Goldstrand

Narratives Chaos

Der Roman «Goldstrand» der Schriftstellerin Katerina Poladjan wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnet. Leider gibt die veröffentlichte Begründung der Jury keinen Hinweis, aus welchen Gründen ihr Votum denn gerade auf diesen Roman gefallen ist. Neben einem Satz, der den Inhalt zusammenfasst, wird schriftlich erklärt: «Katerina Poladjans Roman ist ein Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker – und erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt». Demnach ist also der «Abgesang auf Europa» als Thematik das ausschlaggebend Preiswürdige an diesem Buch.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Eine Frau steigt 1922 nachts auf einem Flüchtlings-Dampfer aus Odessa nach Konstantinopel über die Reling und verschwindet spurlos. Zusammen mit seinem Sohn macht sich deren Bruder Lew von Rumänien aus auf die Suche nach seiner Schwester. Er will es nicht wahrhaben, dass sie tot ist. Nach jahrelanger Suche lässt er sich an einem leeren Strand nieder und baut mit seinem Sohn Felix eine Hütte, in der sie ein bescheidenes Leben fristen, er arbeitet als Tagelöhner. Felix studiert später in Sofia Architektur und hat die Idee, den idyllischen Strand als Feriendomizil zu erschließen. Unter seiner Ägide werden in den fünfziger Jahren um die ehemalige Hütte herum Hotels aus dem Boden gestampft. Felix trifft auf Francesca, Tochter faschistisch orientierter Eltern, die sie verstoßen, als sie von ihm schwanger wird. Ihr gemeinsamer Sohn Eli schließlich studiert und wird ein bekannter Filmemacher, der dann als 62jähriger Klient einer Dottoressa in den Therapie-Sitzungen von seinem Leben und dem der Eltern und Großeltern erzählt. Der Großteil des nichtlinear erzählten Plots besteht aus den Analyse-Gesprächen mit der italienischen Psycho-Therapeutin. Das Setting der sieben Kapitel des Romans wechselt erst im letzen Kapitel von deren Praxis in Rom mit der berühmten Analyse-Couch in seine Wohnung, als die Dottoressa ihn dort erstmals besuchen kommt. Später stößt auch noch Francesca hinzu, seine Mutter. Eli erklärt, dass er mit seinem alten Segelschiff nach Bulgarien reisen wolle, um dort seinen Vater zu treffen.

Der Roman strotzt nur so von literarischen Anspielungen und Zitaten, die von Calvino, Duchamp, Caspar David Friedrich und Goethe bis zu Heiner Müller und Wittgenstein reichen, zu denen noch berühmte Filmszenen von Pasolini und Kompositionen von Giorgio Moroder hinzu kommen, die alle von der Autorin am Ende in einem Hinweis explizit benannt werden. Die sieben Jahre, die Lew und Felix als Gärtner der Königin Marie von Edinburgh in Rumänien verbracht haben, lesen sich eher wie ein Märchen als ein Roman und sprengen deutlich den Rahmen dieses Genres. Weite Teile des Romans werden in Form von Dialogen vorgetragen, zu denen insbesondere die oft sehr ausschweifenden und unzuverlässigen Erzählungen von Eli gehören, der von seiner Therapeutin immer wieder ermahnt wird, nicht den Faden zu verlieren bei seinen Rückblenden in die Familien-Geschichte. Ob dort aber wirklich die Probleme für seine Schaffenskrise verborgen liegen, das bleibt eher fraglich. Die strenge Fixierung großer Teile des Plots auf die Psychoanalyse wird durchbrochen, als Eli am Ende einen ihm zugeflogenen Sittich zur Therapiestunde mitbringt. Dann stößt ein fremder Mann namens Paolo während einer Sitzung wie selbstverständlich hinzu, ohne dass die Dottoressa eine Erklärung dazu abgibt, und plötzlich wird auch noch ganz unprofessionell Kaffee und Kuchen serviert.

Trotz der stilistischen Raffinesse und den für die Autorin typischen, surrealen Einsprengseln führt das Spiel mit dem Uneindeutigen hier letztendlich in ein eher enttäuschendes narratives Chaos. Dazu tragen auch die cineastischen Szenen bei, die in den komplexen Plot mit eingeflochten sind. Dieser von der Leipziger Jury apostrophierte «Abgesang auf Europa», das lassen auch skeptische Leser-Kommentare erkennen, ist per se weder erkennbar noch gar preiswürdig!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Juli, August, September

Jüdische Identität im Land der Täter

«Juli, August, September», letzter Roman der in Baku geborenen und heute in Wien lebenden Olga Grjasnowa, weist bereits im Titel auf eine Dreiteilung hin. «Der Roman hat natürlich autobiografische Züge», hat die Autorin erklärt. Sein Thema ist die Selbstfindung der jüdischen Kunsthistorikerin Ludmilla, die im Roman nur Lou genannt wird. In Aserbaidschan geboren und russischsprachig aufgewachsen, kam Lou als so genannter Kontingentflüchtling von dort nach Berlin, wo sie in einer angesehenen Galerie arbeitet. Aus ihrer zweiten Ehe mit dem charismatischen Konzertpianisten Sergej ist die fünfjährige Tochter Rosa hervorgegangen, die noch nie in einer Synagoge gewesen ist, – im Berlin des Jahres 2023 also eine ganz normale, weil ziemlich religionsferne jüdische Familie.

Als Lou ihrer Tochter die Geschichte der Anne Frank aus einem banalisierenden, bebilderten Kinderbuch vorliest, glaubt Rosa unbeirrt, dessen Autor heiße Adolf Hitler. In diesem Moment wird der Mutter plötzlich klar, dass ihre eigene Identität ja nicht wirklich geklärt ist. Sie spricht ihre Muttersprache Russisch mit ihrer kleinen Tochter, um ein Stück Heimat in ihr zu verankern. Im Beruf und Alltag und auch mit Sergej spricht sie natürlich deutsch, alle der zumeist in Israel lebenden Familien-Mitglieder aber sprechen hebräisch, was sie selbst nur rudimentär beherrscht. Ist das denn überhaupt noch eine Familie, fragt sie sich. Und wie sollen sie als Eltern und nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden Rosa denn erziehen hier im Land der Täter? Anlässlich der groß angelegten Geburtstagsfeier ihrer 90jährigen Großtante Maya in einem etwas herunter gekommenen Resort auf Gran Canaria, zu der der gesamte Familienclan zumeist aus Israel anreisen wird, hofft sie im Gespräch mit der dort versammelten Verwandtschaft ihre nicht nur sprachliche Identität finden zu können. Da Sergej wie so oft auf internationaler Konzertreise ist und ihr zurät, auch ohne ihn an der großen Familienfeier teilzunehmen, fliegt sie allein mit Rosa zu dem einwöchigen Treffen.

Der mit «August» betitelte Mittelteil des Romans schildert in epischer Breite den klischeehaften Bade-Tourismus, aber auch die Gespräche der zum Teil sogar verfeindeten, drei Generationen umfassende jüdischen Mischpoke, der gegenüber nicht nur Lou sich als Fremde fühlt. Tatsächlich kennt sie außer ihrer Mutter und deren Schwester sowie einigen entfernten Verwandten persönlich fast niemanden aus der weltweit verzweigten Familie. Und ihre Gespräche, mit denen sie dunkle Punkte der Vergangenheit zu klären hofft, scheitern meist an ihrem unzureichenden Hebräisch, von der lückenhaften und unzuverlässigen Erinnerung an Jahrzehnte zurückliegende Geschehnisse ganz zu schweigen. Insbesondere die Jubilarin und Seniorin des Clans, Großtante Maya, die als Älteste noch am meisten beitragen könnte zur Klärung der Geschehnisse im Holocaust, liefert sich widersprechende Geschichten ab. Das sind aber keine Lügen, allenfalls unterschiedliche Erinnerungen an die Ereignisse damals. Als die familiären Querelen schließlich zunehmen, beschließt Lous Mutter, früher abzureisen, und Lou bittet sie spontan, doch die kleine Rosa mitzunehmen, sie selbst käme in ein paar Tagen nach. Ihr ist nämlich klar geworden, dass die Antworten auf ihre Fragen nur in Tel Aviv zu finden sind, und sie fliegt auch dorthin.

Ihr Judentum habe «per se etwas mehr von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion», erklärte die Autorin. Auch der Trip der Protagonistin nach Israel bringt in Teil drei des Romans keine weiteren Erkenntnisse, weder ihr noch dem Leser. Damit erscheint dieser letzte Teil narrativ wie ein Fremdkörper, und tatsächlich sei er, dem Vernehmen nach, aus einem geplanten Essay hervor gegangen. Die jüdische Identitätssuche bleibt hier letztendlich also leider ohne Ergebnis. Und auch der auf Gran Canaria angesiedelte Teil mit seinen vielen albernen All-inclusive-Klischees ist alles andere als bereichernde Literatur. Die Sprachkunst-Professorin Olga Grjasnowa aus Wien kann es deutlich besser, das hat sie mit ihrem Debüt bewiesen!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Der letzte Sommer der Tauben

Staatsterror versus Taubenschlag

Der neue Roman von Abbas Khider mit dem Titel «Der letzte Sommer der Tauben» weist auf die Passion seines Protagonisten hin und damit auf eine Erzählebene, die in dem schmalen Band eine wichtige Funktion erfüllt. Ich-Erzähler ist der 14jährige Noah, der von seinem nebenan wohnenden Onkel Ali alles gelernt hat, was man als Taubenzüchter wissen und beachten muss. Handlungsort ist eine nicht genannte Stadt in einem nicht genannten Land des Orients, in dem das Kalifat ausgerufen wurde und die Mudschahedin die Kontrolle übernommen haben. Der in Bagdad geborene Autor spricht, was die Tauben anbelangt, aus eigener Erfahrung, er war selber Taubenzüchter, bevor er seiner Heimat mit 19 Jahren fluchtartig den Rücken kehren musste und auf Umwegen nach Deutschland gelangt ist. Thema seiner berührenden Erzählung sind die Veränderungen im Alltag der Bevölkerung, die durch den Terror der Gotteskrieger ausgelöst werden und die er im Roman immer wieder am friedlichen Sozialverhalten der Tauben spiegelt.

Noahs Vater betreibt einen Kleiderladen, dessen Sortiment nach den rigorosen Vorschriften der Religionspolizei unverzüglich auf ausschließlich sittsame, nämlich schwarze Kleidung umgestellt werden muss. Auf den Kartons der Ware müssen alle Abbildungen schwarz übermalt werden, wenn irgendwo Haut zu sehen ist. Mit seinem Vater trägt er die verbotene bunte Ware zu einem Sammelplatz, wo sie entschädigungslos öffentlich verbrannt wird. Sein Onkel Ali muss sein Café schließen, derartig westliche Gastronomie ist ab sofort verboten im Gottesstaat. Seine Mutter darf künftig nur noch mit Niqab streng verhüllt ausgehen, und auch nicht mehr allein, sie muss nun immer in Begleitung unterwegs sein. Meist übernimmt Noah diese Rolle, um seine schwangere Schwester damit zu entlasten. Ihr älterer Bruder bekennt sich zu den Mudschahedin und hat eine führende Rolle in deren Gewaltsystem übernommen, von seiner Familie hat er sich inzwischen vollkommen entfernt. Noah fürchtet sich vor der alltäglichen Gewalt der Fanatiker, die ihre Augen überall haben, zu Denunziationen anstiften und willkürliche Verhaftungen vornehmen. Öffentliche Steinigungen oder Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Menschen verschwinden spurlos, nichts und niemand ist mehr sicher im Gottesstaat.

Freiheit empfindet Noah nur noch bei seinem Taubenschlag auf dem Dach, wo seine zwölf liebevoll mit Namen wie Schneeweiß, Tänzer, Himmelblau oder Karamelle benannten, gefiederten Lieblinge friedlich leben und treu zu einander halten. Je mehr sein eigener Horizont durch kleinliche Vorschriften und barbarische Strafen eingeengt ist, desto mehr beneidet er seine Tauben. Bis eines Tages dann die Nachricht verbreitet wird, dass ab sofort Tauben auf dem Dach nicht mehr gehalten werden dürfen. Als Grund heißt es, von dort oben würden die Männer in die darunter liegenden Wohnungen schauen können, wo die Frauen ja alle unverschleiert sind. Und Onkel Ali schließlich, der wohl im Untergrund gegen das Unrechts-Regime kämpft, hat das Land heimlich bei Nacht und Nebel verlassen, ohne jemanden vorab zu informieren.

Trotz düsterer Grundstimmung scheint oft auch Humor auf in diesem Roman. Als eine Freundin von Noahs Schwester zu Besuch kommt, streift sie sofort den lästigen Niqab ab: «Verdammt, ich fühle mich mit dem Ding wie ein Mehlsack», und auf ihre Brüste und den Hintern deutend, fügt sie hinzu: «All das hier ist geschaffen von Gott, und trotzdem soll es niemand sehen dürfen. Was für ein Unsinn!» Mit den vielen, jeweils übertitelten, kurzen Kapiteln wächst das Unbehagen an den politischen Verhältnissen. Das alles erinnert an die aktuelle Situation im Iran, wo religiöse Fanatiker zehntausende von protestierenden Bürgern einfach hinmetzeln, – und die Welt schaut tatenlos zu. Der Erzähl-Stil des Autors ist durch eine einfache Diktion geprägt, die ohne Arabesken sehr gekonnt erlebbare Realität mit einer konträren Symbolik verknüpft, hier also den staatlichen Terror mit dem Taubenschlag als Symbol des Friedens. Wobei man en passant auch eine Menge über Tauben lernt, – zum Beispiel, dass die weltweit letzte Wandertaube «Martha» hieß!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Lebensentscheidung

Politisch und medizinisch unheilbar krank

In seinem neuesten Werk, der Novelle «Die Lebensentscheidung», greift der österreichische Schriftsteller Robert Menasse ein schwieriges Thema auf, bei dem es um eine Mutter-Sohn-Beziehung geht, die auf eine extrem harte Weise auf die Probe gestellt wird. Angesiedelt ist diese Geschichte im Jahre 2024 im Milieu der Brüsseler EU-Zentrale, die vor neun Jahren auch das Setting für den Erfolgsroman «Die Hauptstadt» gebildet hat, dem ersten EU-Roman überhaupt. Der in verschiedenen Genres tätige, äußerst streitbare Autor beschäftigt sich intensiv mit den Verhältnissen in diesem Bürokratie-Monster und legt dabei einige der Hintergründe für den zweifelhaften Erfolg dieser europäischen Institution dar.

Als Protagonist dieser Novelle ist der EU-Beamte Franz Fiala derart frustriert von den meist erfolglosen Bemühungen seiner Behörde, deren sorgsam erarbeitete Gesetzes-Vorlagen nur zu oft an den Ränkespielen und Animositäten im Parlament und im EU-Rat scheitern oder nur stark verwässert umgesetzt werden. Besonders die europäischen Bauern nerven ihn, deren Beitrag zum Bruttosozialprodukt der EU nur 4 Prozent betrage, die aber 38 Prozent aller Fördergelder erhalten würden. Ein krasses Missverhältnis, das gegen jede Vernunft hartnäckig verteidigt wird, unterstützt mit medienwirksamen Protestaktionen aufgebrachter Bauern in Brüssel. Die verteidigen dort ihre ökonomisch völlig sinnlosen, üppigen Subventionen mit Zähnen und Klauen. Daniel, ein guter Freund und Kollege von Franz, der das genau so sieht, bestätigt ihm in einem langen Brief ausdrücklich, er handle richtig, wenn er den Job hinschmeißt. Und er schreibt von einem Meeting, bei dem alle Mitarbeiter von ihrem Direktor über den neuen Kurs der Kommission informiert wurden: «Es geht […] heute nicht mehr darum, die Union weiter zu entwickeln, sondern vordringlich darum, die Demokratie in den Mitgliedsstaaten vor den Rechtsextremen und den Nationalisten zu retten». Und auch Daniel strebt nun einen neuen Job an.

Franz Fialas Entschluss, vorzeitig seinen Dienst bei der Europäischen Kommission zu quittieren, ist eine Entscheidung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Nicht nur, weil seine Freundin Nathalie ihm mutmaßlich nicht nach Wien folgen wird und ihre seit vier Jahren andauernde Beziehung letztendlich daran zerbrechen dürfte. Sein ungeschickt vorgebrachter Heiratsantrag ist jedenfalls gescheitert, eine gemeinsame Zukunft wird es wohl nicht geben. Die in seiner Geburtsstadt Wien lebende, an zunehmender Demenz leidende, 89jährige Mutter benötigt dort seine Hilfe, für ihn ist es selbstverständlich dass er sich um sie kümmern muss. Nur ihrer Hartnäckigkeit verdankt er, diese nach Brüssel führende, glänzende Karriere gemacht zu haben, sie hat ihn immer unterstützt  dabei. Zu allem Übel treten in letzter Zeit bei ihm aber immer wieder Schmerzen auf, die langsam stärker werden, die er anfangs allerdings nicht so ernst nimmt. Als er dann schließlich die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, der ihm allenfalls noch sechs Monate Lebenszeit lassen dürfte, beschließt er gegen den dringenden Rat der Ärzte, keine Chemotherapie zu machen. Er will nämlich auch nicht, dass seine Mutter erfährt, wie es um ihn steht, die bekannten Folgen der Therapie würden es ihr ja deutlich zeigen. Und er will ihr vor allem unbedingt den Schmerz ersparen, dass ihr Sohn womöglich vor ihr stirbt. Eine harte «Lebensentscheidung» also in der Hoffnung, er wird seinen Tod mit Willenskraft lang genug herauszögern können, damit sie ihn nicht sterben sehen muss.

Diese an eine griechische Tragödie erinnernde Novelle läuft zielgerichtet auf ein tragisches Ende hinaus. In einer unprätentiösen Sprache wird die Mutter-Sohn-Geschichte, trotz absehbarer Dramatik, ohne Pathos locker erzählt. Nicht übersehbar dabei ist allerdings, was Brüssel angeht, eine schon in seinem EU-Roman vorherrschende, politische Besserwisserei des Autors, die immer wieder durchschimmert, so als sei die EU unheilbar krank! Auf Dauer jedenfalls stört das ziemlich, und auch wenn es womöglich satirisch gemeint ist, ist es nicht wirklich amüsant!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Novelle
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Krähen im Park

Der neunte November

Der Roman «Krähen im Park» von Christoph Peters, laut Klappentext an die «Trilogie des Scheiterns» von Wolfgang Koeppen angelehnt, behandelt als Chronologie eines einzigen Tages, dem 9. November 2021, multiperspektivisch die Geschehnisse in verschiedenen Milieus der Metropole Berlin. Mitten in der Corona-Pandemie also wird dieser Tag aus Sicht der unterschiedlichen Protagonisten dieses Romans geschildert, denen zum Teil leicht erkennbare, reale Personen zugrunde liegen, wobei die ausufernd vielen Details des Plots ein literarisches Wimmelbild bilden, in dem alles und jedes seinen Platz bekommen zu haben scheint.

Trotz Lockdown hat eine der für Berlin typischen Kultur-Salonièren alle Hände voll zu tun, um die für den Abend geplante, feierliche Preisverleihung an den dafür eigens angereisten, französischen Schriftsteller Bernard Entremont zu organisieren. Schwer genug, denn der Bestseller-Autor ist äußerst menschenscheu, Kettenraucher und für seine eigensinnigen politischen Ansichten gefürchtet, ein Skandal liegt sozusagen schon in der Luft bei ihm. Nach langer Odyssee ist ein afghanischer Flüchtling endlich illegal in Berlin angekommen und versucht nun, Kontakt zu Landsleuten aufzunehmen, die ihm weiterhelfen sollen, einen Fixpunkt im Großstadttrubel zu finden und ihn beim Kampf mit den deutschen Behörden zu unterstützen. Erzählt wird auch von einer erfolgreichen, schon etwas älteren Influencerin, deren Partner nach zwei Romanen endlich seinen dritten schreiben soll, damit aber nicht weiter kommt und ihr nur auf der Tasche liegt. Der Sohn eines bekannten Politikers ist von wirren Verschwörungs-Theorien überzeugt und liefert sich oft Diskussionen mit dem in der Öffentlichkeit stehenden Vater, bis es an eben diesem 9. November zum Eklat kommt, als er einige gleich gesinnte Extremisten an den Personen-Schützern vorbei in die väterliche Wohnung einlädt. Ein junges, deutsch-türkisches Pärchen gerät in Panik, als nach positivem Schwangerschaftstest das Gespräch mit den Eltern bevorsteht, bei dem voraussichtlich alle ethnischen Ressentiments ausgelöst werden dürften, denn die Beiden wollen heiraten, obwohl die Braut noch keine achtzehn Jahre alt ist.

Im Roman verwebt Christoph Peters diese parallelen Handlungsfäden über die 24 Stunden des Tages hinweg eng miteinander, wechselt gekonnt immer wieder die Perspektive und leitet deutlich erkennbar von einer Szene zur nächsten weiter. Anders als bei den typischen Berlin-Romanen ist die Metropole hier ein undurchschaubares, anonymes Gefüge im Umbruch, alte Gewissheiten zählen nicht mehr, die politische Lage ist desaströs. Anders auch als bei Koeppen ist die Einbindung der zeitgenössischen Gesellschaft hier aber weniger breit gefächert angelegt, sie bleibt eher scharf sezierend auf das einzelne Detail gerichtet. Hervorzuheben aber ist, dass der Plot perfekt ins Heute passt, die beispielhaft herangezogenen Milieus werden stimmig geschildert und bilden ein perfektes Abbild des konfusen Zeitgeschehens nicht nur am 9.11.2021, sondern als Fortschreibung auch desjenigen unserer Tage, die das Koeppensche Scheitern als Prognose ja weiterhin munter bestätigt.

Optimal angepasst an die Handlung und deren Aussage wirkt der Erzählstil von Christoph Peters mithin so heutig wie nur denkbar. Denn nicht nur feiert der konfuse Jugendsprech hier Triumphe, auch Satzbau und Wortwahl bilden überraschend modern die Gegenwart ab, altväterliche Beschaulichkeit hat hier keinen Platz. Prägendes Stilmittel, besonders auf den ersten dutzend Seiten, ist die üppig ausgeprägte Parataxe, die das quirlige Geschehen noch zusätzlich sehr ausdrucksstark verdeutlicht. Auch diverse ebenso überraschende wie gekonnte Komposita verleihen dem speziellen, durchaus ungewöhnlichen Erzählstil des Autors eine beeindruckende Bedeutungs-Schärfe, die nach der Lektüre haften bleibt. Mit dem 9. November hat er – ganz unbescheiden – zudem ein bedeutsames Datum deutscher Geschichte gewählt für seinen Plot.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by btb Verlag

Der Fluss der Zeit

Philosophische Miniaturen

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri hat unter dem Pseudonym Pascal Mercier vier Romane und eine Novelle geschrieben, und posthum wurde soeben auch noch ein Band mit fünf Erzählungen unter dem Titel «Der Fluss der Zeit» veröffentlicht. Als Epiker hatte er seinen Durchbruch mit dem Bestseller-Roman «Nachtzug nach Lissabon», in dem er, wie auch in den anderen Werken, viele philosophische Fragen der menschlichen Existenz in die Handlung mit eingewoben hat. Und auch die Geschichten in der Neuentdeckung drehen sich wieder um zutiefst Existentielles.

In der ersten Erzählung wird geschildert, wie ein allein stehender Restaurator, der ins Pflegeheim gehen will, sein Haus an die Käufer übergibt. Die formale Hausübergabe ist schnell erledigt, die Schlüssel hat er alle penibel ausgerichtet nebeneinander auf den Tisch gelegt. Er führt die Käufer durch alle Räume, weist auf dies und jenes hin. Es ist offensichtlich, dass ihm der Abschied von seinem Haus, in dem er Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat, unendlich schwer fällt. Bei einer Einladung lernt ein Paar einen Pianisten kennen, und es wird sehr schnell eine innige Freundschaft aus dieser Begegnung. Als der neue Freund sich einen Finger bricht und es fraglich bleibt, ob er je wieder wird spielen können, bricht alles zusammen für ihn, er wird sich die teure Wohnung bald nicht mehr leisten können. Das wohlhabende Paar beschließt, die Wohnung zu kaufen und ihm zu schenken. Zögernd stimmt er zu, – lässt aber dann lange nichts mehr von sich hören. Am Ende stellt sich heraus, dass er psychische Probleme hat mit seiner Rolle als Beschenkter, der mutmaßliche Wunsch seiner Gönner nach Dankbarkeit belastet ihn schwer.

Dann wird von einem an ständigem Husten leidenden Mann berichtet, dem sein Arzt erklärt, dass das Ergebnis einer vorsichtshalber vorgenommenen Biopsie erst einige Tage später eintreffen würde. Nun kann er an nichts anderes mehr denken als an das drohende Unheil. Die Ambivalenz des Zeitempfindens wird hier sehr gekonnt dadurch verdeutlich, dass er erst das Ergebnis gar nicht schnell genug bekommen kann, je näher aber der Termin rückt, desto mehr wünscht er sich, die Zeit würde langsamer vergehen. Denn sogar eine spontane Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nicht abhalten von seiner ständigen Grübelei. Ein Busfahrer schließlich hat immer mehr Probleme mit Lärm, sei es von außen oder auch von seinem pubertären Stiefsohn, der ständig mit seiner lautstarken PlayStation spielt. Als der Sohn merkt, dass er den Lärm als Waffe einsetzen kann in der Auseinandersetzung mit seinem Stiefvater, eskaliert die Situation auf tragische Weise. In der letzten Erzählung geht es erneut um die fließende Zeit. Ein Linguist weilt nach vierzig Jahren anlässlich eines Kongresses in der Stadt, wo er einst studiert hat. Er nutzt die Gelegenheit, sich bei den Vermietern seiner ehemaligen Studentenbude zu melden, – sie wohnen tatsächlich noch dort. Er wird freudig empfangen, sie bieten ihm sogar an, er könne gern in der Mansarde übernachten, sie ist nicht mehr vermietet. Für ihn ist dieser überraschende Aufenthalt eine wehmütige Reise zurück in eine ferne Vergangenheit, und zuhause beschließt er dann wohlgemut, genau darüber zu schreiben.

Es sind existentielle Erfahrungen wie Freiheit, Angst, Krankheit oder Tod, die in diesem schmalen Band anhand von sorgsam ausgearbeiteten, kurzen Geschichten verständlich dargestellt werden. Dabei sind immer Emotionen und Gedanken im Spiel, mit denen die Figuren versuchen, die Realitäten des Lebens zu begreifen, an denen man partout nicht vorüber kommt. Wobei es kritische Wendepunkte sind, die den Figuren hier zu schaffen machen und die Pascal Mercier philosophisch scharfsinnig hinterfragt. Stilistisch bewerkstelligt er das in einer angenehm lesbaren, unprätentiösen Sprache, ergänzt um eine präzise Figuren-Zeichnung, welche ohne Schnörkel jeweils auf das Wesentlich reduziert bleibt in diesen philosophischen Miniaturen für mitdenkende Leser.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Hanser Verlag München

Drei Frauen

Aus purem Glück

Die schon länger für den Nobelpreis vorgeschlagene italienische Kultautorin Dacia Maraini hat sich mit dem Roman «Drei Frauen» erneut als streitbare Pionierin des Feminismus erwiesen. In dieser unkonventionellen Geschichte stellt sie drei Generationen einer aus Großmutter, Mutter und Tochter bestehenden Lebensgemeinschaft vor, deren Zusammenleben unter einem Dach sich nicht nur emotional als schwierig erweist. Diese unkonventionelle Thematik nutzt sie zu mancherlei überraschenden Wendungen in ihrer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Geschichte.

Älteste im Bunde ist mit 60 Jahren die lebenslustige Großmutter Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, die immer noch gern mit Männern flirtet und mit ihrem deutlich jüngeren Bäcker eine ungewöhnliche Liaison hat. Denn er ist nur am Küssen interessiert, darin aber ist er unschlagbar. Gesuina werden jedes Mal die Knie weich, wenn er sie leidenschaftlich küsst, mehr will er aber nicht von ihr. Die früh verwitwete, vierzigjährige Maria, ihre ernste, sittenstrenge Tochter, ist freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Sie ist ein eher lebensfremder Bücherwurm, und sie ist es denn auch, die ihre Familie durchfüttert. Seit fünf Jahren ist sie mit François liiert, eine Fernbeziehung, die sie ganz unkonventionell noch mit langen Briefen ausfüllt. Kulturell interessiert machen sie beide öfter gemeinsam Urlaub, und zwar  nicht nur in exotischen Ländern, sondern sie bereisen kulturinteressiert auch Holland, worüber Maria ihrer Familie von unterwegs begeistert per Brief berichtet. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori schließlich, Marias Tochter, ist pubertär bedingt ziemlich aufmüpfig. Sie hat öfter mal Sex mit ihrem festen Freund und kümmert sich ganz unkonventionell um eine auf der Müllkippe hausende Obdachlose, der sie öfter mal Essen und Getränke vorbei bringt und auch Geld zusteckt. Unterschiedlicher als diese drei Charaktere können Romanfiguren wohl kaum sein.

Es gibt schließlich eine überraschende Wendung, als sich herausstellt, dass Lori schwanger ist. Während der Geliebte ihrer Mutter an Weihnachten zu Besuch war, hat sie die Gelegenheit genutzt und mal schnell Sex mit François gehabt, einfach weil sie neugierig war auf den gut aussehenden Mann. Aber selbstverständlich wollte sie ihn der Mutter nicht ausspannen! Man fragt sich als Leser, ob die Autorin es nicht auf die Spitze treibt in ihrer Geschichte, wenn sie es bei diesem leichtsinnigen Spontansex nun auch gleich zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen lässt. Sie wollte «der heutigen, verwöhnten Jugend einen Spiegel vorhalten», hat sie dazu erklärt. «Die lassen sich leichtfertig treiben, sie weichen Verpflichtungen aus und denken kaum über den Tag hinaus». Insoweit soll also ihr an die Vernunft appellierender Roman auch eine moralische Botschaft transportieren. Lori traut sich nicht, ihrer Mutter zu beichten, denn auch die Großmutter lehnt es vehement ab, die arme Maria damit zu konfrontieren. Soll Lori abtreiben oder einfach ihrem festen Freund das Kind unterschieben? Nach mehr als drei Monaten ist der Bauch nicht mehr zu verstecken, François hat sich schändlich ‹vom Acker gemacht›, und Lori offenbart sich endlich ihrer Mutter, ziemlich feige zwar, – in einem langen Brief nämlich!

Stilistisch perfekt wird diese Geschichte, ständig wechselnd und meisterhaft gekonnt, aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen erzählt: Als Tonband-Aufzeichnung der Großmutter, in Briefen der Mutter und in Tagebuch-Einträgen der Tochter. Letztere gebiert einen prächtigen Jungen, dem sie ganz unbeirrt den Namen Prometheus gibt, der ‹Vorausdenkende›. Das Baby verändert die familiäre Struktur schlagartig zum Positiven, das Gefühls-Karussell dieser drei ungleichen Frauen justiert sich von Grund auf neu. Sehr subtil legt die Autorin in ihrem raffiniert angelegten Plot eine zerbrechliche Familien-Struktur dar, die mit dem Vogelkäfig auf dem Cover auch die Freiheit als politisches Ziel symbolisiert. Trotzdem bleibt sie aber auch hoffnungsfroh, denn am Ende lachen alle wieder, die letzten Worte dazu lauten ergänzend «aus purem Glück»!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Folio Verlag

Löwenherz

Schlafesruh

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer hat mit dem Roman «Löwenherz» ihre autofiktionale Trilogie über ihre Großfamilie abgeschlossen, die ihr gleich mit dem ersten Band einen späten Durchbruch auch am deutschen Buchmarkt beschert hat. Als Buchtitel hat sie den lustigen Kosenamen des Vaters für ihren jüngeren Bruder Richard gewählt, dem sie mit dieser feinsinnigen, behutsamen Erzählung ein literarisches Denkmal setzt. Sie denke nun viel öfter an ihren sechs Jahre jüngeren, im Alter von dreißig Jahren viel zu früh verstorbenen Bruder und habe nur die Hoffnung, dass er «von oben runterschaut und sagt: ‹Hast du gut gemacht›».

Der Roman beginnt damit, dass ihrem Bruder ein «struppiger, knapp übers Knie hoher», herrenloser Hund zulief, den er gleich ins Herz geschlossen hat und dem er spontan den Namen Schamasch gab. Beide waren fortan unzertrennlich, und weil er als 25jähriger Schriftsetzer allein lebte, nahm er den Hund auch mit zur Arbeit, wo sich alle Kollegen und auch der Chef sofort mit ihm anfreundeten. Bei einem Badeausflug fand er am Ufer des Bodensees eine verrostete Badewanne, die er ins Wasser zerrte und hinein stieg, obwohl er nicht schwimmen konnte. Prompt versank die Wanne im See, und er rief wild um sich schlagend um Hilfe. Eine hochschwangere Frau, die mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe war, zog ihn an Land. Richard bedankte sich bei ihr und wollte gerade gehen, als sie ihn aufforderte, ihr doch seine Adresse zu geben. Er solle als Gegenleistung für seine Rettung während ihrer Entbindung ein paar Tage auf ihre kleine Tochter Putzi aufpassen. Was er dann auch gerne tut, und Putzi, Schamasch und er lieben sich alle drei auf Anhieb, sie bilden eine geradezu ideale Gemeinschaft. Putzi nennt ihn von Anfang an Papa und geht ihm nicht mehr von der Seite, ihre Mutter aber lässt sich wochenlang nicht mehr sehen. Monika Helfer springt oft ein, wenn er Putzi manchmal nicht mitnehmen kann in die Fabrik. Sie selbst, ihr späterer Mann Michael Köhlmeier und Richard haben in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zueinander.

