Realistisch/surreal verflochtene Erzählungen
Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erzählt in seinem neuen Sammelband «Wenn es dunkel wird» elf Geschichten, die in ihrer dezent eingearbeiteten Mystik ein wenig an Edgar Allen Poe erinnern. Andererseits beruht sein distanzierter, schnörkellos einfacher Erzählstil, wie er erklärt hat, «auf einer wiederholten Reduktion des Erzählten». Er lasse bewusst die Sprache in den Hintergrund treten, dadurch würden die «gezeichneten Bilder» umso realer. Außerdem stehe bei ihm nicht der Inhalt im Mittelpunkt, sondern der Stil, in dem erzählt wird. Es geht auch in diesem Band um die Frage, was passiert, «wenn unsere Phantasien realer werden als die Wirklichkeit», also «wenn es dunkel wird» um uns herum.
In «Nahtigal» geht es um den verhinderten jugendlichen Bankräuber David, der am Ende seines geplanten Überfalls, von einem Gefühl der Leichtigkeit überwältigt, seinen Plan aufgibt. In «Das schönste Kleid» wetteifern einige junge Kolleginnen um die Gunst des umschwärmten Chefarchäologen Felix, ein eifersüchtiges Rennen, das die Ich-Erzählerin Brigitte durch einen denkwürdigen Auftritt auf einem Betriebsfest spektakulär gewinnt. Mit «Supermond» ist die Geschichte eines kurz vor der Verrentung stehenden Mannes betitelt, der in kleinen Schritten aus seiner verantwortungsvollen Arbeit bei der Wartung von Verkehrs-Flugzeugen heraustritt und allmählich in der Dunkelheit seiner Bedeutungslosigkeit versinkt. «Sabrina, 2019» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die bei einem Künstler Modell steht für eine Skulptur und später auf einer Vernissage miterlebt, wie ein Kunstsammler das menschengroße Abbild von ihr erwirbt. Er lädt sie ein, das bei ihm im Wohnzimmer aufgestellte Werk zu sehen, eine Einladung, die sie gerne annimmt. «Die Frau im grünen Mantel» handelt von einer Patientin, die auf einen pensionierten Arzt trifft, der sich in seinem ehemaligen Krankenhaus nun als Patient zu einer Operation eingefunden hat. Er erinnert sich, die Frau vor vielen Jahren mit allerlei mysteriösen Verletzungen behandelt zu haben. Die neue Begegnung mit ihr bringt ihn beinahe dazu, seine OP abzublasen.
In «Cold Reading» wird die Mittelmeer-Rundreise einer jungen Frau auf seltsame Weise bei einem Wahrsager unterbrochen, – ein Erlebnis, dass sie wohl immer in Erinnerung behalten wird. Auf der Anreise zu einem Skiurlaub bleibt ein Vater an der Raststätte allein zurück, seine wütende Frau hat ihn einfach stehen lassen, als er geschäftlich telefonieren musste. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zur nächsten Ortschaft, wo er auf eine Lehrerin trifft, die ihn dazu bringt, ein Bild für seine Frau zu malen. Als er nach einer odysseeartigen Fahrt am Ferienort ankommt und seiner Frau sein unbeholfen gemaltes Bild als Geschenk überreicht, ist sie überglücklich. Es sei das schönste Weihnachtsgeschenk, das er ihr jemals gemacht habe. In «Dietrichs Knie» geht es um ein vermeintliches Techtelmechtel einer verheirateten Frau mit einem Geschäftsfreund, in das sich der eifersüchtige Ehemann listig per E-Mail einmischt. Die titelgebende Geschichte «Wenn es dunkel wird» handelt von einer auf der Passhöhe umher geisternden Frau, die von einer Polizistin aufgegriffen wird, die durch sie an ihre eigene Verlorenheit erinnert wird. Und «Mein Blut für dich» handelt von einem älteren Mann, dessen Blut nicht zu Spende zugelassen wird, was ihn tief beunruhigt. «Schiffbruch» schließlich erleidet im wahrsten Sinne des Wortes ein Spekulant, der sich total verzockt hat und in einer Luxussuite seinem demütigenden Ende als VIP-Gast entgegensieht, was ihm seltsamer Weise aber immer weniger bedrückt.
All diese realistisch/surreal verflochtenen Geschichten berichten von Kippmomenten im Leben, welches anfangs jeweils ganz normal zu sein scheint und dann auf mysteriöse Weise aus dem Gleis gerät. Obwohl die Handlung dabei manchmal ins Triviale abgleitet, ist man als Leser doch überrascht, wie der Autor seine Erzählungen immer wieder trickreich enden lässt. Das alles ist weder stilistisch noch tthematisch große Literatur, bietet aber eine durch seine Überraschungs-Momente geprägte, kurzweilige Lektüre.
Fazit: lesenswert
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