Macht

Dystopischer Öko-Thriller

Mit ihrem Roman «Macht» hat sich Karen Duve ein dystopisches Setting ausgedacht, bei dem ein bösartiger Psychopath seine Frau schon seit mehr als zwei Jahren im Keller seines Hauses eingesperrt hat. Das familiäre Geschehen wird gespiegelt am ökologischen und politischen des Jahres 2031, als streitbare, revolutionäre Feministinnen in einer Kontrollierten Demokratie das passive Wahlrecht auf Kandidaten beschränkt haben, die vorher eine strenge psychologische Prüfung bestanden hatten, mit der ihre Eignung für ein politisches Amt vorbehaltlos bestätigt wurde. Außerdem wurde eine ökologische Politik etabliert, bei der jedem Bürger ein streng reglementiertes, gleich hohes Kohlenstoffdioxid-Konto zur Verfügung steht, mit dem er den CO2-Verbrauch seiner jeweiligen Konsum-Ausgaben ausgleichen muss. Benzin zum Beispiel oder Fleisch kann man somit nur kaufen, wenn man dafür auch genügend CO2-Guthaben zur Verfügung hat, ein dem heutigen Emissionshandel ähnliches Verfahren.

Die von Olav Scholz als Bundeskanzler geleitete, überwiegend aus Frauen bestehend Regierung des Jahres 2031 betreibt eine streng ökologisch ausgerichtete Politik. Die Gegner dieser Politik sprechen von Öko-Faschismus, obwohl durch den Klimawandel bereits so schlimme Schäden entstanden sind, dass beispielsweise Häuser nicht mehr versichert werden können. Eine genmanipulierte Rapssorte hat sich so schnell und hartnäckig ausgebreitet, dass alles damit zuwuchert, eine schlimme Plage, der man nicht mehr Herr werden kann. Durch die Zulassung eines von fast allen Menschen begehrten Verjüngungsmittels sehen Sechzigjährige wie Zwanzigjährige aus, verkürzen durch das damit verbundene, extrem hohe Krebsrisiko ihre Lebens-Erwartung aber je nach Dosierung drastisch bis auf nur noch fünf Jahre. Man unterscheidet fortan zwischen bio-alt und chrono-alt, wobei fast nur die Fundamentalisten der wie Pilze aus dem Boden schießenden, öko-religiösen Sekten in dieser Endzeit-Stimmung auf jedwede medizinische Verjüngung verzichten, – und damit dann sprichwörtlich «alt» aussehen.

In der Nähe von Hamburg lebt in einer kleinen Gemeinde der Ökoaktivist Sebastian Bürger in einem bescheidenen Haus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Nostalgisch verklärt hat der machohafte Sonderling es im Stil der späten 1960er Jahre komplett umgebaut und dabei keine Mühen gescheut, die dafür erforderlichen, originalen Baustoffe und Einrichtungs-Gegenstände wieder aufzutreiben. Seine Ehefrau Christine, Umwelt-Ministerin im Kabinett von Olav Scholz, ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden, ihre beiden Kinder leben seither bei der Oma. Niemand ahnt, dass er seine Frau in einem als Schutzkeller ausgebauten, schalldichten Raum gefangen hält. Er lehnt sich damit gegen den staatstragenden Feminismus auf und gegen die Dominanz seiner promovierten Frau in ihrer Ehe. In seinem Narzissmus genießt er lustvoll ihre Unterwerfung, er kettet sie an  und demütigt sie immer wieder. Als der Wutbürger bei einem Klassentreffen seine heimliche Jugendliebe Elli wieder trifft und sie überraschend schnell zueinander finden, hofft er, mit ihr ein neues Leben beginnen zu können.

Im Interview hat Karen Duve zu ihrem Roman erklärt, sie wollte eine Geschichte schreiben, die in der näheren Zukunft angesiedelt ist, und dabei den Gedanken aufgreifen, dass früher alles besser gewesen sei. Ferner habe sie die grauenhafte Geschichte des österreichischen Inzest-Täters Josef Fritzl inspiriert. «Macht», der daraus entstandene Roman, fand in den Feuilletons ein überwiegend negatives Echo. Tatsächlich jedoch bietet dieser wegen seiner überraschenden Wendungen bis zuletzt spannende Roman trotz seiner beklemmenden Thematik einen hohen Unterhaltungswert, der nicht zuletzt auch von unterschwelligem Humor lebt. Wahrhaft prophetisch erscheint dabei, dass die Autorin in diesem 2016 erschienenen, gesellschafts-kritischen Werk Olav Scholz zum Bundeskanzler gemacht hat (sic!). Das hätte damals selbst in der SPD niemand für möglich gehalten, und es ist dann ja auch erst sechs Jahre später tatsächlich geschehen, – Chapeau!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Das Ereignis

Autofiktion aus der Knaus-Ogino-Zeit

Aus dem Œuvre der mit dem Nobelpreis geehrten französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist, wenn auch mit mehr als 20jähriger Verspätung, inzwischen auch «Das Ereignis» auf Deutsch erschienen. In der Begründung der Nobelpreis-Jury von 2022 wird ausgeführt, dass sie geehrt wird «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt». Sie sei mit ihrem Werk stilistisch als die «Urmutter der Autofiktion» anzusehen, wie Dorothea Westphal geschrieben hat, die meisten ihrer Bücher sind jedenfalls stark autobiografisch geprägt. Dieses Buch wurde übrigens 2021 unter gleichem Titel verfilmt und gewann in Venedig den Goldenen Löwen.

Thematisch stehen bei Annie Ernaux die Frauen und Mädchen der französischen Gesellschaft im Fokus, Buchtitel wie «Eine Frau» oder «Erinnerungen eines Mädchens» zeugen davon, viele ihrer «Romane» könnte man durchaus passend auch dem Genre «Autobiografie» zuordnen. Wobei sie es in ihren Werken geschickt versteht, das zutiefst Private en passant ins Algemeingültige zu verwandeln. So auch in dem vorliegenden Band, wobei «Das Ereignis» hier in einer Abtreibung besteht. Annie Ernaux erzählt davon absolut authentisch, aus eigenen Erfahrungen als 23Jährige nämlich, als sie 1963 während des Studiums in Rouen selbst einen Schwangerschafts-Abbruch unter schlimmsten Bedingungen beinahe nicht überstanden hätte. Mit der gleichen Thematik wie im vorliegenden Band hatte die aus einfachen Verhältnissen stammende Annie Ernaux sich übrigens auch schon in ihrem Debüt-Roman von 1974 mit dem Titel «Die leeren Schränke» beschäftigt, den sie damals aber noch fiktional erzählt hat, – diese Thematik hat sie also offensichtlich nicht losgelassen, es war noch nicht alles gesagt dazu! Was sicherlich an den katastrophalen Umständen lag, mit denen dieses Thema damals soziologisch und politisch behandelt wurde. Die Schriftstellerin berichtet in ihren Buch sehr nachvollziehbar von ihren Zweifeln, ob sie denn tatsächlich als Ethnologin über diesen Teil ihrer eigenen Vergangenheit schreiben solle.

In den 1960er Jahren gehörte Abtreibung noch zu den großen gesellschaftlichen Tabus nicht nur in Frankreich, sie war schlicht illegal! Bekannte Schriftstellerinnen wie Marguerite Duras oder Simone Beauvoir und viele andere prominente Frauen bekannten sich mutig in einem Aufsehen erregenden Manifest im Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» dazu, gleichwohl eine Abtreibung gemacht zu haben, auch im «Stern» gab es damals eine entsprechende Aktion. Die junge Annie Ernaux stieß nicht nur in ihrer Familie auf kein Verständnis für ihre missliche Lage geschweige denn auf Beistand oder Hilfe, die Literatur-Studentin fühlte sich auf ihre schiere Körperlichkeit reduziert. In ihr Tagebuch notiert sie: «Ich habe das Gefühl, dass ich auf abstrakte Weise schwanger bin», sie fühlt sich plötzlich sehr einsam. Moralische Bedenken hat sie nicht, ein Kind würde für sie den Abbruch des Studiums bedeuten mit allen Konsequenzen. Da ihr nicht geholfen wird, versucht sie der Schwangerschaft mit Stricknadeln ein Ende zu setzen, allerdings vergebens. Schließlich landet sie bei einer «Engelmacherin», verblutet dann beinahe und landet schließlich im Krankenhaus. Die entsprechenden Textpassagen sind schwer auszuhalten, dieses Buch ist also nichts für schwache Gemüter! Gleiches gilt übrigens auch für den Film.

Die Autorin hat erklärt, sie wolle sich demonstrativ mit diesem Buch all jenen Frauen gegenüber solidarisch zeigen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befinden, – moralischen Diskursen geht sie dabei ganz bewusst aus dem Wege, auch im Buch übrigens! Dieser Text aus der Knaus-Ogino-Zeit ist der vielleicht mutigste der damals von der Gesellschaft stigmatisierten Autorin, die distanziert, nüchtern und zum Teil lakonisch, aber immer schonungslos offen ein extrem schwieriges literarisches Terrain bearbeitet, den Leser damit aber ziemlich fordert!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Der Fremde

Ein Jahrhundert-Roman

Mit dem Roman «Der Fremde» hat Albert Camus nach Ansicht von Jean Paul Sartre das wichtigste Werk des Existentialismus geschrieben. Anders als bei Sartre aber steht für Camus das Absurde im Zentrum, wie es aus der Gegenüberstellung der menschlichen Sinnsuche und der absoluten Sinnlosigkeit der Existenz entsteht. «L’Etranger», wie der vorliegende, 1942 erschienene kurze Roman im Original heißt, entstand parallel zu Camus philosophischer Abhandlung «Der Mythos des Sisyphos», hier aber wird der Absurdismus erstmals beispielhaft in literarischer Form vorgestellt. Nicht nur in Frankreich gilt dieser gefeierte Roman des späteren Nobelpreisträgers als erfolgreichster den 20. Jahrhunderts.

Die in einer Stadt am Meer in Algerien der 1930er Jahre angesiedelte Geschichte eines Mannes namens Meursault beginnt im ersten Teil damit, dass der introvertierte junge Mann vom Tod seiner im Pflegeheim lebenden Mutter erfährt. «Heute ist Mama gestorben», lautet der erste Satz. «Oder war es gestern, ich weiß es nicht». Aus der Ich-Perspektive wird berichtet, dass er bei der Beerdigung der Mutter keinerlei Reaktionen gezeigt hat. Am nächsten Tag hat er zufällig Marie, eine ehemalige Arbeitskollegin, getroffen, die er lange nicht gesehen hat. Spontan ist er mit ihr zum Schwimmen ans Meer gegangen und hinterher ins Kino, sie wollte unbedingt einen Film mit Fernandel sehen. Im Kino hat er sie dann erstmals geküsst und ihre Brüste gestreichelt, «Nach dem Kino ist sie mit zu mir gekommen». Bezeichnend für den Nihilismus dieses Mannes ist seine Reaktion, als Marie ihm später einen Heiratsantrag macht. Er erwidert, das könne man machen, auf ihre Frage aber, ob er sie denn liebe, sagt er nein, aber das bedeute ja nichts. Der Protagonist wird als antriebsloser Gewohnheits-Mensch geschildert, der völlig zufrieden ist, wenn sein Alltag routinemäßig verläuft, der in den Tag hinein lebt und wirklich alles ungerührt hinnimmt, nicht nur den Tod der Mutter. Als er seinem Nachbarn Raymond hilft, der seine untreue Freundin bestrafen will, gerät er mit ins Visier von deren Brüdern, die sich an Raymond  rächen wollen. Am Stand kommt es zu einer Schlägerei, bei der Raymond mit dem Messer verletzt wird. Als Meursault später einen der Brüder am Meer im Sand liegend trifft und der sein Messer zieht, schießt er auf ihn und feuert nach kurzer Pause vier weitere Schüsse auf ihn ab.

Im zweiten Teil des Romans wird der Prozess geschildert, in dem der Angeklagte sich nicht verteidigt und seinen Pflichtverteidiger durch sein absolut gleichgültiges Verhalten zu Verzweiflung bringt. Bei Meursault ist seine Indolenz nämlich nichts anderes als sei originärer Charakter. Der Roman schildert einen interessanten Verfahrensverlauf, der die unbeirrbare, existentialistische Lebens-Philosophie des Angeklagten offen legt, die hier schon beinahe als Unzurechnungsfähigkeit gedeutet werden könnte. Ganz am Ende der Geschichte zeigt er sich dann aber doch empfänglich für «die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt».

Stilistisch ist dieses Buch durch eine einfache, knappe Diktion gekennzeichnet, die mit kurzen Sätzen und in einfachen Worten stimmig die Absurdität dieser Geschichte unterstreicht. Lakonisch wird damit auch ein Gefühl der Unmittelbarkeit des Geschehens und sogar die Illusion einer Präsenz des Lesers erzeugt. Oft werden im Roman die Hitze und der Sonnenschein thematisiert als Symbole der absoluten Indifferenz der realen Welt dem menschlichen Schicksal gegenüber, – genau so, wie sie sein apathischer Protagonist ja empfindet. Camus wirft in diesem Roman wichtige philosophische Fragen auf, zu denen vor allem der Sinn des Lebens und der Tod als Schicksal gehören, aber auch die Rolle sozialer Normen oder fehlender Emotionen. Er fragt auch nach dem so genannten ‹freien Willen› und erläutert, dass Meursault für die Gesellschaft «Der Fremde» ist, weil er sich beharrlich weigert, sich zu verstellen oder gar zu lügen. Ohne Zweifel ist dieses bereichernde Werk ein Jahrhundert-Roman, wie es kaum einen zweiten gibt, wobei diese komplexe Erzählung bis zum Schluss auch noch spannend bleibt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Wunderkind

Zwischen Welt und Unwelt

Mit dem Roman «Wunderkind» hat die in Deutschland kaum bekannte schwedische Schriftstellerin Karin Smirnoff einen Roman vorgelegt, dessen Titel vordergründig auf eine erfreuliche Geschichte hindeutet. Sehr schnell merkt man aber beim Lesen, dass hier dieser besondere Status zu wahrem Horror hinführt, der alles andere ist als erfreulich. Das titelgebende Wunderkind ist nicht nur ungewollt, es wird vielmehr mit Bosheit und Verachtung überzogen, die schwer zu ertragen sind nicht nur für das betroffene Kind, sondern auch für den anfangs doch ziemlich schockierten Leser.

Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines neugeborenen Babys namens Agnes beginnt die schwedische Autorin von dem Dilemma zu erzählen, in das deren Mutter Anita geraten ist, als sich herausstellt, das ihr Baby eine gewisse Musikalität erkennen lässt, denn sie galt früher selbst eine Zeit lang als Wunderkind. Aus der angestrebten Karriere als Sängerin oder Pianistin wurde jedoch nichts, für sie die Tragödie ihres armseligen Lebens. Denn die attraktive Frau muss sich nun in einem zutiefst asozialen Umfeld als Alleinerziehende mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Über ihren Vater erfährt Agnes nichts, auch wenn sie über die Jahre hinweg immer wieder mal danach fragt. Als sie dann schon als Kleinkind durch bloßes Zuhören eine Melodie am Klavier nachspielen kann, ist die «Anitamama» regelrecht sauer auf sie und verbietet ihr strengstens, das Klavier zu benutzen. In ihrem Kind sieht sie den wahren Grund für ihr persönliches Unglück, das nun ihr ganzes Leben überschattet, denn die Schwangerschaft war der Auslöser für das abrupte Ende ihrer Karriere-Hoffnungen. Und diesen Frust lässt sie ungebremst an ihrem Kleinkind aus, sie gibt Agnes kaum etwas Vernünftiges zu essen, die Kleine hat immer Hunger. Außerdem lässt sie ihr ungeliebtes Töchterchen in deutlich zu großen, schäbigen und nicht zusammen passenden Klamotten herumlaufen und setzt sie damit dem ständigen Gespött der anderen Kinder aus. Agnes erwidert diesen Hass der Mutter von Anfang an, sie erkennt instinktiv, dass sie von ihr niemals Fürsorge oder gar Liebe erwarten kann. Sie wünscht ihr vielmehr in wilden Gedankenspielen den Tod, spielt gedanklich sogar verschiedene Todesursachen durch als Rache für die Grausamkeiten, die sie von «Anitamama» tagtäglich erleiden muss.

Mit einer erschreckenden emotionalen Distanz wird hier aus Kleinkind-Perspektive von zwei Welten erzählt, der eigentlichen und der «Unwelt». Die kindliche Ich-Erzählerin Agnes sieht sich in der letzteren gefangen, durch eine Art undurchdringlichen Schleier von der schönen, erfreulichen Welt getrennt. Im Verlaufe der Handlung ereignen sich immer neue, noch schlimmere Unglücke, die nicht abreißen wollen und die Tragik des Geschehens immer weiter steigern. So ist zum Beispiel der nette Musiklehrer, der sich so rührend um die Kinder kümmert und sie sogar als kleines Ensemble bei Konzerten auftreten lässt, in Wahrheit ein Pädophiler, der sich an ihnen vergeht in der Gewissheit, sie würden ihren Meister niemals bezichtigen. In diesem Roman einer mütterlichen Überforderung, die in schieren Hass umschlägt, ist das Schicksal der kindlichen Protagonistin unaufhaltsam vorgezeichnet. Und ob es ihr wirklich gelingt, sich aus all den Zwängen zu befreien, wie im Klappentext angedeutet, bleibt letztendlich auch ungewiss.

Allein der Begriff des Wunderkinds, der ja auf ein spektakuläres, erfreuliches Leben hindeutet, wird im Roman auf fast schon zynische Weise konterkariert. Nicht nur die kleinkindliche Perspektive, die der Protagonistin altersferne Gedanken und Erkenntnisse zuordnet, kennzeichnet hier die Erzählweise von Karin Smirnoff, der nüchterne, unpoetische Stil des Romans ganz ohne Metaphern passt auch gut zu dessen psychologisch komplexem Narrativ. Speziell der atemlos wirkende Satzbau nur mit Punkten, also ohne Kommas und andere Satzzeichen, treibt das unheilvolle Geschehen lakonisch distanziert voran. Ein Wohlfühlroman ist dabei natürlich nicht herausgekommen, – es ist ja die bedrückende «Unwelt», die hier beschrieben wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Gleißendes Licht

Recherche ohne Ergebnis

Marc Sinan, der Musiker und Komponist mit türkisch-armenischen Wurzeln, hat mit «Gleißendes Licht» einen Debütroman vorgelegt, der den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Als Thema ein Tabu in der Türkei, hartnäckig geleugnet bis zum heutigen Tage auch vom derzeitigen Präsidenten Erdoğan, ist dieser erste Genozid des Zwanzigsten Jahrhunderts jedoch vielfach belegte Tatsache, die bis heute nachwirkt. Mit diesem autobiografisch inspirierten Roman liegt nun erneut ein Werk vor, das dieses mehr als hundertjährige Trauma literarisch aufgreift. «Die Wahrheit ist kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hinein fällt», lautet denn auch ein vorangestelltes Zitat von Robert Musil.

Gleich am Anfang wird berichtet, wie im Jahre 1915 der kräftige türkische Hilfssoldat Hüseyin allein ein Boot mit einigen Soldaten und vierzehn armenischen Kindern von Ordu aus auf das Schwarze Meer hinausrudert. Irgendwann soll er stoppen, und dann hört er einen tiefen Schlag und das Aufklatschen eines Körpers auf das Wasser, – das wiederholt sich vierzehn Mal hintereinander, eine kaltblütige Exekution. Hüseyin verdrängt dieses alptraumartige Erlebnis, heiratet später eine armenische Waise und lebt recht gut vom Export von Haselnusskernen, bis ihm kriegsbedingte Import-Beschränkungen das Geschäft verdorben haben. Er verlegte sich auf die Herstellung von Tran, den er aus dem Fang von Delphinen und Schweinswalen gewinnt. Aber auch darauf lag ein Fluch, seine Frau Anneanne wollte ihn davon abbringen, es sei eine Sünde, diese Tiere zu jagen. Und auch hier ging es bald bergab, schon nach zwei Jahren war er wieder ruiniert.

In einem weiteren Handlungsstrang wird unter der Überschrift «München 1986 bis 1992» von Kaan erzählt, zweiter Protagonist des Romans und in vielem Alter Ego des Autors, der Enkel von Hüseyin. Er hat als Gitarist ein Stipendium bekommen und reist nun zu ersten Mal in seinem Leben nach Istanbul. Bis dato war Kaans Münchner Leben in einem Reihenhaus völlig unspektakulär gewesen, sei Vater war Ingenieur bei Siemens, seine Mutter technische Zeichnerin in der gleichen Abteilung. Nur, Kaans Mutter, hatte binnen eines Jahres fließend Deutsch sprechen gelernt und ihren eher unspektakulären, aber gut aussehenden Mann geheiratet, weil sie wusste, dass er kein Macho ist und immer loyal zu ihr stehen würde. Das Leben von Opa Hüseyin und seinem Enkel Kaan könnte unterschiedlicher nicht sein, gleichwohl aber wurden die traumatischen Erlebnisse von 1915 auf rätselhafte Weise über Jahrzehnte und zwei Generationen hinweg bis in die Jetztzeit weitergereicht. Der inzwischen vierzigjährige Kaan trägt unermüdlich Indizien dafür zusammen, wobei die Handlung in weiten Sprüngen die Zeit vom Bosporus bis nach New York, vom Schwarzen Meer bis nach dem München der 1980er Jahre durcheilt. «Schreib endlich die Geschichte auf«, sagt der Großvater, «Schreibe, damit du sie vergessen kannst. Denn nur im Vergessen besteht die Chance zu überleben».

Es ist eine latent in Kaan schlummernde Aggressivität, die ihn letztendlich zum Schreiben veranlasst, außerdem seine ständige Selbstüberforderung als Musiker, aber auch eine geradezu toxische Liebesunfähigkeit. Der Leser wird Zeuge eines Schreibprozesses, bei dem der Autor mit der detektivischen Kleinarbeit seines Protagonisten wirkungsvoll einen Spannungsbogen aufbaut. Leider bleibt sein Held aber bis zum Schluss als Figur unsympathisch, die in vielen Zeit- und Orts-Sprüngen fraktionell erzählte Geschichte ist zudem schwer durchschaubar und wirft mancherlei Fragen auf, die sie nicht beantwortet. Wie andere, thematisch vergleichbare Romane (Alex Schulman – Verbrenn all meine Briefe) bleibt auch dieser hier die Antwort schuldig, wie sich ein kühn behauptetes, generationen-übergreifendes Weiterreichen von Schuld denn psychologisch erklären lasse, – Marc Sinans wortreiche Recherche bleibt jedenfalls ohne Ergebnis!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Verbrenn all meine Briefe

Roman im Roman

Der in Deutschland wenig bekannte Schriftsteller Alex Schulman hat mit seinem autobiografischen Roman «Verbrenn all meine Briefe» nur vordergründig einen Liebesroman geschrieben. Tatsächlich geht es in der spannenden Erzählung des Autors um ein lange zurückliegendes Drama, das seine Spuren über drei Generationen hinweg in seiner eigenen Familie hinterlassen habe. Der in Schweden sehr populäre Bestseller-Autor gilt als Spezialist für schwierige Familienverhältnisse, wie schon ein Blick auf die Titel seines Œuvres erahnen lässt. Im vorliegenden Roman nun geht es um eine mehr als fünfzig Jahre und über drei Generationen zurückliegende, geheime Liebe, die kaum erklärliche, stattdessen aber katastrophale Folgen in seiner Familie gezeitigt habe, von denen er sich selbst betroffen sehe.

Der Prolog zum Roman beginnt mit dem Satz: «Ich weiß nicht, wie oft ich das noch ertragen kann». Bei einer heftigen Auseinandersetzung mit seiner Frau hat der Ich-Erzähler Alex vor Zorn eine Pfanne samt Inhalt gegen die Küchenwand geworfen. Entsetzt sieht er die Angst in den Augen seiner Frau, und auch seine drei Kinder sind ziemlich verstört nach dem Vorfall. Er erkennt, dass er mit seiner inneren Wut ungewollt einen tiefen Graben zu seiner Frau aufreißt und beschließt, dagegen anzugehen, die Ursachen dafür zu ergründen. Ein typisches Beispiel für diese familiären Spannungen war unlängst die Einladung seines Onkels, Weihnachten bei ihnen zu verbringen. Wie oft bei solchen «friedliche Festen» kommt es dabei zu einer heftigen Auseinandersetzung mit den Verwandten. Wutentbrannt beschließen die Eltern, unter dem Motto «Nie wieder» mit den Kindern am nächsten Morgen ohne Abschied vorzeitig abzureisen.

Den Grund für dieses tief sitzende Unbehagen vermutet Alex in der Vergangenheit seiner Familie. Er beschließt, nach den Ursachen zu forschen und beginnt bei seinen Großeltern, die sich im Sommer 1932, also vor 68 Jahren, bei einem Aufenthalt in der Sigura Literatur-Stiftung anlässlich eines Symposiums kennen gelernt haben. Der erfolgreiche Schriftsteller Sven hat dort ein Stipendium erhalten und will die Zeit nutzen, im für diese Zwecke zur Verfügung gestellten Turmzimmer ein neues Buchprojekt in Ruhe zum Abschluss zu bringen. Seine 24jährige Frau Karin begeleitet ihn, sie ist als Tochter eines Nobelpreisträgers ebenfalls literaturaffin und nimmt an vielen Veranstaltungen teil. Ihr Ehemann Sven erweist sich bei den verschiedenen Diskussionen oft als unbeherrscht und streitlustig. Er vertritt diametral andere Meinungen als der junge Schriftsteller Olof, dessen anspruchvolle Romane wenig gelesen werden und der deshalb ständig in Geldnöten ist. Karin kommt am Rande mit Olof ins Gespräch, sie verlieben sich spontan und heftig ineinander, es kommt schließlich zum Ehebruch. Diese geheime Liebe droht ständig aufzufliegen, ein Skandal, bei dem nicht absehbar wäre, wie der jähzornige Sven reagieren würde. Und tatsächlich scheint Sven Verdacht zu schöpfen und wird immer unleidlicher, bis Karin ihm schließlich erklärt, dass sie sich von ihm trennen will. Bei einer Autofahrt mit ihr kommt es zu einem Unfall, bei dem er als Fahrer leicht verletzt wird, Karin aber erhebliche Brandwunden davonträgt. Letztendlich aber schafft sie es einfach nicht, sich von Sven zu trennen, – sie resigniert. «Verbrenn all meine Briefe», schreibt sie Olof zuletzt!

In einem spannenden Puzzle rekonstruiert der Autor aus Archiven, Rechenchen vor Ort und Gesprächen mit den Verwandten Stück für Stück die kurze, verhängnisvolle Liaison seiner Großmutter. Eine wichtige Quelle sind dabei die Briefe der beiden Liebenden, die Ich-Erzähler Alex schließlich in die Hände bekommt. Neben der mitreißend erzählten Liebesgeschichte mit ihren sympathischen Protagonisten ist es diese Detektivarbeit, die den Spannungsbogen bildet für den klug durchdachten Plot. Der stützt sich, wie der Autor selbst schreibt, auf einen «unzuverlässigen Erzähler», es sei nämlich ausgerechnet Olofs lebenslang geführtes Tagebuch, das den Roman bilde, den wir hier gerade in überarbeiteter Form gelesen hätten!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Stella

Gräuel im Kinderbuchstil

Mit seinem zweiten Roman «Stella» hat Takis Würger einen Aufschrei der Feuilletons herauf beschworen, die im Gegensatz zu den Online-Kommentaren der Leserschaft das Buch überwiegend als misslungen eingestuft haben. Mit dem von Juden als Schoa bezeichneten Holocaust hat der vor allem als Journalist bekannte Autor eine hoch sensible Thematik gewählt, die er in eine als Plot äußerst banale Liebesgeschichte integriert hat, was allgemein nur Kopfschütteln auslöste. Dabei greift diese authentische Geschichte auf die Realität zurück, die bereits als Sachbuch, als Dokumentar- und Spielfilm und sogar als Musical erschienen ist (man glaubt es kaum!)

Beginnend im Januar und endend im Dezember des Jahres 1942 wird darin erzählt, wie ein schüchterner junger Mann namens Friedrich, der aus einer reichen Schweizer Unternehmer-Familie stammt, nach Berlin kommt, um dort eine Kunstschule zu besuchen. Gleich bei seiner Anmeldung wird der Ich-Erzähler eingeladen, in den Saal zu gehen, dort beginne gerade eine Zeichenstunde für Aktmalerei. Auf einer Art Bühne liegt eine nackte junge Frau, die der naive Friedrich bezaubernd findet, er kann den Blick nicht von ihr lösen. Nach Ende der Session spricht sie ihn an, später nimmt sie ihn mit in einen geheimen Jazzclub, wo sie als Sängerin auftritt, die Beiden werden schnell ein Paar. Friedrich logiert in einem vornehmen Nobelhotel und verwöhnt die scheinbar aus einfacheren Verhältnissen kommende Kristin, seine finanziellen Mittel sind äußerst großzügig bemessen von seinem Vater. Über sie lernt Friedrich auch Tristan von Appen kennen, der ebenfalls auf großem Fuße lebt und sich mit Friedrich anfreundet. Man trifft sich immer wieder mal, auch Tristan ist ein Jazzfreund, und er hat gute Beziehungen in höhere Kreise, nimmt die beiden Verliebten zu Einladungen und Empfängen mit.

Friedrich fühlt sich in dieser Gesellschaft sehr wohl, auch wenn der Krieg unübersehbar näher rückt und das Leben der Bevölkerung immer mehr eingeschränkt wird. Das Geld von Friedrich und die Kontakte von Tristan helfen, all diese lästigen Beschränkungen zu umgehen. Als Kristin, die nie bei Friedrich übernachtet, eines Morgens verletzt an seine Zimmertür klopft, erklärt sie ihm: «Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt». Es stellt sich heraus, dass sie Jüdin ist, in Wahrheit Stella heißt und man sie unter Folter dazu gezwungen hat, mit der Gestapo zusammen zu arbeiten und geheime Verstecke von Juden zu finden. Und auch das Geheimnis von Tristan wird schließlich gelüftet, er ist Obersturmbannführer der SS. Der Roman endet im Dezember 1942, als der von Stella verlassene Friedrich Berlin resigniert in Richtung Schweiz verlässt.

Trotz einiger weniger, verhalten positiv ausgefallener Rezensionen brach in den Feuilletons ein Sturm der Entrüstung los. Die Kritik, der Roman sei «voller erzählerischer Klischees», ist dabei noch die mildeste, «Gräuel im Kinderbuchstil» wird da schon deutlicher. In der SZ konnte man sogar lesen: «Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen». Eindeutig aber ist dieser Roman unterhaltend, und durch die Einblendung von Gerichtsnotizen und diversen historischen Ereignissen dieses Jahres 1942, an dessen Ende sich mit Stalingrad auch eine entscheidende Veränderung des Kriegsgeschehens abzeichnete, ist das Buch durchaus auch bereichernd. Ein Teil des Frusts der Kritiker war sicherlich auch dadurch ausgelöst worden, dass der Roman vom Verlag als «literarisches Großereignis» angekündigt wurde. Nur was den Skandal betrifft, stimmt das vollinhaltlich, denn so was gibt es nicht alle Tage! Der Roman selbst jedoch leidet an seiner Ambivalenz, harmlose Liebesgeschichte und brutale Judenverfolgung sind nicht unter einen Hut zu bringen, das wird dem Leser nach der Lektüre klar, und das ist zweifellos auch moralisch bedenklich, gerade in einem deutschen Roman! Womit denn auch gleich die Frage aufgeworfen wird, wie konnte Stella hunderte von Juden in den sicheren Tod schicken? Zumindest eine Andeutung dazu hätte man erwartet, es ist ja nicht alles ein Märchen, was man da gelesen hat!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Erzählte Welt

Ohne Skandal geht es nicht

Mit seinem literatur-wissenschaftlichen Fachbuch «Erzählte Welt», dessen Untertitel «Eine Literatur-Geschichte der Gegenwart – 1989 bis heute» seinen Inhalt klar benennt, hat der an der Humboldt Uni in Berlin lehrende Steffen Martus ein wichtiges Werk zum Verständnis seiner Kunstgattung geliefert. Denn wie kein anderes spiegelt es die fundamentalen Umbrüche der Zeit in vielerlei Hinsicht, politisch, soziologisch, aber natürlich auch ästhetisch. Nach der politischen Wende waren ja insbesondere in den beiden deutschen Staaten plötzlich alte Gewissheiten obsolet geworden. Und mit der Digitalisierung änderten sich zunehmend nicht nur die altbewährten Vertriebswege, es änderte sich auch der Stellenwert von Büchern, speziell im Vergleich zu den im Internet konsumierbaren Möglichkeiten der Unterhaltung und Erbauung.

Vorweg bleibt festzustellen, dass dieses Buch kein Nachschlagewerk über Literatur ist, die Intention des Autors besteht vielmehr klar erkennbar darin, Literatur-Geschichte als gespiegelte Gesellschafts-Geschichte zu erzählen. Kein Wunder also, dass mit dem turbulenten politischen Geschehen nach 1989 in Deutschland – über mehr als dreißig Jahre hinweg also – auch die bis dato eher behäbig erscheinende deutsche Literatur kräftig aufgemischt wurde, alle der vielen sozialen Krisen haben in ihr sichtbare Spuren hinterlassen. Schaffen doch ihre kreativ gesehen gottgleichen Schöpfer in ihren Werken eine Welt im Kleinen, die immer auch auf die Realität zurückwirkt. Ganz deutlich war das an der Situation der DDR-Schriftsteller zu sehen, denen sich Steffen Martus gleich zu Beginn ausführlich widmet. Er nennt Christa Wolf als Beispiel dafür, wenn von ihr bei den die Wende auslösenden Demonstrationen am Berliner Alexanderplatz politische Orientierung  erwartet wurde. Die sie auch geliefert habe, die sich dann aber schnell als reine Utopie erwiesen hat. Der Sozialismus war wegen der Konsumgier der ostdeutschen Bevölkerung, wegen ihres übermächtigen, materiellen Nachholbedarfs aus der Politik wie auch aus der Literatur in kürzester Zeit verschwunden. Ihm wurde keine Träne nachgeweint, was sich erst in jüngster Zeit vereinzelt geändert hat, ohne dass aber bisher eine wirklich literarische Aufarbeitung stattgefunden hätte. Während des so genannten deutsch-deutschen Literaturstreits veränderte sich die Gesellschaft jedenfalls von Grund auf.

Die literatur-soziologische Perspektive von Steffen Martus, die immer eng an den behandelten Büchern bleibt, beschäftigt sich weniger mit den Aufregungen um die allseits bekannten «Großschriftsteller» wie Handke, Grass, Böll oder Botho Strauss. Er arbeitet vielmehr an vielen Beispielen speziell die Bedeutung der Entwicklungen im popkulturellen Bereich heraus und zeigt auf, wie Literatur marktkonform wird. Dabei interessiert er sich auch für den rasanten Aufstieg des neuen Marktsegments «New Adult». Ausgehend von einem New Yorker Verlag seit 2009 als spezielles Subgenre der Literatur forciert, wird damit eine neue, bisher nicht erreichte Zielgruppe zwischen den Lesern von Liebes- und denen von Jugendromanen angesprochen. Neben den explizit erotischen Themen darin sind im deutschen Sprachraum die fast ausschließlich englischen Titel dieser Romane typisch, ein Merkmal der mit Anglizismen am ehesten ansprechbaren Jugendlichen.

Anschaulich verfasst, ist dieses unterhaltsame Buch der Versuch, dem über den Tellerrand der konsumierten Lektüre hinaus interessierten Lesern tiefere Einblicke in eine der großen Kunstgattungen zu gewähren, ohne sie mit spezifischem Fachwissen zu überfordern. Sein Augenmerk liegt dabei auch auf der Rezeption von Literatur, den Wirkmechanismen im allfälligen Meinungsstreit unter denn Kritikern und Lesern sowie den literarischen Strömungen und Skandalen. Und prompt wurde dem Autor nun in einer Kolumne von Maxim Biller, dem Enfant terrible und Spitzenreiter peinlicher Selbstüberschätzung unter den deutschen Autoren, fälschlich unterstellt, bewusst jüdische Autoren ignoriert zu haben, – ganz ohne Skandal geht es wohl nicht in der Literatur, lernen wir daraus!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Sachbuch
Illustrated by Rowohlt

Gern gesehene Gäste

Keine «große» Literatur

Im umfangreichen Œuvre des Schriftstellers Thommie Bayer ist soeben mit «Gern gesehene Gäste» ein neuer Roman erschienenen, der in weiten Teilen einem Roadmovie gleicht und ganz unspektakulär einen Handwerker als Protagonisten aufweist. Allerdings, und das deutet auf autobiografische Bezüge hin, sind mit dem Ehepaar Eric und Keira die wichtigsten Figuren beide Schriftsteller. Außerdem spielt Musik eine gewisse Rolle, was nicht verwundert, ist der Autor doch vor seiner Hinwendung zur Schriftstellerei auch als Musiker aktiv gewesen, und als künstlerisches Multitalent war er sogar auch als Maler tätig.

Matteo ist ein introvertierter Sonderling, der schon in der Schule als Außenseiter galt. Alle Versuche seiner Mutter, einer selbständigen Buchhändlerin, ihn zu Freundschaften mit den Schulkameraden zu animieren, indem sie bei seinen Geburtstagen alle Mitschüler eingeladen hat, sind jedoch gescheitert, er ist und bleibt ein Einzelgänger. Sein Alleinsein kompensiert er schon sehr früh mit Büchern, und er hilft seiner Mutter auch im Buchladen, so gut er kann. Nach seiner Lehre als Zimmermann folgt er der uralten Tradition und geht auf die Walz, die ihn durch ganz Deutschland und umliegende Länder führt. Erst nach der vorgeschriebenen Mindestzeit von fünf Jahren und einem Tag kehrt er erstmals in die Heimat und zu seiner Mutter zurück. Fortan arbeitet mit einem alten Freund zusammen, der sich auf Renovierungs-Arbeiten spezialisiert hat. Dabei lernt er die beiden Schriftsteller kennen, die ein ziemlich herunter gekommenes Bauernhaus als Refugium gekauft haben, um sich endgültig dorthin zurück zu ziehen. Schnell entsteht eine enge Freundschaft zu dem charismatischen Ehepaar. Er ist intellektuell ziemlich auf Augenhöhe mit ihnen, sie schätzen ihn als idealen Gesprächspartner, obwohl sie altersmäßig die Eltern des inzwischen Dreißigjährigen sein könnten. Besonders mit der attraktiven Keira fühlt er sich seelenverwandt.

Als Eric, der von den Beiden der erfolgreichere Schriftsteller ist und oft auf Lesereisen gehen muss, ihm das Angebot macht, ihn als sein Chauffeur zu begleiten, da er selbst keinen Führerschein hat, willig er freudig ein. Es entsteht dadurch ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Lange Strecken der Geschichte füllen die sich meist ähnlichen Erlebnisse und Begegnungen auf diesen oft wochenlangen Autoreisen, die teils in Büchereien, teils in eigens angemieteten Versammlungs-Räumen stattfinden und immer ein großes Publikum anlocken. Das zu 90 Prozent übrigens aus Frauen besteht, die den charismatischen Eric anhimmeln. Hier plaudert Thommie Bayer genüsslich aus dem Nähkästchen und enthüllt so manches Interna der Literatur-Branche. Dabei stellt sich dann aber leider schon bald Langeweile ein beim Lesen, weil sich das ständig gleiche Prozedere derartiger Veranstaltungen und die sich ebenso ähnelnden Begebenheit auf den Autoreisen und in den Hotels ständig wiederholen. Die Zigarette nach der Lesung, der letzte Drink abends an der Hotelbar, die Raststätten an der Autobahn, der schnelle Imbiss unterwegs.

Fast unmerklich beginnt der Autor einen Spannungsbogen aufzubauen, als Matteo entdeckt, dass sich hinter Erics Erfolgen scheinbar ein Geheimnis verbirgt. Immer wenn seine Bücher überschwänglich gelobt werden, setzt er eine undurchdringliche Miene auf, so als ginge ihn das alles nichts an. Der Leser wird also zu Spekulationen angeregt, weil Eric einen unerklärlichen Abstand zu seinen Büchern erkennen lässt. Wobei sich das nahe Liegende natürlich als falsch erweist. Denn der Autor baut mehrere Varianten ein, um die Vermutungen des Lesers zu konterkarieren, und wartet dann mit einem umso mehr überraschenden Finale auf. Damit werden die legitimen Erwartungen der Leserschaft nach Unterhaltung voll erfüllt, wird mit Walz und Lesereise sogar durchaus Bereicherndes erzählt, das Ganze bewegt sich aber immer hart am Rande der Trivialität. Es fehlt insbesondere an psychologischer Tiefe bei den Figuren, mit denen man sich emotional nicht verbunden fühlt. Keine «große» Literatur also!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Marmor, Quecksilber, Nebel

Wenn Wissenschaft poetisch wird

Das gerade erschienene Buch der Schriftstellerin Judith Schalansky mit dem Titel «Marmor, Quecksilber, Nebel« und dem Untertitel «Woraus die Welt gemacht ist» trägt keine Genrebezeichnung. Es ist ähnlich wie bei ihrem erfolgreichen Bildungsroman «Der Hals der Giraffe» eine Mischung aus Essay und Fiktion, wobei die Thematik naturwissenschaftlicher Art ist, es geht dabei um Erkenntnisse und Empfindungen die Materie betreffend. Damit gehört die Autorin als jüngste zu den populärsten deutschen Vertretern des Natur Writing, wobei das deutlich gewachsene Umweltbewusstsein natürlich auch das zunehmende Interesse an dieser Art Literatur erklärt. Dazu passt wohl auch, dass Judith Schalansky in Jahre 2023 die Ehre zuteil wurde, als bisher neunte Schriftstellerin ein neu geschaffenes, unveröffentlichtes Werk an die norwegische ‹Future Library› in Oslo übergeben zu dürfen. Damit gehört es zum Bestand von 100 Texten, die erst im Jahre 2114 veröffentlich werden sollen. Alle eingereichten Manuskripte werden in der Osloer Bibliothek äußerst streng unter Verschluss gehalten und in Glasvitrinen ausgestellt. Eine Ehrung post mortem also! Ein parallel dazu gepflanzter Wald nahe Oslo ist im Rahmen dieser Aktion als Ausgleich für den Papierverbrauch beim künftigen Druck dieser 100 Werke vorgesehen. Wie schön, dass es solch kreative Idealisten gibt!

Die drei Kapitel des vorliegenden Buches gingen aus drei im Jahre 2025 von der Autorin gehaltenen Vorträgen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen hervor. Dabei ging es ihr um die Frage, inwieweit sich Weltgeschichte auf einen einzelnen Gegenstand zurückführen lässt. So ist es zu Beginn ein Marmorblock, der ihr bei einer Fahrt mit der Fähre durch das Thrakische Meer auffällt. Es sind gleich mehrere Tieflaster mit solch tonnenschweren Blöcken, die sie im Transportdeck bestaunt, wobei sie einem Aufdruck entnimmt, dass so ein Marmorblock 27 Tonnen wiegt. Ihre Gedanken beginnen, um dessen Beschaffenheit und seine Materialeigenschaften zu kreisen. Gerade der hier transportierte, schneeweiße Thrakische Marmor sei ja der begehrteste, stellt sie fest, weil er keine Maserung aufweist und damit für Statuen ideal geeignet ist. Die Gedanken der Ich-Erzählerin kreisen auch um dieses Material als bis in die Antike zurückreichender, begehrter Baustoff. Sie nennt einige berühmte Gebäude, in denen viel Marmor verbaut wurde, und erzählt von deren Geschichte. Sogar in ihrer heimischen Berliner Staatsbibliothek, die sie täglich aufsucht, findet sie überraschend viele Marmorflächen.

In ihrem Buch verknüpft die Autorin gekonnt die Geschichte des Marmors mit einer Vortragsreise zur Uni in Guadalajara sowie einem Ausflug auf den Brocken im Harz. Dabei stellt speziell der Nebel auf dem Berg die Verbindung her zu historischen Betrachtungen über die Welterschließung, zum Beispiel in Form von Orakelsprüchen, löst aber auch skeptische Reflektionen der KI gegenüber aus. Am Beispiel Marmor zeigt sie die Gemeinsamkeit zur Schreibarbeit auf: In beiden Fällen liege zu Beginn ein unbehauener Block vor, der intensiv und sorgfältig bearbeitet werden muss, um dann in Vollkommenheit erstrahlen zu können. Wie die Statue im Marmor, so lag für die Autorin ihr Text bereits im Stofflichen vor, sie musste ihn für dieses Buch nur herausarbeiten wie Michelangelo seinen David.

Der Text ist angereichert mit vielen Querverweisen und Reflexionen in die Kulturgeschichte, die allesamt zur Unterstützung ihrer verschiedenen Thesen dienen sollen, denn jeder Aspekt zieht eine neue Betrachtung nach sich. «Wenn ich wüsste was ich tue» hat Judith Schalansky dem Tagesspiegel gestanden, «dann täte ich es nicht». Daraus kann man folgern, sie sei mitgerissen worden von einem Gedankenstrom bei ihrem Text, der die materiellen Rahmenbedingungen von Literatur zum Gegenstand hat. Dazu gehört auch die bange Frage: Wo liegt die Zukunft des Buches? Viele Leser dürften mit den wild wuchernden Assoziationen dieses von vermeintlichen Erkenntnissen geradezu strotzenden Werkes ihre Probleme haben, – andere werden jubeln!

Fazit:   mäßig

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Genre: Essay
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Gefährten

Fraktionelles Zeitdokument

Von der hierzulande kaum bekannten, dänischen Schriftstellerin Christina Hesselholdt liegen nur wenige Werke in deutscher Übersetzung vor, dazu gehört auch der 2018 veröffentliche Roman «Gefährten». Das im Original in Teilstücken zwischen den Jahren 2008 und 2014 erschienene Werk mit sechs Ich-Erzählern im Alter um die vierzig kommt ohne roten Faden aus, erzählt werden unabhängig von einander kleine und kleinste Lebensabschnitte der Protagonisten aus einer sehr persönlichen Sicht und ohne auf ein Ziel zuzusteuern. Damit wäre es jederzeit möglich, nur einzelne Abschnitte zu lesen, ohne etwas versäumt zu haben, alle Erzählschnipsel dieses raffinierten Zeitdokuments stehen für sich allein.

Alma und Kristian, Camilla und Charles, Edward und Alwilda bilden als Kopenhagener Jugendfreunde eine unzertrennliche Gemeinschaft, sie schätzen sich gegenseitig als intellektuelle Gesprächspartner und unternehmen vielerlei miteinander, nicht zuletzt auch mehr oder weniger ausgedehnte Reisen, auch rund um den Erdball. Themen ihrer Gespräche sind die Ehe, die nicht immer so verläuft, wie es einst erhofft worden ist, ferner persönliche Ziele, die man scheinbar verpasst hat, sowie latent vorhandene Sehnsüchte und unerfüllte Träume. Inzwischen stellen sich auch erste Krankheiten ein, der allgegenwärtige Tod in der Elterngeneration erinnert sie unerbittlich daran, dass auch ihr Leben vergänglich ist. Und nach wie vor bleibt die Liebe ein dominantes Thema des Lebens, sie ist vergänglich, taucht aber auch oft überraschend neu wieder auf, wenn man schon längst nicht mehr an dieses übermächtige Gefühl gedacht hat.

Jede einzelne Szene des Romans steht selbständig für sich, irgendwelche Übergänge sind nicht erkennbar in dieser konsequent durchgehaltenen, fraktionellen Erzählweise. So schildert Camilla zum Beispiel, wie sie mit Charles eine Striptease-Bar besucht, wo die beiden total versacken. Sie kommt mit den Tänzerinnen ins Gespräch, die an einem Extratisch zusammen sitzen. Zu vorgerückter Stunde bietet sie einer der Tänzerinnen ihren Man an: «Willst Du ihn kaufen?» frage ich, «für 300 Euro?» Nach einem zweifelnden Blick auf Charles sagt die Tänzerin: «Oje, das ist aber viel Geld». «Er ist zwar schon etwas älter, aber er ist gut […] er fickt wie ein Hengst.» Nach acht Stunden in der Bar stellen sie am Morgen entsetzt fest, dass sie 9000 Kronen ausgegeben haben. Es ist Camilla, der die Autorin die meisten Szenen in den Mund gelegt hat, sie dominiert vom Stoff her etwas gegenüber den anderen Ich-Erzählern. Derart radikal subjektive Szenen, die sich oft nur über wenige Seiten hinweg erstrecken, gibt es hunderte in diesem vielschichtigen Roman, mal heiter, mal ernst, mal traurig oder gar extrem bitter. Stilistisch also ein steter Wechsel zwischen Dur und Moll, wie das Hamburger Abendblatt so anschaulich schrieb.

Dabei geht es nicht selten auch derb zu, wird anzüglich geredet auch in den häufigen inneren Monologen der sechs Erzählinstanzen, um deren Befindlichkeiten es geht in diesem Roman mit seinen vielen Facetten. Ihre zuweilen larmoyante Suche nach sich selbst ist stets feinsinnig und häufig auch selbstironisch. Abgesehen von einigen extremen, ungewöhnlichen Situationen dreht es sich zumeist um Alltägliches, mit dem diese Intellektuellen konfrontiert sind. All das wird authentisch beschrieben mit zuweilen melancholischem Unterton. Dabei gelingt es der dänischen Autorin, befreiend offen und geradezu beiläufig von den Problemen, Kümmernissen, aber auch von Abenteuerlust und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit ihrer Figuren zu erzählen. Am intensivsten bleibt nach der Lektüre der Eindruck zurück, welches besondere Lebensglück doch in der Verbundenheit mit Freunden liegt. Bereichernd sind auch die vielen intertextuellen Verweise, die zahlreiche Größen aus dem literarischen Olymp mit einbeziehen, von denen einige aber auch explizit zitiert werden. Sylvia Plath kommt beispielsweise schon im vorangestellten Zitat zu Wort, Vladimir Nabokov, Virginia Woolf, Nadine Gordimer und viele andere folgen.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Das Café ohne Namen

Klischeehafte Milieu-Schilderungen

In seinem autobiografisch inspirierten Roman «Das Café ohne Namen» schildert der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler, wie zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt Wien, aus den Trümmern erhoben, in eine neue Zeit hineinwächst. Als Setting nutzt er das titelgebende Café, in dem ein buntes Völkchen von Figuren aus der untersten Gesellschaftsschicht sich die Klinke in die Hand gibt. Wie schon der Titel zeigt, bildet das namenlose Café hier also nur die als solche bedeutungslose Bühne, auf der allein die zahlreichen Figuren, mit ihren Ängsten und Nöten kämpfend, den Erzählstoff dieses Romans bilden. Wobei diese Menschen allesamt, durchaus typisch für diesen Autor, mit ihrem Schicksal hadern und gegen ihre Einsamkeit ankämpfen.

Der Roman beginnt orts- und zeitgleich mit der Geburt des Autors in Wien im Spätsommer 1966. Der junge Gelegenheitsarbeiter Robert Simon, der auf dem Karmelitermarkt in Wien sein Brot verdient, beschließt, eine schon länger leer stehende Gastwirtschaft zu pachten und dort ein Café zu eröffnen. Wobei es eigentlich nicht ein typisches Café ist, das er betreiben will, sondern, vom gastronomischen Angebot her gesehen, eine Mischform mit einer Kneipe, in der die Anwohner und die in dem Viertel arbeitenden Menschen verkehren. Bei ihm also das Kaffeekränzchen älterer  Damen ebenso wie der Trupp von Bauarbeitern, die hier ihre Mittagspause machen. Und tatsächlich geht Simons Kalkül auf, sein «Café» entwickelt sich schnell zu einem Szene-Treff im herunter gekommenen zweiten Wiener Bezirk. Manche seiner Gäste suchen lediglich nach Gesellschaft, andere nach Anerkennung und einige sogar nach Liebe. Und alle bringen ihre Geschichten mit, von denen dieser Roman erzählt und von denen nicht zuletzt auch Simon profitiert, er «wächst» menschlich sogar an ihnen.

Kurz entschlossen schließt Simon mit dem Hausbesitzer einen Pachtvertrag und beginnt gleich auch mit der dringend erforderlichen Renovierung der verwahrlosten Räume. Er wohnt bei der Kriegerwitwe Martha Pohl  und freundet sich sehr schnell auch mit dem Fleischermeister Johannes Berg auf der anderen Straßenseite an, sein direktes Gegenüber, der dem unerfahrenen Kneipier auch einige gute Ratschläge gibt. Als die junge Hilfsnäherin Mila aus der Textilfabrik, die gerade ihre Arbeit verloren hat, weil die Konkurrenz aus China zu stark geworden ist, vor der Fleischerei einen Ohnmachtsanfall erleidet, geht der Fleischer mit ihr ins Café gegenüber und empfiehlt sie dem Simon als Bedienung, die er ja sowieso bald brauche, denn dessen Geschäfte gehen gut. Dort verkehrt inzwischen auch René Wurm, einer der wilden Heumarkt-Ringer, der von dem Trubel um die Catcher-Kämpfe gut lebt, aber immer von Amerika träumt. Als es im nächsten Winter bitterkalt wird, ergänzt Simon sein Getränke-Angebot um Punsch, der denn auch sofort begeistert angenommen wird. Es gibt Eifersuchts-Szenen in seinem Café, René und die Bedienung Mila finden als Liebespaar zueinander und bekommen ein Kind, das aber bei der Geburt stirbt. Es ist ein bunter Reigen an Geschehnissen, die der Autor in seinem Roman beschreibt und in dem so ziemlich alle Vorkommnisse thematisiert werden, die sich in derartigen Kreisen ereignen können. Am Ende stürzt am 1. August 1976 nachts kurz vor 5:00 Uhr auch noch die Reichsbrücke ein, woraufhin Simon spontan sein Café schließt.

Von wenigen Rückblenden abgesehen wird die Handlung in 39 Kapiteln chronologisch und intern fokalisiert erzählt. Dabei beweist sich der Autor als Meister darin, kleine und kleinste Ereignisse zu literarischen hoch zu stilisieren. Unbefriedigend bleibt vor allem, dass gerade hier, im größten Judenviertel Wiens, der Holocaust völlig unerwähnt bleibt. Meist ist es ereignisloser Klatsch und Tratsch, der hier erzählt wird, ein oberflächliches Gerede ohne Belang, als ereignislose Banalitäten zum Weiterdenken partout ungeeignet. Welche Intentionen der Autor mit seinen klischeehaften Milieu-Schilderungen letztendlich verfolgt, bleibt sein Geheimnis!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Claasen München

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Unerquickliches Nebenwerk

Es ist nahe liegend, wie Bodo Kirchhoff auf die Idee für seinen kurzen Roman «Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt» gekommen ist. Er hat dazu im Interview erklärt, er habe selbst per E-Mail eine solche Einladung erhalten (sic). «Es hörte sich großartig an. Dann gab es einen Anhang und dann habe ich diesen Anhang studiert und mit meiner Frau darüber gesprochen und am nächsten Tag haben wir zwei freundliche Zeilen zurückgeschickt. In dem Moment, wo diese beiden Zeilen abgeschickt wurden, da kam mir der Gedanke: Das kann man auch auf 130 Seiten ausdehnen, diese Antwort». Und so besteht nun der gesamte Roman aus einer einzigen Antwort-Mail seines Ich-Erzählers, die er mit mentaler Unterstützung durch so manches Glas edlen, gut abgelagerten Whiskys verfasst und der Kreuzfahrt-Reederei zurück geschickt hat. Das mithin ist der komplette Roman, den wir lesen, – es geht hier also niemand an Bord!

Das Alter Ego des Autors wird als «Gastkünstler» samt Begleitung zu einer 14tägigen Kreuzfahrt in die Karibik eingeladen. Beginnend und endend in Havanna soll sie in einem dreiviertel Jahr, über Weihnachten und Sylvester hinweg, stattfinden. Es wird ihm ein großzügiges Honorar geboten, eine Kabine mit Außenbalkon und andere Vergünstigungen, wenn er täglich eine Lesung veranstaltet und auch an den anschließenden Diskussionen über das Werk teilnimmt. In dem 18seitigen Anhang der E-Mail stößt er auf allerlei Pflichten und Regelungen, die nicht unbedingt seinen Vorstellungen entsprechen. Das Schiff kann 5000 Passagiere aufnehmen, um die sich insgesamt etwa 2000 Mitarbeiter kümmern, für einen Einsiedler wie ihn schon das fast ein Alptraum. Die Reederei hat außer ihm noch zwei weitere «Edutainer» engagiert, also Allein-Unterhalter, die belehrend und unterhaltend zugleich tätig sind. Er sieht sich intellektuell nicht auf einem Niveau mit den Kollegen, die wie er die gelangweilten Passagiere unterhalten und bespaßen sollen.

Zu den Problemen, die der Schriftsteller in dem umfangreichen Anhang zur Einladung findet, gehört in erster Linie mal die Auswahl der Stücke, die er aus seinen Werken vorlesen soll. Die müssen nämlich mit der Reederei im Voraus abgestimmt werden, damit die Passagiere nicht eventuell verunsichert werden. Ein Eingriff in seine Kunst, den er kaum akzeptieren kann. Lustvoll entwickelt Bodo Kirchhoff ein Problem nach dem anderen, mit dem sein Protagonist konfrontiert ist, selbst wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass Derartiges wirklich passiert. Und er hadert noch mit vielen anderen Umständen dieser Kreuzfahrt. Könnten nicht Passagiere an Bord sein, die schlimmstenfalls auf hoher See eine Gefahr darstellen. Ist der Kapitän absolut zuverlässig oder könnte sich wiederholen, was 2012 mit der Costa Concordia passierte, als sie nahe der Insel Giglio auf Grund gelaufen ist, wobei 32 der 4229 Passagiere ums Leben kamen. Überhaupt habe er Zweifel, ob derartige Reisen mit ihren immensen Umweltbelastungen überhaupt noch in die Zeit passen. Der Protagonist brennt ein wahres Feuerwerk ab an Einwänden, nebenbei erfährt man aber auch eine Menge an Details über solche Reisen, die Gepflogenheiten an Bord betreffend ebenso sowie die Reisenden selbst und deren Motive, die er voller Ironie überaus kritisch hinterfragt.

Es fragt sich, ob der Autor hier nicht selbstverliebt mit seiner Bildung protzt, wenn er derart viele intertextuelle Verweise einfügt. Seinen Protagonisten zeichnet er ziemlich übertrieben einerseits als verachtenswerten Hasenfuß, andererseits aber auch als großmäuligen Macho, dem das andere Geschlecht prinzipielle unterlegen sei. Bei alldem schwingt zwar auch eine gewisse Selbstironie mit, und die vielen heraufbeschworenen Unglücks-Szenarien sind unverkennbar satirisch überhöht. So richtig zum Tragen aber kommt sein Witz leider nicht, und seine Ironie kippt allzu häufig in reine Selbstverliebtheit um. Dieses laut Autor «Nebenwerk» ist jedenfalls keine literarische Bereicherung, es ist und bleibt unerquicklich als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Frankfurter Verlagsanstalt

Du hättest gehen sollen

Autofiktionale Schreibkrise

Die Erzählung «Du hättest gehen sollen» von Daniel Kehlmann thematisiert die Schaffenskrise eines Drehbuchautors mit Elementen des Horrorfilms, allen voran wird man an «Shining» von Stanley Kubrick erinnert. Dem Ich-Erzähler kommt in einem einsam gelegenen, hochmodernen Chalet in den Alpen die Wirklichkeit abhanden. Das Ganze endet chaotisch, das Kladde des Drehbuchautors bleibt leer und seine Ehe ist gescheitert, – oder auch nicht? So ganz sicher ist nichts in dieser mit phantastischen Elementen angereicherten Erzählung, deren letzter Satz «Und dabei bin ich erst ganz am» ohne Schlusspunkt endet! Ein Zeichen der Unfertigkeit, die sich auch an anderen Stellen im Text dieses unzuverlässigen Ich-Erzählers häufig findet.

Mit Frau und vierjähriger Tochter hat sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler für einige Tage ein Chalet gemietet, um Ruhe zu finden für das Drehbuch eines Films, der als Fortsetzung an den großen Erfolg seines letzten Spielfilms anknüpfen soll. Aber er kommt über einzelne Stichworte und Ideen für sein Filmskript, die er in sein Notizbuch schreibt, nicht hinweg, die auf dem Schreibtisch bereit gelegte Drehbuch-Kladde bleibt leer. In diesem 92 Seiten langen Büchlein findet sich, wie in vielen seiner anderen Bücher, auch der Spiegel als beliebtes Metapher des Autors wieder. Sein Held erkennt sich nicht wieder im Spiegel, er ist seltsam verzerrt oder überhaupt nicht sichtbar, wirkt wie sein eigener Doppelgänger, weiß zwischen Original und Spiegelbild nicht mehr zu unterscheiden. Sogar in dem nächtlich dunklen Fenster seines Arbeitszimmers sieht er manchmal nicht sein Spiegelbild. Ähnlich mysteriös erscheinen plötzlich Bilder an den Wänden, wo vorher keine waren, tauchen an anderer Stelle auf oder zeigen etwas ganz anderes. Der Schwindel mit der Realität geht so weit, dass er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut, die Entfernungen im Haus verschieben sich, auf nichts ist mehr Verlass. Ein Geodreieck, das ihm der ziemlich einsilbige Besitzer des Dorfladens beim Einkauf geschenkt hat, zeigt falsche Winkel an. Sogar das Haus verändert seine Proportionen, ist plötzlich riesengroß oder wirkt völlig schief gebaut, er glaubt schließlich sogar, sich in zwei Wesen aufgespaltet zu haben, denn wenn er die Hautür öffnet, fürchtet er, selbst davor zu stehen.

Im Dorf raunt man von unerklärlichen Vorgängen in dem Chalet und dessen Vorgängerbauten, es soll sogar mal ein Turm an dieser Stelle gestanden haben. Einige Urlauber seien spurlos von dort verschwunden, der Ort sei des Teufels. Als der Drehbuchautor den Vermieter anrufen will, um ihn über seine vorzeitige Abreise zu informieren, sucht er im Mobiltelefon seiner Frau nach dessen Nummer und stößt dabei auf eine Textnachricht: «Ich will dich wieder anfassen», -Absender ist ein gewisser David. Er blättert weiter und findet viele ähnliche Nachrichten von ihm. Als er seine Frau zur Rede stellt, verlässt sie nach heftigem Streit das Haus und fährt mit dem Auto davon. Er sitzt in der Falle und flüchtet mit seiner kleinen Tochter zu Fuß hinunter ins Dorf, um dort ein Taxi zu bestellen. Als er fast am Ziel ist, sieht er plötzlich ein erleuchtetes Haus, muss aber feststellen, dass er vor der Haustür des gemieteten Chalets steht. «Du hättest gehen sollen», denkt er sich.

Nach der Lektüre stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob diese Erzählung autofiktional ist, ob Daniel Kehlmann hier seine eigene Schreibkrise schildert. Weder der Plot kann überzeugen noch die wenigen Figuren in diesem literarischen Kammerspiel. Eine besonders schwache Figur ist die der Ehefrau, einer ebenso berühmten wie attraktiven Schauspielerin, die einen akademischen Abschluss in Deutscher Philologie hat und ihrem Mann intellektuell überlegen ist. Sie bleibt als Figur völlig blutleer, die durch ihre Untreue ausgelöste Ehekrise wird lapidar in wenigen Sätzen abgehandelt. Unklar bleibt auch, ob zwischen Schaffenskrise und Ehekrise ein Zusammenhang besteht. Fest steht nur, dass die äußeren Koordinaten des Ich-Erzählers total verschoben sind. Wirklich ärgerlich aber bleiben die vielen mysteriösen Vorkommnisse, denen rein gar nichts folgt!

Fazit:   miserabel

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Genre: Erzählung
Illustrated by Rowohlt

Gegen die Welt, gegen das Leben

Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend

Von Michel Houellebecq, der als wichtigster französischer Schriftsteller der Gegenwart gilt, wurde 1991 mit seinem Essay «Gegen die Welt, gegen das Leben» sein erstes Werk veröffentlicht. Darin geht es um H. P. Lovecraft, den amerikanischen Urvater der fantastischen Literatur, der weltweit als der einflussreichste Autor der Horror-Erzählungen des 20ten Jahrhunderts gilt. Diesem Sonderling wird ein «kosmischer Horror» attestiert, dessen Thematik sich um die Angst vor dem Unbekannten und die Unermesslichkeit des Universums dreht. Bei seinem romanhaften, fiktional angereicherten Essay über ihn geht es Houellebecq insbesondere um die visionäre Kraft von Lovecraft, aber auch um seine Außenseiter-Stellung und die Ursachen für seinen Rassismus. Indem er dem Amerikaner, den er auf eine Stufe stellt mit Edgar Allen Poe, literarisch ein Denkmal setzt, entwickelt er die Grundlagen für seine eigene Poetik und schafft damit einen Schlüssel zu seinem eigenen, umfangreichen Werk.

Durch das Gesamtwerk des Franzosen zieht sich kontinuierlich eine immerwährende westliche Dekadenz hindurch, und man spürt seinen besonders ausgeprägten Sinn für den Zeitgeist. Kaum ein heutiger Autor ist derart in Skandale und Kontroversen verwickelt wie Michel Houellebecq. Zu den häufigsten Vorwürfen gehört dabei die Behauptung, er sei ein Rassist. Als «nouveau réactionnaire» ist er allerdings wenig daran interessiert, sich gegen solche Vorwürfe zu wehren, – ganz im Gegenteil , er hat sie in Interviews sogar häufig bestätigt und weitere Provokationen hinzugefügt. Außer Rassismus wird ihm aber auch Frauenhass unterstellt, und als Agnostiker gilt er als besonders islamfeindlich, sein Roman «Unterwerfung» ist ein beredtes Beispiel dafür. Sein Image ist geprägt durch seine ebenso häufigen wie scharfen Attacken gegen den Zeitgeist, Skandale sind erkennbar ein wichtiger Bestandteil seiner Strategie, sich am Markt weit oben zu positionieren. Damit ist er zwar ein Mahner, ein Moralist zudem, der allerdings auf die Ursachen für das weit verbreitete Gefühl menschlicher Ohnmacht keine Antwort weiß. Er selbst hat sich im Interview als Autor bezeichnet, der sich mit dem Leiden beschäftigt, das durch den Nihilismus erzeugt wird. Politisch tritt er öfter mal ins Fettnäpfchen, so wenn er zum Beispiel behauptet, Napoleon sei schlimmer als der Gröfaz gewesen, und seine Sympathie für Stalin rühre daher, dass der ja viele Anarchisten umgebracht habe. Zu seinen konträren Standpunkten gehören seine Statements zu den positiven Folgen der Corona-Pandemie ebenso wie die Skepsis den modernen Medien gegenüber, die massenhaft soziale Kontakte zerstören würden.

Das vorliegende Essay über H. P. Lovecraft trägt erheblich zur Legendenbildung um den «Einsiedler von Providence» bei, die fundamentale Sinnlosigkeit des Lebens hätten nur sehr wenige Menschen erkannt, glaubt Houellebecq. Und er nennt als dessen literarische Ingredienzien den «absoluten Materialismus», die Verwendung von wissenschaftlichen Termini, zudem aber auch ein Gefühl, es gebe in seinen Schriften etwas, das partout als nicht-literarisch angesehen werden müsse. Außerdem lehne Lovecraft Freuds Psychoanalyse ab und spreche verächtlich von dessen «puerilem Symbolismus».

Gleich zu Beginn wird der Leser im ersten Satz thematisch eingestimmt: «Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend». Das gilt auch für dieses enttäuschende Essay, mit dem sein Autor den Blick auf einen schon lange in Vergessenheit geratenen Außenseiter mit einer äußerst kleinen Fan-Gemeinde lenkt. Er identifiziert sich als heutiger Exeget mit fast allem, was Lovecraft als Degeneration brandmarkt, wobei er in puncto Misanthropie allerdings hinter ihm zurückbleibt. Aber auch als Privatmann wird der Visionär aus den USA beschrieben, seine Ehe, seine Zeit in New York, seine finanziellen Nöte als Schriftsteller, der nicht veröffentlich wird. Ohne Zweifel dient dieses Essay Houellebecq als Selbstbestätigung für sein eigenes Schreiben, worin denn auch der einzige Nutzen für den literatur-interessierten Leser liegen dürfte.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Essay
Illustrated by DuMont