Die Zikade entschlüpft ihrer goldgelben Hülle

Ausbruch aus der eigenen Denkblase

Der lang erwartete Debütroman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Valeria Gordeev mit dem Titel «Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle» wurde dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gewählt. Der rätselhafte Titel leitet sich ab von einer der 36 Strategeme, Verhaltensregeln also, die als Jahrtausende alte Weisheiten in China Schullektüre sind. Die unter der Erde lebende Larve der Zikade hat eine goldglänzende Hülle, die oberirdisch zu gefährlich wäre und von der geschlüpften Zikade zur Tarnung deshalb abgestreift wird. Die Autorin hat erklärt, was ihr außerdem für diesen im Hier und Jetzt angesiedelten Roman besonders wichtig war: «Das finde ich interessant, dass es Leute gibt, die ihre Lebenszeit tatsächlich als die Zeit begreifen, in der sie aktiv daran mitarbeiten können, dass ihr Leben eventuell nicht oder nicht so schnell endet. Und das ist ja auch ein Gegenpol zu dieser anderen starken Einflussgröße, die mit diesen aufkommenden faschistoiden Tendenzen überall zu spüren ist, diese Todesnähe, die damit immer einhergeht. Das war die Triebkraft, die mich bei diesem Buch interessiert hat». Leben und Tod sind demnach die Pole, um die ihre Geschichte kreist.

Das Geschwisterpaar Lada und Konstantin sind die Protagonisten dieses Romans, beide sind zweisprachig aufgewachsen. Eine instabile sprachliche Gemeinsamkeit allerdings, die im Text immer wieder auch lautmalerisch dadurch verdeutlicht wird, das deutsche Wörter in kyrillischen Buchstaben geschrieben sind und umgekehrt. Lada ist Film-Wissenschaftlerin in Berlin, lebt in prekären Verhältnissen und verdient Geld, indem sie für ihren ebenso vermögenden wie dubiosen russischen Patenonkel Botendienste übernimmt. In Moskau arbeitet Konstantin tief unter dem Lenin-Mausoleum in einem geheimen Forschungsinstitut, das sich im Auftrag des Onkels mit dem dubiosen Longevity-Projekt des schwerreichen Oligarchen beschäftigt. Dabei geht es dem Onkel um nichts Geringeres als um Möglichkeiten der Lebens-Verlängerung und letztendlich auch um die endgültige Überwindung des Todes.

Um diesen kreativ erdachten Handlungskern herum entwickelt die Autorin ein Geflecht von skurrilen Geschichten, die sich auch auf politische Ereignisse in Russland beziehen. Die Diktatur dort findet nämlich ein überraschendes Ende, als Präsident Putin bei einem Hubschrauber-Absturz stirbt. In Wahrheit sei sein Hubschrauber aber nur abgestürzt, weil der Diktator unbedingt einen Schneeleoparden habe füttern wollen. Als sein Nachfolger wird der zwölfjährige Akrobat Arkagij zum Präsidenten gewählt, der sich jedoch bei einem Friedensgipfel in Mexiko City sehr merkwürdig verhält. Was wilde Spekulationen auslöst, die in der These eskalieren, er könne eine Wiedergeburt eines Mitglieds der letzten Zarendynastie der Romanows sein. Es gibt immer wieder neue Nebenhandlungen im Plot dieses dickleibigen Romans, wie beispielsweise wiederholte, äußerst groteske Telefonate mit einer Pilzberatung, Überlegungen zu dem in aller Munde befindlichen Thema Künstliche Intelligenz, die Möglichkeiten humanoider Maschinen oder die Forschungen an lebensverlängernden Medikamenten.

Die alles andere als klassische, fragmentierte Erzählweise dieses Gegenwart-Romans stellt ein kaum überschaubares Handlungs-Geflecht dar, das nicht nur volle Aufmerksamkeit erfordert bei der Lektüre, sondern mit seinen ständigen Abschweifungen und Perspektiv-Wechseln den Leser manchmal auch ins Leere führt. Die Autorin hat dazu erklärt: «Weil für mich die Frage, wie man diese Gegenwart verhandeln kann, so wichtig war, dass das auch gar nicht anders geht als über das Zulassen verschiedener Stimmen und Perspektiven. Es ist ja auch so, dass diese Solo-Perspektive der eigenen Blase das einfach nicht abbildet. Dass ich wirklich auch zugrunde gehe, wenn ich immer in der Enge meiner eigenen Perspektive bleiben muss». Zum Lesegenuss trägt vor allem der brillante Stil bei, in dem all diese ebenso phantasievollen wie amüsanten Episoden geschrieben sind, die sich letztendlich zudem auch noch als sehr bereichernd erweisen!

Fazit:   erfreulich

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by S.Fischer Frankfurt am Main

Trost

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Thematisch dreht sich «Trost», der im Jahre 2022 angesiedelte, neue Roman von Angelika Klüssendorf um eine Patchwork-Familie in Dauerkrise, er ist der fünfte aus ihrem Œuvre. Darin erzählt sie aus wechselnden Perspektiven von Liebe, Zugehörigkeit, Freundschaft, Entzweiung und Enttäuschung, einem Leben voller ungelöster Probleme, oder, wie eine Krankenschwester es an einer Stelle im Roman lapidar ausdrückt: «Manchmal ist das Leben einfach nur anstrengend». Im Mittelpunkt all dieser «Anstrengungen» steht Rita, eine Schriftstellerin Mitte sechzig, die seit mehr als zehn Jahren mit dem falschen Mann liiert ist, was sie zwar schon lange ahnt, was ihr aber, seit kurzem erst, inzwischen zur Gewissheit geworden ist. «Es ist ein stilles Aushalten, das sich über Jahre in diese Beziehung eingeschlichen hat, die einmal Liebe war. Der Alltag mit seinen Unaufmerksamkeiten und kleinen Vertrauensbrüchen hat die Beziehung nach und nach erodieren lassen«, heißt es zu der schleichenden Entzweiung der Beiden.

Obwohl Ritas Tod schon auf Seite 45 feststeht, bleibt sie nach einem Insektenstich und der davon ausgelösten, tödlich endenden, allergischen Reaktion auch im Dauerkoma in der Klinik, der thematische Mittelpunkt. Rita hat auf ihrem alten Bauernhof in Brandenburg, ihrem Refugium, gerade erst ein desaströses Weihnachtsfest hinter sich gebracht. Wie es um sie steht, zeigt gleich zu Beginn eine Szene an einem Januarmorgen. Nach gemütlichem Frühstück -ganz allein am Küchentisch, wie sie es liebt – geht sie ihre geliebten Eulenbarthühner füttern. «Sie öffnet die Haustür, das Draußen erschreckend real. Da steht sie in ihrem Morgenmantel, als hätte sie schon immer dagestanden, so hell ist es, wie in einem überbelichteten Bild. Der Mond allerdings wie wegradiert. Sie geht in die Knie, versucht zu schreien, doch es gelingt ihr nicht, und selbst wenn, wer würde sie hören»? Später fliegt ihr dann auf tragische Weise ein Insekt direkt in die Kehle.

Von nun an wechselt die Erzählperspektive in einem vielfältigen Beziehungsgeflecht, dessen Figuren eng miteinander verknüpft sind. Rita ist seit zehn Jahren mit dem 67jährigen, ehemaligen Musiklehrer Joachim liiert, der in Berlin wohnt und ab jetzt eine der folgenden beiden Erzähl-Instanzen bildet. Nach Ritas tragischem Unfall beginnt er eine Liaison mit der vierzigjährigen Schwester von Ritas Grundstücks-Nachbarn, die dann zu Joachims Entsetzen auch prompt noch schwanger wird von ihm. Joachims Tochter Jane wiederum, die kurz vor dem Abitur steht, ist dann die zweite Figur, aus deren Perspektive berichtet wird. Sie ist eng mit Rita verbunden, die ihr als Vorbild und wichtigste Bezugsperson besonders nahe steht. Zusammen mit dem drogen-süchtigen Bruder von Jane und dessen patenter Frau verkörpern die jungen Leute und ihre Freunde eine ostdeutsche Nachwende-Boheme. Jane stößt bei der Suche nach Autonomie auf die typischen Nöte einer Heranwachsenden, leidet unter der Ignoranz ihrer fernseh-süchtigen Mutter und einer beschämenden Zurückweisung durch ihre beste Freundin. Restlos überfordert verlässt sie schließlich ziel- und orientierungslos das Gymnasium noch vor dem Abitur.

Bei all dem wechselhaften Geschehen, von dem in diesem Plot in vielen Rückblenden berichtet wird, bleibt Rita stets im Mittelpunkt der Erzählung, ihr ausgeglichenes Wesen wirkt auch im Koma noch auf all die Figuren ein, mit denen sie eng verbunden war. Der titelgebende «Trost» entsteht im Roman nur im Kleinen, wenn Jane zum Beispiel an Ritas Krankenbett sitzt und ihre Hand streichelt, oder wenn Ritas Nachbar sich wie selbstverständlich um ihre geliebten Hühner kümmert. Am Schluss heißt es dazu: «Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke – es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe». Na bitte, die Hoffnung stirbt zuletzt! Mit ihren eher schwermütigen Themen ist Angelika Klüssendorf im aktuellen Kanon leicht verdaulicher, Buchpreis prämierter Wohlfühl-Romane jedenfalls eindeutig unterbewertet, aber auch da hilft bekanntlich – Trost!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

King Cobra

Surreale Enttäuschung

Der Debütroman «King Cobra» des ungarisch-deutschen Schriftstellers Muri Darida stellt einen Ausflug in eine ungarische Familien-Geschichte dar, deren Protagonist Lazi sich darin, einer sich häutenden Schlange ähnlich, gleichzeitig wieder finden und neu erfinden muss. Das Buch wurde für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, wo traditionell meistens auch das eine oder andere Werk aufgenommen wird, das sich vor allem durch sprachliche Innovation von konventionell erzählender Belletristik abhebt. Der vorliegende, avantgardistische Roman mit seiner sprach-experimentellen Erzählweise scheint dieses Jahr der Repräsentant das juryübliche Auswahl-Kriterium gewesen zu sein.

Der etwa zwanzigjährige Lazi reist von Berlin aus in sein ungarisches Heimatdorf Őzbarna, das großväterlichen Jagdgewehr soll ihm dienen bei seinem geplanten Rachefeldzug dort. Ein Trauma aus frühester Jugend, das er wegen des Missbrauchs durch einen Blutsverwandten damals erlitten hat, konnte in der anschließenden psychologischen Therapie nicht überwunden werden, nun soll es eben jetzt, durch eiskalte Rache, endlich überwunden werden. Denn nur so, da ist sich Lazi sicher, lassen sich die dauernden Alpträume beseitigen, unter denen er, auch heute noch, sehr leidet. Im Buch heißt es dazu: «In der Behandlung hatte Lazi alles durchgekaut, runtergeschluckt, ausgewürgt und wieder gegessen, mit geschlossenen Augen in der Ich-Form und im Präsens und dann, so sagte Frau Wagner, war alles schön an seinen Platz gerückt, in den Hippocampus. Lazi wollte nicht mehr sterben, sondern töten». So ohne weiteres kommt er dann aber doch nicht an das Gewehr, es gibt familiäre Streitigkeiten um das großväterliche Erbe, und auch rund um das Gewehr tun sich Konflikte auf. Schließlich bringt ihm wenigstens seine Großtante Zsófi bei, mit einem Luftgewehr zu schießen. [Lazi] «legte das rechte Ohr über das Gewehr wie über ein Telefon, ließ es von Zsófi in Position rücken, schob den Blick über die Kimme bis zum Korn, schob ein ‹Bazzeg› (Fuck it) durch die Zähne und schoss. Spürte den Wumms erst in der Brust, dann im Kopf. Ein Donnern wie aus einem fernen Universum, ein Riss im Herzen und dann im Trommelfell. Aztakurva! (dt. Heilige Scheiße)».

In Budapest verliebt er sich in die Kellnerin Kinga. «Auf dem Weg nach draußen hörte Lazi einen Korken ploppen, Kinga singen ‹I’ve fallen in love for the first time›, und das hysterische Kreischen der Kaffeemaschine. This time I know it’s for real: Die Fähnchen auf der Theke, das DJ-Pult, die toten und unsterblichen Stars in den Bilderrahmen. Freddie Mercury, der gerade von Ava Max mit Sweet but Psycho abgelöst würde: alles frühe Vergangenheit, die in Lazis Gegenwart gehörte. Da war er, der Unterschied zu Őzbarna. Dort war alles Gegenwart, die in die Vergangenheit gehörte. […] Und hier, in Budapest, da lag eine Gegenwart, die auf keiner Vergangenheit fußte, sondern von einer Zukunft gezogen wurde». Zeitweilig vergisst er darüber sogar seine Rachepläne und überlegt, vielleicht doch lieber einen Film zu drehen, um den Großvater vor aller Augen auf seiner Geburtstagsfeier damit bloßzustellen.

Die lockere, geradezu subversiv uneindeutige Sprache, die der Autor für seine Erzählung gewählt hat, passt stimmungsmäßig so gar nicht zu dem tragischen Geschehen, über das da berichtet wird. In geradezu absurder Weise wird hier die literarische Äquivalenz von Form und Inhalt negiert, Wut und Hass findet stilistisch in der fast kindlichen Diktion des Romans par tout keine Entsprechung, was während der Lektüre ziemlich verstörend wirkt. Mutmaßlich gewollt verbleibt der Autor in semantischer Mehrdeutigkeit, was dieses Buch zusammen mit seinem zwiespältig erscheinenden Plot zu einem wahrhaft surrealen Roman formt. Er dürfte damit die Erwartungen der Leserschaft eklatant enttäuschen. Das äußerst seltene, weil offensichtlich einmütige Ignorieren dieses irritierenden Romans in den für Literatur maßgeblichen deutschen Feuilletons bestätigt diese Einschätzung denn auch überdeutlich!

Fazit:   miserabel

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Michaela Kohlhaas

Gut gemeint reicht nicht

Der Titel des neuen Romans «Michaela Kohlhaas» von Heike Geißler weist überdeutlich auf die berühmteste Novelle der deutschen Literatur hin, die 1810 von Heinrich von Kleist erschienen ist. Es ist nicht die erste Adaption dieses Stoffes, ein ältere unter dem Titel «Ragtime» stammt von dem Amerikaner E. L. Doctorow, der seinen Helden Coalhouse Walker genannt hat. Wie Heike Geißler im Interview erklärte, war es ursprünglich ihre Absicht, den originalen Stoff auf die Gegenwart zu adaptieren, eine parallele Erzählung erwies sich dann aber aus verschiedenen Gründen als unmöglich. Und so habe sie sich, auch dem Weiblichen besser entsprechend, dann doch lieber für eine gemäßigte Version des Protestes und Widerstandes ihrer Heldin entschieden und ihre Protagonistin als eine sanfte Anarchistin angelegt. Es gäbe bei ihr auch keine Initialzündung wie bei Kleist, weil letztendlich ja doch alles zu spät sei, heutzutage! Und so hat sie mit Michaela Kohlhaas eine radikale Aussteigerin erschaffen, deren Form des Widerstands darin besteht, selbst der Sand im Getriebe zu sein. «Die Kohlhaas», wie sie im Roman genannt wird, nimmt damit Rache für die Ungerechtigkeiten unserer total verrohten Welt. Heraus gekommen sei dabei aber «kein Märchen, das gut ausgeht, auch wenn man sich das wünscht».

Die Protagonistin dieses in zwölf Kapiteln chronologisch über ein Jahr hinweg erzählten Romans ist eine etwa vierzigjährige stellvertretende Friedhofs-Verwalterin, die allein stehend und kinderlos in Leipzig lebt. Als sie erfährt, dass die Tronkenburg, ihre geliebte Stammkneipe, von einem Immobilienhai übernommen wurde, ist sie entsetzt. Spontan lässt sie alles stehen und liegen, meldet sich telefonisch bei der Arbeit ab, packt ein paar Habseeligkeiten ein und bricht voller Empörung auf, ohne zu wissen, wohin. Sie lebt fortan als Obdachlose, die durch ihren demonstrativen Freiheitsdrang und ihre hasserfüllten Reden die Leute auf der Straße provoziert, die immer mehr verwahrlost, verdreckt und stinkt. Mal findet sie Unterkunft in einem im Winter leer stehenden Schlösschen, besorgt sich einen Planwagen, in dem sie haust, und wird immer bekannter auch weit über Leipzig hinaus. Schließlich wird dann sogar das Fernsehen auf sie aufmerksam und lädt sie zu einer Talkshow ein. «Ich sage ja nichts, was sie nicht selbst wissen,» meint der Moderator, «aber Sie riechen wirklich nicht gut, Sie stinken, so muss ich es sagen». Die Kohlhaas nickt: «Es ist auch gar nicht so leicht, in Ihrer Nähe zu sitzen, dabei scheinen Sie recht gut zu riechen.» Auf die letztendlich ja durchaus berechtigte Frage, was sie denn ändern würde, bleibt sie ihm die Antwort schuldig!

Für all das Verstörende in ihrem Roman findet Heike Geißler eine angemessene, stimmige Sprache. Sie setzt eine Frau als namenlose Ich-Erzählerin ein, die Michaela Kohlhaas vom Friedhof her kennt und die aus ihrer vernunftgeprägten Sicht distanziert deren unbeherrschte Obsession schildert. Ein wenig irritiert dabei ist die Tatsache, dass «Die Kohlhaas» ja nicht Rache will für selbst erlittenes Unrecht wie bei Kleist, sie zieht wie eine Hexe fluchend und Verwünschungen ausstoßend durchs Land in der trügerischen Hoffnung, dadurch etwas bewirken zu können. Sie agiert also, auf ein gutes Ende hoffend, mit maßloser Wut, mit Übertreibung, Sabotage, Zerstörung. Aber sie ahnt auch, ein gutes Ende wird es nicht geben!

Heike Geißler hat in dem Interview die Frage, ob Literatur ein Medium sei, um Gerechtigkeit zu üben, klar mit Ja beantwortet. «Am Umgang mit Obdachlosen misst sich die Brutalität der Welt» erklärte sie und fügte hinzu: «Wir sind so kurz auf dieser Erde, da kann man doch aufeinander kucken». Gleichwohl, so originell die Idee für diesen wohlmeinenden Plot auch ist, so wenig überzeugend ist der daraus entstandene. feministische Roman. Alles wirkt arg konstruiert daran, insbesondere weil das Rachemotiv hier ja absolut nicht verfängt. Außerdem wirkt diese merkwürdig abrupte «Auto-Agression» der Kohlhaas total aufgesetzt, und der Rache-Aspekt an der gesamten Gesellschaft ist hier ja sowieso von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gut gemeint reicht eben nicht!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Anton und Alma

Judentum aus Sicht der Gen-Z

Der zweite Roman von Dana Vohwinckel deutet schon mit dem Titel «Anton und Alma» an, dass es sich um eine Liebesgeschichte handeln dürfte. Sie ist in der Jetztzeit angesiedelt und schildert die Beziehung ihrer Protagonisten aus wechselnden Perspektiven, wobei das Geschehen eng mit den aktuellen politischen und militärischen Konflikten in Nahost verknüpft ist. Zudem spielen neben den sozialen auch die verschiedenen religiösen Prägungen der Hauptfiguren eine entscheidende Rolle, Anton ist Jude, Alma Christin. Das jüdische Leben in Deutschland heutzutage zusammen mit dem unkonventionellen Stil, in dem davon erzählt wird, dürfte denn auch entscheidend dazu beigetragen haben, dass dieses Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 ausgewählt wurde, ein großartiger Erfolg für die junge Autorin.

Die gemeinsame Herkunft aus Berlin verbindet Anton und Alma, als sie sich  im Rahmen eines Schüleraustausches in der Bretagne kennen lernen. Jahre später treffen sie sich als Studenten an der Uni in Berlin auf einer Party wieder und verlieben sich ineinander. Während Anton aus einer gut situierten Akademiker-Familie stammt, wuchs Alma mit ihrer Mutter und dem lieblosen Stiefvater in eher bescheidenen Verhältnissen am Stadtrand von Berlin auf. Nach einigem Hin und Her in der Beziehung, nach Streitereien und Versöhnungen ziehen sie aber schließlich doch zusammen. Als Anton später ein Angebot annimmt und ohne Zögern nach New York geht, um dort als Historiker seine Masterarbeit über die wissenschaftlich umstrittene Massen-Konversion des nomadischen Turkvolks der Chasaren zum Judentum zu schreiben, bleibt Alma total enttäuscht allein zurück. Sie nähert sich nun, animiert von einer Freundin, allmählich der jüdischen Gemeinde, wodurch sie auch Trost findet über die schmerzliche Trennung von Anton. Der unsägliche Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und der bis heute andauernde Gazakrieg führte zu einer polarisierten Stimmung sowohl auf dem Campus als auch innerhalb der Familie von Anton, so dass er schließlich nach mehr als einjähriger Abwesenheit aus New York in die Zweisamkeit mit Alma zurück kehrt. Obwohl er sie so schnöder verlassen hat, nutzt er sie völlig schamlos aus, indem er sich wie selbstverständlich einfach bei ihr einquartiert.

Es ist keine Romeo-und-Julia-Story, die man da liest, es sind vielmehr die Geschichten zweier Familien, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, und deren Gegensätze prallen stellvertretend in dem jungen Paar fast ungebremst aufeinander. Die Autorin kritisiert in ihrem Roman den linken Antisemitismus ebenso wie die Ignoranz der Rechtsextremen den Palästinensern gegenüber. Ihre Protagonistin Alma ist entfernt mit Martin Bormann verwandt, einer der schärfsten Vollstrecker bei der Judenverfolgung der Nazis, der ihr Ur-Ur-Großonkel war. Diese politische Gratwanderung der Autorin hinterlässt tiefe Spuren in den diesbezüglichen Diskursen der verschiedenen Charaktere des Romans. Dabei erweist sich die geschickt gewählte Doppelperspektive in den immer wieder aufbrechenden Disputen zwischen Anton und Alma als äußerst nützlich zur Verdeutlichung der hoffnungslos ineinander verkeilten, politischen Akteure.

ntgegen aller Ankündigungen ist dieser oft allzu weit ausholende Roman alles andere als ein Liebesroman, wir lesen auf 535 Seiten vielmehr eine scharf analysierende Geschichte über jüdisches Leben im heutigen  Deutschland aus Sicht der Gen-Z. Vor allem in den Dialogen wird hier folglich auch unbeirrt in einem extremen Jugendsprech erzählt, der so manches ältere Semester unter den Lesern mit unbekannten Ausdrücken und Redensarten ziemlich verblüffen dürfte. Man kann das wohlwollend natürlich auch als ein unfreiwilliges, vor Anglizismen strotzendes Update des eigenen Wortschatzes ansehen. Leider aber bleiben die Protagonisten emotional wenig berührend, man kann sich beim besten Willen kaum mit jemandem von ihnen identifizieren. Kein üppiger Wohlfühlroman also, den man da zu lesen bekommt, aber seiner anspruchsvollen Thematik wegen ein zum Weiterdenken anregender, der wichtig ist und voll in die Zeit passt!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Literaturtheorie

Horizont erweiternd

Die überarbeitete und ergänzte zweite Auflage der «Literaturtheorie» des amerikanischen Literatur-Wissenschaftlers Jonathan Culler wird im Untertitel ergänzend als «Eine kurze Einführung» bezeichnet. Und in der Tat gewährt der schmale Reclamband einen sehr komprimierten Einblick in die wichtigsten Aspekte der Literaturtheorie, der im Unterschied zu anderen Fachbüchern auch für Laien gut lesbar ist, also für Leser, die sich über die reine Lektüre hinaus mit den Grundlagen und Prinzipien dieser kulturellen Disziplin beschäftigen wollen. Denn nicht nur tragen die so erworbenen Kenntnisse zum Verständnis des Gelesenen bei, sie erleichtern auch die Suche nach Büchern, die möglichst den eigenen Erwartungen entsprechen sollen, weil man besser versteht, worauf es ankommt dabei.

Anders als üblich, betont der Autor, habe er seine Einführung bewusst nicht an den verschiedenen Denkschulen orientiert, sondern sein Werk mit der elementaren Frage «Was ist Literatur und ist sie wichtig» begonnen, um sich dann ins Detail gehend mit Themen wie «Literatur und Kulturwissenschaft», «Sprache, Bedeutung und Interpretation», «Rhetorik, Poetik und Lyrik», «Erzählen», «Performative Sprache», «Identität, Identifikation und das Subjekt» und zu guter Letzt «Ethik und Ästhetik» zu beschäftigen. Der «normale» Leser wird dabei oft nachschlagen müssen, was denn genau verschiedene Fachbegriffe wie beispielsweise «Hermeneutik» oder «Dekonstruktion» zu bedeuten haben. All das aber dient letztendlich dem Verständnis über die Funktion von Text, Autor oder literarische Genres. Sprache und Bedeutung von Texten, Erzählstrategien und Identifikations-Mechanismen werden ebenso untersucht wie die Frage, was genau denn literaturtheoretisch Lyrik von Prosa unterscheidet und welche unterschiedlichen Wirkungen damit erzeugt werden können. Immer wieder stellt er bei seinen Betrachtungen auch die wichtigsten Theoretiker der verschiedenen Schulen vor.

Was den schmalen Band des Amerikaners von den vielen der eher drögen deutschen Fachbücher unterscheidet, das ist der wohltuend offene, gut lesbare Stil, in dem er geschrieben ist. Sein Panorama der Literaturtheorie behandelt wissenschaftlich kompetent alle relevanten Themen, ohne je zu simplifizieren. Wichtig zum Verständnis der ja durchaus komplizierten Materie ist, dass hier stets auch Zusammenhänge verdeutlicht werden, die dabei helfen, das weite Panorama dieser Thematik verstehen zu können. Immer wieder werden im Detail auch Denkprozesse vorgeführt, die zu den verschiedenen wissenschaftlichen Erkenntnissen hingeführt haben. Das ist durchaus spannend zu lesen und erscheint nur selten mal auch etwas zu langatmig.

Natürlich wartet dieses Buch auch mit einem umfangreichen Anhang auf, in dem unter dem Titel «Theoretische Schulen und Strömungen» näher auf die wissenschaftlichen Details und ihre Bedeutung für die Literatur eingegangen wird. Hinzu kommen die obligatorischen Literaturhinweise sowie ein Personen- und Sachregister. Als ein großes Manko erweist sich allerdings, dass alle Hinweise auf Bücher, alle zur Verdeutlichung herangezogenen Zitate und die Fußnoten im Text sich immer nur auf englischsprachige Literatur bezieht. Das macht es für deutsche Leser sehr schwer, zu verstehen, auf was es ankommt, weil sprachlich bedingte Wechselwirkungen und versteckte Wortbedeutungen dabei kaum nachvollzogen werden können. Immer wieder wird zum Beispiel aus Hamlet zitiert, lautmalerische Bezüge in der Fremdsprache und nur für Muttersprachler wirklich nachvollziehbare Wortspielereien bleiben dann leider oft unverständlich. Auch wenn dieses Buch über den bescheidenen Umfang einer «Einführung» zuweilen hinausgeht und dem «normalen» Leser, für den es ja gedacht ist, dann manchmal sogar überfordert, lohnt sich die Lektüre gleichwohl. Denn sie ist allemal geeignet, den Horizont des Lesers zu erweitern und seinen Sinn für die komplexen Strukturen zu schärfen, auf denen Literatur letztendlich beruht und die sie vor allem stilistisch so immens vielfältig macht!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Sachbuch
Illustrated by Reclam Verlag

Liefern

Buchpreis-Skepsis

In seinem dritten Roman widmet sich der israelische Schriftsteller Tomer Gardi einer Thematik, deren Gegenwärtigkeit nicht zu leugnen ist, den prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen ungelernter migrantischer Gelegenheits-Arbeiter in der globalisierten Welt. Im Blickpunkt stehen hierbei insbesondere die Fahrradkuriere, die meist als Essenslieferanten durch die großen Städte schwirren, aber auch Verkäufer in Dönerbuden, Küchenhilfen und anderen schlecht bezahlten Berufen. Örtlich ist das narrative Geschehen dieses sechsteiligen Romans in Tel Aviv, Berlin, Istanbul, Delhi, Buenos Aires und im kenianischen Naivasha angesiedelt. Diese gnadenlose Ausbeutung ist überall gleichermaßen grenzenlos unfrei, wobei der Roman auch aufzeigt, mit welchen persönlichen Strategien seine Protagonisten dieser schonungslosen Behandlung, zu der als integraler Bestandteil auch Rassismus gehört, individuell entgegen zu treten versuchen.

Zeit ist Geld! Unter den Kurieren der Lieferdienste herrscht eine erbitterte Konkurrenz, sie stehen unter immensem Zeitdruck in ihrem knallharten Job mit seinen extrem langen Arbeitszeiten. So etwas wie Anerkennung zu finden ist hoffnungslos, sie werden von der wohlstands-verwöhnten, zahlenden Kundschaft kaum beachtet. Jeder Kurier arbeitet zudem als selbstständiger Dienstleister ohne Urlaub, nicht als Angestellter, trägt also selbst das volle Risiko bei krankheits-bedingtem Ausfall. Skrupellose Mafiosi kassieren zusätzlich wie Wegelagerer Provisionen, indem sie falsche Identitäten besorgen, mit denen Migranten ohne Arbeitserlaubnis der Verhaftung bei den ständig drohenden Kontrollen entgehen können. An einer Stelle heißt es im Roman: «Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst». Der Autor führt uns hier eindrucksvoll vor Augen, wie privilegiert wir doch sind als Leser, die mutmaßlich keinerlei Erfahrungen haben mit Erstaufnahme-Lagern, Ankunftszentren oder Flüchtlings-Unterkünften.

In einem eng verwobenen Geflecht aus diversen Schauplätzen agiert als einer der Protagonisten der aus Eritrea stammende Exsoldat Filmon, der seinen Job als Küchenhilfe verliert. Ferner Sachin, die von ihrem Mann in Neu Delhi verlassen wird und nun ihrerseits als Motorrad-Kurier arbeitet, oder der durch die Prüfung gefallene türkische Literatur-Student Resul, der nun beginnt, als Gewerkschaftler Kariere zu machen. Der in Berlin studierende indische Maschinenbau-Student Pavan erträgt den Job in der Dönerbude nicht länger, er sehnt sich nur noch nach seiner Freundin in London. Ciervo schließlich, der Fahrrad-Kurier und Fußballfan aus Buenos Aires, will künftig lieber ganz von Online-Spielen leben, und die Rosenpflückerin Akiny aus Kenia bangt ständig um ihren Job und wäre lieber Friseuse oder Schneiderin.

Sprachlich etwas weniger holperig als in den beiden Vorgänger-Romanen schildert der Autor aber auch hier in einer nicht gerade geschliffenen Diktion das Geschehen und produziert dabei – mutmaßlich unbeabsichtigt – skurrile Neologismen. So wenn er zum Beispiel schildert, wie jemand sich nachts im «Unschein» einer defekten Straßenlampe bewegt, oder wenn er an anderer Stelle die Schönheit eines Menschen als «rund» definiert – und dabei nicht die Körperfülle meint. Vieles im Plot deutet Tomer Gardi aber auch nur an und lässt den Leser damit allein. Hin und wieder fügt er trotz der deprimierenden Schwere seiner fraktionell erzählten Geschichten, die auch von einigen Überraschungen leben, durchaus Amüsantes ein, zum Beispiel wenn er über Buchpreise schreibt. Damit bekommt denn auch die Nominierung von «Liefern» für den Deutschen Buchpreis 2026 nachträglich eine durchaus berechtigte, weil skeptische Perspektive!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Tropen Verlag

Schleifen

Literarische Möbiusschleife

Elias Hirschl, der österreichische Poetry-Slammer, Musiker und Schriftsteller, ist mit seinem neuen Roman «Schleifen» auf die Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gewählt worden, sein bisher größter Erfolg. Der Buchtitel spielt auf die 1858 erstmals mathematisch definierte Möbiusschleife an, die eine Fläche bezeichnet, die nur eine Kante und eine Seite hat und deshalb nicht orientierbar ist, bei der also nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterschieden werden kann. Allein dieser Titel gibt schon den passenden Vorgeschmack auf das, was den Leser in diesem Roman erwartet. Die Jury hat dazu geschrieben, der Autor lege damit «einen wunderbar überdrehten Roman vor, der durch seine intellektuellen Spielereien, erzählerischen Tricks und seinen schier unerschöpflichen Ideenreichtum brilliert. Wer sich auf diesen irren Ritt durch Sprachwissenschaft, Mathematik, Philosophie, Soziologie und Medizin einlässt, wird sich dem Sog des Romans kaum entziehen können und immer weiter ins Absurde abtauchen wollen. Ein Roman, der einen auf die bestmögliche Art verwirrt, herausfordert und vor allem schallend laut zum Lachen bringt.»

Als Protagonistin fungiert dabei die fanatische Linguistin Franziska Denk, die sich gemeinsam mit einer sektenartigen Sprachguerilla auf die Suche macht nach der absolut gerechten Sprache. Sie wuchs im Umfeld des intellektuellen «Wiener Kreises des Logischen Empirismus» auf und litt als Kind an einer sonderbaren Krankheit: Hörte oder las sie von Symptomen, bekam sie sofort genau diese Krankheit. Irgendwann merkt sie aber, dass sie sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen dieses verhängnisvolle Leiden immunisieren kann (sic!). In dem Mathematiker Otto Mandl findet sie einen Seelenverwandten, sie werden ein Paar und begeben sich gemeinsam auf die Suche nach der perfekten Sprache. Es geht hier letztendlich also um die Macht der Sprache als solche und ihren Einfluss auf unser Leben.

Franziskas Eltern haben ihren Wiener Lesekreis nach Francesco Savogini benannt, der glaubte, vor dem Turmbau zu Babel und der Aufsplitterung in viele Sprachen hätte es eine einzige göttliche Universalsprache gegeben. Ludwig Wittgenstein, der dort ebenfalls Gast war, sah das fundamentale Problem der Sprache bekanntlich darin, «dass jede Erkenntnis über die Welt letzten Endes verschriftlicht werden musste und man letztendlich also die Verschriftlichung selbst verschriftlichen müsse, weil sie Teil der Welt sei». Man kann sich diesen unendlichen Prozess bildlich sehr gut als Möbiusschleife vorstellen! Mit seinem an wissenschaftlichen Verweisen und obskuren Ideen geradezu überquellenden Roman hat der Autor auch die Idee des Nonverbalismus aufgegriffen. Um der babylonischen Sprachverwirrung entgegen zu wirken gehen Franziska und ihre Mitstreiter schließlich so weit, an Haustüren zu klingeln, um dann einfach so lange schweigend vor den Bewohnern stehen zu bleiben, bis diese sich ihrer Bewegung wortlos anschließen.

Als Ideenroman ist dies wahrhaftig eine unbekümmert kühne, literarische Tour de Force durch die Sprach-Philosophie. Dabei ist das Absurde kein Selbstzweck, meist stehen dahinter auch konkrete und berechtigte Fragen, sei es nach Identität, Macht oder Einfluss. Im Interview hat der Autor dazu gesagt: «In Schleifen geht es darum, was alles gesagt und nicht gesagt werden kann, was überhaupt in Worte zu fassen ist und wo die Sprache an ihre Grenzen stößt. Wie man die Realität, die Gegenwart und die Vergangenheit durch Sprache beschreiben kann, aber auch umformen, verzerren, verfälschen oder gänzlich auslöschen». Auf Dauer störend an diesem literarischen Verwirrspiel ist neben seinen Längen das aufgesetzt wirkende Wikipedia-Wissen, mit dem sein Autor hier offensichtlich versucht hat, in den Feuilletons den Sprung vom Poetry-Slammer in die Liga ernstzunehmender Autoren zu schaffen. Genau an dieser Absicht aber ist sein Roman kläglich gescheitert, er stellt literarisch allenfalls eine Möbiusschleife dar!

Fazit:   miserabel

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Zsolnay München

Parasiti

Bittere Tragik leicht erzählt

Alisha Gamisch hat es mit ihrem Debütroman «Parasiti» gleich auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026 geschafft. Die in Tegernsee geborene Schriftstellerin stammt selbst aus einer russland-deutschen Familie. Sie schildert in ihrem dreiteiligen Erstling das Leben dreier deutschstämmiger Frauen von der Sowjetzeit bis in die nahe Gegenwart hinein, vom Leben in Novosibirsk in den 1960er Jahren über Auffanglager für Flüchtlinge eine Dekade später bis ins Fürstenfeldbruck des Jahres 2021. Schon der Buchtitel weist auf die Sowjetunion hin, denn die Angst, als Parasit zu gelten, als ein Nichtsnutz also, als Faulenzer gar, war im Kommunismus weit verbreitet und stand nach dem «Parasitengesetz» damals sogar unter Strafe. Nur nicht auffallen, nicht widersprechen, sich irgendwie durchschlagen war das weit verbreitete Lebensmotto in der diktatorischen UDSSR. Erst mit den Ostverträgen von Willy Brandt wurde dann in den 1970er Jahren vielen Russland-Deutschen eine Umsiedlung in die Bundesrepublik Deutschland politisch ermöglicht.

In einem weiten historischen Bogen schildert dieser dreiteilige Roman die Geschichte seiner Protagonistinnen, der Großmutter Lydia, Tante Valli und Enkelin Rina, die gemeinsam in einem bescheidenen Reihenhaus leben. Die Autorin verdeutlicht in 29 Kapiteln mit vielen Rückblenden, als wie stark sich doch familiäre Bindungskräfte erweisen können und auch Ängste und Unsicherheiten sich immer erneut weiter vererben. Der Roman beginnt mit einem rosa Fötus aus Plastik in der Größe einer Schachtel Streichhölzer, den radikale Abtreibungs-Gegner in alle Briefkästen der Reihenhaus-Siedlung am Rande Fürstenfeldbrucks geworfen haben. Großmutter Lydia ist entsetzt, sie steht wie versteinert im Wohnzimmer, starrt aus dem Fenster und schweigt fortan beharrlich. Ihre Haltung hat sich nach Jahren der Vertreibung und Unterdrückung in der Sowjetunion auch in Deutschland nicht geändert: Nicht auffallen, sich nur um die eigenen Angelegenheiten kümmern und ansonsten den Mund halten! Die Zeit heilt letztendlich alle Wunden, so ihr Motto, das sich bisher noch immer bewahrheitet hat. Ihr plötzliches Schweigen wirft bei der jungen Studentin Rina Fragen auf, mit denen sie nun ihre Tante Valli konfrontiert. «Sie sprechen gerne über Äußeres, darüber, was die oder der trägt, wen der oder die geheiratet hat», heißt es im Roman, alle wissen aber auch, dass es am besten ist, manche Fragen einfach gar nicht erst zu stellen.

Für Tante Valli erweist sich das Erzählen hingegen als Befreiung, auch wenn sie einiges bewusst lieber verschweigt. Großmutter Lydia wurde als Russland-Deutsche zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert und arbeitete dort als Näherin. Sie lebte beengt in einer nur durch Vorhänge in kleinste Bereiche abgeteilten Baracke, zusammen mit ihrem versoffenen Ehemann, der Tochter, dem Schwiegervater und ihrer Nichte Valli. Neben der politischen Willkür durch Zwangsarbeit gab es dort auch eine ebenso schlimme sexuelle Unterdrückung. Denn Mädchen wie Lydia wurden von niemandem aufgeklärt, Verhütungsmittel waren als Mangelware sehr teuer und Abtreibungen nicht nur legal, sondern ein – sogar kostenloses – Mittel der Familienplanung.

Beim gemeinsamen Durchblättern des Fotoalbums stößt Lydia plötzlich «Parasit» heraus und dann auch noch «Kuckuckkind». Mit letzterem meint sie Valli, die als Tante und Nichte ja abseits steht in der familiären Linie! Es sind derartige Zuschreibungen, die hier eine tiefere Bedeutung bekommen und subtil die Verhältnisse offen legen, ohne sie allerdings je zu hinterfragen. Mit seiner Themenwahl erschließt dieser feministische Roman stilistisch stimmig und vom Plot her zielgerichtet einen weiten Erzählkosmos, in dem die Autorin nur beobachtet, sich psychologischer Wertungen aber konsequent enthält. Damit verleiht sie dem Geschehen trotz aller Tragik eine gewisse Leichtigkeit, die letztendlich auch dem Lesefluss zugute kommt.

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Voland & Quist

Die Tochter

Ambivalenz weiblicher Entscheidungen

Der zweite, jüngst unter dem Titel «Die Tochter» auch auf Deutsch erschienene Roman der hierzulande kaum bekannten mexikanischen Schriftstellerin Guadalupe Nettel behandelt ein sensibles Thema. Es geht dabei um den Kinderwunsch, der in den modernen Gesellschaften, an den niedrigen Geburtenraten deutlich erkennbar, stark zurückgegangen ist. Ein schwieriges Thema, bei dem die Meinungen jedenfalls, quer durch die Gesellschaft, stark auseinander gehen. Diesen Gegensatz macht sich die Autorin hier zueigen, indem sie von zwei eng miteinander verbundenen Freundinnen das ‹Für und Wider› aus konträren Perspektiven vertreten lässt.

Ich-Erzählerin Laura und ihre beste Freundin Alina hatten sich schon sehr früh geschworen, keinesfalls die gängige gesellschaftliche Erwartung zu erfüllen und Mütter zu werden. «Anders als in der Generation meiner Mutter, für die es undenkbar war, keine Kinder bekommen zu wollen, entschieden sich in meiner Generation viele dagegen. Meine Freundinnen ließen sich in zwei gleich große Gruppen aufteilen: Die einen wollten ihre Freiheit aufgeben und sich für den Erhalt der Spezies opfern. Die anderen waren bereit, in den Augen von Gesellschaft und Familie in Ungnade zu fallen, um ihre Autonomie zu bewahren». Beide Frauen hatten große Pläne, in denen ihre Unabhängigkeit und damit auch das Vorhaben, dem Leben so viel wie möglich abzugewinnen, unverrückbar feststanden. Nun sind sie beide Ende zwanzig, aber es kommt anders als gedacht: Alina wird eben doch schwanger! Das wirkt auf Laura, die studiert hat und schon fleißig an ihrer Dissertation arbeitet, – als wichtiges Sprungbrett in ihre berufliche Karriere, nun jedenfalls wie ein Verrat. Sie selbst hat sich nämlich konsequent schon früh sterilisieren lassen, ein Kind wird ihr Leben jedenfalls nicht belasten, das ist sicher!

Nun erzählt Alina ihrer neugierigen Freundin vom Mutterwerden und von ihren Empfindungen während der Schwangerschaft. Ihre Freundschaft ist zumindest nicht daran zerbrochen, dass Alina sich anders entschieden hat und nun völlig in ihrer Schwangerschaft aufgeht. Laura wiederum beobachtet auf ihrem Balkon ein Taubenpärchen, das sich rührend um den Nachwuchs in ihrem Nest kümmert. Obwohl anfänglich wütend auf die gurrenden Tauben, entfernt Laura das Nest nicht, beobachtet vielmehr erstaunt die Vögel bei der Brutpflege – und putzt nun geduldig den Vogeldreck weg, der täglich neu ihren Balkon verschmutzt. Wand an Wand mit ihr wohnt eine allein erziehende Mutter, deren Sohn oft wild herumschreit, Gegenstände an die Wand wirft und völlig unbeherrscht dann kaum noch zu bändigen ist von der Mutter. Die vernachlässigt ihn ganz offensichtlich. Laura freundet sich mit dem Jungen an, lernt auch die Mutter kennen und bekommt näheren Einblick in eine sehr schwierige Mutter/Sohn-Konstellation, in der vor allem der abwesende Vater eine unheilvolle Rolle zu spielen scheint. Alinas glückliche Schwangerschaft erweist sich nach einiger Zeit als problematisch, der Embryo habe eine extrem seltene Wachstums-Störung des Gehirns, lautet die Diagnose. Die Ärzte kommen zu der festen Überzeugung, das Mädchen, dem Alina schon den Namen Inés gegeben hat, werde spätestens bei der Geburt sterben, es sei nicht lebensfähig.

An diesen beiden doch sehr unterschiedlichen Frauen-Schicksalen entlang entwickelt die Autorin ihre Geschichte vom Frau-Sein in unserer Gesellschaft, die beide Protagonistinnen auf ganz unterschiedliche Weise verändert, ihre fundamentalen Überzeugungen und unverrückbaren Gewissheiten jedenfalls gehörig ins Wanken bringt. Leider bleiben beide Hauptfiguren dieses feministischen Romans trotz der emotional aufrüttelnden Thematik doch ziemlich blutleer, ihre innere Verfasstheit ist ihnen angesichts der herauf beschworenen, seelischen  Katastrophen kaum anzumerken. Die Ambivalenz solch weiblicher, folgenreicher Entscheidungen allerdings wird hier durchaus stimmig herausgearbeitet, der Plot als solcher hingegen entwickelt keinerlei Lesesog!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Die Ladenhüterin

In Nippon kein Ladenhüter

Die japanische Schriftstellerin Sayaka Murata beschäftigt sich auch in ihrem Roman mit dem seltsamen Titel «Die Ladenhüterin» wieder mit der gesellschaftlichen Rolle, die den Frauen in Nippon traditionell zugewiesen wird. Ihre Protagonistin scheitert an diesen scheinbar unverrückbaren Erwartungen der Mitmenschen. Keiko kann sich schon als Kind nicht in der Gesellschaft zurechtfinden, wird deshalb in der Schule als Außenseiterin angesehen und zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um ihr Problem zu verstecken, dem Mobbing der Mitschüler zu entgehen.

Prompt bricht sie denn auch ein auf Wunsch der Eltern begonnenes Studium ab und nimmt lieber in einem Konbini, einem Supermarkt für Gemischtwaren, eine Stelle als Aushilfs-Verkäuferin an. In einem Vorbereitungs-Lehrgang wird sie mit den Usancen in der überregionalen Supermarkt-Kette vertraut gemacht, trainiert regelrecht den Umgang mit Kunden und wird auf alle eventuell auftretenden Probleme mit ihnen vorbereitet. Sie ist begeistert von den ritualisierten Arbeitsbedingungen und ahmt das Verhalten der anderen Mitarbeiter und des Chefs bis zur Perfektion nach. Fast schon militärisch geregelt beginnt jeder Tag dort mit einem Morgenappell und einer Einweisung des Chefs auf die anstehenden Arbeiten, die in den Vordergrund zu rückenden Sonderangebote des Tages und eventuelle Ausfälle von Mitarbeitern, die durch andere kompensiert werden müssen, damit alles läuft wie am Schnürchen. Die Konbinis sind nach dem Motto 24/7 rund um die Uhr täglich und auch Feiertags geöffnet. Keiko hat Freitag und Sonntag frei, ist aber selbstlos immer bereit, einzuspringen, wenn durch den chronischen Arbeitskräfte-Mangel mal wieder ein personeller Engpass droht. Was ihr leicht fällt, denn so etwas wie ein Privatleben ist ihr fremd, sie hat fast nur mit den Eltern und ihrer verheirateten Schwester engeren Kontakt.

Mittlerweile ist sie 37 Jahre alt, hat noch nie woanders gearbeitet und hatte auch nie eine Beziehung zu einem Mann. Weil sie dafür immer wieder mit Vorhaltungen konfrontiert wird, ergreift sie die Gelegenheit, als sie Shiraha, einen ehemaligen Kollegen, wieder trifft, der wegen Faulheit und beruflichem Unvermögen fristlos aus dem Konbini entlassen wurde. Er ist arbeitslos und lebt auf der Straße, sie bietet ihm spontan an, zunächst mal bei ihr unter zu kommen. In ihrer winzigen Wohnung schläft er fortan in der Badewanne, und sie füttert ihn auch mit durch, denn sie bekommt abgelaufene Lebensmittel oder verbeulte Dosen supergünstig, zu essen ist immer was da bei ihr. Die Verwandtschaft jubiliert, und man überredet sie schließlich sogar, im Supermarkt zu kündigen, sich einen besseren Job zu suchen und Shiraha zu heiraten. Als sie auf dem Weg zu einem Bewerbungs-Gespräch allerdings an einem Konbini vorbeikommt und entsetzt feststellt, wie schlampig da gearbeitet wird, greift sie zum Erstaunen der Mitarbeiter beherzt ein und sorgt für die gebotenen Ordnung. Für ein «normales» Leben ist sie ungeeignet, das wird ihr schlagartig klar!

Der Roman ist eine bitterernste Satire auf eine gleichgeschaltete Gesellschaft, die unter hohem Druck einseitig auf ökonomische Effizienz getrimmt ist. Wer da nicht mithalten kann wird ausgegrenzt, wird geächtet als Mitbürger. Dementsprechend hoch ist die Suizidrate unter Schülern und Studenten, deren Leistungen unter dem Durchschnitt liegen und damit eine berufliche Karriere fast unmöglich machen. Sayaka Murata erzählt ihre Geschichte in einer distanzierten Sprache, wobei sie mit der Wahl von Keiko als Ich-Erzählerin diese Distanz völlig konterkariert. Die starren japanischen Verhaltensmuster, die ihr Roman schildert, erscheinen westlichen Lesern geradezu absurd, prägen aber nach wie vor die gesellschaftlichen Normen im Land der aufgehenden Sonne. Dort war das Buch übrigens kein «Ladenhüter», sondern ein Bestseller, hierzulande hingegen sind die Feuilletons wie auch die Leser-Kommentare sehr verhalten!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Selbstregulierung des Herzens

Kaum bereichernd, kaum erfreulich

Von der Schriftstellerin Peggy Mädler ist unter dem sperrigen Titel «Selbstregulierung des Herzens» kürzlich ein zweiter Roman erschienen, der wieder dem Leben in der DDR gewidmet ist. Der Titel spielt darauf an, dass der letztendlich überdeutlich gewordene, ökonomische Misserfolg im Sozialismus tatsächlich auf seine starre, zentral regulierte Wirtschaftsform zurück zu führen ist. Anders als im Kapitalismus, wo ja jeder einzelne Markt-Teilnehmer autonom und eigen-verantwortlich handelt und das ganze System innerhalb gesetzlich vorbestimmter Leitplanken sich ausschließlich «selbst reguliert». Damit ist er der Steuerung durch bürokratische Apparatschicks im kommunistischen Zentralismus haushoch überlegen.

Als zentrale Figur fungiert in diesem Panorama vom Leben in der DDR der Kybernetiker Georg, der hofft, mithilfe seiner Wissenschaft und den faszinierenden Möglichkeiten der ersten Computer würde das entscheidende Manko der sozialistischen Zentralwirtschaft überwunden werden können. Mit Mona, einer weiteren zentralen Figur, sind auch eine Künstlerin und ihr Malerfreund Konrad in das vielfältige Geschehen des Romans eingebunden. Zu den handelnden Figuren gehört mit Roland zudem ein illusionsloser Intellektueller, der in den Westen flüchten will. Außerdem auch Marlies, die scheinbar unerschütterlich an den Sozialismus glaubt und ihn von innen heraus reformieren will. Ort des Geschehens ist ein Dorf in der Nähe von Wandlitz in Brandenburg, in dem seltsame, geheime Bautätigkeiten stattfinden. Die erweisen sich dann letztendlich als die aus guten Gründen geheimen Rückzugsorte der Prominenz aus dem Politbüro der DDR, die in diesen Villen ‹heimlich Wein trinkt und öffentlich Wasser predigt›! Deren Luxusleben passt so gar nicht zur allgegenwärtigen Tristesse in der real existierenden Mangelwirtschaft und zu den überall in der Republik plakatierten Durchhalte-Parolen des kläglich gescheiterten, ersten «Arbeiter- und Bauernparadieses» auf deutschem Boden.

Zeitlich über etwa dreißig Jahre hinweg schildert Peggy Mädler in ihrem Roman, der für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert wurde, multiperspektivisch vom schwierigen Leben unter diesen Bedingungen. Als das Künstlerpaar Mona und Konrad sich eine Datsche kaufen, ist sie das Symbol für eine freie Lebensweise abseits aller staatlichen Bevormundungen. Binnen kurzem dient dieser private Mikrokosmos als Refugium auch für ihren intellektuellen Freundeskreis. Man liefert sich dort nicht nur heftige politische Diskussionen beispielsweise über den Prager Frühling, der vielen als Hoffungsschimmer erscheint, sondern auch über die profanen Folgen einer unfähigen Planwirtschaft, in welcher der Tauschhandel wilde Blühten treibt. Man beklagt die kruden Arbeitsbedingungen und die latent hohe Bleibelastung, unter der viele Arbeiter in der örtlichen Chemiefabrik malochen müssen. Auch die ganz privaten Probleme und Ereignisse werden von Peggy Mädler stimmig beschrieben, werden aber aus einer deutlichen Distanz heraus thematisiert, was den Roman wegen kaum erkennbarer Emotionen doch ziemlich nüchtern erscheinen lässt, er wirkt als Narrativ geradezu seelenlos.

Letztendlich lotet Peggy Mädler auch mit ihrem neuen Roman wieder die Handlungs-Spielräume aus, die dem Bürger in einem derart repressiven Staat bleiben. Mona aber empfindet am Schluss des Romans, nach der so genannten «Wende», sogar die politische «Aufarbeitung» der Ex-DDR, ihr durch den Beitritt nahezu restloses Aufgehen in der Bundesrepublik Deutschland, als total respekt- und rücksichtslose «Privatisierung». Zur sprachlichen Nüchternheit des Romans kommt die weitgehend fehlende Spannung des Plots hinzu, was zusammen genommen für ein Werk der Belletristik denn doch – mutmaßlich bewusst – «gegen sämtliche Konventionen» konstruiert erscheint. Weder unterhaltsam zu sein und noch wegen der literarisch bereits mehr als gründlich aufgearbeiteten DDR-Thematik auch kaum bereichernd, dürfte dieses Buch nur für eine überschaubar kleine Leserschaft wirklich eine lesenswerte Lektüre sein!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Gulistan

Surrealer Schreibstil

Die im Nordirak geborene und mit ihrer Familie 1997 als Migrantin nach Deutschland gekommene Karosh Taha hat ihren Roman nach dessen Protagonistin «Gulistan» benannt. Damit wollte sie in ihrem dritten Werk wohl auch gleich daran erinnern, dass es nicht nur im Irak ein Volk der Kurden gibt, die vergebens von einem vereinigten Kurdistan träumen. Dieses nicht genau umrissene Siedlungsgebiet erstreckt sich neben dem Irak auch über Teile der Türkei, Irans und Syriens. Sie alle haben keinerlei Interesse daran, den Kurden zu einem eigenen Staat zu verhelfen und ihnen dafür die von ihnen besiedelten Staatsgebiete abzutreten. Denn ein ethnisch homogenes Kurdistan ist eine Illusion, die Völker sind durchmischt, an dem ewigen Gebietsstreit mit den anderen dort lebenden Ethnien würde sich nichts ändern, – ein politisches Dilemma!

Gulistan und ihr Mann Çiya, der eine Schneiderei betreibt, werden als Kurden von der einheimischen Bevölkerung ständig verfolgt. Er hat sein Geschäft nach seiner Frau benannt, über dem Schaufenster prangt in großen Buchstaben «Gulistan». Eines Tages tauchen zwei Männer dort auf, die ganz offensichtlich zum Geheimdienst in Saddam Husseins diktatorischem Regime gehören. Sie fragen ihn aus, warum er denn sein Geschäft so genannt habe. In ihren Augen sei das eine Provokation dem Staate Irak gegenüber, denn lautmalerisch klingt Gulistan ja ähnlich wie Kurdistan, und Kurdistan ist ein rotes Tuch für den Diktator. Die Geheimdienstler empfehlen Çiya dringend, das Ladenschild sofort abzuhängen. Schon am nächsten Tag ist Çiya spurlos verschwunden! Sofort begibt sich Gulistan auf die Suche nach ihrem Liebsten. In den Krankenhäusern wird sie sehr unfreundlich behandelt, aber sie erfährt immerhin, dass er nicht  eingeliefert wurde. Auch die Polizei wimmelt sie nur ab, sie könne nichts tun.

Gulistan merkt, wie ohnmächtig sie ist dem diktatorischen System gegenüber, aber sie forscht unentwegt weiter. Bis sie Çiya schließlich in einer Menschenmenge entdeckt, er steckt in der Uniform des Diktators und fungiert, vom Äußeren her entsprechend zurecht gemacht, als einer von dessen Doppelgängern, mit denen Attentäter verunsichert werden sollen. Sie wird verhaftet, erfährt später, dass sie schwanger ist, agiert immer panischer und gleitet angesichts ihrer Ohnmacht dem Unrechtsregime gegenüber langsam in den Wahn ab.

Wer das Buch erstmals aufschlägt, wird auf den ersten zwei Seiten gleicht mit einem merkwürdigen Schriftbild überrascht. In einem eigenwilligen Layout sind da einzelne Worte oder Satzbestandteile scheinbar willkürlich über die ganze Seite verstreut. Im gesamten Roman wendet die Autorin zudem stilistisch eine auf Punkte am Satzende reduzierte Schreibweise an, – mehr Interpunktion gibt es nicht! Die fehlenden Kommas, Sonder- und Anführungszeichen stören allerdings den Lesefluss nur wenig, man gewöhnt sich überraschend schnell daran. Die erste Seite beginnt so:

 

he was so gentle

so considerate and he is

he is very clever

to       to notice

every small

bits

 

Diese rätselhaften Layout-Spielchen durhziehen den gesamten Roman. All die spleenigen, für die Autorin als typisch geltenden, surreal anmutenden Erzählmuster sind hier auf die Spitze getrieben. Es mag ja Leser geben, die damit etwas anfangen können, – ich gehöre definitiv nicht dazu!

Fazit:   miserabel

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by DuMont

Die Perserinnen

Identitäten, Revolution und Migration

Die in Teheran geborene und in den USA aufgewachsene Iranerin Sanam Mahloudji hat unter dem Titel «Die Perserinnen» mit ihrem Debütroman ein vielschichtiges Familienepos vorgelegt, welches nicht zuletzt auch wegen des Krieges heute hochaktuell erscheint. Am Schicksal von fünf Frauen aus drei Generationen, die teils bei Ausbruch der islamischen Revolution 1979 aus dem Land geflüchtet sind, schildert die Autorin einerseits das Leben im Exil und berichtet andererseits von den restriktiven Verhältnissen im Mullah-Regime. Wobei die Politik selbst nicht im Mittelpunkt steht, sondern das extrem unterschiedliche Leben der fünf weiblichen Roman-Figuren, aus deren spezieller Perspektive hier jeweils erzählt wird.

Der Roman beginnt 2005 mit dem alljährlichen Familientreffen der steinreichen iranischen Familie Valiat im mondänen Skiort Aspen in Colorado. Dort kommt es zum Eklat, weil die anfang-fünfzigjährige Shirin sich voller Übermut in einer Bar spaßeshalber für sehr viel Geld einem Mann angeboten hat, der sich dann aber als Polizist in Zivil herausstellt und sie wegen Anbahnung von Prostitution ins Gefängnis bringt. Neben Shirin, deren Leben den wichtigsten Erzählstrang des Romans bildet, sind mit «Die Perserinnen» deren Schwester Sima, ferner die um 1940 herum geborene Elisabeth, Mutter der beiden, und die Enkelinnen Bita und Niaz gemeint. Die Familie Valiat wurde durch den als «Großer Krieger» bezeichneten und hoch verehrten Großvater unermesslich reich, wobei an dessen Händen aber auch viel Blut klebte. Zeitlich umfasst diese Geschichte eine Zeitspanne von etwa 60 Jahren mit all den politischen Umbrüchen dieser wild bewegten Zeit.

Als der persische Schah 1979 fliehen musste, hat Shirin sich entschlossen, ebenfalls das Land zu verlassen, – vermeintlich nur vorübergehend, in Wahrheit aber für immer! Ihre Mutter Elisabeth blieb im Land, und auch die damals sechsjährige Niaz wollte nicht fort und lebt fortan bei der Oma in Teheran. Die Flüchtenden gelangen schließlich in die USA, wo aber niemand sich dafür interessiert, dass sie aus der schon fast monarchistisch auftretenden Familie Valiat stammen. Der Reiz dieser Erzählung liegt im extremen Kontrast der Lebensumstände, die da anschaulich geschildert werden. Es wird umfassend beschrieben, wie sie geprägt sind und über verschiedene Lebensphasen hinweg nun unter den total veränderten Verhältnissen notgedrungen klarkommen müssen. Damit tun sich sowohl die Großmutter Elisabeth in Teheran schwer wie auch ihre Tochter Shirin, die in den USA ein exaltiertes Leben führt und damit alle vor den Kopf stößt. So lässt sie sich in Aspen beispielsweise spontan von einem Juwelier seine teuersten Uhren vorlegen. Als sie gefragt wird, welche sie denn nun wolle, sagt sie «alle»! Die dreißigtausend Dollar, die das kostet, sind kein Problem, und wenig später schon wirft sie die Tüte mit den Uhren in den Schnee, weil sie die ja gar nicht braucht, sie hat doch schon genug davon. Als zentrale Figur des Romans ist sie maßlos in allem und wirkt dadurch nicht gerade sympathisch.

Scharfsinnig beobachtend schreibt die Autorin, zuweilen sogar humorvoll, über Migration und dessen Einfluss auf die Identitäten ihres Personals, das zudem durch familiäre Mythen und faustdicke Lügen geprägt ist. Mit seinen wechselnden Perspektiven und häufigen Zeit- und Orts-Sprüngen fordert der Roman volle Aufmerksamkeit, ist also trotz seines lockeren, ‹amerikanisch› anmutenden Schreibstils keine leichte Lektüre. Ein Manko dürfte zudem das weitgehende Fehlen des Politischen sowohl im Iran als auch in der Wahlheimat USA sein, man muss andere Quellen hinzuziehen, will man die Hintergründe mancher Ereignisse wirklich verstehen. Aber auch der unermessliche Reichtum spielt eine ziemlich negative Rolle in dem Geschehen. Er bewirkt durch den schon fast verächtlichen Umgang damit unwillkürlich eine ziemliche Distanz zu den handelnden Personen, bei denen in diesem feministisch angelegten Roman den Männern nur sehr bescheidene Nebenrollen zugewiesen sind.

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Wer möchte nicht im Leben bleiben

Wunderkind-Syndrom

Für ihren dritten Roman hat HeleneBukowski mit «Wer möchte nicht im Leben bleiben» den Titel eines schwülstigen Pionierliedes der FDJ gewählt. Schon der Klappentext verrät, dass es hier um Suizid geht, begangen von einem Wunderkind, dem als Pianistin eine große Karriere in der DDR prophezeit war. Die Autorin ist in einem Nachlass zufällig auf dieses Schicksal gestoßen, das dreißig Jahre zurück liegt und sie nun nicht mehr loslässt. Voller Eifer stürzt sie sich in die Recherche für einen neuen Roman, den sie zu dieser Thematik zu schreiben gedenkt.

Schon die selten anzutreffende Erzählperspektive in der zweiten Person zeigt auf, wie sehr sie sich dabei ihrer Protagonistin Christina in deren tragischer Geschichte verbunden fühlt. Die Autorin schreibt sich damit quasi selbst in ihren Roman hinein, daran muss man sich dann erst mal gewöhnen als Leser. «Du sitzt im Übungszimmer, stürzt dich in die Revolutionsetüde, hämmerst mit aller Gewalt auf den Flügel ein, zerlegst den Raum und explodierst wie Leuchtfeuer am Himmel. Später stehst du auf dem Gang, bist brav, still, lächelst. Deine Wut findet nur in den Noten Platz». Die Erzählerin sieht dem Geschehen zwar manchmal nur zu, öfter jedoch tritt sie mit ihrer Protagonistin gemeinsam auf, stellt sich Dinge vor, die passieren könnten. Sie wünscht sich auch manches für ihre Hauptfigur und spekuliert offen über den Fortgang ihres gegen Ende hin zunehmend fiktionalisierten Plots.

Christina wird 1961 in Leipzig geboren, kurz bevor die Eltern sich ein neues Klavier angeschafft haben. Ihr Vater, ein ehemaliger Tenor, kam traumatisiert aus dem Krieg zurück. Eine wichtige Quelle für diese phantasievoll ergänzte Biografie ist ein Notizbuch von ihm, dem zufolge die Eltern ihrer Tochter «Pianistenhände» attestiert haben. «Christina konnte singen bevor sie sprechen lernte», steht darin. An anderer Stelle ergänz die Autorin: «Einmal willst du nicht üben, schreibt dein Vater in der Chronik. ‹Dann gibt es wohl heute auch nichts zu essen›!». Es ist also nichts anderes als das altbekannte Wunderkind-Syndrom, von dem hier sehr feinfühlig erzählt wird. Erstaunliches Talent auf der einen Seite, rücksichtslose Überforderung durch ehrgeizige Eltern auf der anderen, – sie wollen letztendlich mit Hilfe ihrer Kinder nur ihre eigene Bedeutungslosigkeit kompensieren. Auf dem als Trouvaille empfundenen Nachlass mit Notizbuch, Briefen, eifrig geknipsten Fotos und Kompaktkassetten mit Klavier-Aufnahmen als Quellen fußend, ergibt sich in diesem Roman das behutsam und mitfühlend gezeichnete Bild eines Lebens voller Licht und Schatten. Nicht zufällig wird hier sicherlich auch auf die rigide Kunstförderung im ehemaligen «Arbeiter-und-Bauern-Paradies» DDR hingewiesen mit ihren Kaderschmieden, seien es die in Berlin oder in Moskau.

Es ist bewundernswert, wie Helene Bukowski Musik und Natur kunstvoll ineinander verflicht, der Musik Substanz und der Natur Klang verleiht. Ein Konzert gerät da erzählerisch schon fast zu klingender Lyrik: «Du greifst nach den Händen der Anwesenden, ziehst sie in den Schatten zwischen Bäumen. Eure Schritte federn auf dem Moos, versinken in Farnen, kreiselnd treibt ihr in die Tiefe, wuchert in Mulden, perlt von hoch stehenden Halmen. Zwischen den Wurzeln sammelt sich der Applaus». Die alldem zugrunde liegende reale Biografie hat bei aller Beklemmung etwas extrem anziehendes bei der Lektüre, man kennt zwar das Ende, aber wie es letztendlich dazu kam ist trotzdem spannend zu lesen. Wobei diesem Ende dann leider ein Manko innewohnt, wenn da nämlich eine gynäkologische Diagnose plötzlich eine Rolle spielen soll, quasi als Auslöser für das mit Depressionen wegen Überforderung ja doch schon hinreichend erklärte Suizidmotiv. Man könnte also mit einiger Berechtigung einwenden, dass die Autorin übergriffig eine im Grunde reale und traurige Biografie für ihre Phantasien ausgebeutet hat, was im Endeffekt denn leider doch etwas ernüchternd wirkt. Gleichwohl, dieser so behutsam und feinsinnig geschriebene Roman ist eine lang nachwirkende, bereichernde Lektüre!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin