Walden oder Leben in den Wäldern

„Das eine wenigstens lernte ich bei meinem Experimente: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ.“

Henry David Thoreau (1817 – 1862), der Havard-Absolvent und Kurzzeit-Lehrer, lernte 24-jährig den Philosophen und Dichter Ralph Waldo Emerson kennen und lebte zeitweise in dessen Haus bei Boston. Unter Emersons Einfluss entwickelte er seine reformerischen Ideen des zivilen Ungehorsams. Am Unabhängigkeitstag 1845 zog er in eine selbstgebaute Blockhütte auf Emersons Grundstück am Walden-See. Hier lebte er die nächsten zwei Jahre sein einfaches Leben in der Natur.

In seinem 1854 erstmals erschienen Buch „Walden. Or Life in the Woods“ beschreibt er das Experiment Walden. Dabei geht es ihm jedoch nicht nur um ein „einfaches Leben“, er entwickelt daraus auch sehr klar und eindrucksvoll seine Theorien zu Gesellschaft und Wirtschaft. Sechs Wochen Lohnarbeit pro Jahr erschienen ihm ausreichend, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Den Rest des Jahres verbrachte er mit Nachdenken und Naturbeobachtung. Sehr großen Einfluss auf seine Naturbetrachtungen hatten die Schriften von Alexander von Humboldt.

Wie viele klassische Schriftsteller erlangte Thoreau zu Lebzeiten wenig Aufmerksamkeit oder gar Ruhm. Erst im 20. Jahrhundert erreichte „Walden“ die bis heute anhaltende Bekanntheit und Bedeutung. So berief sich Mahatma Gandhi ausdrücklich auf Thoreaus Werk und seinen Aufruf zu asketischer und gewaltfreier Lebensweise. Die Naturschutzbewegung ebenso, wie die 68er-Bewegung wurden von Walden inspiriert; das Buch hat heute einen festen Platz in der Literaturgeschichte Amerikas sicher.

Als 1948 B. F. Skinner – Havard-Professor und Begründer der naturwissenschaftlichen Lernpsychologie – seine Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft vorstellte, nannte er das Buch ganz bewusst „Walden Two“. In Paul Austers Roman „Schlagschatten“ wird „Walden“ als Lektüre der Protagonisten Black und Blue genannt, und im „Club der toten Dichter“ wird ein Zitat aus „Walden“ als Eröffnungsmotto der Sitzungen von allen Teilnehmern gemeinsam rezitiert: „Wenn ein Mann nicht Schritt hält mit seinen Kameraden, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört, in welchem Takt und wie fern sie auch sei.“

Die französische Resistance und die englischen Gewerkschaften, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Hippies und die Wehrdienstverweigerer ließen sich von Thoreau und seinem „Walden“ inspirieren. Dabei wollte Thoreau selbst nur eins: Muße zum Leben.

Ein sehr gutes und sehr wichtiges Buch – gerade heute!

[Es gibt verschiedene deutsche Ausgaben von „Walden“. Mein Exemplar, Diogenes 1971, mit dem Vorwort von W.E. Richartz, basiert auf der Übersetzung von Emma Emmerich von 1897. Es ist nur noch antiquarisch erhältlich.]


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Diogenes Zürich

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