Schnall dich an, es geht los

Blühende Landschaften?

Der zweite Roman von Domenico Müllensiefen mit dem Titel «Schnall dich an, es geht los» nimmt sich als Coming-of-Age-Geschichte den Verwerfungen in der ehemaligen DDR nach der Wende an. Der heute in Leipzig wohnende Autor ist auf einem Bauernhof in der Altmark aufgewachsen, er vermisst in der lauten, nervigen Großstadt die einstige Ruhe. In zwei parallelen Erzählebenen beschreibt er hier den Werdegang eines jungen Mannes, die erste von 1993 bis 2003 reichend, die zweite vom Jahre 2023 berichted. Der Protagonist und Ich-Erzähler, der als «Drehspießverkäufer» am Bahnhof arbeitet – nicht als Dönerverkäufer, darauf legt Marcel wert – ist in den Verhältnissen seiner Heimat gefangen und träumt von einem anderen Leben. Einst galt der Bahnhof als erste Station auf dem Weg nach Amerika, nun soll die einst wichtige Zugverbindung, die so genannte Ferkeltaxe, in Kürze völlig eingestellt werden, was den latenten Niedergang natürlich nur noch weiter beschleunigen wird.

Marcel gehört also zu jener Mehrheit von Verlierern, die nach vierzig Jahren Sozialismus und Unfreiheit den gesellschaftlichen Transfer hin zu ungewohntem Kapitalismus und demokratischer Freiheit tragen muss. Er ist keiner von den wenigen Profiteuren, er lebt vielmehr in einfachsten Verhältnissen im Prekariat, wird schlecht bezahlt, muss sich vom Chef rumschubsen lassen und hat so gut wie keine realistischen Zukunfts-Aussichten. Seine Zukunft existiert nur in seinen Träumen von einem Platz an der Sonne, denn dort, wo er wohnt und arbeitet, passiert ja nichts mehr, nichts Erfreuliches jedenfalls. Als typisches Mitglied der ersten Generation, die nach der Wende im nun wieder vereinigten Deutschland aufwuchs, klagt er resigniert an: «Wir waren die erste Generation, über die es nichts mehr zu berichten gab und für die sich niemand interessierte». Zu den augenfälligen Veränderungen gehört, dass seine Mitschüler sich auf dem Schulhof nun nach und nach in Naziklamotten präsentieren, – nur um aufzufallen? Die aktuellen Wahlergebnisse sprechen dagegen! Aber weder die Schule noch die Eltern interessieren sich wirklich dafür oder greifen ein, obwohl sie es ja eigentlich besser wissen müssten.

Zu den Kumpels von Marcel gehört vor allem Pascal, der alles andere ist als ein Vorbild, er säuft sich nur arbeitslos durchs Leben. Marcels einziger Lichtblick – und heimlicher Schwarm – ist Steffi, die Tochter seiner äußerst unbeliebten Klassenlehrerin, die in seine Klasse geht und ihn stets aus Neue mit ihrem Lächeln verzaubert. Am Tag vor der Abschlussprüfung ist sie, die Musterschülerin mit nur Einsern im Zeugnis, plötzlich spurlos verschwunden. Alle sind entsetzt – und Marcel seines ewigen Traumes beraubt. Eine weitere Zäsur in Marcels Leben ist der Tod von Vanessa, seiner Schwester. Aus einer Werkstatt, in der er gerade erst seine Lehre als Automechaniker begonnen hatte, hat er ein getuntes Auto «entliehen» und sie damit fahren lassen. In offensichtlich selbstmörderischer Absicht ist sie damit dann in hohem Tempo frontal gegen eine Mauer gefahren. Auch Marcels Vater ist vor langem spurlos verschwunden und hat die Familie allein gelassen. Die damaligen Väter haben fast alle versagt und damit das Leben ihrer Kinder ziemlich negativ beeinflusst. Auch wenn sie teilweise in dem zwanzig Jahre späteren Erzählstrang plötzlich wieder zurück sind wie Marcels Vater, können sie alle nicht begreifen, was sie ihren Familien in Wirklichkeit angetan haben damals. Auch als Steffi nach zwanzig Jahren mit ihrem Sohn als Fußballstar überraschend wieder auftaucht, bleiben nur Fragen offen.

Mit erkennbarer Lust am Erzählen schildert der Autor aus einer sehr persönlichen Sicht die mit der «Wende» einhergehenden, sozialen Verwerfungen im Osten Deutschlands, in dem von den prognostizierten «blühenden Landschaften« so gar nichts zu erkennen ist. Auch er aber kann die vielen Fragen, warum es kam wie es gekommen ist, nur stellen, nicht beantworten. Voller Klischees und mit einem kitschigen Ende reiht sich dieser Roman ein in die allseits bekannten Ossi-Romane, einem Genre, dem er leider keine neuen Facetten abgewinnen kann.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kanon Verlag Berlin

Toxibaby

Klug und bitterböse

Der dritte Roman «Toxibaby» der Schriftstellerin Dana von Suffrin sei «Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann», heißt es hinten auf dem Buchcover. Es handelt sich nämlich um eine destruktive Liebesgeschichte, was der Buchtitel ja schon andeutet, die in der Gegenwart angesiedelt ist und mit all den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten der Millennials verwoben. Kennzeichnend für den Stil, in dem die Autorin erzählt, ist eine ungehemmte Zuspitzung zwischen politischen Vorurteilen und desaströsen sozialen Bindungen, die hier in satirischer Schärfe erfolgt. Gleichwohl wird aber auch eine anrührende Liaison geschildert, die trotz allem Streit immer wieder auch mal sanfte, zärtliche Momente aufweist.

Ich-Erzählerin des Romans ist Herzchen Goldberg, eine erfolgreiche junge Schriftstellerin (sic!), die an einem neuen Roman schreibt und sich dabei schwer tut. Ihre euphorisch begonnene Beziehung mit dem vierzigjährigen Toxi, den sie, der titelgebende Kosename sagt es bereits, nur Toxibaby nennt, wird schon bald von einem ständigen Auf und Ab zwischen Liebe und Streit geprägt. Er ist politisch ein strammer Marxist, trinkt, nimmt häufig Drogen, lebt in prekären Verhältnissen oft ohne Job und ist ständig in Geldnöten. Sie verdient sehr gut, hat für ihren geplanten Roman sogar schon 160.000 Euro Vorschuss bekommen und übernimmt quasi alle Kosten, auch die für seine überteuerten Klamotten, die er sich selbst ja gar nicht leisten könnte. Beide sind Intellektuelle, die in Hingabe und Abhängigkeit eng miteinander verbunden sind, die aber auch ständig aneinander geraten und in endlosen Disputen die Klinge kreuzen.  Wobei er meist die Oberhand behält auch mit den absurdesten Thesen. Ihre Repliken beginnen dann oft mit «Aber Toxi», – oder sie gibt klein bei, um der Harmonie willen. Obwohl er bald nach Beginn ihrer Liaison zu ihr gezogen war, erweist sich die Zweisamkeit als brüchig, denn sie trennen sich immer wieder, mal nur für kurze Zeit, zuweilen aber auch monatelang. Herzchen benutzt diese Auszeiten als Zeitmarken, sie berichtet zum Beispiel, wie es ihr «nach der zwölften Trennung» ergangen sei. Meist kommt Toxi von allein zurück, aber wenn er gar zu lange wegbleibt, sucht Herzchen ihn reumütig wieder auf, ihr Gang nach Canossa sozusagen.

«Beide sind nicht geneigt, an ihren Problemen zu arbeiten», hat die Autorin dazu erklärt. Es ist die beklemmende Geschichte zweier Großstadt-Neurotiker, die Dana von Suffrin hier in einem amüsanten Stil – wohl ganz bewusst auch voller gängiger Klischees – erkennbar lustvoll erzählt. Mit Protagonisten, die intelligent sind, konsumorientiert und markenhörig, wie am Beispiel von Toxi deutlich wird, für dessen übersteigertes Stilbewusstsein das Beste gerade gut genug ist. Und er macht schlichtweg einfach die Gesellschaft für alle seine Probleme verantwortlich. «Wir sind die schwierigsten Leute überhaupt, es ist kein Wunder, dass es uns so schwer fällt» sagt Herzchen an einer Stelle selbstkritisch. Toxi selbst bleibt in seinem Wesen eine unerklärliche Figur, was ihn auf bestimmte Weise sogar attraktiv macht, – auch als Macho, der er ist. Herzchen hingegen durchläuft im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung zwischen Weltschmerz und ihrem Wunsch nach Romantik, zwischen Verzweiflung und Zuversicht, die für sie ganz persönlich die Entwicklung zu einer problemloseren Normalität andeutet.

Das Thema Jüdischsein in Deutschland, das in Dana von Suffrins Romanen bisher im Fokus stand, ist hier nur vage als Nebenstrang in die Erzählung eingeflochten. Zum eigentlichen Thema ihres Romans hat sie im Interview erklärt: «Die Generation vor uns sind Babyboomer, in den Wohlstands-Jahrzehnten nach dem Krieg aufgewachsen, mit großer materieller Sicherheit, mit ganz klaren Werten, mit einem klaren Arbeitsethos”, und dann hinzugefügt: «Das sind alles Sicherheiten, die bei uns verschwunden sind». Ihre vom Zeitgeist geprägte Liebesgeschichte erzählt davon in langen, klug konstruierten Sätzen voller verblüffender Dialoge zwischen den Protagonisten. Trotz lästiger Längen ist Toxibaby mit seiner satirisch deutlich übertriebenen Erzählweise amüsant zu lesen, klug und bitterböse gleichermaßen, – eine vor allem aber nachdenklich machende Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Herz in der Faust

Menschenverachtung versus Menschlichkeit

Der neue Roman «Herz in der Faust» des französischen Schriftstellers Sorj Chalandon ist in seinem Heimatland schnell zum Bestseller avanciert, es ist sein bis dato zehnter Roman. Auch als Journalist erfolgreich tätig, ist er zuletzt vor allem als Redakteur der Zeitung «Le Canard enchaîné», der bedeutendsten satirischen Wochenzeitung in Frankreich, bekannt geworden. Mit authentischem Hintergrund erzählt er hier die Geschichte eines Jungen, der als 13Jähriger in eine so genannte «Korrektionsanstalt» kommt, wo die jugendlichen Insassen derart brutal behandelt werden, dass ihre Wut darüber in pure Gewalt mündet. «Unsere Wut war überbordend, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kalkül», heißt es im Roman. Wie schon der Buchtitel es ausdrückt, wurde ihr menschliches Herz nicht nur symbolisch durch die kämpferische Faust ersetzt.

Der von seinen Eltern verstoßene Jules war zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde, eher Mitläufer als Täter, in das blasphemisch frech als «Korrektionsanstalt» bezeichnete Straflager für Jugendliche auf der Zitadelle der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer eingewiesen. Als Ich-Erzähler berichtet Jules, der von allen nur «Kröte» genannt wird, von der brutalen Gewalt, die dort allgegenwärtig ist. Sie wird von heimtückischen Aufsehern und Kapos ausgeübt, die sadistisch die jugendlichen Insassen misshandeln und oft völlig grundlos sogar krankenhausreif schlagen, ohne deshalb je zu Rechenschaft gezogen zu werden. Auch die dort tätige und mit all den mutwillig zugefügten Verletzungen der Jungens voll beschäftigte Krankenschwester Sophie kann an diesen vom Direktor der Anstalt ausdrücklich gutgeheißenen Strafmaßnahmen nichts ändern, – und der Anstaltsarzt drückt beide Augen zu. Die Kinder und Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten und werden gegen Entgelt sogar extern, zum Beispiel bei Erntearbeiten, eingesetzt. Alle Ausbruchsversuche sind bisher gescheitert, die Mauern sind hoch, und wer sie dennoch überwindet, der scheitert spätestens am Atlantik, denn die Insel zu verlassen ist völlig unmöglich. Gleichwohl, die verzweifelten jungen Inhaftierten versuchen es immer wieder!

So auch im August 1934, als nach einer Meuterei 56 Jugendlichen eine Massenflucht gelingt, unter ihnen auch der inzwischen zwanzigjährige Jules. An der Jagd auf die Häftlinge beteiligen sich auch viele Bewohner der Insel, immerhin ist ein Kopfgeld von zwanzig Franc auf sie ausgesetzt. Nach und nach werden alle gefasst, nur Jules nicht. Er kann sich schwimmend mit letzter Kraft auf ein ankerndes Fischerboot retten, wird dort aber frühmorgens von dessen Kapitän aufgestöbert, der zum Fang auslaufen will. Nach kurzem Kampf überwältigt der überraschte Käpt’n den Ausreißer, bietet ihm aber auch an, als Decksjunge mit zum Sardinenfang hinauszufahren. Den später eintreffenden vier Crewmitgliedern erklärt er, Jules wäre sein Neffe, der für den erkrankten Decksjungen einspringe. Diese nicht ganz ungefährliche Fluchthilfe des Käpt’n hat Jules dem Umstand zu verdanken, dass der Sardinen-Fischer zutiefst verärgert ist über die politischen Zustände im Lande. Er nimmt Jules auch mit nach Hause, wo der davon überrascht wird, dass Sophie, die Krankenschwester aus der Anstalt, die Frau des Käpt’n ist. Das Paar will dem jungen Mann eine Lebens-Perspektive geben, sie nehmen ihn auf wie Ersatzeltern und bringen ihn in einem nicht benutzten Zimmer ihres Hauses unter, das einst das Kinderzimmer ihres mit fünf Jahren verstorbenen Sohnes war.

Der nüchtern und sachlich ohne jedes Pathos, aber stets wütend und anklagend erzählte Roman bleibt mit seiner turbulenten Fluchtgeschichte bis zum Ende spannend, ab dem Ausbruch insbesondere natürlich durch die latent lauernde Gefahr einer Enttarnung des Protagonisten. Im Original trägt dieser Roman den Titel «L´Enragé«, was «Der Wütende» bedeutet und darauf hindeutet, das Jules wirklich nicht nur Opfer ist. Den auf Böses gefassten Leser erwartet eine hoch emotionale Lektüre, die um das Gegensatzpaar Menschenverachtung und Menschlichkeit kreist und im Epilog mit einem durchaus passenden Paukenschlag überraschend stimmig endet!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Der Absturz

Psychologische Nabelschau

Auch der neueste Roman «Der Absturz» des französischen Schriftstellers Eddy Bellegueule, der schon als Kind wegen seiner Homophobie häufig diskriminiert wurde und deshalb unter  dem Namen Édouard Louis schreibt, beschäftigte sich wieder mit emotionalen Verwerfungen innerhalb seiner in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Nach einem Band über seinen Vater und zwei weiteren über die Mutter wendet er sich nun auch noch seinem älteren Bruder zu. Wegen dieser speziellen Thematik und seiner rigiden Gesellschaftskritik gilt der Autor in den Feuilletons als einer der frühen und prägenden Schriftsteller politisierter, autofiktionaler Herkunfts-Erzählungen. Allerdings hat er erklärt, nie wieder über seine Familie schreiben zu wollen, «Der Absturz» wäre nun der Abschluss seiner literarischen Bearbeitung dieser Thematik.

«Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit, noch Verzweiflung, noch Erleichterung, noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkauf im Supermarkt erzählt». Mit dem verbalen Paukenschlag dieser beiden Sätze beginnt die beklemmende Geschichte einer posthumen Auseinandersetzung mit dem verstorbenen, 38 Jahre alten Halbbruder, den der Ich-Erzähler seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Er war drogensüchtig und ein schwerer Alkoholiker, nach einem Herzstillstand wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Völlig ungerührt fährt Édouard zu ihrer gemeinsamen Mutter, die mit ihm und seiner Schwester über die zu entscheidenden und zu erledigenden bürokratischen Schritte nach einem Todesfall beraten will. Es entbrennt schon bald eine heftige Diskussion, weil die Schwester ganz bestimmte Vorstellungen hat, wo er beerdigt werden soll und welche Feierlichkeiten angemessen wären. Als es dann um die Bezahlung der anfallenden Kosten geht, zu denen die in prekären Verhältnissen lebende Mutter rein gar nichts beitragen kann und die Schwester ebenso, kommt es zum Streit. Denn Édouard ist absolut nicht bereit, dafür zu bezahlen, die Kosten für die gesetzlich vorgeschriebene Beerdigung müsse der Staat tragen. Über den toten Bruder selbst aber verlieren sie alle in diesem Gespräch kein einziges Wort!

Nach und nach erzählt der Autor in Rückblenden, wie der zehn Jahre ältere Bruder schon als Kind auf die schiefe Bahn gelangt ist. Er hat die Schule geschwänzt und später die Ausbildung, wurde gewalttätig und kriminell und blieb immer öfter von zu Hause weg. Erst nur mal eine Nacht, dann mehr, und schließlich kam er irgendwann gar nicht mehr nach Hause. Édouard hingegen konnte den prekären Verhältnissen der Familie und der latenten Gewalt seines Vaters entkommen, ging aufs Gymnasium und hat dann in Paris studiert. Jetzt versucht er im Nachhinein, in Gesprächen mit der Familie und den ehemaligen Freundinnen seines Bruders zu verstehen, wie es überhaupt zu dessen tragischem Absturz kommen konnte.

In diesem zwischen Realität und Fiktion angesiedelten Roman geht es dem Autor um Wahrhaftigkeit. «Wenn ich schreibe, will ich so wahr wie möglich über die Welt schreiben. Ich habe immer den Eindruck, dass die Wirklichkeit selten vorkommt», hat er im Interview erklärt. Herausgekommen ist dabei eine psychologisch breit angelegte, analytische Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familiengeschichte, die gleichzeitig auch eine soziologische Anklageschrift ist, was die Probleme in Familien generell betrifft. Die eigene im Buch lässt er übrigens über seine permanente Nabelschau protestieren, – immerhin so etwas wie Selbstkritik! Die psychologisch bedeutsamste Frage aber, warum es denn so weit kommen musste mit dem ältesten Bruder, und warum ausgerechnet er auf die lieblose Erziehung derart heftig reagiert hat, die bleibt letztendlich leider offen. Allzu vieles wird hier nur vage angedeutet. Stilistisch, dem Thema entsprechend, kühl und emotionslos erzählt, ist dieser von herben Enttäuschungen und vielen Demütigungen erzählende Roman jedenfalls weder eine erfreuliche Lektüre noch eine kontemplativ bereichernde!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Nostromo

Der Mann für die Drecksarbeit

Der politische Roman «Ostromo» des in der heutigen Ukraine geborenen Schriftstellers Józef Teodor Konrad Korzeniowski gehört zu seinen drei wichtigsten Werken. In der Fachwelt zählt der unter dem Namen Joseph Conrad in englischer Sprache publizierende Autor zu den wichtigsten Schriftstellern des 19ten Jahrhunderts. Auch dieser komplexe Roman ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen auf Reisen in ferne Länder während der zu Ende gehenden Kolonialzeit, wobei ihm allerdings auch häufig Rassismus vorgeworfen wurde. Der Buchtitel leitet sich mutmaßlich ab von «nostro uomo», was als Verballhornung des Italienischen «Unser Mann» bedeutet, also ein für die Mächtigen nützlicher und verlässlicher Helfer, der für sie die Drecksarbeit macht. Wie der Autor in seinem Nachwort erklärt, wurde er für den Roman Nostromo durch eine wahre Geschichte inspiriert, bei der ein beherzter Mann während revolutionärer Wirren bei der Schiffsentladung einen ganzen Leichter voll Silber gestohlen hat – und nie erwischt wurde!

Schauplatz der Handlung ist die fiktive südamerikanische Provinz Costaguana, die zerrissen ist von ständigen politischen Umstürzen. In dieser nicht zu regierenden Bananen-Republik kämpfen verschiedene Cliquen der Reichen um die Macht, unterstützt zum Teil vom Ausland her, insbesondere von den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Italien. Es herrscht ein rigides System von Unterdrückung in einer Vier-Klassen-Gesellschaft, wo die jeweils niedere Klasse gnadenlos ausbeutet wird. So verlangt denn auch die Provinz Sulaco für eine nahe am Meer gelegene Silbermine weiterhin ein einst vereinbartes jährliches Nutzungsentgelt, obwohl sie inzwischen längst eingestürzt und aufgegeben ist. Als der hilflose Eigentümer Gould vor lauter Gram stirbt, nimmt sich sein Sohn, der in England Bergbau studiert hat, beherzt der Sache an. Er findet einen potenten Investor, mit dessen Hilfe der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Nach der für Joseph Conrad typischen Erkenntnis, dass die Gier nach Macht und Geld die Kraft hat, alles zu zerstören, muss allerdings auch diese Geschichte letztendlich scheitern.

Zentrale Figur in diesem ausufernden Epos ist der titelgebende Nostromo, als Exil-Italiener und ehemaliger Seemann ein Mann aus dem Volke, der in Sulaco gestrandet war. Er wurde als Adoptivsohn von einer Familie aufgenommen und arbeitet nun als Vorarbeiter der Schauerleute am Hafen, man nennt ihn dort ehrfurchtsvoll «Capataz de Cargadores». Als furchtloser Gewaltmensch wird er von allen geachtet, er ist ein Mann des Volkes, der Autor bezeichnet ihn sogar ausdrücklich als «Mann von Charakter». Gleichzeitig aber wird dieser gefürchtete Tatmensch von den jeweils Herrschenden als Mann für die Drecksarbeit instrumentalisiert. Sein Chef ist Kapitän Mitchell, der die örtliche Niederlassung einer englischen Schifffahrts-Gesellschaft leitet, die auch den Hafen von Sulaco betreibt. Für seinen Chef ist er «einer jener unbezahlbaren Untergebenen, die zu besitzen ein begründeter Anlass zur Prahlerei ist», – er leiht ihn sogar gern mal an Verbündete aus, für die er dann tätig werden muss. Ein nützlicher Idiot mithin, denn er steht in diesem korrupten politischen System immer auf verlorenem Posten, ohne es zu erkennen.

Stilistisch lebt diese komplexe Geschichte von ihrer alles beherrschenden Bildkraft, der Plot ist da fast schon Nebensache. Der Autor hat sich dazu auch ausdrücklich bekannt, seine Aufgabe sähe er darin, den Leser «sehen» zu lassen, hat er erklärt. Kein Wunder also, dass dieser cineastisch angelegte Roman als Melange aus einer Tragödie mit einem Abenteuerroman sowie gesellschafts-kritischen Elementen auch erfolgreich verfilmt wurde. Raffiniert aufgebaut und wortgewaltig geschrieben ist dieses Buch, das 1904 bei seinem ersten Erscheinen ein Misserfolg war, ein wahrer Genuss für den sprachlich orientierten Leser, an dem übrigens auch die neue Übersetzung ihren nicht zu unterschätzenden Anteil hat.. Eine weitere Stärke dieses zeitlosen Klassikers ist seine psychologisch tiefgründige Figuren-Zeichnung. Angesichts der schieren Textmasse erwartet geduldige Leser immerhin eine wahrhaft zeitlose Lektüre!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Manesse Verlag München

Ist es Liebe

Vom Zufall der Geburt

Der zweite Roman der Schriftstellerin und Schauspielerin Valery Tscheplanova weist mit seinem fragenden Titel deutlich auf seine Thematik hin, dem in der Belletristik scheinbar unerschöpflichen Genre der Liebe. Aber welche Facetten kann die in Russland geborene und seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland lebende Autorin denn diesem ewigen Thema noch abgewinnen? Im Interview hat sie zu ihrem neuen Roman erklärt: «Ich wollte beschreiben, was für Gepäck Menschen in die Liebe mitbringen». Gemeint hat sie jene Altlasten, die ja in der Regel spätestens nach drei Monaten Liebestaumel erkennbar würden. «Dieses Mitgebrachte wollte ich porträtieren und sagen: Das ist erstmal kein Hindernis». Stimmt das, fragt man sich!

Anne hat ein Studium als Schauspielerin absolviert und sich am Deutschen Theater in Berlin beworben. Sie liebt ihre Freiheit über alles, was dazu geführt hat, dass sie auch in ihren Beziehungen zu Männern immer ungebunden geblieben ist. Ihrem letzten Lover, als Informatiker ein Nerd durch und durch, hat sie gerade den Laufpass gegeben. Als sie bei einer Fahrt mit der U-Bahn auf einen bunt gekleideten Farbigen aufmerksam wird, der in seiner selbstbewussten Präsenz alle Blicke auf sich zieht, setzt sie sich in seine Nähe. Dann steigt ein Typ mit einer Gitarre zu und beginnt zu spielen, Anne lauscht ihm fasziniert und wirft fünfzig Cent in den herum gereichten Pappbecher. Nachdem sie ausgestiegen ist, ruft ihr jemand nach: «Excuse me, Miss». Der Farbige erklärt ihr auf Englisch, dass ihm gefallen habe, wie sie gerade eben der Musik zugehört hat. Sie kommen ins Gespräch, beim Trennen schreibt er eine Nummer auf seine Hand, sie soll sie fotografieren, wenn sie möchte. Natürlich ruft sie Richard dann auch an, und sie werden sehr schnell ein Paar. Er arbeitet in einer Bäckerei und verwöhnt sie gleich beim ersten Treff mit leckeren Backwaren, sie ziehen dann auch schon bald zusammen. Als Anne bald darauf schwanger wird, entschließt sie sich erst in der Abtreibungs-Klinik, unmittelbar vor dem Eingriff, dass sie das Kind doch lieber austragen will, – Karriere hin oder her!

In Rückblenden wird erzählt, wie Anne als Teenager unter massiven Essstörungen gelitten hat. Zuerst an Bulimie, bei der sie bis auf die Knochen abgemagert ist, dann aber auch an unstillbarer Fresssucht, die sie immer fetter werden lies und immer unattraktiver. Richard erzählt ihr nur sehr ungern aus seinem Leben. Erst nach und nach kann sie ihm entlocken, dass er aus einem riesigen Slumviertel in Nairobi stammt und unter desaströsen familiären Verhältnissen groß geworden ist. Durch einen glücklichen Zufall gelangte er in die italienische Botschaft, wo man ihm bei der illegalen Einreise nach Deutschland geholfen habe. Er lebte nur mit Duldungsstatus in Berlin und rechnete jederzeit mit seiner Abschiebung, ein Trauma, unter dem er sehr gelitten hat, – das nun aber durch seine Vaterschaft beseitigt ist. Mit der Geburt des Kindes ändert sich auch fast alles für Anne, sie allein ist es, die nun das Geld verdient. Richard tut so gut wie nichts mehr, kauft sich teure Klamotten und ist oft tagelang weg, er feiert in Nachtclubs ab und betrügt Anne nach Strich und Faden. Auslöser für seine Hemmungslosigkeit ist seine traumatische Jugend, die er nun geradezu zwanghaft zu kompensieren sucht. Es ist sein «Päckchen», das er als Altlast mit in die Beziehung gebracht hat, was Anne, zum Schrecken aller, letztendlich akzeptiert.

Durchaus bereichernd sind die Passagen des Romans, wo vom Theater erzählt wird, vor allem als Anne die Hauptrolle in «Alice im Wunderland» spielt. Was da aber zum eigentlichen Thema erzählt wird, das hat psychologisch leider wenig Tiefgang. Die beiden Protagonisten bleiben nämlich im Verhältnis zueinander in ihrem schwierigen Alltag stecken, daran ändert auch das Kind nichts. «Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren» redet Annes Schwester ihr ins Gewissen. «Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus». Von wegen «erstmal kein Hindernis», wie die Autorin erklärt hat, eine Katharsis fehlt nämlich in ihrem überkonstruierten Roman vom Zufall der Geburt!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die letzte Patientin

Psychologischer Doppelroman

Mit ihrem aktuellen Roman «Die letzte Patientin» hat Ulrike Edschmid ein Werk vorgelegt, das im Umfeld der 68er-Bewegung angesiedelt ist. Es handelt von zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht seien können, und beide Figuren durchleben eine ganz unterschiedliche, komplizierte psychologischen Phase ihres Lebens. Es sind zwei Geschichten, die da erzählt werden, zunächst die einer erlebnishungrigen, unkonventionellen jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität, die erst nach jahrelangen abenteuerlichen Reisen als Psychotherapeutin sesshaft wird und sich dann gesellschaftlich integriert. Erzählt wird diegetisch von einer nicht in das Geschehen einbezogenen Ich-Erzählerin. Deren spätere Freundin, eben jene namenlose Indentitäts-Sucherin, war 1973 in ihre Frankfurter WG  eingezogen und hat nach ihren wilden Jahren dann spät noch Psychologie studiert. Deren Briefe und Notizen sind es denn auch, nach denen hier posthum erzählt wird. Ab der Mitte des  Romans trifft sie auf eine junge Patientin, die sehr lange sprachlos bleibt und nur «N» genannt wird, «N wie Niemand».

Der autobiografisch inspirierte Roman beginnt mit einer Taxifahrt in Barcelona, wo die im Endstadium krebskranke, dann etwa sechzigjährige Psychotherapeutin in Begleitung ihrer ehemaligen Patientin ins Krankenhaus fährt, aus dem sie nicht mehr zurückkommen wird. In vielen kurzen Rückblenden wird anschließend der Weg jener Sinnsucherin nachgezeichnet, die sich gleich nach dem Studium in einen spanischen Anarchisten verliebt, von dem sie nur den Tarnnamen kennt, von dem sie sich aber schnell wieder trennt. Sie versackt in ihrer zwanzigjährigen, odysseeartigen Tour durch Südamerika, die sie u. a. nach Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Bolivien und Argentinien führt und in die Betten sehr vieler, unterschiedlichster Männer, wird als Anhalterin auch zweimal vergewaltigt. «Wärme sei das Einzige, was sie von einem Mann wolle«, kann man da lesen. «Jedes Verlassen aber liefere sie aus an das Nichts. Und jedes Mal gehe eine Heimat verloren, die sie nie hatte. Sie zwinge sich, dieses Nichts auszuhalten, es genau zu betrachten, damit es seinen Schrecken verliere. Aber es verliere seinen Schrecken nicht. Es bleibe eine graue, kriechende Einsamkeit, kalt wie die Stube, in der ihr Kinderbett stand, sauber, ordentlich und leer». Alle ihre Beziehungen scheitern, aber das Alleinsein ist auch keine Option für die entwurzelte Frau.

Schließlich studiert sie auch noch Psychologie, eröffnet eine Praxis und erkrankt später an Brustkrebs, was sie als Zeichen deutet. Dann trifft sie auf «N», eine sechzehnjährige, drogenabhängige Patientin, die jahrelang sprachlos bleibt, zu der sie keinen Zugang findet, die aber ihrerseits unbedingt in therapeutischer Behandlung bei ihr bleiben will, so unsinnig das auch erscheint. Als Ausreißerin ähnlich wie ihre Therapeutin, war sie vor zwei Jahren aus ihrem Elternhaus in die Obhut des Sozialamts geflohen, vom Vater schwer traumatisiert und voller innerer Schreckensbildern, wie deren Leiterin erklärt habe. Diese kranke Innenwelt muss Außenstehenden jedenfalls unverständlich bleiben. Für die Therapie gilt es nun, heraus zu finden, durch welches äußere Ereignis dieses schreckliche Trauma bei «N» bewirkt worden sein könnte.

«Die meisten Menschen könnten Schicksalsschläge bewältigen oder verdrängen. Aber bei denen, die dazu nicht in der Lage sind, genüge irgendein Anlass, und ein Geschehnis aus der Vergangenheit breche mit aller Gewalt über sie herein». Ulrike Edschmid versucht in diesem Roman mit psychologischem Sachverstand möglichst präzise das Geheimnis des menschlichen Ichs zu erklären, auch wenn das laut Sigmund Freud von vornherein zum Scheitern verurteil ist. Der kurze Roman ist eine anregende Lektüre, die auf ein leider  etwas kitschiges Ende zuläuft, dabei zuweilen aber auch Zweifel aufwirft, was die Glaubwürdigkeit des Geschehens betrifft. Denn allein sechs Jahre wöchentliche Therapiesitzungen ohne ein Wort der Patientin «N» erscheint denn doch mehr als fragwürdig. Beides trübt das ansonsten positive, bereichernde Leseerlebnis.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Blautöne

Unisono praktiziertes Totschweigen

Der 2022 auf Deutsch erschienene Roman »Blautöne» der dänischen Schriftstellerin und Psychologin Anne Catherine Bomann beschäftigt sich mit dem Thema Trauer. Schon der Buchtitel weist versteckt darauf hin, denn der Blues gehört bekanntlich im Jazz zu den eher Traurigkeit ausdrückenden Varianten dieses musikalischen Genres. Im Buch nun geht es um die Frage, wie man medikamentös die Dauer verkürzen und die Intensität von Trauer verringern kann. Anders als bei ihrem erfolgreichen Debütroman «Agathe», der auch in den deutschen Medien durchaus positiv aufgenommen wurde, ist hier aber das beredte Desinteresse der Medien ziemlich rätselhaft. Das gab es hier nämlich noch nie in zwölf Jahren mit über tausend rezensierten Büchern, ist dieser Roman denn wirklich so schlecht, dass man ihn totschweigt?

Mitnichten, das wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Die psychologische Frage nach unserem seelischen Schmerz wird von Anfang an in einem klug konstruierten Plot auf zwei verschiedenen, aufeinander zulaufenden Zeitebenen aus der Perspektive verschiedener Protagonisten geschildert. In dem universitären Setting des Romans geht es um ein neues Medikament, das ein dänischer Pharmakonzern über einen Zeitraum von mehr  als zehn Jahren hinweg entwickelt und auch international zur Zulassungsreife gebracht hat. In kurzen Kapiteln mit jeweils einer Zeitangabe als Titel werden nach und nach die verschiedenen Protagonisten eingeführt, beginnend im April 2011 mit «Elisabeth», leitende Forscherin dieses Pharmakonzerns. Ihr kleiner Sohn ist an einer unheilbaren, tückischen Krankheit verstorben, nachdem sie den Ärzten als Mutter zugestimmt hatte, die sinnlos gewordenen, künstlich lebenserhaltenden Maßnahmen abzuschalten. Sie versucht sich in ihrer Trauer durch Kickboxen abzulenken und stürzt sich in sexuelle Abenteuer. Dann tritt unter dem Datum September 2024 «Shadi» auf, eine mit ihrer Masterarbeit über Trauer beschäftigte Psychologie-Studentin. Mit «Thorsten» kommt dann ein Dozent ins Bild, der die mit Trauerforschung beschäftigte Gruppe betreut, zu der schließlich auch «Anna» stößt, die um ihren Vater trauert und zufällig auch über dieses Thema schreiben will. Er kann sie als Betreuer nicht mehr annehmen und schlägt ihr vor, sich mit Shadi zusammen zu tun, um eine umfangreichere Arbeit gemeinsam zu schreiben. Die kurz vor dem Abschluss stehende Studie der Uni Aarhus mit 400 Probanden soll Collacain, dem neuen Medikament, europaweit die für den Pharma-Konzern lukrative Zulassung sichern.

Intensive Trauerstörung wird unter dem Begriff «Prolonged Grief Disorder» seit geraumer Zeit dann als Krankheit anerkannt, wenn sie mit mehr als sechs Monaten zu lange dauert oder sogar überhaupt nicht mehr aufhört. Mit dieser Thematik entwickelt sich der Roman zunehmend zum Pharma-Thriller, denn die positiven Ergebnisse der universitären Forschungs-Gruppe für Wirksamkeit und Nebenwirkungen des neuen Medikaments lassen bei Teamleiter Thorsten Zweifel aufkommen. Ein von seiner Chefin für die Studien eingesetzter Statistik-Experte hat, stellt sich schließlich dann tatsächlich heraus, nachweislich ziemlich trickreich und kaum merkbar Ergebnisse manipuliert. Die Chefin will jedoch so kurz vor Abschluss davon partout nichts wissen und weist Thorsten als notorischen Skeptiker zurück, sie bangt nämlich um die üppigen Spenden des Pharma-Konzerns, vom wissenschaftlichen Skandal ganz zu schweigen!

In einer schnörkellosen Sprache mit stimmigen Dialogen wird in vielen Rückblenden eine gesellschafts-kritische Geschichte erzählt, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch sehr lehrreich. Nicht jeder Leser dürfte allerdings die Geduld aufbringen, den vielen psychologischen Gedankengängen zu folgen, um dann die subtilen Erkenntnisse daraus wirklich nachvollziehen zu können. Sämtliche Figuren sind glaubhaft beschrieben, das geschilderte Geschehen ist plausibel und der geschickt angelegte Spannungsbogen hält den Leser bis zum Schluss in Atem. Kein Grund zu erkennen also für das unisono praktizierte Totschweigen in den großen Medien!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Dr. No

Satirischer Denk-Marathon

Von dem voriges Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten, amerikanischen Schriftsteller Persival Everett gibt es inzwischen einige weitere seiner 24 Romane, die auf Deutsch erschienen sind, so auch Dr. No. Es geht um nichts in diesem Roman, und zwar wortwörtlich, gilt doch sein Protagonist und Ich-Erzähler als renommierter Professor für Mathematik an der Brown University als Koryphäe für das «Nichts». Und wie man schon am Titel merkt, handelt es sich dabei um einen Spionage-Thriller, in dem nach bewährter James-Bond-Manier ein Bösewicht im Mittelpunkt steht, hier ein farbiger Milliardär, der es auf einen in Ford Knox aufbewahrten Schuhkarton abgesehen hat, in dem sich «nichts» befindet.

Prof. Ralph Townsend ist als Mathematik-Experte weltweit unter dem Namen Wala Kitu bekannt, wobei Vor- und Nachname jeweils das Gleiche bedeuten: Wala heißt in der philippinischen Sprache Tabalog «nichts», und Kitu in der Bantusprache Suaheli ebenfalls «nichts». Auch der Name seiner Kollegin, der Differenzial-Topologin Prof. Eigen Vector, ist mathematisch konnotiert, und wenn er seinen über alles geliebten, einbeinigen Hund Trigo nennt, weist er damit deutlich auf dessen fehlende drei Beine hin. Mit Trigo trägt er in seinen häufigen Träumen sogar oft hoch wissenschaftliche Dispute aus, sein Hund ist dabei äußerst schlagfertig und bleibt ihm keine Antwort schuldig. Der Plot als solcher mit seiner satirisch deutlich überzogenen Schurken-Thematik erhält erst durch die dauernden mathematischen Exkurse und philosophischen Höhenflüge sein besonderes Flair als typischer Nerd-Roman.

Als Running Gag dabei erweisen sich immer wieder die quasi auf jeder Seite auftauchenden Beteuerungen und Schwärmereien des Protagonisten sein Forschungsgebiet betreffend, welches er selbstbewusst für unangreifbar hält. Ständig tauchen dabei doppeldeutige Wortspiele wie «Ich habe von nichts eine Ahnung» oder «Mich treibt nichts um». Und es gibt auch etliche Witze um das Wort nichts, dessen köstlichster von Gott handelt: «Ein Mathematiker wird gefragt, ob er lieber eine Tasse kalten Kaffee haben oder Gott begegnen möchte. Er sagt, er möchte den kalten Kaffee». Man habe ihm nämlich erklärt, wird hinzugefügt, dass nichts besser sei, als Gott zu begegnen, dass aber kalter Kaffee besser sei als nichts! Als ausgesprochen metafiktionalem Roman wird in «Dr. No» ständig über Logik und Sprache referiert, wobei immer wieder köstliche und auch ziemlich verblüffende Zusammenhänge deutlich werden. Nach eigenem Bekunden leidet der autistische Held des Romans am Asperger-Syndrom, er hat erhebliche Schwierigkeiten, die Gefühlslage seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen und Beziehungen einzugehen, der Mittdreißiger war deshalb auch noch nie mit einer Frau intim.

Gleich zu Beginn engagiert als bondtypischer Bösewichtt der schwarze Milliardär John Sill den berühmten Prof. Wala Kitu – mit drei Millionen Dollar Vorschuss – als Experte für das «Nichts». Er soll helfen, einen Schuhkarton aus Ford Knox zu entwenden, in dem nichts ist, – genau damit aber könne man alles erreichen. Dieses wundersame «Nichts» will der Schurke benutzen, um aus Rache für den Tod seiner Eltern Amerika wieder zu nichts machen, er will quasi die Kraft der Negation einsetzen für seine Abrechnung mit diesem rassistischen Amerika. Das natürlich nicht ernst zu nehmende, turbulente Geschehen in diesem satirischen Roman wird bis zum metaphysischen Ende getragen von den komischen Dialogen, in denen eben «nichts» die Hauptrolle spielt. Allmählich wird durch ständige Wiederholung selbst den Nicht-Nerds unter den Lesern klar, welche Bedeutung nichts wirklich hat. «Die Wichtigkeit von nichts besteht darin, dass es der Maßstab dessen ist, was nicht nichts ist», – alles klar? Das Spiel dieses popkulturell umtriebigen Autors mit den ständigen sprachlichen Mehrfach-Bedeutungen erweist sich mit der Zeit allerdings als anstrengender Denk-Marathon, der als Lektüre nicht jedermanns Sache sein dürfte! Gleichwohl, unterhaltsam ist das alles aber allemal, – und speziell für die Mathematik-affinen Nerds unter den Lesern kontemplativ bereichernd natürlich auch.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Macht

Dystopischer Öko-Thriller

Mit ihrem Roman «Macht» hat sich Karen Duve ein dystopisches Setting ausgedacht, bei dem ein bösartiger Psychopath seine Frau schon seit mehr als zwei Jahren im Keller seines Hauses eingesperrt hat. Das familiäre Geschehen wird gespiegelt am ökologischen und politischen des Jahres 2031, als streitbare, revolutionäre Feministinnen in einer Kontrollierten Demokratie das passive Wahlrecht auf Kandidaten beschränkt haben, die vorher eine strenge psychologische Prüfung bestanden hatten, mit der ihre Eignung für ein politisches Amt vorbehaltlos bestätigt wurde. Außerdem wurde eine ökologische Politik etabliert, bei der jedem Bürger ein streng reglementiertes, gleich hohes Kohlenstoffdioxid-Konto zur Verfügung steht, mit dem er den CO2-Verbrauch seiner jeweiligen Konsum-Ausgaben ausgleichen muss. Benzin zum Beispiel oder Fleisch kann man somit nur kaufen, wenn man dafür auch genügend CO2-Guthaben zur Verfügung hat, ein dem heutigen Emissionshandel ähnliches Verfahren.

Die von Olav Scholz als Bundeskanzler geleitete, überwiegend aus Frauen bestehende Regierung des Jahres 2031 betreibt eine streng ökologisch ausgerichtete Politik. Die Gegner dieser Politik sprechen von Öko-Faschismus, obwohl durch den Klimawandel bereits so schlimme Schäden entstanden sind, dass beispielsweise Häuser nicht mehr versichert werden können. Eine genmanipulierte Rapssorte hat sich so schnell und hartnäckig ausgebreitet, dass alles damit zuwuchert, eine schlimme Plage, der man nicht mehr Herr werden kann. Durch die Zulassung eines von fast allen Menschen begehrten Verjüngungsmittels sehen Sechzigjährige wie Zwanzigjährige aus, verkürzen durch das damit verbundene, extrem hohe Krebsrisiko ihre Lebens-Erwartung aber je nach Dosierung drastisch bis auf nur noch fünf Jahre. Man unterscheidet fortan zwischen bio-alt und chrono-alt, wobei fast nur die Fundamentalisten der wie Pilze aus dem Boden schießenden, öko-religiösen Sekten in dieser Endzeit-Stimmung auf jedwede medizinische Verjüngung verzichten, – und damit dann sprichwörtlich «alt» aussehen.

In der Nähe von Hamburg lebt in einer kleinen Gemeinde der Ökoaktivist Sebastian Bürger in einem bescheidenen Haus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Nostalgisch verklärt hat der machohafte Sonderling es im Stil der späten 1960er Jahre komplett umgebaut und dabei keine Mühen gescheut, die dafür erforderlichen, originalen Baustoffe und Einrichtungs-Gegenstände wieder aufzutreiben. Seine Ehefrau Christine, Umwelt-Ministerin im Kabinett von Olav Scholz, ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden, ihre beiden Kinder leben seither bei der Oma. Niemand ahnt, dass er seine Frau in einem als Schutzkeller ausgebauten, schalldichten Raum gefangen hält. Er lehnt sich damit gegen den staatstragenden Feminismus auf und gegen die Dominanz seiner promovierten Frau in ihrer Ehe. In seinem Narzissmus genießt er lustvoll ihre Unterwerfung, er kettet sie an  und demütigt sie immer wieder. Als der Wutbürger bei einem Klassentreffen seine heimliche Jugendliebe Elli wieder trifft und sie überraschend schnell zueinander finden, hofft er, mit ihr ein neues Leben beginnen zu können.

Im Interview hat Karen Duve zu ihrem Roman erklärt, sie wollte eine Geschichte schreiben, die in der näheren Zukunft angesiedelt ist, und dabei den Gedanken aufgreifen, dass früher alles besser gewesen sei. Ferner habe sie die grauenhafte Geschichte des österreichischen Inzest-Täters Josef Fritzl inspiriert. «Macht», der daraus entstandene Roman, fand in den Feuilletons ein überwiegend negatives Echo. Tatsächlich jedoch bietet dieser wegen seiner überraschenden Wendungen bis zuletzt spannende Roman trotz seiner beklemmenden Thematik einen hohen Unterhaltungswert, der nicht zuletzt auch von unterschwelligem Humor lebt. Wahrhaft prophetisch erscheint dabei, dass die Autorin in diesem 2016 erschienenen, gesellschafts-kritischen Werk Olav Scholz zum Bundeskanzler gemacht hat (sic!). Das hätte damals selbst in der SPD niemand für möglich gehalten, und es ist dann ja auch erst sechs Jahre später tatsächlich geschehen, – Chapeau!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Das Ereignis

Autofiktion aus der Knaus-Ogino-Zeit

Aus dem Œuvre der mit dem Nobelpreis geehrten französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist, wenn auch mit mehr als 20jähriger Verspätung, inzwischen auch «Das Ereignis» auf Deutsch erschienen. In der Begründung der Nobelpreis-Jury von 2022 wird ausgeführt, dass sie geehrt wird «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt». Sie sei mit ihrem Werk stilistisch als die «Urmutter der Autofiktion» anzusehen, wie Dorothea Westphal geschrieben hat, die meisten ihrer Bücher sind jedenfalls stark autobiografisch geprägt. Dieses Buch wurde übrigens 2021 unter gleichem Titel verfilmt und gewann in Venedig den Goldenen Löwen.

Thematisch stehen bei Annie Ernaux die Frauen und Mädchen der französischen Gesellschaft im Fokus, Buchtitel wie «Eine Frau» oder «Erinnerungen eines Mädchens» zeugen davon, viele ihrer «Romane» könnte man durchaus passend auch dem Genre «Autobiografie» zuordnen. Wobei sie es in ihren Werken geschickt versteht, das zutiefst Private en passant ins Algemeingültige zu verwandeln. So auch in dem vorliegenden Band, wobei «Das Ereignis» hier in einer Abtreibung besteht. Annie Ernaux erzählt davon absolut authentisch, aus eigenen Erfahrungen als 23Jährige nämlich, als sie 1963 während des Studiums in Rouen selbst einen Schwangerschafts-Abbruch unter schlimmsten Bedingungen beinahe nicht überstanden hätte. Mit der gleichen Thematik wie im vorliegenden Band hatte die aus einfachen Verhältnissen stammende Annie Ernaux sich übrigens auch schon in ihrem Debüt-Roman von 1974 mit dem Titel «Die leeren Schränke» beschäftigt, den sie damals aber noch fiktional erzählt hat, – diese Thematik hat sie also offensichtlich nicht losgelassen, es war noch nicht alles gesagt dazu! Was sicherlich an den katastrophalen Umständen lag, mit denen dieses Thema damals soziologisch und politisch behandelt wurde. Die Schriftstellerin berichtet in ihren Buch sehr nachvollziehbar von ihren Zweifeln, ob sie denn tatsächlich als Ethnologin über diesen Teil ihrer eigenen Vergangenheit schreiben solle.

In den 1960er Jahren gehörte Abtreibung noch zu den großen gesellschaftlichen Tabus nicht nur in Frankreich, sie war schlicht illegal! Bekannte Schriftstellerinnen wie Marguerite Duras oder Simone Beauvoir und viele andere prominente Frauen bekannten sich mutig in einem Aufsehen erregenden Manifest im Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» dazu, gleichwohl eine Abtreibung gemacht zu haben, auch im «Stern» gab es damals eine entsprechende Aktion. Die junge Annie Ernaux stieß nicht nur in ihrer Familie auf kein Verständnis für ihre missliche Lage geschweige denn auf Beistand oder Hilfe, die Literatur-Studentin fühlte sich auf ihre schiere Körperlichkeit reduziert. In ihr Tagebuch notiert sie: «Ich habe das Gefühl, dass ich auf abstrakte Weise schwanger bin», sie fühlt sich plötzlich sehr einsam. Moralische Bedenken hat sie nicht, ein Kind würde für sie den Abbruch des Studiums bedeuten mit allen Konsequenzen. Da ihr nicht geholfen wird, versucht sie der Schwangerschaft mit Stricknadeln ein Ende zu setzen, allerdings vergebens. Schließlich landet sie bei einer «Engelmacherin», verblutet dann beinahe und landet schließlich im Krankenhaus. Die entsprechenden Textpassagen sind schwer auszuhalten, dieses Buch ist also nichts für schwache Gemüter! Gleiches gilt übrigens auch für den Film.

Die Autorin hat erklärt, sie wolle sich demonstrativ mit diesem Buch all jenen Frauen gegenüber solidarisch zeigen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befinden, – moralischen Diskursen geht sie dabei ganz bewusst aus dem Wege, auch im Buch übrigens! Dieser Text aus der Knaus-Ogino-Zeit ist der vielleicht mutigste der damals von der Gesellschaft stigmatisierten Autorin, die distanziert, nüchtern und zum Teil lakonisch, aber immer schonungslos offen ein extrem schwieriges literarisches Terrain bearbeitet, den Leser damit aber ziemlich fordert!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Der Fremde

Ein Jahrhundert-Roman

Mit dem Roman «Der Fremde» hat Albert Camus nach Ansicht von Jean Paul Sartre das wichtigste Werk des Existentialismus geschrieben. Anders als bei Sartre aber steht für Camus das Absurde im Zentrum, wie es aus der Gegenüberstellung der menschlichen Sinnsuche und der absoluten Sinnlosigkeit der Existenz entsteht. «L’Etranger», wie der vorliegende, 1942 erschienene kurze Roman im Original heißt, entstand parallel zu Camus philosophischer Abhandlung «Der Mythos des Sisyphos», hier aber wird der Absurdismus erstmals beispielhaft in literarischer Form vorgestellt. Nicht nur in Frankreich gilt dieser gefeierte Roman des späteren Nobelpreisträgers als erfolgreichster den 20. Jahrhunderts.

Die in einer Stadt am Meer in Algerien der 1930er Jahre angesiedelte Geschichte eines Mannes namens Meursault beginnt im ersten Teil damit, dass der introvertierte junge Mann vom Tod seiner im Pflegeheim lebenden Mutter erfährt. «Heute ist Mama gestorben», lautet der erste Satz. «Oder war es gestern, ich weiß es nicht». Aus der Ich-Perspektive wird berichtet, dass er bei der Beerdigung der Mutter keinerlei Reaktionen gezeigt hat. Am nächsten Tag hat er zufällig Marie, eine ehemalige Arbeitskollegin, getroffen, die er lange nicht gesehen hat. Spontan ist er mit ihr zum Schwimmen ans Meer gegangen und hinterher ins Kino, sie wollte unbedingt einen Film mit Fernandel sehen. Im Kino hat er sie dann erstmals geküsst und ihre Brüste gestreichelt, «Nach dem Kino ist sie mit zu mir gekommen». Bezeichnend für den Nihilismus dieses Mannes ist seine Reaktion, als Marie ihm später einen Heiratsantrag macht. Er erwidert, das könne man machen, auf ihre Frage aber, ob er sie denn liebe, sagt er nein, aber das bedeute ja nichts. Der Protagonist wird als antriebsloser Gewohnheits-Mensch geschildert, der völlig zufrieden ist, wenn sein Alltag routinemäßig verläuft, der in den Tag hinein lebt und wirklich alles ungerührt hinnimmt, nicht nur den Tod der Mutter. Als er seinem Nachbarn Raymond hilft, der seine untreue Freundin bestrafen will, gerät er mit ins Visier von deren Brüdern, die sich an Raymond  rächen wollen. Am Stand kommt es zu einer Schlägerei, bei der Raymond mit dem Messer verletzt wird. Als Meursault später einen der Brüder am Meer im Sand liegend trifft und der sein Messer zieht, schießt er auf ihn und feuert nach kurzer Pause vier weitere Schüsse auf ihn ab.

Im zweiten Teil des Romans wird der Prozess geschildert, in dem der Angeklagte sich nicht verteidigt und seinen Pflichtverteidiger durch sein absolut gleichgültiges Verhalten zu Verzweiflung bringt. Bei Meursault ist seine Indolenz nämlich nichts anderes als sei originärer Charakter. Der Roman schildert einen interessanten Verfahrensverlauf, der die unbeirrbare, existentialistische Lebens-Philosophie des Angeklagten offen legt, die hier schon beinahe als Unzurechnungsfähigkeit gedeutet werden könnte. Ganz am Ende der Geschichte zeigt er sich dann aber doch empfänglich für «die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt».

Stilistisch ist dieses Buch durch eine einfache, knappe Diktion gekennzeichnet, die mit kurzen Sätzen und in einfachen Worten stimmig die Absurdität dieser Geschichte unterstreicht. Lakonisch wird damit auch ein Gefühl der Unmittelbarkeit des Geschehens und sogar die Illusion einer Präsenz des Lesers erzeugt. Oft werden im Roman die Hitze und der Sonnenschein thematisiert als Symbole der absoluten Indifferenz der realen Welt dem menschlichen Schicksal gegenüber, – genau so, wie sie sein apathischer Protagonist ja empfindet. Camus wirft in diesem Roman wichtige philosophische Fragen auf, zu denen vor allem der Sinn des Lebens und der Tod als Schicksal gehören, aber auch die Rolle sozialer Normen oder fehlender Emotionen. Er fragt auch nach dem so genannten ‹freien Willen› und erläutert, dass Meursault für die Gesellschaft «Der Fremde» ist, weil er sich beharrlich weigert, sich zu verstellen oder gar zu lügen. Ohne Zweifel ist dieses bereichernde Werk ein Jahrhundert-Roman, wie es kaum einen zweiten gibt, wobei diese komplexe Erzählung bis zum Schluss auch noch spannend bleibt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Wunderkind

Zwischen Welt und Unwelt

Mit dem Roman «Wunderkind» hat die in Deutschland kaum bekannte schwedische Schriftstellerin Karin Smirnoff einen Roman vorgelegt, dessen Titel vordergründig auf eine erfreuliche Geschichte hindeutet. Sehr schnell merkt man aber beim Lesen, dass hier dieser besondere Status zu wahrem Horror hinführt, der alles andere ist als erfreulich. Das titelgebende Wunderkind ist nicht nur ungewollt, es wird vielmehr mit Bosheit und Verachtung überzogen, die schwer zu ertragen sind nicht nur für das betroffene Kind, sondern auch für den anfangs doch ziemlich schockierten Leser.

Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines neugeborenen Babys namens Agnes beginnt die schwedische Autorin von dem Dilemma zu erzählen, in das deren Mutter Anita geraten ist, als sich herausstellt, das ihr Baby eine gewisse Musikalität erkennen lässt, denn sie galt früher selbst eine Zeit lang als Wunderkind. Aus der angestrebten Karriere als Sängerin oder Pianistin wurde jedoch nichts, für sie die Tragödie ihres armseligen Lebens. Denn die attraktive Frau muss sich nun in einem zutiefst asozialen Umfeld als Alleinerziehende mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Über ihren Vater erfährt Agnes nichts, auch wenn sie über die Jahre hinweg immer wieder mal danach fragt. Als sie dann schon als Kleinkind durch bloßes Zuhören eine Melodie am Klavier nachspielen kann, ist die «Anitamama» regelrecht sauer auf sie und verbietet ihr strengstens, das Klavier zu benutzen. In ihrem Kind sieht sie den wahren Grund für ihr persönliches Unglück, das nun ihr ganzes Leben überschattet, denn die Schwangerschaft war der Auslöser für das abrupte Ende ihrer Karriere-Hoffnungen. Und diesen Frust lässt sie ungebremst an ihrem Kleinkind aus, sie gibt Agnes kaum etwas Vernünftiges zu essen, die Kleine hat immer Hunger. Außerdem lässt sie ihr ungeliebtes Töchterchen in deutlich zu großen, schäbigen und nicht zusammen passenden Klamotten herumlaufen und setzt sie damit dem ständigen Gespött der anderen Kinder aus. Agnes erwidert diesen Hass der Mutter von Anfang an, sie erkennt instinktiv, dass sie von ihr niemals Fürsorge oder gar Liebe erwarten kann. Sie wünscht ihr vielmehr in wilden Gedankenspielen den Tod, spielt gedanklich sogar verschiedene Todesursachen durch als Rache für die Grausamkeiten, die sie von «Anitamama» tagtäglich erleiden muss.

Mit einer erschreckenden emotionalen Distanz wird hier aus Kleinkind-Perspektive von zwei Welten erzählt, der eigentlichen und der «Unwelt». Die kindliche Ich-Erzählerin Agnes sieht sich in der letzteren gefangen, durch eine Art undurchdringlichen Schleier von der schönen, erfreulichen Welt getrennt. Im Verlaufe der Handlung ereignen sich immer neue, noch schlimmere Unglücke, die nicht abreißen wollen und die Tragik des Geschehens immer weiter steigern. So ist zum Beispiel der nette Musiklehrer, der sich so rührend um die Kinder kümmert und sie sogar als kleines Ensemble bei Konzerten auftreten lässt, in Wahrheit ein Pädophiler, der sich an ihnen vergeht in der Gewissheit, sie würden ihren Meister niemals bezichtigen. In diesem Roman einer mütterlichen Überforderung, die in schieren Hass umschlägt, ist das Schicksal der kindlichen Protagonistin unaufhaltsam vorgezeichnet. Und ob es ihr wirklich gelingt, sich aus all den Zwängen zu befreien, wie im Klappentext angedeutet, bleibt letztendlich auch ungewiss.

Allein der Begriff des Wunderkinds, der ja auf ein spektakuläres, erfreuliches Leben hindeutet, wird im Roman auf fast schon zynische Weise konterkariert. Nicht nur die kleinkindliche Perspektive, die der Protagonistin altersferne Gedanken und Erkenntnisse zuordnet, kennzeichnet hier die Erzählweise von Karin Smirnoff, der nüchterne, unpoetische Stil des Romans ganz ohne Metaphern passt auch gut zu dessen psychologisch komplexem Narrativ. Speziell der atemlos wirkende Satzbau nur mit Punkten, also ohne Kommas und andere Satzzeichen, treibt das unheilvolle Geschehen lakonisch distanziert voran. Ein Wohlfühlroman ist dabei natürlich nicht herausgekommen, – es ist ja die bedrückende «Unwelt», die hier beschrieben wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Gleißendes Licht

Recherche ohne Ergebnis

Marc Sinan, der Musiker und Komponist mit türkisch-armenischen Wurzeln, hat mit «Gleißendes Licht» einen Debütroman vorgelegt, der den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Als Thema ein Tabu in der Türkei, hartnäckig geleugnet bis zum heutigen Tage auch vom derzeitigen Präsidenten Erdoğan, ist dieser erste Genozid des Zwanzigsten Jahrhunderts jedoch vielfach belegte Tatsache, die bis heute nachwirkt. Mit diesem autobiografisch inspirierten Roman liegt nun erneut ein Werk vor, das dieses mehr als hundertjährige Trauma literarisch aufgreift. «Die Wahrheit ist kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hinein fällt», lautet denn auch ein vorangestelltes Zitat von Robert Musil.

Gleich am Anfang wird berichtet, wie im Jahre 1915 der kräftige türkische Hilfssoldat Hüseyin allein ein Boot mit einigen Soldaten und vierzehn armenischen Kindern von Ordu aus auf das Schwarze Meer hinausrudert. Irgendwann soll er stoppen, und dann hört er einen tiefen Schlag und das Aufklatschen eines Körpers auf das Wasser, – das wiederholt sich vierzehn Mal hintereinander, eine kaltblütige Exekution. Hüseyin verdrängt dieses alptraumartige Erlebnis, heiratet später eine armenische Waise und lebt recht gut vom Export von Haselnusskernen, bis ihm kriegsbedingte Import-Beschränkungen das Geschäft verdorben haben. Er verlegte sich auf die Herstellung von Tran, den er aus dem Fang von Delphinen und Schweinswalen gewinnt. Aber auch darauf lag ein Fluch, seine Frau Anneanne wollte ihn davon abbringen, es sei eine Sünde, diese Tiere zu jagen. Und auch hier ging es bald bergab, schon nach zwei Jahren war er wieder ruiniert.

In einem weiteren Handlungsstrang wird unter der Überschrift «München 1986 bis 1992» von Kaan erzählt, zweiter Protagonist des Romans und in vielem Alter Ego des Autors, der Enkel von Hüseyin. Er hat als Gitarist ein Stipendium bekommen und reist nun zu ersten Mal in seinem Leben nach Istanbul. Bis dato war Kaans Münchner Leben in einem Reihenhaus völlig unspektakulär gewesen, sei Vater war Ingenieur bei Siemens, seine Mutter technische Zeichnerin in der gleichen Abteilung. Nur, Kaans Mutter, hatte binnen eines Jahres fließend Deutsch sprechen gelernt und ihren eher unspektakulären, aber gut aussehenden Mann geheiratet, weil sie wusste, dass er kein Macho ist und immer loyal zu ihr stehen würde. Das Leben von Opa Hüseyin und seinem Enkel Kaan könnte unterschiedlicher nicht sein, gleichwohl aber wurden die traumatischen Erlebnisse von 1915 auf rätselhafte Weise über Jahrzehnte und zwei Generationen hinweg bis in die Jetztzeit weitergereicht. Der inzwischen vierzigjährige Kaan trägt unermüdlich Indizien dafür zusammen, wobei die Handlung in weiten Sprüngen die Zeit vom Bosporus bis nach New York, vom Schwarzen Meer bis nach dem München der 1980er Jahre durcheilt. «Schreib endlich die Geschichte auf«, sagt der Großvater, «Schreibe, damit du sie vergessen kannst. Denn nur im Vergessen besteht die Chance zu überleben».

Es ist eine latent in Kaan schlummernde Aggressivität, die ihn letztendlich zum Schreiben veranlasst, außerdem seine ständige Selbstüberforderung als Musiker, aber auch eine geradezu toxische Liebesunfähigkeit. Der Leser wird Zeuge eines Schreibprozesses, bei dem der Autor mit der detektivischen Kleinarbeit seines Protagonisten wirkungsvoll einen Spannungsbogen aufbaut. Leider bleibt sein Held aber bis zum Schluss als Figur unsympathisch, die in vielen Zeit- und Orts-Sprüngen fraktionell erzählte Geschichte ist zudem schwer durchschaubar und wirft mancherlei Fragen auf, die sie nicht beantwortet. Wie andere, thematisch vergleichbare Romane (Alex Schulman – Verbrenn all meine Briefe) bleibt auch dieser hier die Antwort schuldig, wie sich ein kühn behauptetes, generationen-übergreifendes Weiterreichen von Schuld denn psychologisch erklären lasse, – Marc Sinans wortreiche Recherche bleibt jedenfalls ohne Ergebnis!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Verbrenn all meine Briefe

Roman im Roman

Der in Deutschland wenig bekannte Schriftsteller Alex Schulman hat mit seinem autobiografischen Roman «Verbrenn all meine Briefe» nur vordergründig einen Liebesroman geschrieben. Tatsächlich geht es in der spannenden Erzählung des Autors um ein lange zurückliegendes Drama, das seine Spuren über drei Generationen hinweg in seiner eigenen Familie hinterlassen habe. Der in Schweden sehr populäre Bestseller-Autor gilt als Spezialist für schwierige Familienverhältnisse, wie schon ein Blick auf die Titel seines Œuvres erahnen lässt. Im vorliegenden Roman nun geht es um eine mehr als fünfzig Jahre und über drei Generationen zurückliegende, geheime Liebe, die kaum erklärliche, stattdessen aber katastrophale Folgen in seiner Familie gezeitigt habe, von denen er sich selbst betroffen sehe.

Der Prolog zum Roman beginnt mit dem Satz: «Ich weiß nicht, wie oft ich das noch ertragen kann». Bei einer heftigen Auseinandersetzung mit seiner Frau hat der Ich-Erzähler Alex vor Zorn eine Pfanne samt Inhalt gegen die Küchenwand geworfen. Entsetzt sieht er die Angst in den Augen seiner Frau, und auch seine drei Kinder sind ziemlich verstört nach dem Vorfall. Er erkennt, dass er mit seiner inneren Wut ungewollt einen tiefen Graben zu seiner Frau aufreißt und beschließt, dagegen anzugehen, die Ursachen dafür zu ergründen. Ein typisches Beispiel für diese familiären Spannungen war unlängst die Einladung seines Onkels, Weihnachten bei ihnen zu verbringen. Wie oft bei solchen «friedliche Festen» kommt es dabei zu einer heftigen Auseinandersetzung mit den Verwandten. Wutentbrannt beschließen die Eltern, unter dem Motto «Nie wieder» mit den Kindern am nächsten Morgen ohne Abschied vorzeitig abzureisen.

Den Grund für dieses tief sitzende Unbehagen vermutet Alex in der Vergangenheit seiner Familie. Er beschließt, nach den Ursachen zu forschen und beginnt bei seinen Großeltern, die sich im Sommer 1932, also vor 68 Jahren, bei einem Aufenthalt in der Sigura Literatur-Stiftung anlässlich eines Symposiums kennen gelernt haben. Der erfolgreiche Schriftsteller Sven hat dort ein Stipendium erhalten und will die Zeit nutzen, im für diese Zwecke zur Verfügung gestellten Turmzimmer ein neues Buchprojekt in Ruhe zum Abschluss zu bringen. Seine 24jährige Frau Karin begeleitet ihn, sie ist als Tochter eines Nobelpreisträgers ebenfalls literaturaffin und nimmt an vielen Veranstaltungen teil. Ihr Ehemann Sven erweist sich bei den verschiedenen Diskussionen oft als unbeherrscht und streitlustig. Er vertritt diametral andere Meinungen als der junge Schriftsteller Olof, dessen anspruchvolle Romane wenig gelesen werden und der deshalb ständig in Geldnöten ist. Karin kommt am Rande mit Olof ins Gespräch, sie verlieben sich spontan und heftig ineinander, es kommt schließlich zum Ehebruch. Diese geheime Liebe droht ständig aufzufliegen, ein Skandal, bei dem nicht absehbar wäre, wie der jähzornige Sven reagieren würde. Und tatsächlich scheint Sven Verdacht zu schöpfen und wird immer unleidlicher, bis Karin ihm schließlich erklärt, dass sie sich von ihm trennen will. Bei einer Autofahrt mit ihr kommt es zu einem Unfall, bei dem er als Fahrer leicht verletzt wird, Karin aber erhebliche Brandwunden davonträgt. Letztendlich aber schafft sie es einfach nicht, sich von Sven zu trennen, – sie resigniert. «Verbrenn all meine Briefe», schreibt sie Olof zuletzt!

In einem spannenden Puzzle rekonstruiert der Autor aus Archiven, Rechenchen vor Ort und Gesprächen mit den Verwandten Stück für Stück die kurze, verhängnisvolle Liaison seiner Großmutter. Eine wichtige Quelle sind dabei die Briefe der beiden Liebenden, die Ich-Erzähler Alex schließlich in die Hände bekommt. Neben der mitreißend erzählten Liebesgeschichte mit ihren sympathischen Protagonisten ist es diese Detektivarbeit, die den Spannungsbogen bildet für den klug durchdachten Plot. Der stützt sich, wie der Autor selbst schreibt, auf einen «unzuverlässigen Erzähler», es sei nämlich ausgerechnet Olofs lebenslang geführtes Tagebuch, das den Roman bilde, den wir hier gerade in überarbeiteter Form gelesen hätten!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München