Der Vogel, der spazieren ging

Leichtfüßig mit Tiefsinn

In seinem satirischen Roman «Der Vogel, der spazieren ging» erzählt Martin Kluger mit viel Witz eine jüdische Familiengeschichte, deren überbordende Lebensfülle von einer verborgener Tragik überschattet ist, welche aber nur sehr vage angedeutet wird. Man merkt dem Plot an, dass sein Verfasser auch Erfahrungen als Drehbuchautor hat, viele Szenen sind geradezu filmreif. Wobei hier der kriminalistischen Elemente wegen eher an den ‹Film noir› zu denken ist, vor allem aber ist sehr viel schwarzer Humor im Spiel. Beim Humor jedoch scheiden sich ja bekanntlich die Geister, denn wenn man die Anspielungen oder falschen Fährten, die in diesem Schelmen-Roman immerzu gelegt werden, nicht als solche erkennt und einordnen kann, dann kann man sich natürlich auch nicht darüber amüsieren!

Der Ich-Erzähler Samuel Leiser lebt als einer von neunundzwanzig Übersetzern der Kriminalromane seines Vaters in Paris. Yehuda Leiser, der als Jude dem Naziterror entkommen konnte und mit seinem dreijährigen Sohn nach Amerika ausgewandert ist, schreibt unter dem Pseudonym Jonathan Still eine äußerst erfolgreiche Krimireihe. Sam, der die Bücher des Vaters ins Deutsche übersetzt, hat eine Tochter mit der bekannten Filmregisseurin Letitia aus Montevideo, die sich von ihm aber getrennt hat und jetzt mit einem glamourösen Filmstar zusammenlebt. Die zwölfjährige Ashley verlässt ihr englisches Internat und zieht zu Sam nach Paris. Damit beginnt für ihn ein turbulentes Leben mit dem frühreifen Mädchen gerade in dem Moment, als er sich frisch in seine Spanisch-Lehrerin verliebt hat.

So beginnt ein im Jahre 1972 angesiedelter, zuweilen fast slapstickartig turbulenter Plot, in dessen Verlauf nicht nur die pubertäre Tochter, sondern auch die aus aller Welt anreisende Familie voller skurriler Typen das Leben von Samuel völlig durcheinander wirbelt. Höhepunkt ist Ashleys Geburtstag, zu dem sich alle in seiner Wohnung versammeln. Mit erkennbarer Wonne lässt der Autor seine liebevoll beschriebenen Figuren, die in ganz unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen, aufeinander prallen. Als da wären: Tochter, Geliebte, Samuels Ex, deren Neuer, der dominante Vater, der mafiöse Onkel samt Bodyguards, eine ungemein erfolgreiche Bestseller-Autorin trivialer Kitschromane. In diesem Trubel geht für Sam so ziemlich alles schief, Ashley nervt mit Fragen nach ihren jüdischen Wurzeln, seine längst überfällige Übersetzung bleibt unerledigt liegen, mit der Liebsten gibt es erste Probleme, die Geburtstagsfeier für die Tochter endet im Fiasko.

Bereichernd sind die Einblicke in jüdisches Leben, und amüsant sind vor allem die vielen Beispiele für jüdischen Humor. Das dominante stilistische Merkmal dieses Romans aber liegt in der Fülle von intertextuellen und philosophischen Querverweisen, die einiges an Belesenheit voraussetzt, will man all die Anspielungen verstehen. Zudem gibt es interessante Einblicke in das Zusammenwirken von Autor, Übersetzer und Verleger, es wird aber auch über stilistische Finessen und Tricks beim Schreiben erzählt. Die Pachtwork-Familie des Romans spricht verschiedene Sprachen wild durcheinander, was durch viele, oft längere englische, spanische und französische Einschübe betont wird, die unübersetzt den Lesefluss allerdings ziemlich stören. Wer außer dem Autor ist denn schon firm in allen drei Fremdsprachen? Sehr erfreulich hingegen sind seine vielen kreativen Satzgebilde, so wenn eine WG-Küche erwähnt wird, «deren Zustand zu beschreiben ein völlig neues Vokabular erfordern würde». Oder wenn sein Protagonist zu erkennen glaubt, die Wirkung der erzwungenen Gemeinschaft in einem Internat würde «eine steppenwolfartige Solidarisierung des Zöglings mit sich selbst [zu] fördern». Ähnlich burschikos formuliert auch Felicitas Hoppe, die genau deshalb ihre Fangemeinde hat mit einer dem Spaß zugeneigten Leserschaft, den Rezensenten eingeschlossen! Wer also leichtfüßig Erzähltes mit reichlich Tiefsinn sucht, der ist auch hier genau richtig!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Karte und Gebiet

Mit ministerieller Leseempfehlung

Auch in seinem 2010 mit dem Prix Goncourt prämierten Roman «Karte und Gebiet» greift Michel Houellebecq auf für ihn typische Motive zurück, er kritisiert den wuchernden Kapitalismus ebenso wie die bindungsarme, selbstverliebte Konsum-Gesellschaft zu Beginn des 21ten Jahrhunderts. Deren Dekadenz wird hier aber etwas weniger bissig angeprangert, der Ton des Enfant Terrible der französischen Literatur ist milder geworden. Nach wie vor jedoch spaltet er das Feuilleton in zwei Lager, was auch bei diesem Roman deutlich wird. Einer der Protagonisten ist nämlich ein gewisser Michel Houellebecq, der natürlich auch im Roman ein umstrittener Schriftsteller ist. In dieser Figur nimmt er sich als auktorialer Erzähler ironisch selbst aufs Korn, ein kreativ erdachter narrativer Coup mit einer wahrlich nicht alltäglichen Wirkung auf den verblüfften Leser.

«Die Welt ist meiner überdrüssig, und ich bin es ihr gleichermaßen» lautet ein vorangestelltes Zitat von Karl, dem Herzog von Orleans. Ein solcher Überdruss kennzeichnet auch Jed Martin, Sohn eines erfolgreichen Architekten, dessen Frau sich das Leben nahm. Als Halbwaise im Internat erzogen, hat der eigenbrötlerische 25Jährige nach dem Kunst-Studium erste Erfolge als Fotograf. Er stellt seine am Computer künstlerisch nachbearbeiteten Fotografien von Michelin Straßenkarten den entsprechenden Satellitenbildern gegenüber. Mit dem überraschenden Ergebnis: «Die Karte ist interessanter als das Gebiet». Später wendet er sich der Malerei zu und findet schließlich auch einen Galeristen für seinen Bilder-Zyklus «Serie einfacher Berufe». Bei den Vorbereitungen für seine erste Ausstellung hat Jed die Idee, Michel Houellebecq für das Vorwort zum Katalog zu gewinnen. Und tatsächlich gelingt es ihm, den berühmten Schriftsteller zu überzeugen. Jed verspricht ihm, neben dem Honorar von zehntausend Euro ein Portrait von ihm zu malen und es ihm dann nach der Vernissage zu schenken. Prompt wird Jed zum gefeierten Star der französischen Malerei, er erzielt Höchstpreise, alle Bilder werden verkauft, schlagartig ist er ein reicher Mann – und hört endgültig auf mit dem Malen.

Während in dem dreiteiligen Roman, auch durch diverse Rückblenden, zunächst die Geschichte von Jed Martin erzählt wird, ist der dritte Teil ganz dem Schriftsteller Michel Houellebecq gewidmet, der Opfer eines bestialischen Mordes wird. In zwei Handlungssträngen wird so ein durchaus spannender Krimi mit dem Künstler-Roman verknüpft. Im Jahre 2035 erleben wir Jed dann am Ende als 60jährigen in seinem festungsartig abgesicherten, riesigen Landsitz. Dort hat er sich filmisch zunächst der lebenden Vegetation gewidmet, die er mit extremem Zeitraffer in kurze Sequenzen verdichtet. Später beschäftigt er sich künstlerisch mit dem allmählichen Zerfall von Gegenständen, die er auf gleiche Weise erfasst und dann mit den Pflanzenvideos zusammenmischt. «Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon» lautet sein resignatives Motto.

Seine zwei sozial verkümmerten Protagonisten schildert Houellebecq als harmlose Egozentriker. Mit einer Fülle von Motiven und durch allerlei zeitkritische Reflexionen angereichert, beschreibt er nüchtern und beiläufig so unterschiedliche Gegenstände wie den von der Geldschwemme befeuerten Kunstmarkt, die Technik von professionellen Fotoapparaten oder die Tücken einer akustisch virilen Heizung. Er beschäftigt sich aber auch mit Hunden, Insektensammlern, Silikonbrüsten, dem Schweizer Sterbetourismus und anderem mehr. Sprachlich souverän und anspielungsreich vereint der Autor diese disparaten Motive in einem wagemutig konstruierten Plot, stellt die Persiflage auf seine Person neben den Horror-Thriller, fügt Beziehungs-Geschichten und Vater-Sohn-Probleme ein. Am Ende ist Frankreich dann zum reinen Tourismusland geworden, eine postkapitalistische Dystopie. Genau deshalb hat Wirtschafts-Minister Montebourg diesen Roman zum Lesen empfohlen, – dem schließe ich mich rein literarisch gerne an!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Offene See

Der englische Lyriker Benjamin Myers (*1976) legt mit „Offene See“ erstmals einen sprachgewaltigen Roman vor – angesiedelt in den 40er Jahren im ländlichen, kriegsversehrten England.

Der sechzehnjährige Robert lebt in einem verarmten Dorf im Norden Englands kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Da das Dorf vom Kohleabbau abhängig ist, soll Robert nach der Schule im Kohlebergwerk seinen Lebensunterhalt verdienen.

Robert aber ist ein wahres Naturkind. Nichts liebt er mehr, als nach der Schule allein durch Wiesen und Felder zu stromern. Die Enge des Schachts unter Tage, die staubige Luft, das künstliche Licht: All das graut ihn so sehr, dass er in seinem jugendlichen Abenteuertrieb beschließt, loszuziehen und die Welt zu sehen.

Das Leben wartete da draußen, bereit, gierig getrunken zu werden.

Mit dem Allernotwendigsten ausgerüstet, begibt er sich auf Wanderschaft und lässt die gewohnte Umgebung hinter sich – streift durch fremde Wälder, Moore und Haine. Die Freiheit, die sich ihm offenbart, ist überwältigend.

Die Neuheit des Unbekannten war berauschend. Hier klang sogar alles anders, die leere Weite der Moore ein flüsternder Ort, frei von dem Dröhnen und Rattern des Bergarbeiterlebens.

 Je weiter ich mich von allem entfernte, was ich je gekannt hatte, desto leichter fühlte ich mich.

 Und doch lastet sein kommendes Schicksal wie ein schwarzer Fleck auf seiner Seele, denn er weiß, dass er seiner Vergangenheit nicht entfliehen kann.

 Es war ein Akt der Befreiung und Rebellion, doch die Fesseln des alten Lebens waren noch immer so festgezurrt, dass ich mich fragte, ob die Wanderung lediglich eine kurze Galgenfrist war.

 Sein Weg führt ihn bis an die Ostküste Englands, wo er in einem verwilderten Cottage dem Freigeist Dulcie Piper begegnet, einer älteren Frau, die bereits in der Welt herumgereist ist und ein anderes Weltbild und andere Werte vertritt, als Robert sie von Kindheit an eingetrichtert wurden. Dulcie ist Hobbyimkerin, liebt die Poesie und alles Künstlerische, raucht Zigarre und leugnet Gott. Sie ist weder verheiratet noch hat sie sonst irgendwas gemein mit den Frauen aus Roberts Dorf. Selbst zu den ihm verhassten Deutschen hat sie eine klare Meinung, die Roberts Ansichten widerspricht:

Krieg ist Krieg: Er wird von wenigen angezettelt und von vielen geführt, und am Ende verlieren alle. […] Hör auf, die Deutschen zu hassen; die meisten sind genau wie du und ich.

Was beide Nationen trennt, seien andere Sitten, und natürlich das Meer. Aber auch das war nicht immer dort. Demnach sei früher einmal „England Deutschland gewesen und umgekehrt.“

Dulcie eröffnet Robert eine ihm gänzlich unbekannte Welt. In dieser Welt steht nicht an vorderster Stelle, den Erwartungen anderer gerecht zu werden oder seine Arbeit tüchtig zu verrichten, sondern die ungestörte Entfaltung seiner Persönlichkeit und das Zulassen von Träumen. Die geistige Entwicklung unseres Protagonisten ist enorm. Am Ende des Romans wird aus einem Dorfjungen mit beschränktem Horizont aus dem staubigen Kohlerevier ein einflussreicher Mann, der seine Träume lebt.

Doch auch Dulcie, die wie eine weise Mentorin Einfluss auf Roberts Leben ausübt, ist nicht so unbeschwert, wie sie vorgibt zu sein. Als Robert ihre überwucherte Hecke stutzen möchte, um ihr den Blick auf die offene See frei zu machen, lehnt sie vehement ab. Auch als Robert ein altes an sie persönlich adressiertes Manuskript findet, reagiert Dulcie ungewohnt mürrisch. Was ist in ihrer Vergangenheit geschehen? Robert kommt Dulcies Geheimnis immer näher, bis auch sie sich gezwungen sieht, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Nicht nur Robert ist es, der in diesem Sommer 1946 über sich hinauswächst, auch Dulcie kann dank Robert endlich ein düsteres Kapitel ihres Lebens zuschlagen und positiv der Zukunft entgegenblicken.

„Offene See“ ist hohe Literatur, die man heutzutage nicht mehr allzu oft zu lesen bekommt. Myers hat seinen Lesern eine poetische Geschichte vorgelegt, die dazu anregt, sich auf heilsame Weise mit seinem eigenen Leben auseinandersetzen.

Der wortgewandte Autor gebraucht eine sehr metaphorische, ästhetische Sprache und schreibt mit viel Liebe fürs Detail. So erwähnt er mitunter jedes summende Insekt, das in der Luft umherschwirrt, jeden Käfer, der durchs Gehölz kriecht, und jedes Kraut, das am Wegesrand wächst. Statt die Handlung ereignisreich aufzuladen, haucht er kleinsten Momenten mit ungeheurer Präzision Leben ein, wie etwa der Ekstase des Sich-Verlierens in den Urgewalten der Natur oder Momenten der Freiheit, in denen man realisiert, dass einem die Welt zu Füßen liegt und überall Tore offen stehen, durch die man bloß hindurch gehen muss. Wie mit dem Blick aufs Meer, bei dem sich Robert fühlt, als könnte er irgendwer sein, irgendwo hin gehen und irgendwas machen. Bei jeder besonders elegant gewählten Formulierung musste ich innehalten, den Satz erneut lesen und ihn mir genussvoll auf der Zunge zergehen lassen, so meisterlich weiß Myers mit Sprache umzugehen. Wie es sich für einen Lyriker gehört, begegnet man stilistischen Mitteln an jeder Ecke, aber nie so häufig, dass man ihrer überdrüssig wird: Metaphern in Hülle und Fülle, Vergleiche, Symbole, Allegorien, Personifizierungen, z. B., wenn es um den Krieg geht:

 In diesen Gesprächen mit Fremden wurde der Krieg kaum erwähnt; diese Bestie blieb begraben. Sie war noch zu frisch, um exhumiert zu werden.

Aber neben einer die Seele beglückenden Handlung gibt Myers zugleich einen traurigen Abriss der damaligen Zeit und bildet die erbärmlichen Lebensverhältnisse und das psychische Leid ab, das der Krieg verursacht hat. Zwar war Robert „nicht alt genug, um sich [im Krieg] zum Helden gemacht zu haben“, aber auch nicht „jung genug, den Wochenschaubildern entkommen zu sein“. Dennoch war er nicht unmittelbar vom Krieg betroffen, da er ihn gegenwärtig mit den „Augen der Jugend sieht“, worin [der Krieg] lediglich eine Abstraktion darstellt, „eine Erinnerung zweiten Grades, die bereits verblasst.“

Trotz der historisch aufgeladenen ernsten Thematik, die überall präsent ist, mangelt es der Geschichte nicht an Humor. In den lebhaften Dialogen zwischen Robert und Dulcie, die sich über mehrere Seiten erstrecken und sich häufig zu philosophischen Diskussionen ausweiten, die man interessiert verfolgte, gab es viel zu schmunzeln, wenn Roberts Naivität auf Dulcies Lebenserfahrung trifft.

Myers fängt in diesem äußerst vielschichtigen Roman allerlei Themen ein, das Leben in all seinen Facetten – Glück, Freiheit, Liebe, (Zukunfts-)Ängste, die Inspiration und Kraft einer Begegnung –, besticht dabei durch Identifikationsfiguren, die dem wahren Leben entsprungen zu sein scheinen, und einer zwischen bittersüßen Melancholie und ansteckender Lebensfreude springenden Stimmung.

„Offene See“ ist eine Lobeshymne auf die Freiheit, die Selbstverwirklichung und auf ein Leben im Einklang mit der Natur. Sie fordert jeden einzelnen dazu auf, seinen Horizont zu erweitern und das Unmögliche zu träumen. Dieses Buch ist eine Quelle, aus der man nachhaltig Zuversicht, Lebensmut und Hoffnung schöpft, und die einen auch von düsteren Gedanken befreien vermag.

An dieser Stelle sollte das Übersetzerduo Ulrike Wasel und Klaus Timmermann nicht unerwähnt bleiben, das diese Erzählung exzellent ins Deutsche übertragen hat. Denn die Kunst der Übersetzung ist noch einmal eine Schwierigkeit für sich, die den beiden hervorragend gelungen ist!

Mein Video-Buchblog:

https://www.youtube.com/channel/UC4HroFmpRpH7t2BiZA-X68wC4HroFmpRpH7t2BiZA-X68w

 


Genre: Roman
Illustrated by DuMont

Ikigai – japanische Lebenskunst

Ikigai. Der Hirnforscher Ken Mogi gibt in vorliegender Publikation nicht nur Einblicke in die japanische Lebenskultur, sondern zeigt auch, dass das japanische Ikigai der Schlüssel für ein langes, gesundes und erfülltes Leben ist. Ikigai bedeutet „das, wofür es sich zu leben lohnt“. Der 92-jährige Jiro Ono, der älteste mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete Koch etwa, hat sein Ikigai gefunden. Aber man muss dafür nicht so alt werden.

Des Ikigais fünf Säulen

Auch die Obstbauern von Sembikiya oder der Keramiker Sokichi Nagae sind Beispiele, die Ken Mogi anführt, um zu zeigen, dass man zufriedener lebt, wenn man sein „ikigai“ gefunden hat. Denn damit man Sinn und Freude im Leben wiederfindet, reicht es schon, die fünf Säulen des ikigai zu beherzigen: 1. Klein anfangen, 2. Loslassen lernen, 3. Harmonie und Nachhaltigkeit leben, 4. Die Freude an kleinen Dingen entdecken,
5. Im Hier und Jetzt sein. Der japanische Neurowissenschaftler Ken Mogi erklärt anhand obiger und anderer inspirierender Lebensgeschichten und fundiert durch wissenscha liche Erkenntnisse in vorliegendem Buch die japanische Philosophie, die hilft, Erfüllung, Zufriedenheit und Achtsamkeit im Leben zu finden.

Praktikables Ikigai

Als eines seiner Beispiel führt Ken Mogi Jiro Ono an, der in dem Film „Jiro und das beste Sushi der Welt“ (Regie: David Gelb) porträtiert wird. Der 2010 erschienene Film ist bei Koch Media als BluRay und DVD erschienen und zeigt die kleine Sushi-Bar in einer U-Bahn Station in Tokio mit nur zehn Sitzplätzen, die Jiro sein ikigai finden hat lassen. Sein Restaurant Sukiyabashi Jiro wurde 2009 mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet und gilt heute als das beste Sushi-Restaurant der Welt. Jiro Ono wird in Japan geradezu verehrt und sein Restaurant ist jetzt schon eine Legende. Sein Sohn Yoshikazu Ono, der bald in seine Fußstapfen treten wird, hat es nicht leicht, das Sukiyabashi Jiro zu übernehmen und erfolgreich weiterzuführen. Denn wer kann schon eine Legende übertreffen?

 

Ken Mogi
IKIGAI. Die japanische Lebenskunst
Übersetzung: Sofia Blind
176 Seiten, gebunden mit gestaltetem, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen
2018
ISBN 978-3-8321-9899-2
Dumont Buchverlag


Genre: Japan, Kochen, Lebenskunst, Philosophie
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Power

Allegorie auf das Verschwinden

In ihrem zweiten Roman mit dem irreführenden Titel «Power» thematisiert die Schriftstellerin Verena Güntner nichts, was irgendwie mit ‹Kraft› assoziiert werden könnte, sondern das Verschwinden und seine gesellschaftlichen Vorbedingungen. Der soeben erschienene Band ist für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert, wobei die Jury ihre Wahl folgendermaßen begründet: «In zarter und sicherer Sprache schichtet Verena Güntner Ebene auf Ebene, demontiert Geschlechter-Zuschreibungen, hält sich fern vom Klischee. Und zeigt, welchen Erzählsog die Suche nach einem verschwundenen Haustier entwickeln kann.»

Nach einem irritierenden, unverständlichen Prolog, der den Schluss des zweiteiligen Romans zumindest atmosphärisch vorwegnimmt, glaubt man sich anfangs in einer Pippi-Langstrumpf-artigen Geschichte. Deren nicht minder vorlaute, selbstbewusste, elfjährige Heldin hört auf den schönen Namen ‹Kerze› als Symbol des Lichts, welches sie ins Dunkle bringt. Weniger symbolisch trägt der verschwundene Hund ihrer Nachbarin, der alten Hitschke, den Namen ‹Power›, ein eher profaner Einfall seines Frauchens. Als die nämlich überraschend nach dem Namen des noch ungetauften Welpen gefragt wurde, fiel ihr Blick zufällig auf eine Kaffeemaschine, deren Einschalttaste so beschriftet war. Dieser inzwischen ebenfalls elfjährige Hund ist eines Tages verschwunden, und Kerze verspricht der untröstlichen Alten, ihn zu finden. Was folgt ist eine intensive Suchaktion des Mädchens im angrenzenden Wald, der sich, die großen Ferien haben gerade begonnen, nacheinander auch sämtliche Kinder des 200-Seelen-Dorfes anschließen. Was wie ein kindliches Abenteuerspiel beginnt, nimmt schon bald geradezu kafkaeske Züge an: Die Kinder kommen nicht mehr nach Hause, bleiben wochenlang im Wald, bewegen sich auf allen Vieren, beginnen zu bellen, ja sie basteln sich sogar einen Schwanz, den sie sich umbinden und mit dem sie wedeln, wie ein Hunderudel hausen sie zusammen in einem tiefen Bombentrichter im Wald. Die alte Hitschke kocht ihnen aus Dankbarkeit täglich ein Essen, das sie in aller Herrgottsfrühe heimlich am Waldrand abstellt. Kein Erwachsener darf sich ihnen nähern, sämtliche Rückhol-Aktionen ihrer genervten Eltern scheitern kläglich, die Kinder weichen ihnen geschickt aus und bleiben unauffindbar.

Um den eher banalen Kern dieser chronologisch erzählten Geschichte herum entwickelt sich in parallelen Handlungssträngen, durch Rückblenden angereichert, ein nachdenklich machendes Szenarium der Radikalisierung, als deren Ursache sich die erschreckende Kontaktarmut erweist. Das Leitmotiv des spurlosen Verschwindens wiederholt sich auch bei den Menschen, der Mann der alten Hitschke war eines Tages ebenso plötzlich nicht mehr da wie die Frau des Huberbauern von nebenan, beide Male ausgelöst durch ein geradezu abnormes Fehlen jedweder emotionaler Bindung, das sich in gleicher Weise dann auch auf den Sohn des Bauern erstreckt. Und auch die alte Frau verlässt klammheimlich für immer ihr Haus und das Dorf, dessen Bewohner «Hitschke-raus» skandieren und sie mit Wandschmierereien zunehmend terrorisieren, weil sie mit ihrem verschwundenen Hund letztendlich für das unerklärliche Verhalten der Kinder verantwortlich sei. Insoweit ist der Roman eine exemplarische Studie der grassierenden gesellschaftlichen Verrohung, hochaktuell also!

Sprachlich uninspiriert, zuweilen etwas holprig – wenn beispielsweise von «hektarlangen» Getreidefeldern die Rede ist – entwickelt Verena Güntner ihre verstörende Geschichte eines kindlich naiven Ausbruchs aus dem profanen Alltag als Allegorie auf das nur äußerlich wohlgeordnete soziale Gefüge einer eng benachbarten Dorfgemeinschaft. Die dabei entstehende Gruppendynamik ist psychologisch nachvollziehbar und anschaulich dargestellt, der Plot mündet allerdings, nachdem das Ganze völlig aus dem Ruder gelaufen ist, abrupt in ein leider allzu voraussehbares Ende, das dann doch wieder an Bullerbü erinnert.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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