Ein Mann mit vielen Talenten

Eine moderne Faust-Persiflage

Castle Freeman, der in Texas geborene, amerikanische Schriftsteller, ist für seine thematisch originellen Romane aus seiner zweiten Heimat, dem Bundesstaat Vermont bekannt. «Ein Mann mit vielen Talenten» gehört zu den vier Titeln, die nicht zu seiner ebenfalls vier Bände umfassenden «Sheriff Lucian Wing»-Reihe gehören. Aber auch der vorliegende, 2022 auf Deutsch erschienene Roman ist wieder im ‹Green Mountain State› im ländlichen Neuengland angesiedelt, wo der Autor seit mehr als vierzig Jahren lebt. Dessen Landschaft inspiriert ihn immer wieder ebenso sehr für seine Romane wie auch dessen schlichte, ungeschliffene Einwohnerschaft. Während in den Feuilletons dieser Roman – immerhin aus dem renommierten Hanser-Verlag – ganz einfach ignoriert wurde, ist die Resonanz beim Lesepublikum so einhellig positiv wie selten. Das liegt wohl einerseits an der den deutschen Lesern wohlbekannten und überaus geschätzten Thematik wie auch an dem köstlichen Humor, mit dem hier so frohgemut erzählt wird.

Der originelle Plot ist in einem einsamen, bewaldeten Tal angesiedelt und hat die Faust-Thematik zum Inhalt. Da gibt es mit Langdon Taft einen dem Alkohol zugeneigten, genügsamen Faust und einen ebenso geheimnisvollen wie eloquenten Besucher namens Dangerfield als Mephisto. Die Beiden schließen einen zeitlich begrenzten Pakt von knapp sieben Monaten, bis zum Columbus Day am 12. Oktober. Der Eigenbrödler Taft steckte in einer tiefen Sinnkrise, als der schneidige Dangerfield urplötzlich bei ihm auftauchte und ihm das berühmte, verführerische Angebot machte. Er hat sich auf den Pakt eingelassen, weil er als pensionierter Lehrer und erfolgloser Schriftsteller ja nichts zu verlieren habe, wie er glaubt, für ihn ist das Leben einfach nur noch langweilig. Als Abgesandter des Teufels hat Dangerfield ihm versprochen, ihm für den vereinbarten Zeitraum alle «Talente» zu verleihen, die er sich nur wünscht. Er dürfe aber mit niemandem über seinen Pakt reden, sonst wäre alles nichtig, was er erreicht oder erworben habe. Dabei geht der Abgesandte des Leibhaftigen natürlich davon aus, dass Taft seine grenzenlosen Möglichkeiten nur für sich selbst nutzen wird.

Kurz danach erzählt ihm sein bester – und einziger – Freund Eli, der ihn fast täglich besucht, von einer armen Familie. Deren Sohn ist seit langem im Krankenhaus und müsste operiert werden, aber sie haben kein Geld, die Rechnungen würden sich bei ihnen schon fünf Zentimeter hoch stapeln. Taft bezahlt kurz entschlossen alle offenen Rechnungen und die erforderliche OP. Als nächstes sorgt er mit Dangerfields Hilfe dafür, dass einem allseits bekannten Schläger und Kriminellen das Handwerk gelegt wird und er spurlos verschwindet. Als er später von einem Jungen hört, der im Schulbus von zwei Schwestern bös gemobbt wird, übernimmt er für einen Tag den Job als Busfahrer und stoppt sofort den Bus, als die Mädchen wie immer mit ihren Schikanen anfangen. Er verwandelt sie in Kröten, was sie ja eigentlich sind, und wirft sie aus dem Bus. Wenig später zieht ihre Familie in eine andere Gegend. Einem smarten Anwalt aus New York, der eine völlig ungerechtfertigte Forderung per Gerichtsbeschluss gegen hilflose alte Leute eintreiben will, legt er das Handwerk, indem er einfach dessen Original-Dokumente aus seinem fernen Büro abholen lässt und vor seinen Augen im Feuer verbrennt. Für diese und weitere guten Taten nutzt er die Hilfe des ziemlich verblüfften Dangerfield.

Mit Prolog und Epilog versehen ist diese von psychologischem Einfühlungs-Vermögen gekennzeichnete Faust-Hommage in einer flüssig lesbaren Sprache geschrieben, die besonders mit ihren vielen äußerst originellen, lakonischen und verblüffend schlagfertigen Dialogen in Alltagssprache glänzt. Die intertextuellen Bezüge zu Goethe spiegeln sich sogar in der Gretchenfrage wieder, hier mit einer toughen jungen Polizistin, und es gibt auch eine leibhaftige Hexe in dieser modernen, zuweilen aber etwas gar zu albern wirkenden Faust-Persiflage.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Eine Frau in New York

Feministische Hommage an Big Apple

Von der 1935 im Stadtteil Bronx geborenen Vivian Gornick ist mit «Eine Frau in New York» erst das zweite Werk aus dem beachtlichen Œuvre der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung auch auf Deutsch erschienen. Die Tochter russisch-jüdischer und kommunistischer Eltern ist hierzulande bisher kaum bekannt, genießt in ihrer Heimat USA aber besonders als vehemente Feministin hohes Ansehen. Beim vorliegenden Band handelt es sich um ein Memoir, also um eine aus der Ich-Perspektive mit literarischen Mitteln des Romans erzählte, non-fiktionale Geschichte mit autobiografischem Hintergrund zu einer ganz bestimmten Thematik. Wie der harmlos scheinende Titel andeutet, geht es hier also explizit um Erfahrungen und Eindrücke einer Frau in dieser Stadt, die niemals schläft. Beim Erscheinen der Original-Ausgabe dieses Memoirs im Jahre 2015 schrieb die New York Times sinniger Weise, es könne wie ein Lebensratgeber gelesen werden.

In skizzenhaften, nur losen verknüpften Szenen und Episoden berichtet Vivian Gornick von ihrem Leben als Schriftstellerin, wobei man schon bald merkt, dass Frausein in diesem städtischen Moloch, ein Schmelztiegel praktisch aller Nationen dieser Welt, ungleich mehr Freiheiten und ganz andere Möglichkeiten eröffnet als anderswo. Die Autorin ist eine ewig Suchende nach sich selbst, sie genießt die unendlich scheinende Freiheit wie ein Lebenselixier. Wobei sie ihre Beobachtungen und Erfahrungen auf langen Fußmärschen macht, die sie mit wildfremden Menschen zusammenführt, unerwartete Begegnungen ermöglicht und zu Gesprächen verleitet, die ihr häufig Informationen aus den Überlebens-Techniken der anderen vermitteln. Dazu gehört als typisches Phänomen auch die permanent ausbrechende Streitbarkeit genervter Großstadtmenschen. Als Frau ohne Bindungen, von zwei kurzen Ehen abgesehen, hat sie alle Freiheiten in dieser Stadt mit ihrem Weltbürgertum, die sie auch sehr bewusst genießt, – und dazu gehört für sie vor allem das wohltuende Alleinsein.

Vivian Gornick erweist sich als Portotyp einer Flaneurin mit wachem Blick, deren stundenlange Spaziergänge durch Big Apple ihr auch diverse Anregungen liefern für ihre schriftstellerische Arbeit. Immer wieder schält sich als Motiv ihrer Streifzüge aber auch die Suche nach Anerkennung und Zuneigung heraus. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie viele Bekanntschaften gemacht, Freundschaften geschlossen und Affären gehabt, die aber alle nur eine begrenzte Zeit angedauert haben. Der Gewinn für den Leser dieses Memoirs liegt in den Schlüssen, die diese blitzgescheite Frau aus ihren permanenten Grübeleien und Selbstreflexionen zieht, und die dann en passant sogar auch noch manche verblüffende Lebensweisheit zu Tage befördern. Die Ich-Erzählerin trifft immer wieder zufällig auf langjährige Freunde und Bekannte, zu denen sie den Kontakt verloren hatte. Und sie lernt auf Dinnerpartys neue Leute kennen und ergeht sich in langen, intellektuell hoch stehenden Gesprächen, bleibt dabei aber immer selbstkritisch in ihrem elitären Umfeld. Ihr langjähriger, wichtigster Gesprächspartner ist Leonard, der sie mit seinen schlagfertigen, oft auch witzigen Repliken häufig überrascht.

Mit dem Fokus auf die Bevölkerung ihrer Stadt schreibt die Autorin eine wahre Eloge auf die bunte Mischung von Menschen mit ihren unterschiedlichsten Temperamenten, deren Stimmen wie ein Hintergrund-Rauschen alles überlagern. Es ist die «Streitbarkeit der Vielfalt», die sich als wahrer Quell der gedanklichen Streifzüge einer radikal feministischen Autorin erweist. In New York habe man permanent den «Geschmack von Welt auf der Zunge», heißt es an einer Stelle. Belebt wird diese narrative Collage ohne Plot durch diverse literarische Anspielungen und Verweise, geschrieben ist sie in einer anspruchsvollen, präzisen Diktion mit Satzgebilden, die wie in Marmor gemeißelt erscheinen und mit dazu beitragen, das Lesen dieser literarischen Neuentdeckung zum reinsten Vergnügen werden zu lassen.

Fazit:   erstklassig

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Genre: Memoir
Illustrated by Penguin

Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen

Gehören Sie auch schon der Selbsthilfegruppe für Ratgeber-Frustrierte an? Soviel vorweg: Ellen Kuhn gibt dafür keinen Anlass. Im Gegenteil.

Der Anteil der sogenannten Ratgeber-Literatur beträgt auf dem deutschen Markt immerhin 10 bis 15 Prozent. Dabei ist die Erfahrungsendlos-Schleife bei diesen Büchern doch eigentlich immer die gleiche: Die Titel versprechen das sofortige Lösen des Problems in Rekordzeit, am besten sogar aller Probleme. Der Weg dorthin ist von Affirmationen im Befehlston gepflastert, die kein Nachdenken und keinen Widerspruch zulassen („Sei Du selbst. Sei die beste Version Deiner selbst. Sorge Dich nicht, lebe. Vergleiche Dich nicht. Sei unvergleichlich. Du musst unbedingt …“ Und unendlich viele mehr). Das empfinden erstaunlich viele Menschen als primär angenehm, da es vordergründig Sicherheit vermittelt, Komplexität reduziert, das Leben also scheinbar einfacher macht. Bis das böse Erwachen folgt – hat doch nichts gebracht. Aber da wartet ja schon der nächste Wunder-Guru mit dem nächsten Ratgeber.

Was für eine Wohltat, wenn man in diesem Szenario ein Buch von Ellen Kuhn in die Hände bekommt.

Nach Ihrem Erfolgsbuch „Erfüllendes Mutterglück oder kinderlose Freiheit – mein Weg zur Entscheidung“ war man schon gespannt, welchem schwierigen, aber immer aktuellen Thema Sie sich – nach einem kurzen Intermezzo über einen Essay-Band – wohl als Nächstes widmen würde. Im Sachbuch „Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen“ bekommt man genau die Ellen Kuhn, die man im ersten Buch so schätzen gelernt hat.

Wer hat sich noch nie mit dem Gefühl konfrontiert gesehen, dass man für manche oder viele um sich herum unsichtbar ist, nicht wahrgenommen wird, egal was man tut? Während anderen die Herzen ohne großes Zutun einfach nur zufliegen. Gesehen werden zu wollen, gehört ohne jeden Zweifel zu den grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen. Viele wissen das, viele leugnen es, viele leiden darunter, viele driften ab in abstruse Verhaltensweisen, nur weil fehlende Anerkennung, fehlende Resonanz, fehlende Spiegelung am Selbstwert und an der gesamten Persönlichkeit zehren. Manchmal Tag um Tag, nicht selten Jahr um Jahr, vielleicht sogar lange Phasen des Lebens. „Wie die Sehnsucht nach Anerkennung unser Selbst formt“ ist folgerichtig ein weiterer Untertitel des Buches.

Erst wenn man dieses Buch liest, erkennt man, wie facettenreich dieser Themenkomplex eigentlich ist. Kuhn geht trotz tiefschürfender Materie mit erfrischender Leichtigkeit zum Beispiel darauf ein, was wir wirklich brauchen, was Applaus und Bewunderung mit uns machen, wie es zu verletzenden und gar toxischen Beziehungen kommen kann, was Lob und Belohnung mit uns machen können, welche Bedeutung soziale Medien in diesem Gefüge haben und wie Liebe und Sex ganz ausgeprägt mit dem Gesehenwerden zusammenhängen können. Und vieles, vieles mehr.

Trotzdem wird das Buch nie langweilig. Das liegt zum einen an der guten Gliederung und Proportionierung und vor allem auch an den immer wieder eingestreuten Berichten von Betroffenen, in denen man sich mehr als einmal wiederfindet. Und an den Fragen, mit denen sie ihre Leserschaft direkt einbindet. Sogar kurze Ausflüge in die dazugehörigen Aspekte der Philosophie (einschließlich fernöstlicher Perspektiven wie des Konfuzianismus, des Daoismus und des Zen-Buddhismus) und der Psychotherapie wirken nie trocken, sondern immer stimmig und zusätzlich erhellend.

„Das Thema ist komplex, vielschichtig und oft widersprüchlich. Eine einfache Antwort würde ihm nicht gerecht“, schreibt die Autorin in ihrer Einleitung.

Wenn man ihr Buch gelesen hat, hat man durch den Reflexionsprozess, den Kuhn mit Ansage intendiert, vielleicht noch nicht alle Probleme gelöst. Aber man ist sich selbst ein großes Stück näher gekommen.


Genre: Sachbuch
Illustrated by tredition

Ökonomie der Angst

Selbst Theodor Roosevelt, der amerikanische Präsident (1901-1909) nachdem auch der Teddybär benannt wurde, sah sich einer Nervenkrankheit ausgesetzt, die damals, 1869, als Neurasthenie und von dem Psychologen William James gar als “Americanitis” bezeichnet wurde, ausgesetzt. Die Nervenstörung – heute als Born-Out identifiziert – war wohl der Ersten Turboglobalisierung geschuldet, das damalige Zentrum: London.

Eine Überforderung durch “Americanitis”?

Die Zweite Turboglobalisierung, in deren Mitte wir uns heute laut Autor befinden, hat als Zentrum natürlich New York und die Wall Street, wo alle Aktiengeschäfte der Welt zusammenlaufen. Dafür, für die dadurch ausgelösten Krisen und Ängste, wurde auch der Begriff “Globophobia” geprägt. Im Zentrum der Angst steht der Verlust des Arbeitsplatzes und die Verlagerung industrieller Produktion in Billiglohnländer. Aber viel schwerer wiegt wohl noch die Unterhöhlung der parlamentarischen Demokratie, die heutzutage selbst in ihrem Mutterland stark angefochten wird. Wer die USA nicht als solches bezeichnen möchte, sondern Frankreich, stößt auf dasselbe Problem: auch hier ist die russlandfreundliche Recht auf dem Vormarsch, ebenso in Ländern wie Ungarn, Slowakei, Tschechien und demnächst vielleicht auch wieder Österreich? Das reich bebilderte Essay von Oliver Rathkolb, langjähriger Professor und Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte in Wien, zeigt in seinem neuen Buch Parallelen und Unterschiede zwischen der Ersten und Zweiten Turboglobalisierung auf. Während die Erste auf “der Ausbeutung der Kolonien mittels Sklavenwirtschaft bis weit in das 19. Jahrhundert hinein” (12 Millionen verschleppte Sklaven) beruhte, sei die Zweite Turboglobalisierung vor allem durch New Media et al und das Zurückfallen Europas gekennzeichnet. Das Grundproblem Euroas hatte schon der Reiseschriftsteller Mark Twain richtig erkannt: “starre autoritäre politische Strukturen, wenig Risikokapital und eine sehr verspätete und langwierig bürokratische Patentgesetzgebung, die es in den USA bereits seit 1790 gab.

Nichts weniger als die Zukunft Europas

Dieses Hinterherhinken Europas wurde besonders im Internetzeitalter schlagend, in dem selbst asiatische Staaten Europa links liegen ließen. Auch der “demographische Abstieg” Europas, der nur durch kontrollierte Migration gelöst werden könnte, spielt natürlich eine Rolle. Dass ausgerechnet die Sozialdemokratie zum willigen Vollstrecker der Zerschlagung des Sozialstaates und damit zu Agenten des Neoliberalismus wurde (Blair, Schröder, etc.), tragen ihr die Wähler:innen bis heute noch und erklärt ihre Misere und den Vormarsch rechter Parteien und ihres Wir-zuerst-Nationalismus. Das Bild das Europa heute, mitten in der Digitalen Revolution biete, sei dementsprechend gleichzeitig “ernüchternd und erschreckend“, so Rathkolb. “Weder im ökonomischen Bereich noch in der politischen Kontrolle hat sie die EU durchsetzen können und hängt völlig von US-Konzernen ab. Die Europäer sind zu einem Konsumenten geschrumpft (…).” Dabei wären unsere Voraussetzungen gar nicht so schlecht. Mit 4,3 Millionen Quadratkilometer im Vergleich zu USA und China zwar das kleinste Territorium (Russland hat 17,1) ist Europa mit einer Bevölkerung von 451 Menschen neben Indien (1,64 Mrd) und China (1,41 Mrd) ein absoluter Spitzenreiter. Das BIP mit 16,8 Mrd gegenüber dem der USA mit 27,7 Mrd zwar etwas bescheiden, aber im Vergleich zum schwachen Russland mit 2,02 Mrd, doch überragend. Wirtschaftlich eine Großmacht, ein Riese, aber politisch eben weiterhin ein Zwerg. Rathkolbs Hoffnung für Europa liegt für ihn “eindeutig im Globalen Süden“, aber auch eine wertorientierte Außenpolitik, die auf demokratiepolitischen Standards und der Einhaltung der Menschenrechte basiert, sind vielsprechend. Denn diese Leerstelle hat die USA gerade abgegeben.

Alle Zahlen wurden aus dem Buch übernommen. Aufgrund des sehr weit gefassten Themas ergeben sich zwar gewisse thematische Unschärfen, aber dennoch ist der Grundtenor gut getroffen: ein Aufruf an die europäischen Eliten mehr Innovation zu ermöglichen, um “den starken Mann” doch noch zu verhindern und eine Wiederholung der Geschichte von vor 100 Jahren zu verhindern. Die Überforderung durch das Internet (oder eine neue “Americanitis”) sollte den Ruf nach einem starken Mann der Ordnung macht im Chaos nicht noch lauter werden lassen…

Oliver Rathkolb
Ökonomie der Angst
Die Rückkehr des nervösen Zeitalters
2025, Hardcover, 304 Seiten
ISBN:9783222151538
Molden Verlag
€ 33,00


Genre: Geschichte, Kapitalismus, Politik und Gesellschaft
Illustrated by Molden

Demon Copperhead

Der Begriff „Remake“ ist vor allem in Zusammenhang mit Neuverfilmungen älterer, irgendwann bereits verfilmter Stoffe geläufig. In der Musik ist die Neuinterpretation vergangener Hits auch gang und gäbe, manche nennen es auch Covern. Aber das gibt es auch in der Literatur. Und man kann dafür sogar einen Pulitzer-Preis gewinnen.

So geschehen bei Barbara Kingsolver. Die renommierte US-Schriftstellerin lebt und arbeitet auf der eigenen Farm in Washington County, Virginia. Obwohl sie hauptberuflich Autorin ist, betreibt sie den Hof aktiv. So sagt man. In Ihren Werken scheut sie sich nicht, mit dem Finger auf vordringliche gesellschaftliche Probleme zu zeigen, wie ungleichen gesellschaftlichen Wandel, mangelhafte politische Verantwortung, gestörte Verbindung zwischen Mensch und Natur und fehlende soziale Gerechtigkeit.

Kingsolvers Roman ist eine moderne Nacherzählung von Charles Dickens’ Klassiker „David Copperfield“. Während Dickens im viktorianischen England spielt, versetzt Kingsolver die Geschichte in die USA von heute und thematisiert unter anderem Pflegekinderschicksale, oft unverschuldete Opioidabhängigkeit, inter- und intrafamiliäre Konflikte und das Leben am Rand der Gesellschaft.

Auf ihrer Farm hat die Autorin neben Ackerbau und Viehzucht offensichtlich viel Zeit zum Schreiben. Die Geschichte von Demon Copperfield – der eigentlich Damon Fields heißt (zu deutsch „Felder“!) – erstreckt sich über stattliche 864 Seiten oder 2,2 MB. Also schon einmal eine gute Investition, da es viel Buch fürs Geld gibt.

Und es läuft eine ganze Weile auch richtig gut.

Es ist in weiten Teilen des Buches beeindruckend, wie die siebzigjährige Schriftstellerin keine Mühe hat, sich in das Denken und die Ausdrucksweise eines vielleicht acht- bis zwölfjährigen Jungen hineinzuversetzen. Der Underdog-Slang ist maximal authentisch, vielleicht mit einer leichten Beimischung Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als Leser fühlt man sich direkt angesprochen, als wäre man Demon’s gleichaltriger Kumpel. Und das ist beim Lesen ohne Zweifel eine ganze Weile „verdammt nochmal voll cool, Mann …“. Vielleicht hat die Autorin in ihrer Jugend mal ein paar Jahre in der Bronx verbracht.

Mit dem Heranwachsen des Protagonisten ändert sich nicht nur der Stil des Buches, sondern die Story wird spürbar langatmiger und langweiliger. Die Sprache wird reifer und erwachsener. Leider schleichen sich auch die ein oder anderen sachlichen Fehler ein. Vor allem bei medizinischen Aspekten hat Kingsolver schlecht recherchiert. Die Versorgung einer akuten Knieverletzung ist ebenso falsch dargestellt wie die Gewinnung injizierbaren Fentanyls aus den gleichnamigen Pflastern. Gut dagegen hat sie ausgeführt, wie der unkritische Einsatz morphinähnlicher Schmerzmittel viele Menschen über Jahrzehnte in die Drogenabhängigkeit trieb. Und vielleicht noch treibt.

Gibt es eine Message to take home? Ist man als Kind einer drogenabhängigen Mutter wirklich ohne Perspektive, zur Ausweglosigkeit verdammt? Zieht sich Janis Joplins „Nothing Left to Lose“ wirklich unabdingbar durch das ganze, verdammte Leben, Mann? Oder hat Demon seine Chancen, die es durchaus gab, einfach nicht genutzt? Oder war er aufgrund seiner Startvoraussetzungen dazu einfach nicht in der Lage?

Obwohl das niemand propagiert, scheint das Buch von Barbara Kingsolver vor allem an Adoleszente adressiert zu sein. Aber dafür ein Pulitzer-Preis? Ein Fleißkärtchen wäre auch ok gewesen.


Genre: Belletristik, Erzählung, Gesellschaftsroman, Roman
Illustrated by dtv

Pizza Girl

Hommage an eine Außenseiterin

Unter dem Titel «Pizza Girl» hat die junge amerikanische Schriftstellerin, deren Mutter aus Korea stammt, auf Anhieb einen Debütroman geschrieben, der in den USA in bestimmten Leserschichten sehr erfolgreich war. Es ist die in Los Angeles angesiedelte Coming-of-Age-Geschichte einer 18jährigen Pizza-Fahrerin aus der unteren Gesellschaftsschicht, die sich tapfer und unverdrossen durch ein wenig erfreuliches Leben schlägt, immer auf der Suche nach ihrer wahren Bestimmung.

Jane ist von Billy schwanger, ihrem liebevollen Freund, der sich, wie auch ihre Mutter, riesig freut auf das Baby und einen in Aussicht stehenden, für ihn interessanten und auch lukrativen Job weit entfernt ausschlagen will, weil er dann sein Kind nicht würde aufwachsen sehen. Ihr innig geliebter Vater hat sich in dem stets verschlossenen Schuppen neben dem Haus buchstäblich zu Tode gesoffen, er starb vor rund einem Jahr. Jane hat damals die Schule abgebrochen, den erstbesten Gelegenheits-Job angenommen und lebt seither ziellos in den Tag hinein. Mit dem alten Ford Festiva des Vaters fährt sie für eine Pizza-Bäckerei in einem Vorort von L.A. die telefonisch bestellten Pizzas aus. Eigentlich kann sie ganz gut davon leben, denn sie bekommt zusätzlich auch öfter Trinkgeld. Aber sie ist unglücklich mit diesem Job und sieht auch keine Perspektiven für sich, die Tage rauschen nur so an ihr vorbei, einer wie der andere. Allerdings ist diese Arbeit für sie aber auch eine willkommene Gelegenheit für eine Flucht von zuhause, weg von ihrer Mutter, die sie mit ihrer Liebe und Fürsorge geradezu erdrückt. Und auch Billy, der Erzeuger ihres ungeborenen Kindes, der mit ihr und der Mutter unter einem Dach lebt, freut sich über die Maßen, Vater zu werden, erschreckt sie damit aber sehr, denn sie freut sich gar nicht. Er und die Mutter haben leider nur noch ein Thema, das Baby. Jane kann diese überschwängliche Freude partout nicht nachvollziehen, sie hat keinerlei emotionale Bindung an das ungeborene Kind, das ihren Bauch nun immer mehr anschwellen lässt.

Die Eltern von Billy sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jane hat ihn dann bei in einer Trauergruppe kennen gelernt, die in solchen Fällen über den erlittenen Verlust hinweg helfen soll. Aber sie beide konnten nicht weinen über den Verlust, eine Gemeinsamkeit, die sie letztendlich zusammen brachte, – sie verliebten sich ineinander. Durch ihre Tätigkeit kommt Jane mit vielen Menschen zusammen und kann einen kurzen Blick in deren Wohnungen werfen, wobei viele kurze Eindrücke zurückbleiben, die ihre Phantasie beflügeln. Aber sie sieht eben das, was sie sehen will dabei. Das sympathische Paar zum Beispiel, das ihr jedes Mal eng umschlugen wie Frischverliebte die Tür aufmacht und das sie darum sehr beneidet. Aber der Schein trügt, denn der Mann schlägt seine Frau, wie sich dann herausstellt, ihr liebevolles Gehabe an der Tür ist nur Fassade. Eine für den Plot maßgebliche Bekanntschaft macht Jane, als eine Kundin eine Salami-Pizza mit Gürkchen bestellt. Da diese Variante so nicht lieferbar ist, fährt Jane kurz entschlossen zum Supermarkt und kauft ein Glas saure Gürkchen. Und die zwanzig Jahre ältere Frau merkt sofort, dass Jane schwanger ist. Jenny ist denn auch die Erste, die ihr auf den Kopf zu sagt: «Du bist nicht gerade begeistert».

Die von nun ab wöchentliche Begegnung mit Jenny entwickelt sich für Jane zur Obsession, sie verliebt sich in die Kundin und denkt fortan sogar an sie, wenn sie Sex mit Bobby hat. Aber auch hier trügt der Schein, auch Jennys Leben ist nicht perfekt, – sie müsste ihren Mann verlassen, um glücklich zu sein, folgert Jane. Die amerikanisch locker erzählte, dialogreiche Geschichte ist mit einem fein dosierten Humor gewürzt, wobei der Fokus leider allzu einseitig auf die Protagonistin gerichtet ist, gegen die die anderen Figuren geradezu verblassen. Als gelungene Hommage an eine sympathische Außenseiterin lässt dieser banale Roman leider Motive wie beispielsweise die Trauer fast ungenutzt, es fehlt ihm doch allzu oft an psychologischer Tiefe.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kampa Verlag Zürich

Können Sie mich sehen?

Martin Suters „Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice“ möchte an jene Disziplin anschließen, in der sein Autor lange nahezu konkurrenzlos war: die kunstvolle Kleinform der satirischen Büroprosa. Wieder geht es um das Personal der gehobenen Arbeitswelt — um CEOs, Bereichsleiter, Aufsteiger, Statusgläubige und jene mittlere Managementkaste, die sich mit bewundernswerter Verbissenheit für unentbehrlich hält. Das Milieu ist Suter nach wie vor vertraut. Nur: Vertrautheit allein ist noch keine literarische Frische.

Der Band versammelt Miniaturen aus der Welt der Arbeitsrituale, Hierarchiegesten und sprachlichen Selbstveredelungen. Homeoffice, Maskenzeit, Selbstoptimierung, Anglizismen, Karrierepose und soziale Verkrampfung bilden das Material. Man erkennt sofort den alten Suter: den genauen Beobachter jener Menschen, die sich mit großer Ernsthaftigkeit in Rollen eingerichtet haben, deren Lächerlichkeit sie selbst nicht bemerken. Auch diesmal verfügt er über das feine Ohr für das Idiom des Managements, für die hohle Eleganz seiner Floskeln, für den Hochglanzton einer Welt, die jeden simplen Vorgang mit Wichtigkeit auflädt.

Und doch bleibt die Lektüre merkwürdig unerquicklich. Denn was früher leicht, präzise und böse wirkte, erscheint hier oft wie die routinierte Wiederholung einer bewährten Methode. Viele Texte folgen demselben Bewegungsmuster: Ein Funktionsträger nimmt eine neue Verhaltensregel, ein modernes Führungsritual oder eine sprachliche Mode todernst; daraus entsteht eine kleine Schieflage, am Ende eine kalkulierte Bloßstellung. Das ist handwerklich sauber, aber selten überraschend. Die Pointen kommen zuverlässig, nur treffen sie zu oft ins Leere.

Gerade dort, wo das Buch besonders gegenwartsnah sein will, zeigt sich seine Schwäche. Die Texte über Homeoffice, Distanzregeln, Masken, digitale Sichtbarkeit und neue Coolness-Gebote besitzen zwar Wiedererkennungswert, aber nur selten Verwandlungskraft. Suter registriert Verhaltensformen; er hebt sie jedoch nicht immer auf jene Ebene, auf der aus Beobachtung Literatur wird. Vieles bleibt Skizze, manches bloß Einfall. Das Komische erschöpft sich dann im Achselzucken über bekannte Büroabsurditäten, wo man sich eigentlich Schärfe, Fallhöhe oder wenigstens einen wirklich treffsicheren Stich wünschen würde.

Hinzu kommt, dass die Figuren oft nicht mehr als Träger einer Pointe sind. Sie haben Namen, Statussymbole, Marotten und sorgfältig lackierte Oberflächen, aber nur selten innere Kontur. Dadurch verflüchtigt sich auch die Satire: Was nicht mehr als Figur glaubhaft wird, kann schwerlich als gesellschaftlicher Typus nachhallen. Die Welt der Business Class erscheint hier weniger als scharf gezeichnetes System denn als Ansammlung von Schablonen, die in immer neuen Variationen dasselbe Personal vorführen.

Das ist deshalb bedauerlich, weil Suter sein Handwerk unverkennbar beherrscht. Seine Sätze sind geschmeidig, sein Timing ist intakt, sein Blick für die Eitelkeiten des gehobenen Erwerbslebens keineswegs erloschen. Man spürt immer wieder, dass er Witz, Rhythmus und Beobachtungsgabe nach wie vor besitzt. Aber gerade deshalb enttäuscht dieses Buch: Nicht weil es völlig misslungen wäre, sondern weil es so deutlich unter dem Niveau seiner Möglichkeiten bleibt.

„Können Sie mich sehen?“ hinterlässt am Ende den Eindruck eines Buches, das auf den Glanz einer alten Form vertraut, ohne ihr noch einmal neue Spannung zu geben. Es ist elegant geschrieben, gewandt gebaut und in Momenten durchaus amüsant — aber zu oft auch mechanisch, vorhersehbar und seltsam aus der Zeit gefallen. Die Welt, die es verspottet, ist voller Aufsteigerphantasien; literarisch jedoch steigt dieser Band nicht auf, sondern sinkt eher eine Klasse tiefer.


Genre: Erzählungen, Kolumnen, Miniaturen
Illustrated by Diogenes

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose

Winfried Ripp erzählt in Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose die Geschichte einer Institution, die im Berlin des Kaiserreichs für ein anderes Verständnis von Fürsorge stand. Sein Gegenstand ist der 1868 gegründete Berliner Asyl-Verein, der wohnungs- und obdachlosen Menschen Schutz bot, ohne sie zu registrieren, zu moralisieren oder zur Arbeit zu zwingen. Das Buch verfolgt die Entwicklung dieses Vereins von den sozialen Ursachen der Obdachlosigkeit über Gründung, Ausbau und Alltag der Asyle bis zu den Kampagnen seiner Gegner, vor allem Friedrich von Bodelschwinghs, und zum späteren Niedergang des Projekts.

 

Ripp schreibt keine bloße Vereinschronik, sondern eine Sozialgeschichte der Ausgrenzung – und der Gegenwehr. Die Stärke seiner Studie liegt in ihrer Klarheit des Gegenstands und in ihrer archivalischen Dichte. Der Autor stützt sich auf Vereinsbestände, staatliche Archive, Materialien aus Bethel sowie auf zeitgenössische Fach- und Tagespresse; ausführliche Originalzitate setzt er bewusst ein, um Denkweisen und Interessenlagen sichtbar zu machen. Das verleiht dem Band ein hohes Maß an Anschaulichkeit.

 

Man liest hier nicht nur von Institutionen, sondern von konkurrierenden Menschenbildern: auf der einen Seite ein Verständnis von Hilfe, das Obdachlose als Menschen in Not begreift, auf der anderen ein System der Kontrolle, Disziplinierung und moralischen Prüfung. Gerade in dieser Zuspitzung wird deutlich, warum das Buch über sein historisches Thema hinausweist.

 

Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen Ripp die Prinzipien des Asyl-Vereins konkret werden lässt. Dessen Kern war die Wahrung der Anonymität: keine namentliche Erfassung, keine Polizeikontrollen, kein Auftreten als Richter über „Schuld“ und „Unschuld“. Hilfe sollte schnell, unbürokratisch und würdeschonend erfolgen.

 

Dass dies nicht nur ein humanitärer Anspruch blieb, zeigt Ripp am Beispiel der „Wiesenburg“, die er als baulich, hygienisch und organisatorisch überlegenes Gegenmodell zum städtischen Obdach „Palme“ beschreibt: hellere und sauberere Räume, bessere Betten, geordnetere Verpflegung, insgesamt ein weniger entwürdigendes Umfeld.

 

Gerade hier gewinnt das Buch seine größte Überzeugungskraft, weil es zeigt, dass Sozialpolitik sich auch in Architektur, Hausordnung und Alltagsdetails entscheidet. Zwar dient Ripps große Materialtreue nicht immer der Eleganz der Darstellung, doch die Fülle der Quellen macht den Band autoritativ. In seinen Darlegungen lässt der Autor seine Sympathie für den Asyl-Verein und seine Distanz zu Bodelschwinghs Modell sehr deutlich erkennen. Das ist sachlich oft gut begründet, gelegentlich aber stärker engagiert als analytisch austariert.

 

Gerade darin liegt jedoch auch der Nutzen des Buches. Der Autor macht sichtbar, dass die Geschichte der Obdachlosigkeit keine Randnotiz urbaner Elendsgeschichte ist, sondern ein Prüfstein moderner Gesellschaften: Wie wird geholfen, unter welchen Bedingungen – und mit welchem Bild vom Menschen? Der umfangreiche Anhang mit Nutzungszahlen, Zeittafel, Quellen, Literatur und Personenregister unterstreicht zudem den dokumentarischen Wert der Arbeit.

 

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose ist ein materialreiches, verdienstvolles und in seiner Tendenz bewusst streitbares Buch, das historische Forschung, Berliner Stadtgeschichte und aktuelle Debatten über Wohnungslosigkeit produktiv miteinander verbindet.

 


Genre: Berliner Geschichte, Sachbuch, Sozialgeschichte
Illustrated by Metropol

Huris

Allen Drohungen zum Trotz

Für seinen im Jahre 2025 auf Deutsch erschienenen, dritten Roman «Huris» erhielt der in Algerien geborene und 2020 in Frankreich eingebürgerte Schriftsteller Kamel Daoud als erster algerisch-stämmiger Autor den Prix Goncourt. Er zählt in Frankreich zu den maßgebenden zeitgenössischen Autoren und ist für seine harsche Kritik am Islam bekannt, auch was dessen latente Frauenfeindlichkeit anbelangt. Der intellektuelle Autor wurde deshalb, ähnlich wie sein inhaftierter Landsmann Boualem Sansal, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, vor allem aber in seinem Heimatland mit Drohungen, Klagen und Prozessen überzogen. Der vorliegende Roman ist in Algerien natürlich verboten, er verstößt gegen Artikel 46 der «Charta für Frieden und nationale Versöhnung», aus dem Daoud im Vorspann ausführlich zitiert. Darin werden Verstöße gegen das Schweigegebot über den Bürgerkrieg ausdrücklich unter Strafe gestellt. Der Buchtitel bezieht sich übrigens auf die großäugigen, verführerischen Jungfrauen, die den islamischen Märtyrer, als Belohnung quasi, im Jenseits erwarten, als lebendes Geschenk, als Sache also, – frauenfeindlicher geht es wohl kaum!

Dieser Roman ist ein Fanal gegen die Grausamkeiten des Bürgerkriegs 1992-2002 in Algerien, dem so genannten «Finsteren Jahrzehnt». Protagonistin des Romans ist die 26jährige «Aube», was «Morgendämmerung» bedeutet. Sie erzählt aus ihrer speziellen Perspektive als Opfer einer Gewalttat von islamistischen Milizen quasi mit zwei Stimmen, mit einer durch ihre schlimme Verletzung am Hals kaum hörbaren äußern und einer umso deutlicheren inneren Stimme. Sie kann deshalb auch keine feste Nahrung aufnehmen, ihre Mutter aber versucht alles und bereist die ganze Welt in dem Glauben an ein medizinisches Wunder. Jetzt ist Aube schwanger, der Vater des Kindes ist ein Fischer, der sich nach Europa abgesetzt hat. Sie traut sich nicht, es ihrer Mutter zu sagen, denn sie ist fest dazu entschlossen, die in ihr heranwachsende Tochter vor dieser von Männern beherrschten Welt zu bewahren, – die dafür erforderlichen Abtreibungspillen hat sie sich bereits besorgt.

In weiten Teilen stilistisch als innere Rede angelegt, beginnt Aube in diesem Roman mit einer an ihr ungeborenes Kind gerichteter Stimme zu erzählen, was sie alles erlebt und wahrgenommen hat in ihrem Leben. Sie betreibt einen Friseursalon in der Küstenstadt Oran, der ihr einige Freiheiten beschert, wenn sie den Frauen mit neuer Frisur zu Attraktivität verhilft. Sie suchen bei ihr aber zuweilen auch Zuflucht vor Missachtung, Ungerechtigkeit und Gewalt der Männer. Denn die Stellung der Frauen innerhalb der algerischen Gesellschaft ist nach wie vor prekär, sie werden sogar als Schandfleck wahrgenommen von den muslimischen Machos. Dem Imam der gegenüber gelegenen Moschee ist ihr Salon ein Dorn im Auge wegen der bei ihr herrschenden, liberalen Gesinnung, dem das frauenfeindliche, strenge Reglement der Moslems bekanntermaßen unversöhnlich gegenüber steht. Aube wird am Tag des großen Opferfestes an einer Autobahn von zwei Männern ausgeraubt und danach von einem freiheitlich denkenden Buchhändler aufgegabelt. Die junge Frau ist verzweifelt: «Ich bin jetzt eine Herumtreiberin, eine Landstreicherin. Ideale Beute für Männer in diesem Land, die von Jungfrauen und immerwährenden Entjungferungen träumen. Eine Frau, die keinem Mann gehört, nicht ihrem Vater, ihrem Bruder, ihrem Gatten, nicht einmal ihrem Sohn, wird ‹Herumtreiberin› genannt. Die Männer sagen, sie sei ein unbebautes Gelände».

Der ebenso tabulose wie schockierende Plot dieses mit diversen Zeitsprüngen recht ausufernd erzählten, arabeskenreichen Romans kreist um die spannende Frage, wie sich die innerlich zerrissene Aube letztendlich entscheidet, wohin ihre tastende, existentielle Sinnsuche sie denn führen wird. Kernthema allerdings ist das Erinnern an Zeiten eines lang andauernden Schreckens, dem der Autor sich hier unbeirrt angenommen hat, allen Drohungen zum Trotz.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

Die Heilung von Luzon

 Unerfüllte Erwartungen

Der neue Roman von Karl-Heinz Ott mit dem deskriptiven Titel «Die Heilung auf Luzon» ist ein psychologisch raffiniertes Spiel mit den Ängsten und Problemen zweier Paare, von denen jeweils einer der Partner unheilbar erkrankt ist. Nachdem die Schulmedizin ihnen keine Aussicht mehr auf Heilung attestieren kann, setzen sie nun ihre letzte Hoffnung auf den Wunderheiler Bon Sato, einer der bekanntesten fernöstlichen Schamanen, der in Baguio lebt, einem der prominenten Orte in den Kordilleren auf Luzon, wo auch die Staatspräsidentin ein repräsentatives Anwesen besitzt.

Nach einem sechzehnstündigen Flug mit Zwischenstopp in Hongkong kommt ein Berliner Ehepaar erschöpft in Manila an, wo sie ein Taxifahrer erwartet, der sie zum Hotel fährt, um sie am nächsten Tag dann zu ihrem Resort auf Luzon zu bringen. Der egozentrische, 55jährige Bock, einst ein bekannter Theaterregisseur von der Sorte ‹Kotzbrocken›, ist an Krebs erkrankt, ein Berserker ohne Kraft nur noch, er setzt nun seine letzte Hoffnung auf Bon Sato. Begleitet wird er von Gela, seiner zehn Jahre jüngeren Frau, die schon lange mit ihm verheiratet ist, viel in ihrem Leben für ihn geopfert hat, nun aber zunehmend unter seinen Launen und Wutanfällen leidet und sehr bedauert, dass sie ihn nicht schon längst verlassen hat, – jetzt scheint es ihr zu spät dafür. Bei einem zweiten Berliner Paar Ende vierzig ist es die experimentierfreudige, lebenslustige Rikka, die unheilbar am Krebs erkrankt ist und auf ein Wunder hofft. Tom, ihr Mann, arbeitet ohne inneren Antrieb als Lehrer für Deutsch und Ethik. Er befindet sich in einer veritablen Midlife-Crisis, in einem andauernden, inneren Aufruhr, der ihn niederdrückt und verzweifeln lässt. Denn im Grunde will er nur einfach der wieder sei, der er mal war, er hadert also mit den verpassten Chancen in seinem immer banaler und eintöniger gewordenen Leben, wobei er einseitig seiner eher labilen Frau die Schuld dafür gibt. Rikka hatte nach ihrem ziemlich wilden Leben in dem ruhigen, soliden Tom einen Ruhepol gefunden, bis dann eine Fehlgeburt der Grund war für alles Unglück und die schwelenden Probleme ihrer Beziehung.

Zeitlich ist diese Geschichte in der Osterzeit des Jahres 2004 angesiedelt, was sich in den Schilderungen der armseligen Hütten, Bauruinen und primitiven Elektrokabel widerspiegelt, wo es damals von Bettlern wimmelte und man, als Europäer total entsetzt, plötzlich in Manila auf der Straße sogar Leprakranken begegnen konnte. Andererseits ist man damals aber auch noch nicht von Touristen-Schwärmen umzingelt, der Strand ist paradiesisch leer. Tom sagt, er fühle sich hier wie in der Südsee, – letztendlich aber sind sie ja nicht auf Urlaub hier! Vierzehn Tage lang werden sie jetzt nämlich jeden Tag zu dem Wunderheiler kutschiert, der in einer voodooartigen, viertelstündigen Zeremonie vor Publikum angeblich das Schlechte aus den Kranken herausholt, wofür Bon Sato vorab eintausend Dollar in bar kassiert hat. In den 18 Kapiteln des Romans wird aus wechselnder Perspektive der vier Protagonisten von deren Vergangenheit erzählt, von den Verwerfungen und verpassten Chancen in ihrem Leben. Nach und nach setzt schließlich bei den beiden Kranken eine Schicksals-Ergebenheit ein, für ihre beiden Partner aber deutet sich vage eine Hoffnung auf ein spätes Glück ein.

Krankheit und Tod sind die vermeintlich großen Themen dieses Romans, seine eigentliche Thematik besteht aber im Zwischen-Menschlichen unter den extremen Bedingungen des unabweisbar nahen Todes. Es ist ja nicht so, dass der nicht betroffene Partner zum Heiligen wird in solcher Situation. Gela bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, sie erschrecke die Vorstellung, «… noch weitere Jahre an der Seite eines Kranken zu verbringen, von dem sie sich schon lange trennen wollte». Das psychologische Experimentierfeld dieses Romans voller Klischees und Wiederholungen wirft immer wieder die gleichen Fragen auf und läuft schließlich auf das vom Leser vorab erwartete Ende hinaus. Es ist nicht die begrenzte Lebenszeit, die sich im Roman als Problem erweist, im Fokus stehen hier die unerfüllten Erwartungen seiner Protagonisten.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Der alte Zausel oder Was ist Wahrheit?

Es gehört zu den bittersten Erfahrungen eines Lebens, irgendwann erkennen zu müssen, die falschen Menschen für die richtigen gehalten zu haben – und zugleich zu begreifen, wie weit Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Noch bitterer wird diese Einsicht, wenn die Hoffnung dennoch nicht stirbt, die Schere zwischen beiden könne sich eines Tages wieder schließen. In dieser Spannung bewegt sich das Leben des 1940 geborenen Ludwig Zaumseil, dessen Biografie Ulrich Völkel in seinem Roman „Der alte Zausel“ mosaikartig und eindringlich erzählt.

Völkel schildert die Entwicklung eines ehrgeizigen jungen Mannes, der von der sozialistischen Idee überzeugt ist und seine Begabung in den Dienst des neuen Staates stellt. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften geht Zaumseil nach Rügen, in die „weiße Stadt am Meer“, wo er zum jüngsten Chefdramaturgen der DDR aufsteigt. Seine Karriere verläuft zunächst steil: Auszeichnungen, SED-Mitgliedschaft, Funktionärslaufbahn, Aussicht auf den Intendantenposten. Dazu kommen Privilegien, die in der DDR nicht selbstverständlich sind – eine begehrte Wohnung, direkte Zugänge zu politischen Entscheidungsträgern, gesellschaftliches Ansehen. Dass er sich zugleich als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit verdingen lässt und sogar einen systemkritischen Freund verrät, gehört zur dunklen Seite dieses Aufstiegs.

Gerade darin liegt eine Stärke des Romans: Völkel zeichnet keinen eindimensionalen Täter und keinen makellosen Helden, sondern eine widersprüchliche Figur, die sich in einem System bewegt, das Loyalität belohnt und Zweifel sanktioniert. Hinter der glatten Fassade des Parteigängers treten immer wieder menschliche Züge hervor. So hilft Zaumseil einem Ehepaar, dessen Sohn nach dem Mauerbau auf der Flucht nach Westberlin erschossen wurde, indem er heimlich Briefe an dessen schwangere Verlobte schreibt. Die Großmutter möchte ihren Enkel sehen – ein Wunsch, der an der hermetischen Grenze scheitert. Solche Szenen verleihen dem Roman emotionale Tiefe und zeigen, wie politische Systeme in das Intimste menschlicher Beziehungen eingreifen.

Zunehmend stößt Zaumseil auf Widersprüche zwischen dem moralischen Anspruch des Sozialismus und der gelebten Realität. Besonders prägnant ist eine Episode aus dem Umfeld der Volkskammerwahlen, bei denen er als Helfer eingesetzt wird und feststellen muss, dass die triumphalen Wahlergebnisse der SED teilweise manipuliert sind. Spätestens hier rückt die Frage nach subjektiver und objektiver Wahrheit ins Zentrum des Romans – und mit ihr die Frage, wie lange man an ein System glauben kann, dessen Praxis seine eigenen Ideale dementiert.

Auch auf ästhetisch-kulturpolitischer Ebene wird dieser Konflikt sichtbar. Zaumseil verliebt sich in die Enkelin eines Arbeiterschriftstellers, dessen Werke er an seinem Theater zeigen möchte. In den Gesprächen mit ihr schärft sich sein Blick für die Diskrepanz zwischen marxistisch-leninistischem Anspruch und realsozialistischer Wirklichkeit. Gerade am Theater – also dort, wo Sprache, Idee und gesellschaftliche Debatte aufeinandertreffen – erfährt er die Grenzen des Erlaubten. Eine von oben verordnete Kulturpolitik reglementiert die künstlerische Auseinandersetzung. Aus dem linientreuen Funktionär wird ein innerlich Zerrissener.

Als Zaumseil immer stärker in Konflikt mit den Machtstrukturen gerät, greift das System zu den bekannten Mitteln: Die Staatssicherheit lässt ihn unter dem Vorwand einer Erkrankung für drei Monate in die Psychiatrie einweisen. Dass ihn das engagierte Eingreifen der Theaterintendantin wieder in Freiheit bringt, ist nicht nur ein dramatischer Wendepunkt, sondern verweist auch auf die Gegenkräfte innerhalb des Systems – auf Mut, Integrität und Solidarität. Zaumseil übersteht diese Phase und erlebt schließlich in den späten 1980er Jahren die schrittweise Auflösung der DDR bis hin zur Grenzöffnung.

Wer sich für die Biografie eines DDR-Kulturschaffenden interessiert – und für die Widersprüche, in denen sich Intellektuelle in diesem Staat bewegten –, findet in Völkels Roman eine überzeugende Lektüre. Vieles deutet darauf hin, dass eigene Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen des Autors in die Gestaltung eingeflossen sind. Gerade dadurch gewinnt das Buch an Anschaulichkeit und Glaubwürdigkeit, ohne sich im Dokumentarischen zu erschöpfen.

Der Titel „Der alte Zausel“ wirkt auf den ersten Blick etwas unglücklich gewählt. Er geht auf einen neckisch-liebevollen Spitznamen zurück, den die Bühnenarbeiter des Theaters dem Protagonisten geben. Wer hinter dem Titel ein Alterswerk in staubigem Ton vermutet, wird jedoch schnell eines Besseren belehrt: Völkels Prosa ist lebendig, klar und nah an den Konflikten seiner Figur. Der Roman liest sich keineswegs wie eine rückwärtsgewandte Abrechnung, sondern wie eine bis heute aktuelle Auseinandersetzung mit der politischen und moralischen Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit.

„Der alte Zausel“ ist mehr als nur ein DDR-Roman. Ulrich Völkel gelingt ein facettenreiches Lebensbild, das von Anpassung und Verrat, von Hoffnung und Ernüchterung, von Macht und Gewissen erzählt. Gerade in dieser Ambivalenz liegt die literarische Qualität des Buches – und seine gegenwärtige Relevanz.


Genre: Gesellschaftsroman, Zeitgeschichte
Illustrated by Ultraviolett

Zsömle ist weg

Zwischen Wahnsinn und Realität

Der ungarische Schriftsteller Lásló Krasznahorkai wurde 2025 mit dem Nobelpreis des Jahres ausgezeichnet «für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Macht der Kunst bekräftigt». Passend dazu erschien im gleichen Jahr auch sein neuester Roman unter dem kryptischen Titel «Zsömle ist weg», der, als politische Satire angelegt, eine aberwitzige Geschichte erzählt, die vor sarkastischem Humor geradezu strotzt, wobei sie aber auch mit einem Schleier der Melancholie überzogen ist. Der Plot regt immer wieder zum Nachdenken an in Hinblick auf die politischen Realitäten der Jetztzeit, in denen er angesiedelt ist, und zwar im autokratisch regierten Ungarn eines Viktor Orbán. «Er wolle eigentlich über Hoffnung sprechen», sagte der Autor in Stockholm anlässlich der Verleihung des Nobelpreises, «… aber meine Vorräte an Hoffnung sind eindeutig an ihr Ende gekommen». Gleichwohl, er nimmt es mit Galgenhumor, das beweist eindrucksvoll dieser neue Roman!

Der 91jährige József Kada, ein ehemaliger Elektriker, der als Witwer etwas abseits von seiner Gemeinde mit seinem Hund Zsömle (sic) einsam auf einem Berg wohnt, erhält eines Tages überraschend Besuch von einer bunten Truppe von Royalisten, die ihn nach langen Recherchen als Nachfolger der 1301 verschwundenen Dynastie der Arpaden, und damit als legitimer Anwärter auf dem ungarischen Thron, ausfindig gemacht haben. Er allein, so ihre Überzeugung, könne in die korrupte und machtgeile, autokratische Gegenwarts-Politik des Landes so etwas wie Moral zurückbringen als Oberhaupt eines neu auszurufenden Königreichs Ungarn. Wenig erfreut über die Störung seines beschaulichen Rentnerlebens erklärt er den Royalisten: «Ich möchte Sie bitten, dass das, was Sie entdeckt haben, also dass es mich gibt und wir uns hier treffen, ein gut gehütetes Geheimnis bleibt, niemand, verstehen Sie, niemand darf wissen, wer ich bin und wo ich zu finden bin». Nach weiteren Treffen mit seiner stetig wachsenden Anhängerschar, die ihn inzwischen nur noch liebevoll als Onkel Józsi anredet, weil er sich «Majestät» als Anrede verbeten hat, willigt er schließlich zögernd ein, dieses Amt zu übernehmen, wenn es denn an ihn herangetragen würde. Als ihm die Monarchisten aber ein geheimes Waffenlager zeigen, dass sie für einen Putsch bereits angelegt haben, will er davon nichts wissen, – er möchte nur auf politisch korrekte Weise König werden, sonst verzichte er gerne.

Man muss Einiges wissen oder nachschlagen über die ungarische Geschichte, um all die Anspielungen im Roman verstehen zu können. Onkel Józsi versinkt immer mehr in Träume von den guten alten Zeiten, von dem völkischen Schriftsteller Albert Wass beispielsweise, der unter Viktor Orbán, als Ersatz für das Holocaust-Opfer Imre Kertész, als ungarischer Schriftsteller zur Pflichtlektüre an den Schulen bestimmt wurde. Oder er schwärmt von der ungarischen Sängerin Zita Szeleczky, die als glühende Faschistin zeitweise auch mit Wass liiert war und deren Lieder ihn damals zutiefst berührt haben. Er sei auch, sagt Onkel Józsi, mit vielen Persönlichkeiten in Deutschland gut befreundet, «… mit ‹Heinrich XIII Prinz von Reuß›, vor allem mit dem, ich spreche perfekt Deutsch, wir verstehen uns also in jeder Hinsicht gut, er will das Gleiche wie ich, doch seine Mittel sind andere».

Schon im Roman «Baron Wenckheim kehrt zurück» findet sich das Motiv des politischen Hoffnungsträgers, eine Figur, die übrigens auch in diesem Roman eine Gastrolle hat. Erzählt wird in dem für Lásló Krasznahorkai typischen Stil als ununterbrochener Gedankenstrom, also hier in elf Langsätzen, in denen sich sprunghaft Geschehen und Dialoge abwechseln, und die erst am Schluss des jeweiligen Teils mit einem Punkt beendet werden, ein endloses Palaver also, das leider auch einige Längen und Wiederholungen aufweist. «Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle» ist stilistisch das Motto des Autors, wie er betont hat. Er lotet narrativ gerne die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität aus, was hier aber nicht parabelartig endet, ganz im Gegenteil!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Karen W.

Authentisches Zeitzeugnis

Der im Jahre 1974 in der damaligen DDR erschienene Debütroman von Gerti Tetzner mit dem Titel «Karen W.» wurde kürzlich als Wiederentdeckung in einer Neuauflage herausgebracht, ergänzt um ein ausführliches Interview mit der betagten Schriftstellerin. Zwischen der titelgebenden Protagonistin und Ich-Erzählerin Karen Waldau und der Autorin gibt es unübersehbare Parallelen, beide haben Jura studiert und als Notarin gearbeitet, insoweit ist dieser Roman einer Zeitzeugin autofiktional, sie verarbeitet eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Die zum «Weiberkreis» junger Autorinnen um Christa Wolf gehörende Gerti Tetzner wurde von der berühmten Kollegin bei ihrem Romanprojekt wohlwollend unterstützt, das Buch war dann mit einer hohen Auflage auf Anhieb auch sehr erfolgreich. Aber schon ihr nächster Roman wurde von der Zensur abgelehnt, – und sie wurde eindringlich davor gewarnt, ihn im Westen zu veröffentlichen. Demotiviert begann sie, einige Kinderbücher zu schreiben und geriet schließlich weitgehend in Vergessenheit.

Karen, die in der unschwer als Leipzig erkennbaren Universitätsstadt L. zusammen mit ihrem Freund Peters und der gemeinsamen Tochter Bettina lebt, war vor zwölf Jahren aus der Enge eines kleinen thüringischen Dorfes geflüchtet und nach dem Studium in der Stadt geblieben. Aber ihr Leben erscheint ihr eintönig und sinnlos, sie lebt mit Peters, ihrer einstigen großen Liebe, nur noch nebeneinander her. Als knapp Dreißigjährige will sie aus den Alltagstrott und der Enge des reglementierten Arbeitslebens ausbrechen und etwas Neues wagen, von dem sie allerdings noch nicht weiß, was das denn sein könnte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion nutzt sie eine Reise ihres Partners und zieht unangekündigt aus, zurück in das Dorf ihrer Jugend. Das von den Eltern geerbte Haus ist an einen Tierarzt vermietet, der von seiner Frau verlassen dort allein lebt. Sie bietet ihm an, wohnen bleiben zu können, wenn sie die beiden ungenutzten Dachkammern mit ihrer Tochter beziehen kann. Die siebenjährige Bettina wird in der örtlichen Schule angemeldet, und Karen selbst sucht sich eine Arbeit in einer LPG. In der landwirtschaftlich geprägten Gegend werden überall händeringend Arbeitskräfte gesucht. Peters schreibt ihr irritiert hinterher: «Wohin treibst Du? Weißt Du, was Du riskierst?»

Karen erinnert sich nun an ihre Kindheit und Jugendzeit, an die erste Begegnung mit Peters, ihre schwierige Identitätssuche als junge Frau und die latenten Probleme mit der weiblichen Selbstbestimmung. Und sie denkt daran zurück, wie sie mit ihrem selbstbewussten, kritischen Denken immer wieder in Konflikt gekommen ist mit der allgegenwärtigen Staatsmacht, gegen die sie hilflos ist. Und genau diese Konflikte haben ihr auch das Zusammenleben mit Peters schwierig gemacht. So fragt sich Karen an einer Stelle: «Was war das bloß für eine Zeit und ein Land um mich rum? Immer blieb ich für oder gegen was verwickelt, und immer traf jede Wahl die ungewählte Kehrseite mit. Gab’s denn nie ein vollkommenes rundes Ja? Nicht mal in der Liebe?» Der Idealismus und Optimismus sowohl der Autorin als auch ihrer Ich-Erzählerin Karen bleibt ungebrochen. Beide sind sie selbstbewusst und unbeugsam überzeugt, in der Realität mit ihren abweichenden Meinungen und Zweifeln auf der richtigen Seite zu stehen.

Das Besondere am Roman von Gerti Tetzner ist die Tatsache, dass sie Mitte der siebziger Jahre das unrühmliche Ende der DDR ja nicht mitdenken konnte. Christa Wolf hatte in einer Stellungnahme zu 36 Manuskript-Seiten vom Romananfang neben einiger Kritik angemerkt, die «wachsende innere Inaktivität unter vielen jungen Leuten» als Thematik sei interessant und könne Kräfte wecken, «die unbewusst vorhanden sind und Bestätigung, Ermutigung, Anstoß brauchen». Der leicht lesbare Roman wirkt mit originellen Wörtern und Redensarten aus der Umgangssprache als Zeitzeugnis sehr authentisch, er ist trotz einiger Längen und häufiger Wiederholungen eine kontemplativ anregende, empfehlenswerte Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Die Holländerinnen

Dschungelartiges Erzählspiel

Die Schweizer Schriftstellerin Dorotee Elmiger hat mit ihrem Roman «Die Holländerinnen» den Deutschen Buchpreis des Jahres 2025 gewonnen. Die an Joseph Conrads «Herz der Finsternis» erinnernde, kurze Geschichte greift auf ein reales Ereignis zurück, bei dem 2014 zwei junge holländische Frauen im Urwald spurlos verschwunden sind, – ein Fall, der nie aufgeklärt wurde. Im vorliegenden Roman nun hat ein namenlos bleibender «Theatermacher» die glorreiche Idee, diese Geschichte fürs Theater zu adaptieren und dazu selbst an den Ort des Geschehens zu reisen. Er nimmt telefonisch Kontakt zu einer ebenfalls namenlos bleibenden «Schriftstellerin» auf und überredet sie wortreich dazu, als Protokollantin an der geplanten Expedition teilzunehmen mit dem Ziel, das Geschehen theatergerecht zu rekonstruieren. Ein Kameramann sei mit von der Partie und ein Tontechniker, die ihr Protokoll visuell vervollständigen würden. Wenige Wochen später ist sie bereits auf dem Weg nach Panama.

Als bedeutende Schriftstellerin wird diese Protokollantin im Roman zu Vorträgen eingeladen, in denen sie vor einem studentischen Auditorium über ihre spektakuläre Reise nach Panama berichtet. Dorotee Elmiger erzählt bis auf ganz wenige, kurze Ausnahmen ihre Geschichte in indirekter Rede, lässt also ihre Roman-Figuren im Konjunktiv reden. Damit erreicht sie eine Unmittelbarkeit, die dem Text etwas extrem Authentisches verleiht, wobei der Konjunktiv aber auch andere Deutungen erlaubt, ja geradezu herauszufordern scheint. Kennzeichnend für den zunächst spannend zu lesenden Roman ist einerseits die eindringliche Schilderung des Urwalds, der unheimlich erscheint, undurchdringlich, von schrillen Geräuschen erfüllt, ein für alle Teilnehmer bedrohlich erscheinender Lebensraum, mit extrem viel Regen zudem. Die Gruppe kommt in einem Camp unter und bereitet sich auf die Erkundungstour vor, die nach den Vorstellungen des Theatermachers dem mutmaßlichen Weg der beiden Holländerinnen folgen soll, um daraus die Basis zu schaffen für sein geplantes Projekt.

Was vordergründig wie ein Krimi wirkt, stellt in Wahrheit das Bemühen von Dorothee Elmiger dar, den Horror dieser Wildnis in ihrem Roman sprachlich umzusetzen. Das aber erweist sich letztendlich als unmöglich, denn was da Unheimliches geschieht, das sei literarisch einfach nicht adäquat darstellbar als zutiefst seelische Grenzerfahrung. Sie schafft stattdessen eine hoch komplexe Aneinanderreihung verschiedenster Geschichten, die von den Teilnehmern zum Besten gegeben worden seien, wie die Rednerin sagt. Sie scheinen vordergründig allerdings fast ausnahmslos ohne inneren Zusammenhang zu sein, oft auch erschließt sich deren vorgebliche Parallelität mit der Situation im Dschungel nur schwer.

In den Feuilletons gab es neben Lob auch kritische Stimmen zu diesem prämierten Roman, und die Kommentare in Onlinehandel sind negativ wie selten. Dem brillanten Erzählstil der Autorin mit den vielen kulturellen Verweisen steht als wichtigster Kritikpunkt die extrem fragmentarische Erzählweise gegenüber, deren tieferer Sinn sich einem kaum erschließt. Das vorgebliche Ringen um Worte ist unglaubwürdig angesichts einer realen Vorlage, die trotz ihres Schreckens so ungewöhnlich ja nicht ist, die Nachrichten sind doch voll davon. Mit Elementen des Krimis angereichert, erweist sich der Plot mit der Zeit immer mehr zu einem Irrweg ähnlich denen im Dschungel, die im Nirgendwo enden. Das Narrativ besteht aus einem dschungel-artigen Spiel mit ausufernd vielen Gerüchten, Spekulationen, Bedrohungen und Mythen, die Autorin gefällt sich offensichtlich in ihrem überfrachteten, multiplen Nacherzählen, basierend oft auf märchenhaftem Hörensagen als fragwürdige Quelle. Das wird mit der Dauer immer schwerer erträglich beim Lesen, zumal es, wie man schon bald ahnt, zu nichts hinführt. Stilistische Brillanz, mit der Dorothee Elmiger wahrhaft glänzt in diesem anspielungsreichen, zu kontemplativem Mitdenken anregenden Roman, ist allein allerdings wenig tragfähig als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Abschied(e)

Ist die Erinnerung ebenso eine Konstruktion wie die Wirklichkeit? Julian Barnes, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, blickt auf ein erfülltes Schriftstellerleben und stellt sich die wichtigsten Fragen des Seins: was ist wirklich wichtig und wer sind wir?

Madeleine, die Pilgermuschel, auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dass die Erinnerung die Identität wesentlich mutgestaltet, darüber sind sich wohl nicht nur Fans des aus Leicester stammenden Schriftstellers, der schon seit den Achtziger Jahren seine Leser:innen beglückt, einig. “Üblicherweise verstehen wir unter einer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein bißchen verändert, bis es schließlich zu jener Version gerinnt, von der wir uns einreden sie sei die Wahrheit”, schreibt Barnes in seinem Prolog zu seinem neuen Roman “Abschied(e)“. Dabei bedient sich der gebildete und voller literaturwissen-schaftlicher Anspielungen enthusiasmierte Essayist und Romancier natürlich auch der berühmtesten Stelle in der Literaturgeschichte zu diesem Thema: Proust’s Madeleine. Sie sieht aus wie eine Pilgermuschel und wird zur Pilgerfahrt in die Erinnerung. Barnes unterscheidet zwischen IAMs (Involuntary Autobiographical Memory) und HSAMs (highly superior autobiographical memory) und erklärt auch was eine Kryptomnesie für den Betroffenen bedeutet. Aber keine Angst vor all den Fachbegriffen, Barnes bemüht sich um seine Leser:innen, erklärt sie schlüssig und verpasst ihnen auch genau jede Prise englischen Humors, die einem das Leben so versüßen. Trotz des traurigen Umstandes, dass sich der Autor ja von seinem Leben und Werk verabschieden möchte, vergisst er nämlich nicht auf Selbstironie, Humor und den Verve, den es braucht, sich mit seinem eigenen Ableben zu beschäftigen.

Dial Down Love, Baby!

Mit luzider Präzision seziert Julian Barnes sein Thema und erzählt zudem die Geschichte des Paares Stephen und Jean, die sich in ihren Zwanzigern trennen, um nach 40 Jahren wieder zusammenzukommen und sich erneut zu trennen “etc. pp.”. Aus “er strengt sich an” wird “ja, er ist wirklich anstrengend” für Jean, denn Stephen liebt sie zu viel. Ja, das gibt es auch. Barnes’ eigene Diagnose, “kein Todesurteil, sondern lebenslänglich”, sein Blutkrebs, den er am Höhepunkt der weltweiten Pandemie attestiert bekommt, beschreibt er ebenso nüchtern, wie den Abschied von seiner Frau zwölf Jahre zuvor. “Ich lebe in der Gegenwart, doch meine Zukunft sieht so aus aus, dass ich nur noch in der Vergangenheit existiere“, schreibt Barnes analytisch und ohne Reue. Denn eine “Tragödie mit Happy End” – die Hollywoodformel für den Kassenerfolg eines Films – wird sich bei ihm nicht mehr ausgehen, wie er selbst schreibt. Denn vor der “alten Mischung aus Trübsinn und Selbstmitleid” rettet ihn sein Hund Jimmy. Aber natürlich auch die Dichtung, die französische. Mallarmé, Baudelaire und Rimbaud sind für ihn die Triade der französischen Wortkunst und es könnte einen fast das Stendhalsyndrom befallen angesichts ihrer Fülle. Dass am Ende des Lebens in der Mitte des Lebens ein großes Loch klafft, weil man ja gedanklich immer mehr in die Kindheit zurückverfällt, ist eine der vielen Absurditäten, derer Barnes mit Humor zu gedenken weiß.

Dignity in Dying

Nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?” Denn was einen am Ende erwartet ist das Auslöschen von allem, was man erreicht hat, das Vergessen von allem was man am sehnlichsten erreichen wollte. “Es ist eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die Fühlenden“, schreibt Barnes und spendet nicht nur sich selbst Trost, sondern auch allen jenen, die sich mit der Vergänglichkeit des Seins beschäftigen wollen bevor es zu spät ist. Ein Buch, das zeigt, was das Leben so lebenswert macht: die Liebe, die Erinnerung und die Literatur.

Julian Barnes
Abschied(e)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
2026, Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-462-00919-4
Kiepenheuer & Witsch
23,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln