Der Absturz

Psychologische Nabelschau

Auch der neueste Roman «Der Absturz» des französischen Schriftstellers Eddy Bellegueule, der schon als Kind wegen seiner Homophobie häufig diskriminiert wurde und deshalb unter  dem Namen Édouard Louis schreibt, beschäftigte sich wieder mit emotionalen Verwerfungen innerhalb seiner in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Nach einem Band über seinen Vater und zwei weiteren über die Mutter wendet er sich nun auch noch seinem älteren Bruder zu. Wegen dieser speziellen Thematik und seiner rigiden Gesellschaftskritik gilt der Autor in den Feuilletons als einer der frühen und prägenden Schriftsteller politisierter, autofiktionaler Herkunfts-Erzählungen. Allerdings hat er erklärt, nie wieder über seine Familie schreiben zu wollen, «Der Absturz» wäre nun der Abschluss seiner literarischen Bearbeitung dieser Thematik.

«Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit, noch Verzweiflung, noch Erleichterung, noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkauf im Supermarkt erzählt». Mit dem verbalen Paukenschlag dieser beiden Sätze beginnt die beklemmende Geschichte einer posthumen Auseinandersetzung mit dem verstorbenen, 38 Jahre alten Halbbruder, den der Ich-Erzähler seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Er war drogensüchtig und ein schwerer Alkoholiker, nach einem Herzstillstand wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Völlig ungerührt fährt Édouard zu ihrer gemeinsamen Mutter, die mit ihm und seiner Schwester über die zu entscheidenden und zu erledigenden bürokratischen Schritte nach einem Todesfall beraten will. Es entbrennt schon bald eine heftige Diskussion, weil die Schwester ganz bestimmte Vorstellungen hat, wo er beerdigt werden soll und welche Feierlichkeiten angemessen wären. Als es dann um die Bezahlung der anfallenden Kosten geht, zu denen die in prekären Verhältnissen lebende Mutter rein gar nichts beitragen kann und die Schwester ebenso, kommt es zum Streit. Denn Édouard ist absolut nicht bereit, dafür zu bezahlen, die Kosten für die gesetzlich vorgeschriebene Beerdigung müsse der Staat tragen. Über den toten Bruder selbst aber verlieren sie alle in diesem Gespräch kein einziges Wort!

Nach und nach erzählt der Autor in Rückblenden, wie der zehn Jahre ältere Bruder schon als Kind auf die schiefe Bahn gelangt ist. Er hat die Schule geschwänzt und später die Ausbildung, wurde gewalttätig und kriminell und blieb immer öfter von zu Hause weg. Erst nur mal eine Nacht, dann mehr, und schließlich kam er irgendwann gar nicht mehr nach Hause. Édouard hingegen konnte den prekären Verhältnissen der Familie und der latenten Gewalt seines Vaters entkommen, ging aufs Gymnasium und hat dann in Paris studiert. Jetzt versucht er im Nachhinein, in Gesprächen mit der Familie und den ehemaligen Freundinnen seines Bruders zu verstehen, wie es überhaupt zu dessen tragischem Absturz kommen konnte.

In diesem zwischen Realität und Fiktion angesiedelten Roman geht es dem Autor um Wahrhaftigkeit. «Wenn ich schreibe, will ich so wahr wie möglich über die Welt schreiben. Ich habe immer den Eindruck, dass die Wirklichkeit selten vorkommt», hat er im Interview erklärt. Herausgekommen ist dabei eine psychologisch breit angelegte, analytische Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familiengeschichte, die gleichzeitig auch eine soziologische Anklageschrift ist, was die Probleme in Familien generell betrifft. Die eigene im Buch lässt er übrigens über seine permanente Nabelschau protestieren, – immerhin so etwas wie Selbstkritik! Die psychologisch bedeutsamste Frage aber, warum es denn so weit kommen musste mit dem ältesten Bruder, und warum ausgerechnet er auf die lieblose Erziehung derart heftig reagiert hat, die bleibt letztendlich leider offen. Allzu vieles wird hier nur vage angedeutet. Stilistisch, dem Thema entsprechend, kühl und emotionslos erzählt, ist dieser von herben Enttäuschungen und vielen Demütigungen erzählende Roman jedenfalls weder eine erfreuliche Lektüre noch eine kontemplativ bereichernde!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Nostromo

Der Mann für die Drecksarbeit

Der politische Roman «Ostromo» des in der heutigen Ukraine geborenen Schriftstellers Józef Teodor Konrad Korzeniowski gehört zu seinen drei wichtigsten Werken. In der Fachwelt zählt der unter dem Namen Joseph Conrad in englischer Sprache publizierende Autor zu den wichtigsten Schriftstellern des 19ten Jahrhunderts. Auch dieser komplexe Roman ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen auf Reisen in ferne Länder während der zu Ende gehenden Kolonialzeit, wobei ihm allerdings auch häufig Rassismus vorgeworfen wurde. Der Buchtitel leitet sich mutmaßlich ab von «nostro uomo», was als Verballhornung des Italienischen «Unser Mann» bedeutet, also ein für die Mächtigen nützlicher und verlässlicher Helfer, der für sie die Drecksarbeit macht. Wie der Autor in seinem Nachwort erklärt, wurde er für den Roman Nostromo durch eine wahre Geschichte inspiriert, bei der ein beherzter Mann während revolutionärer Wirren bei der Schiffsentladung einen ganzen Leichter voll Silber gestohlen hat – und nie erwischt wurde!

Schauplatz der Handlung ist die fiktive südamerikanische Provinz Costaguana, die zerrissen ist von ständigen politischen Umstürzen. In dieser nicht zu regierenden Bananen-Republik kämpfen verschiedene Cliquen der Reichen um die Macht, unterstützt zum Teil vom Ausland her, insbesondere von den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Italien. Es herrscht ein rigides System von Unterdrückung in einer Vier-Klassen-Gesellschaft, wo die jeweils niedere Klasse gnadenlos ausbeutet wird. So verlangt denn auch die Provinz Sulaco für eine nahe am Meer gelegene Silbermine weiterhin ein einst vereinbartes jährliches Nutzungsentgelt, obwohl sie inzwischen längst eingestürzt und aufgegeben ist. Als der hilflose Eigentümer Gould vor lauter Gram stirbt, nimmt sich sein Sohn, der in England Bergbau studiert hat, beherzt der Sache an. Er findet einen potenten Investor, mit dessen Hilfe der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Nach der für Joseph Conrad typischen Erkenntnis, dass die Gier nach Macht und Geld die Kraft hat, alles zu erstören, muss allerdings auch diese Geschichte letztendlich scheitern.

Zentrale Figur in diesem ausufernden Epos ist der titelgebende Nostromo, als Exil-Italiener und ehemaliger Seemann ein Mann aus dem Volke, der in Sulaco gestrandet war. Er wurde als Adoptivsohn von einer Familie aufgenommen und arbeitet nun als Vorarbeiter der Schauerleute am Hafen, man nennt ihn dort ehrfurchtsvoll «Capataz de Cargadores». Als furchtloser Gewaltmensch wird er von allen geachtet, er ist ein Mann des Volkes, der Autor bezeichnet ihn sogar ausdrücklich als «Mann von Charakter». Gleichzeitig aber wird dieser gefürchtete Tatmensch von den jeweils Herrschenden als Mann für die Drecksarbeit instrumentalisiert. Sein Chef ist Kapitän Mitchell, der die örtliche Niederlassung einer englischen Schifffahrts-Gesellschaft leitet, die auch den Hafen von Sulaco betreibt. Für seinen Chef ist er «einer jener unbezahlbaren Untergebenen, die zu besitzen ein begründeter Anlass zur Prahlerei ist», – er leiht ihn sogar gern mal an Verbündete aus, für die er dann tätig werden muss. Ein nützlicher Idiot mithin, denn er steht in diesem korrupten politischen System immer auf verlorenem Posten, ohne es zu erkennen.

Stilistisch lebt diese komplexe Geschichte von ihrer alles beherrschenden Bildkraft, der Plot ist da fast schon Nebensache. Der Autor hat sich dazu auch ausdrücklich bekannt, seine Aufgabe sähe er darin, den Leser «sehen» zu lassen, hat er erklärt. Kein Wunder also, dass dieser cineastisch angelegte Roman als Melange aus einer Tragödie mit einem Abenteuerroman sowie gesellschafts-kritischen Elementen auch erfolgreich verfilmt wurde. Raffiniert aufgebaut und wortgewaltig geschrieben ist dieses Buch, das 1904 bei seinem ersten Erscheinen ein Misserfolg war, ein wahrer Genuss für den sprachlich orientierten Leser, an dem übrigens auch die neue Übersetzung ihren nicht zu unterschätzenden Anteil hat.. Eine weitere Stärke dieses zeitlosen Klassikers ist seine psychologisch tiefgründige Figuren-Zeichnung. Angesichts der schieren Textmasse erwartet geduldige Leser immerhin eine wahrhaft zeitlose Lektüre!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Manesse Verlag München

Ist es Liebe

Vom Zufall der Geburt

Der zweite Roman der Schriftstellerin und Schauspielerin Valery Tscheplanova weist mit seinem fragenden Titel deutlich auf seine Thematik hin, dem in der Belletristik scheinbar unerschöpflichen Genre der Liebe. Aber welche Facetten kann die in Russland geborene und seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland lebende Autorin denn diesem ewigen Thema noch abgewinnen? Im Interview hat sie zu ihrem neuen Roman erklärt: «Ich wollte beschreiben, was für Gepäck Menschen in die Liebe mitbringen». Gemeint hat sie jene Altlasten, die ja in der Regel spätestens nach drei Monaten Liebestaumel erkennbar würden. «Dieses Mitgebrachte wollte ich porträtieren und sagen: Das ist erstmal kein Hindernis». Stimmt das, fragt man sich!

Anne hat ein Studium als Schauspielerin absolviert und sich am Deutschen Theater in Berlin beworben. Sie liebt ihre Freiheit über alles, was dazu geführt hat, dass sie auch in ihren Beziehungen zu Männern immer ungebunden geblieben ist. Ihrem letzten Lover, als Informatiker ein Nerd durch und durch, hat sie gerade den Laufpass gegeben. Als sie bei einer Fahrt mit der U-Bahn auf einen bunt gekleideten Farbigen aufmerksam wird, der in seiner selbstbewussten Präsenz alle Blicke auf sich zieht, setzt sie sich in seine Nähe. Dann steigt ein Typ mit einer Gitarre zu und beginnt zu spielen, Anne lauscht ihm fasziniert und wirft fünfzig Cent in den herum gereichten Pappbecher. Nachdem sie ausgestiegen ist, ruft ihr jemand nach: «Excuse me, Miss». Der Farbige erklärt ihr auf Englisch, dass ihm gefallen habe, wie sie gerade eben der Musik zugehört hat. Sie kommen ins Gespräch, beim Trennen schreibt er eine Nummer auf seine Hand, sie soll sie fotografieren, wenn sie möchte. Natürlich ruft sie Richard dann auch an, und sie werden sehr schnell ein Paar. Er arbeitet in einer Bäckerei und verwöhnt sie gleich beim ersten Treff mit leckeren Backwaren, sie ziehen dann auch schon bald zusammen. Als Anne bald darauf schwanger wird, entschließt sie sich erst in der Abtreibungs-Klinik, unmittelbar vor dem Eingriff, dass sie das Kind doch lieber austragen will, – Karriere hin oder her!

In Rückblenden wird erzählt, wie Anne als Teenager unter massiven Essstörungen gelitten hat. Zuerst an Bulimie, bei der sie bis auf die Knochen abgemagert ist, dann aber auch an unstillbarer Fresssucht, die sie immer fetter werden lies und immer unattraktiver. Richard erzählt ihr nur sehr ungern aus seinem Leben. Erst nach und nach kann sie ihm entlocken, dass er aus einem riesigen Slumviertel in Nairobi stammt und unter desaströsen familiären Verhältnissen groß geworden ist. Durch einen glücklichen Zufall gelangte er in die italienische Botschaft, wo man ihm bei der illegalen Einreise nach Deutschland geholfen habe. Er lebte nur mit Duldungsstatus in Berlin und rechnete jederzeit mit seiner Abschiebung, ein Trauma, unter dem er sehr gelitten hat, – das nun aber durch seine Vaterschaft beseitigt ist. Mit der Geburt des Kindes ändert sich auch fast alles für Anne, sie allein ist es, die nun das Geld verdient. Richard tut so gut wie nichts mehr, kauft sich teure Klamotten und ist oft tagelang weg, er feiert in Nachtclubs ab und betrügt Anne nach Strich und Faden. Auslöser für seine Hemmungslosigkeit ist seine traumatische Jugend, die er nun geradezu zwanghaft zu kompensieren sucht. Es ist sein «Päckchen», das er als Altlast mit in die Beziehung gebracht hat, was Anne, zum Schrecken aller, letztendlich akzeptiert.

Durchaus bereichernd sind die Passagen des Romans, wo vom Theater erzählt wird, vor allem als Anne die Hauptrolle in «Alice im Wunderland» spielt. Was da aber zum eigentlichen Thema erzählt wird, das hat psychologisch leider wenig Tiefgang. Die beiden Protagonisten bleiben nämlich im Verhältnis zueinander in ihrem schwierigen Alltag stecken, daran ändert auch das Kind nichts. «Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren» redet Annes Schwester ihr ins Gewissen. «Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus». Von wegen «erstmal kein Hindernis», wie die Autorin erklärt hat, eine Katharsis fehlt nämlich in ihrem überkonstruierten Roman vom Zufall der Geburt!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die letzte Patientin

Psychologischer Doppelroman

Mit ihrem aktuellen Roman «Die letzte Patientin» hat Ulrike Edschmid ein Werk vorgelegt, das im Umfeld der 68er-Bewegung angesiedelt ist. Es handelt von zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht seien können, und beide Figuren durchleben eine ganz unterschiedliche, komplizierte psychologischen Phase ihres Lebens. Es sind zwei Geschichten, die da erzählt werden, zunächst die einer erlebnishungrigen, unkonventionellen jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität, die erst nach jahrelangen abenteuerlichen Reisen als Psychotherapeutin sesshaft wird und sich dann gesellschaftlich integriert. Erzählt wird diegetisch von einer nicht in das Geschehen einbezogenen Ich-Erzählerin. Deren spätere Freundin, eben jene namenlose Indentitäts-Sucherin, war 1973 in ihre Frankfurter WG  eingezogen und hat nach ihren wilden Jahren dann spät noch Psychologie studiert. Deren Briefe und Notizen sind es denn auch, nach denen hier posthum erzählt wird. Ab der Mitte des  Romans trifft sie auf eine junge Patientin, die sehr lange sprachlos bleibt und nur «N» genannt wird, «N wie Niemand».

Der autobiografisch inspirierte Roman beginnt mit einer Taxifahrt in Barcelona, wo die im Endstadium krebskranke, dann etwa sechzigjährige Psychotherapeutin in Begleitung ihrer ehemaligen Patientin ins Krankenhaus fährt, aus dem sie nicht mehr zurückkommen wird. In vielen kurzen Rückblenden wird anschließend der Weg jener Sinnsucherin nachgezeichnet, die sich gleich nach dem Studium in einen spanischen Anarchisten verliebt, von dem sie nur den Tarnnamen kennt, von dem sie sich aber schnell wieder trennt. Sie versackt in ihrer zwanzigjährigen, odysseeartigen Tour durch Südamerika, die sie u. a. nach Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Bolivien und Argentinien führt und in die Betten sehr vieler, unterschiedlichster Männer, wird als Anhalterin auch zweimal vergewaltigt. «Wärme sei das Einzige, was sie von einem Mann wolle«, kann man da lesen. «Jedes Verlassen aber liefere sie aus an das Nichts. Und jedes Mal gehe eine Heimat verloren, die sie nie hatte. Sie zwinge sich, dieses Nichts auszuhalten, es genau zu betrachten, damit es seinen Schrecken verliere. Aber es verliere seinen Schrecken nicht. Es bleibe eine graue, kriechende Einsamkeit, kalt wie die Stube, in der ihr Kinderbett stand, sauber, ordentlich und leer». Alle ihre Beziehungen scheitern, aber das Alleinsein ist auch keine Option für die entwurzelte Frau.

Schließlich studiert sie auch noch Psychologie, eröffnet eine Praxis und erkrankt später an Brustkrebs, was sie als Zeichen deutet. Dann trifft sie auf «N», eine sechzehnjährige, drogenabhängige Patientin, die jahrelang sprachlos bleibt, zu der sie keinen Zugang findet, die aber ihrerseits unbedingt in therapeutischer Behandlung bei ihr bleiben will, so unsinnig das auch erscheint. Als Ausreißerin ähnlich wie ihre Therapeutin, war sie vor zwei Jahren aus ihrem Elternhaus in die Obhut des Sozialamts geflohen, vom Vater schwer traumatisiert und voller innerer Schreckensbildern, wie deren Leiterin erklärt habe. Diese kranke Innenwelt muss Außenstehenden jedenfalls unverständlich bleiben. Für die Therapie gilt es nun, heraus zu finden, durch welches äußere Ereignis dieses schreckliche Trauma bei «N» bewirkt worden sein könnte.

«Die meisten Menschen könnten Schicksalsschläge bewältigen oder verdrängen. Aber bei denen, die dazu nicht in der Lage sind, genüge irgendein Anlass, und ein Geschehnis aus der Vergangenheit breche mit aller Gewalt über sie herein». Ulrike Edschmid versucht in diesem Roman mit psychologischem Sachverstand möglichst präzise das Geheimnis des menschlichen Ichs zu erklären, auch wenn das laut Sigmund Freud von vornherein zum Scheitern verurteil ist. Der kurze Roman ist eine anregende Lektüre, die auf ein leider  etwas kitschiges Ende zuläuft, dabei zuweilen aber auch Zweifel aufwirft, was die Glaubwürdigkeit des Geschehens betrifft. Denn allein sechs Jahre wöchentliche Therapiesitzungen ohne ein Wort der Patientin «N» erscheint denn doch mehr als fragwürdig. Beides trübt das ansonsten positive, bereichernde Leseerlebnis.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Blautöne

Unisono praktiziertes Totschweigen

Der 2022 auf Deutsch erschienene Roman »Blautöne» der dänischen Schriftstellerin und Psychologin Anne Catherine Bomann beschäftigt sich mit dem Thema Trauer. Schon der Buchtitel weist versteckt darauf hin, denn der Blues gehört bekanntlich im Jazz zu den eher Traurigkeit ausdrückenden Varianten dieses musikalischen Genres. Im Buch nun geht es um die Frage, wie man medikamentös die Dauer verkürzen und die Intensität von Trauer verringern kann. Anders als bei ihrem erfolgreichen Debütroman «Agathe», der auch in den deutschen Medien durchaus positiv aufgenommen wurde, ist hier aber das beredte Desinteresse der Medien ziemlich rätselhaft. Das gab es hier nämlich noch nie in zwölf Jahren mit über tausend rezensierten Büchern, ist dieser Roman denn wirklich so schlecht, dass man ihn totschweigt?

Mitnichten, das wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Die psychologische Frage nach unserem seelischen Schmerz wird von Anfang an in einem klug konstruierten Plot auf zwei verschiedenen, aufeinander zulaufenden Zeitebenen aus der Perspektive verschiedener Protagonisten geschildert. In dem universitären Setting des Romans geht es um ein neues Medikament, das ein dänischer Pharmakonzern über einen Zeitraum von mehr  als zehn Jahren hinweg entwickelt und auch international zur Zulassungsreife gebracht hat. In kurzen Kapiteln mit jeweils einer Zeitangabe als Titel werden nach und nach die verschiedenen Protagonisten eingeführt, beginnend im April 2011 mit «Elisabeth», leitende Forscherin dieses Pharmakonzerns. Ihr kleiner Sohn ist an einer unheilbaren, tückischen Krankheit verstorben, nachdem sie den Ärzten als Mutter zugestimmt hatte, die sinnlos gewordenen, künstlich lebenserhaltenden Maßnahmen abzuschalten. Sie versucht sich in ihrer Trauer durch Kickboxen abzulenken und stürzt sich in sexuelle Abenteuer. Dann tritt unter dem Datum September 2024 «Shadi» auf, eine mit ihrer Masterarbeit über Trauer beschäftigte Psychologie-Studentin. Mit «Thorsten» kommt dann ein Dozent ins Bild, der die mit Trauerforschung beschäftigte Gruppe betreut, zu der schließlich auch «Anna» stößt, die um ihren Vater trauert und zufällig auch über dieses Thema schreiben will. Er kann sie als Betreuer nicht mehr annehmen und schlägt ihr vor, sich mit Shadi zusammen zu tun, um eine umfangreichere Arbeit gemeinsam zu schreiben. Die kurz vor dem Abschluss stehende Studie der Uni Aarhus mit 400 Probanden soll Collacain, dem neuen Medikament, europaweit die für den Pharma-Konzern lukrative Zulassung sichern.

Intensive Trauerstörung wird unter dem Begriff «Prolonged Grief Disorder» seit geraumer Zeit dann als Krankheit anerkannt, wenn sie mit mehr als sechs Monaten zu lange dauert oder sogar überhaupt nicht mehr aufhört. Mit dieser Thematik entwickelt sich der Roman zunehmend zum Pharma-Thriller, denn die positiven Ergebnisse der universitären Forschungs-Gruppe für Wirksamkeit und Nebenwirkungen des neuen Medikaments lassen bei Teamleiter Thorsten Zweifel aufkommen. Ein von seiner Chefin für die Studien eingesetzter Statistik-Experte hat, stellt sich schließlich dann tatsächlich heraus, nachweislich ziemlich trickreich und kaum merkbar Ergebnisse manipuliert. Die Chefin will jedoch so kurz vor Abschluss davon partout nichts wissen und weist Thorsten als notorischen Skeptiker zurück, sie bangt nämlich um die üppigen Spenden des Pharma-Konzerns, vom wissenschaftlichen Skandal ganz zu schweigen!

In einer schnörkellosen Sprache mit stimmigen Dialogen wird in vielen Rückblenden eine gesellschafts-kritische Geschichte erzählt, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch sehr lehrreich. Nicht jeder Leser dürfte allerdings die Geduld aufbringen, den vielen psychologischen Gedankengängen zu folgen, um dann die subtilen Erkenntnisse daraus wirklich nachvollziehen zu können. Sämtliche Figuren sind glaubhaft beschrieben, das geschilderte Geschehen ist plausibel und der geschickt angelegte Spannungsbogen hält den Leser bis zum Schluss in Atem. Kein Grund zu erkennen also für das unisono praktizierte Totschweigen in den großen Medien!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Dr. No

Satirischer Denk-Marathon

Von dem voriges Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten, amerikanischen Schriftsteller Persival Everett gibt es inzwischen einige weitere seiner 24 Romane, die auf Deutsch erschienen sind, so auch Dr. No. Es geht um nichts in diesem Roman, und zwar wortwörtlich, gilt doch sein Protagonist und Ich-Erzähler als renommierter Professor für Mathematik an der Brown University als Koryphäe für das «Nichts». Und wie man schon am Titel merkt, handelt es sich dabei um einen Spionage-Thriller, in dem nach bewährter James-Band-Manier ein Bösewicht im Mittelpunkt steht, hier ein farbiger Milliardär, der es auf einen in Ford Knox aufbewahrten Schuhkarton abgesehen hat, in dem sich «nichts» befindet.

Prof. Ralph Townsend ist als Mathematik-Experte weltweit unter dem Namen Wala Kitu bekannt, wobei Vor- und Nachname jeweils das Gleiche bedeuten: Wala heißt in der philippinischen Sprache Tabalog «nichts», und Kitu in der Bantusprache Suaheli ebenfalls «nichts». Auch der Name seiner Kollegin, der Differenzial-Topologin Prof. Eigen Vector, ist mathematisch konnotiert, und wenn er seinen über alles geliebten, einbeinigen Hund Trigo nennt, weist er damit deutlich auf dessen fehlende drei Beine hin. Mit Trigo trägt er in seinen häufigen Träumen sogar oft hoch wissenschaftliche Dispute aus, sein Hund ist dabei äußerst schlagfertig und bleibt ihm keine Antwort schuldig. Der Plot als solcher mit seiner satirisch deutlich überzogenen Schurken-Thematik erhält erst durch die dauernden mathematischen Exkurse und philosophischen Höhenflüge sein besonderes Flair als typischer Nerd-Roman.

Als Running Gag dabei erweisen sich immer wieder die quasi auf jeder Seite auftauchenden Beteuerungen und Schwärmereien des Protagonisten sein Forschungsgebiet betreffend, welches er selbstbewusst für unangreifbar hält. Ständig tauchen dabei doppeldeutige Wortspiele wie «Ich habe von nichts eine Ahnung» oder «Mich treibt nichts um». Und es gibt auch etliche Witze um das Wort nichts, dessen köstlichster von Gott handelt: «Ein Mathematiker wird gefragt, ob er lieber eine Tasse kalten Kaffee haben oder Gott begegnen möchte. Er sagt, er möchte den kalten Kaffee». Man habe ihm nämlich erklärt, wird hinzugefügt, dass nichts besser sei, als Gott zu begegnen, dass aber kalter Kaffee besser sei als nichts! Als ausgesprochen metafiktionalem Roman wird in «Dr. No» ständig über Logik und Sprache referiert, wobei immer wieder köstliche und auch ziemlich verblüffende Zusammenhänge deutlich werden. Nach eigenem Bekunden leidet der autistische Held des Romans am Asperger-Syndrom, er hat erhebliche Schwierigkeiten, die Gefühlslage seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen und Beziehungen einzugehen, der Mittdreißiger war deshalb auch noch nie mit einer Frau intim.

Gleich zu Beginn engagiert als bondtypischer Bösewichtt der schwarze Milliardär John Sill den berühmten Prof. Wala Kitu – mit drei Millionen Dollar Vorschuss – als Experte für das «Nichts». Er soll helfen, einen Schuhkarton aus Ford Knox zu entwenden, in dem nichts ist, – genau damit aber könne man alles erreichen. Dieses wundersame «Nichts» will der Schurke benutzen, um aus Rache für den Tod seiner Eltern Amerika wieder zu nichts machen, er will quasi die Kraft der Negation einsetzen für seine Abrechnung mit diesem rassistischen Amerika. Das natürlich nicht ernst zu nehmende, turbulente Geschehen in diesem satirischen Roman wird bis zum metaphysischen Ende getragen von den komischen Dialogen, in denen eben «nichts» die Hauptrolle spielt. Allmählich wird durch ständige Wiederholung selbst den Nicht-Nerds unter den Lesern klar, welche Bedeutung nichts wirklich hat. «Die Wichtigkeit von nichts besteht darin, dass es der Maßstab dessen ist, was nicht nichts ist», – alles klar? Das Spiel dieses popkulturell umtriebigen Autors mit den ständigen sprachlichen Mehrfach-Bedeutungen erweist sich mit der Zeit allerdings als anstrengender Denk-Marathon, der als Lektüre nicht jedermanns Sache sein dürfte! Gleichwohl, unterhaltsam ist das alles aber allemal, – und speziell für die Mathematik-affinen Nerds unter den Lesern kontemplativ bereichernd natürlich auch.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Macht

Dystopischer Öko-Thriller

Mit ihrem Roman «Macht» hat sich Karen Duve ein dystopisches Setting ausgedacht, bei dem ein bösartiger Psychopath seine Frau schon seit mehr als zwei Jahren im Keller seines Hauses eingesperrt hat. Das familiäre Geschehen wird gespiegelt am ökologischen und politischen des Jahres 2031, als streitbare, revolutionäre Feministinnen in einer Kontrollierten Demokratie das passive Wahlrecht auf Kandidaten beschränkt haben, die vorher eine strenge psychologische Prüfung bestanden hatten, mit der ihre Eignung für ein politisches Amt vorbehaltlos bestätigt wurde. Außerdem wurde eine ökologische Politik etabliert, bei der jedem Bürger ein streng reglementiertes, gleich hohes Kohlenstoffdioxid-Konto zur Verfügung steht, mit dem er den CO2-Verbrauch seiner jeweiligen Konsum-Ausgaben ausgleichen muss. Benzin zum Beispiel oder Fleisch kann man somit nur kaufen, wenn man dafür auch genügend CO2-Guthaben zur Verfügung hat, ein dem heutigen Emissionshandel ähnliches Verfahren.

Die von Olav Scholz als Bundeskanzler geleitete, überwiegend aus Frauen bestehende Regierung des Jahres 2031 betreibt eine streng ökologisch ausgerichtete Politik. Die Gegner dieser Politik sprechen von Öko-Faschismus, obwohl durch den Klimawandel bereits so schlimme Schäden entstanden sind, dass beispielsweise Häuser nicht mehr versichert werden können. Eine genmanipulierte Rapssorte hat sich so schnell und hartnäckig ausgebreitet, dass alles damit zuwuchert, eine schlimme Plage, der man nicht mehr Herr werden kann. Durch die Zulassung eines von fast allen Menschen begehrten Verjüngungsmittels sehen Sechzigjährige wie Zwanzigjährige aus, verkürzen durch das damit verbundene, extrem hohe Krebsrisiko ihre Lebens-Erwartung aber je nach Dosierung drastisch bis auf nur noch fünf Jahre. Man unterscheidet fortan zwischen bio-alt und chrono-alt, wobei fast nur die Fundamentalisten der wie Pilze aus dem Boden schießenden, öko-religiösen Sekten in dieser Endzeit-Stimmung auf jedwede medizinische Verjüngung verzichten, – und damit dann sprichwörtlich «alt» aussehen.

In der Nähe von Hamburg lebt in einer kleinen Gemeinde der Ökoaktivist Sebastian Bürger in einem bescheidenen Haus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Nostalgisch verklärt hat der machohafte Sonderling es im Stil der späten 1960er Jahre komplett umgebaut und dabei keine Mühen gescheut, die dafür erforderlichen, originalen Baustoffe und Einrichtungs-Gegenstände wieder aufzutreiben. Seine Ehefrau Christine, Umwelt-Ministerin im Kabinett von Olav Scholz, ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden, ihre beiden Kinder leben seither bei der Oma. Niemand ahnt, dass er seine Frau in einem als Schutzkeller ausgebauten, schalldichten Raum gefangen hält. Er lehnt sich damit gegen den staatstragenden Feminismus auf und gegen die Dominanz seiner promovierten Frau in ihrer Ehe. In seinem Narzissmus genießt er lustvoll ihre Unterwerfung, er kettet sie an  und demütigt sie immer wieder. Als der Wutbürger bei einem Klassentreffen seine heimliche Jugendliebe Elli wieder trifft und sie überraschend schnell zueinander finden, hofft er, mit ihr ein neues Leben beginnen zu können.

Im Interview hat Karen Duve zu ihrem Roman erklärt, sie wollte eine Geschichte schreiben, die in der näheren Zukunft angesiedelt ist, und dabei den Gedanken aufgreifen, dass früher alles besser gewesen sei. Ferner habe sie die grauenhafte Geschichte des österreichischen Inzest-Täters Josef Fritzl inspiriert. «Macht», der daraus entstandene Roman, fand in den Feuilletons ein überwiegend negatives Echo. Tatsächlich jedoch bietet dieser wegen seiner überraschenden Wendungen bis zuletzt spannende Roman trotz seiner beklemmenden Thematik einen hohen Unterhaltungswert, der nicht zuletzt auch von unterschwelligem Humor lebt. Wahrhaft prophetisch erscheint dabei, dass die Autorin in diesem 2016 erschienenen, gesellschafts-kritischen Werk Olav Scholz zum Bundeskanzler gemacht hat (sic!). Das hätte damals selbst in der SPD niemand für möglich gehalten, und es ist dann ja auch erst sechs Jahre später tatsächlich geschehen, – Chapeau!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Das Ereignis

Autofiktion aus der Knaus-Ogino-Zeit

Aus dem Œuvre der mit dem Nobelpreis geehrten französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist, wenn auch mit mehr als 20jähriger Verspätung, inzwischen auch «Das Ereignis» auf Deutsch erschienen. In der Begründung der Nobelpreis-Jury von 2022 wird ausgeführt, dass sie geehrt wird «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt». Sie sei mit ihrem Werk stilistisch als die «Urmutter der Autofiktion» anzusehen, wie Dorothea Westphal geschrieben hat, die meisten ihrer Bücher sind jedenfalls stark autobiografisch geprägt. Dieses Buch wurde übrigens 2021 unter gleichem Titel verfilmt und gewann in Venedig den Goldenen Löwen.

Thematisch stehen bei Annie Ernaux die Frauen und Mädchen der französischen Gesellschaft im Fokus, Buchtitel wie «Eine Frau» oder «Erinnerungen eines Mädchens» zeugen davon, viele ihrer «Romane» könnte man durchaus passend auch dem Genre «Autobiografie» zuordnen. Wobei sie es in ihren Werken geschickt versteht, das zutiefst Private en passant ins Algemeingültige zu verwandeln. So auch in dem vorliegenden Band, wobei «Das Ereignis» hier in einer Abtreibung besteht. Annie Ernaux erzählt davon absolut authentisch, aus eigenen Erfahrungen als 23Jährige nämlich, als sie 1963 während des Studiums in Rouen selbst einen Schwangerschafts-Abbruch unter schlimmsten Bedingungen beinahe nicht überstanden hätte. Mit der gleichen Thematik wie im vorliegenden Band hatte die aus einfachen Verhältnissen stammende Annie Ernaux sich übrigens auch schon in ihrem Debüt-Roman von 1974 mit dem Titel «Die leeren Schränke» beschäftigt, den sie damals aber noch fiktional erzählt hat, – diese Thematik hat sie also offensichtlich nicht losgelassen, es war noch nicht alles gesagt dazu! Was sicherlich an den katastrophalen Umständen lag, mit denen dieses Thema damals soziologisch und politisch behandelt wurde. Die Schriftstellerin berichtet in ihren Buch sehr nachvollziehbar von ihren Zweifeln, ob sie denn tatsächlich als Ethnologin über diesen Teil ihrer eigenen Vergangenheit schreiben solle.

In den 1960er Jahren gehörte Abtreibung noch zu den großen gesellschaftlichen Tabus nicht nur in Frankreich, sie war schlicht illegal! Bekannte Schriftstellerinnen wie Marguerite Duras oder Simone Beauvoir und viele andere prominente Frauen bekannten sich mutig in einem Aufsehen erregenden Manifest im Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» dazu, gleichwohl eine Abtreibung gemacht zu haben, auch im «Stern» gab es damals eine entsprechende Aktion. Die junge Annie Ernaux stieß nicht nur in ihrer Familie auf kein Verständnis für ihre missliche Lage geschweige denn auf Beistand oder Hilfe, die Literatur-Studentin fühlte sich auf ihre schiere Körperlichkeit reduziert. In ihr Tagebuch notiert sie: «Ich habe das Gefühl, dass ich auf abstrakte Weise schwanger bin», sie fühlt sich plötzlich sehr einsam. Moralische Bedenken hat sie nicht, ein Kind würde für sie den Abbruch des Studiums bedeuten mit allen Konsequenzen. Da ihr nicht geholfen wird, versucht sie der Schwangerschaft mit Stricknadeln ein Ende zu setzen, allerdings vergebens. Schließlich landet sie bei einer «Engelmacherin», verblutet dann beinahe und landet schließlich im Krankenhaus. Die entsprechenden Textpassagen sind schwer auszuhalten, dieses Buch ist also nichts für schwache Gemüter! Gleiches gilt übrigens auch für den Film.

Die Autorin hat erklärt, sie wolle sich demonstrativ mit diesem Buch all jenen Frauen gegenüber solidarisch zeigen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befinden, – moralischen Diskursen geht sie dabei ganz bewusst aus dem Wege, auch im Buch übrigens! Dieser Text aus der Knaus-Ogino-Zeit ist der vielleicht mutigste der damals von der Gesellschaft stigmatisierten Autorin, die distanziert, nüchtern und zum Teil lakonisch, aber immer schonungslos offen ein extrem schwieriges literarisches Terrain bearbeitet, den Leser damit aber ziemlich fordert!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Der Fremde

Ein Jahrhundert-Roman

Mit dem Roman «Der Fremde» hat Albert Camus nach Ansicht von Jean Paul Sartre das wichtigste Werk des Existentialismus geschrieben. Anders als bei Sartre aber steht für Camus das Absurde im Zentrum, wie es aus der Gegenüberstellung der menschlichen Sinnsuche und der absoluten Sinnlosigkeit der Existenz entsteht. «L’Etranger», wie der vorliegende, 1942 erschienene kurze Roman im Original heißt, entstand parallel zu Camus philosophischer Abhandlung «Der Mythos des Sisyphos», hier aber wird der Absurdismus erstmals beispielhaft in literarischer Form vorgestellt. Nicht nur in Frankreich gilt dieser gefeierte Roman des späteren Nobelpreisträgers als erfolgreichster den 20. Jahrhunderts.

Die in einer Stadt am Meer in Algerien der 1930er Jahre angesiedelte Geschichte eines Mannes namens Meursault beginnt im ersten Teil damit, dass der introvertierte junge Mann vom Tod seiner im Pflegeheim lebenden Mutter erfährt. «Heute ist Mama gestorben», lautet der erste Satz. «Oder war es gestern, ich weiß es nicht». Aus der Ich-Perspektive wird berichtet, dass er bei der Beerdigung der Mutter keinerlei Reaktionen gezeigt hat. Am nächsten Tag hat er zufällig Marie, eine ehemalige Arbeitskollegin, getroffen, die er lange nicht gesehen hat. Spontan ist er mit ihr zum Schwimmen ans Meer gegangen und hinterher ins Kino, sie wollte unbedingt einen Film mit Fernandel sehen. Im Kino hat er sie dann erstmals geküsst und ihre Brüste gestreichelt, «Nach dem Kino ist sie mit zu mir gekommen». Bezeichnend für den Nihilismus dieses Mannes ist seine Reaktion, als Marie ihm später einen Heiratsantrag macht. Er erwidert, das könne man machen, auf ihre Frage aber, ob er sie denn liebe, sagt er nein, aber das bedeute ja nichts. Der Protagonist wird als antriebsloser Gewohnheits-Mensch geschildert, der völlig zufrieden ist, wenn sein Alltag routinemäßig verläuft, der in den Tag hinein lebt und wirklich alles ungerührt hinnimmt, nicht nur den Tod der Mutter. Als er seinem Nachbarn Raymond hilft, der seine untreue Freundin bestrafen will, gerät er mit ins Visier von deren Brüdern, die sich an Raymond  rächen wollen. Am Stand kommt es zu einer Schlägerei, bei der Raymond mit dem Messer verletzt wird. Als Meursault später einen der Brüder am Meer im Sand liegend trifft und der sein Messer zieht, schießt er auf ihn und feuert nach kurzer Pause vier weitere Schüsse auf ihn ab.

Im zweiten Teil des Romans wird der Prozess geschildert, in dem der Angeklagte sich nicht verteidigt und seinen Pflichtverteidiger durch sein absolut gleichgültiges Verhalten zu Verzweiflung bringt. Bei Meursault ist seine Indolenz nämlich nichts anderes als sei originärer Charakter. Der Roman schildert einen interessanten Verfahrensverlauf, der die unbeirrbare, existentialistische Lebens-Philosophie des Angeklagten offen legt, die hier schon beinahe als Unzurechnungsfähigkeit gedeutet werden könnte. Ganz am Ende der Geschichte zeigt er sich dann aber doch empfänglich für «die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt».

Stilistisch ist dieses Buch durch eine einfache, knappe Diktion gekennzeichnet, die mit kurzen Sätzen und in einfachen Worten stimmig die Absurdität dieser Geschichte unterstreicht. Lakonisch wird damit auch ein Gefühl der Unmittelbarkeit des Geschehens und sogar die Illusion einer Präsenz des Lesers erzeugt. Oft werden im Roman die Hitze und der Sonnenschein thematisiert als Symbole der absoluten Indifferenz der realen Welt dem menschlichen Schicksal gegenüber, – genau so, wie sie sein apathischer Protagonist ja empfindet. Camus wirft in diesem Roman wichtige philosophische Fragen auf, zu denen vor allem der Sinn des Lebens und der Tod als Schicksal gehören, aber auch die Rolle sozialer Normen oder fehlender Emotionen. Er fragt auch nach dem so genannten ‹freien Willen› und erläutert, dass Meursault für die Gesellschaft «Der Fremde» ist, weil er sich beharrlich weigert, sich zu verstellen oder gar zu lügen. Ohne Zweifel ist dieses bereichernde Werk ein Jahrhundert-Roman, wie es kaum einen zweiten gibt, wobei diese komplexe Erzählung bis zum Schluss auch noch spannend bleibt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Wunderkind

Zwischen Welt und Unwelt

Mit dem Roman «Wunderkind» hat die in Deutschland kaum bekannte schwedische Schriftstellerin Karin Smirnoff einen Roman vorgelegt, dessen Titel vordergründig auf eine erfreuliche Geschichte hindeutet. Sehr schnell merkt man aber beim Lesen, dass hier dieser besondere Status zu wahrem Horror hinführt, der alles andere ist als erfreulich. Das titelgebende Wunderkind ist nicht nur ungewollt, es wird vielmehr mit Bosheit und Verachtung überzogen, die schwer zu ertragen sind nicht nur für das betroffene Kind, sondern auch für den anfangs doch ziemlich schockierten Leser.

Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines neugeborenen Babys namens Agnes beginnt die schwedische Autorin von dem Dilemma zu erzählen, in das deren Mutter Anita geraten ist, als sich herausstellt, das ihr Baby eine gewisse Musikalität erkennen lässt, denn sie galt früher selbst eine Zeit lang als Wunderkind. Aus der angestrebten Karriere als Sängerin oder Pianistin wurde jedoch nichts, für sie die Tragödie ihres armseligen Lebens. Denn die attraktive Frau muss sich nun in einem zutiefst asozialen Umfeld als Alleinerziehende mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Über ihren Vater erfährt Agnes nichts, auch wenn sie über die Jahre hinweg immer wieder mal danach fragt. Als sie dann schon als Kleinkind durch bloßes Zuhören eine Melodie am Klavier nachspielen kann, ist die «Anitamama» regelrecht sauer auf sie und verbietet ihr strengstens, das Klavier zu benutzen. In ihrem Kind sieht sie den wahren Grund für ihr persönliches Unglück, das nun ihr ganzes Leben überschattet, denn die Schwangerschaft war der Auslöser für das abrupte Ende ihrer Karriere-Hoffnungen. Und diesen Frust lässt sie ungebremst an ihrem Kleinkind aus, sie gibt Agnes kaum etwas Vernünftiges zu essen, die Kleine hat immer Hunger. Außerdem lässt sie ihr ungeliebtes Töchterchen in deutlich zu großen, schäbigen und nicht zusammen passenden Klamotten herumlaufen und setzt sie damit dem ständigen Gespött der anderen Kinder aus. Agnes erwidert diesen Hass der Mutter von Anfang an, sie erkennt instinktiv, dass sie von ihr niemals Fürsorge oder gar Liebe erwarten kann. Sie wünscht ihr vielmehr in wilden Gedankenspielen den Tod, spielt gedanklich sogar verschiedene Todesursachen durch als Rache für die Grausamkeiten, die sie von «Anitamama» tagtäglich erleiden muss.

Mit einer erschreckenden emotionalen Distanz wird hier aus Kleinkind-Perspektive von zwei Welten erzählt, der eigentlichen und der «Unwelt». Die kindliche Ich-Erzählerin Agnes sieht sich in der letzteren gefangen, durch eine Art undurchdringlichen Schleier von der schönen, erfreulichen Welt getrennt. Im Verlaufe der Handlung ereignen sich immer neue, noch schlimmere Unglücke, die nicht abreißen wollen und die Tragik des Geschehens immer weiter steigern. So ist zum Beispiel der nette Musiklehrer, der sich so rührend um die Kinder kümmert und sie sogar als kleines Ensemble bei Konzerten auftreten lässt, in Wahrheit ein Pädophiler, der sich an ihnen vergeht in der Gewissheit, sie würden ihren Meister niemals bezichtigen. In diesem Roman einer mütterlichen Überforderung, die in schieren Hass umschlägt, ist das Schicksal der kindlichen Protagonistin unaufhaltsam vorgezeichnet. Und ob es ihr wirklich gelingt, sich aus all den Zwängen zu befreien, wie im Klappentext angedeutet, bleibt letztendlich auch ungewiss.

Allein der Begriff des Wunderkinds, der ja auf ein spektakuläres, erfreuliches Leben hindeutet, wird im Roman auf fast schon zynische Weise konterkariert. Nicht nur die kleinkindliche Perspektive, die der Protagonistin altersferne Gedanken und Erkenntnisse zuordnet, kennzeichnet hier die Erzählweise von Karin Smirnoff, der nüchterne, unpoetische Stil des Romans ganz ohne Metaphern passt auch gut zu dessen psychologisch komplexem Narrativ. Speziell der atemlos wirkende Satzbau nur mit Punkten, also ohne Kommas und andere Satzzeichen, treibt das unheilvolle Geschehen lakonisch distanziert voran. Ein Wohlfühlroman ist dabei natürlich nicht herausgekommen, – es ist ja die bedrückende «Unwelt», die hier beschrieben wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Gleißendes Licht

Recherche ohne Ergebnis

Marc Sinan, der Musiker und Komponist mit türkisch-armenischen Wurzeln, hat mit «Gleißendes Licht» einen Debütroman vorgelegt, der den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Als Thema ein Tabu in der Türkei, hartnäckig geleugnet bis zum heutigen Tage auch vom derzeitigen Präsidenten Erdoğan, ist dieser erste Genozid des Zwanzigsten Jahrhunderts jedoch vielfach belegte Tatsache, die bis heute nachwirkt. Mit diesem autobiografisch inspirierten Roman liegt nun erneut ein Werk vor, das dieses mehr als hundertjährige Trauma literarisch aufgreift. «Die Wahrheit ist kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hinein fällt», lautet denn auch ein vorangestelltes Zitat von Robert Musil.

Gleich am Anfang wird berichtet, wie im Jahre 1915 der kräftige türkische Hilfssoldat Hüseyin allein ein Boot mit einigen Soldaten und vierzehn armenischen Kindern von Ordu aus auf das Schwarze Meer hinausrudert. Irgendwann soll er stoppen, und dann hört er einen tiefen Schlag und das Aufklatschen eines Körpers auf das Wasser, – das wiederholt sich vierzehn Mal hintereinander, eine kaltblütige Exekution. Hüseyin verdrängt dieses alptraumartige Erlebnis, heiratet später eine armenische Waise und lebt recht gut vom Export von Haselnusskernen, bis ihm kriegsbedingte Import-Beschränkungen das Geschäft verdorben haben. Er verlegte sich auf die Herstellung von Tran, den er aus dem Fang von Delphinen und Schweinswalen gewinnt. Aber auch darauf lag ein Fluch, seine Frau Anneanne wollte ihn davon abbringen, es sei eine Sünde, diese Tiere zu jagen. Und auch hier ging es bald bergab, schon nach zwei Jahren war er wieder ruiniert.

In einem weiteren Handlungsstrang wird unter der Überschrift «München 1986 bis 1992» von Kaan erzählt, zweiter Protagonist des Romans und in vielem Alter Ego des Autors, der Enkel von Hüseyin. Er hat als Gitarist ein Stipendium bekommen und reist nun zu ersten Mal in seinem Leben nach Istanbul. Bis dato war Kaans Münchner Leben in einem Reihenhaus völlig unspektakulär gewesen, sei Vater war Ingenieur bei Siemens, seine Mutter technische Zeichnerin in der gleichen Abteilung. Nur, Kaans Mutter, hatte binnen eines Jahres fließend Deutsch sprechen gelernt und ihren eher unspektakulären, aber gut aussehenden Mann geheiratet, weil sie wusste, dass er kein Macho ist und immer loyal zu ihr stehen würde. Das Leben von Opa Hüseyin und seinem Enkel Kaan könnte unterschiedlicher nicht sein, gleichwohl aber wurden die traumatischen Erlebnisse von 1915 auf rätselhafte Weise über Jahrzehnte und zwei Generationen hinweg bis in die Jetztzeit weitergereicht. Der inzwischen vierzigjährige Kaan trägt unermüdlich Indizien dafür zusammen, wobei die Handlung in weiten Sprüngen die Zeit vom Bosporus bis nach New York, vom Schwarzen Meer bis nach dem München der 1980er Jahre durcheilt. «Schreib endlich die Geschichte auf«, sagt der Großvater, «Schreibe, damit du sie vergessen kannst. Denn nur im Vergessen besteht die Chance zu überleben».

Es ist eine latent in Kaan schlummernde Aggressivität, die ihn letztendlich zum Schreiben veranlasst, außerdem seine ständige Selbstüberforderung als Musiker, aber auch eine geradezu toxische Liebesunfähigkeit. Der Leser wird Zeuge eines Schreibprozesses, bei dem der Autor mit der detektivischen Kleinarbeit seines Protagonisten wirkungsvoll einen Spannungsbogen aufbaut. Leider bleibt sein Held aber bis zum Schluss als Figur unsympathisch, die in vielen Zeit- und Orts-Sprüngen fraktionell erzählte Geschichte ist zudem schwer durchschaubar und wirft mancherlei Fragen auf, die sie nicht beantwortet. Wie andere, thematisch vergleichbare Romane (Alex Schulman – Verbrenn all meine Briefe) bleibt auch dieser hier die Antwort schuldig, wie sich ein kühn behauptetes, generationen-übergreifendes Weiterreichen von Schuld denn psychologisch erklären lasse, – Marc Sinans wortreiche Recherche bleibt jedenfalls ohne Ergebnis!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Verbrenn all meine Briefe

Roman im Roman

Der in Deutschland wenig bekannte Schriftsteller Alex Schulman hat mit seinem autobiografischen Roman «Verbrenn all meine Briefe» nur vordergründig einen Liebesroman geschrieben. Tatsächlich geht es in der spannenden Erzählung des Autors um ein lange zurückliegendes Drama, das seine Spuren über drei Generationen hinweg in seiner eigenen Familie hinterlassen habe. Der in Schweden sehr populäre Bestseller-Autor gilt als Spezialist für schwierige Familienverhältnisse, wie schon ein Blick auf die Titel seines Œuvres erahnen lässt. Im vorliegenden Roman nun geht es um eine mehr als fünfzig Jahre und über drei Generationen zurückliegende, geheime Liebe, die kaum erklärliche, stattdessen aber katastrophale Folgen in seiner Familie gezeitigt habe, von denen er sich selbst betroffen sehe.

Der Prolog zum Roman beginnt mit dem Satz: «Ich weiß nicht, wie oft ich das noch ertragen kann». Bei einer heftigen Auseinandersetzung mit seiner Frau hat der Ich-Erzähler Alex vor Zorn eine Pfanne samt Inhalt gegen die Küchenwand geworfen. Entsetzt sieht er die Angst in den Augen seiner Frau, und auch seine drei Kinder sind ziemlich verstört nach dem Vorfall. Er erkennt, dass er mit seiner inneren Wut ungewollt einen tiefen Graben zu seiner Frau aufreißt und beschließt, dagegen anzugehen, die Ursachen dafür zu ergründen. Ein typisches Beispiel für diese familiären Spannungen war unlängst die Einladung seines Onkels, Weihnachten bei ihnen zu verbringen. Wie oft bei solchen «friedliche Festen» kommt es dabei zu einer heftigen Auseinandersetzung mit den Verwandten. Wutentbrannt beschließen die Eltern, unter dem Motto «Nie wieder» mit den Kindern am nächsten Morgen ohne Abschied vorzeitig abzureisen.

Den Grund für dieses tief sitzende Unbehagen vermutet Alex in der Vergangenheit seiner Familie. Er beschließt, nach den Ursachen zu forschen und beginnt bei seinen Großeltern, die sich im Sommer 1932, also vor 68 Jahren, bei einem Aufenthalt in der Sigura Literatur-Stiftung anlässlich eines Symposiums kennen gelernt haben. Der erfolgreiche Schriftsteller Sven hat dort ein Stipendium erhalten und will die Zeit nutzen, im für diese Zwecke zur Verfügung gestellten Turmzimmer ein neues Buchprojekt in Ruhe zum Abschluss zu bringen. Seine 24jährige Frau Karin begeleitet ihn, sie ist als Tochter eines Nobelpreisträgers ebenfalls literaturaffin und nimmt an vielen Veranstaltungen teil. Ihr Ehemann Sven erweist sich bei den verschiedenen Diskussionen oft als unbeherrscht und streitlustig. Er vertritt diametral andere Meinungen als der junge Schriftsteller Olof, dessen anspruchvolle Romane wenig gelesen werden und der deshalb ständig in Geldnöten ist. Karin kommt am Rande mit Olof ins Gespräch, sie verlieben sich spontan und heftig ineinander, es kommt schließlich zum Ehebruch. Diese geheime Liebe droht ständig aufzufliegen, ein Skandal, bei dem nicht absehbar wäre, wie der jähzornige Sven reagieren würde. Und tatsächlich scheint Sven Verdacht zu schöpfen und wird immer unleidlicher, bis Karin ihm schließlich erklärt, dass sie sich von ihm trennen will. Bei einer Autofahrt mit ihr kommt es zu einem Unfall, bei dem er als Fahrer leicht verletzt wird, Karin aber erhebliche Brandwunden davonträgt. Letztendlich aber schafft sie es einfach nicht, sich von Sven zu trennen, – sie resigniert. «Verbrenn all meine Briefe», schreibt sie Olof zuletzt!

In einem spannenden Puzzle rekonstruiert der Autor aus Archiven, Rechenchen vor Ort und Gesprächen mit den Verwandten Stück für Stück die kurze, verhängnisvolle Liaison seiner Großmutter. Eine wichtige Quelle sind dabei die Briefe der beiden Liebenden, die Ich-Erzähler Alex schließlich in die Hände bekommt. Neben der mitreißend erzählten Liebesgeschichte mit ihren sympathischen Protagonisten ist es diese Detektivarbeit, die den Spannungsbogen bildet für den klug durchdachten Plot. Der stützt sich, wie der Autor selbst schreibt, auf einen «unzuverlässigen Erzähler», es sei nämlich ausgerechnet Olofs lebenslang geführtes Tagebuch, das den Roman bilde, den wir hier gerade in überarbeiteter Form gelesen hätten!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Stella

Gräuel im Kinderbuchstil

Mit seinem zweiten Roman «Stella» hat Takis Würger einen Aufschrei der Feuilletons herauf beschworen, die im Gegensatz zu den Online-Kommentaren der Leserschaft das Buch überwiegend als misslungen eingestuft haben. Mit dem von Juden als Schoa bezeichneten Holocaust hat der vor allem als Journalist bekannte Autor eine hoch sensible Thematik gewählt, die er in eine als Plot äußerst banale Liebesgeschichte integriert hat, was allgemein nur Kopfschütteln auslöste. Dabei greift diese authentische Geschichte auf die Realität zurück, die bereits als Sachbuch, als Dokumentar- und Spielfilm und sogar als Musical erschienen ist (man glaubt es kaum!)

Beginnend im Januar und endend im Dezember des Jahres 1942 wird darin erzählt, wie ein schüchterner junger Mann namens Friedrich, der aus einer reichen Schweizer Unternehmer-Familie stammt, nach Berlin kommt, um dort eine Kunstschule zu besuchen. Gleich bei seiner Anmeldung wird der Ich-Erzähler eingeladen, in den Saal zu gehen, dort beginne gerade eine Zeichenstunde für Aktmalerei. Auf einer Art Bühne liegt eine nackte junge Frau, die der naive Friedrich bezaubernd findet, er kann den Blick nicht von ihr lösen. Nach Ende der Session spricht sie ihn an, später nimmt sie ihn mit in einen geheimen Jazzclub, wo sie als Sängerin auftritt, die Beiden werden schnell ein Paar. Friedrich logiert in einem vornehmen Nobelhotel und verwöhnt die scheinbar aus einfacheren Verhältnissen kommende Kristin, seine finanziellen Mittel sind äußerst großzügig bemessen von seinem Vater. Über sie lernt Friedrich auch Tristan von Appen kennen, der ebenfalls auf großem Fuße lebt und sich mit Friedrich anfreundet. Man trifft sich immer wieder mal, auch Tristan ist ein Jazzfreund, und er hat gute Beziehungen in höhere Kreise, nimmt die beiden Verliebten zu Einladungen und Empfängen mit.

Friedrich fühlt sich in dieser Gesellschaft sehr wohl, auch wenn der Krieg unübersehbar näher rückt und das Leben der Bevölkerung immer mehr eingeschränkt wird. Das Geld von Friedrich und die Kontakte von Tristan helfen, all diese lästigen Beschränkungen zu umgehen. Als Kristin, die nie bei Friedrich übernachtet, eines Morgens verletzt an seine Zimmertür klopft, erklärt sie ihm: «Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt». Es stellt sich heraus, dass sie Jüdin ist, in Wahrheit Stella heißt und man sie unter Folter dazu gezwungen hat, mit der Gestapo zusammen zu arbeiten und geheime Verstecke von Juden zu finden. Und auch das Geheimnis von Tristan wird schließlich gelüftet, er ist Obersturmbannführer der SS. Der Roman endet im Dezember 1942, als der von Stella verlassene Friedrich Berlin resigniert in Richtung Schweiz verlässt.

Trotz einiger weniger, verhalten positiv ausgefallener Rezensionen brach in den Feuilletons ein Sturm der Entrüstung los. Die Kritik, der Roman sei «voller erzählerischer Klischees», ist dabei noch die mildeste, «Gräuel im Kinderbuchstil» wird da schon deutlicher. In der SZ konnte man sogar lesen: «Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen». Eindeutig aber ist dieser Roman unterhaltend, und durch die Einblendung von Gerichtsnotizen und diversen historischen Ereignissen dieses Jahres 1942, an dessen Ende sich mit Stalingrad auch eine entscheidende Veränderung des Kriegsgeschehens abzeichnete, ist das Buch durchaus auch bereichernd. Ein Teil des Frusts der Kritiker war sicherlich auch dadurch ausgelöst worden, dass der Roman vom Verlag als «literarisches Großereignis» angekündigt wurde. Nur was den Skandal betrifft, stimmt das vollinhaltlich, denn so was gibt es nicht alle Tage! Der Roman selbst jedoch leidet an seiner Ambivalenz, harmlose Liebesgeschichte und brutale Judenverfolgung sind nicht unter einen Hut zu bringen, das wird dem Leser nach der Lektüre klar, und das ist zweifellos auch moralisch bedenklich, gerade in einem deutschen Roman! Womit denn auch gleich die Frage aufgeworfen wird, wie konnte Stella hunderte von Juden in den sicheren Tod schicken? Zumindest eine Andeutung dazu hätte man erwartet, es ist ja nicht alles ein Märchen, was man da gelesen hat!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Erzählte Welt

Ohne Skandal geht es nicht

Mit seinem literatur-wissenschaftlichen Fachbuch «Erzählte Welt», dessen Untertitel «Eine Literatur-Geschichte der Gegenwart – 1989 bis heute» seinen Inhalt klar benennt, hat der an der Humboldt Uni in Berlin lehrende Steffen Martus ein wichtiges Werk zum Verständnis seiner Kunstgattung geliefert. Denn wie kein anderes spiegelt es die fundamentalen Umbrüche der Zeit in vielerlei Hinsicht, politisch, soziologisch, aber natürlich auch ästhetisch. Nach der politischen Wende waren ja insbesondere in den beiden deutschen Staaten plötzlich alte Gewissheiten obsolet geworden. Und mit der Digitalisierung änderten sich zunehmend nicht nur die altbewährten Vertriebswege, es änderte sich auch der Stellenwert von Büchern, speziell im Vergleich zu den im Internet konsumierbaren Möglichkeiten der Unterhaltung und Erbauung.

Vorweg bleibt festzustellen, dass dieses Buch kein Nachschlagewerk über Literatur ist, die Intention des Autors besteht vielmehr klar erkennbar darin, Literatur-Geschichte als gespiegelte Gesellschafts-Geschichte zu erzählen. Kein Wunder also, dass mit dem turbulenten politischen Geschehen nach 1989 in Deutschland – über mehr als dreißig Jahre hinweg also – auch die bis dato eher behäbig erscheinende deutsche Literatur kräftig aufgemischt wurde, alle der vielen sozialen Krisen haben in ihr sichtbare Spuren hinterlassen. Schaffen doch ihre kreativ gesehen gottgleichen Schöpfer in ihren Werken eine Welt im Kleinen, die immer auch auf die Realität zurückwirkt. Ganz deutlich war das an der Situation der DDR-Schriftsteller zu sehen, denen sich Steffen Martus gleich zu Beginn ausführlich widmet. Er nennt Christa Wolf als Beispiel dafür, wenn von ihr bei den die Wende auslösenden Demonstrationen am Berliner Alexanderplatz politische Orientierung  erwartet wurde. Die sie auch geliefert habe, die sich dann aber schnell als reine Utopie erwiesen hat. Der Sozialismus war wegen der Konsumgier der ostdeutschen Bevölkerung, wegen ihres übermächtigen, materiellen Nachholbedarfs aus der Politik wie auch aus der Literatur in kürzester Zeit verschwunden. Ihm wurde keine Träne nachgeweint, was sich erst in jüngster Zeit vereinzelt geändert hat, ohne dass aber bisher eine wirklich literarische Aufarbeitung stattgefunden hätte. Während des so genannten deutsch-deutschen Literaturstreits veränderte sich die Gesellschaft jedenfalls von Grund auf.

Die literatur-soziologische Perspektive von Steffen Martus, die immer eng an den behandelten Büchern bleibt, beschäftigt sich weniger mit den Aufregungen um die allseits bekannten «Großschriftsteller» wie Handke, Grass, Böll oder Botho Strauss. Er arbeitet vielmehr an vielen Beispielen speziell die Bedeutung der Entwicklungen im popkulturellen Bereich heraus und zeigt auf, wie Literatur marktkonform wird. Dabei interessiert er sich auch für den rasanten Aufstieg des neuen Marktsegments «New Adult». Ausgehend von einem New Yorker Verlag seit 2009 als spezielles Subgenre der Literatur forciert, wird damit eine neue, bisher nicht erreichte Zielgruppe zwischen den Lesern von Liebes- und denen von Jugendromanen angesprochen. Neben den explizit erotischen Themen darin sind im deutschen Sprachraum die fast ausschließlich englischen Titel dieser Romane typisch, ein Merkmal der mit Anglizismen am ehesten ansprechbaren Jugendlichen.

Anschaulich verfasst, ist dieses unterhaltsame Buch der Versuch, dem über den Tellerrand der konsumierten Lektüre hinaus interessierten Lesern tiefere Einblicke in eine der großen Kunstgattungen zu gewähren, ohne sie mit spezifischem Fachwissen zu überfordern. Sein Augenmerk liegt dabei auch auf der Rezeption von Literatur, den Wirkmechanismen im allfälligen Meinungsstreit unter denn Kritikern und Lesern sowie den literarischen Strömungen und Skandalen. Und prompt wurde dem Autor nun in einer Kolumne von Maxim Biller, dem Enfant terrible und Spitzenreiter peinlicher Selbstüberschätzung unter den deutschen Autoren, fälschlich unterstellt, bewusst jüdische Autoren ignoriert zu haben, – ganz ohne Skandal geht es wohl nicht in der Literatur, lernen wir daraus!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Sachbuch
Illustrated by Rowohlt

Gern gesehene Gäste

Keine «große» Literatur

Im umfangreichen Œuvre des Schriftstellers Thommie Bayer ist soeben mit «Gern gesehene Gäste» ein neuer Roman erschienenen, der in weiten Teilen einem Roadmovie gleicht und ganz unspektakulär einen Handwerker als Protagonisten aufweist. Allerdings, und das deutet auf autobiografische Bezüge hin, sind mit dem Ehepaar Eric und Keira die wichtigsten Figuren beide Schriftsteller. Außerdem spielt Musik eine gewisse Rolle, was nicht verwundert, ist der Autor doch vor seiner Hinwendung zur Schriftstellerei auch als Musiker aktiv gewesen, und als künstlerisches Multitalent war er sogar auch als Maler tätig.

Matteo ist ein introvertierter Sonderling, der schon in der Schule als Außenseiter galt. Alle Versuche seiner Mutter, einer selbständigen Buchhändlerin, ihn zu Freundschaften mit den Schulkameraden zu animieren, indem sie bei seinen Geburtstagen alle Mitschüler eingeladen hat, sind jedoch gescheitert, er ist und bleibt ein Einzelgänger. Sein Alleinsein kompensiert er schon sehr früh mit Büchern, und er hilft seiner Mutter auch im Buchladen, so gut er kann. Nach seiner Lehre als Zimmermann folgt er der uralten Tradition und geht auf die Walz, die ihn durch ganz Deutschland und umliegende Länder führt. Erst nach der vorgeschriebenen Mindestzeit von fünf Jahren und einem Tag kehrt er erstmals in die Heimat und zu seiner Mutter zurück. Fortan arbeitet mit einem alten Freund zusammen, der sich auf Renovierungs-Arbeiten spezialisiert hat. Dabei lernt er die beiden Schriftsteller kennen, die ein ziemlich herunter gekommenes Bauernhaus als Refugium gekauft haben, um sich endgültig dorthin zurück zu ziehen. Schnell entsteht eine enge Freundschaft zu dem charismatischen Ehepaar. Er ist intellektuell ziemlich auf Augenhöhe mit ihnen, sie schätzen ihn als idealen Gesprächspartner, obwohl sie altersmäßig die Eltern des inzwischen Dreißigjährigen sein könnten. Besonders mit der attraktiven Keira fühlt er sich seelenverwandt.

Als Eric, der von den Beiden der erfolgreichere Schriftsteller ist und oft auf Lesereisen gehen muss, ihm das Angebot macht, ihn als sein Chauffeur zu begleiten, da er selbst keinen Führerschein hat, willig er freudig ein. Es entsteht dadurch ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Lange Strecken der Geschichte füllen die sich meist ähnlichen Erlebnisse und Begegnungen auf diesen oft wochenlangen Autoreisen, die teils in Büchereien, teils in eigens angemieteten Versammlungs-Räumen stattfinden und immer ein großes Publikum anlocken. Das zu 90 Prozent übrigens aus Frauen besteht, die den charismatischen Eric anhimmeln. Hier plaudert Thommie Bayer genüsslich aus dem Nähkästchen und enthüllt so manches Interna der Literatur-Branche. Dabei stellt sich dann aber leider schon bald Langeweile ein beim Lesen, weil sich das ständig gleiche Prozedere derartiger Veranstaltungen und die sich ebenso ähnelnden Begebenheit auf den Autoreisen und in den Hotels ständig wiederholen. Die Zigarette nach der Lesung, der letzte Drink abends an der Hotelbar, die Raststätten an der Autobahn, der schnelle Imbiss unterwegs.

Fast unmerklich beginnt der Autor einen Spannungsbogen aufzubauen, als Matteo entdeckt, dass sich hinter Erics Erfolgen scheinbar ein Geheimnis verbirgt. Immer wenn seine Bücher überschwänglich gelobt werden, setzt er eine undurchdringliche Miene auf, so als ginge ihn das alles nichts an. Der Leser wird also zu Spekulationen angeregt, weil Eric einen unerklärlichen Abstand zu seinen Büchern erkennen lässt. Wobei sich das nahe Liegende natürlich als falsch erweist. Denn der Autor baut mehrere Varianten ein, um die Vermutungen des Lesers zu konterkarieren, und wartet dann mit einem umso mehr überraschenden Finale auf. Damit werden die legitimen Erwartungen der Leserschaft nach Unterhaltung voll erfüllt, wird mit Walz und Lesereise sogar durchaus Bereicherndes erzählt, das Ganze bewegt sich aber immer hart am Rande der Trivialität. Es fehlt insbesondere an psychologischer Tiefe bei den Figuren, mit denen man sich emotional nicht verbunden fühlt. Keine «große» Literatur also!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München