Das alles geht wider jede Erfahrung lange Zeit gut, Richard erweist sich als idealer Vater. Bis er, der sich nie für Frauen interessiert hat, plötzlich auf die smarte Rechtsanwältin Tanja trifft, die ihn sogar heiratet und ihm ein Leben in Luxus bietet. Er kündigt seinen Job und kann sich künftig voll seiner Passion widmen, naive Kunst nämlich, die er als mäßig erfolgreicher Maler eifrig betreibt. Mit dem Tod des Hundes, der von einem Jäger erschossen wird, erreicht sein glückliches Leben dann aber einen Wendepunkt, dem wenig später auch der Verlust der innig geliebten Putzi folgt, die von ihrer Mutter plötzlich mit Gewalt aus Richards Wohnung herausgeholt wird. Diese beiden Ereignisse werfen den Eigenbrötler völlig aus der Bahn. Er entfremdet sich nun immer mehr von seiner Schwester Monika und ihrem Mann.

Das Besondere am Stil der Autorin ist ihre behutsame Herangehensweise an den Stoff. Sich vorsichtig herantastend bezieht sie sogar den Schreibprozess selbst mit ein in ihre Erzählung, und sie hat in ihrem Mann und Kollegen Michael Köhlmeier einen kundigen Gegenleser, mit dem sie sich intensiv austauscht. Sie reden nicht nur über den Roman, den sie schreibt, sondern auch über die Erinnerungen an den charmanten Richard. Ihr Mann war ziemlich eng mit ihm befreundet und erinnert sich zuweilen sogar an manches, was sie nicht mehr weiß. Er habe ihn mutmaßlich sogar besser gekannt als sie, wenn er etwa erklärt: «Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard». Zweifellos ist das Schreiben für Monika Helfer hier auch eine Art Selbstbestätigung. Feinsinnig schildert sie Richard als ebenso kauzigen wie widersprüchlichen, ebenso fantasievollen wie gutmütigen Mann, österreichisch gesagt als «Schmähtandler». Wahrscheinlich sei, hat sie alles hinterfragend erklärt, dessen Kindheit, getrennt von den Schwestern bei einer unfreundlichen Tante, der wahre Grund für seine Schrullen gewesen. Voller Wehmut wünscht sie ihm ganz am Ende des Romans «Schlafesruh»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Auf den Gleisen

Radikaler Underdog-Roman

Das Romandebüt der Schriftstellerin Inga Machel unter dem Titel «Auf den Gleisen» wurde 2024 auf die Shortlist für den Leipziger Buchpreis gewählt. Angesichts seiner Thematik eine kühne Entscheidung der unkonventionellen Jury, die hier trotz einer zweifellos vorhandenen langen Reihe von literarischen Mängeln offensichtlich die rigorose Abkehr der Autorin von narrativen Konventionen und insbesondere wohl auch die beklemmende Thematik dieses Romans hervorheben wollte. So sind denn auch die Kritiken der Feuilletons dahingehend unisono positiv, dass nämlich gerade diese Radikalität den Roman in letzter Konsequenz literarisch auszeichne, auch wenn die Mängelliste lang sei! Ein zulässiger Kompromiss?

«Ich dachte, ich müsste jemand umbringen. Als würde der Tod meines Vaters einen Gegentod erfordern», heißt es zu Beginn. Lange ist es nicht sicher, ob da vielleicht eine Frau erzählt, bis irgendwann dann endlich der Name Mario genannt wird, der Mitte zwanzig war, als sein depressiver Vater sich vor den ICE geworfen hat. Das ist inzwischen zehn Jahre her. Aber der Ich-Erzähler, der als Abiturient in der mündlichen Abiturprüfung das Thema Suizid hatte und dafür 15 Punkte bekam, ist seit fünf Jahren total aus der Bahn geworfen, er ist also alles andere als «auf den Gleisen». Bei seinen ständigen, ruhelosen Streifzügen durch Berlin begegnet er einem Mann, in dem er seinen Vater zu erkennen glaubt und dem er von nun an geradezu zwanghaft folgt, ohne ihn jedoch anzusprechen. Es handelt sich um einen heroinsüchtigen Obdachlosen, den er in seiner Erzählung nur P. nennt und dem er sich wie ein lästiger Stalker ohne Sinn und Zweck an die Fersen heftet. So kennt er bald auch dessen Wohnung und klettert sogar, als P. sie einmal kurz verlässt, neugierig durch das offen gelassene Fenster, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos voller Schmutz empfängt. Offensichtlich ist P. für ihn eine Ersatz-Vaterfigur, deren absehbaren Niedergang er neugierig miterlebt, um damit wohl seine eigenen Traumata verarbeiten zu können.

In ständigem Wechsel erzählt Mario immer wieder auch aus seiner glücklosen Kindheit in prekären Verhältnissen. Er musste unter der gefühlskalten Mutter ebenso leiden wie unter dem depressiven, oft ausrastendem Vater, der dann meist um sich schrie: «Ich bin nur von Idioten umgeben». Und damit meinte er ausnahmslos alle, Familie, Nachbarn, Freunde, Kollegen und seine vielen Zechkumpane, aber auch Mario. Und der trägt nun die gescheiterte Beziehung zum Vater sowie das Fehlen jedweder Sicherheit und bedingungsloser Liebe als seelisches Handicap mit sich herum.

Der eigenwillige Stil, in dem das alles erzählt wird, ist allein schon dadurch geprägt, das allzu vieles einfach offen gelassen, also nichts wirklich auserzählt wird. Angesiedelt in Berlin, stellt die dort lebende Autorin diese Metropole in ihrem Roman als völlig verdeckten, dysfunktionalen Moloch dar, als ein idealer Nährboden also für Kleinkriminelle, Junkies und Lebensmüde. Insoweit ist dies ein völlig untypischer Berlin-Roman. Denn die meist euphorisch beschriebene Großstadt-Stimmung wird hier stilistisch gekonnt auf eine äußerst subtile Art demaskiert: «Es war noch nicht Nacht, aber fühlte sich schon eine Weile lang so an. Der Himmel lag abgenutzt über dem See, an dessen Ufer, direkt gegenüber, ein betrunkener Mann eine betrunkene Frau schlug». Neben der chaotisch wechselnden, oft intermittierenden Chronologie der Handlung, die man allerdings nicht wirklich als Plot bezeichnen kann, stört insbesondere die allzu dick aufgetragene Melodramatik dieser Geschichte. Die Autorin suhlt sich schreibend geradezu in dem Elend, das sie da unbeirrt heraufbeschwört. Es gibt zudem wahrhaft schiefe Bilder und irrwitzige Szenen voller Selbstmitleid, an denen man sich prompt stößt als irritierter Leser. Verblüfft wird man resümieren, dass Inga Machel suizidale Depression und Drogen-Missbrauch als etwas völlig Normales beschreibt. Wer das wirklich nachvollziehen kann, wird wohl auf seine Kosten kommen bei diesem radikalen Underdog-Roman!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die Frau und der Fjord

Nordischer Trauer-Exzess

Die äußerst vielseitig tätige Schriftstellerin Anette Strohmeyer, die auch unter diversen Pseudonymen schreibt, hat in ihrem Debütroman «Die Frau und der Fjord» eigene Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes eingebracht. Wie schon der Titel erahnen lässt, befindet sich der Handlungsort ihrer traurigen Geschichte im nördlichen Norwegen, genauer gesagt in einem Fjord auf einer der zugehörigen Inseln, von den Einheimischen nur «Die Heimsuchung» genannt. Dort hat eine hoch angesehene und extrem gut verdienende Top-Geologin aus der Erdölbranche nach dem Unfalltod ihres Mannes spontan ein einsam gelegenes Anwesen gekauft, um sich in der absoluten Einsamkeit eines abgelegenen Fjords endgültig vom Weltgeschehen zu verabschieden und in ihrer Trauer ein Einsiedler-Dasein zu führen. Mit dem untertitel-artigen Hinweis «Roman über Heilung, Neubeginn und die tröstende Kraft der Natur» hat der Verlag die Thematik des Buches überaus deutlich umrissen. Der im Herbst 2025 erschienene Roman wurde in den verschiedenen Leserforen einhellig positiv bewertet, von den Feuilletons aber ebenso einhellig ignoriert, so als wäre dies ein Schundroman. Wer bitte liegt denn da falsch, all die euphorisierten Leser oder die ignorante Kritikerzunft, die doch sonst so gern Jubel-Rezensionen veröffentlicht?

Die 45jährige, kinderlos verheiratete Gro Kristjánsdóttir gilt in ihrer hart umkämpften Branche als absolutes Ausnahme-Talent mit dem besonderen Gespür für Erdöl-Vorkommen. Sie arbeitet oft monatelang auf einer einsamen Bohrplattform in der Barentsee nördlich von Norwegen, wo sie als leitende Geologin verantwortlich dafür ist, anhand der von ihr durchgeführten Bohrungen und den laufend daraus gewonnenen Gesteinsproben auf die Ergiebigkeit der Ölquellen zu schließen. Liegt sie richtig, verdient ihre Firma meist Riesensummen mit der Exploration des Vorkommens, liegt sie aber falsch mit ihren Einschätzungen, würde die vergebliche Bohrung ihren Ölkonzern viele Millionen kosten. Die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes erreicht sie bei einem der monatelangen Aufenthalte auf der Bohrinsel. Wie sich herausstellt, war ihr Mann im Krankenhaus gewesen, wo ihm die Diagnose gestellt wurde, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf dem Heimweg mit dem Auto hatte er dann einen tödlichen Unfall, er ist aus ungeklärter Ursache frontal auf einen Fels geprallt.. Was natürlich zu Spekulationen führte, ob das womöglich ein Suizid war. Völlig entnervt und aus der Bahn geworfen kündigt Gro ihren Job und zieht in die extreme Einsamkeit ihres Fjords.

Ob sie zurück ins Leben findet, bleibt sehr lange fraglich in diesem breit angelegten Roman, denn sie ist absolut untröstlich über ihr Schicksal. Das kleine Holzhaus mit Anlegesteg und einem Schuppen hat vor ihr ein älterer Mann besessen, der bei einem Sturz vom Fels tödlich verunglückt ist. Sie hat zwar einen Stromanschluss, aber kein Telefon und auch kein Handy, das Radio und ein altes Funkgerät ist ihr einziger Kontakt nach draußen. Alle zwei Monate fährt sie mit ihrem kleinen Boot zum Einkaufen ins nächste Fischerdorf, wo sie sich im Supermarkt mit allem eindeckt und wo auch ihre Post lagert. Immer wieder wird in langen Passagen von der unberührten Natur in ihren Fjord berichtet, von ihrer unendlichen Trauer und ihrem latenten Unvermögen zu einem wirklichen Neubeginn. Erst in der Mitte des Romans, beginnend mit der Rettung eines schiffbrüchigen Fischers, mit dem überraschenden Auftauchen zweier ehemaliger Kollegen und mit einem beunruhigenden Besuch der Kriminalpolizei wird diese narrative Monotonie dann endlich unterbrochen.

Auch wenn Trauer und Natur als tragende Bestandteile über weite Strecken dieses Romans schon bald sehr langweilig werden, wird beim Lesen doch ganz allmählich auch die Erwartung auf ein Ende des bereits zwei Jahre andauernden Trauer-Exzesses erweckt. Vergeblich, denn ihre Geschichte endet, gewissermaßen nordisch unterkühlt, nur mit einer vagen Andeutung. Banal ist das alles aber nicht, und man lernt sogar manches dazu – über die arktische Natur.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Das Liebespaar des Jahrhunderts

Eine wichtige Erkenntnis

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist das zweite Buch einer Trilogie von Julia Schoch über die Biografie einer Frau. Dieser selbständig lesbare Roman ist erkennbar autobiografisch gefärbt, die Ich-Erzählerin weist nicht nur als Schriftstellerin Parallelen auf zur Autorin, auch wenn die dafür gesorgt hat, alle Spuren zu verwischen. Konsequent werden keine Namen genannt in diesem literarischen Zwei-Personen-Stück, und die zwei Kinder, die schließlich aus der dreißigjährigen Beziehung hervorgegangen sind, bleiben sogar auch im fortgeschrittenen Alter noch geschlechtslos, sie sind immer nur das« ältere» und das «jüngere Kind». Dementsprechend wird, der Thematik des Romans folgend, hier eine Liebe von ihrem Ende her zu erzählen, konsequent nur aus der Perspektive der namenlosen Frau, und das sehr distanziert und weitgehend emotionslos. Insoweit ist der Titel dieses Romans irreführend, denn seine beiden Protagonisten sind weit davon entfernt, das Traumpaar «des Jahrhunderts» zu bilden.

«Im Grunde ist es ganz einfach. Ich verlasse dich» heißt es am Beginn des Romans, das Scheitern ihrer Beziehung ist nämlich für die Ich-Erzählerin schon lange beschlossene Sache. Ohne dass sie allerdings je mit ihrem Partner darüber gesprochen hat, nicht mal ansatzweise. Der ist und bleibt jedenfalls völlig ahnungslos. Denn wie sie es sagen wird und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, das erweist sich für sie als großes Problem. Sie fertigt eine Liste mit Argumenten an, die für eine Trennung sprechen, schreibt genau auf, was sie sagen will und lernt den Text auswendig, um nicht aus dem Konzept zu kommen, wenn er sie unterbricht und Einwände vorbringt. Als Schriftstellerin ist es für sie auch nahe liegend, ihm einen ausführlichen Brief zu schreiben über ihren Entschluss und alle Faktoren dazu, – und ihn nie abzuschicken! Erst sind es die Kinder, die eine Trennung fast unmöglich machen für sie, und obwohl es nicht mangelt an Kehrpunkten ihrer Beziehung, die einen Anlass bieten würden, schreckt sie letztendlich immer wieder davor zurück, auszubrechen in das, was sie ein freies Leben nennt.

In endlosen Rückblenden reflektiert sie in einer Art innerem Monolog ihre dreißigjährige Liebe, die ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte mit abbildet, zu der auch der Fall der Berliner Mauer gehört. Die Beiden haben sich während des Studiums kennen und lieben gelernt, sie hat ihn geradezu angehimmelt damals in einer symbiotischen Beziehung. Und sich schließlich sogar entschlossen, ihre Doktorarbeit seinetwegen abzubrechen. Man verkehrt in intellektuellen Kreisen, die Beiden sind kunstinteressiert, lesen viel und gehen gern ins Kino. Sie holen auch all die Reisen nach, die sie zu DDR-Zeiten nie  machen konnten. Was den Abkühlungs-Prozess einer Liebe anbelangt ist dieser Roman jedenfalls recht banal und voller Gemeinplätze, seine Stärke, ja fast sein Alleinstellungs-Merkmal sind die klugen Reflexionen zum Thema. «Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, um mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln», sinniert sie. «Jemanden zu verlassen heißt: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb?» grübelt sie an anderer Stelle. Durchaus selbstkritisch merkt sie an: «Vielleicht hat das Zusammenleben ‹mit mir› dich zu jemandem gemacht, der mir allmählich unerträglich geworden ist». Der Superlativ des Romantitels wird schließlich dahingehend relativiert, es handele sich um ein repräsentatives Liebespaar, in dem «sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren». Und auf der letzten Seite wartet noch eine handfeste Überraschung dazu!

Erich Kästner hat zum Thema geschrieben: «Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut». Im Roman wimmelt es nur so von derartigen Betrachtungen, wobei da auch ständig darüber reflektiert wird, wie authentisch das alles denn wirklich ist. Denn ein Gefühl stellt sich hier schon bald ein, dass es nämlich nichts zum Anhimmeln gibt, im Roman nicht und wohl auch nicht im richtigen Leben. Immerhin eine wichtige Erkenntnis, die zurückbleibt nach der Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Der Duft der Blumen bei Nacht

Hinter den literarischen Kulissen

Im Erscheinungsjahr von «Der Duft der Blumen bei Nacht» der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani war die Gattungs-Bezeichnung ‹Memoir› für derartige literarische Werke noch wenig gebräuchlich. Aber ohne Zweifel trifft sie hier zu, denn dieses Werk konzentriert sich auf ein bestimmtes reales Ereignis im Leben dieser Schriftstellerin, das mit emotionaler Tiefe, allein aus subjektiver Sicht reflektierend, Einsichten und Ansichten der Ich-Erzählerin ohne jede fiktionale Ausschmückung thematisiert. Den Anstoß für dieses Buch hatte ihre Lektorin gegeben: Sie solle doch bitte einen Beitrag für die von ‹Les Éditions du Stock› initiierte, neue Buchreihe «Eine Nacht im Museum» schreiben. Obwohl sie mit einem Roman beschäftigt war und eigentlich ablehnen, ausnahmsweise also auch mal Nein sagen wollte, hat sie sich schließlich doch dazu bereit erklärt.

Im April 2019 reist sie nach Venedig, um im Museo Punta della Dogana, dem einstigen Zollamt der Serenissima, ganz allein eine, wie sie hofft, inspirierende Nacht zu verbringen. An diesem der Kunst gewidmeten Ort treffen nach wie vor Orient und Okzident aufeinander, was ihre eigene Situation als marokkanische Frau widerspiegelt, die sich als Erwachsene für Frankreich als Wahlheimat entschieden hat und sich nun nirgendwo richtig dazugehörig fühlt. Als gesellschafts-kritisch engagierte Schriftstellerin lebt sie zwischen den beiden grundverschiedenen Kulturen, wobei sich mit Paris als Wohnsitz zunehmend die westliche Kultur in ihr verfestigt, das islamische Denken also in den Hintergrund gedrängt hat. Mit einem Feldbett und Schlafsack versorgt lässt Leïla Slimani sich also abends im Museum einschließen und ist nun allein mit all den Exponaten. Mit denen sie aber, das gibt sie unumwunden zu, partout nichts anfangen kann, die dort ausgestellte, modernistische Objekt-Kunst sagt ihr rein gar nichts. Sie geistert völlig allein ziellos durch die dunklen Säle des alterehrwürdigen Gebäudes und versinkt immer mehr in ihren Gedanken und Träumen, von denen in diesem Buch vor allem die Rede ist.

Dazu gehört natürlich ihr Beruf als Schriftstellerin, den sie kritisch hinterfragt, wenn sie von ihrem Arbeitsalltag erzählt. Sie igelt sich regelrecht ein in ihrer einsamen Schreibklause, die schon nach kurzer Zeit in einem kreativen Chaos versinkt, das sie ganz offensichtlich zum Schreiben braucht. Dabei will sie auch nicht gestört werden, sie empfängt niemanden und geht auch nichts ans Telefon. Sie denkt auch an ihre Jugendzeit in Rabat zurück, wo sie sich als nicht Islam-Gläubige ausgegrenzt fühlte. Als Sechzehnjährige schleicht sie, den islamischen Sitten zum Trotz, nächtens aus dem Haus und kehrt erst am frühen Morgen genau so heimlich zurück. «Ich war berauscht von meiner Freiheit, und zugleich hatte ich Angst». Seit sie 1999 Marokko verlassen hat gilt sie dort als frankophon. Einen breiten Raum in ihren einsamen Betrachtungen nimmt die Literatur ein, Verweise auf viele andere Schriftsteller vor allem, wobei sie Salman Rushdie als ihren Freund bezeichnet, dem sie viel zu verdanken habe. Diese der Literatur als Kunstgattung gewidmeten Gedanken sind mit vielen Zitaten unterlegt, als Beispiel sei eine Definition von Tschechow über die Großen der schreibenden Zunft genannt: «Das sind die, die es mitten im Sommer schneien lassen und die Flocken so gut beschreiben, dass es einem plötzlich kalt wird und man zittert».

Und immer wieder neu definiert Leïla Slimani in diesem Memoir sprunghaft ihre Sicht auf die Möglichkeiten und Grenzen der Schriftstellerei. Ihre breit angelegte Selbsterforschung als Autorin mutet denn auch oft an wie eine veritable Poetikvorlesung. Dieser Papier gewordene Gedankenstrom bietet dem Leser geradezu ein Füllhorn von interessanten Interna. Genau darin liegt denn auch die Stärke dieses Buches, man bekommt durch die bisher leider nur in Frankreich hoch geschätzte Autorin einen ungemein bereichernden Einblick hinter die Kulissen der Literatur.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Memoir
Illustrated by Luchterhand

Ein Wochenende

Ebenso vorhersehbar wie freudlos

Die australische Schriftstellerin Charlotte Wood hat mit ihrem Roman «Ein Wochenende» eine interessante Thematik für ihre Geschichte gewählt. Sie umfasst zeitlich, der Titel sagt es bereits, nur ein einzelnes Wochenende. In dem unzertrennlichen Kleeblatt von vier älteren Frauen stirbt Sylvie, und Jude, Wendy und Adele werden gebeten, deren altes Sommerhaus am Meer komplett zu entrümpeln, damit es verkauft werden kann. «Nehmt Euch, was ihr wollt», heißt es in der E-Mail von Sylvies Erben, «betrachtet es als Ferien».

Zwei Tage haben die seit Jahrzehnten eng befreundeten Frauen Zeit dafür, und zwar an Weihnachten, wo es in dem auf der südlichen Halbkugel gelegenen Erdteil Australien ja Sommer ist und damit in der Regel auch sehr heiß. Sie waren schon oft in dem Haus von Sylvie, haben dort Weihnachten zusammen verbracht oder auch Ferien gemacht. Obwohl sie sich untereinander so gut kennen wie niemand anderen sonst, ist dieser Aufenthalt elf Monate nach Sylvies Tod eine besondere Herausforderung für die drei Freundinnen, die sich nun angesichts dieses eher ungewöhnlichen Auftrags und der geänderten Konstellation ihrer langjährigen Freundschaft auf neue Weise kennen lernen. Die Autorin lässt sich zu Beginn viel Zeit, die Anreise der Frauen mit den verschiedensten Verkehrsmitteln und ihre individuellen Reise-Erlebnissen und –Eindrücken zu schildern, was schon ein wenig auf ihre charakterlichen Eigenarten hindeutet. Als sie dann glücklich alle eingetroffen sind, ist zunächst alles wie immer, sie kennen sich ja schließlich lange genug. Ihrem Wesen entsprechend verhalten sich die Frauen dann aber recht unterschiedlich angesichts der bevorstehenden Aufgaben. Die kapriziöse Schauspielerin Adele hat sich gleich auf ihr Zimmer zurückgezogen, um sich im Bett liegend erstmal auszuruhen und einzustimmen auf das, was bevorsteht. Und wie es ihre Art ist, hat sie natürlich gleich auch das schönste Zimmer im Haus okkupiert. Wendy hingegen, die als intellektuelle Schriftstellerin ein erfolgreiches Buch nach dem anderen schreibt, ist mit ihrem altersschwachen, kranken Hund Finn beschäftigt, den sie abgöttisch liebt, der den anderen Frauen aber nicht zuletzt mit seinen Hinterlassenschaften gewaltig auf die Nerven geht. Aber nicht nur die Romanfiguren sind entsetzt, sondern auch der Leser, denn Finn ist nun sozusagen der Vierte im Bunde der Frauen und wirkt allenfalls als lästiger Störfaktor im Roman.

Nur Jude hat sich als einstmals erfolgreiche Besitzerin eines angesagten Restaurants gleich an die Arbeit gemacht und angefangen, die vorhandenen Konserven nach Verfallsdatum zu sortieren. Wie zu erwarten kommt es während der beiden Tage zu allerlei Enthüllungen, Geständnissen und Verdächtigungen zwischen den befreundeten Frauen, vieles ist nicht so, wie es scheint. Es sind all die Probleme, die da aufscheinen und von den anderen mehr oder weniger gehässig kommentiert werden, es menschelt gewaltig in diesem Roman. Die einst glamouröse Adele hat schon lange keine Rolle mehr bekommen, ihre Zeit als Schauspielerin ist vorbei. Ihre lesbische Geliebte hat sie am Abfahrtstag vor die Tür gesetzt, sie steht jetzt plötzlich sozusagen auf der Straße, was sie den Freundinnen natürlich schamhaft verschweigt. Aber auch Judes finanzielle Großzügigkeit erweist sich in Wahrheit als aufgesetzte Attitüde, nur dank ihres reichen Liebhabers, von dem die anderen nichts wissen dürfen, kann sie sich ihren extravaganten Lebensstil überhaupt leisten. Und die intelligente Wendy wiederum kommt partout mit ihren erwachsenen Kindern nicht klar.

Der von Anfang an langweilige, profane Plot wartet mit allerlei Klischees auf bei den psychischen Eigenheiten seiner Figuren, die sich untereinander auf die Nerven gehen – und bald auch dem Leser! Es fehlt ihnen deutlich an Charisma, um sympathisch wirken zu können. Und der in allerlei Rückblenden stocknüchtern erzählten, vorhersehbaren Handlung fehlt es  zudem leider an Humor, was diese Lektüre zu allem Überfluss letztendlich völlig freudlos macht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Wenn es dunkel wird

Realistisch/surreal verflochtene Erzählungen

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erzählt in seinem neuen Sammelband «Wenn es dunkel wird» elf Geschichten, die in ihrer dezent eingearbeiteten Mystik ein wenig an Edgar Allen Poe erinnern. Andererseits beruht sein distanzierter, schnörkellos einfacher Erzählstil, wie er erklärt hat, «auf einer wiederholten Reduktion des Erzählten». Er lasse bewusst die Sprache in den Hintergrund treten, dadurch würden die «gezeichneten Bilder» umso realer. Außerdem stehe bei ihm nicht der Inhalt im Mittelpunkt, sondern der Stil, in dem erzählt wird. Es geht auch in diesem Band um die Frage, was passiert, «wenn unsere Phantasien realer werden als die Wirklichkeit», also «wenn es dunkel wird» um uns herum.

In «Nahtigal» geht es um den verhinderten jugendlichen Bankräuber David, der am Ende seines geplanten Überfalls, von einem Gefühl der Leichtigkeit überwältigt, seinen Plan aufgibt. In «Das schönste Kleid» wetteifern einige junge Kolleginnen um die Gunst des umschwärmten Chefarchäologen Felix, ein eifersüchtiges Rennen, das die Ich-Erzählerin Brigitte durch einen denkwürdigen Auftritt auf einem Betriebsfest spektakulär gewinnt. Mit «Supermond» ist die Geschichte eines kurz vor der Verrentung stehenden Mannes betitelt, der in kleinen Schritten aus seiner verantwortungsvollen Arbeit bei der Wartung von Verkehrs-Flugzeugen heraustritt und allmählich in der Dunkelheit seiner Bedeutungslosigkeit versinkt. «Sabrina, 2019» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die bei einem Künstler Modell steht für eine Skulptur und später auf einer Vernissage miterlebt, wie ein Kunstsammler das menschengroße Abbild von ihr erwirbt. Er lädt sie ein, das bei ihm im Wohnzimmer aufgestellte Werk zu sehen, eine Einladung, die sie gerne annimmt. «Die Frau im grünen Mantel» handelt von einer Patientin, die auf einen pensionierten Arzt trifft, der sich in seinem ehemaligen Krankenhaus nun als Patient zu einer Operation eingefunden hat. Er erinnert sich, die Frau vor vielen Jahren mit allerlei mysteriösen Verletzungen behandelt zu haben. Die neue Begegnung mit ihr bringt ihn beinahe dazu, seine OP abzublasen.

In «Cold Reading» wird die Mittelmeer-Rundreise einer jungen Frau auf seltsame Weise bei einem Wahrsager unterbrochen, – ein Erlebnis, dass sie wohl immer in Erinnerung behalten wird. Auf der Anreise zu einem Skiurlaub bleibt ein Vater an der Raststätte allein zurück, seine wütende Frau hat ihn einfach stehen lassen, als er geschäftlich telefonieren musste. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zur nächsten Ortschaft, wo er auf eine Lehrerin trifft, die ihn dazu bringt, ein Bild für seine Frau zu malen. Als er nach einer odysseeartigen Fahrt am Ferienort ankommt und seiner Frau sein unbeholfen gemaltes Bild als Geschenk überreicht, ist sie überglücklich. Es sei das schönste Weihnachtsgeschenk, das er ihr jemals gemacht habe. In «Dietrichs Knie» geht es um ein vermeintliches Techtelmechtel einer verheirateten Frau mit einem Geschäftsfreund, in das sich der eifersüchtige Ehemann listig per E-Mail einmischt. Die titelgebende Geschichte «Wenn es dunkel wird» handelt von einer auf der Passhöhe umher geisternden Frau, die von einer Polizistin aufgegriffen wird, die durch sie an ihre eigene Verlorenheit erinnert wird. Und «Mein Blut für dich» handelt von einem älteren Mann, dessen Blut nicht zu Spende zugelassen wird, was ihn tief beunruhigt. «Schiffbruch» schließlich erleidet im wahrsten Sinne des Wortes ein Spekulant, der sich total verzockt hat und in einer Luxussuite seinem demütigenden Ende als VIP-Gast entgegensieht, was ihm seltsamer Weise aber immer weniger bedrückt.

All diese realistisch/surreal verflochtenen Geschichten berichten von Kippmomenten im Leben, welches anfangs jeweils ganz normal zu sein scheint und dann auf mysteriöse Weise aus dem Gleis gerät. Obwohl die Handlung dabei manchmal ins Triviale abgleitet, ist man als Leser doch überrascht, wie der Autor seine Erzählungen immer wieder trickreich enden lässt. Das alles ist weder stilistisch noch tthematisch große Literatur, bietet aber eine durch seine Überraschungs-Momente geprägte, kurzweilige Lektüre.

Fazit:  lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Fischer Verlag

Schwebebahnen

Stilistisch schwebend mit banalem Plot

Wie auch in vielen seiner anderen Romane geht es in «Schwebebahnen» von Hanns-Josef Ortheil um Episoden aus seinem Leben. Zu diesem neuen Roman hat er angemerkt: «Ich habe von 1957 bis 1962/1963 in Wuppertal gelebt, und das Seltsame ist, dass ich danach immer wieder von Wuppertal geträumt habe. Und zwar von den Schwebebahn-Fahrten». Der aus Köln kommende sechsjährige Josef hat äußerste Schwierigkeiten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Vater ist Eisenbahner und hat in Wuppertal eine Wohnung in einem Haus voller Eisenbahner-Familien bezogen. Josef musste in Köln die Schule abbrechen, er ist ein introvertierter Einzelgänger, der sich fast nur für Musik interessiert.

In dieser autofiktionalen Coming-of-Age-Geschichte werden für einen Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren Josefs Erlebnisse in neuer Umgebung und mit neuen Mitmenschen geschildert, an die er sich nun langsam gewöhnen muss. Das gilt insbesondere auch für die neuen Mitschüler, denn er «lebt, denkt und fühlt anders als andere Kinder», er wurde deshalb in Köln auch immer wieder gehänselt. Die neue Rektorin nimmt sich seiner besonders intensiv an, sie wurde durch einen Brief der Kölner Schule vorinformiert und will ihm möglichst helfen. Gleich am ersten Tag in der neuen Wohnung hat er ein Mädchen im Haus gegenüber gesehen, das ihm gewunken hat. Es ist Rosa, die Tochter des Gemüsehändlers mit italienischen Wurzeln, die klug ist und voller Temperament. Sie will «Mücke» genannt werden, weil sie Rosa schrecklich findet, und sie selbst nennt Josef schon bald nur noch «Giuseppe». Die Beiden freunden sich schnell an und werden bald unzertrennlich. Furchtlos geht sie mit ihm in den Wald, sie hat keine Angst vor den feindlichen Jugendbanden, die dort herumstrolchen, und sie zeigt ihm auch ihre versteckte Höhle, in der sie Engelsfiguren aufgestellt hat, die sie manchmal sogar mit Kerzen beleuchtet.

Mücke symbolisiert im Roman das Gegenbild zu einer herzlosen Leistungs-Gesellschaft mit hohem Erwartungsdruck, die nur durch Anpassung zu funktionieren scheint und in der hartnäckiges Verschweigen zum Prinzip geworden ist. Die titelgebende Schwebebahn wiederum, das kuriose städtische Wahrzeichen Wuppertals, fungiert hier als poetisches Symbol für das Leichte, Schwebende, für das, was möglich bleibt in der schwer gewordenen Realität des Nachkriegs-Lebens, in dem die unheilvolle Vergangenheit ständig durchschimmert. Die Eltern von Josef haben vier Kinder verloren, all ihre Hoffung richtet sich nun auf ihn. Aber es ist nun mal die Musik, in die er sich flüchtet mit seinem Klavierspiel, das ihm alles bedeutet. Bei dem er so wunderbar improvisieren kann, statt sich der eisernen Disziplin des Lehrbuchs zu unterwerfen, – es ist sein Fluchtweg aus dem allgemeinen, eisernen Schweigen heraus. Im Roman ist die Nachkriegs-Gesellschaft mit ihren Erwartungen, «etwas aus sich zu machen», als diffuse Autorität und permanente Aufforderung im Hintergrund ständig erkennbar.

Der Autor hat keinen klassischen Entwicklungsroman im Sinn gehabt, ihm ging es mit dem Aneinanderreihen von Episoden vielmehr um das Nachklingen einer Kindheit, die immer noch fortwirkt und nicht abgeschlossen ist. Erzählt wird «doppelgleisig», einerseits aus der kindlichen Innen-Perspektive von Josef, andererseits aus einer distanzierten Außenperspektive. Dabei wird dann fleißig sinniert oder räsoniert, – es wird also nichts erklärt oder gar analysiert, sondern nur gezeigt. Man wird als Leser nicht alles verstehen können, aber doch auch manches wieder erkennen aus eigenem Erleben. Im autobiografischen Œuvre des Vielschreibers Hanns-Josef Ortheil ist dieser Roman nichts Neues, er ist allenfalls eine Ergänzung zu bereits Erzähltem. Die Kernaussagen wiederholen sich hier nämlich, wobei das Narrativ kaum variiert wird, was eifrige Stammleser dieses Autors wohl nicht stören, manche hingegen aber durchaus enttäuschen dürfte. Was den Stil anbelangt, so ist das Leichte, Schwebende, an Musik Erinnernde als Markenzeichen des Autors die Lektüre allemal wert, der Plot als solcher aber enttäuscht leider als deutlich zu banal.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand