Philosophische Miniaturen
Der Schweizer Philosoph Peter Bieri hat unter dem Pseudonym Pascal Mercier vier Romane und eine Novelle geschrieben, und posthum wurde soeben auch noch ein Band mit fünf Erzählungen unter dem Titel «Der Fluss der Zeit» veröffentlicht. Als Epiker hatte er seinen Durchbruch mit dem Bestseller-Roman «Nachtzug nach Lissabon», in dem er, wie auch in den anderen Werken, viele philosophische Fragen der menschlichen Existenz in die Handlung mit eingewoben hat. Und auch die Geschichten in der Neuentdeckung drehen sich wieder um zutiefst Existentielles.
In der ersten Erzählung wird geschildert, wie ein allein stehender Restaurator, der ins Pflegeheim gehen will, sein Haus an die Käufer übergibt. Die formale Hausübergabe ist schnell erledigt, die Schlüssel hat er alle penibel ausgerichtet nebeneinander auf den Tisch gelegt. Er führt die Käufer durch alle Räume, weist auf dies und jenes hin. Es ist offensichtlich, dass ihm der Abschied von seinem Haus, in dem er Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat, unendlich schwer fällt. Bei einer Einladung lernt ein Paar einen Pianisten kennen, und es wird sehr schnell eine innige Freundschaft aus dieser Begegnung. Als der neue Freund sich einen Finger bricht und es fraglich bleibt, ob er je wieder wird spielen können, bricht alles zusammen für ihn, er wird sich die teure Wohnung bald nicht mehr leisten können. Das wohlhabende Paar beschließt, die Wohnung zu kaufen und ihm zu schenken. Zögernd stimmt er zu, – lässt aber dann lange nichts mehr von sich hören. Am Ende stellt sich heraus, dass er psychische Probleme hat mit seiner Rolle als Beschenkter, der mutmaßliche Wunsch seiner Gönner nach Dankbarkeit belastet ihn schwer.
Dann wird von einem an ständigem Husten leidenden Mann berichtet, dem sein Arzt erklärt, dass das Ergebnis einer vorsichtshalber vorgenommenen Biopsie erst einige Tage später eintreffen würde. Nun kann er an nichts anderes mehr denken als an das drohende Unheil. Die Ambivalenz des Zeitempfindens wird hier sehr gekonnt dadurch verdeutlich, dass er erst das Ergebnis gar nicht schnell genug bekommen kann, je näher aber der Termin rückt, desto mehr wünscht er sich, die Zeit würde langsamer vergehen. Denn sogar eine spontane Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nicht abhalten von seiner ständigen Grübelei. Ein Busfahrer schließlich hat immer mehr Probleme mit Lärm, sei es von außen oder auch von seinem pubertären Stiefsohn, der ständig mit seiner lautstarken PlayStation spielt. Als der Sohn merkt, dass er den Lärm als Waffe einsetzen kann in der Auseinandersetzung mit seinem Stiefvater, eskaliert die Situation auf tragische Weise. In der letzten Erzählung geht es erneut um die fließende Zeit. Ein Linguist weilt nach vierzig Jahren anlässlich eines Kongresses in der Stadt, wo er einst studiert hat. Er nutzt die Gelegenheit, sich bei den Vermietern seiner ehemaligen Studentenbude zu melden, – sie wohnen tatsächlich noch dort. Er wird freudig empfangen, sie bieten ihm sogar an, er könne gern in der Mansarde übernachten, sie ist nicht mehr vermietet. Für ihn ist dieser überraschende Aufenthalt eine wehmütige Reise zurück in eine ferne Vergangenheit, und zuhause beschließt er dann wohlgemut, genau darüber zu schreiben.
Es sind existentielle Erfahrungen wie Freiheit, Angst, Krankheit oder Tod, die in diesem schmalen Band anhand von sorgsam ausgearbeiteten, kurzen Geschichten verständlich dargestellt werden. Dabei sind immer Emotionen und Gedanken im Spiel, mit denen die Figuren versuchen, die Realitäten des Lebens zu begreifen, an denen man partout nicht vorüber kommt. Wobei es kritische Wendepunkte sind, die den Figuren hier zu schaffen machen und die Pascal Mercier philosophisch scharfsinnig hinterfragt. Stilistisch bewerkstelligt er das in einer angenehm lesbaren, unprätentiösen Sprache, ergänzt um eine präzise Figuren-Zeichnung, welche ohne Schnörkel jeweils auf das Wesentlich reduziert bleibt in diesen philosophischen Miniaturen für mitdenkende Leser.
Fazit: lesenswert
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Realistisch/surreal verflochtene Erzählungen
“Gedankenstrahlen” versammelt erstmals Meistererzählungen und Kurzgeschichten der Literaturentdeckung Maria Lazar (1895–1948) aus den späten 30er und frühen 40er Jahren, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden.
Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details.
„Ich bin Schriftsteller, ich schreibe nur Geschichten“, sagt Ferdinand von Schirach mit einer subtil gesetzten Note eines süffizienten Understatements. Mehr als 10 Millionen verkaufte Bücher zeigen, dass seine Geschichten ankommen. Sie haben ihn reich und zur Cashcow seiner drei Verlage gemacht (Luchterhand, btb, Penguin). Übersetzt in mehr als 30 Sprachen ist er zu einem globalen Erfolgsautor geworden. Verdientermassen? Das kann man wohl guten Gewissens bejahen.
Gruselige Täter-Opfer-Umkehr
Am Rande des Schweigens
Stories von den Underdogs


Junge aus West-Berlin. Der Mauerfall ist auch schon wieder 35 Jahre her. Die Politik feierte sich selbst, aber wie war das damals eigentlich für die Menschen? Maxim Leo hat eine Liebesgeschichte geschrieben, die vor dem Systemwechsel beginnt und mit demselben endet. Marc und Nele erzählen abwechselnd
Die herzzerreißende Liebes-geschichte zwischen Marc aus Westberlin und Nele aus Ostberlin wird voller Liebe und Hingabe erzählt und zeigt, dass es oft nicht die Worte sind, die einen verbinden, sondern das, was man spürt. “Möglicherweise hätten wir dieses tiefe Verständnis, das wir füreinander hatten, sogar aufs Spiel gesetzt, wenn wir versucht hätten, es mit Worten zu ergründen.” Der Sommer 1989 war auch der Sommer der Liebe zwischen Marc und Nele. Rebellion und Aufbruch überall, fröhlich-bunte Anarchie im grauen Schattenland diesseits der Mauer. Autor Maxim Leo und Kat Menschik verarbeiten in ihrem gemeinsamen Buch auch ähnliche Erfahrugen, die sie damals gemacht hatten. Maxim Leo ist 1970 in Ostberlin geboren und dort aufgewachsen. Er ist Journalist und Autor. Er hat zahlreiche Bestseller geschrieben, darunter seine autobiografischen Romane. Kat Menschik hat ihre Jugend wie Maxim Leo in Ostberlin verbracht und den Sommer 1989 in der Ostberliner Künstler- und Punkszene miterlebt. Heute ist sie namhafte Illustratorin. Verblüffend, dass sich die beiden damals gar nicht kennengelernt haben, meint Menschik, denn sie verkehrten in denselben Freundeskreisen und hatten ähnliche Interessen. PS: Das Mauergrau ist Absicht!
Schicken Sie Ihre Phantasie auf Reisen oder testen Sie einfach nur Ihre Geografiekenntnisse, indem Sie Nadeln in eine imaginäre Weltkarte stecken. Osterinsel, China, Brasilien, Kalifornien, Marokko, Andalusien, Island, Griechenland, Wien, Neuseeland, Neu Delhi, Nepal, Bolivien, Mexiko, Juan Fernandez Archipel, Irland, Laos, Nordpol, Ontario, Kambodscha, Yokohama, Valparaiso, Pitcairn, Jemen, Sydney, Irland. Stopp! Das sind nur etwa die Hälfte der Orte und Ziele, die Christoph Ransmayr in seinem Atlas eines ängstlichen Mannes wie auf einer geografischen Perlenkette auffädelt. 
Miserere. Ihr zweiter Roman, “Die Infantin trägt den Scheitel links“, ebenfalls beim Salzburger Verlag Jung und Jung erschienen, war bei Leser:innen und Kritik beliebt und löste ob dessen Sprachgewalt Begeisterung aus. Leider ist diese kräftige Stimme Anfang dieses Jahres verstummt. Helena Adler starb viel zu früh, mit vierzig Jahren.