Blühende Landschaften?
Der zweite Roman von Domenico Müllensiefen mit dem Titel «Schnall dich an, es geht los» nimmt sich als Coming-of-Age-Geschichte den Verwerfungen in der ehemaligen DDR nach der Wende an. Der heute in Leipzig wohnende Autor ist auf einem Bauernhof in der Altmark aufgewachsen, er vermisst in der lauten, nervigen Großstadt die einstige Ruhe. In zwei parallelen Erzählebenen beschreibt er hier den Werdegang eines jungen Mannes, die erste von 1993 bis 2003 reichend, die zweite vom Jahre 2023 berichted. Der Protagonist und Ich-Erzähler, der als «Drehspießverkäufer» am Bahnhof arbeitet – nicht als Dönerverkäufer, darauf legt Marcel wert – ist in den Verhältnissen seiner Heimat gefangen und träumt von einem anderen Leben. Einst galt der Bahnhof als erste Station auf dem Weg nach Amerika, nun soll die einst wichtige Zugverbindung, die so genannte Ferkeltaxe, in Kürze völlig eingestellt werden, was den latenten Niedergang natürlich nur noch weiter beschleunigen wird.
Marcel gehört also zu jener Mehrheit von Verlierern, die nach vierzig Jahren Sozialismus und Unfreiheit den gesellschaftlichen Transfer hin zu ungewohntem Kapitalismus und demokratischer Freiheit tragen muss. Er ist keiner von den wenigen Profiteuren, er lebt vielmehr in einfachsten Verhältnissen im Prekariat, wird schlecht bezahlt, muss sich vom Chef rumschubsen lassen und hat so gut wie keine realistischen Zukunfts-Aussichten. Seine Zukunft existiert nur in seinen Träumen von einem Platz an der Sonne, denn dort, wo er wohnt und arbeitet, passiert ja nichts mehr, nichts Erfreuliches jedenfalls. Als typisches Mitglied der ersten Generation, die nach der Wende im nun wieder vereinigten Deutschland aufwuchs, klagt er resigniert an: «Wir waren die erste Generation, über die es nichts mehr zu berichten gab und für die sich niemand interessierte». Zu den augenfälligen Veränderungen gehört, dass seine Mitschüler sich auf dem Schulhof nun nach und nach in Naziklamotten präsentieren, – nur um aufzufallen? Die aktuellen Wahlergebnisse sprechen dagegen! Aber weder die Schule noch die Eltern interessieren sich wirklich dafür oder greifen ein, obwohl sie es ja eigentlich besser wissen müssten.
Zu den Kumpels von Marcel gehört vor allem Pascal, der alles andere ist als ein Vorbild, er säuft sich nur arbeitslos durchs Leben. Marcels einziger Lichtblick – und heimlicher Schwarm – ist Steffi, die Tochter seiner äußerst unbeliebten Klassenlehrerin, die in seine Klasse geht und ihn stets aus Neue mit ihrem Lächeln verzaubert. Am Tag vor der Abschlussprüfung ist sie, die Musterschülerin mit nur Einsern im Zeugnis, plötzlich spurlos verschwunden. Alle sind entsetzt – und Marcel seines ewigen Traumes beraubt. Eine weitere Zäsur in Marcels Leben ist der Tod von Vanessa, seiner Schwester. Aus einer Werkstatt, in der er gerade erst seine Lehre als Automechaniker begonnen hatte, hat er ein getuntes Auto «entliehen» und sie damit fahren lassen. In offensichtlich selbstmörderischer Absicht ist sie damit dann in hohem Tempo frontal gegen eine Mauer gefahren. Auch Marcels Vater ist vor langem spurlos verschwunden und hat die Familie allein gelassen. Die damaligen Väter haben fast alle versagt und damit das Leben ihrer Kinder ziemlich negativ beeinflusst. Auch wenn sie teilweise in dem zwanzig Jahre späteren Erzählstrang plötzlich wieder zurück sind wie Marcels Vater, können sie alle nicht begreifen, was sie ihren Familien in Wirklichkeit angetan haben damals. Auch als Steffi nach zwanzig Jahren mit ihrem Sohn als Fußballstar überraschend wieder auftaucht, bleiben nur Fragen offen.
Mit erkennbarer Lust am Erzählen schildert der Autor aus einer sehr persönlichen Sicht die mit der «Wende» einhergehenden, sozialen Verwerfungen im Osten Deutschlands, in dem von den prognostizierten «blühenden Landschaften« so gar nichts zu erkennen ist. Auch er aber kann die vielen Fragen, warum es kam wie es gekommen ist, nur stellen, nicht beantworten. Voller Klischees und mit einem kitschigen Ende reiht sich dieser Roman ein in die allseits bekannten Ossi-Romane, einem Genre, dem er leider keine neuen Facetten abgewinnen kann.
Fazit: mäßig
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