Das Café ohne Namen

Klischeehafte Milieu-Schilderungen

In seinem autobiografisch inspirierten Roman «Das Café ohne Namen» schildert der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler, wie zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt Wien, aus den Trümmern erhoben, in eine neue Zeit hineinwächst. Als Setting nutzt er das titelgebende Café, in dem ein buntes Völkchen von Figuren aus der untersten Gesellschaftsschicht sich die Klinke in die Hand gibt. Wie schon der Titel zeigt, bildet das namenlose Café hier also nur die als solche bedeutungslose Bühne, auf der allein die zahlreichen Figuren, mit ihren Ängsten und Nöten kämpfend, den Erzählstoff dieses Romans bilden. Wobei diese Menschen allesamt, durchaus typisch für diesen Autor, mit ihrem Schicksal hadern und gegen ihre Einsamkeit ankämpfen.

Der Roman beginnt orts- und zeitgleich mit der Geburt des Autors in Wien im Spätsommer 1966. Der junge Gelegenheitsarbeiter Robert Simon, der auf dem Karmelitermarkt in Wien sein Brot verdient, beschließt, eine schon länger leer stehende Gastwirtschaft zu pachten und dort ein Café zu eröffnen. Wobei es eigentlich nicht ein typisches Café ist, das er betreiben will, sondern, vom gastronomischen Angebot her gesehen, eine Mischform mit einer Kneipe, in der die Anwohner und die in dem Viertel arbeitenden Menschen verkehren. Bei ihm also das Kaffeekränzchen älterer  Damen ebenso wie der Trupp von Bauarbeitern, die hier ihre Mittagspause machen. Und tatsächlich geht Simons Kalkül auf, sein «Café» entwickelt sich schnell zu einem Szene-Treff im herunter gekommenen zweiten Wiener Bezirk. Manche seiner Gäste suchen lediglich nach Gesellschaft, andere nach Anerkennung und einige sogar nach Liebe. Und alle bringen ihre Geschichten mit, von denen dieser Roman erzählt und von denen nicht zuletzt auch Simon profitiert, er «wächst» menschlich sogar an ihnen.

Kurz entschlossen schließt Simon mit dem Hausbesitzer einen Pachtvertrag und beginnt gleich auch mit der dringend erforderlichen Renovierung der verwahrlosten Räume. Er wohnt bei der Kriegerwitwe Martha Pohl  und freundet sich sehr schnell auch mit dem Fleischermeister Johannes Berg auf der anderen Straßenseite an, sein direktes Gegenüber, der dem unerfahrenen Kneipier auch einige gute Ratschläge gibt. Als die junge Hilfsnäherin Mila aus der Textilfabrik, die gerade ihre Arbeit verloren hat, weil die Konkurrenz aus China zu stark geworden ist, vor der Fleischerei einen Ohnmachtsanfall erleidet, geht der Fleischer mit ihr ins Café gegenüber und empfiehlt sie dem Simon als Bedienung, die er ja sowieso bald brauche, denn dessen Geschäfte gehen gut. Dort verkehrt inzwischen auch René Wurm, einer der wilden Heumarkt-Ringer, der von dem Trubel um die Catcher-Kämpfe gut lebt, aber immer von Amerika träumt. Als es im nächsten Winter bitterkalt wird, ergänzt Simon sein Getränke-Angebot um Punsch, der denn auch sofort begeistert angenommen wird. Es gibt Eifersuchts-Szenen in seinem Café, René und die Bedienung Mila finden als Liebespaar zueinander und bekommen ein Kind, das aber bei der Geburt stirbt. Es ist ein bunter Reigen an Geschehnissen, die der Autor in seinem Roman beschreibt und in dem so ziemlich alle Vorkommnisse thematisiert werden, die sich in derartigen Kreisen ereignen können. Am Ende stürzt am 1. August 1976 nachts kurz vor 5:00 Uhr auch noch die Reichsbrücke ein, woraufhin Simon spontan sein Café schließt.

Von wenigen Rückblenden abgesehen wird die Handlung in 39 Kapiteln chronologisch und intern fokalisiert erzählt. Dabei beweist sich der Autor als Meister darin, kleine und kleinste Ereignisse zu literarischen hoch zu stilisieren. Unbefriedigend bleibt vor allem, dass gerade hier, im größten Judenviertel Wiens, der Holocaust völlig unerwähnt bleibt. Meist ist es ereignisloser Klatsch und Tratsch, der hier erzählt wird, ein oberflächliches Gerede ohne Belang, als ereignislose Banalitäten zum Weiterdenken partout ungeeignet. Welche Intentionen der Autor mit seinen klischeehaften Milieu-Schilderungen letztendlich verfolgt, bleibt sein Geheimnis!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Claasen München

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Unerquickliches Nebenwerk

Es ist nahe liegend, wie Bodo Kirchhoff auf die Idee für seinen kurzen Roman «Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt» gekommen ist. Er hat dazu im Interview erklärt, er habe selbst per E-Mail eine solche Einladung erhalten (sic). «Es hörte sich großartig an. Dann gab es einen Anhang und dann habe ich diesen Anhang studiert und mit meiner Frau darüber gesprochen und am nächsten Tag haben wir zwei freundliche Zeilen zurückgeschickt. In dem Moment, wo diese beiden Zeilen abgeschickt wurden, da kam mir der Gedanke: Das kann man auch auf 130 Seiten ausdehnen, diese Antwort». Und so besteht nun der gesamte Roman aus einer einzigen Antwort-Mail seines Ich-Erzählers, die er mit mentaler Unterstützung durch so manches Glas edlen, gut abgelagerten Whiskys verfasst und der Kreuzfahrt-Reederei zurück geschickt hat. Das mithin ist der komplette Roman, den wir lesen, – es geht hier also niemand an Bord!

Das Alter Ego des Autors wird als «Gastkünstler» samt Begleitung zu einer 14tägigen Kreuzfahrt in die Karibik eingeladen. Beginnend und endend in Havanna soll sie in einem dreiviertel Jahr, über Weihnachten und Sylvester hinweg, stattfinden. Es wird ihm ein großzügiges Honorar geboten, eine Kabine mit Außenbalkon und andere Vergünstigungen, wenn er täglich eine Lesung veranstaltet und auch an den anschließenden Diskussionen über das Werk teilnimmt. In dem 18seitigen Anhang der E-Mail stößt er auf allerlei Pflichten und Regelungen, die nicht unbedingt seinen Vorstellungen entsprechen. Das Schiff kann 5000 Passagiere aufnehmen, um die sich insgesamt etwa 2000 Mitarbeiter kümmern, für einen Einsiedler wie ihn schon das fast ein Alptraum. Die Reederei hat außer ihm noch zwei weitere «Edutainer» engagiert, also Allein-Unterhalter, die belehrend und unterhaltend zugleich tätig sind. Er sieht sich intellektuell nicht auf einem Niveau mit den Kollegen, die wie er die gelangweilten Passagiere unterhalten und bespaßen sollen.

Zu den Problemen, die der Schriftsteller in dem umfangreichen Anhang zur Einladung findet, gehört in erster Linie mal die Auswahl der Stücke, die er aus seinen Werken vorlesen soll. Die müssen nämlich mit der Reederei im Voraus abgestimmt werden, damit die Passagiere nicht eventuell verunsichert werden. Ein Eingriff in seine Kunst, den er kaum akzeptieren kann. Lustvoll entwickelt Bodo Kirchhoff ein Problem nach dem anderen, mit dem sein Protagonist konfrontiert ist, selbst wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass Derartiges wirklich passiert. Und er hadert noch mit vielen anderen Umständen dieser Kreuzfahrt. Könnten nicht Passagiere an Bord sein, die schlimmstenfalls auf hoher See eine Gefahr darstellen. Ist der Kapitän absolut zuverlässig oder könnte sich wiederholen, was 2012 mit der Costa Concordia passierte, als sie nahe der Insel Giglio auf Grund gelaufen ist, wobei 32 der 4229 Passagiere ums Leben kamen. Überhaupt habe er Zweifel, ob derartige Reisen mit ihren immensen Umweltbelastungen überhaupt noch in die Zeit passen. Der Protagonist brennt ein wahres Feuerwerk ab an Einwänden, nebenbei erfährt man aber auch eine Menge an Details über solche Reisen, die Gepflogenheiten an Bord betreffend ebenso sowie die Reisenden selbst und deren Motive, die er voller Ironie überaus kritisch hinterfragt.

Es fragt sich, ob der Autor hier nicht selbstverliebt mit seiner Bildung protzt, wenn er derart viele intertextuelle Verweise einfügt. Seinen Protagonisten zeichnet er ziemlich übertrieben einerseits als verachtenswerten Hasenfuß, andererseits aber auch als großmäuligen Macho, dem das andere Geschlecht prinzipielle unterlegen sei. Bei alldem schwingt zwar auch eine gewisse Selbstironie mit, und die vielen heraufbeschworenen Unglücks-Szenarien sind unverkennbar satirisch überhöht. So richtig zum Tragen aber kommt sein Witz leider nicht, und seine Ironie kippt allzu häufig in reine Selbstverliebtheit um. Dieses laut Autor «Nebenwerk» ist jedenfalls keine literarische Bereicherung, es ist und bleibt unerquicklich als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Frankfurter Verlagsanstalt

Du hättest gehen sollen

Autofiktionale Schreibkrise

Die Erzählung «Du hättest gehen sollen» von Daniel Kehlmann thematisiert die Schaffenskrise eines Drehbuchautors mit Elementen des Horrorfilms, allen voran wird man an «Shining» von Stanley Kubrick erinnert. Dem Ich-Erzähler kommt in einem einsam gelegenen, hochmodernen Chalet in den Alpen die Wirklichkeit abhanden. Das Ganze endet chaotisch, das Kladde des Drehbuchautors bleibt leer und seine Ehe ist gescheitert, – oder auch nicht? So ganz sicher ist nichts in dieser mit phantastischen Elementen angereicherten Erzählung, deren letzter Satz «Und dabei bin ich erst ganz am» ohne Schlusspunkt endet! Ein Zeichen der Unfertigkeit, die sich auch an anderen Stellen im Text dieses unzuverlässigen Ich-Erzählers häufig findet.

Mit Frau und vierjähriger Tochter hat sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler für einige Tage ein Chalet gemietet, um Ruhe zu finden für das Drehbuch eines Films, der als Fortsetzung an den großen Erfolg seines letzten Spielfilms anknüpfen soll. Aber er kommt über einzelne Stichworte und Ideen für sein Filmskript, die er in sein Notizbuch schreibt, nicht hinweg, die auf dem Schreibtisch bereit gelegte Drehbuch-Kladde bleibt leer. In diesem 92 Seiten langen Büchlein findet sich, wie in vielen seiner anderen Bücher, auch der Spiegel als beliebtes Metapher des Autors wieder. Sein Held erkennt sich nicht wieder im Spiegel, er ist seltsam verzerrt oder überhaupt nicht sichtbar, wirkt wie sein eigener Doppelgänger, weiß zwischen Original und Spiegelbild nicht mehr zu unterscheiden. Sogar in dem nächtlich dunklen Fenster seines Arbeitszimmers sieht er manchmal nicht sein Spiegelbild. Ähnlich mysteriös erscheinen plötzlich Bilder an den Wänden, wo vorher keine waren, tauchen an anderer Stelle auf oder zeigen etwas ganz anderes. Der Schwindel mit der Realität geht so weit, dass er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut, die Entfernungen im Haus verschieben sich, auf nichts ist mehr Verlass. Ein Geodreieck, das ihm der ziemlich einsilbige Besitzer des Dorfladens beim Einkauf geschenkt hat, zeigt falsche Winkel an. Sogar das Haus verändert seine Proportionen, ist plötzlich riesengroß oder wirkt völlig schief gebaut, er glaubt schließlich sogar, sich in zwei Wesen aufgespaltet zu haben, denn wenn er die Hautür öffnet, fürchtet er, selbst davor zu stehen.

Im Dorf raunt man von unerklärlichen Vorgängen in dem Chalet und dessen Vorgängerbauten, es soll sogar mal ein Turm an dieser Stelle gestanden haben. Einige Urlauber seien spurlos von dort verschwunden, der Ort sei des Teufels. Als der Drehbuchautor den Vermieter anrufen will, um ihn über seine vorzeitige Abreise zu informieren, sucht er im Mobiltelefon seiner Frau nach dessen Nummer und stößt dabei auf eine Textnachricht: «Ich will dich wieder anfassen», -Absender ist ein gewisser David. Er blättert weiter und findet viele ähnliche Nachrichten von ihm. Als er seine Frau zur Rede stellt, verlässt sie nach heftigem Streit das Haus und fährt mit dem Auto davon. Er sitzt in der Falle und flüchtet mit seiner kleinen Tochter zu Fuß hinunter ins Dorf, um dort ein Taxi zu bestellen. Als er fast am Ziel ist, sieht er plötzlich ein erleuchtetes Haus, muss aber feststellen, dass er vor der Haustür des gemieteten Chalets steht. «Du hättest gehen sollen», denkt er sich.

Nach der Lektüre stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob diese Erzählung autofiktional ist, ob Daniel Kehlmann hier seine eigene Schreibkrise schildert. Weder der Plot kann überzeugen noch die wenigen Figuren in diesem literarischen Kammerspiel. Eine besonders schwache Figur ist die der Ehefrau, einer ebenso berühmten wie attraktiven Schauspielerin, die einen akademischen Abschluss in Deutscher Philologie hat und ihrem Mann intellektuell überlegen ist. Sie bleibt als Figur völlig blutleer, die durch ihre Untreue ausgelöste Ehekrise wird lapidar in wenigen Sätzen abgehandelt. Unklar bleibt auch, ob zwischen Schaffenskrise und Ehekrise ein Zusammenhang besteht. Fest steht nur, dass die äußeren Koordinaten des Ich-Erzählers total verschoben sind. Wirklich ärgerlich aber bleiben die vielen mysteriösen Vorkommnisse, denen rein gar nichts folgt!

Fazit:   miserabel

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Genre: Erzählung
Illustrated by Rowohlt

Gegen die Welt, gegen das Leben

Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend

Von Michel Houellebecq, der als wichtigster französischer Schriftsteller der Gegenwart gilt, wurde 1991 mit seinem Essay «Gegen die Welt, gegen das Leben» sein erstes Werk veröffentlicht. Darin geht es um H. P. Lovecraft, den amerikanischen Urvater der fantastischen Literatur, der weltweit als der einflussreichste Autor der Horror-Erzählungen des 20ten Jahrhunderts gilt. Diesem Sonderling wird ein «kosmischer Horror» attestiert, dessen Thematik sich um die Angst vor dem Unbekannten und die Unermesslichkeit des Universums dreht. Bei seinem romanhaften, fiktional angereicherten Essay über ihn geht es Houellebecq insbesondere um die visionäre Kraft von Lovecraft, aber auch um seine Außenseiter-Stellung und die Ursachen für seinen Rassismus. Indem er dem Amerikaner, den er auf eine Stufe stellt mit Edgar Allen Poe, literarisch ein Denkmal setzt, entwickelt er die Grundlagen für seine eigene Poetik und schafft damit einen Schlüssel zu seinem eigenen, umfangreichen Werk.

Durch das Gesamtwerk des Franzosen zieht sich kontinuierlich eine immerwährende westliche Dekadenz hindurch, und man spürt seinen besonders ausgeprägten Sinn für den Zeitgeist. Kaum ein heutiger Autor ist derart in Skandale und Kontroversen verwickelt wie Michel Houellebecq. Zu den häufigsten Vorwürfen gehört dabei die Behauptung, er sei ein Rassist. Als «nouveau réactionnaire» ist er allerdings wenig daran interessiert, sich gegen solche Vorwürfe zu wehren, – ganz im Gegenteil , er hat sie in Interviews sogar häufig bestätigt und weitere Provokationen hinzugefügt. Außer Rassismus wird ihm aber auch Frauenhass unterstellt, und als Agnostiker gilt er als besonders islamfeindlich, sein Roman «Unterwerfung» ist ein beredtes Beispiel dafür. Sein Image ist geprägt durch seine ebenso häufigen wie scharfen Attacken gegen den Zeitgeist, Skandale sind erkennbar ein wichtiger Bestandteil seiner Strategie, sich am Markt weit oben zu positionieren. Damit ist er zwar ein Mahner, ein Moralist zudem, der allerdings auf die Ursachen für das weit verbreitete Gefühl menschlicher Ohnmacht keine Antwort weiß. Er selbst hat sich im Interview als Autor bezeichnet, der sich mit dem Leiden beschäftigt, das durch den Nihilismus erzeugt wird. Politisch tritt er öfter mal ins Fettnäpfchen, so wenn er zum Beispiel behauptet, Napoleon sei schlimmer als der Gröfaz gewesen, und seine Sympathie für Stalin rühre daher, dass der ja viele Anarchisten umgebracht habe. Zu seinen konträren Standpunkten gehören seine Statements zu den positiven Folgen der Corona-Pandemie ebenso wie die Skepsis den modernen Medien gegenüber, die massenhaft soziale Kontakte zerstören würden.

Das vorliegende Essay über H. P. Lovecraft trägt erheblich zur Legendenbildung um den «Einsiedler von Providence» bei, die fundamentale Sinnlosigkeit des Lebens hätten nur sehr wenige Menschen erkannt, glaubt Houellebecq. Und er nennt als dessen literarische Ingredienzien den «absoluten Materialismus», die Verwendung von wissenschaftlichen Termini, zudem aber auch ein Gefühl, es gebe in seinen Schriften etwas, das partout als nicht-literarisch angesehen werden müsse. Außerdem lehne Lovecraft Freuds Psychoanalyse ab und spreche verächtlich von dessen «puerilem Symbolismus».

Gleich zu Beginn wird der Leser im ersten Satz thematisch eingestimmt: «Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend». Das gilt auch für dieses enttäuschende Essay, mit dem sein Autor den Blick auf einen schon lange in Vergessenheit geratenen Außenseiter mit einer äußerst kleinen Fan-Gemeinde lenkt. Er identifiziert sich als heutiger Exeget mit fast allem, was Lovecraft als Degeneration brandmarkt, wobei er in puncto Misanthropie allerdings hinter ihm zurückbleibt. Aber auch als Privatmann wird der Visionär aus den USA beschrieben, seine Ehe, seine Zeit in New York, seine finanziellen Nöte als Schriftsteller, der nicht veröffentlich wird. Ohne Zweifel dient dieses Essay Houellebecq als Selbstbestätigung für sein eigenes Schreiben, worin denn auch der einzige Nutzen für den literatur-interessierten Leser liegen dürfte.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Essay
Illustrated by DuMont

Ausradiert

Literatur-Satire der besonderen Art

Als bitterböse Satire über den Literaturbetrieb wurde der im Original 2001 in den USA erschienene Roman von Percival Everett kürzlich unter dem Titel «Ausradiert» auch auf Deutsch veröffentlicht. Der Roman wurde inzwischen verfilmt, erhielt 2024 fünf Oscar-Nominierungen und wurde mit dem Oscar für das «Beste adaptierte Drehbuch» ausgezeichnet. Der mit seinen 24 Romanen, aber auch mit Erzählbänden und Lyrik bis dato in Deutschland kaum bekannte Autor hat dann mit «James» voriges Jahr den Pulitzerpreis erhalten, was die eilends erfolgte Neuerscheinung erklärt. Wobei dieser Roman im Onlinehandel sogar als «Das Buch zum oscarprämierten Film ‹American Fiction› bezeichnet wird, – also nicht als der Film nach dem Roman, der ja viel eher da war! Die bisher einzige in den Feuilletons erschienene Rezension der Frankfurter Rundschau ist allerdings ein grandioser Verriss, und das Schweigen aller anderen Zeitungen dürfte ja auch etwas zu bedeuten haben. So was macht einen denn doch neugierig!

Der farbige Schriftsteller Thelonious Ellison, von seinen Freunden wegen des gleichen Vornamens wie der berühmte Jazzmusiker nur «Monk» genannt, galt schon von klein auf als hochbegabtes Kind. Seine Schwester Lisa, mit der er sich bestens versteht, ist Gynäkologin und betreibt mit ihrer Kollegin eine Gemeinschafts-Praxis, in der legale Schwangerschafts-Abbrüche speziell bei bedürftigen Frauen durchgeführt werden. Immer wieder versammeln sich vor ihrer Praxis radikale Abtreibungs-Gegner und bedrohen die beiden Ärztinnen. Monks Vater ist schon lange tot, der schwule Bruder hat sein Coming Out, die Mutter erkrankt an Alzheimer und Lisa wird in ihrer Praxis erschossen, Monk wird sich nun um seine Mutter kümmern müssen. Dieser langsame Zerfall der Familie bildet den einen Erzählstrang dieses Romans, der zweite beschäftigt sich mit dem Literaturbetrieb als solchem und seinen für literatur-affine Leser interessanten Interna. In beiden aber geht es vor allem auch um die Suche nach Identität.

Professor Thelonious «Monk» Ellison hat fünf intellektuell anspruchsvolle Romane über Schwarze geschrieben, die gute Kritiken bekommen haben, die aber keiner lesen will, während kitschige Ghetto-Romane voller Klischees hohe Auflagen erreichen. Voller Wut über diese Ignoranz der Leserschaft und die Erfolge der vielen Schundromane schreibt er selbst unter Synonym einen solch grottenschlechten Ghettoroman und gibt ihm den provokanten Titel «Fuck». Der Erfolg ist überwältigend, sein Verleger, der ihm immer schon vorgeworfen hat, er sei «nicht schwarz genug», ist begeistert. Die für seine Verhältnisse enorm hohen Auflagen bescheren Monk erstmals einen schon lange erwarteten und auch dringend benötigten Geldsegen, bringen aber ganz unerwartet auch einiges an Chaos in sein bisher unspektakuläres Leben. Er hat einst sein Studium in Harvard mit ‹summa cum laude› abgeschlossen, interessiert sich für die Antike, spielt mit wenig Erfolg Basketball und hört am liebsten Sinfonien von Gustav Mahler und Jazz von Charlie Parker. Den Helden in seinem Schundroman stellt er so vor: «Mein Name ist Van Go Jenkins und ich bin neunzehn Jahre alt und ich geb n Scheiß auf niemanden, nich auf dich, nich auf meine Mutter und nich auf den alten Mann da oben im Himmel». Der als Roman im Roman, also als «Fuck» in Gänze in «Ausradiert» enthaltene Schundroman wird von der Kritik gefeiert, er selbst sitzt sogar in der Jury, die über die Vergabe des Literaturpreises zu entscheiden hat, und zieht vom Leder: «Das ist kein schlechter Roman [   ] es ist überhaupt kein Roman. Es ist ein missglückter Versuch, ein unfertiger Fötus [   ] ein Wort ohne Vokale». Mehr Satire geht nicht!

Ein Teil des Lesevergnügens ist den vielen tagebuchartigen Notizen zu verdanken, die der Autor von «Fuck» in seinen Text einstreut. Der raffiniert konstruierte Plot ist flüssig lesbar und mit viel Sprachwitz angereichert, schießt mit seinem originellen Gepräge zuweilen aber deutlich über das Ziel hinaus, was so manchen Leser auf Dauer stören dürfte. Aber die Geschmäcker sind nun mal verschieden!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Der lebende Beweis

Missglückte Selbstbefreiung

Die Filmemacherin Lola Randl hat jüngst mit ihrem vierten Roman «Der lebende Beweis» die Reihe ihrer autobiografischen Dorfromane erweitert, in denen es um die Erfahrungen geht, die eine Frau aus der Großstadt beim Umzug in eine dörfliche Welt machen kann. Man trifft als Leser hier wieder auf das Personal des ersten Romans «Der große Garten», das auch sechs Jahre später immer noch aus einer namenlosen Ich-Erzählerin besteht, dem Mann, dem Liebhaber, den beiden Söhnen und der Mutter. Ergänzt wird das Figuren-Ensemble um etliche andere Einbewohner, allesamt skurrile Gestalten. Der anfängliche Enthusiasmus, der Geist des Neuanfangs ist verflogen, sie ist nicht heimisch geworden im Dorf. In dem neuen Roman nun thematisiert die Autorin, wie ihr Alter Ego im Roman die Ursachen für diese Änderung ihres Empfindens zu erkunden versucht. Dabei geht sie methodisch vor, beschäftigt sich mit den historischen Hintergründen, kartografiert den Wandel in der Gemarkung und sinniert auch über die Veränderungen in ihrer Familie. Schließlich erstellt sie sogar eine «Mindmap», um ihre eigenen Empfindungen in dieser Landkarte der Gedanken systematisch zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzten, der hintere Buchumschlag bildet ein Beispiel dafür ab.

Die Frau Mitte vierzig, die vor sechs Jahren hoffnungsfroh mit ihrer Familie in ein Dorf der Uckermark gezogen ist, hat sich sowohl von ihrer ländlichen Umgebung als auch von ihrer Familie inzwischen ziemlich entfremdet. Sie lebt zurückgezogen auf dem verstaubten Dachboden ihres großen Hauses, das einstmals ein stattlicher Gasthof gewesen ist. Dort hat sie ihr stilles Rückzugsgebiet sowohl von der Familie als auch vom Dorfleben gefunden. Von einem Dachfenster aus beobachtet sie voller Skepsis das immergleiche örtliche Geschehen zwischen Kirche, Supermarkt und Bushaltestelle. Die Menschen, die sie zu analysieren versucht, nennt sie Probanden und gibt ihnen Namen wie der Einsiedler, der Dorfchronist, die Nachbarin, die Pastorin, das Morphologen-Paar. Und sehr genau erkennt sie an ihrem typischen Verhalten auch die Trinker, die regelmäßig morgens oder abends unauffällig Nachschub holen. Sie kennt inzwischen fast jeden Einwohner zumindest vom Sehen, auch wenn sie nur mit wenigen einen persönlichen Kontakt unterhält. Am nützlichten erweist sich dabei der Chronist, der pensionierte Dorflehrer, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle noch vorhandenen Dokumente zu katalogisieren. Dabei kommt ihm die Hilfe der Ich-Erzählerin sehr gelegen. Die wiederum hofft, durch die Beschäftigung mit den teilweise bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückreichenden Urkunden wertvolle Hinweise auf das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung zu bekommen, sogar die letzte Hexenverbrennung ist akribisch dokumentiert.

Der einstige Elan des Aufbruchs in das Dorfleben hat sich in eine Orientierungslosigkeit verwandelt, die auch Erziehungs-Probleme mit einschließt. «Seit ich den Faden verloren habe, ist mir noch weniger klar, wie und mit welcher Berechtigung ich auf meine Kinder einwirken soll», heißt es resignierend im Roman. Auf ihrer akademisch angelegten Sinnsuche durchpflügt die Protagonistin in ihrem Refugium kritisch ihr eigenes und das Leben der Dörfler, eine permanente Grübelei, die in weiten Teilen die Kurzkapitel dieses Romans ausfüllt als eine groß angelegte, sprunghafte  Nabelschau.

Leider aber werden diese philosophischen Gedankengänge mit Alltagsgeschehen und Banalitäten durchmischt, ganz ohne den lakonischen Unterton wie einst beim Debütroman. Wenig überzeugend ist auch der stakkatoartige Plot mit nicht weniger als 71 Kurzkapiteln auf 188 Romanseiten. Die Erzählung ist deutlich überfrachtet mit Szenen, die nur ablenken und die Handlung stören statt sie zu bereichern. Dass vereinzelt auch Selbstironie im Spiel ist, zeigt sich im Epilog, wo der Erfolg dieser ländlichen Selbstbefreiung scheinbar in Frage gestellt wird. Dort nämlich steht als letzter Satz geschrieben: «Vor mir liegt ein unbeschriebenes Blatt, und es fühlt sich an, als hätte ich alle Zeit der Welt».

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

Lázár

Historisch verbrämter «Kitsch-Porno»?

Der Schweizer Schriftsteller Nelio Biedermann hat mit seinem Roman «Lázár» ein Familienepos geschrieben, in dem er, über mehr als 50 Jahre hinweg und drei Generationen umfassend, die wechselvolle Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie erzählt. Sie beginnt mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie, dem später das verbrecherische Nazi-Regime folgt. Die Erzählung endet mit den kommunistischen Zwangsenteignungen, der Niederschlagung der Ungarischen Revolution und der Flucht der Familie nach Zürich. Gleich sieben deutschsprachige und zwanzig fausländische Verlage waren an der Veröffentlichung des autobiografisch inspirierten Manuskripts interessiert, das dann auch sehr schnell zum Bestseller avancierte. Ein wenig hat zu diesem Hype sicherlich auch das jugendliche Alter dieses literarischen Shootingstars beigetragen, war er doch beim Erscheinen seines bereits zweiten Romans erst 22 Jahre alt. Die Rezensionen der Feuilletons hingegen waren konträr wie selten. Während einerseits euphorisch von «Große Literatur» und «Pageturner» die Rede ist, stößt beispielsweise ausgerechnet bei der NZZ übel auf, dass hier eine historische «Schauerkulisse» unbekümmert für einen «Kitsch-Porno» genutzt würde. Was stimmt denn nun?

Maria, die schöne Baronin, hadert mit ihrem langweiligen Leben im abgelegenen Waldschloss der Familie Lázár, frustriert ritzt sich immer wieder mal mit der Rasierklinge ihres Mannes die Unterarme blutig. Als der fesche blonde Stallbursche ihr einmal für einen Ausritt in den Sattel hilft, bemerkt er die Verletzungen, «Warum tun Sie das, Frau Baronin» fragt er irritiert. «Um zu wissen, dass ich lebe» ist ihre Antwort. Als sie drei Stunden später vom Ausritt zurück kommt und er den Sattel in den Pferdestall trägt, folgt sie ihm lächelnd, und bald schon liegen beide nackt im Stroh. Neun Monate später kommt am 6. Januar 1900 Lajos auf die Welt, ein blondes Kind mit wasserblauen Augen, von Anfang an argwöhnisch betrachtet vom Baron. Als das Kind zwei Jahre alt ist, stellt er endlich die Frage, die Maria schon lange befürchtet hat, warum Lajos ihm denn so gar nicht ähnlich sieht. Auf eines der vielen Ahnenporträts an den Wänden deutend macht Maria ihren Mann darauf aufmerksam, dass dieser männliche Vorfahr dem Kind doch wie aus dem Gesicht geschnitten sei, – und damit ist dieses Thema denn auch für immer vom Tisch.

Zwanzig Jahre später berührt der Untergang der Habsburger Dynastie zunächst nur die Traditionen der Familie, und es scheint sogar, als ob der inzwischen erwachsene Lajos mit dem Antritt des Erbes den alten Glanz wieder herstellen kann. Aber seine Kinder müssen später dann doch miterleben, wie die politischen Umbrüche, insbesondere das Erstarken des Kommunismus, zunehmend ihr privilegiertes Leben verändern und völlig neue Anforderungen an sie gestellt werden. Nelio Biedermann erzählt teilweise aus eigenem Erleben und aus Gesprächen mit Zeitzeugen, seine Chronik eines Niedergangs mit ihren unübersehbaren Anklängen an Thomas Mann wirkt dadurch recht authentisch. Wobei sie stilistisch aus einer absolut heutigen Sicht geschildert ist, diese moderne Perspektive sei ihm wichtig gewesen, hat der Autor im Interview erklärt.

Sein Familienepos wird von vielen lebensecht geschilderten Figuren getragen, deren unterschiedliche Schicksale man gebannt verfolgt als Leser, wobei Dekadenz und Standesdünkel des Adels wie auch die ungehemmten Triebe der schillernden Figuren als Leitmotive fungieren. Es gibt etliche Ungereimtheiten in der Erzählung, die man teilweise als mystische Einsprengsel deuten könnte. Überwiegend kurze, fahrig wirkende Abschnitte wechseln sich ab mit breit ausgewalzten Beschreibungen, ein unausgewogener Stil, der den Lesefluss erheblich stört. «Sex sells» scheint die peinliche Devise dieses Romans zu sein, die denn auch prompt in der Neuen Züricher Zeitung zu Recht als «Porno-Kitsch» gebrandmarkt wird. Bildet etwa genau das den wahren Grund für den völlig unverständlichen Hype um diesen weitgehend missratenen, aber von Teilen des Lesepublikums euphorisch gefeierten Familien-Roman?

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Winesburg, Ohio

Kontemplativer Erzählreigen

Mit seinem Band von Kurzgeschichten unter dem Titel «Winesburg, Ohio hat der US-amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson 1919 seinen Durchbruch erreicht. Mutig negierte er die gängige Forderung der damaligen Leserschaft nach einem spannenden Plot, er erzählt stattdessen kurze, pointierte Szenen aus einem bestimmten Lebensabschnitt seiner Protagonisten, deren Innerstes er nur skizzenhaft hervorhebt, ohne ihre Wesensart in allen Einzelheiten offen zu legen. Damit revolutionierte er damals die moderne Shortstory, der vorliegende Band wurde zum Wegweiser dieses Genres in den USA und gilt seither als immer wieder gelesener Klassiker, wie es die Neuauflagen und Neuübersetzungen bis in unsere Tage hinein beweisen. Typisch für ihn ist eine lakonisch kurze Erzählweise, mit der dieser Autor seine Landsleute respekt- und liebevoll beschreibt. Es geht dabei um die Bewohner der titelgebenden, fiktiven Kleinstadt Winesburg im mittleren Westen, deren Name inzwischen geradezu als literarische Reverenz für dieses spezielle Genre steht, insbesondere Faulkner und Hemingway beriefen sich auf diese Kurzgeschichten. Und John Updike hat geschrieben, das Besondere daran bestehe «…in einer geistigen Essenz, einem bestimmten obstkuchensüßen Lebensgefühl, wie es sich in Amerikas einsamen, verstreuten Haushalten ereignet».

George Willard, der junge Reporter des «Winesburg Eagle», ist die zentrale Figur, die voller Staunen all die schrulligen, oft einsamen Charaktere und gescheiterten Existenzen beobachtet und alles eifrig notiert. Er wird mit ihrer Einsamkeit, ihren Begierden, Träumen und all ihren unerfüllten Wünschen konfrontiert. Selbst in dem Städtchen aufgewachsen und selbst nicht ganz frei von tragischen Verstrickungen, ist er ein Suchender, der immer deutlicher seine schriftstellerische Begabung entdeckt, – den es aber in die Ferne zieht. Unter dem Titel «Das Buch über das Groteske» wird eingangs erzählt, wie ein alter Schriftsteller hunderte von Wahrheiten gesammelt hat, von denen er in seinem neuen Buch schreiben wollte. Es gab da die Wahrheit der Unberührtheit, der Leidenschaft, von Reichtum und Armut, von Sparsamkeit und Verschwendung, von Sorglosigkeit und Verzweiflung, «und alle waren sie wunderschön. Und dann kamen die Leute des Weges, und jeder schnappte sich im Vorbeigehen eine der Wahrheiten, und einige, die besonders stark waren, schnappten sich gleich ein ganzes Dutzend davon».

Durch ein fatales Missverständnis verliert Wing Biddlebaum unter falschen Anschuldigungen seine Stelle als Lehrer. Der Arzt Dr. Reefy schreibt all seine Gedanken für seine tote Frau auf kleine Zettel, – die er alle gleich wieder wegwirft. Und Alice wartet elf Jahre nach seinem Verschwinden noch immer auf ihre einstige Jugendliebe, bis sie eines Nachts nackt aus dem Haus rennt und dort auf einen alten Mann trifft, der aber taub ist und sie nicht verstehen kann. Ein Reverend wiederum ist in Kate verliebt, die ihre Leidenschaft unter einem allzu strengen Äußeren verbirgt, bis sie schließlich doch einen Ausbruch wagt. All den Figuren dieses Erzählreigens ist gemeinsam, dass sie unfähig sind zu lieben und dass es ihnen nicht gelingt, vernünftig miteinander zu kommunizieren. Der American Dream als uramerikanisches Glücksversprechen scheitert insbesondere an der fatalen Ichbezogenheit dieses Menschenschlags im ländlichen Ohio. Unter dem Titel «Die Abreise» heißt es am Schluss über den Protagonisten George Willard, der es nicht mehr aushält in der ländlichen Enge: «Der junge Mann, der seinen Heimatort verließ, um sich dem Abenteuer des Lebens zu stellen, überließ sich seinen Gedanken, aber es handelte sich nicht um besonders großartige oder dramatische Gedanken».

Der Autor fächert in seinen kurzen Geschichten stilistisch gekonnt ein grandioses Kleinstadt-Panorama auf und enttarnt dabei en passant all die Lügen, auf denen das Bewusstsein der naiven Einwohner fußt. Das ist kurzweilig zu lesen und regt öfter mal zu kontemplativer Mitwirkung an.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Manesse Verlag München

Elisabeth Finch

Tiefpunkt im Werk des Autors

Im umfangreichen Œuvre des vielseitigen britischen Schriftstellers Julian Barnes, der sich selbst als «glücklichen Atheisten» bezeichnet, ist der 2022 erschienene Roman «Elisabeth Finch» ein typisches Beispiel für eine aporetische Suche nach Wahrheit. Ohne Rücksicht auf die Lösbarkeit philosophischer Fragen wendet er sich als Vertreter der Postmoderne nämlich auch hier wieder einer schwierigen Thematik zu, indem er mit der titelgebenden Elisabeth Finch eine Romanfigur erschafft, die als Philosophie-Professorin das Fundament ihrer Erkenntnisse in vorchristlicher Zeit findet. In einem narrativen Mix aus Roman und Essay benutzt der Autor das universitäre Milieu für seine tiefsinnigen philosophischen Betrachtungen, als deren gedankliche Quelle er seine im Mittelpunkt stehende Romanfigur etabliert hat.

Das dreiteilige Buch beginnt damit, dass ein etwa dreißigjähriger, gescheiterter Schauspieler namens Neil an der Londoner Uni ein Abendseminar zum Thema Kultur und Zivilisation besucht, das von der auf Genauigkeit bedachten, ebenso anspruchsvollen wie charismatischen Professorin Elisabeth Finch abgehalten wird. Er ist wie alle seine Kommilitonen fasziniert von der etwa zwanzig Jahre älteren Frau, die streng darauf achtet, dass ihre Studenten das Mitdenken lernen, indem sie von ihr unentwegt mit stoischer Gelassenheit zu messerscharfen Reflexionen über den anspruchsvollen Lehrstoffs genötigt werden. Sie verkörpert eine derart unduldsame Präzision im Denken, dass ihre Studenten ihr nachzueifern versuchen und mit möglichst klaren sowie fundierten Aussagen um ihre Anerkennung werben, allen voran Neil. Obwohl sie sich später regelmäßig mit ihm zum Lunch trifft, bei dem sie stets die Zeche übernimmt, bleibt die zwanzig Jahre ältere Frau absolut unnahbar, ihre Verabredungen dienen lediglich einem für beide bereichernden Gedanken-Austausch. Über ihr Privatleben ist absolut nichts bekannt, sie besuchen sich auch nicht gegenseitig. Eines Tages erfährt Neil, dass sie gestorben ist und ihm ihre Bibliothek und den gesamten schriftlichen Nachlass vererbt hat.

Es folgt im Mittelteil ein umfangreiches Essay über den römischen Kaiser Julian II, der den Beinamen Apostata trug, weil er dem christlichen Glauben abgeschworen hatte und die Christianisierung im vierten Jahrhundert rückgängig machen wollte, was ihm bekanntlich ja nicht gelang. Für Elisabeth Finch ist er ein beredtes Beispiel für die Deutung von Geschichte gewesen, das ihr Denken entscheidend geprägt hat, weil der Schlüssel zur Gegenwart eben oft auch in der Vergangenheit liegt. So stellt sie beispielsweise die Frage: Was wäre passiert, wenn er nicht im vierten Jahr seiner Regentschaft im Kampf gefallen wäre? Im dritten Teil ist Neil damit beschäftigt, den schriftlichen Nachlass von Lis zu sichten, was wenig ergiebig ist. Er beginnt zu recherchieren, findet aber außer dem Bruder von ihr niemanden, der etwas Licht in das Dunkel ihres Privatlebens bringen kann. Die wenigen Bekannten, die sie hatte, haben alle nur losen Kontakt zu ihr gehabt, sie war auch als Privatperson unnahbar. Mit Hilfe des Internets findet Neil schließlich eine ehemalige Kommilitonin, die Liz als Frau auch von einer anderen Seite kannte. Allerdings ist sie aber nicht bereit, Intimes von ihr preiszugeben. Und auch Geoff, der einst als aufmüpfiger Schüler öfter mit seiner strengen Professorin aneinander geraten ist, kann nichts beitragen zur der Recherche, er schimpft aber zwanzig Jahre später selbst posthum immer noch über sie. Neil entschließt sich am Ende, die geplante Biografie über Elisabeth Finch doch nicht zu schreiben.

Das Dilemma dieses «Romans» besteht darin, dass hier eine Erzählung mit einem wie ein Fremdkörper wirkendem Essay übergangslos und ohne Zusammenhang verwoben ist. Dem fiktionalen Teil fehlt eine schlüssige Handlung ebenso wie glaubhaft gezeichnete, lebensnahe Figuren, es kommt sehr schnell große Langweile auf beim Lesen. Ohne Zweifel ist dies der bisher schlechteste seiner Romane, ein unnötiges, narratives Wagnis, mit dem der für seinen brillanten Stil bekannte Julian Barnes auch viele seiner treuesten Anhänger total verprellt hat. Schade!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Die Glasglocke

Feministischer Klassiker

Der im Original 1963 in Großbritannien unter dem Pseudonym ‹Victoria Lucas› erschienene Roman «Die Glasglocke», geschrieben von der bis dato nur als Lyrikerin bekannten US-amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath, ist vor allem wegen seiner beklemmenden Thematik bekannt geworden, aber natürlich auch wegen seiner unzweifelhaft vorhandenen Authentizität. Denn die Ich-Erzählerin leidet wie auch die Autorin, die sich wenige Wochen später das Leben nahm, an schweren Depressionen, die zur Einweisung in die Psychiatrie führen und als Odyssee durch verschiedene Kliniken die zweite Hälfte der Erzählung ausfüllen. Sie habe den Roman als reine «Brotarbeit» geschrieben, hat die Autorin ihrer Familie erklärt, und einem Kritiker gegenüber hat sie ihren ungewöhnlichen Bildungsroman eine «autobiografische Lehrlingsarbeit» genannt, mit deren Hilfe sie sich von ihrer Vergangenheit zu befreien versucht habe. Im Überschwang des erst acht Jahre später auch in den USA äußerst erfolgreich herausgebrachten Romans wurde sie dann dort als Ikone der Frauenbewegung hochstilisiert, in deren persönlicher Lebensgeschichte sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft widerspiegle. Ihr erster und einziger Roman wurde als Dekonstruktion des scheinbar unausrottbaren amerikanischen Mythos gedeutet, er traf jedenfalls die Stimmungslage vieler Frauen jener Zeit und avancierte schnell zu einem echten Kultbuch.

Die neunzehnjährige Esther Greenwood aus Boston hat, beneidet von fast allen Studentinnen Amerikas, in einem Schreibwettbewerb einen einmonatigen Aufenthalt im Volontariat einer großen New Yorker Modezeitschrift gewonnen. Sie wird zusammen mit elf andern Frauen dort in einem Hotel einquartiert und mit Geschenken und gesellschaftlichen Einladungen überhäuft. Die erste Hälfte des Romans schildert die turbulenten Erlebnisse der Hospitantinnen in Big Apple, unglücklich begonnen mit einer Lebensmittel-Vergiftung, ausgelöst bei einem Bankett durch verdorbenes Krabbenfleisch. Esthers College-Ruhm verblasst dort aber schnell, weil ihre Strebsamkeit in der ungewohnten, neuen Umgebung deutlich leidet. Sie ist andererseits aber auch nicht in der Lage, sich den vielen lockenden Vergnügungen hinzugeben. Insbesondere die Männer enttäuschen die unerfahrene Esther, deren ästhetische Ansprüche sie nicht erfüllen oder die an ihr nicht interessiert sind. Und selbst den Heiratsantrag von ihrem Jugendfreund lehnt sie strikt ab, weil er ihr seine bereits vorhandenen sexuellen Vorerfahrungen verheimlicht hat.

Zurück in Boston scheitert sie bei ihrer Abschlussarbeit über «Finnegans Wake» kläglich an den kreativen Wortgebilden des berühmten irischen Autors. Auch ihren Versuch, selbst einen Roman zu schreiben, bricht sie schon nach wenigen Zeilen mutlos ab. Und als sie für ein Schriftsteller-Seminar in einem angesehenen College wider Erwarten doch nicht angenommen wird, bricht für sie eine Welt zusammen. Versuche ihrer Mutter, sie zu Sprachkursen zu animieren oder in Hinblick auf den Arbeitsmarkt Stenografie zu lernen, lehnt die ehemalige Musterschülerin vehement ab. Nach einem Selbstmordversuch landet sie schließlich in der Psychiatrie, wo sie von einer Klinik zur anderen weitergereicht wird und den Eindruck gewinnt, nun wie in einer «Glasglocke» endgültig von der Welt abgeschottet zu sein. Erst als dann endlich eine fähige Psychiaterin ihr Vertrauen gewinnt und die scheinbar sexuell bedingten Ängste von Esther offen legt, beginnt eine allmähliche Erlösung von ihren wahnhaften Zwangs-Vorstellungen, – und sie lässt sich nun sogar, ganz bewusst, endlich auch entjungfern.

Es sind die längst überholten, weiblichen Rollenbilder, die sich hier überdeutlich auch in einer verklemmten Sexualität ausdrücken, an denen nicht nur Esther tragisch zu scheitern droht. «Die Glasglocke» als titelgebende Metapher verdeutlich gekonnt die Intention der Autorin, das soziale Ausgeschlossensein anders denkender und anders empfindender Frauen kritisch zu hinterfragen. Als feministischer Klassiker ist dieses Buch ein echter Solitär, den man gelesen haben sollte!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Was nicht gesagt werden kann

Sprachlose Männlichkeit

Der mit dem Booker-Prize 2025 prämierte Roman «Was nicht gesagt werden kann» von David Szalay «konzentriert sich auf einen Mann aus der Arbeiterklasse, der normalerweise nicht viel Beachtung findet», hat die Jury erklärt, und hinzugefügt, er «lädt uns ein, hinter die Fassade zu blicken». Das durchweg positive Echo in den Feuilletons bestätigt denn auch eindrucksvoll die einstimmig erfolgte Preisvergabe, sie hätten «noch nie etwas Vergleichbares gelesen», so die britischen Juroren. Und das, obwohl es auch einige wenige Einwände gibt zu diesem eigenwilligen Entwicklungs-Roman, der quer durch alle sozialen Schichten führt und in mancherlei Hinsicht sogar als machohaftes Aufstiegs-Märchen bezeichnet werden muss.

Als Protagonist der auktorial und durchweg im Präsens erzählten Geschichte verkörpert István einen innerlich verarmten Mann, der mit seiner Mutter im typischen Plattenbau-Viertel einer ungarischen Stadt lebt. Dort ist der schüchterne 15Jährige völlig isoliert, bis ihn eine ältere Frau aus dem Hause bittet, ihm beim Hochtragen ihrer Einkäufe in den vierten Stock zu helfen. Als sie ihn irgendwann fragt, ob sie ihn küssen darf, stimmt er perplex zu, und bald darauf landet er, auf ihre Initiative hin, im Bett mit der verheirateten Mitbewohnerin. Bei einem Gerangel mit ihrem Mann stößt István ihn die Treppe herunter und wird wegen Todschlag zu drei Jahren Jugend-Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung meldet er sich für fünf Jahre zum Militär und kommt im Irakkrieg zum Einsatz. Danach geht er nach London und findet eine Stellung als Türsteher in einem Club. Dort wird er von einem Mann angesprochen, der ihm eine Ausbildung als Personenschützer anbietet. Später engagiert ihn dann ein älterer Milliardär als Bodyguard und Chauffeur. Dessen selbstbewusste, junge Frau Helen macht ihm schon bald Avancen, und prompt wird sie seine Geliebte. Nach dem Tod ihres Mannes stellt sich dann heraus, dass er Thomas, ihren gemeinsamen Sohn, als Alleinerben eingesetzt hat. Bis zu seinem 25ten Lebensjahr soll das Erbe aber noch treuhändlerisch von der Mutter verwaltet werden. Helen heiratet István und bekommt ein Kind von ihm. Beide leben in Saus und Braus, weil er finanzielle Transaktionen mit dem von Helen verwalteten Geldvermögen tätigen kann und dabei üppig verdient. Bei einer Feier kommt es zu Eklat mit Thomas, weil der von diesen finanziellen Aktivitäten mit seinem Geld erfahren hat und sich von seiner Mutter und István bestohlen fühlt.

Die auch in dramatischen Szenen nüchterne und unverkennbar machoartige Erzählweise von David Szalay ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass er sehr detailliert schildert, wie sich das äußere Leben seines Protagonisten entwickelt. Gleichzeitig aber schweigt er sich beharrlich darüber aus, was denn innerlich in seinen Figuren vorgeht. István lässt immer alles ambitionslos auf sich zukommen, er lässt alles nur geschehen, ohne je wirklich die Initiative zu ergreifen. Und auch was den Sex angeht, so sind es immer die Frauen, die ihm Avancen machen, die den ersten Schritt tun. Er ist dann oft total erstaunt und im Übrigen auch nicht wählerisch. Jugend und Schönheit sind keine entscheidenden Kriterien für ihn, er lässt sich gerne ins Bett ziehen, aber um eine Frau zu werben käme ihm nicht in den Sinn. Seine eigenen Gefühle bleiben ihm fremd, selbst die zu Helen, die er ja geheiratet hat, – oder wurde er etwa geheiratet?

Obwohl emotionale Nähe zu dem verstockten Protagonisten nicht aufkommen will, bleibt man als Leser doch sehr nah dran an der Figur. Zu dieser Nähe tragen insbesondere die das Geschehen prägenden, köstlichen Dialoge bei. Sie werden oft stakkatoartig geführt, wobei «Okay» das von ihm meistverwendete Wort ist, und auf Fragen folgt fast immer erstmal eine wörtliche Wiederholung der Frage, so als hätte er sie nicht verstanden. Dieser auf das Nötigste reduzierte Erzählstil macht keinerlei Unterschied zwischen Banalem und Dramatischem, alles ist gleichermaßen wert, erzählt zu werden. Nach tragischem Niedergang und Rückkehr nach Ungarn beerdigt István dort seine Mutter, und der letzte Satz lautet lapidar: «Danach lebt er allein»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Goldstrand

Narratives Chaos

Der Roman «Goldstrand» der Schriftstellerin Katerina Poladjan wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnet. Leider gibt die veröffentlichte Begründung der Jury keinen Hinweis, aus welchen Gründen ihr Votum denn gerade auf diesen Roman gefallen ist. Neben einem Satz, der den Inhalt zusammenfasst, wird schriftlich erklärt: «Katerina Poladjans Roman ist ein Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker – und erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt». Demnach ist also der «Abgesang auf Europa» als Thematik das ausschlaggebend Preiswürdige an diesem Buch.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Eine Frau steigt 1922 nachts auf einem Flüchtlings-Dampfer aus Odessa nach Konstantinopel über die Reling und verschwindet spurlos. Zusammen mit seinem Sohn macht sich deren Bruder Lew von Rumänien aus auf die Suche nach seiner Schwester. Er will es nicht wahrhaben, dass sie tot ist. Nach jahrelanger Suche lässt er sich an einem leeren Strand nieder und baut mit seinem Sohn Felix eine Hütte, in der sie ein bescheidenes Leben fristen, er arbeitet als Tagelöhner. Felix studiert später in Sofia Architektur und hat die Idee, den idyllischen Strand als Feriendomizil zu erschließen. Unter seiner Ägide werden in den fünfziger Jahren um die ehemalige Hütte herum Hotels aus dem Boden gestampft. Felix trifft auf Francesca, Tochter faschistisch orientierter Eltern, die sie verstoßen, als sie von ihm schwanger wird. Ihr gemeinsamer Sohn Eli schließlich studiert und wird ein bekannter Filmemacher, der dann als 62jähriger Klient einer Dottoressa in den Therapie-Sitzungen von seinem Leben und dem der Eltern und Großeltern erzählt. Der Großteil des nichtlinear erzählten Plots besteht aus den Analyse-Gesprächen mit der italienischen Psycho-Therapeutin. Das Setting der sieben Kapitel des Romans wechselt erst im letzen Kapitel von deren Praxis in Rom mit der berühmten Analyse-Couch in seine Wohnung, als die Dottoressa ihn dort erstmals besuchen kommt. Später stößt auch noch Francesca hinzu, seine Mutter. Eli erklärt, dass er mit seinem alten Segelschiff nach Bulgarien reisen wolle, um dort seinen Vater zu treffen.

Der Roman strotzt nur so von literarischen Anspielungen und Zitaten, die von Calvino, Duchamp, Caspar David Friedrich und Goethe bis zu Heiner Müller und Wittgenstein reichen, zu denen noch berühmte Filmszenen von Pasolini und Kompositionen von Giorgio Moroder hinzu kommen, die alle von der Autorin am Ende in einem Hinweis explizit benannt werden. Die sieben Jahre, die Lew und Felix als Gärtner der Königin Marie von Edinburgh in Rumänien verbracht haben, lesen sich eher wie ein Märchen als ein Roman und sprengen deutlich den Rahmen dieses Genres. Weite Teile des Romans werden in Form von Dialogen vorgetragen, zu denen insbesondere die oft sehr ausschweifenden und unzuverlässigen Erzählungen von Eli gehören, der von seiner Therapeutin immer wieder ermahnt wird, nicht den Faden zu verlieren bei seinen Rückblenden in die Familien-Geschichte. Ob dort aber wirklich die Probleme für seine Schaffenskrise verborgen liegen, das bleibt eher fraglich. Die strenge Fixierung großer Teile des Plots auf die Psychoanalyse wird durchbrochen, als Eli am Ende einen ihm zugeflogenen Sittich zur Therapiestunde mitbringt. Dann stößt ein fremder Mann namens Paolo während einer Sitzung wie selbstverständlich hinzu, ohne dass die Dottoressa eine Erklärung dazu abgibt, und plötzlich wird auch noch ganz unprofessionell Kaffee und Kuchen serviert.

Trotz der stilistischen Raffinesse und den für die Autorin typischen, surrealen Einsprengseln führt das Spiel mit dem Uneindeutigen hier letztendlich in ein eher enttäuschendes narratives Chaos. Dazu tragen auch die cineastischen Szenen bei, die in den komplexen Plot mit eingeflochten sind. Dieser von der Leipziger Jury apostrophierte «Abgesang auf Europa», das lassen auch skeptische Leser-Kommentare erkennen, ist per se weder erkennbar noch gar preiswürdig!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Juli, August, September

Jüdische Identität im Land der Täter

«Juli, August, September», letzter Roman der in Baku geborenen und heute in Wien lebenden Olga Grjasnowa, weist bereits im Titel auf eine Dreiteilung hin. «Der Roman hat natürlich autobiografische Züge», hat die Autorin erklärt. Sein Thema ist die Selbstfindung der jüdischen Kunsthistorikerin Ludmilla, die im Roman nur Lou genannt wird. In Aserbaidschan geboren und russischsprachig aufgewachsen, kam Lou als so genannter Kontingentflüchtling von dort nach Berlin, wo sie in einer angesehenen Galerie arbeitet. Aus ihrer zweiten Ehe mit dem charismatischen Konzertpianisten Sergej ist die fünfjährige Tochter Rosa hervorgegangen, die noch nie in einer Synagoge gewesen ist, – im Berlin des Jahres 2023 also eine ganz normale, weil ziemlich religionsferne jüdische Familie.

Als Lou ihrer Tochter die Geschichte der Anne Frank aus einem banalisierenden, bebilderten Kinderbuch vorliest, glaubt Rosa unbeirrt, dessen Autor heiße Adolf Hitler. In diesem Moment wird der Mutter plötzlich klar, dass ihre eigene Identität ja nicht wirklich geklärt ist. Sie spricht ihre Muttersprache Russisch mit ihrer kleinen Tochter, um ein Stück Heimat in ihr zu verankern. Im Beruf und Alltag und auch mit Sergej spricht sie natürlich deutsch, alle der zumeist in Israel lebenden Familien-Mitglieder aber sprechen hebräisch, was sie selbst nur rudimentär beherrscht. Ist das denn überhaupt noch eine Familie, fragt sie sich. Und wie sollen sie als Eltern und nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden Rosa denn erziehen hier im Land der Täter? Anlässlich der groß angelegten Geburtstagsfeier ihrer 90jährigen Großtante Maya in einem etwas herunter gekommenen Resort auf Gran Canaria, zu der der gesamte Familienclan zumeist aus Israel anreisen wird, hofft sie im Gespräch mit der dort versammelten Verwandtschaft ihre nicht nur sprachliche Identität finden zu können. Da Sergej wie so oft auf internationaler Konzertreise ist und ihr zurät, auch ohne ihn an der großen Familienfeier teilzunehmen, fliegt sie allein mit Rosa zu dem einwöchigen Treffen.

Der mit «August» betitelte Mittelteil des Romans schildert in epischer Breite den klischeehaften Bade-Tourismus, aber auch die Gespräche der zum Teil sogar verfeindeten, drei Generationen umfassende jüdischen Mischpoke, der gegenüber nicht nur Lou sich als Fremde fühlt. Tatsächlich kennt sie außer ihrer Mutter und deren Schwester sowie einigen entfernten Verwandten persönlich fast niemanden aus der weltweit verzweigten Familie. Und ihre Gespräche, mit denen sie dunkle Punkte der Vergangenheit zu klären hofft, scheitern meist an ihrem unzureichenden Hebräisch, von der lückenhaften und unzuverlässigen Erinnerung an Jahrzehnte zurückliegende Geschehnisse ganz zu schweigen. Insbesondere die Jubilarin und Seniorin des Clans, Großtante Maya, die als Älteste noch am meisten beitragen könnte zur Klärung der Geschehnisse im Holocaust, liefert sich widersprechende Geschichten ab. Das sind aber keine Lügen, allenfalls unterschiedliche Erinnerungen an die Ereignisse damals. Als die familiären Querelen schließlich zunehmen, beschließt Lous Mutter, früher abzureisen, und Lou bittet sie spontan, doch die kleine Rosa mitzunehmen, sie selbst käme in ein paar Tagen nach. Ihr ist nämlich klar geworden, dass die Antworten auf ihre Fragen nur in Tel Aviv zu finden sind, und sie fliegt auch dorthin.

Ihr Judentum habe «per se etwas mehr von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion», erklärte die Autorin. Auch der Trip der Protagonistin nach Israel bringt in Teil drei des Romans keine weiteren Erkenntnisse, weder ihr noch dem Leser. Damit erscheint dieser letzte Teil narrativ wie ein Fremdkörper, und tatsächlich sei er, dem Vernehmen nach, aus einem geplanten Essay hervor gegangen. Die jüdische Identitätssuche bleibt hier letztendlich also leider ohne Ergebnis. Und auch der auf Gran Canaria angesiedelte Teil mit seinen vielen albernen All-inclusive-Klischees ist alles andere als bereichernde Literatur. Die Sprachkunst-Professorin Olga Grjasnowa aus Wien kann es deutlich besser, das hat sie mit ihrem Debüt bewiesen!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Der letzte Sommer der Tauben

Staatsterror versus Taubenschlag

Der neue Roman von Abbas Khider mit dem Titel «Der letzte Sommer der Tauben» weist auf die Passion seines Protagonisten hin und damit auf eine Erzählebene, die in dem schmalen Band eine wichtige Funktion erfüllt. Ich-Erzähler ist der 14jährige Noah, der von seinem nebenan wohnenden Onkel Ali alles gelernt hat, was man als Taubenzüchter wissen und beachten muss. Handlungsort ist eine nicht genannte Stadt in einem nicht genannten Land des Orients, in dem das Kalifat ausgerufen wurde und die Mudschahedin die Kontrolle übernommen haben. Der in Bagdad geborene Autor spricht, was die Tauben anbelangt, aus eigener Erfahrung, er war selber Taubenzüchter, bevor er seiner Heimat mit 19 Jahren fluchtartig den Rücken kehren musste und auf Umwegen nach Deutschland gelangt ist. Thema seiner berührenden Erzählung sind die Veränderungen im Alltag der Bevölkerung, die durch den Terror der Gotteskrieger ausgelöst werden und die er im Roman immer wieder am friedlichen Sozialverhalten der Tauben spiegelt.

Noahs Vater betreibt einen Kleiderladen, dessen Sortiment nach den rigorosen Vorschriften der Religionspolizei unverzüglich auf ausschließlich sittsame, nämlich schwarze Kleidung umgestellt werden muss. Auf den Kartons der Ware müssen alle Abbildungen schwarz übermalt werden, wenn irgendwo Haut zu sehen ist. Mit seinem Vater trägt er die verbotene bunte Ware zu einem Sammelplatz, wo sie entschädigungslos öffentlich verbrannt wird. Sein Onkel Ali muss sein Café schließen, derartig westliche Gastronomie ist ab sofort verboten im Gottesstaat. Seine Mutter darf künftig nur noch mit Niqab streng verhüllt ausgehen, und auch nicht mehr allein, sie muss nun immer in Begleitung unterwegs sein. Meist übernimmt Noah diese Rolle, um seine schwangere Schwester damit zu entlasten. Ihr älterer Bruder bekennt sich zu den Mudschahedin und hat eine führende Rolle in deren Gewaltsystem übernommen, von seiner Familie hat er sich inzwischen vollkommen entfernt. Noah fürchtet sich vor der alltäglichen Gewalt der Fanatiker, die ihre Augen überall haben, zu Denunziationen anstiften und willkürliche Verhaftungen vornehmen. Öffentliche Steinigungen oder Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Menschen verschwinden spurlos, nichts und niemand ist mehr sicher im Gottesstaat.

Freiheit empfindet Noah nur noch bei seinem Taubenschlag auf dem Dach, wo seine zwölf liebevoll mit Namen wie Schneeweiß, Tänzer, Himmelblau oder Karamelle benannten, gefiederten Lieblinge friedlich leben und treu zu einander halten. Je mehr sein eigener Horizont durch kleinliche Vorschriften und barbarische Strafen eingeengt ist, desto mehr beneidet er seine Tauben. Bis eines Tages dann die Nachricht verbreitet wird, dass ab sofort Tauben auf dem Dach nicht mehr gehalten werden dürfen. Als Grund heißt es, von dort oben würden die Männer in die darunter liegenden Wohnungen schauen können, wo die Frauen ja alle unverschleiert sind. Und Onkel Ali schließlich, der wohl im Untergrund gegen das Unrechts-Regime kämpft, hat das Land heimlich bei Nacht und Nebel verlassen, ohne jemanden vorab zu informieren.

Trotz düsterer Grundstimmung scheint oft auch Humor auf in diesem Roman. Als eine Freundin von Noahs Schwester zu Besuch kommt, streift sie sofort den lästigen Niqab ab: «Verdammt, ich fühle mich mit dem Ding wie ein Mehlsack», und auf ihre Brüste und den Hintern deutend, fügt sie hinzu: «All das hier ist geschaffen von Gott, und trotzdem soll es niemand sehen dürfen. Was für ein Unsinn!» Mit den vielen, jeweils übertitelten, kurzen Kapiteln wächst das Unbehagen an den politischen Verhältnissen. Das alles erinnert an die aktuelle Situation im Iran, wo religiöse Fanatiker zehntausende von protestierenden Bürgern einfach hinmetzeln, – und die Welt schaut tatenlos zu. Der Erzähl-Stil des Autors ist durch eine einfache Diktion geprägt, die ohne Arabesken sehr gekonnt erlebbare Realität mit einer konträren Symbolik verknüpft, hier also den staatlichen Terror mit dem Taubenschlag als Symbol des Friedens. Wobei man en passant auch eine Menge über Tauben lernt, – zum Beispiel, dass die weltweit letzte Wandertaube «Martha» hieß!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Lebensentscheidung

Politisch und medizinisch unheilbar krank

In seinem neuesten Werk, der Novelle «Die Lebensentscheidung», greift der österreichische Schriftsteller Robert Menasse ein schwieriges Thema auf, bei dem es um eine Mutter-Sohn-Beziehung geht, die auf eine extrem harte Weise auf die Probe gestellt wird. Angesiedelt ist diese Geschichte im Jahre 2024 im Milieu der Brüsseler EU-Zentrale, die vor neun Jahren auch das Setting für den Erfolgsroman «Die Hauptstadt» gebildet hat, dem ersten EU-Roman überhaupt. Der in verschiedenen Genres tätige, äußerst streitbare Autor beschäftigt sich intensiv mit den Verhältnissen in diesem Bürokratie-Monster und legt dabei einige der Hintergründe für den zweifelhaften Erfolg dieser europäischen Institution dar.

Als Protagonist dieser Novelle ist der EU-Beamte Franz Fiala derart frustriert von den meist erfolglosen Bemühungen seiner Behörde, deren sorgsam erarbeitete Gesetzes-Vorlagen nur zu oft an den Ränkespielen und Animositäten im Parlament und im EU-Rat scheitern oder nur stark verwässert umgesetzt werden. Besonders die europäischen Bauern nerven ihn, deren Beitrag zum Bruttosozialprodukt der EU nur 4 Prozent betrage, die aber 38 Prozent aller Fördergelder erhalten würden. Ein krasses Missverhältnis, das gegen jede Vernunft hartnäckig verteidigt wird, unterstützt mit medienwirksamen Protestaktionen aufgebrachter Bauern in Brüssel. Die verteidigen dort ihre ökonomisch völlig sinnlosen, üppigen Subventionen mit Zähnen und Klauen. Daniel, ein guter Freund und Kollege von Franz, der das genau so sieht, bestätigt ihm in einem langen Brief ausdrücklich, er handle richtig, wenn er den Job hinschmeißt. Und er schreibt von einem Meeting, bei dem alle Mitarbeiter von ihrem Direktor über den neuen Kurs der Kommission informiert wurden: «Es geht […] heute nicht mehr darum, die Union weiter zu entwickeln, sondern vordringlich darum, die Demokratie in den Mitgliedsstaaten vor den Rechtsextremen und den Nationalisten zu retten». Und auch Daniel strebt nun einen neuen Job an.

Franz Fialas Entschluss, vorzeitig seinen Dienst bei der Europäischen Kommission zu quittieren, ist eine Entscheidung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Nicht nur, weil seine Freundin Nathalie ihm mutmaßlich nicht nach Wien folgen wird und ihre seit vier Jahren andauernde Beziehung letztendlich daran zerbrechen dürfte. Sein ungeschickt vorgebrachter Heiratsantrag ist jedenfalls gescheitert, eine gemeinsame Zukunft wird es wohl nicht geben. Die in seiner Geburtsstadt Wien lebende, an zunehmender Demenz leidende, 89jährige Mutter benötigt dort seine Hilfe, für ihn ist es selbstverständlich dass er sich um sie kümmern muss. Nur ihrer Hartnäckigkeit verdankt er, diese nach Brüssel führende, glänzende Karriere gemacht zu haben, sie hat ihn immer unterstützt  dabei. Zu allem Übel treten in letzter Zeit bei ihm aber immer wieder Schmerzen auf, die langsam stärker werden, die er anfangs allerdings nicht so ernst nimmt. Als er dann schließlich die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, der ihm allenfalls noch sechs Monate Lebenszeit lassen dürfte, beschließt er gegen den dringenden Rat der Ärzte, keine Chemotherapie zu machen. Er will nämlich auch nicht, dass seine Mutter erfährt, wie es um ihn steht, die bekannten Folgen der Therapie würden es ihr ja deutlich zeigen. Und er will ihr vor allem unbedingt den Schmerz ersparen, dass ihr Sohn womöglich vor ihr stirbt. Eine harte «Lebensentscheidung» also in der Hoffnung, er wird seinen Tod mit Willenskraft lang genug herauszögern können, damit sie ihn nicht sterben sehen muss.

Diese an eine griechische Tragödie erinnernde Novelle läuft zielgerichtet auf ein tragisches Ende hinaus. In einer unprätentiösen Sprache wird die Mutter-Sohn-Geschichte, trotz absehbarer Dramatik, ohne Pathos locker erzählt. Nicht übersehbar dabei ist allerdings, was Brüssel angeht, eine schon in seinem EU-Roman vorherrschende, politische Besserwisserei des Autors, die immer wieder durchschimmert, so als sei die EU unheilbar krank! Auf Dauer jedenfalls stört das ziemlich, und auch wenn es womöglich satirisch gemeint ist, ist es nicht wirklich amüsant!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Novelle
Illustrated by Suhrkamp Berlin