Der grüne Heinrich

Ein kanonischer Roman

Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich» ist einer der berühmtesten Bildungsromane, das vierbändige Werk erschien in der ersten Fassung 1855/56 und war zunächst außerhalb der Schweiz so gut wie unbekannt. Er habe sich vorgenommen, so sein Autor, «einen kleinen traurigen Roman zu schreiben über den Abbruch einer jungen Künstlerlaufbahn». Gemeint war damit die eigene, denn seine Geschichte sei, wie der 23Jährige bekannte, nicht erfunden, es sei «sogar das Anekdotische darin so gut wie wahr». In Stil des damals aufgekommenen bürgerlichen Realismus schildert er die Kindheit seines Alter Ego Heinrich Lee bis hin zum gescheiterten Künstler. Kellers Begegnung mit Ludwig Feuerbach bildet das Schlüsselerlebnis seiner weltanschaulichen Umorientierung, und so ist dessen ‹Wende zur Diesseitigkeit› denn auch das zentrale Thema dieses Romans. Sein ‹Schicksalsbuch›, denn es hatte dem perfektionistischen Schriftsteller jahrzehntelang nicht genügt und ihn zu einer Neubearbeitung veranlasst, die erst 1879/80, fast fünfundzwanzig Jahre später, als zweite Fassung erschienen ist.

Nach dem frühen Tode des Mannes lebt eine sparsame Witwe mit ihrem Sohn Heinrich in einfachen Verhältnissen, jahrelang schneidert sie die Kleidung des Jungen aus der grünen Uniform des Vaters, was ihm prompt den Spitznamen «Der grüne Heinrich» einbringt. Durch eine Intrige von der Schule verwiesen und damit von höherer Bildung ausgeschlossen, schickt ihn seine Mutter zum Onkel aufs Land, damit er sich dort in Ruhe über seine Zukunft klar werde. Er verliebt sich in ein zartes Mädchen, lernt aber auch die sinnenfrohe junge Witwe Judith kennen und ist zwischen beiden hin und her gerissen. Schließlich kehrt er nach Zürich zurück, um Landschaftsmaler zu werden. Über verschiedene Stationen verfolgt er nun seine künstlerische Ausbildung, begegnet dabei Dilettanten und Könnern, absolviert schließlich auch seinen Militärdienst und nutzt die Zeit dort, seine Jugendgeschichte aufzuschreiben. Trotz materieller Nöte schickt ihn die Mutter anschließend auf die Kunstakademie nach München, wo er jedoch schon bald erkennen muss, dass es ihm an Talent mangelt. Als Bohemien vertrödelt er nun nutzlos seine Zeit, bis die Schulden erdrückend werden und er notgedrungen eine Arbeit annehmen muss. Nach sieben Jahren endlich entschließt er sich zur Heimkehr, findet auf der langen Wanderung erschöpft und ausgehungert freundliche Aufnahme im Schloss eines Grafen, womit sich auch sein Schicksal wendet und er unverhofft zu viel Geld kommt. Und auch hier vermag der bindungsunfähige Heinrich der schönen Adoptivtochter des Grafen seine Liebe nicht zu gestehen.

«Der grüne Heinrich» wird von seinem Antihelden chronologisch und einsträngig in Ich-Form erzählt, wobei viele Motive sich aus den Dialogen heraus entwickeln, immer wieder ergänzt um breit angelegte Überlegungen und tiefschürfende Grübeleien als Bewusstseinsstrom. Der Plot ist geradezu vorbildlich aufgebaut mit einer reichhaltigen Leitmotivik, zu der zum Beispiel auch der auf dem heimatlichen Gottesacker gefundene Totenschädel gehört, den Heinrich unbeirrt auf seinen Reisen mit sich herumschleppt. An die Vaterlosigkeit als Ursache all seiner Irrwege gemahnen leitmotivisch der selbstlose Onkel und der wohlwollende Schlossgraf als Vaterersatz. Das Motiv der Gottverlorenheit des Helden und die Negierung einer Vorbestimmung im Leben bilden Anlass für köstliche Dispute mit dem Kaplan, der überaus lebensfroh den sprachgewandten Gegenpart zum atheistischen Heinrich bildet.

Zu den Lesefrüchten dieses kanonischen Romans vom Scheitern in der Kunst und vom Verzicht in der Liebe gehören die vielen weltanschaulichen Reflexionen aus der damaligen Zeit, die hier authentisch vorgetragen werden. Ferner erfreut die vollmundige Sprache, die starke Bilder zu erzeugen vermag, außerdem überzeugt auch die durchweg stimmige Figurenzeichnung, bei der als Extreme eine tatkräftige Judith dem ewig zaudernden Grünen Heinrich gegenübersteht.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Farm der Tiere

Der Mensch ist ein Schwein

George Orwell ist durch seine 1945 veröffentlichte sozialkritische Fabel «Farm der Tiere» weltbekannt geworden, ihr folgte wenig später mit «1984» eine ebenso berühmte politische Dystopie. In scharfer Form attackiert der englische Autor in seiner märchenartigen Geschichte von der Machtübernahme der Tiere auf einer englischen Farm den sowjetischen Kommunismus, schon in seinem Buch «Mein Katalonien» über seine Kriegserlebnisse während des Spanischen Bürgerkriegs hatte er vehement gegen den Stalinismus angeschrieben. Nun war aber die UDSSR als Alliierter im Zweiten Weltkrieg quasi sakrosankt, jedwede Kritik unerwünscht, die Veröffentlichung dieser dezidiert sowjetfeindlichen Fabel erwies sich als recht schwierig. Was der überzeugte Sozialist Orwell zum Anlass nahm, in einem Nachwort ein leidenschaftliches Plädoyer für die Pressefreiheit zu halten und die Servilität seiner Landsleute dem verbündeten Russland gegenüber heftig anzuprangern.

Dieses Buch ist eine Parabel auf die Geschichte der Sowjetunion, die auch hier mit einer Revolution der Unterdrückten gegen die herrschende Klasse beginnt, auf dem Bauernhof der Fabel verkörpert durch den Menschen, der die Tiere brutal ausbeutet. Nach einem Traum von einer besseren Zukunft ruft der alte Eber als Primus inter Pares die Tiere der Farm zu einer nächtlichen Versammlung in die Scheune, er erzählt begeistert seinen Traum und fordert alle zur Revolution auf. Der Mensch sei die Wurzel ihres Übels, er müsse nur verjagt werden, dann könnten die Tiere die Farm übernehmen und in eigener Regie ausschließlich zum eigenen Nutzen betreiben, so seine Vision. Ihre Revolte ist erfolgreich, alle Menschen werden von der Farm verjagt. Charismatischer Nachfolger des verstorbenen alten Ebers wird nun Napoleon, er und seine Artgenossen erweisen sich als die schlauesten und übernehmen die Führung der tierischen Genossenschaft. Man legt Regeln für das künftige Zusammenleben fest, ein Denksystem, in dem alle gleiche Rechte und Pflichten haben, formuliert als «Animalismus» in sieben Geboten, die in Großbuchstaben an die Wand der Scheune gemalt werden. Trotz einiger herber Rückschläge gedeiht die «Farm der Tiere», allen geht es deutlich besser als unter den Menschen. Allmählich aber bröckelt der hehre Gleichheitsgrundsatz, Napoleon wird immer selbstherrlicher, die Schweine entwickeln sich zu einer neuen Oberschicht und bekommen ständig mehr Privilegien. Am Ende verbrüdern sie sich gar mit den Menschen, die sie eigentlich doch allesamt aus England fortjagen wollten. In einer feuchtfröhlichen ersten Zusammenkunft erklärt ihr menschlicher Nachbar den Schweinen: «Sie müssen sich mit unteren Tieren herumstreiten und wir mit den unteren Klassen», er löst damit bei allen schallendes Gelächter aus.

«Alle Tiere sind gleich, einige Tiere aber sind gleicher als andere» stand jetzt auf der Scheunenwand geschrieben, die sieben Gebote waren von dort verschwunden. In dieser allegorischen Darstellung des Bolschewismus stehen viele Figuren stellvertretend für Größen des Stalinismus, von Stalin selbst, den das Schwein Napoleon verkörpert, bis zu Lenin, Trotzki und Molotow. Es wimmelt nur so von politischen und soziologischen Anspielungen, ergänzt von einem hintersinnigen Symbolismus, ein reichhaltiges Feld also für Interpretationen aller Art. So ist der überraschende Angriff der Menschen auf die Farm eine Anspielung auf das Unternehmen Barbarossa, die Schlussszene weist auf die Teheran-Konferenz im Jahre 1943 hin.

George Orwell gelingt das Kunststück, seine entlarvende Gesellschaftskritik in einer lockeren, gar nicht märchenhaften Sprache sehr anschaulich zu erzählen, er versteckt seine brisante Thematik der menschlichen Korrumpierbarkeit geschickt in einer harmlos wirkenden, häufig sehr amüsanten Erzählweise. So wartet auf den Leser dieses weltberühmten Buches neben der wenig überraschenden Erkenntnis, der Mensch ist ein Schwein, auch einiges an Lesevergnügen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Kurzprosa
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Die Tournee

Jörg Fauser’s letzte Tournee

Fausers letzte Tournee: In „Tournee“ stecken eine ganze Menge den Autor prägende Geschehnisse und Impressionen und eine Menge Furor, mit dem der „Igelkopf im Ledermantel“ auch seine Kritiker begeisterte. So ähnlich steht es im Nachwort von Band 9 der Werkausgabe Jörg Fausers, die aus aktuellem Anlass derzeit bei Diogenes noch erweitert wird. „Ich bin Schriftsteller“, soll Fauser einmal gesagt haben, „ein Angehöriger einer Minorität, einer Randgruppe. Mir zunächst finde ich Schwindler, Gauner, Stromer, Wahnsinnige, Nutten, Weltverbesserer, Arbeitsscheue, Tippelbrüder etcetera. Man hört das nicht gern, aber da sind wir, da gehören wir hin…“. Weiterlesen


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Liebe als Therapie

Ehe mit Liebe als Therapie

Charlotte, Steve und die Psychotherapeutin Sandy treffen sich jede Woche zum selben Termin: der Eheberatung. Eigentlich sind die beiden schon getrennt und führen auch andere Beziehungen, aber scheiden wollen sie sich dennoch (noch) nicht lassen. Sandy widdert gerade darin eine Chance für die Ehe der beiden. Auch wenn sie nur bei 1:1000 steht.

Liebe ist die beste Therapie

In der Praxis von Sandy stehen immer vier Stühle. Einer für die Frau, einer für den Mann sowie einer für die Paartherapeutin mit unorthodoxen Methoden. Denn den vierten Stuhl hat sie reserviert, der bleibt leer, er steht für die Ehe, die die beiden aufgebaut haben. In den Gesprächen geht es natürlich auch immer wieder um die gemeinsamen Kinder und wer sie schlussendlich bekommt, sie dienen beiden Ehepartnern als Druckmittel gegenüber dem jeweils anderen. Aber da Steve für die Trennung verantwortlich ist, weil er Charlotte während der Ehe betrog, hat er argumentativ immer das Nachsehen, auch wenn er sich redlich bemüht, ein besserer Vater zu sein. Als Ehemann ist er ja gescheitert. Plötzlich will er die Kinder nämlich nicht mehr nur jedes zweite Wochenende sondern die ganze Zeit. „Eine Trennung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass man wieder zusammenkommt“, meint die Therapeutin. Aber hat sie überhaupt noch Hoffnung?

Chance 1:1000

In witzigen Dialogen wird eine Eheleben nacherzählt, das seine Höhen und Tiefen hatte und nun zu einer einfachen Beziehung wurde. Denn eine Beziehung ist es nach wie vor, das, was Charlotte und Steve verbindet. Auch wenn sie das nicht glauben wollen. Es gehe nicht um Rechte und es gehe nicht um Regeln, so Sandy, sondern darum, seine Gefühle zu zeigen und nicht zu verstecken. „Der Trick ist, das Muster zu erkennen“, sagt Sandy bei einer Einzelsitzung, denn auch das ist möglich und fördert den Erfolg der Paarsitzung. Die Alternative zu einer nicht funktionierenden Ehe ist eben nicht „Die große Liebe“, die bekommt man ohnehin nicht. Aber vielleicht sollte man einfach öfter mit seiner „Ehe“ reden. Sie sitzt ja ohnehin im Stuhl vis a vis.

Unterhaltsame Prosa in pointierte Dialoge gebettet. Ein Buch für alle Therapiefans und solche die es noch werden wollen.

John Jay Osborn
Liebe ist die beste Therapie
Aus dem Amerikanischen von Jenny Merling
2018, Hardcover, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-60922-6
€ (D) 18.99 / sFr 24.00* / € (A) 18.99
Diogenes Verlag


Genre: Dialog, Ehe, Liebe, Roman, Therapie
Illustrated by Diogenes Zürich

Vintage. Eine Reise zum Blues

vintage-9783257608120Der 25-jährige Thomas Dupré arbeitet in einem Gitarren-Shop in Paris als Aushilfe. Gitarren sind für ihn keine verstaubten, unantastbaren Reliquien, sondern „Waffen, an denen noch das Blut der Revolution klebt“, denn wie so viele seiner Altersgenossen, träumt auch Thomas davon ein Rockstar zu werden. Ein Vintage-Roman aus Frankreich? Da bekommt er eines Tages plötzlich das Angebot des Jahrhunderts: er soll für seinen Chef Alain de Chévigné eine Gitarre nach Inverness in Schottland liefern, denn der Käufer legt Wert auf Diskretion. Lord Charles Dexter Winsley – so sein voller Name – ist ein Gitarrensammler, der im mysteriösen Boleskine House nahe des Loch Ness, wo schon Aleister Crowley und Jimmy Page gewohnt haben sollen, mehrere Gitarren im Wert zwischen 300.000 und einer Million Dollar an den Wänden hängen hat, darunter etwa auch eine Les Paul Deluxe mit gebrochenem Hals zusammen mit einer Notiz „Für Charlie von Pete.“ Hervier macht damit eine zärtliche Verneigung vor Pete Townshend von The Who, der es bevorzugte, seinen Gitarren auf der Bühne den Hals zu brechen. „Man muss glauben, um zu sehen“, gibt Lord Winsley seinem neuen Schützling mit auf den Weg. Oder ist es etwa doch umgekehrt?

Vintage: „Sur la route de Memphis“

Der dritte Roman des französischen Schriftstellers aus Villeneuve-Saint-Georges hat alles was sich ein Leser wünschen kann. Er ist zugleich Roadmovie und Kriminalroman und so spritzig, frivol und elegant geschrieben, dass es eine wirkliche Freude macht, ihn von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchzulesen. Denn die Reise von Thomas Dupré führt von Schottland auch in den mystischen Süden der USA, dort wo der Blues einst geboren wurde und der eigentliche McGuffin der Story, die Gibson Moderne, einst hergestellt wurde. Denn Thomas muss für Lord Winsley Beweise für die Existenz dieser Gitarre finden, die ihm von einem Gitarrenbauer gestohlen wurde. Und von dieser Gibson Moderne soll es drei Stück gegeben haben, aber einzig ein Musiker aus der Nähe von Kalamazoo soll sie virtuos beherrscht und gespielt haben. Die Reise von Thomas Dupré ist auch eine Reise in den tiefen Süden der USA, die Sümpfe des Missisippi und in die Lebensbedingungen der Schwarzen in den Dreißiger Jahren, die in sog. Juke Joints ihrem einzigen Vergnügen nachgehen konnten: dem Blues.

Blues aus dem Bayou als Vintage

Virtuos geschrieben und voller Liebe zum Detail eröffnet Grégoire Hervier dem Leser die Welt des schwarzen Amerika mit Martin Luther King, den „Little Rock Nine“, James Meredith, der NAACP und dem legendären Robert Johnson, der damals, 1938, an der Kreuzung des Highway 61 und 49 seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Robert’s son Li Grand Zombi Robertson wird sogar exhumiert, aber die Details dazu sollte lieber jeder selbst nachlesen, denn die Geschichte ist haarsträubend witzig und voller Liebe zum Detail, ganz abgesehen von den erstaunlichen Sachkenntnissen, die Hervier über Gitarren im Allgemeinen und die Geschichte des Blues im Speziellen zu Protokoll gibt. Geschickt verknüpft Hervier Realität und Geschichte mit seiner Fiction, die so amüsant zu lesen ist, dass man auch sehr oft erleichtert auflachen kann, etwa über den White Trash Amerikas. Denn im 40. Todesjahr des King, darf natürlich auch der „King“ nicht fehlen, der in „Vintage“ eine Hommage in Form des Elvis-Imitators Bruce und seiner „The Bruce Pelvis Presley Band“ bekommt, als Thomas eine Spur in Memphis, Tennessee verfolgt. Einige Seitenhiebe auf das Pärchen Bruce und Shelby und deren europäische Geographiekenntnisse sowie die Lebensbedingungen des White Trash inklusive.

Die rasanteste Suche nach der Nadel im Heuhaufen – oder der Gitarre im Bayou – ist einer der wohl besten Rock`n´Roll Romane der Literaturgeschichte, voller Verve und dramatischer Schwingungen, ganz so wie die Gibson Moderne von Li Grand Zombi Robertson. Eine fulminante Hommage an einen Lebensstil.

Grégoire Hervier
Vintage
Roman
Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs
2017, Diogenes, 391 Seiten
ISBN: 978-3-257-07002-6

 

 


Genre: Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Humor und Satire, Kriminalromane, Roadtrip
Illustrated by Diogenes Zürich

The Drop – Bargeld

 

the-dropDennis Lehane schreibt gerne Krimis über schwarze Schafe, doch der Protagonist des vorliegenden Mafia-Thrillers, der Barkeeper Bob Saginowski, wirkt beinahe harmlos im Vergleich zu den anderen Personen, die dieses Buch bevölkern. „Seine“ Kneipe – da wo er arbeitet – ist eine „Drop“-Kneipe, das bedeutet, dass Mafiageld dort gesammelt und zwischengelagert wird, bis „jemand“ kommt und es abholt. Wer wäre so dumm und würde eine solche Kneipe überfallen? Der sichere Tod wartete auf ihn. Als Cousin Marv, Sully, Donnie, Paul, Stevie, Sean und Jimmy dort zusammensitzen, um auf das 10-jährige Verschwinden von Richie „Glory Days“ Whelan anzustoßen, geschieht jedoch genau das: zwei Maskierte holen sich die Tageslosung, aber nicht den „drop“. Zufall? Absicht? Oder Training Day?

Erfolg ohne Vergangenheit

Der schüchterne Bob kramt einen verletzten Pitbull aus einer Müllkippe vor dem Haus von Nadia und so entsteht auch eine Liebesgeschichte, die sich durch einen knallharten Mafiathriller zieht wie Marillenmarmelade durch eine Sachertorte: „Er spürte eine plötzliche Rückkehr dessen, was er empfunden hatte, als er den Hund aus der Mülltonne gezogen hatte – etwas, das er mit Nadia verschwunden geglaubt hatte. Verbundenheit.“ Dennis Lehane verbindet die Geschichte der beiden unterschiedlichen Charaktere auf eine geschickte Weise, denn stets steckt der Schlüssel zur Gegenwart in der Vergangenheit seiner Figuren. Und die ist oft sehr dunkel: „Ein erfolgreicher Mann konnte seine Vergangenheit verbergen, aber ein erfolgloser Mann verbrachte den Rest seines Lebens damit, nicht in seiner zu ersaufen.“

Katze im Hals

Die „Via Dolorosa“ des Anti-Helden Bob Saginowski zieht sich durch East Buckingham, ein Viertel Bostons, in dem sich früher ein Gefängnis befand, selbst die Straßen erinnerten noch daran: Pen’ Park, Justice Lane, Probation Avenue und die älteste Kneipe im Viertel namens „Zum Galgen“. Wer hier lebt, den kann auch der Polizist Evandro Manolo Torres, dem „eine Glocke im Herz regelmäßig die Stunde schlägt“ (Anspielung auf eine Roman Hemingways) nicht mehr erschrecken. Denn auch wenn Torres Saginowski immer dicht auf den Fersen ist, kommt er ihm doch nie nahe genug. Drastische Bilder wie „er blickte mich mit den stumpfen Augen eines Maulwurfs an“ oder „mein Hals fühlst sich an, wie wenn ne verdammte Katze reingefallen ist und jetzt versucht, sich mit den Krallen hochzuarbeiten“ wechseln sich ab mit brutalen Gewaltszenen oder Worten wie diesen, die die Freundin Evandros an ihn richtet: „Du siehst nur dne Teil von mir, der wie du aussieht. Was nicht mein bester Teil ist, Evandro.“

Bürger im Käfig

Wir befreien uns nicht aus unseren Käfigen“ sagt Bob an einer Stelle zu Nadia, weil er genau weiß, dass die Bewohner von East Buckingham zwar nicht in einem Gefängnis leben, das Gefängnis aber in sich tragen. „Eines morgens rollte man im Bett auf die andere Seite und sah eine völlig neue Welt.“, heißt es am Ende eines packenden Leseabenteuers, also genau das, was einem beim Lesen von Dennis Lehane auch passieren kann.

Dennis Lehane
The Drop – Bargeld
Diogenes, 2014, 224 Seiten
ISBN 978-3-257-60451-1
€ (D) 17.99 / sFr 23.00* / € (A) 17.99


Genre: Kriminalliteratur, Kriminalromane, Romane, Thriller
Illustrated by Diogenes Zürich

Die Rote

andersch-1Mumpitz und Humbug

Der zweite der vier Romane von Alfred Andersch, erstmals erschienen 1960, trägt seinen Titel «Die Rote» nach der Haarfarbe der Protagonistin, einer 31jährigen Frau auf der Flucht, auf der Suche nach sich selbst, nach innerer Freiheit. Eine wichtige Thematik des Existentialismus, die sich ähnlich auch in anderen Werken dieses ebenso streitbaren wie umstrittenen Autors der deutschen Nachkriegsära findet, literarisch realisiert mit Außenseitern der Gesellschaft als handelnden Figuren.

Da ihr Chef, mit dem sie jahrelang ein Verhältnis hatte, Franziska nicht heiraten wollte, hatte sie Herbert geheiratet, den Exportleiter der Firma. Bei einem gemeinsamen Geschäftstermin in Mailand eskaliert ein Streit der Beiden um die Besichtigung einer Kirche, bei dem Kunstfreak Herbert ihr schließlich die kleinen Freiheiten vorhält, die er ihr doch lasse. «Dass ich mit deinem Chef schlafe, wann immer er es wünscht, das nennst du meine kleinen Freiheiten», entgegnet sie empört, und als sie zudem erwähnt, dass Herbert sie möglicherweise kürzlich erst geschwängert habe, spricht er nur lapidar von einem «Betriebsunfall». Spontan steht sie auf und verlässt ihn, nimmt den nächsten Zug, egal wohin, nur weg! Die attraktive Frau landet ohne Gepäck und mit wenig Geld in Venedig und trifft dort auf verschiedene Männer. «Die Rothaarigen sollen ja schärfer sein als die anderen» heißt es im inneren Monolog eines ihrer machohaften Bewunderer. Aber damit hat sich’s auch schon, soviel vorweg, es geht mitnichten um Amouröses oder gar um Sex in dieser Erzählung, die temporeich einem wahrhaft absurden, vier Tage umfassenden Plot folgt, über den man sich nur wundern kann als Leser.

Zunächst begegnet Franziska Patrick, einem schwulen Iren mit eigener Yacht, der während des Krieges als Spion aufgeflogen ist und vom Gestapomann Kramer durch Folter zum Verrat an anderen Agenten gezwungen wurde. Er habe nun Kramer zufällig in Venedig wieder getroffen, wolle ihn töten und anschließend die Stadt mit seiner Yacht verlassen, er bietet ihr an, ihn zu begleiten. Die beiden Kontrahenten kennen sich und treffen sich sogar, und dabei gerät nun auch Franziska in Gefahr, denn der mafiöse Kramer fürchtet, sie könne ihn bei Interpol anzeigen. Ein zweiter Protagonist, dessen Geschichte im Wechsel mit der Franziskas erzählt wird, ist der ehemalige kommunistische Partisan Fabio, der politisch frustriert aus der KPI ausgetreten ist und nun als Geiger im Theatro La Fenice arbeitet, Franziska trifft ihn auf dem Campanile. Man begegnet ferner einem halsabschneiderischen Juwelier, – ein Jude natürlich -, bei dem die inzwischen finanziell abgebrannte Franziska notgedrungen ihren Brillantring weit unter Preis versetzt. Was dann überraschend – und völlig unlogisch – Kramer auf den Plan ruft, der den Juwelier unter Drohungen dazu bringt, ihr nachträglich einen angemessenen Preis zu zahlen.

Es geht immer weiter so in dieser Kriminal-Groteske, die von einem Klischee-Fettnäpfchen ins nächste stolpert und deren Ende so kitschig war, dass der Autor sich veranlasst gesehen hat, 1972 eine überarbeitete Neufassung herauszugeben, bei der das Ende offen bleibt. Dass oral im Bier zugeführtes Strychnin nicht zum Mord geeignet ist, da man es selbst in extremen Verdünnungen herausschmeckt, ist dem Autor entgangen, es gibt Hanebüchenes mehr. Sprachlich ist der Roman uninspiriert, völlig humorfrei zudem, stilistisch dominieren oft mitten im laufenden Text einsetzende innere Monologe, hier jeweils kursiv abgesetzt, ergänzt noch um in Kleinschrift gesetzte Traumsequenzen. Patrick und Fabio sind als potentielle Gegenspieler unglaubwürdig, und völlig deplaziert ist auch der Kampf zwischen Ratte und Katze, er hat nicht das Geringste mit der Handlung zu tun. «Grauenhaft und kitschig» lautete einst das Verdikt von Marcel Reich-Ranicki, «dass der Roman ‹ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur› sei, ist Mumpitz und Humbug». Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Der Dieb

nakamura-1 Nishimura ist ein erfahrener Taschendieb. Ein Maßanzug verleiht ihm Anonymität, elegant und unauffällig bewegt er sich durch Tokios Menschenmassen und stiehlt Fremden ihre Geldbörsen. Sein Gewerbe hat er zur Kunst erhoben, fließend und kaum merkbar sind seine Bewegungen. Der Diebstahl geschieht reibungslos und unbemerkt, manchmal so unbemerkt, dass nicht einmal er selbst sich an alle Diebstähle erinnern kann.

Dabei lässt er Prinzipien walten, er stiehlt nur von Menschen, die ihm reich und wohlhabend erscheinen. Geld an sich bedeutet ihm nichts, so wenig wie die Menschen, die er bestiehlt, beides ist für ihn nur eine weitere Unschärfe seines Lebens, in dem er keine Gegenwart und keine Zukunft sieht. Er lebt in einem armseligen Appartement, er hat keine Familie, keine Freunde, keine Verbindungen. Nur einen kleinen Jungen, der ihn sich als Vaterfigur ausgesucht hat und der von ihm die hohe Kunst des Diebstahls lernen will, den wird er nicht los. In dem Moment, wo er sein Herz ein klein wenig öffnet, eine Verantwortung fühlt, holt ihn das Einzige, was er noch hat, seine Vergangenheit ein.

Sein erster und bis dato auch einziger Partner, Ishikawa erscheint wieder in seinem Leben. Einst war er mit ihm ihn einen Raubüberfall verwickelt, danach trennten sich ihre Wege und Nishimura tauchte in der Anonymität der Großstadt unter. Ishikawa hingegen wurde zur Marionette des mächtigen Gangsterbosses Kizaki, der sich selbst mit Genuß als Herrn über Leben und Tod inszeniert, Kizaki zwingt Ishikawa und mit ihm Nishimura, Handlanger für seine Verbrechen zu sein. Das Schicksal des Diebes scheint besiegelt.

In seinem Roman „Der Dieb“ nimmt Fuminori Nakamura den Leser mit in die Unterwelt einer Kultur, die vielen Europäern unbegreiflich und undurchdringlich scheint. Über den Autor selbst ist wenig in Erfahrung zu bringen, außer dass er ein 1977 geborener japanischer Schriftsteller sei. Dieses Buch hat er unter Pseudonym geschrieben. Nakamura zeigt ein hoffnungsloses Land und seine Metropole. Sein Tokio ist keine Stadt heller Lichter und modernster Technologie, es ist farblos und düster, die Gesichter der Menschen sind blickleer, die Messer blutig und statt der modebewussten Mädchen mit ihren bonbonfarbenen Haaren kreuzen früh gealterte alleinerziehende Frauen den Weg des Diebs.

Dieser Thriller kommt ohne Action aus, dafür aber beschwört er Angst durch die Art, wie der Gangsterboss Kizaki seine Ansichten von Schicksal und Kontrolle lebt und gleichzeitig den Dieb mit einem lakonischen „Es ist alles nur ein Spiel. Nimm das Leben nicht so wichtig“ abfertigt und in sein Verderben schickt. Der Fokus liegt nicht auf den Verbrechen selbst, sondern auf der Psychologie und der Körperlichkeit des Verbrechens: „Die Zeit floss in ihrem eigenen, immer gleichen Tempo dahin, bestimmte den Lauf der Dinge und schob mich langsam vor sich her. Wenn ich jedoch meine Hände nach dem Eigentum fremder Leute ausstreckte, fühlte ich in der Anspannung des Moments so etwas wie Freiheit.“

Nakamura erzählt rasant, dabei aber sehr elegant und schnörkellos, jederzeit um die Symbole von Unausweichlichkeit wissend. Darin gleicht er in der Ausübung seines Handwerks seinem Helden. So akribisch, wie der Dieb seine Aktionen ausübt, so sorgfältig ist auch das Buch geschrieben. Ein kühler Thriller, der tief an existentielle Fragen rührt. Ein sehr intensives Leseerlebnis.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Genre: Roman, Thriller
Illustrated by Diogenes Zürich

Der Dieb

nakamura-1Ästhetik des Taschendiebstahls

Im Jahre 2015 erschien als erster der mehr als ein Dutzend bisher veröffentlichten Bände des unter Pseudonym schreibenden japanischen Schriftstellers Fuminori Nakamura sein Roman «Der Dieb» auch in deutscher Sprache. Vorbild für den Titelhelden war, wie er in einem Interview erklärte, Nezumi Kozō, ein 1832 hingerichteter Dieb, der in Japan oft mit Robin Hood verglichen wird. Anders als sein Pendant in der englischen Ballade hatte der allerdings seine Beute nicht unter die Armen verteilt, sondern selbst verprasst. Unser Romanheld wiederum ist Taschendieb, er bestiehlt nur Männer und ist ausschließlich auf deren Geld aus, die leer geräumten Brieftaschen wirft er in den nächsten Postkasten, sodass der Bestohlene sie mit dem übrigen Inhalt von der Polizei zurückbekommen kann.

Wir erleben den Ich-Erzähler, dessen richtiger Name Nishimura nur ein einziges Mal ganz nebenbei erwähnt wird, bei der Ausübung seiner Kunst, er streift ruhelos durch Tokio, sucht gezielt die für sein Metier geeigneten Orte auf, überfüllte U-Bahnen oder belebte Geschäftsstraßen, Einkaufszentren. Er beherrscht alle Tricks seines nicht ehrbaren Handwerks, agiert auf dem Höhepunkt seines Könnens instinktiv sicher und mit fließenden, geschmeidigen Bewegungen, behält seine Umgebung dabei stets genauestens im Auge, immer auf der Lauer nach dem richtigen Moment für seinen Zugriff. Nakamura hat all diese handwerklichen Details akribisch recherchiert, sich, um Genauigkeit bemüht, sogar selbst als Taschendieb geübt, wie er im Interview erklärt hat, mit einem Freund als Testopfer. Der Romanheld ist Taschendieb seit frühester Jugend, und so ist er ziemlich irritiert, als er im Supermarkt einen kleinen Jungen beim Ladendiebstahl beobachtet, in dem er sich selbst erkennt und den er spontan vor dem Ladendetektiv schützt. Der Junge sucht nun ständig seine Nähe, will von ihm lernen. Schon bald aber holt den Ich-Erzähler seine dunkle Vergangenheit als ehemaliges Mitglied der japanischen Mafia ein, Kizaki, ein Boss der Yakuza zwingt ihn, drei Aufträge für ihn zu erledigen, bei einem brutalen Überfall mitzuwirken, ein geradezu faustischer Pakt.

Nakamura erzählt seine verstörende Geschichte von den Randfiguren der japanischen Gesellschaft scheinbar teilnahmslos in einer knappen Sprache ohne jede Raffinesse, wobei er den Dieb als einsame, tragische Figur darstellt, der in geradezu missionarischer Absicht stielt. Kizaki stellt er hingegen als blumig sprechend und nachdenklich dar, quasi als Alltagsphilosoph, um so die Brutalität des Geschehens zu konterkarieren und Spannung zu erzeugen. Seine literarischen Vorbilder, hat er erklärt, wären Kafka, Camus und Dostojewski, und prompt wird Raskolnikow bemüht beim Briefing mit Kizaki. Der Roman ermöglicht dem Leser einen illusionslosen Blick in die Welt des Bösen, das Gute kommt im Roman nicht vor. Nakamura erzeugt seine unheilvolle Atmosphäre einerseits durch den menschenfeindlichen Moloch der Metropole Tokio, andererseits durch den Schauplatz einer mafiosen Unterwelt, ohne gleich ins Spektakel blutrünstiger Thriller abzugleiten. Eher kann man den Roman als Gesellschaftskritik auffassen oder als psychologischen Exkurs in moralische Grenzbereiche.

Kann Taschendiebstahl eine Ästhetik haben, kunstvoll sein? Man ist verunsichert, nicht zuletzt durch den Robin-Hood-Bonus, der in diesem «roman noir» auch mitschwingt. Leitmotivisch blendet der Autor immer wieder einen nur schemenhaft erkennbaren Turm in die Erzählung ein, den man als Symbol einer übergeordneten Macht, ja als Metapher für Gott deuten kann. Das düstere Geschehen ist deterministisch, ganz am Ende, beim blutigern Showdown, enthüllt Kizaki, dass alles, was passiert ist, genau so von ihm vornher bestimmt war. In seiner minimalistischen Sprache nicht überzeugend, vom Plot eher simpel und klischeehaft aufgebaut, bietet dieser Buch literarisch, abgesehen vom schelmenromanhaften Beginn, aus meiner Warte wenig Anreiz zur Lektüre.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Der Zementgarten

mcewan-1Sex sells

Der englische Schriftsteller Ian McEwan hat 1978 mit seinem vielgerühmten Romandebüt «Der Zementgarten» den Einstieg zu einer Weltkarriere geschafft, er gilt heute als der erfolgreichste Autor seines Landes. Zur Popularität beigetragen haben sicherlich diverse Verfilmungen seiner Romane, die ausgeklügelte Konstruktion seiner Plots wie auch die von ihm favorisierten, psychologisch ergiebigen Thematiken Liebe, Selbstfindung, Verlust, Verrat, Vergänglichkeit, sind schließlich in ihrer Kombination ideale Vorlagen für filmische Adaptionen. Hinzu kommt, im vorliegenden Roman unübersehbar, die wie festzementiert ewig gültige Marketing-Erkenntnis: Sex sells!

«Der Zementgarten» beginnt mit einem Paukenschlag, sein erster Satz lautet: «Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen.» In einer trostlosen Umgebung, im letzten noch nicht abgerissenen Haus einer Siedlung, die einer Straße weichen musste, lebt eine sechsköpfige Familie. Der Vater erleidet einen Herzinfarkt und fällt in ein frisch angelegtes Zementbett, mit dem er seinen Garten pflegeleichter machen wollte. Sein 13jähriger Sohn Jack, der dazukommt, wartet bewusst viel zu lange, bis er Hilfe holt. Als zwei Jahre später die Mutter zuhause stirbt, nach langer Krankheit und auf eigenen Wunsch ohne ärztliche Betreuung, melden die Kinder ihren Tod den Behörden nicht, weil sie dann als Waisen auseinandergerissen in irgendwelchen Heimen landen würden. Sie benutzen Sand und Zement des Vaters und lassen die Leiche der Mutter in einer Kiste im Keller verschwinden, die sie bis obenhin mit Mörtel auffüllen. Die älteste Tochter, die inzwischen achtzehnjährige Julie, nimmt die Stelle der Mutter ein, niemand merkt etwas, die kontaktarme Familie bekommt so gut wie nie Besuch. Der Haushalt verkommt allmählich, es ist ein heißer Sommer, die Jugendlichen haben Schulferien und lassen sich ziellos treiben, haben zu nichts Lust. Als Julie dann Derek kennenlernt, einen eitlen professionellen Billardspieler, und ihn nach Hause mitbringt, wird der schon bald misstrauisch. Er stellt einen merkwürdigen Geruch im Haus fest, der aus dem Keller kommt, und entdeckt die Kiste. Jacks Hund wäre dort begraben, sagen ihm die Teenager. Eines Tages albert Julie mit Jack herum, sie raufen miteinander, ziehen sich nackt aus, beginnen mit Petting. Derek, den Julie immer keusch auf Abstand gehalten hat, erwischt sie dabei. Er läuft empört aus dem Zimmer, Julie riegelt die Tür zu, es kommt zum Inzest; für Julie die Entjungferung, auch für Jack ist es das erste Mal. Wütend zertrümmert derweil Derek im Keller mit einem Vorschlaghammer den Zement und alarmiert die Polizei. Buch und Beischlaf enden mit Blaulicht.

Nicht nur die äußeren Kontakte fehlen dieser Familie, auch innerhalb herrscht eine bedrückende Verständnislosigkeit füreinander. Julie, die Älteste, sucht Bestätigung im Sport. Jacks Pubertät äußert sich im ständigen Onanieren, der Autor erspart uns nichts davon. Überhaupt ist Sexualität ein wichtiges Thema, in Doktorspielen ist die jüngere Schwester Sue Untersuchungsobjekt für Julie und Jack. Als sie dafür dann zu alt ist, nicht mehr mitspielt, verschanzt sie sich hinter ihren Büchern. Der fünfjährige Nachzügler Tom schließlich reagiert mit einem Rückfall ins Babyalter.

Es sollte wohl ein Lehrstück der Psychoanalyse werden, was McEwan da, in uninspiriert einfacher Sprache, aus der unbekümmert naiven Perspektive seines Ich-Erzählers Jack berichtet. Die Geschichte einer Verwilderung, deren Ursachen in der völligen sozialen Isolation ebenso liegen wie im Fehlen der elterlichen Autorität. Den Nachweis allerdings, dass zwischen chaotischer familiärer Situation und sexuellem Tabubruch ein Zusammenhang besteht, eindeutig ja Intention des Autors, bleibt er dem Leser schuldig. Das wäre auch kaum plausibel, inzestuöse Triebe gibt es schließlich in allen gesellschaftlichen Schichten. Es ist in jeder Hinsicht wenig überzeugend, was man da liest!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Das Konzert

lange-1Unerhörtes aus dem Totenreich

Als «Geheimtipp» hat Hartmut Lange sich selbst mal ironisch in einem Interview bezeichnet und ein zwischen kurzfristigem Hochjubeln und totalem Vergessen polarisierendes Feuilleton beklagt: «In so einer Atmosphäre können Sie Literatur nur aus Triebtäterschaft machen.» Sein Œuvre besteht seit Anfang der achtziger Jahre zum überwiegenden Teil aus Novellen, jene literarische Gattung, zu der Goethe angemerkt hat, sie berichte typischer Weise über eine «unerhörte Begebenheit.» Insoweit ist «Das Konzert» ganz klassisch konzipiert, mit einer konzisen Darstellung des uralten Themas von Schuld und Vergebung, hier exemplarisch an einem surrealen Aufeinandertreffen von Tätern und Opfern im Totenreich dargestellt. «Wer unter den Toten Berlins Rang und Namen hatte, wer es überdrüssig war, sich unter die Lebenden zu mischen, wer die Erinnerung an jene Jahre, in denen er sich in der Zeit befand, besonders hochhielt, der bemühte sich früher oder später darum, in den Salon der Frau Altenschul geladen zu werden, und da man wusste, wie sehr die elegante, zierliche, den Dingen des schönen Scheins zugetane Jüdin dem berühmten Max Liebermann verbunden war, schrieb man an die Adresse jener Villa am Wannsee, in der man die Anwesenheit des Malers vermutete.» Mit diesem Satz beginnt die Exposition dieser 1986 erschienenen Novelle.

Hauptfigur der Geschichte ist der 28jährige, hochbegabte Pianist Rudolf Lewanski, der während der Naziherrschaft in Litzmannstadt durch Genickschuss getötet wurde. Die Salondame alter Schule mit dem beziehungsreichen Namen wurde ebenfalls ermordet und nackt, mit verrenkten Gliedern, in eine Grube geworfen. Ihr ganzes Streben als Tote richtet sich nun darauf, ein Konzert in der Philharmonie zu veranstalten, in dem Lewanski die E-Dur-Sonate op. 109 von Ludwig van Beethoven spielen soll. Ein für ihn schwieriges Stück, für das er sich nicht reif genug fühlt als ewig 28Jähriger, er scheitert immer wieder an einer bestimmten Stelle. Als er nach intensivem Üben sich dem Konzert dann doch gewachsen fühlt, landet er auf dem Weg zur Philharmonie im zugeschütteten Bunker der ehemaligen Reichskanzlei. «Mein Mann und ich sind voller Sorge, dass es Ihnen nicht gelingen könnte, uns zu verzeihen.» Die da spricht ist die frisch verheiratete Eva Braun, und so spielt Lewanski nach einigem Zögern vor den versammelten toten Nazigrößen. Wieder scheitert er an der kritischen Stelle. «Litzmannstadt … Litzmannstadt » platzt es aus ihm heraus, «Sie hören es selbst: Um dies spielen zu können, sollte ich erwachsen sein. Man hat mich zu früh aus dem Leben gerissen.»

Der ermordete Schriftsteller Schulze-Bethmann, der ebenfalls in jenem Salon verkehrt, sieht keinen Grund, den Kontakt mit seinem eigenen Mörder, einem schwarz uniformierten SS-Mann, zu meiden. Und zum Konzert erklärt er: «Ich kann kein Unglück darin sehen, dass der Pianist Rudolf Lewanski den Mut, oder sagen wir, die Gelegenheit hatte, vor seinen Mördern auf dem Klavier zu spielen. Der Täter und sein Opfer – was bleibt uns im Tode anderes übrig, als in Betroffenheit beieinander zu sitzen und darüber zu staunen, welche Absurditäten im Leben allerdings und unwiderruflich geschehen sind.»

Der Autor versteht es, uns Lesern ohne aufdringliche Moral ein fürwahr schwieriges Thema nahe zu bringen, über das es sich weiterzudenken lohnt. Nur der Blick aus dem Totenreich vermag dabei hilfreich sein, nur so wird deutlich, dass die Untaten den Tätern ja letztendlich gar nichts nützen. Nur ewiges Bereuen und ewiges Verzeihen ist die Folge. Dieses surreale erzählerische Konstrukt erweist sich als wunderbar stimmig in Hinblick auf die hochgradig emotionsgeladene Holocaust-Thematik, die mit Sühne und Vergebung als ewigem Menetekel belastet ist. Ein, wie die Liebe und anderes mehr, nur dem Menschen eigenes, in der Natur, im Universum, nicht vorhandenes transzendentales Kriterium. Schade, dass es nur so wenige Leser gibt für eine derart tiefgründige Thematik.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Das Hotel New Hampshire

irving-1Mit Sonnenuntergang

Der US-amerikanische Schriftsteller John Irving ist einer jener polarisierenden Autoren, deren Romane man entweder ganz toll findet, um sich damit jubelnd in die zugehörige Fan-Gemeinde einzureihen, oder eher miserabel, womit man sich in der Rolle des schwarzen Storches befindet, also ein störender Andersartiger ist inmitten weißer Artgenossen. Auch nach zwei Jahrzehnten Abstand habe ich beim Wiederlesen seines wohl bekanntesten Romans, «Das Hotel New Hampshire», 1982 auf Deutsch erschienen, keinen Zugang gefunden zu dieser Art des Erzählens, – von der misslungenen Verfilmung mal ganz abgesehen. Mein Unvermögen also?

Es handelt sich um einen klassischen Coming-of-Age-Roman. Die Geschichte wird strikt aus der Ich-Perspektive erzählt, von John Berry, der anfangs zehn Jahre alt ist, und sie erstreckt sich zeitlich über etwa dreißig Jahre, von Anfang der vierziger bis Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, deckt also seine späte Kindheit ab bis zur Heirat mit vierzig. Um diese zentrale Figur herum gruppiert Irving eine geradezu absurd skurrile Familie mit fünf Kindern und einem Großvater sowie diversen Gestalten mit wunderlichen Namen wie Susie der Bär, Freud, Kreisch-Annie, Die Alte Billig, Die Dunkle Inge, Ernst der Pornograph, Schraubenschlüssel, Schwanger, Fräulein Fehlgeburt und viele andere mehr. In diesem dubiosen Panoptikum fällt auf, dass den starken Frauenfiguren wie zum Beispiel Franny, Johns ein Jahr älterer Schwester, die der intellektuelle Mittelpunkt der Familie ist, schwache Männer gegenüberstehen wie der antriebslose John oder sein schwuler Bruder Frank. Gleiches gilt für die jüngere, kleinwüchsige Schwester Lilly, die einen erfolgreichen Roman schreibt, und den jüngsten Bruder Egg, der ziemlich einfältig erscheint nicht nur durch seine Schwerhörigkeit. Zum typischen Instrumentarium dieses Autors gehören ferner literarische Versatzstücke, die sich auch in manchen anderen Romanen von ihm finden: Männersportarten wie Football, Motorräder, Bären, Zirkus, Prostitution, Homosexualität, Vergewaltigung, Inzest, Macho-Sex. Nicht sehr abwechslungsreich sind auch seine autobiografisch geprägten Lieblingsschauplätze, hier New Hampshire, New York und Wien, und seine bevorzugten Milieus wie Hotels, Schulen, Bordelle.

Aus all dem entwickelt der Autor seine handlungsreiche, trotz einiger überraschender Wendungen aber merkwürdig spannungsarme Geschichte, man schwimmt als Leser mit im Erzählfluss, hat aber nie Schwierigkeiten, das dicke Buch beiseite zu legen für eine längere Lesepause. Wir erleben diese chaotische Familie und all die skurrilen Randfiguren in ihren drei Hotels, lesen von diversen Schicksalsschlägen: Flugzeugabsturz der Mutter und des jüngsten Sohnes, Attentatsversuch auf das Wiener Opernhaus, Erblindung des Vaters, Selbstmord der jungen Schriftstellerin. Irving erzählt seine ausufernd pralle Geschichte in einer anspruchslosen, äußerst vulgären Sprache, mit der er seinen Figuren den ordinären Jargon der Halbstarken und des Rotlichtmilieus in den Mund legt, erweist ihr damit aber einen Bärendienst, der seine moralische Intention konterkariert. Er wäre nämlich kein typisch amerikanischer Autor, wenn er nicht zu guter Letzt eine wohlfeile Botschaft verbreiten wollte, wobei er den «Gatsby» seines Kollegen Fitzgerald als maßlos bewundertes Vorbild heranzieht. «Bleib immer weg von offenen Fenstern» heißt es rührselig bei Irving, womit gebetsmühlenartig eine unbeirrbar optimistische Lebensmaxime bekräftigt wird, sich ja nie unterkriegen zu lassen, egal wie dick es kommt.

Ordinär verbalisierter Sex ersetzt in dieser naiv märchenhaften Erzählung die Liebe, sämtliche Beziehungen zwischen den Protagonisten wirken seltsam oberflächlich, Trauer und Schmerz, seelische Verletzungen werden nassforsch weggebügelt von einer alles übertönenden Zuversichtlichkeit im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten». Ein Roman wie ein lauter, kitschiger Hollywoodfilm, mit Sonnenuntergang am Ende.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Das Haus am Kanal

simenon-2Nicht mal Mittelmaß

Einer der ersten Non-Maigret-Romane ist «Das Haus am Kanal», 1933 erschienen und von seinem Autor Georges Simenon zu den «romans dur» gerechnet, mit denen er höhere literarische Ambitionen verfolgte. Vier Jahre später hat er kleinlaut verkündet: «Ich habe 349 Romane geschrieben, aber alles das zählt nicht. Die Arbeit, die mir wirklich am Herzen liegt, habe ich noch nicht begonnen». Er hat sie nie begonnen, muss ich hinzufügen, und die Literaturkritik blieb weiterhin skeptisch seinem riesigen Œuvre gegenüber. Gleichwohl, mit einer Auflage von etwa 500 Millionen Bänden gehört er zu den erfolgreichsten Schriftstellern weltweit. Im vorliegenden Band, den er rückblickend als seinen ersten «richtigen Roman» bezeichnete, sind geradezu exemplarisch alle seine typischen Stilmittel enthalten.

Die sechzehnjährige Edmée aus Brüssel, deren Mutter bei der Geburt gestorben ist, kommt nach dem frühen Tod des Vaters als Waise auf den einsam gelegenen Bauernhof des Onkels in Flandern. Kurz vor ihrer Ankunft ist auch der Onkel gestorben, sein 21-jähriger Sohn Fred Van Elst übernimmt den Hof. Sie spricht kein Flämisch und fühlt sich als Großstadtkind fremd in der ungewohnten, ländlichen Umgebung. Das pubertierende Mädchen wird sich schon bald ihrer Wirkung auf Fred und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Jef bewusst, lehnt beide aber als grobschlächtige Bauerntölpel ab. Sie animiert den einfältigen Jef zu Gunstbeweisen ihr gegenüber. Daraufhin stielt Jef für sie vier violette Schmucksteine aus dem Messkelch der Kirche, die sich ironischerweise als unecht herausstellen, bastelt ein Schmuckkästchen für sie, holt ihr sogar die Platinspitze des Blitzableiters vom Kirchturm herunter. Als Fred im Wald versucht, Edmée zu vergewaltigen, taucht plötzlich ein Nachbarjunge auf, den Fred im Handgemenge ungewollt tötet, er vergräbt mit Jef zusammen dessen Leiche – im Beisein von Edmée. Jef kündigt an, er würde Edmée töten, wenn sie Fred heiratet. Der reiche Onkel entdeckt bei einer Prüfung der Bücher, dass Fred regelmäßig Geld unterschlägt, und Edmée spürt ihn bei einem seiner Besuche in der Stadt in einem zwielichtigen Lokal auf, wo er sich augenscheinlich als spendabler Kunde wie zuhause fühlt. Fred, der weiß, dass er den Hof nicht wird halten können, macht Edmée schließlich einen Heiratsantrag, er will mit ihr in die Stadt ziehen, – und sie nimmt an.

Ganz am Ende gibt es dann einen unvermittelten Zeitsprung: Edmée Van Elst wird zwei Jahre später in Antwerpen im Bett erwürgt aufgefunden, sie wurde vergewaltigt. Als Täter wird Jef verhaftet, der auf die Frage des Staatsanwalts, warum er seine Schwägerin ermordet habe, antwortet: «Was hätte ich denn tun sollen?» Mit einem Sprung aus dem Fenster nimmt er sich tags darauf das Leben.

Auch hier geschieht also ein Mord, aber der steht krimi-untypisch ganz am Ende, und der Täter wird sofort überführt. Der Sexualtrieb als Ursache des Bösen, – in bedrückender Atmosphäre nimmt das Unheil seinen Lauf, ausgelöst durch das von Edmée verkörperte Weibliche. Das oft brutale Geschehen wird realistisch karg geschildert, stilistisch völlig uninspiriert. Der benutzte Wortschatz ist sehr begrenzt, die Erzählweise unmotiviert sprunghaft, der Plot auffallend unstrukturiert. Man merkt dem Text nicht nur die Eile eines notorischen Schnellschreibers an, der bis zu 80 Seiten pro Tag «produziert» hat, sondern auch das Fehlen jedweden Lektorats, Simenons Manuskripte gingen, auf seine ausdrückliche Anweisung hin, ohne Überarbeitung in die Druckerei. Ein Roman wie dieser ist dann das Ergebnis, trotz einiger brillanter Ansätze wirkt er völlig unausgegoren. Seine Figuren vermögen keine Empathie zu erzeugen, auf der Suche nach dem Bösen stellt er sie als «nackte Menschen» dar, wie er das mal definiert hat, auf das elementar Triebhafte reduziert. Dieser Roman ist wahrlich kein Kunstwerk, nicht mal Mittelmaß, sondern einfach nur Trivialliteratur, – hat man ihn gelesen, so hat man ihn auch schon vergessen!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Blauer Montag

gruenberg-1Null Bock auf nichts

Wenn ein Autor als Ich-Erzähler auftritt, hat man es in der Epik normalerweise mit einer Autobiografie zu tun. In einem Roman jedoch, und «Blauer Montag» ist explizit als solcher deklariert von Autor und Verlag, wirft diese Konstellation immer wieder die Frage auf, ob das jeweils Gelesene nun pure Fiktion ist oder doch real Erlebtes. Und das umso mehr, wenn eine ungewöhnlich provokante Geschichte derart sachlich, nüchtern und kaltschnäuzig erzählt wird wie die äußerst chaotisch anmutenden Erlebnisse des in Amsterdam lebenden Holländers Arnon Grünberg. Einer, der der Null-Bock-Generation angehört und seine nihilistische Einstellung zu seiner ganz persönlichen Lebensphilosophie verklärt, der um nichts in der Welt sich den gesellschaftlichen Konventionen anzupassen gedenkt, der einen anderen, besseren Weg zu suchen scheint, ohne recht zu wissen, was das denn wäre, wonach genau er da eigentlich sucht.

Die in fünf Abschnitte gegliederte Geschichte beginnt gleich turbulent mit dem Tod und der Beerdigung des Vaters, der offiziell mit Briefmarken handelte, dessen wahre Geschäfte aber undurchsichtig sind. So gehört denn zum Beispiel eine Reitschule für Behinderte mit zwanzig Pferden zu seinem Nachlass, sehr zur Verblüffung von Ehefrau und Sohn Arnon. Im Stil eines Pennälerromans geht es in einer Rückblende weiter mit dessen Schulnöten und seiner ersten Liebe Rosie, locker und amüsant erzählt, ohne dieser Thematik jedoch neue Seiten abgewinnen zu können. Was das blutjunge Pärchen eint ist ihre ungestüme Art, das Besondere, Aufregende zu suchen und allem Konventionellen zu trotzen, «die ganze Welt ist langweilig», wie Rosie ernüchtert feststellt. Im dritten Abschnitt wird die Phase der Krankheit des nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmten Vaters geschildert. Arnon kümmert sich um ihn, fährt ihn im Rollstuhl in die Kneipe und kommt ihm näher als je zuvor.

Im vierten Abschnitt unter dem Titel «Die Mädchen», der fast die Hälfte des Romans umfasst, wird über die Zeit nach dem Rauswurf aus der Schule berichtet, wo Arnon, inzwischen erwachsen geworden, sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt. Als Verleger ging er schnell in Konkurs, zur Büroarbeit hatte er ebenfalls bald keine Lust mehr, seine Geldquellen bleiben völlig im Dunkeln, erwähnt wird nur, dass er selbständig als Manuskriptleser für einen Verlag tätig ist. Immer in Geldnöten und oft abgebrannt bis auf den letzten Gulden, hat er für Kneipen, Bars und Restaurants, aber auch für Damen des horizontalen Gewerbes, auf wundersame Weise dann doch immer noch genügend Geld übrig. Seit Rosie ihn verließ, hatte er keine Freundin mehr, Liebe und emotionale Bindungen sind ihm total fremd geworden, es zieht ihn nur noch zu käuflichen Frauen hin.

Die Erlebnisse des trostlosen Helden im Bordellmilieu Amsterdams sind das Langweiligste, was ich seit Langem gelesen habe, da ändern auch einige eingeschobene Puffwitze nichts dran. Über nicht weniger als fünf «Mädchen» wird ausführlich berichtet, aber weder die freudlosen sexuellen Verrichtungen noch die dümmlichen Gespräche zwischen Nutte und Freier sind in irgendeiner Weise interessant oder gar erbaulich. Denn weder die Voyeure noch die Alltagsphilosophen unter den Lesern kommen da wirklich auf ihre Kosten. Letztere seien auf den im Rotlichtmilieu angesiedelten Roman «Im Stein» von Clemens Meyer verwiesen, – wenn’s denn unbedingt sein muss! Über die Ursachen der seelischen Verwahrlosung des Helden darf spekuliert werden, in Frage kommen sowohl das lieblose Elternhaus als auch die gescheiterte Liebesbeziehung zu Rosie, der Text bietet leider kaum Ansatzpunkte für eine fundierte psychologische Analyse. Am Ende schließlich startet der Ich-Erzähler in eine neue Karriere als Callboy, aber was daraus dann wird, das erspart der Autor den geplagten Lesern, wofür ich ihm äußerst dankbar bin.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Reise an den Rand des Universums

widmer-1Genese eines Schriftstellers

Nach seiner quasiautobiografischen Trilogie über Mutter, Vater und sich selbst hat Urs Widmer nun mit «Reise an den Rand des Universums» auch noch eine richtige Autobiografie geschrieben. Die umfasst zwar nicht sein ganzes Leben, sondern nur die ersten dreißig Jahre, aber es könnte ja sein, dass da noch etwas nachkommt bei dem inzwischen 75jährigen Schweizer Autor. Seinem selbstironischen ersten Satz in diesem Buch, «Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiografie», folgt auch gleich eine Erklärung nach, denn damit wäre das Pulver verschossen, «alles Material verbraucht», wie er schreibt. In einem Interview hatte er über sein Buch gesagt, es sei aus einem «heftigen Gefühl des letzten Buches» heraus entstanden, eine fürwahr fatalistische Formulierung. Die allem autobiographischen Schreiben eigene Problematik der schwierigen Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion wird gleich zu Beginn des Buches thematisiert, und der Autor kommt zu dem Schluss, «dass alles Erinnern, auch das genaueste, ein Erfinden ist». Als jemand, der selbst eine Autobiografie geschrieben hat – komplett allerdings, so weit das möglich ist – sind mir seine diesbezüglichen Überlegungen tatsächlich nicht ganz fremd.

Und so lässt Widmer unbekümmert um die Realität seine Lebensgeschichte bereits mit der Zeugung beginnen, was streng medizinisch gesehen ja durchaus berechtigt ist und von ihm genüsslich und humorvoll vor uns ausgebreitet wird. Überhaupt ist eine der Stärken dieses Erinnerungsbuches der lockere Plauderton des Erzählers, der seine eigene Lebensgeschichte weder streng chronologisch noch lückenlos aufgeschrieben hat, sondern als eine Abfolge von Anekdoten, amüsanten wie ernsten und nachdenklich machenden. Das Geschehen ist gut beobachtet und treffsicher in Sprache umgesetzt, leicht lesbar und angenehm unmanieriert. Probleme machten, mir jedenfalls, die zahlreichen Begleit- und Randfiguren, deren Namen, will man immer alles ganz genau zuordnen können, das Anlegen eines Spickzettels sinnvoll macht. Zuweilen hat der Autor da selbst so seine Probleme, wenn ihm ein Name partout nicht mehr einfallen will, wie er freimütig bekennt.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert, die jeweils einen Zehnjahreszeitraum umfassen zwischen seinem Geburtsjahr 1938 und der Fertigstellung seine Erzählung «Alois» 1968, dem Jahr, in dem ein «big bang», wie er formuliert, «eine wirkungsmächtige Reform» in Gang gesetzt hat. Jedem der drei Kapitel folgt ein kursiv gedruckter Abschnitt, in dem die gesellschaftlichen Geschehnisse kurz zusammengefasst sind, die für die Dekade prägend waren, das Buch ist insoweit auch als interessantes Zeitzeugnis anzusehen. Der ungeschönte Blick auf sich selbst und seine Familie erzeugt beim Leser zuweilen Betroffenheit. Da ist der chronisch kranke, gnadenlos egoistisch erscheinende Vater, ein Kettenraucher, der sich ständig in seinem Arbeitszimmer geradezu verbarrikadiert, eine Zurückgezogenheit, die ihn, Ironie des Schicksals, eines Tages einen einsamen Tod sterben lässt. Die Mutter ist depressiv und des Öfteren in psychiatrischen Krankenhäusern, wobei Widmer an einer Stelle dazu kurz erwähnt, dass sie später, außerhalb seiner Berichtszeit, Selbstmord begangen hat. Und er selbst litt zeitweilig auch an Depressionen, wie er unverhohlen bekennt.

Eine gewisse Melancholie ist also auch vorhanden, dominierend aber sind die eher vergnüglichen Schilderungen, eine kurzweilige Lektüre also. Deren viele sehr persönliche, manchmal auch banale Details dürften jedoch nicht alle interessant sein für die Leser, auch wenn sie ungemein eloquent erzählt werden. Und da, wo das Buch dann endet, beginnt es ja eigentlich erst richtig interessant zu werden, Widmers Zeit als Suhrkamp-Lektor und späterer Schriftsteller, der Blick hinter den Vorhang des Literaturbetriebs. Man kann wohl nicht alles haben!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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