Anhimmeln gibt, im Roman nicht und wohl auch nicht im richtigen Leben. Immerhin eine wichtige Erkenntnis, die zurückbleibt nach der Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Geht so

Beatriz Serrano ist nicht nur Spanierin, sondern auch eine Überraschung. Die studierte Journalistin und erfolgreiche Podcasterin hat mit „El descontento (Temas de hoy)“ einen grandiosen literarischen Treffer gelandet. „Unzufriedenheit (Themen von heute)“ wäre die eigentlich korrekte, aber doch recht sachliche und sperrige Titel-Übersetzung gewesen. Der Eichborn-Verlag hat daraus ein knackiges und flapsiges „Geht so“ gemacht und wird dem Inhalt in der Tat mehr gerecht.

Auch eine an dieser Stelle übliche Inhaltsangabe würde dem Buch wegen inadäquater Sachlichkeit in keiner Weise entsprechen. Aber muss ja wohl sein. Es geht um eine Marketing-Angestellte in einer Madrider Agentur, die im Frust über ihren sisyphoshaften Alltag in Sarkasmus, Isolation und Medikamente gegen Angststörungen und Panikattacken flüchtet. Und in eine Freundschaft mit gewissen Extras mit ihrem Nachbarn Pablo. Das ist sozusagen das Framing, das grobe Handlungsskript. Das Buch lebt jedoch in allererster Linie von den feinen Beobachtungen der Protagonistin Marisa in einer Vielzahl von mosaikartig aneinandergereihten Makro-Szenen eines ach so typischen Büroalltags. Wiedererkennungseffekte en masse garantiert. Die künstlichen Erregungen über Bagatellen, die Floskeln und Plattitüden im Umgang miteinander, die falsche Vorspiegelung von Kollegialität und Sympathie einerseits und gnadenlosem Karrierestreben auf der Hierarchieleiter andererseits. Durch all das schlängelt sich Marisa mit über Jahre antrainierten, instinktiven Verhaltensweisen und intuitivem Geschick, ist folgerichtig aufgestiegen, sollte also Genugtuung empfinden, das System zu ihren Gunsten durchschaut zu haben. Aber sie ist unglücklich. Mit ihrem Job, mit ihrem Leben, mit sich.

Seine absoluten Höhepunkte hat der Roman, wenn die Autorin ihre Leserschaft an Marisas Gedanken teilhaben lässt. Die folgenden Zitate sind nur ein marginaler Auszug aus der enormen humoristisch-ironischen Note, die letztendlich zum Erfolg des Buches entscheidend beigetragen hat.

Zu ihrer eigenen Rolle: „Ich werde mich für die nächsten acht Stunden in das verwandeln, was der Kapitalismus unter Feminismus versteht. In jenes konstruierte Monstrum von Vollfrau, die einfach alles schafft.“

Über ihre Kollegen: „Wie wohl sie sich fühlen in der Wiederholung, im Immer-wieder-Aufwärmen derselben Gedanken und Floskeln, in der Kommunikation der Oberfläche.“

„… der bescheuerte Tanz der Gemeinplätze, der jedes Meeting in allen Unternehmen der Welt einläutet …“

„… diese Pflicht-Pantomime im Büro …“

… ob man diese eisernen Überzeugungen nur hat, weil man sie immer und immer wieder wiederholt.“

Über ihre Kolleginnen, die nach der Schwangerschaft an den Arbeitsplatz zurückkehren: „Ein Kind ist immer eine große Freude, aber die Mutter fängt schnell an zu rosten und hält das ganze System auf.“

Das klingt teilweise düsterer, als es ist. Denn hat man aus dem eigenen Leben all diese realistischen Bilder vor Augen, wird der Roman zur erheiternden Parodie, bei der man mehr als einmal vor Lachen herausprusten muss. Wer kennt sie nicht, all diese nervigen Gesten und sinnentleerten Worthülsen bis hin zum allmittäglichen „Maaahlzeit“ vor und in der Kantine, wo es einen immer wieder wundert, dass hier nicht mehr psychiatrische Notfälle generiert werden.

Wie es einen guten belletristischen Roman ausmacht, liegen aber Lachen und Weinen dicht beieinander. Spätestens wenn man sich fragt, warum Marisa nicht aus diesem Alltag flieht, nicht einen anderen Lebensweg einschlägt, wo sie doch so unzufrieden scheint. Zwei Freundinnen sind mehr oder weniger beim Ausbruch aus dem System gescheitert. Eine verübt auf einem Bahnhof Suizid, die andere verdient ihr Geld nach diversen plastischen Operationen durch reiche Liebhaber, weigert sich aber standhaft, dies sich selbst gegenüber als Prostitution zu deklarieren.

Am leider recht melodramatischen Schluss des Buches findet Marisa unfreiwillig eine sich von außen ergebende Lösung, also wieder nicht aktiv, sondern passiv zugeflogen. Aber es kann wohl eher nicht der Ausweg für alle Menschen in dieser Lage sein. An dieser Stelle wird einem spätestens bewusst, dass die Lebensphilosophie der Protagonistin (und der Autorin?) eigentlich schon im einleitenden Zitat des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinow aus „Physik der Schwermut“ deutlich wurde: „Unternimmt man gewisse Anstrengungen, normal zu erscheinen, spart man sich ziemlich viel Zeit, während der man so sein kann, wie man sein will.“ Das schränkt den Aktivitätsgrad in Richtung verändernder Maßnahmen schon einmal sehr ein.

Aber diese lebensphilosophischen Fragezeichen im finalen Teil geben allenfalls Abzüge in der B-Note. Oll over ist Beatriz Serrano ein sehr kurzweiliges und durchweg unterhaltsames Buch gelungen, das einen ein ums andere Mal in den Spiegel schauen lässt.

Zum Schluss ein ganz großes Lob an die Übersetzerin Christiane Quandt, die die Pointen mit sicherlich schwierigen spanischen Original-Termini perfekt treffend ins Deutsche transferiert hat und in beiden Sprachen über einen unglaublichen Wortschatz verfügen muss. Wer kommt denn sonst beim Übersetzen auf Begriffe wie „veritabler Schwengel“? Qué bueno!


Genre: Belletristik, Gesellschaftsroman, Humor und Satire, Roman
Illustrated by Eichborn Verlag

Der Duft der Blumen bei Nacht

Hinter den literarischen Kulissen

Im Erscheinungsjahr von «Der Duft der Blumen bei Nacht» der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani war die Gattungs-Bezeichnung ‹Memoir› für derartige literarische Werke noch wenig gebräuchlich. Aber ohne Zweifel trifft sie hier zu, denn dieses Werk konzentriert sich auf ein bestimmtes reales Ereignis im Leben dieser Schriftstellerin, das mit emotionaler Tiefe, allein aus subjektiver Sicht reflektierend, Einsichten und Ansichten der Ich-Erzählerin ohne jede fiktionale Ausschmückung thematisiert. Den Anstoß für dieses Buch hatte ihre Lektorin gegeben: Sie solle doch bitte einen Beitrag für die von ‹Les Éditions du Stock› initiierte, neue Buchreihe «Eine Nacht im Museum» schreiben. Obwohl sie mit einem Roman beschäftigt war und eigentlich ablehnen, ausnahmsweise also auch mal Nein sagen wollte, hat sie sich schließlich doch dazu bereit erklärt.

Im April 2019 reist sie nach Venedig, um im Museo Punta della Dogana, dem einstigen Zollamt der Serenissima, ganz allein eine, wie sie hofft, inspirierende Nacht zu verbringen. An diesem der Kunst gewidmeten Ort treffen nach wie vor Orient und Okzident aufeinander, was ihre eigene Situation als marokkanische Frau widerspiegelt, die sich als Erwachsene für Frankreich als Wahlheimat entschieden hat und sich nun nirgendwo richtig dazugehörig fühlt. Als gesellschafts-kritisch engagierte Schriftstellerin lebt sie zwischen den beiden grundverschiedenen Kulturen, wobei sich mit Paris als Wohnsitz zunehmend die westliche Kultur in ihr verfestigt, das islamische Denken also in den Hintergrund gedrängt hat. Mit einem Feldbett und Schlafsack versorgt lässt Leïla Slimani sich also abends im Museum einschließen und ist nun allein mit all den Exponaten. Mit denen sie aber, das gibt sie unumwunden zu, partout nichts anfangen kann, die dort ausgestellte, modernistische Objekt-Kunst sagt ihr rein gar nichts. Sie geistert völlig allein ziellos durch die dunklen Säle des alterehrwürdigen Gebäudes und versinkt immer mehr in ihren Gedanken und Träumen, von denen in diesem Buch vor allem die Rede ist.

Dazu gehört natürlich ihr Beruf als Schriftstellerin, den sie kritisch hinterfragt, wenn sie von ihrem Arbeitsalltag erzählt. Sie igelt sich regelrecht ein in ihrer einsamen Schreibklause, die schon nach kurzer Zeit in einem kreativen Chaos versinkt, das sie ganz offensichtlich zum Schreiben braucht. Dabei will sie auch nicht gestört werden, sie empfängt niemanden und geht auch nichts ans Telefon. Sie denkt auch an ihre Jugendzeit in Rabat zurück, wo sie sich als nicht Islam-Gläubige ausgegrenzt fühlte. Als Sechzehnjährige schleicht sie, den islamischen Sitten zum Trotz, nächtens aus dem Haus und kehrt erst am frühen Morgen genau so heimlich zurück. «Ich war berauscht von meiner Freiheit, und zugleich hatte ich Angst». Seit sie 1999 Marokko verlassen hat gilt sie dort als frankophon. Einen breiten Raum in ihren einsamen Betrachtungen nimmt die Literatur ein, Verweise auf viele andere Schriftsteller vor allem, wobei sie Salman Rushdie als ihren Freund bezeichnet, dem sie viel zu verdanken habe. Diese der Literatur als Kunstgattung gewidmeten Gedanken sind mit vielen Zitaten unterlegt, als Beispiel sei eine Definition von Tschechow über die Großen der schreibenden Zunft genannt: «Das sind die, die es mitten im Sommer schneien lassen und die Flocken so gut beschreiben, dass es einem plötzlich kalt wird und man zittert».

Und immer wieder neu definiert Leïla Slimani in diesem Memoir sprunghaft ihre Sicht auf die Möglichkeiten und Grenzen der Schriftstellerei. Ihre breit angelegte Selbsterforschung als Autorin mutet denn auch oft an wie eine veritable Poetikvorlesung. Dieser Papier gewordene Gedankenstrom bietet dem Leser geradezu ein Füllhorn von interessanten Interna. Genau darin liegt denn auch die Stärke dieses Buches, man bekommt durch die bisher leider nur in Frankreich hoch geschätzte Autorin einen ungemein bereichernden Einblick hinter die Kulissen der Literatur.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Memoir
Illustrated by Luchterhand

Wie die Karnickel

In einem alternativen England leben vernunftbegabte, sprechende Kaninchen unter den Menschen, mitten im Alltag und doch in einer eigentümlichen Zwischenstellung: geduldet, beargwöhnt, registriert, verwaltet. Was zunächst nach skurriler Phantastik klingt, erweist sich rasch als sorgfältig konstruierte Satire.

Im Mittelpunkt steht Peter Knox, Ich-Erzähler und alles andere als ein Held von strahlender Entschlossenheit. Er arbeitet als sogenannter Spotter für RabCoT, die Rabbit Compliance Taskforce, das ist eine Behörde, die Kaninchen identifizieren und kontrollieren soll. Aufgrund eines genetischen Defekts kann Peter Kaninchen einigermaßen voneinander unterscheiden – eine Fähigkeit, die ihn in dieser Welt beruflich wertvoll, moralisch aber unerquicklich verstrickt macht. Als seine Arbeit ihn immer tiefer in die Logik eines zunehmend befremdlichen Systems hineinzieht und zugleich persönliche Begegnungen seine Perspektive verschieben, gerät seine sorgsam gepflegte Neutralität ins Wanken.

Damit ist bereits das eigentliche Feld des Romans betreten. Wie die Karnickel ist weder Tierfabel noch bloße Groteske, sondern Satire im klassischen Sinn: Literatur der Überzeichnung, der Verschiebung und der entlarvenden Zuspitzung. Fforde nimmt eine absurde Prämisse und behandelt sie mit einer Konsequenz, die das Lächerliche nie im bloßen Klamauk versanden lässt. Entscheidend ist nicht der Einfall allein, sondern die Strenge, mit der er durchgespielt wird. Gerade daraus gewinnt der Roman seine eigentümliche Spannung.

Fforde beherrscht jene trockene, scheinbar beiläufige Komik, die aus sachlichem Vortrag und irrem Inhalt Funken schlägt. Verordnungen, Zuständigkeiten, Regelwerke und statistisch klingender Unsinn entfalten hier eine fast gespenstische Komik. Das Absonderliche erscheint in Gestalt sauber formulierter Verwaltungslogik. Darin liegt der Reiz dieses Buches: Nicht das Chaos ist erschreckend, sondern die Ordnung, mit der es organisiert wird.

Peter Knox ist dafür die richtige Zentralfigur. Er ist anständig genug, um Unbehagen zu empfinden, bequem genug, um daraus nicht sofort Konsequenzen zu ziehen. Gerade diese Durchschnittlichkeit macht ihn literarisch interessant. An ihm zeigt sich, wie leicht man sich in fragwürdigen Verhältnissen einrichten kann, solange sie ordentlich aussehen und sich mit den passenden Begriffen versehen lassen. Fforde macht aus ihm keinen moralischen Leuchtturm, sondern einen Zeugen seiner eigenen Langsamkeit. Das ist klug, weil die Satire dadurch nicht nur auf offen erkennbare Torheiten zielt, sondern auch auf das träge Selbstverständnis des Normalen.

Wer freilich psychologische Feinarbeit und schillernde Mehrdeutigkeit erwartet, wird an Grenzen stoßen. Fforde ist kein Autor des diskreten Andeutens. Die Linien seines Romans sind deutlich gezogen, die Konstruktion bleibt sichtbar, manche Figur erfüllt eher eine satirische Funktion, als dass sie in voller Tiefe ausgeleuchtet würde.

Interessant ist dabei die Frage, wie gut Ffordes britischer Humor deutsche Leser erreicht. Denn seine Komik ist unverkennbar englisch geprägt: trocken, unterkühlt, absurd und oft aus einer Pedanterie gespeist, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Dazu kommen Wortspiele, kulturelle Nebenklänge und ein Rhythmus des Erzählens, der stark vom Understatement lebt. Vermutlich lässt sich so etwas nicht verlustfrei übertragen. Manches dürfte im Original federnder, boshafter und eleganter sein. Doch die deutsche Fassung von Miriam Neidhardt trägt erstaunlich weit. Denn der Witz sitzt nicht nur im einzelnen Bonmot, sondern in der gesamten Konstruktion: in der bürokratischen Sprache, in der Situationskomik, in der Konsequenz, mit der das Ungeheuerliche als normal behandelt wird.

Die eigentliche Qualität des Romans besteht darin, dass. Fforde sich nicht damit begnügt, eine kuriose Ausgangsidee auszubreiten. Er baut aus ihr eine eigene Wirklichkeit, mit Regeln, Ritualen und Denkfehlern, die in sich stimmig sind. Gerade dadurch entsteht jene merkwürdige Balance zwischen Komik und Beklemmung, die das Buch trägt. Man schmunzelt über die Absurditäten dieser Welt und merkt zugleich, wie vertraut einem ihre Mechanismen vorkommen.

Bisweilen ist die Absicht des Romans allzu deutlich sichtbar, bisweilen gerät die Zuspitzung etwas didaktisch. Auch bleiben einige Nebenfiguren eher Markierungen im satirischen Tableau als vollgültige Charaktere. Doch Wie die Karnickel besitzt Witz, Tempo, formale Konsequenz und jenes kontrollierte Maß an Verrücktheit, das gute Satire braucht.

Jasper Ffordes Roman ist eine klug gebaute, sehr britische Satire, die ihre skurrile Prämisse nicht als Selbstzweck ausstellt, sondern als präzises literarisches Werkzeug nutzt. Der Autor schreibt nicht über possierliche Tiere, sondern über die seltsamen Ordnungen, die Menschen hervorbringen, und über die Absurditäten, die sie dann mit großer Ernsthaftigkeit für vernünftig erklären. Das ist komisch, unerquicklich und von beachtlicher Schärfe.


Genre: Humor und Satire, Roman
Illustrated by Satyr

Ein Wochenende

Ebenso vorhersehbar wie freudlos

Die australische Schriftstellerin Charlotte Wood hat mit ihrem Roman «Ein Wochenende» eine interessante Thematik für ihre Geschichte gewählt. Sie umfasst zeitlich, der Titel sagt es bereits, nur ein einzelnes Wochenende. In dem unzertrennlichen Kleeblatt von vier älteren Frauen stirbt Sylvie, und Jude, Wendy und Adele werden gebeten, deren altes Sommerhaus am Meer komplett zu entrümpeln, damit es verkauft werden kann. «Nehmt Euch, was ihr wollt», heißt es in der E-Mail von Sylvies Erben, «betrachtet es als Ferien».

Zwei Tage haben die seit Jahrzehnten eng befreundeten Frauen Zeit dafür, und zwar an Weihnachten, wo es in dem auf der südlichen Halbkugel gelegenen Erdteil Australien ja Sommer ist und damit in der Regel auch sehr heiß. Sie waren schon oft in dem Haus von Sylvie, haben dort Weihnachten zusammen verbracht oder auch Ferien gemacht. Obwohl sie sich untereinander so gut kennen wie niemand anderen sonst, ist dieser Aufenthalt elf Monate nach Sylvies Tod eine besondere Herausforderung für die drei Freundinnen, die sich nun angesichts dieses eher ungewöhnlichen Auftrags und der geänderten Konstellation ihrer langjährigen Freundschaft auf neue Weise kennen lernen. Die Autorin lässt sich zu Beginn viel Zeit, die Anreise der Frauen mit den verschiedensten Verkehrsmitteln und ihre individuellen Reise-Erlebnissen und –Eindrücken zu schildern, was schon ein wenig auf ihre charakterlichen Eigenarten hindeutet. Als sie dann glücklich alle eingetroffen sind, ist zunächst alles wie immer, sie kennen sich ja schließlich lange genug. Ihrem Wesen entsprechend verhalten sich die Frauen dann aber recht unterschiedlich angesichts der bevorstehenden Aufgaben. Die kapriziöse Schauspielerin Adele hat sich gleich auf ihr Zimmer zurückgezogen, um sich im Bett liegend erstmal auszuruhen und einzustimmen auf das, was bevorsteht. Und wie es ihre Art ist, hat sie natürlich gleich auch das schönste Zimmer im Haus okkupiert. Wendy hingegen, die als intellektuelle Schriftstellerin ein erfolgreiches Buch nach dem anderen schreibt, ist mit ihrem altersschwachen, kranken Hund Finn beschäftigt, den sie abgöttisch liebt, der den anderen Frauen aber nicht zuletzt mit seinen Hinterlassenschaften gewaltig auf die Nerven geht. Aber nicht nur die Romanfiguren sind entsetzt, sondern auch der Leser, denn Finn ist nun sozusagen der Vierte im Bunde der Frauen und wirkt allenfalls als lästiger Störfaktor im Roman.

Nur Jude hat sich als einstmals erfolgreiche Besitzerin eines angesagten Restaurants gleich an die Arbeit gemacht und angefangen, die vorhandenen Konserven nach Verfallsdatum zu sortieren. Wie zu erwarten kommt es während der beiden Tage zu allerlei Enthüllungen, Geständnissen und Verdächtigungen zwischen den befreundeten Frauen, vieles ist nicht so, wie es scheint. Es sind all die Probleme, die da aufscheinen und von den anderen mehr oder weniger gehässig kommentiert werden, es menschelt gewaltig in diesem Roman. Die einst glamouröse Adele hat schon lange keine Rolle mehr bekommen, ihre Zeit als Schauspielerin ist vorbei. Ihre lesbische Geliebte hat sie am Abfahrtstag vor die Tür gesetzt, sie steht jetzt plötzlich sozusagen auf der Straße, was sie den Freundinnen natürlich schamhaft verschweigt. Aber auch Judes finanzielle Großzügigkeit erweist sich in Wahrheit als aufgesetzte Attitüde, nur dank ihres reichen Liebhabers, von dem die anderen nichts wissen dürfen, kann sie sich ihren extravaganten Lebensstil überhaupt leisten. Und die intelligente Wendy wiederum kommt partout mit ihren erwachsenen Kindern nicht klar.

Der von Anfang an langweilige, profane Plot wartet mit allerlei Klischees auf bei den psychischen Eigenheiten seiner Figuren, die sich untereinander auf die Nerven gehen – und bald auch dem Leser! Es fehlt ihnen deutlich an Charisma, um sympathisch wirken zu können. Und der in allerlei Rückblenden stocknüchtern erzählten, vorhersehbaren Handlung fehlt es  zudem leider an Humor, was diese Lektüre zu allem Überfluss letztendlich völlig freudlos macht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Eternos

Stefan Leitholds Eternos ist ein verschachtelt gebauter Roman, und gerade daraus bezieht er einen guten Teil seines Reizes. Der Roman, den wir lesen, heißt Eternos. In ihm gibt es den Schriftsteller Richard Kalluff, der ebenfalls einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht hat. Und dieser fiktive Roman wird wiederum von Regisseur Mirko Lossewsky als gleichnamiges Schauspiel auf die Bühne gebracht. Der Text markiert diese Konstruktion ausdrücklich: Lossewsky spricht von Kalluffs neuem Roman und davon, dass dessen Werk als Theaterstück auf die Bühne solle; später sieht der Schauspieler Martin Sterngrad das Plakat: „ETERNOS – Ein Schauspiel nach dem Roman von Richard Kalluff“.

Schon der Prolog zeigt, dass Leithold nicht bloß Theateratmosphäre erzeugen will, sondern Theater als Lebensmacht begreift. Mirko Lossewsky wächst zwischen Schauspielerin-Mutter, Bühnenbildner-Vater und frühem Puppenspiel auf. Der Satz des Vaters, der Künstler befreie das Kunstwerk und dies sei ein schmerzhafter Prozess, klingt wie ein Programm durch den ganzen Roman. Früh verschränken sich hier Kunst, Verwandlung und Gefahr.

Im Zentrum der eigentlichen Handlung steht dann Martin Sterngrad, ein talentierter, aber noch nicht gefestigter Schauspieler. Lossewsky besetzt ihn überraschend als Linus in der Bühnenfassung von Kalluffs Eternos. Von da an beginnt die Grenze zwischen Probe und Wirklichkeit zu zerfließen. Denn Lossewsky will nicht, dass seine Schauspieler bloß spielen. Sein Credo lautet: „Du sollst deine Rolle nicht spielen, du sollst sie werden!“ Damit wird Martin nicht nur Darsteller einer Figur, sondern allmählich ihr Träger.

Hier liegen die stärksten Seiten des Romans. Leithold entwirft die Stadt Eternos mit deutlicher Sinnlichkeit: Palast, Gassen, Bezirke, Brunnen, Unterwelten und Übergänge erscheinen nicht als bloße Dekoration, sondern als Bühnenwelt mit eigener Sogkraft. Martin betritt diese Kulisse und erlebt, dass sie ihren Status als Szenerie verliert. „Willkommen in Eternos!“, sagt Lossewsky – und dieser Satz wirkt wie eine Schwelle. Von nun an wird aus dem Bühnenbild eine zweite Wirklichkeit.

Dass dieser Übergang bedrohlich ist, spricht vor allem Dorothea Manserna aus, die warmherzige Kostüm- und Maskenbildnerin des Romans. Sie warnt Martin, er könne sich auf dieser Bühne verlieren. Auch Martin selbst findet dafür die prägnanteste Formel: „Es wird alles echt!“ In solchen Momenten gewinnt das Buch seine eigentliche Tiefe. Es handelt dann nicht bloß von Theaterzauber, sondern von der Frage, was Kunst mit denen macht, die sich ihr ganz ausliefern.

Zugleich ist Eternos ein poetologischer Roman. Richard Kalluff steht für den Autor, der seine Figuren entwirft und auf ein Ende hin ordnet. Mirko Lossewsky dagegen will diese Verfügung aufbrechen. Er besteht darauf, dass die Zuschauer eben nicht nur das geschriebene, sondern das „wahre Ende“ erleben sollen. In dieser Konstellation verhandelt Leithold den Gegensatz von Literatur und Bühne, von Text und Verkörperung, von Komposition und Kontrollverlust. Das ist gedanklich reizvoll und hebt den Roman über bloße Fantasy hinaus.

Leitholds Sprache liebt das Bedeutungsleuchten, den dunklen Schimmer, die große Geste. Das passt zum Stoff, führt aber gelegentlich zu einer gewissen Überhitzung. Nicht jede Szene müsste in solcher Emphase stehen. Manches wäre stärker, wenn es schlichter gesagt wäre. Auch einige Figuren der Binnenwelt bleiben eher Funktionen eines großen Entwurfs als voll ausgearbeitete Charaktere.

Dennoch ist Eternos ein bemerkenswert eigenständiges Buch. Es nimmt Theater ernst, nicht als Dekor, sondern als riskante Kunstform der Verwandlung. Der Epilog bestätigt den Erfolg der Inszenierung, verändert Martins Schauspielerleben grundlegend und lässt Lossewskys Geheimnis doch bewusst ungelöst. Gerade darin liegt Konsequenz. Ein Roman, der von der Macht der Illusion lebt, darf sein Zentrum nicht restlos entzaubern.

Leitholds Eternos ist ein ambitionierter, bildstarker Theaterroman mit phantastischem Kern. Nicht alles daran ist makellos; manches ist zu viel, manches zu ausdrücklich bedeutungsvoll. Aber das Buch besitzt Sog, Mut und eine unübersehbare Liebe zur Kunst. Das macht es lesenswert.

Wer nach literarischen und ästhetischen Wahlverwandtschaften sucht, mag sich bei Eternos bisweilen an Arthur Schnitzlers Der grüne Kakadu erinnert fühlen, wo Spiel und Wirklichkeit ununterscheidbar ineinanderkippen; an Erin Morgensterns Der Nachtzirkus, dessen künstlich erschaffene Wunderwelt den Besucher nicht bloß umgibt, sondern verschlingt; oder auch an Christopher Nolans Inception, das seine Wirkung aus der raffinierten Verschachtelung mehrerer Realitätsebenen gewinnt. Doch Stefan Leithold variiert diese Motive auf eigene Weise: stärker vom Theater her gedacht, stärker auf Verkörperung, Regie und Identitätsverlust zugespitzt. Wo Schnitzler die Maske gesellschaftlich pointiert, Morgenstern die Kunstwelt märchenhaft verzaubert und Nolan Wirklichkeit als Konstruktion befragt, macht Eternos aus all dem ein düsteres Spiel über die gefährliche Macht der Bühne.


Genre: Roman
Illustrated by Ultraviolett

Mutmacher-Menschen. Schräg. Stark. Außergewöhnlich.

Es gibt Buchtitel, die zunächst Skepsis wecken. „Mutmacher-Menschen“ ist so ein Fall. Das Wort klingt nach Ratgeber, nach guter Absicht, vielleicht sogar nach jener Tonlage, in der das Leben allzu schnell in moralisch brauchbare Lehren zerlegt wird. Umso erfreulicher ist es, dass Marcel Friederichs Buch besser ist, als sein programmatischer Titel zunächst vermuten lässt.

Friederich hat kein Buch über Helden geschrieben. Seine Stärke liegt darin, Menschen nicht zu idealisieren, sondern sie als Menschen ernst zu nehmen: verletzlich, erschöpft, gezeichnet, reflektiert, manchmal tapfer, manchmal müde, oft überraschend pragmatisch. Dass dieses Buch funktioniert, liegt vor allem daran, dass sein Autor nicht von außen auf seine Gesprächspartner blickt. Er bringt seine eigene Geschichte mit.

Friederich lebt seit Geburt mit dem Möbius-Syndrom, einer körperlichen Beeinträchtigung, die sich besonders in seiner Mimik zeigt. Diese biografische Erfahrung verleiht dem Band sein moralisches Zentrum. Hier spricht keiner aus sicherer Beobachterdistanz über „Betroffene“. Hier schreibt einer, der selbst weiß, was es heißt, angestarrt, eingeordnet oder unterschätzt zu werden.

Aus diesem persönlichen Ausgangspunkt entwickelt sich ein Buch, das aus autobiografischen Passagen, Begegnungen und Interviews besteht. Friederich porträtiert sehr unterschiedliche Menschen: Teresa Enke, die für einen offeneren Umgang mit Depressionen kämpft; Thomas Hitzlsperger, der über Homosexualität und Öffentlichkeit spricht; David Dietz, der ohne Hände und mit einem halben Arm eine verblüffende Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Alltag entwickelt hat; die 90-jährige Rosi aus Mainz, die auf Instagram nicht Jugend simuliert, sondern gelebte Zeit in Lebensklugheit verwandelt. Andere Kapitel widmen sich Fehlgeburten, Alopezie, chronischen Erkrankungen, Rollstuhlerfahrung oder psychischer Krise.

Die stärksten Momente dieses Buches sind jene, in denen Friederich nicht bloß Botschaften sammelt, sondern Szenen schafft. Wenn Lilly Fritz auf einem Pferd sitzt und plötzlich nicht mehr nur von unten auf die Welt schaut. Wenn David Dietz mit einem Stift, den er unter seiner Armbanduhr fixiert, schneller auf einer Tastatur tippt als manche mit zehn Fingern. Wenn Teresa Enke am Maschsee erscheint und in einem unaufgeregten Gespräch jene seltene Mischung aus Schmerz und Klarheit spürbar wird, die das Thema psychische Erkrankung dem bloß Symbolischen entreißt. Solche Bilder tragen das Buch. Sie geben ihm Anschaulichkeit und Würde.

Gerade darin liegt die eigentliche Qualität von „Mutmacher-Menschen“: Es will sichtbar machen, ohne auszustellen. Es sucht Nähe, ohne larmoyant zu werden. Und es widerspricht, leise aber beharrlich, jener gesellschaftlichen Gewohnheit, Menschen mit Behinderung, Krankheit oder biografischem Bruch entweder zu bemitleiden oder zu übersehen. Friederich interessiert sich nicht für spektakuläre Ausnahmeexistenzen, sondern für gelebte Wirklichkeit. Sein Thema ist nicht Heldentum, sondern Selbstannahme.

Freilich hat das Buch auch Grenzen. Sein Grundgestus ist so eindeutig auf Ermutigung ausgerichtet, dass manche Kapitel einer wiederkehrenden Dramaturgie folgen: Krise, Erkenntnis, Aufrichtung. Das nimmt der Lektüre bisweilen Reibung. Nicht jede Erfahrung fügt sich so sauber in eine positive Bewegung, wie es die Buchkonzeption nahelegt. Manches bleibt geglättet, manches allzu rasch auf Ermutigung hin zugespitzt. Die Ambivalenz des Lebens, die Zähigkeit des Scheiterns, die lange Dauer von Überforderung dürfen in diesem Buch zwar vorkommen, doch sie bekommen nicht immer denselben Raum wie die Hoffnung.

Stilistisch schreibt Friederich eher klar als kunstvoll. Seine Sprache ist funktional, zugewandt, journalistisch solide, aber selten von besonderer literarischer Eigenwilligkeit. Wo er kommentiert und seine Gesprächspartner ausdrücklich bewundert, kippt der Ton gelegentlich ins allzu Bekräftigende. Vor allem das abschließende „Rezeptbuch“, das die Erfahrungen des Bandes in Wege zu mehr Mut und Selbstwert übersetzt, wirkt nützlicher als literarisch überzeugend. Gerade nach den konkreten, oft berührenden Lebensgeschichten ist diese Verdichtung in Leitsätze die schwächere Form.

Und doch wäre es verfehlt, dieses Buch an Kriterien zu messen, die ihm nur teilweise angemessen sind. Mutmacher-Menschen“ will keine sprachartistische Prosa sein und kein theoretisches Standardwerk über Inklusion, Trauma oder Resilienz. Es ist ein Buch des Gesprächs, der Anteilnahme und der Sichtbarmachung. Sein Wert liegt nicht in formaler Radikalität, sondern in menschlicher Glaubwürdigkeit. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten schnell verhärten und Schwäche gern entweder dramatisiert oder verdrängt wird, setzt Friederich auf eine andere Geste: zuhören, erzählen, enttabuisieren.

Man kann das pathetisch finden. Man kann sich an manchen Wiederholungen stören. Man kann einwenden, dass der Titel das Buch enger macht, als es in seinen besten Momenten ist. All das wäre nicht falsch. Aber ebenso richtig ist: Dieses Buch hat ein offenes Herz und einen klaren sozialen Blick. Es traut seinen Figuren Würde zu. Es spricht über Behinderung, Krankheit, Verlust und Anderssein nicht als Defizite, sondern als Teil menschlicher Erfahrung. Das ist nicht wenig.

Am Ende bleibt der Eindruck eines ernsthaften, warmen und notwendigen Buches. Eines Buches, das dort überzeugt, wo Literatur und Journalismus sich sinnvoll berühren: im genauen Hinsehen auf Leben, die allzu oft an den Rand gedrängt werden.


Illustrated by pinguletta Verlag