Lebensversicherung

Stilistischer Fehlgriff par excellence

Der erste Roman von Kathrin Bach mit dem Titel «Lebensversicherung» wurde für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert, ein schöner Erfolg für dieses Prosadebüt einer Lyrikerin. Schon der Titel weist darauf hin, dass es hier um Angst geht, die Angst vor dem Tod und insbesondere um dessen Folgen, denn die lassen sich bekanntlich ja zumindest finanziell abfedern, mit einer entsprechenden Versicherungspolice nämlich. Ein typisch deutsches Thema, das sogar im englischen Sprachraum mit dem Begriff «German Angst» seinen ironischen Niederschlag gefunden hat. Es handelt sich um die Coming-of-Age-Geschichte einer Schriftstellerin (sic), die im Milieu einer seit zwei Generationen in der Assekuranz tätigen Familie aufwächst. Die Besonderheit dabei ist die stilistische Umsetzung des chronologisch Erzählten in Form von kurzen Skizzen, Erläuterungen, Listen, Aufstellungen, Bildern und Erzählschnipseln, – ein Plot ist nicht mal ansatzweise erkennbar. Die Kritik in den Feuilletons und Leser-Kommentaren an diesem narrativen Flickenteppich war zwiespältig, es wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob es sich hierbei denn überhaupt um einen Roman handele!

In einem Dorf in der westdeutschen Provinz wird in den neunziger Jahren die Ich-Erzählerin und Protagonistin in eine große Familie hineingeboren, ihr eigener Vater, ein Onkel und die beiden Großväter sind freiberuflich als Versicherungs-Vertreter tätig, die Agenturen wurden nach dem Krieg von den Großvätern aufgebaut. Das Büro des Vaters befindet sich in einem Neubau am Rande des Dorfes, auch die Mutter arbeitet da kräftig mit, die Geschäfte gehen jedenfalls gut, Wirtschaftswunder eben! Man lebt bescheiden, schuftet nach dem Motto ‹Zeit ist Geld›, schon zwei Wochen Urlaub im Jahr sind purer Luxus in jenen Zeiten. Die Tochter bekommt schon von Jugend an bei den Gesprächen am Esstisch alle Aspekte dieser Branche hautnah serviert, hört von den Schadensfällen und Krankheiten, und auch der Tod ist ständiger Gast bei Tische. So bekommt sie schon als Kind jedes Mal einen Schreck, wenn das Telefon klingelt, es könnte ja wieder ein Unfall oder eine Katastrophe sein, die da gemeldet wird, – der Schrecken gehört zur Normalität in ihrem Elternhause!

Mit dem Älterwerden sucht sich die Ich-Erzählerin schreibend aus diesem Trauma zu befreien. Sie betreibt auf diese Weise eine literarische Erinnerungskultur, mit der sie gegen ihre eigenen Angststörungen ankämpft, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus einem permanenten Teufelskreis, in dem das Schlimmste zur Normalität herabgewürdigt wird. Die spezielle Erzählperspektive dieser narrativen Collage vereint als Gesellschaftsstudie die kollektive Sehnsucht nach Sicherheit in allen ihren Prägungen und widmet sich dabei psychoanalytisch besonders den vielfältigen Traumata, die nach Befreiung streben. Der Erzählton ändert sich, als die Ich-Erzählerin mit dem Mut zum Ausbruch nach Berlin geht, um zu studieren. Aus der Entfernung gelingt es ihr denn auch, allmählich ihre Panik zu überwinden. Sie widmet sich am Ende ausführlich dem Tod der Großeltern als ganz natürlichen Ereignissen, die ohne jeden Anflug von Panik als naturgegeben akzeptiert werden.

Als Analyse eines Sicherheitswahns, der davon träumt, sich von allen Widrigkeiten des Lebens freikaufen zu können, ist dieser Roman mit der Assekuranz zweifellos in ein stimmiges Setting eingebettet. Hervorzuheben ist auch, dass die Autorin es konsequent vermieden hat, in Pathos abzugleiten. Weniger gelungen ist aber die narrative Umsetzung dieses Stoffes. Insbesondere bei den vielen Erzählschnipseln über die beiden Großeltern-Paare im Umgang mit der Enkelin gerät die Spöttelei oft ins Slapstickartige. Größtes Manko aber ist, dass hier eigentlich nichts wirklich Erzählenswertes zu finden ist, und von Spannung kann schon gar keine Rede sein. Letztendlich erweist sich zudem das eigenwillige, notizbuchartige Textkonstrukt voller Schrulligkeiten und Absurditäten als stilistischer Fehlgriff par excellence, der alles kaputtmacht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Voland & Quist

Lachen kann, wer Zähne hat

Und Wera zeigt Zähne

Die in ihrer Heimat hochgeschätzte Autorin Zyta Rudzka ist mit dem Roman «Lachen kann, wer Zähne hat» erstmals Gewinnerin des Nike-Preises 2023 geworden, dem höchsten Buchpreis in Polen. Ihr kürzlich auch auf Deutsch erschienener dritter Roman widmet sich wieder einer psychologisch sehr speziellen Thematik, denn als Psychotherapeutin versteht sie sich sehr gut darin, psychologische Grenzerfahrungen zu beschreiben. Wobei der Buchtitel anzudeuten scheint, dass im vorliegenden Buch das Lachen nur gelingen kann, wenn man Zähne zeigt, wenn man sich also wehrt gegen die Widrigkeiten des Lebens.

Und bei Wera, der Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans, häufen sich die Probleme in erschreckender Weise. «Schuhe für einen Toten finden ist schwer» lautet der erste Satz, und weiter: «Totenschuhe und Schuhe fürs Leben, das sind zwei Paar Schuhe. Schuhe für einen, der grad gestorben ist, sind am besten ganz neu». Damit ist nicht nur die vordergründige Thematik des Romans umrissen, es wird auch gleich der narrativ prägende Ton vorgegeben, in dem nachfolgend von der Herrenfriseuse Wera ein tragisch-komisches Geschehen erzählt wird. Weras Mann, der früher mal als Jockey bei Pferderennen recht erfolgreich war, ist – endlich – gestorben. Ihre Beziehung habe eigentlich mehr aus Sex bestanden als aus guten Gesprächen, stellt sie fest, aber eine Ehe sei schließlich ja auch «kein Kulturzentrum». Und traurig ist sie wirklich nicht, er hat in den letzten Jahren nichts mehr getan, Wera allein musste ihn mit durchschleppen. Aber auch ihr geht es inzwischen schlecht, sie hat ihren geliebten Salon «Wera – Herrenfriseur» aufgeben müssen. Man hat sie sehr unfair regelrecht hinausgedrängt aus dem einst erfolgreichen Geschäft. Wera hatte viele Stammkunden, die ihr blind vertraut haben, was ihre Frisur angeht. Sie wurde von einem gut verdienenden Zahnarzt aus ihrem Geschäft verdrängt, der nun mit dem dümmlichen Spruch «Lachen kann, wer Zähne hat» auf einem Schild in seiner Praxis wirbt.

Beerdigungen sind teuer, das muss sie nun erfahren, – und Schuhe besonders! Nachdem sie zuletzt fast alles ins Pfandhaus bringen musste, was sie und ihr Jockey besessen haben, macht sie sich nun auf den Weg zu Freunden, Bekannten und Ex-Liebhabern, um Geld aufzutreiben. Sie rückt auch dem Pfandleiher auf die Pelle, dem sie eine wertvolle Uhr des Großvaters in Kommission gegeben hat, die aber immer noch im Schaufenster liegt, also nicht verkauft ist. Der Weg führt sie auch zu Dawid, ehemals Inhaber eines Geschäftes für Damenwäsche, der seinen vielen Kundinnen mit großem Erfolg maßgeschneiderte BHs angeboten hat. «BHs von Dawid Zucker hab ich zwei» heißt es da. «Aber Maß genommen hat er an die tausend Mal. Er nahm gern an mir Maß. Immer mit den Händen. Er legte mir die Hände auf die Titten. Ich hatte immer gute Titten, nicht nur zum Maßnehmen». Billigware aus China hatte den Markt überschwemmt, nun ist auch Dawids Zeit vorbei, er musste ebenfalls aufgeben.

Dieser odysseeartige Streifzug durch die Stadt verweist in Rückblenden auf das Leben der schlagfertigen, nie um eine Antwort verlegenen Wera hin. Er beleuchtet auf amüsante Weise das Leben dieser toughen Frau, die sich partout nicht unterkriegen lässt, die sich immer hat durchschlagen können. Mit Willensstärke und scharfer Zunge gedenkt sie, den Widrigkeiten des Lebens auch diesmal zu trotzen. Und da sie kein Kind von Traurigkeit ist, notfalls eher zum Wodka greift als trübsinnig zu werden, kann sie ihren Jockey am Ende auch mit dem einzig angemessenen, guten Schuhwerk in die Erde versenken lassen. Man kann hierbei sicherlich nicht von einer konventionellen Handlung reden, der oft als innerer Monolog angelegte Plot ist ein Sammelsurium von skurrilen Begebenheiten und urkomischen Reflexionen der lebenslustigen Protagonistin. All das wirkt eher karikaturistisch in einem burschikos anmutendem, primitiven Tonfall, der aber recht authentisch rüberkommt und die vulgäre Wera überaus sympathisch erscheinen lässt, – und weil sie Zähne zeigt, haben auch wir was zulachen als Leser!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

Kopflos

Radikale stilistische Unmittelbarkeit

Nach dem erfolgreichen Debüt der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz, das gerade von Martin Scorcese verfilmt worden ist, erschien kürzlich ihr zweiter Roman unter dem Titel «Kopflos» auf Deutsch. Auch er beschäftigt sich wieder mit einer feministischen Thematik, wobei der Buchtitel auf den psychischen Zustand der Protagonistin und Ich-Erzählerin dieses Romans hindeutet. Der Klappentext spricht zwar von der Geschichte einer Entführung, aber es geht, thematisch tiefgründiger, um den ebenso erbitterten wie verzweifelten Kampf einer Frau, die sich nicht damit abfinden kann, dass ihr das Sorgerecht für ihre fünfjährigen Zwillinge entzogen wurde. Dieser Roman handelt letztendlich vom tragischen Ende eines Liebespaares, indem er davon zeugt, wozu verzweifelte Menschen fähig sind, auf welche Abwege sie gelangen können in extremen seelischen Nöten.

Lisa wurde im Prozess von ihrem Mann in 151 Punkten beschuldigt, darunter als schwerstem Vergehen auch häusliche Gewalt, das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder wurde dem Vater zugesprochen. Sie muss künftig vom Haus des Vaters und von ihren Kindern einen Mindestabstand einhalten, darf die Buben nur einmal im Monat im Beisein einer amtlichen Person sehen. Der Schmerz, als Mutter das Heranwachsen ihrer beiden Söhne nicht miterleben zu können, stürzt sie in tiefste Verzweifelung. Trotz Verbots versucht sie, die Kinder wenigstens aus der Ferne zu sehen, sie spürt ihnen nach, beobachtet sie Tag für Tag und hört nicht auf die Mahnungen ihrer Verteidigerin. Die versucht ihr immer wieder klarzumachen, was sie riskiert, wenn sie die strengen Regeln des Urteils permanent missachtet, weil sie ihre Söhne dann irgendwann überhaupt nicht mehr sehen darf. Aber sie kann das ständige Beobachten nicht lassen, es ist ihr zur Obsession geworden.

Und es kommt schließlich so weit, dass sie in das Haus des Mannes eindringt, Feuer legt und dann mit den Buben im Auto flüchtet. Was sich anschließt ist eine der klassischen Roadnovel ähnliche Geschichte. Sie übernachten zusammen im Auto, Lisa entfernt sich auf ihrer Flucht immer mehr von ihrem bisherigen Wohnort in Gegenden, wo sie niemand kennt, wo sie unentdeckt bleibt. Soweit erzählt uns diese Geschichte nichts Neues, solche Kinds-Entführungen gibt es von Vätern und Müttern gleichermaßen, nicht wenige Krimis beruhen auf dieser unspektakulären Thematik. Was den Plot von Ariana Harwicz anbelangt ist das Besondere daran die Art, wie er erzählt wird. In geradezu wütenden Tönen wird da über Mutterschaft in allen ihren Facetten berichtet, über Kontrollverlust, ohnmächtige Wut, das Abgleiten in Formen des Wahnsinns. Die Autorin benutzt einen authentisch anmutenden Bewusstseinsstrom als markantes Stilmittel ihrer Erzählweise. So erzeugt sie mit einer rigorosen Wortwahl und einer verächtlich wirkenden Einsilbigkeit eine beklemmende Stimmung beim Lesen. Den potentiellen Leser erwartet da also kein Wohlfühl-Roman, eher ein schwer erträglicher!

Erzählt wird ohne wörtliche Rede in einem gehetzt klingendem Präsens größtenteils aus der Ich-Perspektive einer unsympathisch bleibenden, weil weitgehend emotionslosen Protagonistin, die von den Zuschreibungen ihrer Mutterrolle geradezu erdrückt wird. Lisa ist am Ende ihrer Kräfte und kann nicht mehr klar denken, ist also «kopflos» geworden! Dadurch wird eine fast schon radikale Unmittelbarkeit erzeugt. Ein besonders markantes Beispiel dafür ist folgende Textstelle: «Gehe rüber in die Bar der Kaputten, Arbeiter und anderen Abschaums der Gesellschaft, trinke an der Theke, gehe wieder zurück. Masturbiere lustlos, nur um etwas zu tun, so, wie man die Revolvertrommel weiterdreht beim Russisch Roulette». Somit wird dann sogar noch eine suizidale Komponente in das makabere Geschehen eingefügt, das zwar nicht ganz ohne Klischees auskommt, allerdings aber auch ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger erzählt wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by C. H. Beck München

Buch der Gesichter

Danebengelungen

Der serbische Schriftsteller Marko Dinić hat mit »Buch der Gesichter» seinen zweiten Roman vorgelegt, der es immerhin auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025 geschafft hat, das mit 461 Seiten gewichtigste Buch unter den für dieses Jahr nominierten. Ein historischer Roman, der um den denkwürdigen Frühlingstag des Jahres 1942 kreist, an dem Serbien von den Nazis für judenfrei erklärt wurde. Eine literarische Aufarbeitung jener Zeit, die auch nicht davor zurückschreckt, eigene Schuld einzugestehen, also freimütig auch den serbischen Anteil an der Judenverfolgung zu benennen.

In Belgrad macht sich Isak Ras auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, als seine Mutter Olga 1942 spurlos verschwand. Hinter den Fassaden der Gegenwart sind die historischen Schichten verborgen, nach denen er, unbeirrt durch allerlei Rückschläge, hartnäckig sucht. Er hatte sich, um Distanz zu seiner jüdischen Herkunft bemüht, vorsichtshalber in Ivan Ras umbenannt und ist die zentrale Figur dieses Romans, von seiner jüdischen Mutter unter prekären Bedingungen großgezogen, nachdem sein Vater nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war. Sie hat die wertvolle Haggadah der Familie in weiser Voraussicht sicher versteckt, kurz bevor sie verschwand. Olgas einzige Freundin war Rosa, die zusammen mit Milan eine herunter gekommene Kneipe betrieb, in der Olga sich öfter mal hat volllaufen lassen, wenn es ihr besonders schlecht ging. Milan hat sich dann vom unbedarften Bauernlümmel zum Aktivisten entwickelt, er gehörte zur politischen Intelligencija Serbiens. Andere zählten das Paar zu den Anarchisten, weil in ihrer Kneipe oft äußerst zwielichtige Gestalten verkehrten. Nach Olgas spurlosem Verschwinden kümmerten sie sich nicht nur um Isak, sondern auch um dessen elternlosen Freund Petar, den Isak auf der Straße aufgelesen hatte. Petar hatte sich dann später den Partisanen angeschlossen und gegen die deutschen Besatzer gekämpft.

Dieser aus vielerlei Perspektiven erzählte Roman kreist narrativ immer erneut um Isak und den Belgrader Vorort Zemun. Mutig versucht der Autor dabei, den latenten Antisemitismus in seiner serbischen Heimat aufzuarbeiten, beginnend im späten neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein. Er stellt klar, dass die Juden in der wechselvollen Geschichte Serbiens permanent erheblichen Anfeindungen ausgesetzt waren, denn egal wer da gerade regiert hat waren es immer die Juden, die an Allem Schuld waren. Eine Problematik allerdings, unter der weltweit ja auch Minderheiten in anderen Staaten leiden. En passant setzt sich der relativ junge Autor dabei auch intensiv mit der jeweiligen staatlichen Identität Serbiens im zwanzigsten Jahrhundert auseinander.

Erzählt wird all das bewusst unchronologisch in acht Kapiteln, wobei im ersten Kapitel ein längeres Zitat von Leo Perutz vorangestellt ist, in dem der Sinn dieser Vorgehensweise aus stilistischer Sicht erläutert wird. Überhaupt benutzt Marko Dinić sehr kreativ unkonventionelle Stilmittel, so wenn er sich manchmal sogar persönlich als Erzähler einbringt oder in einem anderen Kapitel einem Hund dessen Gestaltung überlässt. Als Vorlage für den Plot dient dem Autor letztendlich auch noch der reale Brief eines Onkels. Diese stilistischen Kapriolen sind es dann allerdings auch, die das Lesen zum Geduldsspiel machen. Zu Beginn hat man oft den Eindruck, aus Versehen zu einem historischen Sachbuch gegriffen zu haben, das sich zu allem Überfluss auch noch in einer Fülle von Details verliert. Erst später nimmt die Geschichte langsam etwas Fahrt auf, ohne aber je spannend zu sei, bis zum Ende hin. Ganze Passagen mit primitiven Kraftausdrücken trüben zusätzlich das Bild, so als müsste man Prekariat mit Stumpfsinn gleichsetzen. Auf sechs eng bedruckten Seiten Glossar werden sehr spezielle Begriffe und Details erklärt, was den Lesefluss erheblich beeinträchtigt und die Lektüre geradezu in Arbeit ausarten lässt. Dieser Roman ist also in jeder Hinsicht danebengelungen!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Zsolnay München

Maniac

Mathematische Exkursionen bis hin zur KI

Der zweite, ins Deutsche übersetzte Roman des chilenischen Schriftstellers Benjamin Labatut deutet mit dem Titel «Maniac» auf einen Super-Computer hin, der darin eine große Rolle spielt, er bedeutet im übertragenen Sinne aber auch Besessenheit. Beginnend mit den allesamt männlichen Koryphäen der Mathematik erzählt der Autor von deren schier unstillbarem Wissensdurst und von den immer neuen wissenschaftlichen Fragestellungen. Ein für Laien partout nicht nachvollziehbarer, geistigen Höhenflug durch mathematisches Neuland, der von Fachbegriffen nur so strotzt. Worauf das aber hinausläuft, das deutet schon der Buchumschlag an, es endet nämlich mit dem neuen Phänomen der KI, der Künstlichen Intelligenz. Der Roman deckt also eine Zeitspanne ab vom Anfang des 20ten Jahrhunderts bis in unsere Tage.

Im Mittelpunkt all dessen steht das ungarische Jahrhundertgenie John von Neumann, der Ende der 1920iger Jahre vor den Nazis in die USA emigrierte. Schon als Kind außerordentlich mathematisch begabt, leistete er im Laufe seiner Karriere Aufsehen erregende Arbeiten zur Quanten- und zur Spieltheorie und war später in die großen technischen Innovationen von der Atombombe über die Computer-Technik bis hin zur KI involviert. Der Autor bezeichnet ihn als «Ein Außerirdischer unter uns», und er erzählt sein Leben stilistisch trickreich aus der dokumentarisch anmutenden Ich-Perspektive seiner Familie, von Freunden, Kollegen und Rivalen. Seine Mutter erzählt zum Beispiel, er habe schon bei der Geburt deutlich älter gewirkt als ein normales Baby und später alle verblüfft mit seiner außergewöhnlichen Intelligenz, – sie spöttelt aber auch, er habe sich die Schuhe nicht selbst zubinden können. Im mittleren Teil wird seine Rolle in Los Alamos beim ‹Manhattan Project› thematisiert, wo er als Informatiker an der streng geheimen Entwicklung von Little Boy mitgewirkt hat, der ersten Atombombe. Viele der beteiligten Wissenschaftler waren entsetzt über den tatsächlichen Einsatz dieser furchtbaren Waffe und forderten in einem Memorandum an Präsident Eisenhower zur Einstellung weiterer Arbeiten an Nuklearwaffen auf. Vergebens allerdings, denn die Arbeiten an der Wasserstoffbombe waren unter dem Ungarn Edward Teller schon in vollem Gange. Ethik und Moral blieben auf der Strecke nach dem Motto, wenn wir es nicht machen, machen es die Russen, – das fatale «Gleichgewicht des Schreckens» war heraufbeschworen

Weniger martialisch geht es am Ende des Romans zu, eine Art Epilog, der auktorial von der Entwicklung Künstlicher Intelligenz erzählt, für die Neumann wichtige Vorarbeiten geleistet hat, indem er als Informatiker nachts den Supercomputer «Maniac» benutzte, wenn der für die militärischen Arbeiten nicht gebraucht wurde. Nachdem Google von Demis Hassabi «AlphaGo» übernommen und weiterentwickelt hat, setzte der finanzstarke Konzern eine Million Dollar als Preisgeld aus für ein Turnier eines der weltbesten Go-Spieler gegen ihr KI-Programm. AlphaGo gewann vier der auf fünf angesetzten Partien gegen den südkoreanische Großmeister Lee Sedol. Die vierte Partie aber ging verloren, weil Sedol einen völlig unkonventionellen, bei den Experten allseits nur Kopfschütteln auslösenden Zug machte, der AlphaGo erkennbar durcheinander brachte. Spätere Software-Analysen zeigten, dass es die aus hunderttausenden von Spielen resultierende, menschliche Komponente war, die in den Algorithmus integriert war und AlphaGo unrettbar aus dem Konzept gebracht hat. Man eliminierte diese Entscheidungsebene komplett, – seither hat der Computer alle Spiele gewonnen, Menschen haben keine Chance mehr gegen ihn!

Ein historischer Roman, der die unaufhaltbare Weiterentwicklung der Technologien durch den Forscherdrang des Menschen auf eindrucksvolle Weise thematisiert, nicht zuletzt wegen der in aller Munde befindlichen KI. Von gelegentlichen Längen und einer für viele Leser mathematisch bedingten Überforderung abgesehen ist dies ein empfehlenswerter Wissenschafts-Roman, der bereichernd wirkt wie ein gutes Sachbuch und spannend bleibt bis zum Schluss!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Der Mann ohne Schatten

Überzogen anmutender Plot

Im riesigen Œuvre der erfolgreichen amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates, die immer wieder mal als Aspirantin für den Nobelpreis gilt, nimmt der Roman «Der Mann ohne Schatten» thematisch eine Sonderstellung ein. Unverkennbar von ihrem zweiten Ehemann inspiriert, dem Neurowissenschaftler Charles G. Gross, erzählt sie darin die Geschichte eines Patienten, der an einer äußerst seltenen Form der Amnesie leidet, ausgelöst durch eine Infektion. Reales Vorbild dafür war der an Epilepsie leidende Henry Gustav Molaison, dem 1953 nach einer riskanten Hirnoperation irreparabel die Fähigkeit verloren ging, sich an zurückliegende Ereignisse zu erinnern. Er konnte fortan also keine Ereignisse mehr in seinem Langzeit-Gedächtnis speichern und blieb bis zu seinem Tod 2008 als Proband HM ein berühmtes Studienobjekt der Neuro-Wissenschaften.

Der an diesen berühmten, historischen Fall anknüpfende Roman ist ein raffinierter Mix aus einer wissenschaftlich fundierten, gleichwohl aber fantastischen Erzählung mit sozialkritischen Elementen und einer seltsamen Liebesgeschichte der besonderen Art. Im Jahre 1965 lernt die ehrgeizige, 24jährige Doktorandin Margot Sharpe den Patienten Elihu Hoopes kennen, der durch eine fatale Infektion sein Gedächtnis verloren hat. E.H., wie er wissenschaftlich diskret genannt wird, kann sich nur noch an Ereignisse erinnern, die weniger als 70 Sekunden zurückliegen, für ihn ist praktisch alles Gegenwart, er ist quasi in einer Zeitschleife gefangen. Am Institut für Neuropsychologie wird der Proband vom berühmten Leiter des Instituts, Professor Milton Ferris betreut, dessen revolutionäre Forschungs-Ergebnisse aus diesem für die Wissenschaft hoch interessanten Fall Jahre später zur Verleihung des Nobelpreises führen werden. Sehr schnell etabliert sich die brillante Margot Sharpe als seine wichtigste Mitarbeiterin, der eigentlich als maßgebende Co-Autorin der Preis ebenfalls hätte zuerkannt werden müssen. Sie ist voller Bewunderung für ihren Mentor, erliegt schließlich den Avancen des Mannes, der ihr Vater sein könnte, und wird für einige Jahre seine Geliebte.

Elihu Hoopes ist ein charismatischer, stattlich Mann, der aus einer sehr reichen Familie stammt, die einige Kaufhäuser betreibt, in denen er vor seiner Erkrankung äußerst erfolgreich mitgearbeitet hat. Der 37Jährige ist unverheiratet, hoch intelligent und sportlich fit. Er kann sich zwar an kleinste Details aus seiner Zeit vor der Erkrankung erinnern, aber eben nicht an Jemanden, dem er vor mehr als siebzig Sekunden die Hand gereicht hat. Margot gewinnt sehr schnell das Vertrauen des Probanden und führt nun zusammen mit anderen Assistenten diverse Testreihen mit E.H. durch. So soll er zum Beispiel die Zahlen von 1 an aufzählen und kommt bis 87, wo man ihn mit einer anderen Frage für einen definierten Zeitraum kurz unterbricht. Als er danach weiterzählen soll, weiß er nicht mehr, wo er aufgehört hat. Diese und viele andere Messungen werden in immer neuen Varianten wiederholt und protokolliert. So begrüßt ihn ein Mitarbeiter beispielsweise mit einem extrem kräftigen Händedruck, der erkennbar schmerzlich für E.H. ist, wie Margot beobachtet hat. Als der Mitarbeiter den Raum kurz verlässt und dann zurückkehrt, hat der Proband ihn schon vergessen und gibt ihm erneut zu Begrüßung die Hand, die wieder sehr schmerzvoll gedrückt wird. E.H. hat sich weder an den Mitarbeiter noch an seinen schmerzhaften Händedruck erinnern können, kann sich also weder an visuelle noch an haptische Ereignisse erinnern. Margot fühlt sich immer mehr zu ihm hingezogen, verliert die wissenschaftliche Distanz  und macht den total hilflosen Mann schließlich zu ihrem Geliebten.

Abgesehen von Details aus der Hirnforschung ist dieser Roman in weiten Passagen mit den sich ständig wiederholenden Beschreibungen der absoluten Lebens-Unfähigkeit des Protagonisten total langweilig und wenig bereichernd, und die ungleiche Liebesgeschichte gar ist einfach nur grotesk. Der gewagte Plot dieses Romans ist leider beim besten Willen nicht nachvollziehbar!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Schwebende Lasten

Spiegelbild eines Jahrhunderts

Mit dem seltsamen, aus dem Arbeitsschutz stammenden Begriff «Schwebende Lasten» hat die in Magdeburg geborene Schriftstellerin Annett Gröschner einen Roman betitelt, der am Beispiel ihrer Protagonistin ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte spiegelt. Hanna Krause, die Heldin dieses Romans, 1913 ebenda geboren und als 79Jährige nach dem Mauerfall gestorben, ist eine toughe Frau, deren Credo «anständig bleiben» sich wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung zieht. Sie hat als Blumenbinderin in der Weimarer Republik und Kranfahrerin in der DDR gearbeitet, sechs Kinder geboren und zwei davon frühzeitig verloren, ohne sie begraben zu können, «und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand», wie es im Klappentext heißt. Die Autorin setzt mit diesem für den deutschen Buchpreis 2025 nominierten Roman all denen ein Denkmal, die millionenfach Ähnliches erlebt haben, aber unsichtbar geblieben sind. Hanna ist eine, die das Leben nimmt wie es kommt, die sich partout nicht unterkriegen lässt, die ihren versoffenen und nach einem Arbeitsunfall beinamputierten Mann auch noch mit durchschleppt und doch immer auch das kleine Glück erlebt, das die geliebten Blumen für sie verkörpern, mit denen sie in intimen Momenten sogar auch spricht.

Zu den Berührungspunkten der Autorin mit ihrer Erzählung gehört neben Magdeburg, dem Ort der Handlung, auch das verwackelte Coverfoto. Es stammt aus einem Schmalfilm, wie sie im Interview erzählt hat, «den mein Vater gemacht hat, 1963 im Sommer. Und hier vorne, das ist meine Mutter, und in dieser Mutter bin ich». Man könnte den vorliegenden Roman als Pendant zu ihrem Debüt vor 25 Jahren bezeichnen: «Weil ich gedacht habe, ich finde die Konstellation in meiner Familie so interessant, dass der väterliche Teil in so eine industrielle Familie eingeheiratet hat und der mütterliche Teil proletarisch war – was eigentlich im Westen nie zusammen gegangen wäre  – ich wollte es einfach erzählen». Bei gleicher Gelegenheit hat ihre Lektorin erklärt: «Sie ahnen nicht, wie entfernt der deutsche Osten wirkte – und zwar von Süddeutschland aus gesehen, von Düsseldorf und von Hamburg aus gesehen». Insoweit ist dieser Roman eine Art Reiseführer durch den Osten Deutschlands, durch eine inzwischen vergangene Welt. Obwohl Hanna zwei Weltkriege erlebt und zwei Diktaturen über sich ergehen lässt, ist sie nie politisch, der Inbegriff eines freien Menschen, der sich trotz allen Widrigkeiten immer beherzt durchs Leben schlägt.

Im Roman ist jedem der 25 Kapitel die Kurzbeschreibung einer Pflanze voran gestellt. Eines Tages verirrt sich im Jahre 1938 ein sehr gut angezogener Mann, der ganz offensichtlich nicht hier wohnt, in ihren kleinen Blumenladen im prekärsten Viertel Magdeburgs. Er zeigt Hanna das Bild eines Gemäldes von Ambrosius Boschaert mit dem Titel «Blumenvase in einer Fensternische» und erteilt ihr den Auftrag, original diesen Blumenstrauß für ihn anzufertigen. Als Vorschuss zahlt er einen großzügig bemessenen Betrag im Voraus, obwohl sie ihn darauf hinweist, dass viele dieser Blumen zu ganz unterschiedliche Zeiten blühen, dieses Stillleben also weitgehend irreal sein dürfte, – er meldet sich dann auch nie wieder bei ihr. Jahrzehnte später fahren ihre Töchter extra mit ihrer alten Mutter nach Holland in das Mauritshuis, in dem dieses Gemälde, das sich in ihrem Kopf regelrecht eingebrannt hat, ausgestellt ist. Und noch später, am Ende des Romans, gelingt es ihr dann sogar, bis auf eine Blume alle gleichzeitig zu bekommen, die modernen Treibhäuser und Transportmittel machen es nach mehr als fünfzig Jahren nun doch möglich, – eine ebenso raffinierte wie anrührende narrative Klammer!

Stilistisch unprätentiös und chronologisch voranschreitend ist dieser Roman einer tapferen Frau in einer angenehm lesbaren Sprache geschrieben. Der kreative Plot wird älteren Lesern in vielen Details bekannt vorkommen, auch und weil die dezenten Seitenhiebe auf Nazi-Diktatur und DDR-Misere überhaupt nicht aufgesetzt wirken und auch Feminismus absolut keine Rolle spielt. Ein gelungener und bereichernder Roman also mit einer überaus sympathischen Alltags-Heldin!

Fazit:   erfreulich


Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Chor der Erinnyen

Fanal einer Autistin

Der dem magischen Realismus zugerechnete, aktuelle Roman von Marion Poschmann mit dem Titel «Chor der Erinnyen» erschien sechs Jahre nach ihrem Erfolgsroman «Die Kieferninseln», bei dem es mit Mathilda eine gleichnamige Protagonistin gab. Das neue Buch stellt deswegen aber in keiner Weise etwa eine Fortsetzung dar, die Thematik ist eine völlig andere. Der Titel spielt natürlich auf die griechischen Rachegöttinnen an, die auch in dieser Geschichte eine mahnende Rolle haben. Mathilda nimmt im neuen Roman die typische Rolle einer Anima ein nach der Definition von C. G. Jung. Von Fall zu Fall werden auch hier ganz unterschiedliche Wirkungen auf ihr genretypisches Verhalten ausgelöst.

Mathilda arbeitet als Studienrätin für Mathematik und Musik, beides Fächer, in denen sie schon früh eine besondere Begabung hatte. Ihr freischaffender Ehemann hat sie gerade erst vor drei Tagen nach einem Streit, aber ohne wirklich triftigen Grund und ohne weitere Erklärungen, fluchtartig verlassen. Er hat sie zwar inzwischen mal kurz angerufen, aber die Verbindung war durch laute Hintergrund-Geräusche stark gestört, und er hat sich zu seiner Flucht auch mit keinem Wort geäußert. Allen, die nach ihrem Mann fragen, erklärt sie nun unisono, er sei auf einem Kongress. Das Paar lebt in einem modernistischen Haus im Bauhaus-Stil, sie ist als strenge Gymnasial-Lehrerin recht erfolgreich, bleibt dabei aber stets sehr distanziert zu ihren Schülern und pflegt auch zu den Kollegen keinerlei Kontakt. Frühmorgens, als sie nach durchwachter Nacht schon sehr früh auf den Beinen ist, bekommt sie plötzlich und völlig unerwartet Besuch von Birte, ihrer chaotisch veranlagten, alten Freundin aus Jugendzeiten, die weit entfernt in Ostfriesland ein eher schlecht gehendes Café betreibt. Mathilda hat vor, für zwei Tage zu Olivia, einer anderen Freundin zu fahren, deren Eltern eine Hütte im Wald besitzen, um dort mit ihr eine kleine Wochenend-Wanderung zu machen. Sie ist gerade am Packen, als Birte auftaucht, und prompt will die sich ihr spontan anschließen, sie ist ja auch schon lange gut befreundet mit Olivia und kennt die Waldhütte. Vorab machen die Beiden noch einen Kurzbesuch bei Mathildas Eltern, was Mathilda ebenfalls irritiert, weil sie die Vorhaltungen ihrer Mutter nicht ertragen kann. Sie hat ihre Begabung von der Mutter geerbt, vermutlich weil Mathematik wie auch Musik beide nicht über die Sprache, sondern über Zeichen und Symbole betrieben und gesteuert werden. Aber die Mutter ist emotional aus anderem Holze als sie.

Zunehmend hat die Protagonistin des Romans Halluzinationen, etwas rumort in ihr, etwas gerät in Unordnung in den acht Tagen, die der Roman beschreibt. So sieht sie Birte irgendwo stehen, obwohl die tatsächlich gerade weit entfernt von ihr ist. Das gute Einvernehmen von Birte und Olivia irritiert sie, ebenso die Bekanntschaft mit zwei sportlichen Männern, die sich ihnen anschließen und mit den drei Frauen eine Anhöhe besteigen. Dass Olivia denen schließlich sogar Zuflucht vor einem nahen Waldbrand gewährt, passt Mathilda so gar nicht, sie sondert sich ab. Letztendlich ist sie mit Ihren Begabungen, aber auch mit ihren kommunikativen Defiziten der Inbegriff einer lebensfremden Autistin, die am liebsten allein ist.

Bis zur Mitte des dialogarmen Romans hält die Neugier des geneigten Lesers an, dann aber wird klar, dass da nichts mehr passieren wird, dass die angedeuteten Konflikte auf keine Lösung zusteuern. Der poetisch aufgeblasene Stil mit seinen immer gleichen Natur-Beschreibungen und –Schwärmereien nervt zunehmend, den ikonisch angelegten Figuren fehlen sämtliche Emotionen, und wo sie ausnahmsweise doch mal vorhanden sind, wirken sie pathetisch aufgesetzt. Die in fast jedem der dreizehn Kapitel quasi als Kommentar enthaltenen Chorgesänge der Erinnyen wirken schon fast parodistisch und tragen rein gar nichts bei zum Verständnis. Dass dieser gründlich misslungene Roman zum Schluss sang- und klanglos in einem verbalen Nebelschleier versinkt, wundert dann auch niemanden mehr, – man legt das Buch gerne zur Seite!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

ë

Literarisches Kosovo-Tribunal

Der nicht abreißenden Flut von Migrations-Romanen fügt die albanisch-stämmige Autorin Jehona Kicaj mit ihrem autofiktionalen Debüt «ë» ein Buch über den Kosovokrieg und seine verheerenden Folgen hinzu. Der verloren wirkende, einzige Buchstabe des Titels «ë» weist durch seinen Zweipunk-Akzent im Albanischen darauf hin, dass er selbst unausgesprochen bleibt und das Gesagte lediglich phonetisch variiert, er wirkt damit quasi aus dem Stillen heraus. Mit etwa zehn Prozent ist er gleichzeitig der am häufigsten verwendete Buchstabe des albanischen Alphabets. Damit symbolisiert er sehr deutlich das Anliegen der Autorin, der unsäglichen, kriegerischen Vergangenheit ihrer Heimat mit ihrem Roman endlich auch eine Stimme zu verleihen. Die Feuilletons waren einhellig begeistert, das Buch wurde denn auch prompt auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt.

Die namenlose Ich-Erzählerin ist als Kind kurz vor dem Ausbruch des Krieges im Kosovo mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet. Sie wächst hier auf, durchläuft Kindergarten, Schule und Universität und erlebt den Kosovokrieg Ende der neunziger Jahre wohlbehütet aus sicherer Entfernung. Obwohl sie bestens integriert ist und die deutsche Sprache geradezu vorbildlich korrekt beherrscht, erlebt sie als Migrantin immer wieder auch Ressentiments ihr gegenüber. Sie ärgert sich auch häufig über falsche Zuschreibungen und die völlige Ignoranz gegenüber dem Völkermord im Kosovo, in dem die NATO als Schutzmacht einst eine geradezu klägliche Rolle gespielt hat. Obwohl das alles längst Geschichte ist, wirken die erlittenen Untaten und Gräuel bis in die Gegenwart hinein, sie lassen der Protagonistin keine Ruhe. Diese schlimme Vergangenheit steckt ihr nämlich buchstäblich in den Knochen, weil sie noch immer weitgehend unausgesprochen, vor allem aber unbewältigt geblieben ist. Für Jehona Kicaj ist sie der Ansporn, das bisher schamhaft Verschwiegene jetzt endlich mal literarisch zu bearbeiten, auch wenn es äußerst unerfreulich ist.

In vielen kunstvoll aneinander gereihten und zu einem komplexen Gefüge zusammen gefassten Rückblenden erzählt die Protagonistin in wechselnden Handlungs-Strängen von den Erinnerungen der Eltern an ihre Flucht und vom schmerzlichen Verlust der Heimat, der erst in der Diaspora in voller Härte spürbar wird. Das Schicksal vieler Angehöriger bleibt ungeklärt, bei den desillusionierenden Besuchen der Familie in der alten Heimat wird ihnen erst richtig bewusst, wie viele Kriegsopfer anonym irgendwo verschart wurden oder bis heute verschollen geblieben sind, also einfach nicht mehr existieren. So beschäftigt sich denn auch ein Erzählstrang mit anthropologischer Forensik als mühsames Verfahren zur Klärung der Schicksale vieler Kriegsopfer. Es sind aber manchmal auch Kleinigkeiten, die an das Grauen erinnern. Als die Kinder in der Schule aufgefordert werden, ein Foto von sich als Kleinkind für eine gemeinsame Installation in der Klasse mitzubringen, ist die Protagonistin die Einzige, die keines hat. Sämtliche Dokumente und Fotos sind damals beim Niederbrennen des Hauses ihrer Eltern durch serbische Horden vernichtet worden. In einem weiteren Erzählstrang berichtet die Protagonistin von ihrer komplizierten zahnärztlichen Behandlung. Sie leidet an stressbedingtem, schmerzhaften Bruxismus in fortgeschrittenem Stadium, einem unbewussten Zähneknirschen also mit dramatischen Folgen für Gebiss und Kiefer, das von ihrem inneren Chaos und von unverarbeiteten Traumata kündet. Die Gebissschiene, die sie nun ständig tragen muss, erinnert sie zusätzlich an die psychische Belastung, die in ihrem Unterbewusstsein verankert ist.

Mit ihrem ausgefeilten Stil strebt die Autorin erkennbar eine Form der Sprach-Beherrschung an, aus der heraus sich ihr Narrativ von Verlorenheit und Entwurzelung letztendlich entwickelt. Entstanden ist dabei ein lesenswerter Roman, der das zutiefst Böse unterschwellig, aber als literarisches Tribunal immer auch unmissverständlich zur Sprache bringt!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Wallstein Göttingen

Die Intuitionistin

Eher wieder ein Flop

Schon in seinem jetzt in neuer deutscher Übersetzung vorliegenden Debütroman «Die Intuitionistin» hat der amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead seinen Sinn für außergewöhnliche Themen bewiesen. Seinerzeit floppte der Roman allerdings hierzulande. Der inzwischen zweifache Pulitzer Preisträger siedelt nämlich das Setting seines Erstlings im Milieu der Fahrstuhlinspekteure New Yorks an, und er toppt das noch durch eine in diesem Beruf in zweierlei Hinsicht ungewöhnliche Protagonistin. Denn Lila Mae Watson ist die erste Frau unter den Inspekteuren, und dazu auch noch eine farbige unter lauter weißen Kollegen. Sie gehört außerdem auch zu der Gruppe der Intuitionisten, die ihren Job also intuitiv angehen und Unregelmäßigkeiten beim Befahren des Aufzugs mit allen Sinnen sensibel erspüren. Ganz im Gegensatz zu den Empiristen, die technokratisch vorgehen und dabei akribisch einfach stur jede Schraube überprüfen. Lila Mae hat die höchste Erfolgsquote von allen Prüfern und wird deshalb von vielen Neidern angefeindet, insbesondere natürlich von denen des Empiriker-Lagers. «Niemand kann erklären, warum die Analysen der Intuitionisten um zehn Prozent genauer sind als die der Empiriker», heißt es dazu im Roman.

Umso erstaunlicher ist es, dass ein von Lila Mae gerade erst überprüfter Lift bei einer Leerfahrt ohne Benutzer bis zum Grund hin abstürzt. Es ist von Sabotage die Rede, man vermutet eine Manipulation des abgestürzten Lifts durch die Empiriker, um die Intuitionisten in Misskredit zu bringen. Lila Mae gerät zwischen die Fronten eines fiesen Intrigenspiels, in dem es letztendlich um die Vergabe des Chefpostens der Prüfbehörde geht, bei dem sich je ein Vertreter der beiden Denkschulen gegenüber stehen. Neben dem Empiriker Chancre ist das der Intuitionist Lever, der als Anhänger des vor zwei Jahren verstorbenen, sagenumwobenen Vordenkers James Fulton gilt. In dessen der Behörde per Vermächtnis hinterlassenen Aufzeichnungen fehlt seine letzte und wichtigste Arbeit über den perfekten Aufzug, das von ihm als «Black Box» bezeichnete, revolutionäre Projekt eines «Fahrstuhls aus der Perspektive eines Fahrstuhls» nämlich. Das uns, wie es heißt, «von den Städten erlösen wird, die wir bis heute erdulden müssen», womit die immer mehr ins Vertikale wachsenden Hochhäuser in den Metropolen gemeint sind, unrühmliches Ergebnis des ungehemmten Kapitalismus auf die Architektur. Kandidat Lever setzt nun Lila Mae darauf an, in den Besitz dieser von der Haushälterin des gestorbenen Erfinders mutmaßlich bewusst zurückgehaltenen Aufzeichnungen zu gelangen. Alle bisherigen Bemühungen sind nämlich gescheitert, nun soll sie also im Gespräch von farbiger Frau zu farbiger Frau endlich die Herausgabe bewirken.

Der immer surrealer werdende Plot dieses Romans erweist sich letztendlich als ein Genre-Mix aus offensichtlicher Wissenschafts-Satire, Krimi, Gesellschafts- und Rassismuskritik. Satirisch auf die Spitze getrieben ist die von ihm erdachte, mafiöse «Akademie für Vertikalen Transport», wobei deren prophetischer Vordenker James Fulton mit seiner Theorie der «Aufs und Abs» komplett in den Nonsens abgleitet: «Ein Fahrstuhl ist ein Zug. Der perfekte Zug hält im Himmel. Der perfekte Fahrstuhl wartet, während seine menschliche Fracht im Schlamm wühlt und die Worte zu finden versucht. In der Black Box ist das chaotische Geschäft der menschlichen Kommunikation auf den Ausstoß von Chemikalien reduziert, die von den Rezeptoren der Seele erfasst und in wahre Sprache übersetzt werden.»

Stilblüten dieser Art finden sich etliche in diesem Roman der Lifte, der auf irreal erscheinende Weise letztendlich Rassismus und weibliche Emanzipation thematisieren soll, sich dabei aber total verhaspelt. Wenn John Updike 1999 beim Erscheinen dieses Romans erklärt hat, den Autor müsse man fortan beachten, so trifft das für seine späteren Werke durchaus zu, die Online-Kommentare zu seinem Debüt allerdings deuten hierzulande erneut auf einen Flop hin, – und das vollkommen zu Recht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Wasserspiel

Dystopischer Klima-Roman

Der vor allem als Hörspielregisseur bekannte Tim Staffel hat neben diversen Theaterstücken auch fünf Romane geschrieben, der aktuelle erschien kürzlich unter dem Titel «Wasserspiele». Was im Titel euphemistisch klingt, ist im Plot dieses visionären Romans eine knallharte und katastrophal endende Auseinandersetzung um die örtliche Mineralquelle und das bisher ungenutzte Tiefenwasser eines fiktiven Städtchens namens Lüren in Ostwestfalen. Dort kämpfen die zwei ungleichen Protagonisten des Romans gegen die Absicht der Stadtverwaltung, dem wasser-wirtschaftlich tätigen Großkonzern Dell’Aqua die lukrative Konzession für die gesamte Wasserversorgung zu verkaufen.

Pikanter Weise ist die Bürgermeisterin von Lüren, die diesen Deal wegen der chronisch knappen Finanzen der Gemeinde unbeirrt vorantreibt, die Mutter eines der Aktivisten, des 15jährigen Außenseiters Humprey, der zusammen mit dem zwanzig Jahre älteren Roberto Böger erbittert gegen dieses Vorhaben ankämpft. Roberto dokumentiert, gesponsert von der NGO World Water Ltd., in seinem Vlog weltweit die Folgen verbrecherischer Geschäfte mit der zusehends knapper werdenden Ressource Wasser. Ausgerechnet er hat eine veritable Wasserphobie, was ihn aber nicht hindert, vehement für das Menschenrecht auf Wasser zu kämpfen. «Ich interessiere mich nicht für meine Angst oder ihre Ursache, sondern für das Element, um das sie kreist, das uns alle und alles bestimmt. Ich fürchte mich vor etwas, das existenziell ist, aus dem ich mehrheitlich bestehe, vor etwas, das allen selbstverständlich ist».

Und so reist er gleich zu Beginn der turbulenten Geschichte von Berlin aus nach Athen, um alarmiert von örtlichen Aktivisten zu dokumentieren, wie einem jungen Paar dort mit Polizeigewalt das Baby weggenommen wird, weil es in ihrer Wohnung in einem Slumviertel der Metropole kein fließendes Wasser mehr gibt, also unhaltbare hygienische Zustände herrschen würden. Als ihn schließlich dann ein Hilferuf aus seiner Heimatstadt Lüren erreicht, kehrt er nach langer Zeit in seine alte Heimat zurück, er will sich endlich auch den Schatten seiner Vergangenheit stellen. Entschlossen nimmt er dort zusammen mit dem jungen Humphrey, Sohn eines ehemaligen guten Freundes, und anderen Mitstreitern den hoffnungslos scheinenden Kampf gegen den übermächtigen Konzert Dell’Aqua auf. Aus wechselnder Perspektive berichten die beiden Protagonisten als Ich-Erzähler von diesem ungleichen Kampf um das Allgemeingut Wasser, eines der schon von den griechischen Philosophen definierten «Vier Elemente» allen Seins.

Mit seiner Thematik liegt der visionäre Roman voll im Trend der aktuellen Klimadebatten, die hier zu einer spannenden, zeitnah erzählten und in eine dystopische Zukunft weisenden Geschichte kompiliert sind. Dem unterschiedlichen Alter der beiden Ich-Erzähler geschuldet, führt denn auch die sprachliche Umsetzung zu zwei stilistisch abweichenden Diktionen, bei denen der altersbedingte Jugendsprech von Humphrey für ältere Semester unter den Lesern zuweilen etwas irritierend sein dürfte. Wem zum Beispiel das Wort «Vlog» noch nie begegnet ist, der wird im Internet fündig: Eine tagbuchartig Video-Aufnahmen verbreitende Plattform im Netz, – also das, was Roberto so emsig betreibt. Denn er hat schon früh gelernt: «Wasser ist nicht selbstverständlich», und jetzt erlebt er hautnah, wie eine ganze Gemeinde genau das auf äußerst schmerzhafte Weise auch lernen muss. Wobei einige wenige Einwohner sogar profitieren von den abrupt veränderten Wertschöpfungsketten der Lürener Wasserwirtschaft, vom mit allerlei Lügenmärchen propagierten Aufschwung des Städtchens, das stattdessen eine böse Naturkatastrophe erlebt hat. All das ist nicht immer angenehm zu lesen und stilistisch zudem ziemlich uninspiriert, man fühlt sich weder gut unterhalten noch gar bereichert, – es sei denn, man ist dezidiert ein Fan von dystopischen Romanen!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kanon Verlag Berlin

Kassandra in Mogadischu

Vom Jirro in der Diaspora

Der erste Roman der italienischen Schriftstellerin mit somalischen Wurzeln Igiaba Scego erschien voriges Jahr unter dem Titel «Kassandra in Mogadischu» auch auf Deutsch, er wurde nun mit dem Premio Strega 2025 ausgezeichnet. Als autofiktionales Werk beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Migration aus der Sicht einer farbigen Italienerin. Deren somalische Eltern hatten wegen des andauernden Bürgerkriegs und dem Zerfall des afrikanischen Staates das Land auf Dauer verlassen und sind endgültig Staatsbürger der ehemaligen Kolonialmacht Italien geworden, wo später dann auch Ibiaga geboren wurde. Die Kolonial-Geschichte dieses bis heute bettelarmen Landes wirkt auch in der Gegenwart immer noch nach. Sie wird sehr gekonnt in dem Familien-Geschehen dieses Romans gespiegelt, der nach dem Beginn des Krieges 1990 zeitlich eine ganze Generation umfasst.

Der riesige Familienclan der Scegos ist in alle Welt zerstreut und hält über die verschiedensten Medien nur lose Kontakt miteinander. Dementsprechend ist dieser Roman denn auch als Brief verfasst, in dem die inzwischen achtundvierzigjährige Ich-Erzählerin Igiaba Scego, die in Rom lebt, ihrer Nichte Soraya von der wechselvollen Vergangenheit der Familie berichtet. Soraya, die weit entfernt in Kanada wohnt, hat als Schauspielerin in der Verfilmung des weltberühmten Bestsellers «Wüstenblume» von Waris Dirie die Rolle der jungen Waris gespielt, sie ist zudem künstlerisch und politisch vielseitig engagiert. Gleich zu Beginn wendet sich die Briefschreiberin dem Thema «Jirro» zu, einer der vielen, in italienischer Lautmalerei geschriebenen somalischen Begriffe des Romans, der den Schmerz von Zerrissenheit in der Diaspora meint, – aus dem sich denn auch die vielfältigsten Fragen ergeben. Wer ist man, wenn einen Entwurzelung prägt, Bürgerkrieg und Traumata bis in die Diaspora hinein wirksam werden und das seelische «Ich» formen? Wie wirkt es sich aus, wenn die Geschichte des Landes, aus dem die gesamte Familie ursprünglich herstammt, so eng verwoben ist mit der Geschichte des Landes, in dem man jetzt lebt? Was macht es mit einem, wenn diese Lebens-Geschichten allesamt durch Gewalt und brutale Ausbeutung geprägt sind, wenn das erlittene Unrecht zum Himmel schreit? Und wie kommuniziert man in einer weltweit verstreut lebenden Familie miteinander, in der ein halbes Dutzend verschiedene Sprachen gesprochen werden, in der also ohne Dolmetscher gedanklich, -selbst unter den Somalis mit ihren vielen Dialekten -, ein Austausch kaum mehr möglich ist?

Ähnlich der «Kassandra» im gleichnamigen Roman von Christa Wolf sucht auch Igiaba Scego als Berichterstatterin, der man wenig Glauben schenkt, eine Sprache zu finden, die dem Unheilvollen und Bösen Worte entgegensetzt, die deeskalierend wirken sollen oder gar versöhnend. Eine immer wieder aufscheinende Hoffnung der Autorin liegt in der Wirkmacht des Erzählens selbst, und damit vor allem in der Literatur! Dementsprechend gibt es in diesem Roman unzählige Verweise und Zitate nicht nur zur Literatur selbst, sondern auch zum Spielfilm, zu Musik, Malerei und anderen Gattungen der Kunst. All das wirkt sehr bereichend, untermauert den Plot metaphorisch und lockert das Geschriebene angenehm auf. Die schreibwütige Tante des Romans kämpft einen unbeirrten Kampf gegen die lähmende Sprachlosigkeit innerhalb des verloren gegangenen Familien-Verbundes mit seiner traditionell somalischen Prägung. Sie webt, quasi als literarische Widerstands-Kämpferin, aus den Erzählfäden des politischen und familiären Geschehens eine Erzählung der Hoffnung. Leider erweist sich die eisern durchgehaltene Briefform des Romans immer dann als kleines Manko, wenn es um die Nachvollziehbarkeit des Erzählten geht. Und auch die schiere Überfülle des in allen Einzelheiten wiederholt Erzählten wirkt mit der Zeit ermüdend. Zumal ja der Stoff selbst, in der sehr speziellen, den meisten Lesern wohl kaum geläufigen, somalisch-italienischen Gemengelage, vielen denn doch relativ abseitig erscheinen dürfte. Sprachlich affine Leser kommen allerdings stilistisch voll auf ihre Kosten. Ein Pfund, mit dem die in Italien hoch angesehene Autorin auch hierzulande ja durchaus wuchern kann!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Sinkende Sterne

Wirkmächtigkeit von Literatur

Für seinen dystopischen Roman mit dem kryptischen Titel «Sinkende Sterne» hat Thomas Hettche ein kurioses Szenarium ersonnen, in dem er auf kunstvolle Art seine These von der universellen Schönheit herauf beschwört. Gleich zu Beginn wird er deutlich: «Was uns interessierte, war der Raum von Freiheit jenseits der Moral. Doch die Klugheit des Ästhetizismus ist schon immer auch seine Dummheit gewesen». Das mit unzähligen Referenzen und Verweisen durchmischte Buch zitiert ein Interview mit Isabelle Huppert, in dem sie Männer als «sinkende Sterne» bezeichnet hat, wobei der Autor denn auch gleich auf Odysseus und Sindbad verweist, die ja bekanntlich im Meer versunken seien. So wie er auf die universelle Schönheit als Thematik seines Romans setzt, verwehrt er sich gleichermaßen vehement gegen einen ideologisch bedingten Missbrauch der Literatur. Keine leichte Lektüre, soviel vorab!

Eine schriftliche Vorladung aus der Schweiz ruft den Ich-Erzähler, der auf den Namen Thomas Hettche hört (sic!), in die Schweiz, wo seine Eltern vor Jahrzehnten ein Chalet im Kanton Wallis gekauft haben, in dem er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Er hat gerade seine Stelle an der Uni verloren, weil von den wenigen zu seinem Seminar angemeldeten Studenten schon bald nur noch einer übrig geblieben ist, denn diese Thematik war offensichtlich aus der Zeit gefallen. Ein Erdrutsch von apokalyptischem Ausmaß hatte vor Jahren das Tal der Rhone verschüttet. Der in Folge entstandene See hat viele Dörfer im Wallis überflutet, der gewaltige Naturdamm ist danach zu einer deutsch-französischen Sprachgrenze geworden, die auch zu einer politischen Trennung geführt hat. Auf dem Amt eröffnet ihm nun der Kastellan, dass die ererbte Immobilie enteignet werden müsse, weil er Nicht-Schweizer sei. Hilfe suchend wendet sich der Schriftsteller auf Rat des Notars an die einflussreiche Bischöfin, die er in einer surrealen Szene in der Kirche bei der Messe antrifft. Sie verspricht ihm danach in Eile, sich für ihn einzusetzen, legt dabei schon Stück für Stück ihr bischöfliches Talar ab und knöpft dann auch noch ihr langes Unterkleid auf. Unter dem ist sie nackt, und er sieht erstaunt, dass sie einen Penis hat.

Der Ich-Erzähler befindet sich in einer veritablen Lebenskrise und beschließt, erstmal in das jahrelang unbewohnte Haus einzuziehen. Nicht weit entfernt wohnt seine ehemalige Jungendfreundin Marietta mit ihrer kleinen Tochter. Sie erzählt ihm von den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich nach der Naturkatastrophe ereignet haben, und weiht ihn ein in die Mythen und Sagen, die das Leben in dem abgeschotteten Tal nun, wie einst im Mittelalter, deutlich wieder beeinflussen. Der lebensfremd wirkende und entschluss-unfähige Ich-Erzähler hat die Bodenhaftung jedenfalls eindeutig verloren und scheint zudem extrem bindungsarm zu sein. Er stellt eine wenig überzeugende, zentrale Figur dar, zu der man kaum emotionale Nähe aufzubauen vermag.

Dieser handlungsarme Roman ohne erkennbares Ziel ist ein Sammelsurium von Reflexionen, Verweisen, Zitaten und essayistischen Notizen zum Thema Literatur und deren Quellen. In dem Selbstfindungs-Prozess des Protagonisten sind Gedanken eingewoben, die zum Nachdenken anregen und unbedingt auch ein ständiges Mitdenken erfordern. Fast beherrschend, und mit der Zeit leider zunehmend immer langweiliger werdend, erscheint beim Lesen die schiere Fülle von Naturbeschreibungen. Seien es die der alpinen Flora oder die der höhenbedingt wechselnden Fauna, die da immer wieder erneut beschrieben und bewundert werden. Gefühlt hundert Mal hört man die Krähen über dem Haus krakeelen, von Wind, Wolken, Regen und Schnee ganz zu schweigen! Literarisch als ein Abgesang auf die Postmoderne angelegt, ist dieser zwischen magischem Realismus, Heimat-Opus und angedeuteter Liebelei in ländlicher Kulisse angesiedelte Roman ein Fanal der Wirkmächtigkeit von Literatur, welches deren gottähnliche, völlig ungebundene Schöpfer (natürlich) mit einschließt!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Die Gouvernanten

Feministisches Märchen

Der Debütroman der vielseitig tätigen, französischen Schriftstellerin Anne Serre, der 1992 in Frankreich von den Feuilletons als schwer einzuordnen angesehen wurde, kam erst 31 Jahre später nun endlich auch in deutscher Übersetzung heraus. Er wurde in den Buchkritiken hier als ein Roman voller Sprachlust gefeiert und als hoch willkommene Abwechselung von der aktuellen Schwemme autofiktionaler Prosa. Als ein Märchen für Erwachsene hat es die weibliche Selbstermächtigung zum Thema, zu der insbesondere auch die Sexualität gehört. Die wird in einer extrem selten anzutreffenden Weise und in einer geradezu federleichten, poetischen Sprache feinfühlig behandelt und immer wieder auch gefühlvoll mit Naturromantik durchmischt.

In dem hinter Bäumen versteckten, abgeschiedenen zweistöckigen Haus von Monsieur und Madame Austeur erfüllen die drei etwa gleichaltrigen Gouvernanten Eléonore, Laura und Inès ihre Erzieherinnen-Rolle mehr schlecht als recht. Sie betreuen eine zahlenmäßig nicht benannte Gruppe von «kleinen Jungen» in der stattlichen, von einem großen Park umgebenen und durch ein goldenes Tor von der Welt abgeschotteten Villa. Außerdem gibt es auch etliche Dienstmädchen im Figurenkabinett dieses feministischen Kurzromans, aber auch den greisen Nachbarn, der das Geschehen nebenan unermüdlich mit dem Fernrohr verfolgt, und außerdem einige Männer, die zufällig vorbeikommen. Die schönen Gouvernanten aber sind die wahren «Königinnen» in diesem Roman-Setting, sie genießen unangefochten alle Freiheiten. Man könne zu dem Schluss gelangen, heißt es an einer Stelle, «dass Monsieur und Madame Austeur sehr nachlässig waren, als sie so leichsinnige junge Damen einstellten».

Die ziehen sich nämlich oft exhibitionistisch aus, streifen dann nackt durch den Park, präsentieren sich gern ungeniert bei offenen Fenstern dem voyeuristischen greisen Nachbarn. Und so wird denn auch gleich zu Beginn der Geschichte ein «sehr schöner Mann» ihr Opfer, den sie zufällig im Park aufgreifen. In einem wilden sexuellen Rausch stürzen sie sich auf ihn: «Sie werden es ihm besorgen und dabei auf ihre Kosten kommen», heißt es da, und so geschieht es denn auch. Zwischen den vier Figuren-Gruppen Ehepaar Austeur, Gouvernanten, Dienstmädchen und kleine Jungen herrscht eine seltsame Eigendynamik, die zu wechselnden Beziehungen untereinander führt. Der Roman lässt vieles im Dunkeln, wobei Plausibilität wirklich kein Kriterium ist, auf das man sich verlassen könnte als Leser. Von der eigentlichen Arbeit der Gouvernanten als Erzieherinnen ist nie die Rede, obwohl es doch «einige Dutzend kleine Jungen» sind, die helfend herbeieilen, als beispielsweise eine Vase kaputt geht. Über die Eltern dieser vielen Kinder wird ebenfalls kein Wort verloren, sie sind scheinbar elternlos glücklich. Als Laura schwanger wird, ohne eine Idee davon zu haben, was denn da wie geschehen ist, – eine unbefleckte Empfängnis quasi -, ändert sich plötzlich der Fokus. All die Frauen fangen an, wie verrückt Sachen für das Baby zu stricken, sogar Madame Austeur ist im Baby-Fieber.

Es wird nicht wirklich eine Geschichte erzählt in diesem mystisch anmutenden Roman ohne Plot, er ist allenfalls als Coming-of-Age-Story anzusehen, die auf zauberhaft sinnliche Art das Aufblühen weiblicher Sexualität zum Thema hat. Das Ende besteht dann schließlich in einem märchenhaften Verschwinden der Gouvernanten. «Sie hatten beinahe das Gefühl, zu verschwinden», heißt es am Schluss, «Sie musterten sich gegenseitig, sahen sich in Spiegel prüfend an, wechselten fragende Blicke, ohne recht zu wissen, was sie eigentlich fragen wollten.» Das Geschehen endet mit der Feststellung von Eléonore «Wir gehen ein» und der Replik von Laura «Wir lösen uns auf». Es ist eine zutiefst romantische Stimmung, die einen beim Lesen sofort umfängt. Eine sprachmächtige, verführerische Poesie ersetzt hier konsequent alle Gewissheiten durch Ahnungen und öffnet als feministisches Märchen der Phantasie des Lesers sämtliche Grenzen!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Berenberg Verlag

Neujahr

Fiasko der Selbstüberforderung

Der Roman «Neujahr» von Juli Zeh beginnt mit einem Neujahrsmorgen auf Lanzarote, als der Protagonist Henning früh zu einer Radtour aufbricht, um den Steilanstieg auf den nahe gelegenen Atalaya-Vulkan zu bewältigen. Die Tour endet mit einem Dèjá-vu, ihm wird bewusst, dass er schon einmal in seinem Leben dort gewesen ist. Als moderner, total überforderter Familienvater aus dem akademischen Milieu leidet er an Panikattacken, obwohl doch in seinem Leben eigentlich alles OK ist. Ein unpopuläres, wenig bearbeitetes Thema, das die vielseitig tätige Autorin sich da für ihren Roman ausgesucht hat. Die Meinungen zu ihrem Buch sind in den Feuilletons überwiegend negativ bis hin zum Verriss, in den Leserkommentaren bleiben sie aber ziemlich ambivalent. Skeptisch ist man dort allenfalls, was die Nähe zur Realität anbelangt, die denn doch sehr bezweifelt wird.

Henning hat einen sicheren Job in Verlagswesen, die Ehe mit der gut verdienenden Theresa läuft problemlos, er liebt seine beiden Kinder, aber er findet sich in keiner dieser Rollen wieder, ist nicht wirklich zufrieden mit dem, wie es läuft. Gerade weil er das Rollenklischee als vorbildlicher Ehemann bestens und auch widerspruchslos erfüllt, wird er im Roman zur tragischen Figur. Denn er will heraus aus der Tretmühle, die sein Alltagsleben in Wahrheit bedeutet. Und so hat er sich für den Urlaub auf der kanarischen Insel ein Fahrrad gemietet, um sich mit dem strapaziösen Berganstieg vom Feriendomizil aus gleich zum Jahresbeginn zu fordern, um ein Erfolgserlebnis zu haben, wenn er den Berg dann bezwungen hat. Was sich als schwierig erweist, das Leihrad ist zu schwer, er hat kein Proviant mitgenommen, nicht mal Wasser, und er kommt schon bald an die Grenzen seiner körperlichen Möglichkeiten. Aber er gibt nicht auf, will partout hinauf radeln und nicht schieben, er schindet er sich unerbittlich. In einem permanenten Gedankenstrom rekapituliert er dabei schwer strampelnd und schwitzend seine Lebenssituation. Er will den Grund für ES finden, wie er seine seelische Störung psychologisch verklausuliert bezeichnet, will seine lästigen Dämonen vertreiben. Als er nach 90 von 190 Buchseiten das Ziel erreicht, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Er war schon mal da, er kennt diesen Vulkan!

In einem neuen Handlungsstrang schließt sich im zweiten Teil des Romans eine dystopisch anmutende Rückblende aus Hennings früher Kindheit an, als der damals Vierjährige mit den Eltern und seiner zweijährigen Schwester Luna dort schon mal in Ferien war. Zurückblickend sieht er sich plötzlich in einer schon leicht verfallenen Ferienvilla, wie er mit seiner Schwester im Garten herumtobt, wie die Eltern mit ihnen spielen oder Ausflüge machen. Eines Tages sieht er seine Mutter, die unter dem Gärtner liegt, sieht dessen behaarten Rücken und weiß sich keinen Reim darauf zu machen. Als Luna und er schon im Bett sind, kommt es zu einem lautstarken Streit zwischen Vater und Mutter. Am nächsten Morgen wacht der Vierjährige auf und merkt, dass seine Eltern weg sind. Es gibt kein Frühstück, und so sehr er auch sucht, sie sind nirgends zu finden. Aber das Auto ist weg, er vermutet sie beim Einkauf in der nächsten Ortschaft am Strand. Notgedrungen muss er sich um Luna kümmern, ihr die Windel wechseln, und der Hunger wird immer stärker und auch der Durst, denn das Wasser aus der Leitung darf man hier nicht trinken, wie ihnen die Eltern eingeschärft haben.

So erweist sich der Roman letztendlich als literarische Versuchsanordnung von Helikopter-Eltern, denen eine perfide anmutende Horror-Phantasie herzlos verlassener Kleinkinder gegenüber gestellt wird. Im weiteren Sinne geht es hier um die Bewältigung durchaus vorhandener, gesellschaftlicher Probleme, um multiple Dynamiken der menschlichen Psyche. Insbesondere die unglaubwürdigen Figuren, der unterkühlte Schreibstil und der überzogen quälerisch anmutende Horrorteil lassen die Lektüre zu einem ärgerlichen Fiasko werden!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by btb München