Knife- Gedanken nach einem Mordversuch

Salman Rushdie sollte im Rahmen eines Projektes für in ihren Ländern verfolgte Autoren eine Rede halten, darüber „wie wichtig es ist, sich für die Sicherheit von Schriftstellerinnen und Schriftstellern einzusetzen.“ Er sieht den Mann aus dem Publikum im Staat New York aufstehen und auf ihn losrennen—ein Sicherheitsdienst war nicht vorgesehen.

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Genre: Literatur
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Ravna – die Tote in den Nachtbergen

Beim Glauserpreis auf der Criminale hat das Buch den Jugendglauser gewonnen. Aber eigentlich ist es ein All-Ager.

Und nach der Leseprobe konnte ich nicht widerstehen und habe es in einem Rutsch durchgelesen. Die raue Landschaft in Norwegens nördlichster Provinz wird lebendig, ich spüre den Wind, die Kargheit, die Sonne, die nicht untergeht, sehe die Rentiere bei der Rentierscheide in der hellen Nacht, und den Zwiespalt Ravnas, der jungen Polizeischülerin, der ersten Lappin in der Polizeischule in Oslo.

Eigentlich macht man die Dinge hier hoch im Norden unter sich aus. Regierung und Polizei haben keinen guten Ruf, die Älteren können sich noch gut erinnern, wie beide sie früher drangsaliert haben.

Und jetzt soll Ravna im Umkreis ihrer alten Bekannten ermitteln. Für die ist sie damit eine halbe Verräterin und für manchen Polizisten gehört sie zu den Verdächtigen. Obendrein hat sie die Leiche gefunden.

Und die lag da schon gut versteckt zehn Jahre nach einer Party von Teenagern, die alle eifrig getankt hatten und angeblich nichts gesehen haben. Oder sich nicht erinnern wollen?

Tolles Buch, spannend bis zur letzten Seite, auch wegen der ungewöhnlichen Umgebung und der Einblicke in das Leben der Samen zwischen Tradition und Moderne.


Genre: Jugendliteratur, Kriminalliteratur
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Zur See

Zur SeeIn ihren anderen Büchern ging es um das Landleben und, wie Menschen sich ändern müssen, um dort zu leben: Im Alten Land suchen Vertriebene eine neue Heimat und bleiben fremd, in der Mittagsstunde flieht ein Einheimischer in die Stadt, aber kommt immer wieder zurück und beobachtet, wer und was sich ändert. (link Landlust und Landfrust) In Zur See bleiben die Inselbewohner der Heimat treu und erleben, wie das Meer auch andere in seinen Bann zieht. Aber auch, was sich hier alles ändert. Da sind alte Geschichten zu erzählen, von Männern, die zur See gingen und von großen Fluten. Wir leben mit den Menschen auch in der Winterzeit, sehen wie die Gewerke der Fischer und Bauern sich ändern und lernen, wie der Zeitplan der Fähre das Leben bestimmen kann.

Auf einer kleinen Nordseeinsel lebt Hanne Sander im Kapitänshaus mit ihrem Ältesten, einem wegen seiner Alkoholkrankheit ausgemusterten Kapitän, der gerne den kauzigen alten Seebären gibt, das lieben die Touristen, besonders weibliche. Das Haus ist seit Jahrhunderten im Familienbesitz. Darüber kreisen Drohnen, denn eine solche Immobilie würde jeder Makler gerne vermarkten. Es gelingt ihr gut, dies zu ignorieren, und wenn sie in Ruhe lesen will, dann versteckt sie sich hinten im Garten neben Komposthaufen und Mülltonnen, denn vorne laufen die Touris.

Ihr Jüngster feiert seinen dreißigsten Geburtstag, in seinem Atelier. Er war schon immer ein Aussteiger, hat die Insel nie verlassen, geht barfuß mit seinem Hund jeden Tag am Strand lang und sammelt Strandgut. Daraus schafft er Kunstwerke, die sich gut verkaufen, an die Städter, die ihre Zweithäuser damit schmücken. Bei der Party kennt sie nur den Pfarrer, die anderen Gäste sind Teil der Parallelwelt, Städter, die vom Meer angezogen wurden. Sie geben sich einheimisch, wenigstens schlurfen keine Tagestouristen mit Schlappen durchs Atelier. Aber auch dieser „zweite Stamm“ bleibt nicht, irgendwann finden sie, dass ihre Sehnsucht nicht gestillt wird, sie bleiben fremd und ziehen wieder zurück aufs Festland. Überhaupt hat sich der Tourismus gewandelt: Früher hat Hanne Zimmer vermietet, an Gäste, die in den Zimmern der Kinder schliefen, die Kinder wurden wegsortiert. Darüber hat sie auch Jens verloren, ihren Mann und Vater der Kinder.

Er zog vor über 20 Jahren aus, lebt als Einsiedler bei seinen geliebten Vögeln, die Zwergseeschwalben haben es ihm besonders angetan. Er kämpft für die Erhaltung der Natur, nicht nur ihm, auch anderen ist bewusst, dass der Meeresspiegel steigt, und größere Fluten kommen könnten. Eigentlich ist er zu alt, um so allein zu leben, zittert stark, seine Vorgesetzten sagen es ihm aber nicht, sie schicken „Prinzen“, junge, dynamische Vogelkundler mit Laptop. Mit dem letzten kommt er klar und mit ihm kann er wieder Menschen in seiner Nähe ertragen, sogar in einem Raum zusammen schlafen.

Tochter Eske ist Altenpflegerin, hört neben Heavy Metal gerne die Geschichten der Alten im Heim, begleitet sie in den Tod. Sie hatte die alten Sprachen der Küsten studiert, kam aber zurück. Sie gibt das Raubein, vertreibt gerne Touristen mit ihrem Auto an die Straßenränder. Eine Inselregel lautet: „Sei nie freundlich zu Touristen!“ Sie schämt sich, wenn die Einheimischen Touristenrummel veranstalten, wie bei der Hafenfeier.  Auch der Pfarrer kennt alle von früher, aus dem Konfa. Sein Glaube, auch an sich selbst, wird bedroht, gerade, als seine Frau aufs Festland zieht, natürlich nicht seinetwegen, sondern, um bei den Enkeln zu sein und er allein zurückbleibt.

In der größten Not … gibt es auch Veränderungen, die die Menschen wieder zusammenbringen, so kommt Jens zurück ins Kapitänshaus, denn schweigen kann er auch dort, bei Hanne.

Ich lese so etwas gerne: die richtige Balance zwischen Sehnsucht und Realität, etwas Spökenkiekerei und viel Empathie.


Genre: Deutsche Literatur, Familiengeschichte
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Das verlorene Paradies

Der kleine Yusuf himmelt den großen Kaufmann an, dem seine Eltern immer ein Festmahl kredenzen, wenn er, der Onkel Aziz, erscheint. Er schenkt ihm zum Abschied auch immer ein Geldstück. An anderen Tagen gibt es nicht immer etwas zu essen, seine Mutter meint, er solle doch den Staub essen, den der Holzbock hinterlässt. Richtig unangenehm wird sie ihm, als sie ihn herzt und küsst wie ein kleines Kind, er ist doch schon zwölf Jahre alt!

Er ahnt nicht, dass dies zum Abschied ist, denn am selben Tag nimmt ihn Onkel Aziz mit und er wird seine Eltern nie wieder sehen. Er lebt dann als Gehilfe von Khahil im Laden des Kaufmanns, auf dessen Grundstück.

Er wird heimisch, neben dem Haus ist ein eingemauerter Garten, (walled garden), den er besucht, dort fühlt er sich wohl und kann träumen. Eigentlich gehört der Garten der Mistress, der Ehefrau des Kaufmanns, die er aber nie zu Gesicht bekommt. Khalil deutet an, dass er dieser gut gefalle, wie überhaupt: alle Männer und Frauen werden immer und überall Yusufs Schönheit betonen.

Es ist die Männerwelt von vor einhundertundfünfzig Jahren in Tanganjika, in der er zum Mann werden wird. Seine Vorbilder werden neben Onkel Aziz und Khalil die anderen Männer der Handelstruppe, mit der der Kaufmann das tansanische Festland bereist, um seine Geschäfte zu machen.

Bei der nächsten Reise wird er mitgenommen. Er teilt mit den Männern Freud und Leid, Tage und Nächte. Er lernt die Rangordnungen respektieren, die in der multikulturellen Truppe herrschen, auch die derben Schimpfwörter, meist mit phallischen Bezügen, mit denen die jeweils anderen tituliert werden. Dabei bleibt er immer der aufmerksame Jüngling, der die Welt noch etwas besser verstehen lernt.

Einige Jahre bleibt er in der Familie eines Kaufmanns, der erschrocken ist, dass er den Koran noch nicht gelesen hat, also besucht er eine Koranschule und lernt dazu. Bei der nächsten großen Reise in das Innere des Landes wird er, nun groß geworden, mitgenommen. Onkel Aziz ist stolz auf ihn und erzählt von der Geschichte des Handels in Ostafrika, von den Omani, den Indern und dass die neuen, die europäischen, die gefährlichsten Konkurrenten sind. Irgendwann sagt einer der Männer: „Die Europäer sind aus dem gleichen Grund hier wie wir.“ So kommt es denn auch: Diese Reise wird ein Fiasko, keines der erhofften Erlöse wird eingebracht. Lug und Betrug und viel Gewalt mit ungleichen Waffen bedrohen das Wohlleben des Kaufmanns.

Zurück im Hain der Sehnsucht, so der Titel des Kapitels, kann Yusuf die Wirklichkeit erkennen: Sein Vater musste ihn dem „Onkel Aziz“ als Pfand für Schulden überlassen, so wie auch Khalil, und dessen Schwester Amina, die die Magd der Mistress ist, Schulden ihrer Väter begleichen mussten.

Sie ist die einzige weibliche Person mit Verstand. Doch auch sie lässt der Autor sagen, dass der Kaufmann weiß, dass Frauen die Hölle sind. Yusuf träumt lieber, er möchte fliehen, gerne mit Amina. Denn in dieser harten Welt der Männerfantasien hat er sich seine Unschuld erhalten. Aber die Geschichte wendet sich: Nichts bleibt, die Deutschen kommen.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, die Sprache ist so schön, dass selbst Muttersprachler neidisch werden könnten. Yusuf erzählt in herrlichen Bildern von der Natur, den Begegnungen, die sie auf der Reise machte. Es gibt treffende Dialoge, wenn Männer reden. Leider, außer bei Amina, nie, wenn Frauen reden.

Die Übersetzung ist gelungen, bei der vorliegenden Ausgabe gibt es ein Glossar für die vielen Fremdwörter in Kiswahili und Arabisch, auch einiges aus den Religionen wird erläutert. Dazu eine kurze „Editorische Notiz“, die erläutert, wie wichtig es ist, die abfälligen Bemerkungen über die jeweils anderen auch noch heute zu verwenden.

Im Englischen ist der Titel schlicht: Paradise, im Deutschen: Das verlorene Paradies. Glaubte die Übersetzerin wirklich, dass das Leben damals ein Paradies war, das nun verloren ist? Es war der doch eher der Traum von einem Paradies, und das hat der Autor treffend ausgedrückt mit einfach: “Paradise“.


Genre: Gesellschaftsroman
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Kairos

Entscheidende Momente in Liebe und Politik

Der jüngst erschienene Roman von Jenny Erpenbeck mit dem deskriptiven Titel «Kairos» bestätigt eindrucksvoll eine Kritik in der gestrigen Rede von Angela Merkel zum Tag der Deutschen Einheit, in der sich die Bundeskanzlerin dagegen verwahrt hat, Lebenserfahrungen in der DDR als Ballast zu bezeichnen. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR erzählt die in Ostdeutschland sozialisierte Schriftstellerin von der Liebe eines ungleichen Paares, die in ihrer Intensität an die Worte von Heinrich Heine erinnert: «Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei».

Genau das passiert den beiden Protagonisten dieses Romans, der 53jährige Schriftsteller Hans und die 19jährige Katharina verlieben sich in einem Linienbus auf den ersten Blick unsterblich ineinander, ihr Kairos also, jener in der griechischen Mythologie für eine schicksalhafte Entscheidung als günstig geltende Augenblick! Leitmotivisch häufig wiederkehrend begehen sie diesen entscheidenden Moment ihres Lebens wie einen persönlichen Feiertag, indem sie an die Bushaltestelle zurückkehren und das damalige Geschehen wie bei einer Prozession wiederholen. Der nachfolgende Liebestaumel entwickelt sich mit der Zeit allerdings zur Amour fou, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Ort des Geschehens ist Ost-Berlin, wo Hans in den achtziger Jahren neben seiner Schriftstellerei als «fester Freier» beim Rundfunk arbeitet und Katharina nach dem Abitur eine Lehre als Setzerin im Staatsverlag absolviert. Hans ist zwar verheiratet, mit seiner Frau hat er sich aber dahingehend arrangiert, dem jeweils anderen seine Freiheiten zu lassen. Im Bett findet zwischen ihnen seit zehn Jahren nichts mehr statt, aber eine Trennung wollen sie beide nicht. Hans und Katharina hingegen verbindet neben rauschhaftem Sex ihr kulturelles Interesse, sie leben in einer privilegierten Boheme, interessieren sich für Kunst, lieben gutes Essen in den angesagten Restaurants Ost-Berlins.

Ineinander verschachtelt werden hier, autobiografisch grundiert, die Probleme der beiden Protagonisten und die Geschichte der untergehenden DDR erzählt. In Hans ist der überzeugte Sozialist verkörpert, der als junger Nazi-Sympatisant bewusst in die DDR gegangen ist. Auch nach der Wende noch ist der charakterlich eher widersprüchliche Literat von der prinzipiellen Überlegenheit dieses staatlichen Systems überzeugt. Katharina ist fasziniert vom Intellekt ihres Geliebten, sie hängt an seinen Lippen, wenn er zu politischen oder kulturellen Themen mit ihr spricht oder ihr aus Büchern vorliest, er beflügelt regelrecht ihr Interesse an der Kunst und beeinflusst damit ihre Berufswahl. In ihrer Beziehung ist er dominant, lebt sogar sado-masochistische Gelüste an ihr aus, bis sie ihm einen einmaligen Fehltritt mit einem jungen Kollegen beichtet. Hans zerbricht daran, für ihn stürzt eine Welt zusammen, er glaubte an die einmalige, ewige Liebe zwischen ihnen. Schließlich begibt er sich sogar in psychiatrische Behandlung, kann sich aber trotz allem nicht von ihr trennen. Jahrelang finden sie immer wieder zueinander, eine Zeit seelischer Quälerei für alle beide.

Als atmosphärisch dichte Milieustudie aus der Ostberliner Kulturszene ermöglicht «Kairos» einen tiefen Einblick in das untergegangene Staatsgebilde, dem heute noch so mancher nachtrauert. Im Prolog und Epilog enthüllt die Autorin klammerartig als Katharsis den verstörenden Charakter des intellektuellen Schriftstellers. Dieser mit vielen heute schon fast vergessenen Details aus der deutschen Vergangenheit aufwartende, beklemmende Roman ist dramaturgisch geschickt aufgebaut und sprachlich adäquat umgesetzt. Im Mittelteil stören einige Längen in der Liebesbeziehung mit ihrem ewigen Aufs und Abs, zudem auch mit häufigen szenischen Wiederholungen, ein wenig den ansonsten aber durchaus gegebenen Lesegenuss. «Kairos» ist als Wenderoman wie als Liebesdrama gleichermaßen überzeugend!

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
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Über Leben: Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch Über Leben: Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden von Dirk Steffens und Fritz Habekuß geht unter die Haut und man sieht die Welt danach mit anderen Augen an. Es zeigt uns, dass die Biodiversität Grundlage jedweden menschlichen Lebens ist und wie sehr sie heute schon gefährdet ist. Gelesen habe ich es während der ersten Welle der Coronazeit — in der Geborgenheit meines Gartens.

Und staunte, wie die Autoren in diesem Buch auf die Gefahr globaler Krisen hinweisen, die letztlich mit dem Eindringen der Menschen in gewachsene Ordnungen entstanden sind. Wie schnell bewährte Ordnungen durch Invasoren aus dem Gleichgewicht geraten können. Die Pandemie, die nach Fertigstellung des Buches auftrat, schien wie eine Folge der verlorenen Biodiversität.

Das Buch ist in acht Kapiteln aufgebaut, im ersten geht es um die Liebe zur Natur. Wir werden als die Nachfahren der Nomaden beschrieben, die wir sind: Wer sich besser auf die Natur verstand, hatte bessere Überlebenschancen. Dabei geht es nicht nur um eine scharfe Beobachtungsgabe, sondern auch um Gefühle. Der Untertitel des Kapitels lautet „Wahre Liebe“. „Gefühle sind zwar real, aber sie sind nicht objektivierbar. Disqualifizieren sie sich deshalb für eine Diskussion?“

Im nächsten Kapitel wird die Expansion, der Wunsch nach mehr und noch mehr beschrieben: „I take what’s mine, then take some more.“ Sagt ein Rapper als Leitmotiv. War das Schaffen von Besitz bei den ersten Nomaden noch sinnvoll zum Überleben, gilt es jetzt den Verstand dagegen zu setzen, wenn „wir Dinge (kaufen), die wir nicht brauchen, um damit Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“

Das dritte Kapitel heißt einfach „Zusammen sind wir stark“ und wir erkennen die Bedeutung der Biodiversität, deren Entstehung im vierten Kapitel „Anthropozän“ minutiös beschrieben wird: Wir Menschen sind, wenn wir der Entstehung der Welt bis heute in vierundzwanzig Stunden ordnen, erst um 23:59:57 Uhr dazugekommen und haben seitdem der Erde unseren Stempel aufgedrückt. Unsere Spuren sind bis auf den tiefsten Meeresgrund zu sehen, viele Arten sind schon durch uns ausgestorben. Als Einleitung ein Satz von Charles Darwin: „Alles was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand.“ Auch dieses Kapitel ist mit vielen Beispielen versehen, die das globale Geschehen beschreiben.

Im fünften Kapitel „Ein Fluss klagt an“ werden die schädlichen Eingriffe von der Quelle bis zur Mündung des Mississippi aufgezählt. Der Untertitel lautet: Wie es wäre, wenn nicht nur Menschen Rechte hätten. Neben all den Untaten, die dem Fluss (Begradigungen und 40 000 Deiche!) zugemutet werden, und damit den Menschen, die an seinen Ufern leben, wird der Gedanke entwickelt, der Natur Rechte zuzusprechen. „In letzter Zeit haben Richterinnen und Richter mehr für den Umweltschutz getan als Regierungen.“ In diesem Kapitel eingebettet sind Grafiken, die erst das beschriebene Elend quantifizieren, dann aber auch aufzeigen, wie „Der Weg in eine grüne Gesellschaft“ aussehen könnte.

Mit gefielen am besten die Zitate, manche Jahrhunderte alt, die zeigen, dass der Übergang des Gemeindebesitzes (Allmende) in Privateigentum der Beginn der Fehlentwicklungen war. (Siehe auch die Rezension von der Hauptstadtgärtner!) Das Kapitel schließt: „Und wenn Aktiengesellschaften Rechte haben können, gibt es keinen Grund, sie dem Mississippi zu verweigern.“

Im sechsten Kapitel Selbstlose Vampire —Der Kapitalismus im Zeitalter der Ökologie geht es um die Anzeichen, dass der Kapitalismus mehr und mehr gezwungen ist, die Natur zu schützen. Das Paradigma, dass Wirtschaft wachsen muss, wird hinterfragt. Unter dem Zwischentitel Fuck capitalism! machen wir einen Ausflug nach China, wo die Regierung schon vor Jahren einen Plan aufgestellt hat, Treibhausgasemissionen ab 2030 zu verringern, und ihn wahrscheinlich vorfristig erreicht. Nach kurzer Debatte über den Vergleich der Systeme, wird diese aber damit abgeschlossen, dass sich auch Zentralkomitees irren können. In diesem Kapitel geht den beiden Naturliebhabern das Herz durch, Politik ist nicht ihr Ding. Wer kann schon sagen, „Die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der Frauen sind Beispiele dafür, wie lange für selbstverständlich gehaltene Hierarchien überwunden werden können.“ Allenfalls gilt das für die Sklaverei in Europa und Amerika, aber: wo, bitte, ist das Patriarchat überwunden? Aber warum nicht auch einmal mit den Autoren träumen, dass der Chef von BlackRock und Greta Thunberg „aus völlig unterschiedlichen Motiven auf dasselbe Ziel zusteuern?“

Im siebten Kapitel Kollaps oder Revolte werden historische Beispiele für gesellschaftliche Fortschritte durchleuchtet: Abschaffung der Sklaverei, Wasser- und Abwassersysteme oder vor etwa 20 Jahren das Bannen des Rauchens. Welche Schritte braucht es für den Prozess und wer spielt dabei welche Rolle? Das achte Kapitel ist dann zu Beginn der Coronakrise geschrieben und ermuntert zu Maßnahmen gegen die Ökokrise, die Jede/r von uns schaffen kann.

In meinen Rezensionen gebe ich gerne Empfehlungen, wer dieses Buch lesen sollte. Aufgrund der Fülle der Beispiele eigentlich Jeder, der verstehen will, in welchem Zustand sich unser Planet befindet. Wenn Politiker das nicht schaffen, dann kann man den Naturwissenschaftlern das nicht vorwerfen. Mein Schlusssatz steht schon im Buch: „Wir haben kein Weltuntergangbuch geschrieben. Denn wenn es um die Erde geht, ist Optimismus Pflicht, allein schon wegen fehlender Alternativen.“

Leseprobe


Genre: Sachbuch, Umwelt
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Schwitters

Kurt Schwitters Ulrike DraesnerDer am 20. Juni 1887 geborene Kurt Schwitters zählt zu den prägenden deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. In Deutschland nahezu vergessen, gilt er heute vor allem in Großbritannien, wo er auf der Flucht vor den Nazis seine letzten Lebensjahre verbrachte, als anerkannter Collagist und Installationskünstler. In einem biographischen Roman schildert Autorin Ulrike Draesner feinsinnig und unterhaltsam Schwitters Jahre als Migrant im Exil. Weiterlesen


Genre: Biographien, Romane
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Wittgenstein zum Basteln

Wittgenstein zum Basteln

Wittgenstein zum Basteln. „Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen.“ Wittgensteins Welt von Hanno Depner ist tatsächlich ein Bausatz, der das Verständnis des Hauptwerkes von Ludwig Wittgenstein, den „Tractatus logico-philosophicus“, leichter verständlich machen soll. Also Philosophie in 3D sozusagen: Wovon man nicht sprechen kann, das kann man eventuell erbasteln. Die Fliege wird’s einem danken.

Wittgenstein zum Basteln

Ein Gedankengebäude aus Karton, das mit Händen greifbar wird. Es reicht ein paar Stunden Nachdenk- und Bastelzeit und fertig ist ein Turm aus Wittgensteins Gedanken. Auch in den einführenden Gedanken des Autors und Bastelanleiters Depner wird die Philosophie Wittgensteins so unterhaltsam erklärt, dass man (fast) schon von einem Vergnügen sprechen könnte. Es reicht ein Pappkleber und ein wenig Geduld, denn die Pappteile im Anhang des Buches sind alle perforiert und so leicht herauszulösen. Denn wie sagte schon Ludwig selbst: „Wenn wir über den Ort sprechen, wo das Denken stattfindet, haben wir ein Recht zu sagen, dass dieser Ort das Papier ist“. In diesem Fall halt der Pappkarton. Die „Verhexung unseres Verstandes durch die Sprache“ kann vielleicht durch die Erbauung dieses Wittgenstein-Turmes endlich aufgelöst werden.

Ein Turm aus Gedanken

Wittgenstein stammte aus einer reichen Großindustriellenfamilie in Wien. Seine Eltern waren beide Katholiken und hatten insgesamt acht Kinder. Drei von fünf Brüdern Wittgensteins wählten den Freitod, der Pianist Paul, der im Ersten Weltkrieg verwundet worden war, bekommt von Maurice Ravel ein Klavierstück „für die linke Hand“ zugeeignet. Genauso aufregend wie seine Philosophie war aber auch das Leben Ludwig Wittgensteins, der stets unter Keuschheit litt. Im Ersten Weltkriege meldete er sich als Freiwilliger: „Vielleicht bringt die Nähe des Todes das Licht des Lebens. Möge Gott mich erleuchten.“ Später verschenkte er sein ganzes Vermögen an seine Geschwister und arbeitete als einfacher Grundschullehrer, dann wieder an der renommierten Cambridge University. Das vorliegende Bastelbuch ist nach den 7 Hauptsätzen des „Tractatus logico-philosophicus“ aufgebaut. Der erste Satz lautet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mal sehen, ob der Turm stehen bleibt. Der letzte Satz lautet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Oder basteln. „Wittgensteins Welt – selbst hergestellt. Der »Tractatus« als Turm zum Basteln und Begreifen.
Mit Anleitung und Bausatz.“ – ein unvergessliches Vergnügen.

Hanno Depner
Wittgensteins Welt – selbst hergestellt
Der »Tractatus« als Turm zum Basteln und Begreifen
Mit Anleitung und Bausatz
Hardcover, Pappband, 82 Seiten, 21,0 x 27,0 cm
mit ca. 17 Seiten Bastelbögen
ISBN: 978-3-328-60075-6
2019, Penguin Verlag

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Genre: Basteln, Philosophie
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Trotz alledem

Trotz alledem von Hannes Wader

Liedermacher Hannes Wader beginnt seine umfangreiche Lebensgeschichte mit einer charmanten Flunkerei: Er schreibe nicht gern! Wer das wirklich glaubt, kennt Wader schlecht. Denn tatsächlich verdichtet der Meister seit mehr als einem halben Jahrhundert sein Leben und seine Erfahrungen in Songtexten, die Generationen berühren. Und anhand eben dieser Liedtexte bannt Wader sein ungewöhnliches Leben auf 591 mitreißende Seiten. Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Memoiren
Illustrated by Penguin