Der Fluss der Zeit

Philosophische Miniaturen

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri hat unter dem Pseudonym Pascal Mercier vier Romane und eine Novelle geschrieben, und posthum wurde soeben auch noch ein Band mit fünf Erzählungen unter dem Titel «Der Fluss der Zeit» veröffentlicht. Als Epiker hatte er seinen Durchbruch mit dem Bestseller-Roman «Nachtzug nach Lissabon», in dem er, wie auch in den anderen Werken, viele philosophische Fragen der menschlichen Existenz in die Handlung mit eingewoben hat. Und auch die Geschichten in der Neuentdeckung drehen sich wieder um zutiefst Existentielles.

In der ersten Erzählung wird geschildert, wie ein allein stehender Restaurator, der ins Pflegeheim gehen will, sein Haus an die Käufer übergibt. Die formale Hausübergabe ist schnell erledigt, die Schlüssel hat er alle penibel ausgerichtet nebeneinander auf den Tisch gelegt. Er führt die Käufer durch alle Räume, weist auf dies und jenes hin. Es ist offensichtlich, dass ihm der Abschied von seinem Haus, in dem er Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat, unendlich schwer fällt. Bei einer Einladung lernt ein Paar einen Pianisten kennen, und es wird sehr schnell eine innige Freundschaft aus dieser Begegnung. Als der neue Freund sich einen Finger bricht und es fraglich bleibt, ob er je wieder wird spielen können, bricht alles zusammen für ihn, er wird sich die teure Wohnung bald nicht mehr leisten können. Das wohlhabende Paar beschließt, die Wohnung zu kaufen und ihm zu schenken. Zögernd stimmt er zu, – lässt aber dann lange nichts mehr von sich hören. Am Ende stellt sich heraus, dass er psychische Probleme hat mit seiner Rolle als Beschenkter, der mutmaßliche Wunsch seiner Gönner nach Dankbarkeit belastet ihn schwer.

Dann wird von einem an ständigem Husten leidenden Mann berichtet, dem sein Arzt erklärt, dass das Ergebnis einer vorsichtshalber vorgenommenen Biopsie erst einige Tage später eintreffen würde. Nun kann er an nichts anderes mehr denken als an das drohende Unheil. Die Ambivalenz des Zeitempfindens wird hier sehr gekonnt dadurch verdeutlich, dass er erst das Ergebnis gar nicht schnell genug bekommen kann, je näher aber der Termin rückt, desto mehr wünscht er sich, die Zeit würde langsamer vergehen. Denn sogar eine spontane Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nicht abhalten von seiner ständigen Grübelei. Ein Busfahrer schließlich hat immer mehr Probleme mit Lärm, sei es von außen oder auch von seinem pubertären Stiefsohn, der ständig mit seiner lautstarken PlayStation spielt. Als der Sohn merkt, dass er den Lärm als Waffe einsetzen kann in der Auseinandersetzung mit seinem Stiefvater, eskaliert die Situation auf tragische Weise. In der letzten Erzählung geht es erneut um die fließende Zeit. Ein Linguist weilt nach vierzig Jahren anlässlich eines Kongresses in der Stadt, wo er einst studiert hat. Er nutzt die Gelegenheit, sich bei den Vermietern seiner ehemaligen Studentenbude zu melden, – sie wohnen tatsächlich noch dort. Er wird freudig empfangen, sie bieten ihm sogar an, er könne gern in der Mansarde übernachten, sie ist nicht mehr vermietet. Für ihn ist dieser überraschende Aufenthalt eine wehmütige Reise zurück in eine ferne Vergangenheit, und zuhause beschließt er dann wohlgemut, genau darüber zu schreiben.

Es sind existentielle Erfahrungen wie Freiheit, Angst, Krankheit oder Tod, die in diesem schmalen Band anhand von sorgsam ausgearbeiteten, kurzen Geschichten verständlich dargestellt werden. Dabei sind immer Emotionen und Gedanken im Spiel, mit denen die Figuren versuchen, die Realitäten des Lebens zu begreifen, an denen man partout nicht vorüber kommt. Wobei es kritische Wendepunkte sind, die den Figuren hier zu schaffen machen und die Pascal Mercier philosophisch scharfsinnig hinterfragt. Stilistisch bewerkstelligt er das in einer angenehm lesbaren, unprätentiösen Sprache, ergänzt um eine präzise Figuren-Zeichnung, welche ohne Schnörkel jeweils auf das Wesentlich reduziert bleibt in diesen philosophischen Miniaturen für mitdenkende Leser.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Hanser Verlag München

Drei Frauen

Aus purem Glück

Die schon länger für den Nobelpreis vorgeschlagene italienische Kultautorin Dacia Maraini hat sich mit dem Roman «Drei Frauen» erneut als streitbare Pionierin des Feminismus erwiesen. In dieser unkonventionellen Geschichte stellt sie drei Generationen einer aus Großmutter, Mutter und Tochter bestehenden Lebensgemeinschaft vor, deren Zusammenleben unter einem Dach sich nicht nur emotional als schwierig erweist. Diese unkonventionelle Thematik nutzt sie zu mancherlei überraschenden Wendungen in ihrer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Geschichte.

Älteste im Bunde ist mit 60 Jahren die lebenslustige Großmutter Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, die immer noch gern mit Männern flirtet und mit ihrem deutlich jüngeren Bäcker eine ungewöhnliche Liaison hat. Denn er ist nur am Küssen interessiert, darin aber ist er unschlagbar. Gesuina werden jedes Mal die Knie weich, wenn er sie leidenschaftlich küsst, mehr will er aber nicht von ihr. Die früh verwitwete, vierzigjährige Maria, ihre ernste, sittenstrenge Tochter, ist freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Sie ist ein eher lebensfremder Bücherwurm, und sie ist es denn auch, die ihre Familie durchfüttert. Seit fünf Jahren ist sie mit François liiert, eine Fernbeziehung, die sie ganz unkonventionell noch mit langen Briefen ausfüllt. Kulturell interessiert machen sie beide öfter gemeinsam Urlaub, und zwar  nicht nur in exotischen Ländern, sondern sie bereisen kulturinteressiert auch Holland, worüber Maria ihrer Familie von unterwegs begeistert per Brief berichtet. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori schließlich, Marias Tochter, ist pubertär bedingt ziemlich aufmüpfig. Sie hat öfter mal Sex mit ihrem festen Freund und kümmert sich ganz unkonventionell um eine auf der Müllkippe hausende Obdachlose, der sie öfter mal Essen und Getränke vorbei bringt und auch Geld zusteckt. Unterschiedlicher als diese drei Charaktere können Romanfiguren wohl kaum sein.

Es gibt schließlich eine überraschende Wendung, als sich herausstellt, dass Lori schwanger ist. Während der Geliebte ihrer Mutter an Weihnachten zu Besuch war, hat sie die Gelegenheit genutzt und mal schnell Sex mit François gehabt, einfach weil sie neugierig war auf den gut aussehenden Mann. Aber selbstverständlich wollte sie ihn der Mutter nicht ausspannen! Man fragt sich als Leser, ob die Autorin es nicht auf die Spitze treibt in ihrer Geschichte, wenn sie es bei diesem leichtsinnigen Spontansex nun auch gleich zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen lässt. Sie wollte «der heutigen, verwöhnten Jugend einen Spiegel vorhalten», hat sie dazu erklärt. «Die lassen sich leichtfertig treiben, sie weichen Verpflichtungen aus und denken kaum über den Tag hinaus». Insoweit soll also ihr an die Vernunft appellierender Roman auch eine moralische Botschaft transportieren. Lori traut sich nicht, ihrer Mutter zu beichten, denn auch die Großmutter lehnt es vehement ab, die arme Maria damit zu konfrontieren. Soll Lori abtreiben oder einfach ihrem festen Freund das Kind unterschieben? Nach mehr als drei Monaten ist der Bauch nicht mehr zu verstecken, François hat sich schändlich ‹vom Acker gemacht›, und Lori offenbart sich endlich ihrer Mutter, ziemlich feige zwar, – in einem langen Brief nämlich!

Stilistisch perfekt wird diese Geschichte, ständig wechselnd und meisterhaft gekonnt, aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen erzählt: Als Tonband-Aufzeichnung der Großmutter, in Briefen der Mutter und in Tagebuch-Einträgen der Tochter. Letztere gebiert einen prächtigen Jungen, dem sie ganz unbeirrt den Namen Prometheus gibt, der ‹Vorausdenkende›. Das Baby verändert die familiäre Struktur schlagartig zum Positiven, das Gefühls-Karussell dieser drei ungleichen Frauen justiert sich von Grund auf neu. Sehr subtil legt die Autorin in ihrem raffiniert angelegten Plot eine zerbrechliche Familien-Struktur dar, die mit dem Vogelkäfig auf dem Cover auch die Freiheit als politisches Ziel symbolisiert. Trotzdem bleibt sie aber auch hoffnungsfroh, denn am Ende lachen alle wieder, die letzten Worte dazu lauten ergänzend «aus purem Glück»!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Folio Verlag

Löwenherz

Schlafesruh

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer hat mit dem Roman «Löwenherz» ihre autofiktionale Trilogie über ihre Großfamilie abgeschlossen, die ihr gleich mit dem ersten Band einen späten Durchbruch auch am deutschen Buchmarkt beschert hat. Als Buchtitel hat sie den lustigen Kosenamen des Vaters für ihren jüngeren Bruder Richard gewählt, dem sie mit dieser feinsinnigen, behutsamen Erzählung ein literarisches Denkmal setzt. Sie denke nun viel öfter an ihren sechs Jahre jüngeren, im Alter von dreißig Jahren viel zu früh verstorbenen Bruder und habe nur die Hoffnung, dass er «von oben runterschaut und sagt: ‹Hast du gut gemacht›».

Der Roman beginnt damit, dass ihrem Bruder ein «struppiger, knapp übers Knie hoher», herrenloser Hund zulief, den er gleich ins Herz geschlossen hat und dem er spontan den Namen Schamasch gab. Beide waren fortan unzertrennlich, und weil er als 25jähriger Schriftsetzer allein lebte, nahm er den Hund auch mit zur Arbeit, wo sich alle Kollegen und auch der Chef sofort mit ihm anfreundeten. Bei einem Badeausflug fand er am Ufer des Bodensees eine verrostete Badewanne, die er ins Wasser zerrte und hinein stieg, obwohl er nicht schwimmen konnte. Prompt versank die Wanne im See, und er rief wild um sich schlagend um Hilfe. Eine hochschwangere Frau, die mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe war, zog ihn an Land. Richard bedankte sich bei ihr und wollte gerade gehen, als sie ihn aufforderte, ihr doch seine Adresse zu geben. Er solle als Gegenleistung für seine Rettung während ihrer Entbindung ein paar Tage auf ihre kleine Tochter Putzi aufpassen. Was er dann auch gerne tut, und Putzi, Schamasch und er lieben sich alle drei auf Anhieb, sie bilden eine geradezu ideale Gemeinschaft. Putzi nennt ihn von Anfang an Papa und geht ihm nicht mehr von der Seite, ihre Mutter aber lässt sich wochenlang nicht mehr sehen. Monika Helfer springt oft ein, wenn er Putzi manchmal nicht mitnehmen kann in die Fabrik. Sie selbst, ihr späterer Mann Michael Köhlmeier und Richard haben in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zueinander.

Das alles geht wider jede Erfahrung lange Zeit gut, Richard erweist sich als idealer Vater. Bis er, der sich nie für Frauen interessiert hat, plötzlich auf die smarte Rechtsanwältin Tanja trifft, die ihn sogar heiratet und ihm ein Leben in Luxus bietet. Er kündigt seinen Job und kann sich künftig voll seiner Passion widmen, naive Kunst nämlich, die er als mäßig erfolgreicher Maler eifrig betreibt. Mit dem Tod des Hundes, der von einem Jäger erschossen wird, erreicht sein glückliches Leben dann aber einen Wendepunkt, dem wenig später auch der Verlust der innig geliebten Putzi folgt, die von ihrer Mutter plötzlich mit Gewalt aus Richards Wohnung herausgeholt wird. Diese beiden Ereignisse werfen den Eigenbrötler völlig aus der Bahn. Er entfremdet sich nun immer mehr von seiner Schwester Monika und ihrem Mann.

Das Besondere am Stil der Autorin ist ihre behutsame Herangehensweise an den Stoff. Sich vorsichtig herantastend bezieht sie sogar den Schreibprozess selbst mit ein in ihre Erzählung, und sie hat in ihrem Mann und Kollegen Michael Köhlmeier einen kundigen Gegenleser, mit dem sie sich intensiv austauscht. Sie reden nicht nur über den Roman, den sie schreibt, sondern auch über die Erinnerungen an den charmanten Richard. Ihr Mann war ziemlich eng mit ihm befreundet und erinnert sich zuweilen sogar an manches, was sie nicht mehr weiß. Er habe ihn mutmaßlich sogar besser gekannt als sie, wenn er etwa erklärt: «Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard». Zweifellos ist das Schreiben für Monika Helfer hier auch eine Art Selbstbestätigung. Feinsinnig schildert sie Richard als ebenso kauzigen wie widersprüchlichen, ebenso fantasievollen wie gutmütigen Mann, österreichisch gesagt als «Schmähtandler». Wahrscheinlich sei, hat sie alles hinterfragend erklärt, dessen Kindheit, getrennt von den Schwestern bei einer unfreundlichen Tante, der wahre Grund für seine Schrullen gewesen. Voller Wehmut wünscht sie ihm ganz am Ende des Romans «Schlafesruh»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Auf den Gleisen

Radikaler Underdog-Roman

Das Romandebüt der Schriftstellerin Inga Machel unter dem Titel «Auf den Gleisen» wurde 2024 auf die Shortlist für den Leipziger Buchpreis gewählt. Angesichts seiner Thematik eine kühne Entscheidung der unkonventionellen Jury, die hier trotz einer zweifellos vorhandenen langen Reihe von literarischen Mängeln offensichtlich die rigorose Abkehr der Autorin von narrativen Konventionen und insbesondere wohl auch die beklemmende Thematik dieses Romans hervorheben wollte. So sind denn auch die Kritiken der Feuilletons dahingehend unisono positiv, dass nämlich gerade diese Radikalität den Roman in letzter Konsequenz literarisch auszeichne, auch wenn die Mängelliste lang sei! Ein zulässiger Kompromiss?

«Ich dachte, ich müsste jemand umbringen. Als würde der Tod meines Vaters einen Gegentod erfordern», heißt es zu Beginn. Lange ist es nicht sicher, ob da vielleicht eine Frau erzählt, bis irgendwann dann endlich der Name Mario genannt wird, der Mitte zwanzig war, als sein depressiver Vater sich vor den ICE geworfen hat. Das ist inzwischen zehn Jahre her. Aber der Ich-Erzähler, der als Abiturient in der mündlichen Abiturprüfung das Thema Suizid hatte und dafür 15 Punkte bekam, ist seit fünf Jahren total aus der Bahn geworfen, er ist also alles andere als «auf den Gleisen». Bei seinen ständigen, ruhelosen Streifzügen durch Berlin begegnet er einem Mann, in dem er seinen Vater zu erkennen glaubt und dem er von nun an geradezu zwanghaft folgt, ohne ihn jedoch anzusprechen. Es handelt sich um einen heroinsüchtigen Obdachlosen, den er in seiner Erzählung nur P. nennt und dem er sich wie ein lästiger Stalker ohne Sinn und Zweck an die Fersen heftet. So kennt er bald auch dessen Wohnung und klettert sogar, als P. sie einmal kurz verlässt, neugierig durch das offen gelassene Fenster, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos voller Schmutz empfängt. Offensichtlich ist P. für ihn eine Ersatz-Vaterfigur, deren absehbaren Niedergang er neugierig miterlebt, um damit wohl seine eigenen Traumata verarbeiten zu können.

In ständigem Wechsel erzählt Mario immer wieder auch aus seiner glücklosen Kindheit in prekären Verhältnissen. Er musste unter der gefühlskalten Mutter ebenso leiden wie unter dem depressiven, oft ausrastendem Vater, der dann meist um sich schrie: «Ich bin nur von Idioten umgeben». Und damit meinte er ausnahmslos alle, Familie, Nachbarn, Freunde, Kollegen und seine vielen Zechkumpane, aber auch Mario. Und der trägt nun die gescheiterte Beziehung zum Vater sowie das Fehlen jedweder Sicherheit und bedingungsloser Liebe als seelisches Handicap mit sich herum.

Der eigenwillige Stil, in dem das alles erzählt wird, ist allein schon dadurch geprägt, das allzu vieles einfach offen gelassen, also nichts wirklich auserzählt wird. Angesiedelt in Berlin, stellt die dort lebende Autorin diese Metropole in ihrem Roman als völlig verdeckten, dysfunktionalen Moloch dar, als ein idealer Nährboden also für Kleinkriminelle, Junkies und Lebensmüde. Insoweit ist dies ein völlig untypischer Berlin-Roman. Denn die meist euphorisch beschriebene Großstadt-Stimmung wird hier stilistisch gekonnt auf eine äußerst subtile Art demaskiert: «Es war noch nicht Nacht, aber fühlte sich schon eine Weile lang so an. Der Himmel lag abgenutzt über dem See, an dessen Ufer, direkt gegenüber, ein betrunkener Mann eine betrunkene Frau schlug». Neben der chaotisch wechselnden, oft intermittierenden Chronologie der Handlung, die man allerdings nicht wirklich als Plot bezeichnen kann, stört insbesondere die allzu dick aufgetragene Melodramatik dieser Geschichte. Die Autorin suhlt sich schreibend geradezu in dem Elend, das sie da unbeirrt heraufbeschwört. Es gibt zudem wahrhaft schiefe Bilder und irrwitzige Szenen voller Selbstmitleid, an denen man sich prompt stößt als irritierter Leser. Verblüfft wird man resümieren, dass Inga Machel suizidale Depression und Drogen-Missbrauch als etwas völlig Normales beschreibt. Wer das wirklich nachvollziehen kann, wird wohl auf seine Kosten kommen bei diesem radikalen Underdog-Roman!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die Frau und der Fjord

Nordischer Trauer-Exzess

Die äußerst vielseitig tätige Schriftstellerin Anette Strohmeyer, die auch unter diversen Pseudonymen schreibt, hat in ihrem Debütroman «Die Frau und der Fjord» eigene Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes eingebracht. Wie schon der Titel erahnen lässt, befindet sich der Handlungsort ihrer traurigen Geschichte im nördlichen Norwegen, genauer gesagt in einem Fjord auf einer der zugehörigen Inseln, von den Einheimischen nur «Die Heimsuchung» genannt. Dort hat eine hoch angesehene und extrem gut verdienende Top-Geologin aus der Erdölbranche nach dem Unfalltod ihres Mannes spontan ein einsam gelegenes Anwesen gekauft, um sich in der absoluten Einsamkeit eines abgelegenen Fjords endgültig vom Weltgeschehen zu verabschieden und in ihrer Trauer ein Einsiedler-Dasein zu führen. Mit dem untertitel-artigen Hinweis «Roman über Heilung, Neubeginn und die tröstende Kraft der Natur» hat der Verlag die Thematik des Buches überaus deutlich umrissen. Der im Herbst 2025 erschienene Roman wurde in den verschiedenen Leserforen einhellig positiv bewertet, von den Feuilletons aber ebenso einhellig ignoriert, so als wäre dies ein Schundroman. Wer bitte liegt denn da falsch, all die euphorisierten Leser oder die ignorante Kritikerzunft, die doch sonst so gern Jubel-Rezensionen veröffentlicht?

Die 45jährige, kinderlos verheiratete Gro Kristjánsdóttir gilt in ihrer hart umkämpften Branche als absolutes Ausnahme-Talent mit dem besonderen Gespür für Erdöl-Vorkommen. Sie arbeitet oft monatelang auf einer einsamen Bohrplattform in der Barentsee nördlich von Norwegen, wo sie als leitende Geologin verantwortlich dafür ist, anhand der von ihr durchgeführten Bohrungen und den laufend daraus gewonnenen Gesteinsproben auf die Ergiebigkeit der Ölquellen zu schließen. Liegt sie richtig, verdient ihre Firma meist Riesensummen mit der Exploration des Vorkommens, liegt sie aber falsch mit ihren Einschätzungen, würde die vergebliche Bohrung ihren Ölkonzern viele Millionen kosten. Die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes erreicht sie bei einem der monatelangen Aufenthalte auf der Bohrinsel. Wie sich herausstellt, war ihr Mann im Krankenhaus gewesen, wo ihm die Diagnose gestellt wurde, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf dem Heimweg mit dem Auto hatte er dann einen tödlichen Unfall, er ist aus ungeklärter Ursache frontal auf einen Fels geprallt.. Was natürlich zu Spekulationen führte, ob das womöglich ein Suizid war. Völlig entnervt und aus der Bahn geworfen kündigt Gro ihren Job und zieht in die extreme Einsamkeit ihres Fjords.

Ob sie zurück ins Leben findet, bleibt sehr lange fraglich in diesem breit angelegten Roman, denn sie ist absolut untröstlich über ihr Schicksal. Das kleine Holzhaus mit Anlegesteg und einem Schuppen hat vor ihr ein älterer Mann besessen, der bei einem Sturz vom Fels tödlich verunglückt ist. Sie hat zwar einen Stromanschluss, aber kein Telefon und auch kein Handy, das Radio und ein altes Funkgerät ist ihr einziger Kontakt nach draußen. Alle zwei Monate fährt sie mit ihrem kleinen Boot zum Einkaufen ins nächste Fischerdorf, wo sie sich im Supermarkt mit allem eindeckt und wo auch ihre Post lagert. Immer wieder wird in langen Passagen von der unberührten Natur in ihren Fjord berichtet, von ihrer unendlichen Trauer und ihrem latenten Unvermögen zu einem wirklichen Neubeginn. Erst in der Mitte des Romans, beginnend mit der Rettung eines schiffbrüchigen Fischers, mit dem überraschenden Auftauchen zweier ehemaliger Kollegen und mit einem beunruhigenden Besuch der Kriminalpolizei wird diese narrative Monotonie dann endlich unterbrochen.

Auch wenn Trauer und Natur als tragende Bestandteile über weite Strecken dieses Romans schon bald sehr langweilig werden, wird beim Lesen doch ganz allmählich auch die Erwartung auf ein Ende des bereits zwei Jahre andauernden Trauer-Exzesses erweckt. Vergeblich, denn ihre Geschichte endet, gewissermaßen nordisch unterkühlt, nur mit einer vagen Andeutung. Banal ist das alles aber nicht, und man lernt sogar manches dazu – über die arktische Natur.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Das Liebespaar des Jahrhunderts

Eine wichtige Erkenntnis

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist das zweite Buch einer Trilogie von Julia Schoch über die Biografie einer Frau. Dieser selbständig lesbare Roman ist erkennbar autobiografisch gefärbt, die Ich-Erzählerin weist nicht nur als Schriftstellerin Parallelen auf zur Autorin, auch wenn die dafür gesorgt hat, alle Spuren zu verwischen. Konsequent werden keine Namen genannt in diesem literarischen Zwei-Personen-Stück, und die zwei Kinder, die schließlich aus der dreißigjährigen Beziehung hervorgegangen sind, bleiben sogar auch im fortgeschrittenen Alter noch geschlechtslos, sie sind immer nur das« ältere» und das «jüngere Kind». Dementsprechend wird, der Thematik des Romans folgend, hier eine Liebe von ihrem Ende her zu erzählen, konsequent nur aus der Perspektive der namenlosen Frau, und das sehr distanziert und weitgehend emotionslos. Insoweit ist der Titel dieses Romans irreführend, denn seine beiden Protagonisten sind weit davon entfernt, das Traumpaar «des Jahrhunderts» zu bilden.

«Im Grunde ist es ganz einfach. Ich verlasse dich» heißt es am Beginn des Romans, das Scheitern ihrer Beziehung ist nämlich für die Ich-Erzählerin schon lange beschlossene Sache. Ohne dass sie allerdings je mit ihrem Partner darüber gesprochen hat, nicht mal ansatzweise. Der ist und bleibt jedenfalls völlig ahnungslos. Denn wie sie es sagen wird und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, das erweist sich für sie als großes Problem. Sie fertigt eine Liste mit Argumenten an, die für eine Trennung sprechen, schreibt genau auf, was sie sagen will und lernt den Text auswendig, um nicht aus dem Konzept zu kommen, wenn er sie unterbricht und Einwände vorbringt. Als Schriftstellerin ist es für sie auch nahe liegend, ihm einen ausführlichen Brief zu schreiben über ihren Entschluss und alle Faktoren dazu, – und ihn nie abzuschicken! Erst sind es die Kinder, die eine Trennung fast unmöglich machen für sie, und obwohl es nicht mangelt an Kehrpunkten ihrer Beziehung, die einen Anlass bieten würden, schreckt sie letztendlich immer wieder davor zurück, auszubrechen in das, was sie ein freies Leben nennt.

In endlosen Rückblenden reflektiert sie in einer Art innerem Monolog ihre dreißigjährige Liebe, die ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte mit abbildet, zu der auch der Fall der Berliner Mauer gehört. Die Beiden haben sich während des Studiums kennen und lieben gelernt, sie hat ihn geradezu angehimmelt damals in einer symbiotischen Beziehung. Und sich schließlich sogar entschlossen, ihre Doktorarbeit seinetwegen abzubrechen. Man verkehrt in intellektuellen Kreisen, die Beiden sind kunstinteressiert, lesen viel und gehen gern ins Kino. Sie holen auch all die Reisen nach, die sie zu DDR-Zeiten nie  machen konnten. Was den Abkühlungs-Prozess einer Liebe anbelangt ist dieser Roman jedenfalls recht banal und voller Gemeinplätze, seine Stärke, ja fast sein Alleinstellungs-Merkmal sind die klugen Reflexionen zum Thema. «Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, um mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln», sinniert sie. «Jemanden zu verlassen heißt: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb?» grübelt sie an anderer Stelle. Durchaus selbstkritisch merkt sie an: «Vielleicht hat das Zusammenleben ‹mit mir› dich zu jemandem gemacht, der mir allmählich unerträglich geworden ist». Der Superlativ des Romantitels wird schließlich dahingehend relativiert, es handele sich um ein repräsentatives Liebespaar, in dem «sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren». Und auf der letzten Seite wartet noch eine handfeste Überraschung dazu!

Erich Kästner hat zum Thema geschrieben: «Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut». Im Roman wimmelt es nur so von derartigen Betrachtungen, wobei da auch ständig darüber reflektiert wird, wie authentisch das alles denn wirklich ist. Denn ein Gefühl stellt sich hier schon bald ein, dass es nämlich nichts zum Anhimmeln gibt, im Roman nicht und wohl auch nicht im richtigen Leben. Immerhin eine wichtige Erkenntnis, die zurückbleibt nach der Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Der Duft der Blumen bei Nacht

Hinter den literarischen Kulissen

Im Erscheinungsjahr von «Der Duft der Blumen bei Nacht» der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani war die Gattungs-Bezeichnung ‹Memoir› für derartige literarische Werke noch wenig gebräuchlich. Aber ohne Zweifel trifft sie hier zu, denn dieses Werk konzentriert sich auf ein bestimmtes reales Ereignis im Leben dieser Schriftstellerin, das mit emotionaler Tiefe, allein aus subjektiver Sicht reflektierend, Einsichten und Ansichten der Ich-Erzählerin ohne jede fiktionale Ausschmückung thematisiert. Den Anstoß für dieses Buch hatte ihre Lektorin gegeben: Sie solle doch bitte einen Beitrag für die von ‹Les Éditions du Stock› initiierte, neue Buchreihe «Eine Nacht im Museum» schreiben. Obwohl sie mit einem Roman beschäftigt war und eigentlich ablehnen, ausnahmsweise also auch mal Nein sagen wollte, hat sie sich schließlich doch dazu bereit erklärt.

Im April 2019 reist sie nach Venedig, um im Museo Punta della Dogana, dem einstigen Zollamt der Serenissima, ganz allein eine, wie sie hofft, inspirierende Nacht zu verbringen. An diesem der Kunst gewidmeten Ort treffen nach wie vor Orient und Okzident aufeinander, was ihre eigene Situation als marokkanische Frau widerspiegelt, die sich als Erwachsene für Frankreich als Wahlheimat entschieden hat und sich nun nirgendwo richtig dazugehörig fühlt. Als gesellschafts-kritisch engagierte Schriftstellerin lebt sie zwischen den beiden grundverschiedenen Kulturen, wobei sich mit Paris als Wohnsitz zunehmend die westliche Kultur in ihr verfestigt, das islamische Denken also in den Hintergrund gedrängt hat. Mit einem Feldbett und Schlafsack versorgt lässt Leïla Slimani sich also abends im Museum einschließen und ist nun allein mit all den Exponaten. Mit denen sie aber, das gibt sie unumwunden zu, partout nichts anfangen kann, die dort ausgestellte, modernistische Objekt-Kunst sagt ihr rein gar nichts. Sie geistert völlig allein ziellos durch die dunklen Säle des alterehrwürdigen Gebäudes und versinkt immer mehr in ihren Gedanken und Träumen, von denen in diesem Buch vor allem die Rede ist.

Dazu gehört natürlich ihr Beruf als Schriftstellerin, den sie kritisch hinterfragt, wenn sie von ihrem Arbeitsalltag erzählt. Sie igelt sich regelrecht ein in ihrer einsamen Schreibklause, die schon nach kurzer Zeit in einem kreativen Chaos versinkt, das sie ganz offensichtlich zum Schreiben braucht. Dabei will sie auch nicht gestört werden, sie empfängt niemanden und geht auch nichts ans Telefon. Sie denkt auch an ihre Jugendzeit in Rabat zurück, wo sie sich als nicht Islam-Gläubige ausgegrenzt fühlte. Als Sechzehnjährige schleicht sie, den islamischen Sitten zum Trotz, nächtens aus dem Haus und kehrt erst am frühen Morgen genau so heimlich zurück. «Ich war berauscht von meiner Freiheit, und zugleich hatte ich Angst». Seit sie 1999 Marokko verlassen hat gilt sie dort als frankophon. Einen breiten Raum in ihren einsamen Betrachtungen nimmt die Literatur ein, Verweise auf viele andere Schriftsteller vor allem, wobei sie Salman Rushdie als ihren Freund bezeichnet, dem sie viel zu verdanken habe. Diese der Literatur als Kunstgattung gewidmeten Gedanken sind mit vielen Zitaten unterlegt, als Beispiel sei eine Definition von Tschechow über die Großen der schreibenden Zunft genannt: «Das sind die, die es mitten im Sommer schneien lassen und die Flocken so gut beschreiben, dass es einem plötzlich kalt wird und man zittert».

Und immer wieder neu definiert Leïla Slimani in diesem Memoir sprunghaft ihre Sicht auf die Möglichkeiten und Grenzen der Schriftstellerei. Ihre breit angelegte Selbsterforschung als Autorin mutet denn auch oft an wie eine veritable Poetikvorlesung. Dieser Papier gewordene Gedankenstrom bietet dem Leser geradezu ein Füllhorn von interessanten Interna. Genau darin liegt denn auch die Stärke dieses Buches, man bekommt durch die bisher leider nur in Frankreich hoch geschätzte Autorin einen ungemein bereichernden Einblick hinter die Kulissen der Literatur.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Memoir
Illustrated by Luchterhand

Ein Wochenende

Ebenso vorhersehbar wie freudlos

Die australische Schriftstellerin Charlotte Wood hat mit ihrem Roman «Ein Wochenende» eine interessante Thematik für ihre Geschichte gewählt. Sie umfasst zeitlich, der Titel sagt es bereits, nur ein einzelnes Wochenende. In dem unzertrennlichen Kleeblatt von vier älteren Frauen stirbt Sylvie, und Jude, Wendy und Adele werden gebeten, deren altes Sommerhaus am Meer komplett zu entrümpeln, damit es verkauft werden kann. «Nehmt Euch, was ihr wollt», heißt es in der E-Mail von Sylvies Erben, «betrachtet es als Ferien».

Zwei Tage haben die seit Jahrzehnten eng befreundeten Frauen Zeit dafür, und zwar an Weihnachten, wo es in dem auf der südlichen Halbkugel gelegenen Erdteil Australien ja Sommer ist und damit in der Regel auch sehr heiß. Sie waren schon oft in dem Haus von Sylvie, haben dort Weihnachten zusammen verbracht oder auch Ferien gemacht. Obwohl sie sich untereinander so gut kennen wie niemand anderen sonst, ist dieser Aufenthalt elf Monate nach Sylvies Tod eine besondere Herausforderung für die drei Freundinnen, die sich nun angesichts dieses eher ungewöhnlichen Auftrags und der geänderten Konstellation ihrer langjährigen Freundschaft auf neue Weise kennen lernen. Die Autorin lässt sich zu Beginn viel Zeit, die Anreise der Frauen mit den verschiedensten Verkehrsmitteln und ihre individuellen Reise-Erlebnissen und –Eindrücken zu schildern, was schon ein wenig auf ihre charakterlichen Eigenarten hindeutet. Als sie dann glücklich alle eingetroffen sind, ist zunächst alles wie immer, sie kennen sich ja schließlich lange genug. Ihrem Wesen entsprechend verhalten sich die Frauen dann aber recht unterschiedlich angesichts der bevorstehenden Aufgaben. Die kapriziöse Schauspielerin Adele hat sich gleich auf ihr Zimmer zurückgezogen, um sich im Bett liegend erstmal auszuruhen und einzustimmen auf das, was bevorsteht. Und wie es ihre Art ist, hat sie natürlich gleich auch das schönste Zimmer im Haus okkupiert. Wendy hingegen, die als intellektuelle Schriftstellerin ein erfolgreiches Buch nach dem anderen schreibt, ist mit ihrem altersschwachen, kranken Hund Finn beschäftigt, den sie abgöttisch liebt, der den anderen Frauen aber nicht zuletzt mit seinen Hinterlassenschaften gewaltig auf die Nerven geht. Aber nicht nur die Romanfiguren sind entsetzt, sondern auch der Leser, denn Finn ist nun sozusagen der Vierte im Bunde der Frauen und wirkt allenfalls als lästiger Störfaktor im Roman.

Nur Jude hat sich als einstmals erfolgreiche Besitzerin eines angesagten Restaurants gleich an die Arbeit gemacht und angefangen, die vorhandenen Konserven nach Verfallsdatum zu sortieren. Wie zu erwarten kommt es während der beiden Tage zu allerlei Enthüllungen, Geständnissen und Verdächtigungen zwischen den befreundeten Frauen, vieles ist nicht so, wie es scheint. Es sind all die Probleme, die da aufscheinen und von den anderen mehr oder weniger gehässig kommentiert werden, es menschelt gewaltig in diesem Roman. Die einst glamouröse Adele hat schon lange keine Rolle mehr bekommen, ihre Zeit als Schauspielerin ist vorbei. Ihre lesbische Geliebte hat sie am Abfahrtstag vor die Tür gesetzt, sie steht jetzt plötzlich sozusagen auf der Straße, was sie den Freundinnen natürlich schamhaft verschweigt. Aber auch Judes finanzielle Großzügigkeit erweist sich in Wahrheit als aufgesetzte Attitüde, nur dank ihres reichen Liebhabers, von dem die anderen nichts wissen dürfen, kann sie sich ihren extravaganten Lebensstil überhaupt leisten. Und die intelligente Wendy wiederum kommt partout mit ihren erwachsenen Kindern nicht klar.

Der von Anfang an langweilige, profane Plot wartet mit allerlei Klischees auf bei den psychischen Eigenheiten seiner Figuren, die sich untereinander auf die Nerven gehen – und bald auch dem Leser! Es fehlt ihnen deutlich an Charisma, um sympathisch wirken zu können. Und der in allerlei Rückblenden stocknüchtern erzählten, vorhersehbaren Handlung fehlt es  zudem leider an Humor, was diese Lektüre zu allem Überfluss letztendlich völlig freudlos macht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Wenn es dunkel wird

Realistisch/surreal verflochtene Erzählungen

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erzählt in seinem neuen Sammelband «Wenn es dunkel wird» elf Geschichten, die in ihrer dezent eingearbeiteten Mystik ein wenig an Edgar Allen Poe erinnern. Andererseits beruht sein distanzierter, schnörkellos einfacher Erzählstil, wie er erklärt hat, «auf einer wiederholten Reduktion des Erzählten». Er lasse bewusst die Sprache in den Hintergrund treten, dadurch würden die «gezeichneten Bilder» umso realer. Außerdem stehe bei ihm nicht der Inhalt im Mittelpunkt, sondern der Stil, in dem erzählt wird. Es geht auch in diesem Band um die Frage, was passiert, «wenn unsere Phantasien realer werden als die Wirklichkeit», also «wenn es dunkel wird» um uns herum.

In «Nahtigal» geht es um den verhinderten jugendlichen Bankräuber David, der am Ende seines geplanten Überfalls, von einem Gefühl der Leichtigkeit überwältigt, seinen Plan aufgibt. In «Das schönste Kleid» wetteifern einige junge Kolleginnen um die Gunst des umschwärmten Chefarchäologen Felix, ein eifersüchtiges Rennen, das die Ich-Erzählerin Brigitte durch einen denkwürdigen Auftritt auf einem Betriebsfest spektakulär gewinnt. Mit «Supermond» ist die Geschichte eines kurz vor der Verrentung stehenden Mannes betitelt, der in kleinen Schritten aus seiner verantwortungsvollen Arbeit bei der Wartung von Verkehrs-Flugzeugen heraustritt und allmählich in der Dunkelheit seiner Bedeutungslosigkeit versinkt. «Sabrina, 2019» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die bei einem Künstler Modell steht für eine Skulptur und später auf einer Vernissage miterlebt, wie ein Kunstsammler das menschengroße Abbild von ihr erwirbt. Er lädt sie ein, das bei ihm im Wohnzimmer aufgestellte Werk zu sehen, eine Einladung, die sie gerne annimmt. «Die Frau im grünen Mantel» handelt von einer Patientin, die auf einen pensionierten Arzt trifft, der sich in seinem ehemaligen Krankenhaus nun als Patient zu einer Operation eingefunden hat. Er erinnert sich, die Frau vor vielen Jahren mit allerlei mysteriösen Verletzungen behandelt zu haben. Die neue Begegnung mit ihr bringt ihn beinahe dazu, seine OP abzublasen.

In «Cold Reading» wird die Mittelmeer-Rundreise einer jungen Frau auf seltsame Weise bei einem Wahrsager unterbrochen, – ein Erlebnis, dass sie wohl immer in Erinnerung behalten wird. Auf der Anreise zu einem Skiurlaub bleibt ein Vater an der Raststätte allein zurück, seine wütende Frau hat ihn einfach stehen lassen, als er geschäftlich telefonieren musste. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zur nächsten Ortschaft, wo er auf eine Lehrerin trifft, die ihn dazu bringt, ein Bild für seine Frau zu malen. Als er nach einer odysseeartigen Fahrt am Ferienort ankommt und seiner Frau sein unbeholfen gemaltes Bild als Geschenk überreicht, ist sie überglücklich. Es sei das schönste Weihnachtsgeschenk, das er ihr jemals gemacht habe. In «Dietrichs Knie» geht es um ein vermeintliches Techtelmechtel einer verheirateten Frau mit einem Geschäftsfreund, in das sich der eifersüchtige Ehemann listig per E-Mail einmischt. Die titelgebende Geschichte «Wenn es dunkel wird» handelt von einer auf der Passhöhe umher geisternden Frau, die von einer Polizistin aufgegriffen wird, die durch sie an ihre eigene Verlorenheit erinnert wird. Und «Mein Blut für dich» handelt von einem älteren Mann, dessen Blut nicht zu Spende zugelassen wird, was ihn tief beunruhigt. «Schiffbruch» schließlich erleidet im wahrsten Sinne des Wortes ein Spekulant, der sich total verzockt hat und in einer Luxussuite seinem demütigenden Ende als VIP-Gast entgegensieht, was ihm seltsamer Weise aber immer weniger bedrückt.

All diese realistisch/surreal verflochtenen Geschichten berichten von Kippmomenten im Leben, welches anfangs jeweils ganz normal zu sein scheint und dann auf mysteriöse Weise aus dem Gleis gerät. Obwohl die Handlung dabei manchmal ins Triviale abgleitet, ist man als Leser doch überrascht, wie der Autor seine Erzählungen immer wieder trickreich enden lässt. Das alles ist weder stilistisch noch tthematisch große Literatur, bietet aber eine durch seine Überraschungs-Momente geprägte, kurzweilige Lektüre.

Fazit:  lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Fischer Verlag

Schwebebahnen

Stilistisch schwebend mit banalem Plot

Wie auch in vielen seiner anderen Romane geht es in «Schwebebahnen» von Hanns-Josef Ortheil um Episoden aus seinem Leben. Zu diesem neuen Roman hat er angemerkt: «Ich habe von 1957 bis 1962/1963 in Wuppertal gelebt, und das Seltsame ist, dass ich danach immer wieder von Wuppertal geträumt habe. Und zwar von den Schwebebahn-Fahrten». Der aus Köln kommende sechsjährige Josef hat äußerste Schwierigkeiten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Vater ist Eisenbahner und hat in Wuppertal eine Wohnung in einem Haus voller Eisenbahner-Familien bezogen. Josef musste in Köln die Schule abbrechen, er ist ein introvertierter Einzelgänger, der sich fast nur für Musik interessiert.

In dieser autofiktionalen Coming-of-Age-Geschichte werden für einen Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren Josefs Erlebnisse in neuer Umgebung und mit neuen Mitmenschen geschildert, an die er sich nun langsam gewöhnen muss. Das gilt insbesondere auch für die neuen Mitschüler, denn er «lebt, denkt und fühlt anders als andere Kinder», er wurde deshalb in Köln auch immer wieder gehänselt. Die neue Rektorin nimmt sich seiner besonders intensiv an, sie wurde durch einen Brief der Kölner Schule vorinformiert und will ihm möglichst helfen. Gleich am ersten Tag in der neuen Wohnung hat er ein Mädchen im Haus gegenüber gesehen, das ihm gewunken hat. Es ist Rosa, die Tochter des Gemüsehändlers mit italienischen Wurzeln, die klug ist und voller Temperament. Sie will «Mücke» genannt werden, weil sie Rosa schrecklich findet, und sie selbst nennt Josef schon bald nur noch «Giuseppe». Die Beiden freunden sich schnell an und werden bald unzertrennlich. Furchtlos geht sie mit ihm in den Wald, sie hat keine Angst vor den feindlichen Jugendbanden, die dort herumstrolchen, und sie zeigt ihm auch ihre versteckte Höhle, in der sie Engelsfiguren aufgestellt hat, die sie manchmal sogar mit Kerzen beleuchtet.

Mücke symbolisiert im Roman das Gegenbild zu einer herzlosen Leistungs-Gesellschaft mit hohem Erwartungsdruck, die nur durch Anpassung zu funktionieren scheint und in der hartnäckiges Verschweigen zum Prinzip geworden ist. Die titelgebende Schwebebahn wiederum, das kuriose städtische Wahrzeichen Wuppertals, fungiert hier als poetisches Symbol für das Leichte, Schwebende, für das, was möglich bleibt in der schwer gewordenen Realität des Nachkriegs-Lebens, in dem die unheilvolle Vergangenheit ständig durchschimmert. Die Eltern von Josef haben vier Kinder verloren, all ihre Hoffung richtet sich nun auf ihn. Aber es ist nun mal die Musik, in die er sich flüchtet mit seinem Klavierspiel, das ihm alles bedeutet. Bei dem er so wunderbar improvisieren kann, statt sich der eisernen Disziplin des Lehrbuchs zu unterwerfen, – es ist sein Fluchtweg aus dem allgemeinen, eisernen Schweigen heraus. Im Roman ist die Nachkriegs-Gesellschaft mit ihren Erwartungen, «etwas aus sich zu machen», als diffuse Autorität und permanente Aufforderung im Hintergrund ständig erkennbar.

Der Autor hat keinen klassischen Entwicklungsroman im Sinn gehabt, ihm ging es mit dem Aneinanderreihen von Episoden vielmehr um das Nachklingen einer Kindheit, die immer noch fortwirkt und nicht abgeschlossen ist. Erzählt wird «doppelgleisig», einerseits aus der kindlichen Innen-Perspektive von Josef, andererseits aus einer distanzierten Außenperspektive. Dabei wird dann fleißig sinniert oder räsoniert, – es wird also nichts erklärt oder gar analysiert, sondern nur gezeigt. Man wird als Leser nicht alles verstehen können, aber doch auch manches wieder erkennen aus eigenem Erleben. Im autobiografischen Œuvre des Vielschreibers Hanns-Josef Ortheil ist dieser Roman nichts Neues, er ist allenfalls eine Ergänzung zu bereits Erzähltem. Die Kernaussagen wiederholen sich hier nämlich, wobei das Narrativ kaum variiert wird, was eifrige Stammleser dieses Autors wohl nicht stören, manche hingegen aber durchaus enttäuschen dürfte. Was den Stil anbelangt, so ist das Leichte, Schwebende, an Musik Erinnernde als Markenzeichen des Autors die Lektüre allemal wert, der Plot als solcher aber enttäuscht leider als deutlich zu banal.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Zur See

Vom Preis des Wohlstands

Mit dem deskriptiven Titel «Zur See» hat die in Husum geborene Schriftstellerin Dörte Hansen die Thematik ihres neuesten Romans verdeutlicht. Dieses Buch ist nicht nur ein Lobgesang auf das Meer, hier auf die Nordsee, sondern auch die detaillierte Milieubeschreibung einer kleinen Insel und ihrer geschichtlichen Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg bis in die Neuzeit. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte einer fünfköpfigen Familie aus einer viele Generationen zurück reichenden Seefahrerdynastie, deren sich ändernde Lebensweise auf die sich allmählich verbessernden ökonomischen Bedingungen durch den aufkommenden Tourismus zurück zu führen ist. Aber dieser Wohlstand hat auch einen hohen Preis!

Jens Sander hat sich total von der Familie zurückgezogen, seine Kinder sind ihm immer fremd geblieben. Er lebt seit zwanzig Jahren als Vogelwart in einem primitiven Pfahlhaus des Amtes für Umweltschutz auf einer nahe gelegenen Vogelinsel. Mutterseelenallein kümmert er sich dort um die Vogelwelt und verscheucht Touristen, die hier keinen Zutritt haben. Hanne Sander musste ihre inzwischen erwachsenen drei Kinder deshalb allein großziehen. Ihr ältester Sohn Rykmer hatte als Kapitän eines Tankers bei einem Orkan auf hoher See die Nerven verloren, sein Steuermann musste das Kommando übernehmen. Seit diesem Schock ist er Alkoholiker und arbeitet, als Deckmann degradiert, auf der Inselfähre. Hanne hat nach dem Verkauf eines uralten Reetdach-Hauses an die Gemeinde, die darin ein schmuckes Heimaltmuseum errichtet hat, den Job als Museums-Führerin angenommen. Ihre selbstbewusste und unangepasste Tochter Eske hat Sprachwissenschaft studiert, arbeitet jetzt aber als Pflegerin im örtlichen Seniorenheim. Sie ist mit einer Frau liiert, die auf dem Festland ein Tattoostudio betreibt und Eskes Körper mit Tattoos regelrecht zugepflastert hat. Mit Sorge beobachtet Eske, dass die ländliche Idylle der Insel durch die wachsenden Touristenströme immer mehr zur Folklore verkommt, dass geldgierige Investoren Grundstücke an sich reißen und eine Wellness-Oase nach der anderen errichten, die das Dorfbild total verschandeln und Kirche und Leuchtturm nicht nur optisch verdrängen. Henrik, der jüngste Bruder, hat sich nie zu Schiffen hingezogen gefühlt, er hat immer schon am Strand Treibgut gesammelt und daraus Plastiken gefertigt, die er dann mit der Zeit sogar verkaufen konnte. Als Dorfkünstler ist er inzwischen durch die Zeitung auch auf dem Festland bekannt geworden und veranstaltet nun umfangreiche Ausstellungen seiner originellen Werke, zu der die Sammler von weit her angereist kommen.

Dieser auktorial erzählte Roman einer Zeitenwende folgt keinem Plot, er berichtet distanziert, mit immerzu wechselndem Fokus auf seine wortkargen Figuren, von den Veränderungen der dörflichen Idylle durch den Tourismus. Der hat die Seefahrt allmählich als Erwerbsquelle abgelöst und Wohlstand gebracht. Viele Fischerboote wurden zu Ausflugsbooten umgebaut oder veranstalten zur Demonstration kurze Fischfang-Ausflüge. Und mit umgebauten Pferdewagen werden die vielen Touristen unermüdlich über Insel kutschiert. Jeder Einwohner vermietet inzwischen auch Zimmer oder wandelt sein Haus in eine Pension um. Sogar der Dorfpfarrer ist mit seinen gut besuchten Predigten inzwischen berühmt, obwohl er sich doch innerlich schon längst von Gott gelöst hat. Nachdem fast alle ehernen Gewissheiten verschwunden sind, schwindet auch das unverbrüchliche Urvertrauen der Inselbewohner in das Element Wasser.

Als Begründung ihrer extrem dialogarmen Erzählweise hat die Autorin im Gespräch erklärt: «Vielleicht weil ich meine Figuren eher so ein bisschen in ihrer Tarnung lasse». Natürlich spielen neben den stimmig gezeichneten Figuren, die im Roman ein Jahr lang nebeneinander her leben, auch die See und das unwirtliche Wetter eine erzählerisch dominante Rolle. Obwohl nicht ganz klischeefrei – bis hin zu einem gestrandeten Potwal – ist diese pessimistische Erzählung vom Preis des Wohlstands besonders auch für nicht-maritime Leser durchaus bereichernd.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Ein Mann mit vielen Talenten

Eine moderne Faust-Persiflage

Castle Freeman, der in Texas geborene, amerikanische Schriftsteller, ist für seine thematisch originellen Romane aus seiner zweiten Heimat, dem Bundesstaat Vermont bekannt. «Ein Mann mit vielen Talenten» gehört zu den vier Titeln, die nicht zu seiner ebenfalls vier Bände umfassenden «Sheriff Lucian Wing»-Reihe gehören. Aber auch der vorliegende, 2022 auf Deutsch erschienene Roman ist wieder im ‹Green Mountain State› im ländlichen Neuengland angesiedelt, wo der Autor seit mehr als vierzig Jahren lebt. Dessen Landschaft inspiriert ihn immer wieder ebenso sehr für seine Romane wie auch dessen schlichte, ungeschliffene Einwohnerschaft. Während in den Feuilletons dieser Roman – immerhin aus dem renommierten Hanser-Verlag – ganz einfach ignoriert wurde, ist die Resonanz beim Lesepublikum so einhellig positiv wie selten. Das liegt wohl einerseits an der den deutschen Lesern wohlbekannten und überaus geschätzten Thematik wie auch an dem köstlichen Humor, mit dem hier so frohgemut erzählt wird.

Der originelle Plot ist in einem einsamen, bewaldeten Tal angesiedelt und hat die Faust-Thematik zum Inhalt. Da gibt es mit Langdon Taft einen dem Alkohol zugeneigten, genügsamen Faust und einen ebenso geheimnisvollen wie eloquenten Besucher namens Dangerfield als Mephisto. Die Beiden schließen einen zeitlich begrenzten Pakt von knapp sieben Monaten, bis zum Columbus Day am 12. Oktober. Der Eigenbrödler Taft steckte in einer tiefen Sinnkrise, als der schneidige Dangerfield urplötzlich bei ihm auftauchte und ihm das berühmte, verführerische Angebot machte. Er hat sich auf den Pakt eingelassen, weil er als pensionierter Lehrer und erfolgloser Schriftsteller ja nichts zu verlieren habe, wie er glaubt, für ihn ist das Leben einfach nur noch langweilig. Als Abgesandter des Teufels hat Dangerfield ihm versprochen, ihm für den vereinbarten Zeitraum alle «Talente» zu verleihen, die er sich nur wünscht. Er dürfe aber mit niemandem über seinen Pakt reden, sonst wäre alles nichtig, was er erreicht oder erworben habe. Dabei geht der Abgesandte des Leibhaftigen natürlich davon aus, dass Taft seine grenzenlosen Möglichkeiten nur für sich selbst nutzen wird.

Kurz danach erzählt ihm sein bester – und einziger – Freund Eli, der ihn fast täglich besucht, von einer armen Familie. Deren Sohn ist seit langem im Krankenhaus und müsste operiert werden, aber sie haben kein Geld, die Rechnungen würden sich bei ihnen schon fünf Zentimeter hoch stapeln. Taft bezahlt kurz entschlossen alle offenen Rechnungen und die erforderliche OP. Als nächstes sorgt er mit Dangerfields Hilfe dafür, dass einem allseits bekannten Schläger und Kriminellen das Handwerk gelegt wird und er spurlos verschwindet. Als er später von einem Jungen hört, der im Schulbus von zwei Schwestern bös gemobbt wird, übernimmt er für einen Tag den Job als Busfahrer und stoppt sofort den Bus, als die Mädchen wie immer mit ihren Schikanen anfangen. Er verwandelt sie in Kröten, was sie ja eigentlich sind, und wirft sie aus dem Bus. Wenig später zieht ihre Familie in eine andere Gegend. Einem smarten Anwalt aus New York, der eine völlig ungerechtfertigte Forderung per Gerichtsbeschluss gegen hilflose alte Leute eintreiben will, legt er das Handwerk, indem er einfach dessen Original-Dokumente aus seinem fernen Büro abholen lässt und vor seinen Augen im Feuer verbrennt. Für diese und weitere guten Taten nutzt er die Hilfe des ziemlich verblüfften Dangerfield.

Mit Prolog und Epilog versehen ist diese von psychologischem Einfühlungs-Vermögen gekennzeichnete Faust-Hommage in einer flüssig lesbaren Sprache geschrieben, die besonders mit ihren vielen äußerst originellen, lakonischen und verblüffend schlagfertigen Dialogen in Alltagssprache glänzt. Die intertextuellen Bezüge zu Goethe spiegeln sich sogar in der Gretchenfrage wieder, hier mit einer toughen jungen Polizistin, und es gibt auch eine leibhaftige Hexe in dieser modernen, zuweilen aber etwas gar zu albern wirkenden Faust-Persiflage.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Eine Frau in New York

Feministische Hommage an Big Apple

Von der 1935 im Stadtteil Bronx geborenen Vivian Gornick ist mit «Eine Frau in New York» erst das zweite Werk aus dem beachtlichen Œuvre der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung auch auf Deutsch erschienen. Die Tochter russisch-jüdischer und kommunistischer Eltern ist hierzulande bisher kaum bekannt, genießt in ihrer Heimat USA aber besonders als vehemente Feministin hohes Ansehen. Beim vorliegenden Band handelt es sich um ein Memoir, also um eine aus der Ich-Perspektive mit literarischen Mitteln des Romans erzählte, non-fiktionale Geschichte mit autobiografischem Hintergrund zu einer ganz bestimmten Thematik. Wie der harmlos scheinende Titel andeutet, geht es hier also explizit um Erfahrungen und Eindrücke einer Frau in dieser Stadt, die niemals schläft. Beim Erscheinen der Original-Ausgabe dieses Memoirs im Jahre 2015 schrieb die New York Times sinniger Weise, es könne wie ein Lebensratgeber gelesen werden.

In skizzenhaften, nur losen verknüpften Szenen und Episoden berichtet Vivian Gornick von ihrem Leben als Schriftstellerin, wobei man schon bald merkt, dass Frausein in diesem städtischen Moloch, ein Schmelztiegel praktisch aller Nationen dieser Welt, ungleich mehr Freiheiten und ganz andere Möglichkeiten eröffnet als anderswo. Die Autorin ist eine ewig Suchende nach sich selbst, sie genießt die unendlich scheinende Freiheit wie ein Lebenselixier. Wobei sie ihre Beobachtungen und Erfahrungen auf langen Fußmärschen macht, die sie mit wildfremden Menschen zusammenführt, unerwartete Begegnungen ermöglicht und zu Gesprächen verleitet, die ihr häufig Informationen aus den Überlebens-Techniken der anderen vermitteln. Dazu gehört als typisches Phänomen auch die permanent ausbrechende Streitbarkeit genervter Großstadtmenschen. Als Frau ohne Bindungen, von zwei kurzen Ehen abgesehen, hat sie alle Freiheiten in dieser Stadt mit ihrem Weltbürgertum, die sie auch sehr bewusst genießt, – und dazu gehört für sie vor allem das wohltuende Alleinsein.

Vivian Gornick erweist sich als Portotyp einer Flaneurin mit wachem Blick, deren stundenlange Spaziergänge durch Big Apple ihr auch diverse Anregungen liefern für ihre schriftstellerische Arbeit. Immer wieder schält sich als Motiv ihrer Streifzüge aber auch die Suche nach Anerkennung und Zuneigung heraus. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie viele Bekanntschaften gemacht, Freundschaften geschlossen und Affären gehabt, die aber alle nur eine begrenzte Zeit angedauert haben. Der Gewinn für den Leser dieses Memoirs liegt in den Schlüssen, die diese blitzgescheite Frau aus ihren permanenten Grübeleien und Selbstreflexionen zieht, und die dann en passant sogar auch noch manche verblüffende Lebensweisheit zu Tage befördern. Die Ich-Erzählerin trifft immer wieder zufällig auf langjährige Freunde und Bekannte, zu denen sie den Kontakt verloren hatte. Und sie lernt auf Dinnerpartys neue Leute kennen und ergeht sich in langen, intellektuell hoch stehenden Gesprächen, bleibt dabei aber immer selbstkritisch in ihrem elitären Umfeld. Ihr langjähriger, wichtigster Gesprächspartner ist Leonard, der sie mit seinen schlagfertigen, oft auch witzigen Repliken häufig überrascht.

Mit dem Fokus auf die Bevölkerung ihrer Stadt schreibt die Autorin eine wahre Eloge auf die bunte Mischung von Menschen mit ihren unterschiedlichsten Temperamenten, deren Stimmen wie ein Hintergrund-Rauschen alles überlagern. Es ist die «Streitbarkeit der Vielfalt», die sich als wahrer Quell der gedanklichen Streifzüge einer radikal feministischen Autorin erweist. In New York habe man permanent den «Geschmack von Welt auf der Zunge», heißt es an einer Stelle. Belebt wird diese narrative Collage ohne Plot durch diverse literarische Anspielungen und Verweise, geschrieben ist sie in einer anspruchsvollen, präzisen Diktion mit Satzgebilden, die wie in Marmor gemeißelt erscheinen und mit dazu beitragen, das Lesen dieser literarischen Neuentdeckung zum reinsten Vergnügen werden zu lassen.

Fazit:   erstklassig

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Genre: Memoir
Illustrated by Penguin

Pizza Girl

Hommage an eine Außenseiterin

Unter dem Titel «Pizza Girl» hat die junge amerikanische Schriftstellerin, deren Mutter aus Korea stammt, auf Anhieb einen Debütroman geschrieben, der in den USA in bestimmten Leserschichten sehr erfolgreich war. Es ist die in Los Angeles angesiedelte Coming-of-Age-Geschichte einer 18jährigen Pizza-Fahrerin aus der unteren Gesellschaftsschicht, die sich tapfer und unverdrossen durch ein wenig erfreuliches Leben schlägt, immer auf der Suche nach ihrer wahren Bestimmung.

Jane ist von Billy schwanger, ihrem liebevollen Freund, der sich, wie auch ihre Mutter, riesig freut auf das Baby und einen in Aussicht stehenden, für ihn interessanten und auch lukrativen Job weit entfernt ausschlagen will, weil er dann sein Kind nicht würde aufwachsen sehen. Ihr innig geliebter Vater hat sich in dem stets verschlossenen Schuppen neben dem Haus buchstäblich zu Tode gesoffen, er starb vor rund einem Jahr. Jane hat damals die Schule abgebrochen, den erstbesten Gelegenheits-Job angenommen und lebt seither ziellos in den Tag hinein. Mit dem alten Ford Festiva des Vaters fährt sie für eine Pizza-Bäckerei in einem Vorort von L.A. die telefonisch bestellten Pizzas aus. Eigentlich kann sie ganz gut davon leben, denn sie bekommt zusätzlich auch öfter Trinkgeld. Aber sie ist unglücklich mit diesem Job und sieht auch keine Perspektiven für sich, die Tage rauschen nur so an ihr vorbei, einer wie der andere. Allerdings ist diese Arbeit für sie aber auch eine willkommene Gelegenheit für eine Flucht von zuhause, weg von ihrer Mutter, die sie mit ihrer Liebe und Fürsorge geradezu erdrückt. Und auch Billy, der Erzeuger ihres ungeborenen Kindes, der mit ihr und der Mutter unter einem Dach lebt, freut sich über die Maßen, Vater zu werden, erschreckt sie damit aber sehr, denn sie freut sich gar nicht. Er und die Mutter haben leider nur noch ein Thema, das Baby. Jane kann diese überschwängliche Freude partout nicht nachvollziehen, sie hat keinerlei emotionale Bindung an das ungeborene Kind, das ihren Bauch nun immer mehr anschwellen lässt.

Die Eltern von Billy sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jane hat ihn dann bei in einer Trauergruppe kennen gelernt, die in solchen Fällen über den erlittenen Verlust hinweg helfen soll. Aber sie beide konnten nicht weinen über den Verlust, eine Gemeinsamkeit, die sie letztendlich zusammen brachte, – sie verliebten sich ineinander. Durch ihre Tätigkeit kommt Jane mit vielen Menschen zusammen und kann einen kurzen Blick in deren Wohnungen werfen, wobei viele kurze Eindrücke zurückbleiben, die ihre Phantasie beflügeln. Aber sie sieht eben das, was sie sehen will dabei. Das sympathische Paar zum Beispiel, das ihr jedes Mal eng umschlugen wie Frischverliebte die Tür aufmacht und das sie darum sehr beneidet. Aber der Schein trügt, denn der Mann schlägt seine Frau, wie sich dann herausstellt, ihr liebevolles Gehabe an der Tür ist nur Fassade. Eine für den Plot maßgebliche Bekanntschaft macht Jane, als eine Kundin eine Salami-Pizza mit Gürkchen bestellt. Da diese Variante so nicht lieferbar ist, fährt Jane kurz entschlossen zum Supermarkt und kauft ein Glas saure Gürkchen. Und die zwanzig Jahre ältere Frau merkt sofort, dass Jane schwanger ist. Jenny ist denn auch die Erste, die ihr auf den Kopf zu sagt: «Du bist nicht gerade begeistert».

Die von nun ab wöchentliche Begegnung mit Jenny entwickelt sich für Jane zur Obsession, sie verliebt sich in die Kundin und denkt fortan sogar an sie, wenn sie Sex mit Bobby hat. Aber auch hier trügt der Schein, auch Jennys Leben ist nicht perfekt, – sie müsste ihren Mann verlassen, um glücklich zu sein, folgert Jane. Die amerikanisch locker erzählte, dialogreiche Geschichte ist mit einem fein dosierten Humor gewürzt, wobei der Fokus leider allzu einseitig auf die Protagonistin gerichtet ist, gegen die die anderen Figuren geradezu verblassen. Als gelungene Hommage an eine sympathische Außenseiterin lässt dieser banale Roman leider Motive wie beispielsweise die Trauer fast ungenutzt, es fehlt ihm doch allzu oft an psychologischer Tiefe.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kampa Verlag Zürich

Huris

Allen Drohungen zum Trotz

Für seinen im Jahre 2025 auf Deutsch erschienenen, dritten Roman «Huris» erhielt der in Algerien geborene und 2020 in Frankreich eingebürgerte Schriftsteller Kamel Daoud als erster algerisch-stämmiger Autor den Prix Goncourt. Er zählt in Frankreich zu den maßgebenden zeitgenössischen Autoren und ist für seine harsche Kritik am Islam bekannt, auch was dessen latente Frauenfeindlichkeit anbelangt. Der intellektuelle Autor wurde deshalb, ähnlich wie sein inhaftierter Landsmann Boualem Sansal, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, vor allem aber in seinem Heimatland mit Drohungen, Klagen und Prozessen überzogen. Der vorliegende Roman ist in Algerien natürlich verboten, er verstößt gegen Artikel 46 der «Charta für Frieden und nationale Versöhnung», aus dem Daoud im Vorspann ausführlich zitiert. Darin werden Verstöße gegen das Schweigegebot über den Bürgerkrieg ausdrücklich unter Strafe gestellt. Der Buchtitel bezieht sich übrigens auf die großäugigen, verführerischen Jungfrauen, die den islamischen Märtyrer, als Belohnung quasi, im Jenseits erwarten, als lebendes Geschenk, als Sache also, – frauenfeindlicher geht es wohl kaum!

Dieser Roman ist ein Fanal gegen die Grausamkeiten des Bürgerkriegs 1992-2002 in Algerien, dem so genannten «Finsteren Jahrzehnt». Protagonistin des Romans ist die 26jährige «Aube», was «Morgendämmerung» bedeutet. Sie erzählt aus ihrer speziellen Perspektive als Opfer einer Gewalttat von islamistischen Milizen quasi mit zwei Stimmen, mit einer durch ihre schlimme Verletzung am Hals kaum hörbaren äußern und einer umso deutlicheren inneren Stimme. Sie kann deshalb auch keine feste Nahrung aufnehmen, ihre Mutter aber versucht alles und bereist die ganze Welt in dem Glauben an ein medizinisches Wunder. Jetzt ist Aube schwanger, der Vater des Kindes ist ein Fischer, der sich nach Europa abgesetzt hat. Sie traut sich nicht, es ihrer Mutter zu sagen, denn sie ist fest dazu entschlossen, die in ihr heranwachsende Tochter vor dieser von Männern beherrschten Welt zu bewahren, – die dafür erforderlichen Abtreibungspillen hat sie sich bereits besorgt.

In weiten Teilen stilistisch als innere Rede angelegt, beginnt Aube in diesem Roman mit einer an ihr ungeborenes Kind gerichteter Stimme zu erzählen, was sie alles erlebt und wahrgenommen hat in ihrem Leben. Sie betreibt einen Friseursalon in der Küstenstadt Oran, der ihr einige Freiheiten beschert, wenn sie den Frauen mit neuer Frisur zu Attraktivität verhilft. Sie suchen bei ihr aber zuweilen auch Zuflucht vor Missachtung, Ungerechtigkeit und Gewalt der Männer. Denn die Stellung der Frauen innerhalb der algerischen Gesellschaft ist nach wie vor prekär, sie werden sogar als Schandfleck wahrgenommen von den muslimischen Machos. Dem Imam der gegenüber gelegenen Moschee ist ihr Salon ein Dorn im Auge wegen der bei ihr herrschenden, liberalen Gesinnung, dem das frauenfeindliche, strenge Reglement der Moslems bekanntermaßen unversöhnlich gegenüber steht. Aube wird am Tag des großen Opferfestes an einer Autobahn von zwei Männern ausgeraubt und danach von einem freiheitlich denkenden Buchhändler aufgegabelt. Die junge Frau ist verzweifelt: «Ich bin jetzt eine Herumtreiberin, eine Landstreicherin. Ideale Beute für Männer in diesem Land, die von Jungfrauen und immerwährenden Entjungferungen träumen. Eine Frau, die keinem Mann gehört, nicht ihrem Vater, ihrem Bruder, ihrem Gatten, nicht einmal ihrem Sohn, wird ‹Herumtreiberin› genannt. Die Männer sagen, sie sei ein unbebautes Gelände».

Der ebenso tabulose wie schockierende Plot dieses mit diversen Zeitsprüngen recht ausufernd erzählten, arabeskenreichen Romans kreist um die spannende Frage, wie sich die innerlich zerrissene Aube letztendlich entscheidet, wohin ihre tastende, existentielle Sinnsuche sie denn führen wird. Kernthema allerdings ist das Erinnern an Zeiten eines lang andauernden Schreckens, dem der Autor sich hier unbeirrt angenommen hat, allen Drohungen zum Trotz.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz