Die nicht sterben

Nichts für schwache Nerven

«Die nicht sterben» ist ein Roman der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin Dana Grigorcea, der vom Genre her verschiedenste Zuordnungen erlaubt. Er ist einerseits eine Melange aus post-kommunistischem Gesellschafts-Roman und politischem Schauermärchen, andererseits aber auch ein Geschichts-, Künstler- und Fantasy-Roman. Das für den diesjährigen Frankfurter Buchpreis nominierte Werk der literarisch vielseitigen Autorin wurde im Feuilleton als neuartige literarische Gattung durchweg positiv besprochen, die Aufnahme beim Lesepublikum ist bisher eher verhalten, aber das könnte sich im weiteren Prozess der Preisvergabe schnell ändern.

Wie schon im Titel anklingt, geht es um die Geister der Vergangenheit, die Untoten, zu denen als nationaler rumänischer Mythos auch Vlad Dracula gehört, der Pfähler. Eine Figur der Legende, die Bram Stocker in seinem 1897 veröffentlichten Vampir-Roman entscheidend geprägt hat. Mit dem Anfangssatz «Ich kann nicht umhin, diese Geschichte zu erzählen, zumal ich sie aus nächster Nähe erlebt habe» wird eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin etabliert, die nach ihrem Kunststudium in Paris ihre Großtante in einer Kleinstadt Transsylvaniens am Fuß der Karpaten besucht. Weil sie seinen zweifelhaften Ruhm nicht zusätzlich befördern wolle, will sie den Ort nur B. nennen, auch «weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral». Die Geschichte ist in der Jetztzeit angesiedelt, die nach der Jagdgöttin benannte Villa Diana war während ihrer Jugend ständiges Ziel ihrer Ferienaufenthalte, ist ihr aber inzwischen fremd geworden. Sie hat ein inniges Verhältnis zu ihrer jugendlichen Großtante Margot, die sie früher Mamargot nannte und deren großbürgerliches Haus immer voller illustrer Gäste war.

Die Erzählung wird dramatisch, als in der nahe gelegenen Familiengruft das Grab Draculas identifiziert wird, weil eine grauenhaft geschändete Leiche darauf abgelegt war. Mit dem schrecklichen Fürsten wird wieder die blutrünstige Vergangenheit heraufbeschworen, die Heldin beginnt spontan, seine Geschichte zu erzählen. Dabei ist für sie die erstarrte rumänische Gesellschaft von heute mit dem grausamen Schreckensreich von Dracula schicksalhaft verbunden, sie sieht ihn in einer Linie mit dem kommunistischen Diktator Ceaușescu. Im Interview hat die Autorin erklärt, dass der Dracula-Mythos im Buch für die Sehnsucht der Menschen nach einer starken Hand stehe. Als Beispiel hat sie Vladimir Putin genannt, es gehe letztendlich um den sozialen Vampirismus. Und im Roman sei die Malerei Beleg für den als Fanal wirkenden, zentralen Satz «nichts kann uns brechen». Kunst sei nun mal kontemplativ ein starkes Bollwerk gegen äußere Zumutungen. Und wie ihre malende Protagonistin, so erweist sich auch die Autorin als eine äußerst genaue Beobachterin. Sie vermag Bilder sehr stimmig zu beschreiben, seien es gegenständliche von der grandiosen Landschaft oder abstrakte wie der desaströse Zustand, in dem sich das von Korruption gebeutelte Rumänien heute immer noch befindet. Und natürlich werden auch die knallhart servierten Schauergeschichten wirkungsvoll geschildert, wobei deren Realistik starke Nerven erfordert.

Als die Ich-Erzählerin irgendwann seltsame Veränderungen im Haus bemerkt, der Plattenspieler plötzlich von selbst Musik abspielt, gewinnt der magische Realismus als Erzählstil endgültig die Oberhand. Die Heldin kommt in Kontakt mit dem ersten Untoten, erhebt sich in die Lüfte und beschreibt schließlich den Horror aus der Vogelperspektive. Die mit poetischer Kraft erzählte Geschichte von den vergangenen und gegenwärtigen Dämonen, die den Leser durch direkte Ansprache eng mit einbezieht, ist ebenso bizarr wie konfus. Sie ist der kreative Versuch, die Misere des Heute aus den Verbrechen der Vergangenheit herzuleiten und die Apathie einer ganzen Nation damit zu erklären. Dass Kriterien wie Political Correctness dabei nicht maßgeblich sind, liegt bei einem Fantasy-Roman auf der Hand.

Fazit  lesenswert


Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Tanzende Frau, blauer Hahn

Ein esoterischer Plot

Mit «Tanzende Frau, blauer Hahn» hat die rumänischstämmige, heute in Zürich wohnende Schriftstellerin Dana Grigorcea einen Roman geschrieben, der von den Feuilletons beispielsweise als «sommerlich leichte Liebesgeschichte» oder «bukolische Sommeridylle» bezeichnet wurde. Die Handlung ist in der kleinen rumänischen Bergstadt Buşteni in den Karpaten angesiedelt, 135 Kilometer entfernt von Bukarest. Jahr für Jahr verbringt Roxana dort, im Sommerhaus der Familie, mit Oma und Großtante ihre Ferien. Dabei lernt sie schon bald Camil kennen, der in einer herunter gekommenen Eisenbahner-Siedlung wohnt, und freundet sich schnell an mit ihm. Zusammen beobachten die beiden Heranwachsenden aufmerksam das Leben in dem beschaulichen Ort, wobei ihr Augenmerk besonders auf den verschiedenen Spielarten des Liebeslebens seiner Bewohner liegt, die sie hier intensiv analysieren können.

Der in Rückblenden erzählte Roman beginnt im Prolog mit einem Paukenschlag: Die Ich-Erzählerin hat in einer spanischen Zeitung gelesen, dass ihr Freund Camil in Valencia bei einem Einbruch auf einem verlassenen Industrieschiff von einem Stromschlag getötet wurde, als er dort Kupferkabel stehlen wollte. «Er war mein bester Freund, mein erster», klagt sie gleich zu Beginn dieses ersten Erzählstrangs. Ebenfalls im Prolog wird – kursiv gesetzt – in einem zweiten Strang davon berichtet, wie die Ich-Erzählerin mit dem deutlich älteren Pianisten Thierry als Begleiter auf einer Konzert-Lesereise durch Deutschland unterwegs ist, auf der sie die Liebes-Geschichte, die wir hier lesen, der intensiveren Wirkung wegen musikalisch untermalt vorträgt, – ein klassisches Roman-im-Roman-Konstrukt mithin. Es ist die Zeit nach der Wende 1989, der Kommunismus ist Vergangenheit, die örtliche Papierfabrik musste geschlossen werden, viele stürzten in die Arbeitslosigkeit ab. Das Firmengelände verrottet seither und wuchert immer mehr zu.

Es sind eine Menge schrulliger Figuren, von denen da erzähl wird, gleich zu Beginn von einer cleveren Rechtsanwältin aus der Hauptstadt, die hier nun aufopfernd ihren kranken Mann pflegt. Als Madame Samar eines Tages beim Aufräumen entdeckt, dass hinter einem Schrank ein winziges Bäumchen durch das Parkett hindurch gewachsen ist, beschließt sie, es dort weiter wachsen zu lassen. Sie öffnet das Parkett, lässt störende Wände einreißen und schließlich auch das Dach abdecken, als das Kirschbäumchen zwei Meter hoch gewachsen ist. Ihren kranken, lebenslang notorisch untreuen Mann aber hat sie in einen ungeheizten Schuppen verbannt, wo er schon bald stirbt. Ein seltsames Paar bildet auch Frau Helman mit ihrem kleinwüchsigen Mann, der immer mit einer riesigen Sense herumläuft. Am Zeitungskiosk sind sie auf eine versteckte Ausgabe des ‹Playboy› gestoßen, auf dessen Cover die Darstellerin der brasilianische Telenovela «Sklavin Isaura» in der gleichnamigen Fernsehserie hüllenlos mit einer Schlange zu sehen ist. Noch nie habe er so viele Exemplare dieser Zeitschrift verkauft, erklärt der Kioskmann. und zu jedem ‹Playboy› sei dann auch noch eine Tageszeitung hinzugekommen, – damit der Kunde ihn diskret darin verstecken konnte! Frau Helman sieht dem Covergirl des ‹Playboys› übrigens zum Verwechseln ähnlich! Es ist aber auch von Ana Maria die Rede, einer aus armen Verhältnissen stammenden Kinderfreundin, deren Hund auf den Hinterbeinen laufen muss, weil er die vorderen bei einem Unfall verloren hat, – sie wird deswegen von manchen sogar gehänselt.

Makabres mischt sich in diesem schwebend leicht erzähltem Roman mit vordergründig Harmlosem, mit Ferienereignissen, Familiengeschichten, Adoleszenzfragen und wundersamen Begebenheiten, – Politik und Klassenfragen bleiben dabei subtil im Hintergrund. Bei aller dem melancholischen Text innewohnenden Sehnsucht bleibt diese Erzählung letztendlich in ihren Banalitäten stecken. Der Roman verzettelt sich zudem mit seinem schwer durchschaubaren narrativen Konstrukt, dieser Plot dürfte vielen Lesern als Lektüre deutlich zu  esoterisch sein!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Sturmhöhe

Ein Byron’scher Held

Die unter dem Pseudonym Ellis Bell schreibende Pfarrerstochter Emily Brontë hat mit «Sturmhöhe» im Jahre 1847 ihren einzigen Roman veröffentlicht. Vom damaligen Lesepublikum weitgehend abgelehnt, gilt er heute als Klassiker der britischen Romanliteratur des 19ten Jahrhunderts. Der Roman wird in vier narrativen Ebenen mit Vor- und Rückblenden und von mehreren Personen in direkter und indirekter Rede bis zu vierfach ineinander verschachtelt erzählt. Diese komplexe Erzählstruktur und das sich über drei Generationen hinweg ersteckende Geschehen in zwei schicksalhaft miteinander verbundenen Familien auf dem Lande erfordern vom Leser erhöhte Aufmerksamkeit, will er das komplizierte Seelenleben der vielen Figuren jederzeit stimmig nachvollziehen können.

Schauplatz der Erzählung ist neben dem titelgebenden, einsam gelegenen Farnhaus «Wuthering Heights» in Yorkshire, das einem äußerst unsympathischen Eigentümer namens Heathcliff gehört, mit «Thrushcross Grange» auch ein ihm ebenfalls gehörendes, in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenes Anwesen. Dessen neuer Pächter, der junge und gebildete Einzelgänger Lockwood, sucht dort als Städter ländliche Ruhe. Er beobachtet interessiert das ihn nicht betreffende Geschehen aus sicherer Distanz, seine tagebuchartige Aufzeichnung dieser Geschichte bildet wie eine Klammer, jeweils in Form einer Augenblicks-Aufnahme, 1801 den Beginn und 1802 das chronologische Ende dieses Romans. Die wichtigste Ich-Erzählerin aber ist seine Haushälterin Ellen Dean, die ihm mündlich in langen, immer wieder neu angesetzten Rückschauen von dem dramatischen Geschehen in den schicksalhaft miteinander verbundenen Farmhäusern berichtet, in denen sie lange tätig war.

Dabei lässt sie häufig die jeweiligen Personen, von denen sie berichtet, ihrerseits zu Wort kommen, als Ergänzung zu dem von ihr mündlich Vorgetragenem eine weitere Stufe der erzählerischen Verschachtelung. Was wir letztendlich dann im Buch lesen, das ist Lockwoods schriftlicher Bericht davon. Dieses komplizierte, narrative Konstrukt bewirkt einen noch größeren Abstand der Autorin vom Erzählten. Nelly ist als Vertrauensperson mit nahezu allen Interna des dramatischen Geschehens und dem Seelenzustand der jeweils betroffenen Figuren bestens vertraut. Gutmeinend wie sie ist, versucht sie auch unermüdlich, das seelisch grausame Geschehen manipulativ zu beeinflussen, also besänftigend, notfalls durch Halbwahrheiten oder gezieltes Verschweigen, positiv einzuwirken auf die Figuren, um das Schlimmste zu verhindern, – was ihr letztendlich aber meistens doch nicht gelingt. Der erzählerische Horizont des Romans reicht von einer Hochzeit 1757 bis zu einer geplanten im Jahre 1803.

Mit dieser damals absolut ungewöhnlichen Erzählform waren die Leser in viktorianischen Zeiten natürlich überfordert, nicht wenige der heutigen dürften es sogar auch jetzt noch sein! Hinzu kommt, dass die Autorin sich in ihrer dramatischen Geschichte moralischer Wertungen ihrer teils bösartigen Figuren enthält. Sie überlässt vielmehr ihre Deutungen und Wertungen Nelly, der dominanten Ich-Erzählerin, – ohne sich aber erkennbar mit ihr zu identifizieren, sie bleibt stets unbeirrt ambivalent. Deutungen von «Wuthering Heights», das sich von den zeitlich vorhergehenden, ausgesprochen realistischen Romanen einer Jane Austen total unterscheidet, und insbesondere auch von dessen Hauptfigur Heathcliff reichen von ‹Satan in Menschengestalt› bis zum kapitalismus-kritischen ‹Rächer der Unterprivilegierten›, – der dann aber selbst zum Unterdrücker wird. Er gilt mithin als typischer Vertreter eines Byron’schen Helden in der britischen Literatur, der hier aber auch als Verkörperung der wilden, elementaren Naturgewalten gesehen werden kann. Modernere Interpretationen widmen sich mehr den psychologischen Deutungen der verschiedenen Romanfiguren. Wie auch immer, ohne Zweifel gehört dieser Roman zu den zeitlosen Klassikern, der stilistisch raffiniert und in einer stimmig ins Deutsche übertragenen Sprache nicht nur angenehm unterhält, sondern durchaus auch bereichernd wirkt, was seelische Abgründe anbelangt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Kleiner Regen

Fanal des Lebens

Der dritte Roman des amerikanischen Schriftstellers Garth Greenwell mit dem Titel «Kleiner Regen» handelt von den Erfahrungen eines plötzlich schwer erkrankten Mannes in mittleren Jahren. Der namenlose Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, ein Literaturdozent und Lyriker (sic!), wird eines Tages völlig überraschend von starken Schmerzen befallen. Er glaubt an eine Vergiftung, eine schwere Magenverstimmung eventuell, und hofft, dass sich dieses Problem von selber lösen wird, er war ja sein Lebtag lang kerngesund und körperlich fit, – das wird sich schon wieder geben, glaubt er.

Als Homosexueller lebt er mit seinem langjährigen Lebenspartner L. zusammen. der früher mal sein Professor war während des Studiums. Der ist nun sehr besorgt und will ihn sofort ins Krankenhaus bringen, was der Ich-Erzähler aber entschieden ablehnt: Nicht nötig, das geht bald von alleine wieder weg! Ein Irrtum, wie sich herausstellt, ein nach ein paar Tagen endlich herbeigerufener Arzt schickt ihn ungehend in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses. Aus «Kleinem Regen», von dem der Titel euphemistisch spricht, ist nun gesundheitlich doch ein schwereres Unwetter geworden. Diese Geschichte spielt in der Zeit der gerade ausgebrochenen Corona-Pandemie, die Krankenhäuser sind hoffnungslos überlastet. Als er nach langen Wartezeiten in der Ambulanz endlich von einem Arzt untersucht wird, können der und auch seine Kollegen sich keinen Reim auf die Herkunft seiner Schmerzen machen. Die gängigen körperlichen Ursachen sind diagnostisch ausgeschlossen, man steht vor einem Rätsel und schickt ihn zum CT und zu weiteren Untersuchungen in die Universitäts-Klinik. Dort landet er schon bald auf der Intensiv-Station, wo man schließlich herausfindet, was seine Schmerzen auslöst, – in seiner Aorta hat sich ein Riss gebildet!

In den langen Tagen und Nächten sinniert er nun, an Schläuchen und Kabeln zur Überwachung und Steuerung der Medikamenten-Zufuhr angeschlossen, darüber nach, was mit seinem Körper da gerade passiert. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wann er nach Hause zurückkehren kann in sein gewohntes Alltagsleben, die aber kann ihm niemand wirklich beantworten. Er denkt an seine Beziehung mit L. und den leichtsinnigen Erwerb eines alten Hauses, dessen Sanierung völlig unvorhersehbar Unsummen verschlugen hat. Wer schon mal selbst im Krankenhaus lag, und das vielleicht sogar über längere Zeit, der wird in der präzisen Schilderung der Abläufe dort und in den Erfahrungen mit dem Klinikpersonal vom Chefarzt bis zu Putzfrau vieles wieder erkennen. Wobei anzumerken ist, dass die epische Breite, in der dieser Teil der Geschichte geschildert wird, durch viele Wiederholungen mit der Zeit doch etwas langweilig wird und das Medizinische in allen Details hier denn doch entschieden zu breit ausgewalzt wird. Zumal man als Laie ja auch vieles gar nicht verstehen kann!

Natürlich geht es auch um berechtigte Todesangst in diesem Roman, und das kapitalismus-geprägte Gesundheits-System Amerikas wird zu Recht als äußerst unsozial an den Pranger gestellt. Andererseits wird in diesem flüssig zu lesenden Roman aber auch die heilende Kraft der Kunst gefeiert, die hier ihren Ausdruck in der Literatur und auch in der Musik findet. Die ständigen Grübeleien des Patienten weiten sich immer mehr auf sein bisheriges Leben aus, auf Momente des Glücks und auf weniger gute Zeiten mit handfesten Problemen und finanziellen Engpässen. Ein netter Pfleger erweist sich überraschend als musikaffin wie er und spielt ihm spontan auf seinem Smartphone klassische Musik vor, die er besonders gerne hört und die denn auch dem Musikgeschmack seines begeisterten Patienten voll entspricht. Der Autor lotet mit den Rückbesinnungen des Patienten auf wichtige Stationen seines Lebens geschickt die Grenzen menschlicher Existenz aus. Somit stellt dieser ohne Pathos erzählte Roman eines medizinischen Notfalls letztendlich auch ein Fanal der Schönheit des Lebens dar, die einem ja oftmals erst in einer derartigen Extremsituation wirklich bewusst wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Diamanten

Eloquenz versus Narrativ

Der jüngst erschienene Debütroman des Schriftstellers David Vajda mit dem Titel «Diamanten» sprengt alle Regeln bewährter Belletristik. Das Buch handelt von einer über die ganze Welt verteilten Familie, in deren Mittelpunkt ein ehemals jugoslawischer Vater steht, der unermüdlich versucht, die durch den frühen Kebstod der Mutter entstandene Lücke im familiären Gefüge zu ersetzen. Rührend um seine vier erwachsenen Kinder besorgt, die allesamt mehr oder weniger im filmischen Milieu engagiert sind, nennt dieser exzentrische Vater sie zuweilen Mačak, was Kater bedeutet, oder bezeichnet sie als seine «Diamanten», wenn er es besonders gut meint. Zuweilen aber nennt er sie auch Trottel, wenn sie ihm nämlich partout nicht folgen können bei seinen vielen Späßen und Witzen, die sie aufheitern sollen.

Zum Familiengefüge gehört eine große, fast über die gesamte Welt verteilte Familie, die in Berlin, der Provence, in Hollywood, Griechenland oder Belgrad lebt und teils zum deutschen Großbürgertum, teils aber auch zur Boheme gehört. Man trifft sich zur grandiosen Hochzeit des Onkels in Griechenland, besucht gemeinsam das Grab Titos in Belgrad oder besucht gemeinsam die esoterische Tante in der Provence. So sind sie ständig  auf der Suche nach Ablenkung, denn was sie nicht gemeinsam können, ist trauern! Ihr oft groteskes Miteinander ist von Sarkasmus geprägt, sie alle wollen unbedingt ein beschwingtes Leben führen. Der Autor hat seine Geschichte einzig um die vier eigenwilligen Geschwister angesiedelt, die allesamt trinkfreudig dem Künstlermilieu angehören oder sich beim Film engagieren. Diese Nähe zum Film ist auch im Text zu spüren, was nicht verwundert, hat der Autor doch zu Beginn seiner künstlerischen Karriere als Regisseur selbst filmisch gearbeitet. Im Motiv des Beschützers ähnelt «Diamanten» J. D. Salingers Roman «Der Fänger im Roggen», bei dem es um den früh verstorbenen Bruder ging. Die Parallelen ergeben sich vor allem in den verschiedenen Möglichkeiten der Interpretation dieser Texte, die beide Werke zu wahrhaft schwierigen Lektüren macht, – schwer lesbar, aber gedankentief! Anders als Salinger hat es Vajda allerdings verstanden, in seiner Geschichte das Tragische mit dem hier ebenfalls vorhandenen Komischen zu einer narrativen Einheit zu verflechten, in deren Mittelpunkt aber, alles überstrahlend, stets der Tod der Mutter steht.

«Diamanten» wird als Familien-Panorama abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt, zum einen in der Jetztzeit einige Jahre nach dem Tod der Mutter, und zum anderen in deren letzten Jahren vor dem Tod. Anders als in vielen anderen Romanen wird hier auch einiges über das Leben in der Diaspora nach Tito erzählt. Der Autor versteht es, allein durch seine schwerelos scheinende, lockere Erzählweise und die vielen lebensecht wirkenden Dialoge seinen Figuren eine beachtliche Präsenz zu verleihen, ohne sie je psychologisch auszuleuchten. Ganz im Gegenteil erfährt man so gut wie nichts über deren Lebensweise, sie sind nur in Gemeinschaft und im Gespräch als Charaktere gezeichnet, geradezu frei von irdischem Leben. Politik, Geld, Beruf, Liebe bleibt erzählerisch außen vor, wir erleben sie als Leser fast nur in Gesellschaft mit anderen Familien-Mitgliedern. Selbst so profane Dinge wie gut Essen oder edle Weine werden nur angedeutet, sie sind in keiner Weise prägend für ihr Verhalten.

In diesem ungewöhnlichen Roman wird eloquent von einer Familie erzählt, deren Seelenzustand allein durch eine geradezu filmische Szenerie verdeutlicht wird. Die stützt sich auf eine scharfe Beobachtungsgabe des Autors, der die Tragik unter Verzicht auf jedwede psychologische Deutung auszudrücken versteht. So verdienstvoll das in der Theorie erscheint, so problematisch ist es in der Praxis, wo der Leser sich durch eine Geschichte quälen muss, in der so gut wie nichts passiert und die auch auf nichts hinsteuert. Ein Roman also für eine sprachorientierte Leserschaft, der Eloquenz über alles geht und ein sinnstiftendes Narrativ entbehrlich ist!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Herr Kato spielt Familie

Psychologisches Phänomen als Thematik

In ihrem Roman «Herr Kato spielt Familie» schildert Milena Michiko Flašar, Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, die amüsante Geschichte eines japanischen Pensionärs, eines Spießers, wie er schrulliger nicht seien könnte. Der Stoff ihres Buches kreist um das erst seit kurzer Zeit in der Psychologie wissenschaftlich erforschte Phänomen RHS, das «Retrired Husband Syndrome». Es betrifft beruflich stark belastete Männer, die nach der Pensionierung in einen Zustand sozialer Inkompetenz fallen. Japan scheint mit seinem extrem hohen Druck am sozial kaum geschützten Arbeitsmarkt dafür besonders anfällig zu sein, die hohe Suizidrate zeugt davon. Viele der beruflich ausgelaugten Männer sind dann jedenfalls nicht mehr in der Lage, weiterhin die innerhalb der Familie erforderliche Emotionalität aufzubringen Und nicht nur in Japan steigt auch die Scheidungsrate nach der Pensionierung signifikant an.

Auf dem Heimweg von einem seiner Meinung nach überflüssigen Arztbesuch, der ihn quer über den Friedhof führt, beginnt Herr Kato, der sich unbeobachtet fühlt, dort plötzlich wie ein Affe mit den Armen zu schlenkern und zu tanzen. Dabei lässt er versehentlich die Untersuchungs-Ergebnisse des Arztes fallen und trampelt darauf herum. Das wäre nicht passiert, denkt er wütend, wenn seine Frau endlich mal seine seit dem Kauf noch vernähten Hosentaschen aufgeschnitten hätte. Plötzlich tritt eine junge Frau hinter einem Baum hervor und applaudiert ihm. Die Frau erklärt, dass sie eine Agentur namens «Happy family» für Identitäten betreibt, in der acht Frauen und drei Männer arbeiten, die ihre Dienste als Stellvertreter anbieten, die also bei Bedarf ähnlich wie ein Double für eine andere Person einspringen. Dabei schlüpfen sie in verschiedenste Rollen, um bei speziellen Anlässen kurzzeitig eine reale Person zu ersetzen. Sie macht ihm das überraschende Angebot, dabei mitzumachen, er habe Talent dafür, und gibt ihm ihre Geschäftskarte. Nach einigen Tagen ruft er sie tatsächlich an. sie treffen sich in einem Café. Dort bietet sie ihm auch sofort an, in der Rolle eines 65jährigen Witwers dessen sechsjährigen Enkel und dessen von ihrem farbigen Mann verlassene Mutter zu besuchen. Weil der Enkel dunkelhäutig und kraushaarig ist, will der echte Großvater nichts mit ihm zu tun haben, also  muss jemand für ihn einspringen als vermeintlicher Großvater. Ein andermal wird er von einer Frau engagiert, die endlich mal, wenigstens für kurze Zeit, mit einem Mann zusammen sein will, der sie auch mal zu Wort kommen lässt und nicht ununterbrochen selber redet. Oder er wird für eine Hochzeitsfeier gebucht, in der sämtliche Gäste von verschiedenen Agenturen engagiert sind und er in der Rolle des Vorgesetzten der dem Tod geweihten Braut eine Rede halten muss.

Es sind wahrhaft skurrile Geschichten, die in diesem leisen Roman erzählt werden. Dessen Protagonist wird nicht nur als Double, sondern auch in seiner eigenen Ehe mit allerlei kuriosen Situationen konfrontiert. Als er seinen zehn Jahre älteren, ehemaligen Kollegen Itō besucht, der früher immer so begeistert von seinen Motorrad-Touren erzählt hat, ist dessen Haus niedergebrannt. Die Nachbarin erzählt ihm, Itō sei bei Verwandten untergekommen. Von ihr erfährt er auch, dass Itō zwar immer an seinem Motorrad herumgeschraubt habe, aber nie damit gefahren sei und es schließlich aus gesundheitlichen Gründen sogar verkauft habe. Zu Hause erzählt er seiner Frau, er habe Itō besuchen wollen, aber der sei gerade wieder mit seinem Motorrad auf großer Tour.

Im Interview hat die Autorin erklärt: «Die Idee vom Ruhestand, der einem dann doch keine Ruhe lässt, hat mich schon jahrelang beschäftigt, wohl weil das ja – sowohl für Jung als auch Alt – eine grundlegende Thematik ist». In einer unaufgeregten Sprache und mit großem Respekt für ihre Figuren wird hier davon erzählt, wie man leben möchte: nahe an der Realität oder doch lieber so, wie man sich das ganz individuell ausmalt. Erst als Stellvertreter fremden Lebens vermag Herrn Kato manches Rätsel seiner eigenen, für ihn fragwürdigen Existenz als Pensionär zu lösen, – ein narrativ gelungenes Konstrukt mithin für ein psychologisch aktuelles Phänomen!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Klaus Wagenbach Berlin

Querfeldein

Stilistisch ambivalentes Historiendrama

Eine Kneipe mit dem kryptischen Namen «Gasthaus zur Moskau» liefert den Titel und das innere Gerüst zu einer Schmuggler-Geschichte, die sich im Kern auf wahre Ereignisse stützt. In der Gegend von Schaffhausen bildet dieser Gasthof den Treffpunkt von vielerlei skurrilen Figuren aus dem Dorf Ramsen im Kanton Schaffhausen, das direkt an der schweizerischen Grenze liegt und damit natürlich einen Anziehungspunkt für Schmuggler darstellt. Protagonist des Romans ist der 1903 dort geborene Hilfsarbeiter Arnold, der sich vor Jahren auf die Wanderschaft begeben hat und, handwerklich vielseitig begab wie er ist, auch immer wieder ohne Probleme einen Job gefunden hat.

Als er nach einigen Jahren in Baden-Baden mithilft, den Zugangsweg zum Casino neu zu pflastern, beschließen er und seine Kollegen zum krönenden Abschluss ihrer vierwöchigen schweren Arbeit, abends die Spielbank zu besuchen. Arnold setzt spontan sein gesamtes in Chips umgetauschtes Geld auf eine Zahl, die prompt auch kommt, dann alles auf eine zweite Zahl, die ebenfalls kommt, und schließlich alles auf eine dritte Zahl, die wieder gewinnt. Nun riskiert er noch mal alles und setzt alle Chips auf Rot, – und auch das kommt! Er hört, vernünftig wie er ist, jetzt aber auf und schenkt jedem seiner drei dankbaren Kollegen eine Summe, für die sie ein Jahr lang arbeiten müssten. Steinreich geworden kauft er die leer stehende Kneipe direkt am schweizerischen Schlagbaum, die unter seiner umsichtigen Regie schon bald floriert. Eines Tages kommt auf einem mächtigen Kaltblüter eine junge Frau geritten, die noch einige andere Pferde mit sich führt. Betty übernachtet und reitet am nächsten Tag in die Stadt, um einige ihrer Pferde zu verkaufen. Arnold und sie finden zueinander, sie kümmert sich auch weiterhin um ihre Pferde und hilft außerdem im Gasthof mit. Die Beiden heiraten schon bald, sind glücklich und haben, einschließlich eines Zwillingspaars, schließlich acht Kinder miteinander.

In der zweiten Hälfte des Romans beobachtet Arnold Ende 1933 eines Tages, wie ein junger Mann mit zwei großen Taschen auf der Flucht vor dem deutschen Zoll über das benachbarte Feld läuft, wohin ihm die Zöllner nicht folgen dürfen. Es stellt sich heraus, dass der bärenstarke Hermann ein böhmischer Schmuggler ist, der die Zöllner von beiden Seiten zur Verzweiflung bringt, weil sie ihn nie zu fassen bekommen und er sie aus sicherer Entfernung auch noch mit hämischen Gebärden ärgert. Clara, die älteste Tochter der Wirtsleute, verliebt sich prompt in ihn. Auch sie ist sehr wagemutig und unkonventionell, sie weiß sich sogar körperlich durchzusetzen, alle Jungs haben großen Respekt vor ihr. Eines Tages aber folgen fünf Gestapo- und SS-Leute Herrmann auf schweizerischen Boden, nehmen ihn dort fest und bringen ihn gewaltsam über die Grenze nach Deutschland, wo er in Untersuchungshaft kommt. Obwohl Clara wie eine Löwin um ihn kämpft, darf sie ihn wegen Verdunkelungs-Gefahr nicht einmal besuchen in der Haft.

Dieser Roman ist literarisch vieles auf einmal, ein amüsanter Historien-Roman, ein Liebesroman über eine rätselhafte Pferdenärrin und ihren braven Gastwirt sowie über politische Aktivitäten von deren verquerer Tochter Clara, die ausgerechnet mit einem gesuchten Schmuggler anbandelt. Diese dem realen Kern der Geschichte hinzugefügte, fiktive Rahmenhandlung hat teilweise leider den etwas kitschigen Beigeschmack des allzu Aufgebauschten. Der wirkt umso störender, als in den letzten Kapiteln die Perspektive plötzlich in die Ich-Form wechselt und real wirkende Zitate und Auszüge samt Aktenzeichen aus behördlicher Korrespondenz eingefügt sind. Geradezu köstlich sind hingegen die stimmigen Dialoge und auch die Schilderungen der skurrilen Stammgäste im «Gasthof zur Moskau». Ganz nebenbei reicht der Erzähl-Horizont bis nach Berlin ins Büro von Joseph Goebbels, der nach dem Grenzskandal um den Besuch der Schweizer beim groß aufgezogenen Reichsparteitag der Nazis in Nürnberg bangt, es sind eh nur zwei Dutzend Staaten vertreten. Trotz seiner stilistischen Ambivalenz bietet dieser Roman eine allemal unterhaltsame Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Einatmen Ausatmen

Komplizierte Selbstoptimierung

In gewohnt amüsanter Weise widmet sich Maxim Leo in seinem neuen Roman «Einatmen Ausatmen» dem Thema der Selbstoptimierung, mit deren Hilfe im Kapitalismus die Leistung von Mitarbeitern gesteigert werden soll, indem mentale Hürden abgebaut werden, die eine optimale Zusammenarbeit der Belegschaft behindern. Wie schon der Titel andeutet, geht es dabei unter anderem auch um die richtige Atemtechnik als Mechanismus zu Steuerung von Emotionen im Umgang der Mitarbeiter untereinander. Große Firmen setzen daher häufig auf einen professionellen Coach, der mentalen Problemen oder emotionalen Leerstellen durch ein gezieltes Training entgegenwirkt.

Der vor dem Ruhestand stehende Vorstandschef des Aviola Konzerns möchte Marlene Buchholz, das mit Abstand erfolgreichste Mitglied im Vorstand, zu seiner Nachfolgerin machen. Das ist nahe liegend, ihre Perfomance liegt weit über dem ihrer Kollegen, sie liefert immer die besten Zahlen und ist der wichtigste Garant für den Erfolg des Unternehmens. Einziges Manko ist ihr Unvermögen, verständnisvoll mit den Mitarbeitern umzugehen. So hat sie die Beschwerde einer Angestellten, die von ihrem Abteilungsleiter verbal sexuell belästigt wurde, als übertrieben zurückgewiesen, sie solle sich nicht so haben, manche Männer seien halt so! Das ist auch Marlenes Chef zu Ohren gekommen, er besteht deshalb darauf, dass sie ein zweiwöchiges Achtsamkeits-Training bei Deutschlands erfolgreichstem Mentalcoach Alex Grow absolvieren muss, wenn sie CEO des Konzerns werden will. Obwohl sie sich stäubt, ein Unternehmen sei schließlich kein «Montessori-Kindergarten», sie kann dem «Umerziehungslager», wie sie es nennt, nicht entkommen.

In ihrem blauen Mercedes  Cabriolet reist sie in das idyllisch gelegene Brandenburger Schloss zur berühmten Coaching-Academy von Alex Grow. Der ist Chef von mehr als hundert Mitarbeitern, er hat privat selbst Beziehungs-Probleme und auch Panikattacken, weil seine Firma vor der Insolvenz steht. Der Aviola-Chef hat angekündigt, bei einem Erfolg mit Marlene Buchholz würde der Konzern künftig seine Coaching-Programme nur noch mit ihm durchführen, – das wäre finanziell die Rettung für Alex. Aber Marlene sträubt sich gegen sein Mental-Training und will die zwei Wochen einfach nur absitzen, sie glaubt nämlich, der Posten als CEO sei ihr gewiss. Schon am zweiten Tag lernt die 39Jährige bei einem Spaziergang den Hausmeister kennender, der vor Jahren sein Leben als Ingenieur total umgekrempelt hat, und freundet sich, für sie überraschend schnell, mit ihm an. Plötzlich taucht im Schloss auch noch ein dreizehnjähriges Mädchen auf, das vor der Polizei geflüchtet ist. Sie hat an einem Protestcamp gegen die Abholzung eines Waldstücks teilgenommen, auf dessen Fläche eine riesige Geflügelmast-Anlage entstehen soll. Aus prekären Verhältnissen stammend ist sie von zuhause weggelaufen. Gar nicht gefühlskalt nimmt sich Marlene spontan der ziemlich aufgeweckten Kleinen an und sorgt dafür, dass sie im Schloss bleiben darf.

Durch die ungewohnte Nähe zur Natur und die für sie überraschende, plötzliche emotionale Nähe zu zwei Menschen beginnt die menschenscheue Marlene kritisch über ihr bisher völlig freudloses Privatleben nachzudenken, das nur aus Arbeit bestand. Die simple Botschaft dieses Romans lautet, man muss nur an sich selbst arbeiten, dann lassen sich die mentalen Defizite von innen heraus auch deutlich verringern. Mit nicht zu übersehender Ironie beschreibt der Autor den aktuellen Hype um therapeutische Selbstoptimierung und einen perfektionierten Lifestyle. Marlene grübelt darüber nach, ob es denn nicht so etwas gibt wie den unveränderlichen Wesenskern des Menschen. Neben einigen Ungereimtheiten stört stilistisch vor allem der häufig tiefe Griff in die Klischeekiste. Gleichwohl ist dieser Roman eine angenehm lesbare Lektüre, die man allerdings nicht zu ernst nehmen sollte!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Im ersten Licht

Ein politisch-moralischer Weckruf

Es gehe ihm in seinen Werken um Fragen nach dem Grundsätzlichen, hat der renommierte österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein erklärt, so auch in seinem neuen Roman «Im ersten Licht», der für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert war. Fast ein ganzes Jahrhundert mit zwei Weltkriegen umfassend widmet der Autor sich darin solch heute immer aktueller werdenden Motiven wie Gewalt, Radikalisierung und moralische Verstrickung, in Hinblick auch auf die eigene Identität und die historischen Bezüge. Wie kann man leben im Schatten der Kriege und des Tötens, lautet die immergleiche Frage, die in diesem verstörenden Portrait einer österreichischen Epoche nach Antwort sucht.

Der dreiteilig angelegte Roman beginnt, zeitlich im Jahre 1920 angesiedelt, mit einer Gruppe von Kriegsversehrten, die nahe Salzburg in einer Villa untergebracht sind. Adrian Reiter, der Protagonist des Romans, wird als Jugendlicher von seinem Vater, einem überzeugten Sozialisten, mit Absicht am Bein verletzt. Seither humpelt er und wurde deshalb, wie vom Vater beabsichtigt, vom Kriegsdienst befreit. Im Café des Hotels, in dem Adrian  an der Rezeption arbeitet, wird er mit einer Gruppe junger und teilweise schwer verstümmelter Veteranen konfrontiert, von denen sich viele später das Leben nehmen. Dem «Adrian» Leverkühn im Doktor Faustus von Thomas Mann ähnelnd hat Adrian fortan ein schlechtes Gewissen. Er sieht sich als Zaungast der Geschichte, fühlt sich minderwertig und steigert sich immer mehr in eine verhängnisvolle Obsession hinein. Im Gespräch mit den Kriegsveteranen wird er sich seiner Erbärmlichkeit bewusst und schämt sich dafür. Antriebslos wie er ist entwickelt er sich jedoch zu einem unkritischen Mitläufer, der die deutlich sichtbaren Gefahren einfach nur negiert.

Nach seinem Studium arbeitet er später als Lehrer für Englisch und Geschichte und versucht nun, seine Schüler für den Kriegsdienst zu begeistern als unverzichtbare, patriotische Pflicht. Ausgerechnet sein bester Schüler folgt schließlich seinen Empfehlungen und verstrickt sich später unglücklich in verschiedene Kriegsverbrechen. Begeistert über den «Anschluss» Österreichs folgt Adrian 1938 unkritisch der Nazi-Ideologie. Als Thema für einen Aufsatz-Wettbewerb schlägt er dem Schuldirektor spontan «Der Führer im Weltkrieg» vor. Obwohl beide lachen, trauen sie sich dann aber nicht mehr, einen Rückzieher zu machen, es wäre einfach zu riskant gewesen, hätte einer von ihnen das angesichts der rigiden Spitzelmethoden der Gestapo versucht. Kann man schuldig werden, wenn man nichts tut, lautet die schwierige moralische Frage, die dieser Roman aufgreift, aber nicht beantwortet. Im dritten Teil dann weitet sich der Erzähl-Horizont und zeigt den Protagonisten als alten Mann, der in den achtziger Jahren England bereist und dort auf ein spätes Glück trifft. Auch hierbei trifft der Buchtitel wirkungsvoll die Stimmung, denn «Im ersten Licht» ist alles noch verschwommen und nebulös, grau in grau und vieles auch im Schatten, – so wie in der Liebe.

In seinem mehr als achtzigjährigen Leben ist der fragwürdige Held mit verschiedenen Ideologien und politischen Systemen konfrontiert worden und hat dabei mächtige Staatslenker erlebt, allen voran Kaiser Franz-Josef, dem nach «Weimar» der Führer aus dem österreichischen Braunau folgte, beide verheerende Weltkriege auslösend mit all ihren schwierigen Gewissensfragen. Adrian ist am Ende über 80 Jahre alt und erlebt, dass sogar der amtierende österreichische Bundespräsident schwer belastet ist als ehemaliges SA-Mitglied. Auch ihm selbst fehlt nach wie vor der moralische Kompass. Das Ganze ist klug komponiert, thematisch aber durch ständige Wiederholungen schon bald sehr langweilig werdend. Dieser Roman ist nicht nur eine moralische Anklage, er ist auch ein aktueller Weckruf in Zeiten wachsender Demokratie-Feindlichkeit und des drohenden Zerfalls eherner völkerrechtlicher Grundsätze. Als politisch-moralischer Weckruf ist dieser Roman aber weder eine erfreuliche noch eine unterhaltsame, gleichwohl aber eine lehrreiche Lektüre für geduldige und aufnahmewillige Leser!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Das Mosaik der Frauen

Ein arabeskenreicher Hymnus

In seiner orientalisch anmutenden Erzählstruktur erinnert der neue Roman «Das Mosaik der Frauen» von Rafik Schami an den antiken Klassiker «Tausendundeine Nacht». Das vielseitige und umfangreiche Œuvre des in Damaskus geborenen und seit 1971 in Deutschland lebenden Schriftstellers ist gekennzeichnet durch die für ihn typische, bikulturelle Erzählweise. Wobei seine stets wiederkehrenden Motive sich zum einen auf die Migranten in Deutschland beziehen, sodann auf die arabische und speziell syrische Welt in Politik und Gesellschaft sowie das Erzählen selbst in der uralten Tradition des Orients. Genau deshalb trägt Rafik Schami seine Geschichten, vor seinem Publikum frei redend, am liebsten auch selber vor.

Sein Roman ist zweischichtig aufgebaut, er besteht aus einer auktorialen Außenerzählung und einer in zehn Kapiteln personal erzählten inneren, die durchnumeriert mit einem dazugehörigen Frauennamen betitelt sind, beginnend mit 1. Tag Monalisa» und endend mit «10. Tag Klara», dem unter «Alle Tage Alexandra» abschließend noch ein elfter Tag folgt. Der in vielem als Alter Ego des Autors anzusehende Said Madini landet am 19. März1971 von Beirut kommend in Frankfurt am Main, er hat viele Manuskripte im Gepäck. Freimütig hat Rafik Schami bekannt, es gäbe in diesem Roman nicht mehr Parallelen zu seinem Leben als sonst, sie seien diesmal nur weniger gut versteckt. Said war als politisch Andersdenkender dem syrischen Geheimdienst nur knapp entkommen, weil er mit Hilfe von treuen Freunden seinen Tod fingierten konnte. In Deutschland kann er sich schnell etablieren, erhält als verfolgter Schriftsteller bald auch die deutsche Staatsbürgerschaft, studiert Sprachen und gründet nach Tätigkeiten als Simultan-Dolmetscher eine entsprechende Agentur, die schon bald floriert. Nebenbei beginnt er wieder zu schreiben, findet aber keinen deutschen Verleger. Viele Jahre später dann nimmt ein deutscher Freund, der Arzt ist und von dem er schon lange nichts mehr gehört hat, überraschend Kontakt mit ihm auf, er will ihn für einen besonderen Auftrag in Heidelberg engagieren. Ein sehr wohlhabender, im seinem Krankenhaus liegender, lebensbedrohlich herzkranker Patient namens Nadim Suri, ebenfalls Syrer, sucht jemanden, dem er seine bewegende Lebensgeschichte erzählen kann, bevor er stirbt. Derjenige muss anschließend dann aber auch wirklich in der Lage sein, sie angemessen zu Papier zu bringen. Diese Lebensbeichte bildet den eigentlichen, inneren Roman, der sich chronologisch an all den Frauen orientiert, denen Nadim in seinem turbulenten Leben begegnet ist. An den zehn Tagen, in denen Nadim dann in typisch orientalischer Weitschweifigkeit davon erzählt, darf neben Said als Zuhörer und Protokollant nur die blonde Krankenschwester Alexandra anwesend sein, die voraussichtlich Nadims letzte Liebe sein wird.

eginnend mit einem Kapitel, das unter dem Titel «Monalisa» seiner Mutter gewidmet ist, berichtet der Patient nun tagelang von seinem vergänglichen Glück mit den Frauen seines Lebens, die für ihn auf ganz unterschiedliche Weise alle prägend waren. Oft wurde er enttäuscht oder verletzt, manchmal hat auch das Schicksal grausam zugeschlagen oder der Zufall alles in Frage gestellt. Quasi als dritte Erzählebene fügt der Kranke immer wieder hunderte von meist kurzen Episoden oder Anekdoten ein, von denen er gehört habe. Dabei verliert er nicht selten den Erzählfaden:  «Wo war ich stehen geblieben», heißt es dann. Oft beginnen diese Abschweifungen auch mit: «Übrigens, kennst du die Geschichte von …» oder mit der Vorbemerkung: «Dazu muss ich etwas weiter ausholen», die arabeskenhaft eine neue dieser vielen kurzen Episoden einleitet.

Dieses narrative Mosaik bewirkt eine kurzweilige Lektüre, die insofern bereichernd ist, als hier auch religions- und sozialkritisch über viele den Orient betreffende, kulturelle und politische Gegebenheiten berichtet wird. Erfreulich sind zudem die literarischen Verweise auf bekannte Autoren sowie auf die als Lebensweisheiten eingeflochtenen Zitate und kontemplativen Fragen. Wen wundert’s da, dass Rafik Schami hierzulande schon lange als Bestseller-Autor gilt!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Die Straße

Fragmentarisiert erzählter Mikrokosmos

Der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Robert Seethaler trägt den Titel «Die Straße». Sie befindet s ich – außerhalb des Zentrums und ziemlich versteckt – in einer nicht benannten Großstadt, sie spielt hier tatsächlich erzählerisch die Hauptrolle. In einer raffinierten stilistischen Form werden nämlich die Bewohner der «Heidestraße» porträtiert, sie erfüllen als Gesamtheit diese kleine Straße mit Leben, prägen sie dadurch und stellen sie narrativ ins Zentrum. Wobei es sich ausnahmslos um originäre Typen aus dem Alltag  handelt, bodenständig allesamt und teilweise auch ein bisschen skurril, aber immer menschlich.

Einen herkömmlichen Plot gibt es nicht in diesem Roman, er besteht vielmehr aus kleinsten erzählerischen Vignetten, also kurzen und kürzesten Texten mit Szenen, Anmerkungen oder Beschreibungen, die aber mosaikartig ein komplettes Bild des prallen Lebens in dieser Straße zeichnen. Es passiert in diesem Mikrokosmos praktisch alles, was Menschen passieren kann, die einzelnen Figuren bilden zusammen in raffinierter Weise ungeschönt das menschlich Allzumenschliche ab. Ein grandioses Panorama der inneren Welt seiner Individuen mithin, die zusammen als Einheit so etwas wie die Seele der «Heidestraße» formen. Wobei es sich hier um die so genannten kleinen Leute handelt, um Handwerker, Arbeiter, Einzelhändler, Gastronomen, ferner den Pfarrer, den alkoholsüchtige Hausarzt, die Angestellten einer städtischen Behörde oder des Altersheims. Auch dessen Bewohner stammen übrigens fast alle ebenfalls aus dieser Straße, zählen also auch zum originären Stamm der dortigen Einwohnerschaft.

Ein Bub erschießt mit seiner Steinschleuder die Tauben, andere leben ihre Wut in wilden Schlägereien aus. Die Blumenhändlerin liebt heimlich einen Mann, der sie nicht mal kennt, und schreibt ihm Liebesbriefe, die sie nie abschickt. Der Geistliche kann und will irgendwann seiner Pflicht nicht mehr nachkommen und tritt von seinem Amt zurück. Es sind Menschen, die sich täglich begegnen, ohne wirklich etwas voneinander zu wissen. Ihre Sehnsüchte und Träume bleiben im Verborgenen, von ihren Geheimnissen weiß niemand etwas. Narrativ einem Wimmelbild ähnelnd erzählt der Roman vielstimmig von den kleinen Dramen, die sich da im Verborgenen ereignen, von der vergehenden Zeit und wie sie die Menschen verändert. Es sind gefühlt mehr als hundert Figuren, die Robert Seethaler hier, oft als Ich-Erzähler, aufmarschieren lässt, ohne sie allerdings näher zu beschreiben, all die Ecken und Kanten detailliert zu benennen, die einen Menschen erst zu einem Individuum machen, ihm Originalität verleihen. Der Roman krankt etwas daran, denn es baut sich keine Empathie auf zu ihnen, die Figuren bleiben allesamt reine Staffage. Wenn sich im Altenheim die Bewohner über das Essen beschweren oder die Wohnungsmieter über die defekte Heizung, so sind das eben nur profane Alltagsprobleme, die in ihrer Häufung nur noch profaner werden.

So innovativ und lebensnah die fragmentarische Erzählweise des Autors zunächst wirkt, so wenig vermag diese schlichte Alltäglichkeit des Narrativs auf Dauer zu überzeugen. All die inneren Monologe, Gedankensplitter, knappen Dialoge, Behördenbriefe, Verordnungen oder Protokolle und Ansprachen des Heidestraße-Komitees als Veranstalter des jährlichen Straßenfestes erfüllen, als Textschnipsel munter aneinander gereiht, jedenfalls nicht die als Prämisse annoncierte Wirkung: «Mosaik des Augenblicks – und damit des Lebens selbst», wie es auf der Buchrückseite zu lesen ist. Für eine erfreuliche oder gar bereichernde Lektüre fehlt es an Dramatik, selbst wenn eines der Häuser abbrennt, und auch innovative Aspekte sind kaum vorhanden. Robert Seethaler treibt mit diesem Roman seine impressionistische Erzählweise auf die Spitze, indem er zwar äußerst variantenreich seinen Mikrokosmos beschreibt, dabei aber die inneren Zusammenhänge unberücksichtigt lässt. Trotz dieses stilistischen Mankos liest sich der Roman angenehm flüssig und überrascht immer wieder durch seine schiere Alltagsnähe!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Claasen München

Die Ordnung der Sterne über Como

Dance Me to the End of Love

Erfreulicherweise gibt es immer wieder Überraschendes auf dem Buchmarkt, denn Monika Zeiners Debütroman mit seinem zunächst kryptischen, auf eine Zäsur im Plot hinweisenden Titel, war für mich eine faustdicke Überraschung. Nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch an Thomas Mann erinnernd, behandelt dieser ambitionierte Künstlerroman elementare Fragen wie Glück, Liebe, Freundschaft, Alter, Tod, Trauer, und den Sinn des Ganzen natürlich. Die Kunst ist auch hier die Musik, von der Autorin kenntnisreich eingewoben in die Handlung, ist sie doch in ihrer zweiten Karriere unter dem Namen Mona Stinelli Gründerin der Italoband «marinafon». Und auch zum Thema Liebesleid weist sie reichlich Fachkompetenz auf, sie hat ja schließlich über mittelalterliche Liebesmelancholie promoviert.

Ihr radikal illusionsloser Roman dreht sich um den chaotischen Antihelden Tom, ein labiler, schwermütiger, lethargischer Pianist, der in einer studentischen WG im Berlin der neunziger Jahre lebt, zusammen mit seinem besten Freund Marc, einem hoffnungsvollen Komponisten moderner Musik, und mit Betty, die eigentlich Medizin studieren soll nach dem Willen ihrer Eltern, sich zeitweise aber eher als Sängerin sieht und mit den beiden zusammen gelegentlich in einer Jazzband auftritt. Marc und Betty werden ein Paar, Tom hat das selbstlos eingefädelt für seinen zunächst desinteressierten Freund, ist sich später aber nicht mehr sicher, ob das nicht ein Fehler war, auch er fühlt sich irgendwie zu Betty hingezogen. Und so endet diese Ménage-à-trois irgendwann am Comer See, als während Marcs Abwesenheit Tom und Betty doch noch zusammenfinden und dann nächtens den Sternenhimmel betrachten auf der Suche nach einer Ordnung dort oben. Am nächsten Tag kommt Marc bei einer Schneewanderung um, die Beiden sind entsetzt und gehen auseinander, sehen sich zehn Jahre lang nicht mehr.

Erzählt wird diese vielschichtige Geschichte von ihrem tragischen Kern aus, dem alles verändernden Tod von Marc, dieser fast als Lichtgestalt erscheinenden Figur. In Rückblicken schildert die Autorin anschaulich und metaphernreich das Leben der drei Freunde in Berlin, sie nimmt sich Zeit dafür, zuviel, glaubt man ihren Lektoren, denen angeblich auch 200 Seiten genügt hätten. Gottlob ist sie konsequent geblieben, es wären dem Leser sonst viele erfreuliche und behagliche Lektürestunden vorenthalten worden. Denn man würde, so man Gefallen an unaufgeregt erzählten Geschichten und die nötige Muße dafür hat, am liebsten ewig weiterlesen, freut sich immer wieder an philosophischen Betrachtungen, sympathisch gezeichneten Figuren, wird sogar, wie ich, zum Musikhören angeregt. Als nämlich Tom «Dance Me to the End of Love» am Klavier spielt und Betty spontan zum Singen auffordert, da konnte ich nicht anders und habe meine Lektüre unterbrochen, um mir mal wieder diesen wunderbaren Titel von Leonard Cohen anzuhören.

Man ist gespannt, wie die Geschichte ausgeht, denn nach langer Zeit treffen Tom und Betty am Ende in Neapel wieder zusammen. Bei diesem Showdown klärt sich der mysteriöse Tod von Marc als Freitod, Betty hatte ihm alles gebeichtet seinerzeit, und Tom gesteht, dass er zu lange gewartet hat damals, bis es für eine Rettungsaktion zu spät war. Beide, die sich nun wieder gefunden haben nach so vielen Jahren, sind unrettbar in ihrer Schuld verstrickt, es gibt selbstverständlich kein Happy End. Vielleicht liegt es an der weiblichen Perspektive der Autorin, dass die Männer in diesem Roman allesamt ein wenig trottelig wirken, die Frauen aber eher dominant sind wie die bourgeoise Anne zum Beispiel, die darauf besteht, beim «Sie» zu bleiben mit ihrem jugendlichen Liebhaber und Klavierlehrer. Dieser Roman hat unglaublich viele Facetten aufzuweisen, er bietet Lesefreude pur auf einer genüsslichen literarischen Entdeckerreise, seine überaus positive Rezeption ist absolut gerechtfertigt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Taschenbuch Berlin

Villa Sternbald

Zuviel des Guten

Erst elf Jahre nach ihrem erfolgreichen Debütroman ist im Jahre 2024 ein zweiter Roman von Monika Zeiner unter dem Titel «Villa Sternbald» erschienen. Unter 600 Seiten tut es die Autorin nicht, denn auch dieses Buch ist mit seinen 669 Seiten wieder ein physisches Schwergewicht in der aktuellen Romanliteratur. Anders als bei ihrem ersten, thematisch eher beschwingten Debüt hat man es hier jedoch mit einem äußerst vielschichtigen, melancholischen Familien-Epos zu tun, das gleich zweimal an Thomas Mann erinnert: Als Familienroman an die Buddenbrooks, aber gleichermaßen auch an den Zauberberg, nicht nur was die Zeitdauer des geschilderten Besuchs betrifft, sondern auch was die philosophischen Diskurse und gedanklichen Höhenflüge anbelangt.

Protagonist des Romans ist der ziemlich erfolglose TV-Drehbuchautor Nikolaus Finck aus Berlin, der als schwarzes Schaf der Familie nach zwei Jahrzehnten erstmals wieder in das fränkische Dorf seiner Kindheit nahe Nürnberg zurückkehrt, in die titelgebende «Villa Sternbald», um an der Geburtstagsfeier seines Großvaters teilzunehmen. Man bereitet dort gerade auch eine Ausstellung «Das Klassenzimmer im Wandel der Zeit» vor, um das 125jährige Firmenjubiläum ihrer Schulmöbelfabrik zu feiern, deren Columba-Schulbank einst den Wohlstand der Familie begründet hat. Aus dem geplanten Wochenende bei der Familie wird für Niki ein ganzes Jahr. Er, der sich selbst spaßeshalber als «Aerophonautiker» und «Schnurologe» bezeichnet, beginnt – angeregt durch den feierlichen Anlass – sich nun plötzlich für die Familiengeschichte zu interessieren. Beginnend mit seiner Kindheit taucht der Ich-Erzähler dabei immer tiefer in die Vergangenheit hinein, vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. Er will den im Dunkeln liegenden Teil der über vier Generationen zurück reichenden Familiengeschichte aufklären. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Ur-Ur-Großvater aus seiner kleinen, aber immerhin schon dampfbetriebenen Schreinerei ideenreich eine Fabrik für Schulmöbel aufgebaut, die aber nach dem Ende der Wirtschaftskrise 1933 vor dem Konkurs stand. Durch die Arisierungs-Maßnamen der Nazis konnte der Großvater später für einen Spottpreis die erfolgreiche Möbelfabrik eines jüdischen Freundes kaufen. Damit begann der steile Aufstieg der Firma, die danach in eine exportstarke Aktiengesellschaft umgewandelt wurde.

In der Familie aber wird diese Geschichte anders erzählt! Erst der Kauf der Fabrik habe dem jüdischen Eigentümer überhaupt die Geldmittel verschafft, um mit seiner Familie zu emigrieren. «Leider sind sie alle gestorben» erzählt Nikis Mutter beschönigend. In Wahrheit aber wurden sie aus dem Exil in Frankreich in ein Konzentrationslager deportiert, das sie bis auf einen alle nicht überlebt haben, findet Niki heraus. Nach und nach entfaltet sich für ihn die wahre Geschichte seiner Familie, die von unternehmerischem Erfolgsdruck ebenso geprägt ist wie von innerer Kälte. Allein von seinem Großvater erfährt er die nötige Wärme und Zuneigung, die für ein Kind seelisch prägend ist. Ein scheinbar typisches Erbe, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Familiengeschichte zieht. «Ich kann nicht behaupten, dass meine Familie geschwiegen hätte. Es wurde, im Gegenteil, ununterbrochen geredet, und vielleicht reden sie so viel, damit sie keine Fragen beantworten müssen.»

Der dickleibige Roman wird in epischer Breite erzählt, anekdotisch hin und her springend und in häufig wechselnden Zeitebenen, die immer wieder ineinander verschwimmen, dem Untertitel «Die Unschärfe der Jahre» entsprechend. Dieses Schwebende der zuweilen unrealistischen Erzählung über Pädagogik und Opportunismus macht den Reiz aus beim Lesen, obwohl das Ganze thematisch doch ziemlich überfrachtet erscheint. Und auch die vielen Zitate, literarischen und philosophischen Verweise sind einfach zu viel des Guten. Ein störendes Manko ist auch die oberflächliche Figurenzeichnung, die keinerlei Emotionen entstehen lässt beim Leser. Wen wundert’s also, dass der von den Feuilletons erwartete Publikumserfolg ausgeblieben ist, – und auch die entscheidenden Buchpreise!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Ich, die ich Männer nicht kannte

Dystopisches Memoir

Zu den überraschend wenigen ins Deutsche übersetzten Romanen aus dem umfangreichen Œuvre der belgischen Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman gehört «Ich, der ich Männer nicht kannte» als aktuelle Ausgabe. Es handelt sich dabei um ein dystopisches Memoir, das im Original 1995 erschienen ist und als feministischer Roman auch international überraschend erfolgreich war. Der Buchtitel «Moi qui n’ai pas connu les hommes» ist insofern doppeldeutig, weil er auf die zwei im Französischen möglichen Bedeutungen des Wortes «Hommes» anspielt, das sowohl «Männer» als allgemein auch «Menschen» bedeutet.

Die rätselvolle Geschichte beginnt in einem Kerker ohne Tageslicht, in dem 39 Frauen unter der Aufsicht von sechs Männern gefangen gehalten werden – ohne die geringste Andeutung, warum. Als vierzigste Gefangene gehört die namenlose Ich-Erzählerin dieses Memoirs dazu, die, zu Beginn noch ein Kind, erst in der Pubertät ihre Situation ernsthaft zu hinterfragen beginnt. Die anderen Gefangenen sind allesamt im Erwachsenenalter mit den entsprechenden Lebenserfahrungen, natürlich auch was Männer anbelangt. Sie alle können sich aber partout nicht daran erinnern, woher, wie und warum sie überhaupt in dieses unterirdische Verließ gekommen sind, und über ihr altes Leben haben sie allenfalls sehr vage Vorstellungen. Ohne Uhr oder Tageslicht haben sie auch kein Zeitgefühl mehr, ihr Leben verläuft deshalb weitgehend unstrukturiert. Alle Berührungen untereinander sind strikt verboten, das junge Mädchen hat in dieser unmenschlichen Umgebung keinerlei Emotionen entwickeln können und wird deshalb auch von den anderen Frauen völlig ignoriert, sie lebt ausgestoßen und isoliert ganz allein. Die heranwachsende, namenlose Erzählerin hatte noch keinen einzigen Kontakt zu Männern, sie ist auch noch nie einem begegnet, von den Wärtern mal abgesehen. Diese immer gleichen Männer aber sprechen kein Wort mit den Gefangenen, jeweils einige von ihnen umrunden turnusmäßig ununterbrochen und immer nur schweigend den Käfig, um den herum sie auch nachts auf einem schmalen Umgang patrouillieren. Ihre Befehle oder stummen Ermahnungen erfolgen immer nur mit der Peitsche, die sie dann drohend knallen lassen. Sie alle folgen ungeschriebenen Gesetzen, es gibt keinerlei Privatsphäre, die Frauen müssen sogar vor den Augen der Wärter auf die einzige Toilette gehen. Die Männer werden nur handgreiflich, um zu verhindern, dass eine der Gefangenen Selbstmord begeht, was angesichts der Sinnlosigkeit ihres Daseins in dem Verlies nahe liegend ist und wohl tatsächlich auch schon erfolglos versucht wurde.

Als nun eines Tages während der Essensausgabe ein Alarmsignal ertönt, sind die Wärter plötzlich alle verschwunden, die Tür zum Verlies bleibt offen. Die jugendliche Erzählerin wagt als erste den Schritt aus dem Käfig heraus, die anderen folgen ihr zögernd. Was sie draußen finden ist eine apokalyptisch anmutende Welt, die sie nicht kennen, in der auch niemand ist, mutterseelenallein müssen sie sich ab nun darin zurechtfinden. Sie haben lange Zeit wie Schlafwandlerinnen gelebt, bis sich irgendwann gewohnheitsmäßig bestimmte Regeln für das Zusammenleben ergeben haben. Wissen ist Macht, das sahen sie beispielsweise an den Wärtern. Deshalb hat die Ich-Erzählerin eines Tages begonnen, ihren Herzschlag zu zählen und so zur Kontrolle die Zeit zu messen. Sie ist es auch, die dann in den odysseeartigen Erkundungen der Frauen-Gruppe in einer unwirtlichen, toten Welt voller Ruinen und Leichenbergen beherzt die Führung übernimmt. Aus dieser jahrelangen Suche haben sich allerdings niemals irgendwelche Erkenntnisse ziehen lassen!

Zur völligen Hoffnungslosigkeit ihres Memoirs hat sicherlich die Holocaust-Erfahrung der Autorin einiges beigetragen, das Ausgeliefertsein der Frauen wirkt zudem geradezu kafkaesk. In einer klaren Sprache, ohne Schnörkel, immer eng am Thema bleibend, steuert dieses Memoir auf ein Ende zu, das all die darin aufgeworfenen Fragen unbeantwortet lässt und zu nichts hinführt. Als Dystopie keine erfreuliche, aber immerhin eine bereichernde Lektüre für aufnahmefähige Leser!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Memoir
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Transkription

Einladung zu kontemplativer Mitwirkung

Der vierte Roman des US-Amerikaners Ben Lerner, den ‹The New York Times› für den besten Schriftsteller seiner Generation hält, hat auch in den deutschen Feuilletons eine äußerst positive Resonanz erzeugt. Was dessen Thematik anbelangt könnte man glauben, er sei darauf angelegt, zu beweisen, dass es in den Vereinigten Staaten unter Donald Trump tatsächlich noch so etwas wie ein Geistesleben gibt! Dazu benutzt der Autor beziehungsreich das Smartphone, dessen Wirkung und Bedeutung für das intellektuelle und soziale Leben der Gesellschaft er geschickt in seine Geschichte eingebaut hat.

«Ich putzte mir die Zähne. Das Wasser lief nicht richtig ab. Weil ich eine Zahnpastaschliere auf der Wange hatte, wusch ich mir das Gesicht. Dann griff ich nach meinem Handy, das ich in der kleinen, am Spiegel angebrachten Stahlschale abgelegt hatte. Irgendwie fiel mir das Gerät ins Waschbecken.» Dieses Missgeschick passiert dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans, einem Journalisten, der zu einem mutmaßlich letzten Interview mit dem Zug nach Providence im Staat Rhode Island an der amerikanischen Ostküste reist. Dort will er Thomas besuchen, seinen todgeweihten, inzwischen neunzigjährigen Mentor und Vater seines besten College-Freundes, ein wahrhaft bedeutendes «Urgestein der Kunstszene». Das unbrauchbar gewordene Smartphone bringt nun eine ganze Reihe von Schwierigkeiten mit sich: er kann auf die Schnelle kein neues Gerät auftreiben, und alle Adressen und Telefonnummern fehlen ihm jetzt auch, er kann sich nicht mal mehr schnell ein Taxi rufen, das ihn zu seinem kranken Mentor bringt. Und das gerade jetzt, er kommt sich völlig hilflos vor! Vor Allem aber kann er das Interview mit seinem Mentor nicht aufnehmen, was ihm derart peinlich ist, dass er davon nichts sagt. Stattdessen tut er so, als ob er aufnimmt, um später dann die Transkription des Gesagten notgedrungen aus dem Gedächtnis nieder zu schreiben.

Der Autor hat mit Thomas, dem Protagonisten des Romans und Mentor des Ich-Erzählers, eine Figur geschaffen, die ziemlich deutlich an Alexander Kluge erinnert. Als Vorbild für die Romanfigur wurde diesem Urgestein der Kunstszene hier literarisch jedenfalls ein ehrenvolles Denkmal gesetzt. Darauf angesprochen hat sich Kluge dahingehend geäußert, dass er den Roman als «freundschaftliche Geste» empfunden und seinen fiktionalen Tod darin ohne Schäden überstanden habe. Im Roman entwickelt sich aus dem Missgeschick des Ich-Erzählers mit seinem Smartphone eine turbulente Geschichte, in der es um die Frage geht, wie es in unserer vermeintlichen «Wirklichkeit» möglich ist, ein guter Mensch zu sein, sei es als Mentor, Vater oder Freund. Wobei Thomas geradezu als Dozent auftritt und in endlose Monologe verfällt, in denen der Interviewer kaum eine Chance hat, seine Fragen zu stellen. Es geht thematisch neben den Auswirkungen der Digitalisierung auch um die Folgen der Corona-Pandemie, die scheinbar schwindende geistige Aufnahme-Fähigkeit der Bevölkerung, soziale und familiäre Konflikte. Wobei vieles nur angesprochen bleibt und nicht wirklich auserzählt wird in all diesen kontemplativen Debatten.

Neben den Verweisen auf Alexander Kluge gibt es auch solche auf Franz Kafka, was wohl als eine Referenz des amerikanischen Autors auf europäische Geistesgrößen zu deuten ist. Akribisch arbeitet der Autor die Wirkung von Handys und Tabletts heraus, denen in seinem Roman ein inzwischen viel zu groß gewordener Einfluss auf das menschliche Miteinander attestiert wird. Die Transkription des Interviews aus dem Gedächtnis heraus führt auch zu Debatten darüber, inwieweit Wahrheit als Kriterium in den Medien denn überhaupt noch taugt. Zu wenig differenziert werden hier letztendlich aktuelle Streitthemen munter miteinander verwoben, deren gedankliche Grundlagen in der Philosophie keinesfalls unumstritten sind. In einer flüssig zu lesenden Sprache geschrieben wird hier der aufnahmefähige Leser zu kontemplativer Mitwirkung eingeladen, was ja das eigentlich Bereichernde ist beim Lesen!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin