Still – Chronik eines Mörders

Ein leises, märchenhaftes Buch über ein zu lautes Leben

stillGleich vorweg: dieses Buch einem bestimmten Genre zuzuordnen fällt mir schwer. Ein bisschen Thriller, ein bisschen Krimi, ganz viel Familiengeschichte aber hauptsächlich ein Drama, so sehe ich diese anrührende Geschichte.
Wer einen Roman ohne Tod und Unheil erwartet ist hier falsch, wer einen blutrünstigen Thriller möchte, ebenfalls.
Blut fließt trotzdem, reichlich sogar, aber der Reihe nach.

Der Protagonist Karl wird in einem kleinen, verschlafenen Nest geboren und hält von Anfang an seine Eltern in Atem. Nicht, weil sich hier schon seine Bösartigkeit zeigen würde, sondern weil er schreit. Laut. Immer. Ohne Pause, so dass ein ganzes Dorf in Mitleidenschaft gezogen wird.
Als alle Beteiligten schon fast mit ihren Nerven am Ende sind, findet sein Vater den Grund für das Gebrüll heraus: Der kleine Karl hat ein hypersensibles Gehör, besser als jeder andere Mensch hört er selbst die leisesten Töne, entferntesten Gespräche und Lebensgeräusche. Eine für Andere normale Lautstärke bereitet ihm körperliche und seelische Schmerzen, weswegen ihm seine Eltern schließlich ein isoliertes Zimmer im Keller einrichten. Hier lebt er vor sich hin, findet schnell Freude an Büchern und zeigt eine hohe Intelligenz. Einen Zugang zu seiner Mutter findet er jedoch nicht, ebenso wenig, wie sie zu ihm. Sie ist mit einer derartig hohen, quakigen Stimme gesegnet, dass er sie schon im Mutterleib nicht ertragen konnte.
Die Jahre gehen ins Land, Karl im Keller, das restliche Leben oberhalb. Was niemand bedenkt: Karl kann selbst geflüsterte Gespräche hören, immer mehr erkennt er, wie anders er ist, wie er abgelehnt wird. Er beginnt zu fühlen, was Unrecht ist, als seine Mutter ein Verhältnis mit dem Dorfarzt beginnt. Nach einem tragischen Ereignis erkennt er schließlich, dass das einzig Schöne, Stille der Tod ist. Nur hierin erkennt er Liebe, versteht nicht, warum die Menschen am Leben festhalten, wenn der Tod doch so viel besser ist. Er beschließt, den Menschen zu helfen, in der Annahme, wirklich Gutes zu tun und ab hier beginnt die blutige Spur, die auf dem Klappentext des Buches vermerkt ist.
Karls Leben nimmt viele Wendungen, nur wenig Schönes passiert ihm, mit einer Ausnahme: Er begegnet einem ganz besonderen Menschen, der ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr loslassen wird. Das Ende ist konsequent und emotional, nicht wirklich unerwartet, aber richtig.

Wie so oft, wird einen kurze Inhaltsangabe dem eigentlichen Text nicht gerecht, das Buch ist so unglaublich großartig geschrieben, so märchenhaft und zeitlos, dass mir nur ein passender Vergleich eingefallen ist: „Das Parfum“ von Patrick Süßkind. Dieser Roman gehört für mich zu den ganz Großen und Thomas Raabs „Still“ kann hier meiner Meinung nach problemlos mithalten.
Im Anfangssatz hatte ich geschrieben, dass dies ein leises Buch sei. Das meine ich absolut positiv. Der Autor hat es verstanden, das Leben Karls aufzuzeigen und mich daran teilhaben zu lassen, ohne „laute“ Worte zu verlieren. Es sterben so viele Menschen, und trotzdem wirkt der Tod immer leise und friedlich, wie von Karl beabsichtigt. Immer wieder überzog mich ein leises Gruseln, insbesondere im Mittelteil, weil Karl wahrscheinlich als größter Massenmörder in die Geschichte eingehen könnte, wäre er nicht fiktiv. Trotzdem artet das ganze niemals in ein in ein Splatter-Gemetzel-Buch aus.
Alle Figuren sind sehr anschaulich beschrieben, keine klischeehaft oder langweilig. Die Hauptfiguren sind etwas Besonderes. Keine ist eindeutig gut oder böse, die ganze Geschichte an keiner Stelle einfach schwarz-weiß. Offensichtlich ist hier natürlich Karl, der nach den Maßstäben unserer Gesellschaft Böses tut, aber in der Annahme, den Menschen zu helfen.
Auch einige der anderen Figuren sind durchaus ambivalent zu sehen und diese Geschichte wird mir noch sehr lange im Kopf bleiben.

Der Sprachstil ist unheimlich bildreich, metaphorisch und einfühlsam, nicht nur inhaltlich ist dieses Buch lesenwert, sondern auch, weil Thomas Raab sich hier als wunderbarer Sprachkünstler präsentiert.

Für mich ist dies eines der bemerkenswertesten Bücher dieses Jahres, ich werde es sicher noch ein zweites Mal lesen.


Genre: Romane, Thriller
Illustrated by Droemer Knaur München

Einfach nur ich … ich habe überlebt

51h8Z9SyPML._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Ein Buch über ein abenteuerliches Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Schonungslos offen und ehrlich erzählt. Erfahrungen, auf die ich teilweise liebend gerne verzichtet hätte, aber sie gehören nun mal zu meinem Leben. Nicht immer leicht, keine schöne Geschichte, keine schönen Erfahrungen, einfach nur ICH, mit allen Ecken, Kanten, Fehlern und guten Seiten. Keiner hat dieses Leben für mich gelebt und keiner wird es mir abnehmen und für mich weiterleben.

Daggi Geiselmann schildert in einer verstörend sachlichen Form die Umstände ihres Lebens. Aus einem verschüchterten, fast unsichtbarem Kind wird ein junges Mädchen, naiv und auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Liebe. Dass sie in der Stadt, in der sie aufwächst, leichte Beute für zwielichtige Gestalten wird, ergibt sich fast von selbst. Tiefer und tiefer wird sie in den Abgrund gezogen und arbeitet am Schluss als Prostituierte, um ihre Heroinsucht zu finanzieren. Dass irgendwann am Ende, als es wirklich nicht mehr weitergehen kann, ein rettender Engel auftaucht, ist erlösend und doch weit entfernt von einem Happy-End.

Wer sich vom Cover und dem nicht gerade aussagfähigem Klappentext nicht abschrecken lässt, erhält Einblick in ein Leben, das es einem unmöglich macht, nach Ende des Buches von Daggi Geiselmann loszukommen. Man muss bereit sein, sich mit all seinen Emotionen auf die Autorin einzulassen. Schonungslos und fast sachlich schildert sie, wie ihr Leben von Anfang an schief gelaufen ist. Während man beim Lesen des Buches wohlbehütet im heimatlichen Wohnzimmer sitzt, steigen Bilder auf, die den Leser nach Luft schnappen lassen. Wie tief sich dieses Elend in die Seele der Autorin gefressen hat, erkennt man am Schreibstil. Sie verheimlicht nichts, beschreibt ihre Arbeit als Prostituierte, schildert, wie sie Heroinsüchtig immer auf der Jagd nach dem nächsten Schuss ist und beschreibt auch den Mann, der sie aus dem Schlamassel herausholt. Das alles geschieht ohne große Emotionen und literarische Tiefe. Genau diese “Oberflächlichkeit” löst aber das Entsetzen im Leser aus. Während des Lesens habe ich ohne Unterlass auf ein Happy-End gehofft, aber auch dieses Aufatmen findet nicht statt.

Eine Biografie, die dem Leser kraftvoll vor Augen hält, wie gut es ihm geht.

Erschütternd. Gerade deshalb lesenswert.


Genre: Biographien
Illustrated by Kindle Edition

Mein Nachbar und ich

51AkPYU60xL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Vicky kommt mit ihrem fünfjährigen Sohn prima allein zurecht und pfeift  auf Männer. Sie fühlt sich wohl mit Kind, Job und Wohnung – doch das ändert sich schlagartig, als der attraktive Simon samt Tochter ins Haus zieht. Irgendetwas an ihm bringt Vicky auf die Palme und Simon geht es mit ihr nicht anders. Als eines Tages die Kita-Erzieher für eine Woche streiken, müssen sich die beiden notgedrungen gegenseitig aus der Patsche helfen. Dabei stellen sie fest, dass der erste Eindruck manchmal gewaltig täuscht.

Alleinerziehende Mutter mit Sohn, alleinerziehender Vater mit Tochter. Er ist freiberuflicher Architekt und arbeitet zuhause, sie jedoch fährt jeden Morgen ins Büro. Beide Kinder bleiben in der Kita und freunden sich an. Die Antipathie der Eltern ist greifbar, doch dies wird von den Kindern pflichtschuldigst ignoriert. Als beide Eltern vor einer wichtigen beruflichen Heruasforderung stehen, streikt natürlich das Personal in der Kita und die alleinerziehenden, erfolgreich berufstätigen Eltern müssen sich zusammenraufen, um die Kinder irgendwie unterzubringen und zu betreuen. Was passiert, wird dem Leser schnell klar: sie tasten sich aneinander heran, umschleichen sich, verwerfen ihre Gefühle, nerven sich, kurz, sie tun all das, was zwei Menschen tun, die feststellen, dass ihre anfängliche Antipathie in etwas anderes umschlägt.

Wer gerne Liebesromane liest und Screwball-Komödien schaut, wird von diesem Buch begeistert sein. Kirsten Wendt und Marcus Hünnebeck beschreiben diese Liebesgeschichte überaus kurzweilig und amüsant. Neu an der Geschichte ist, dass es ein Wechselspiel der Sichtweisen gibt. Hat man sich gerade auf die Seite von Vicky geschlagen, erfährt man, wie Simon die Situation sieht und welche Ziele er verfolgt. So möchte man lieber ihn herzen und unterstützen. Wie beide Autoren abwechselnd aus Männleins und Weibleins Sicht die Entstehung einer Liebe schildern, habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Zwei Menschen wie du und ich mögen sich nicht, mögen sich doch, gestehen es nicht ein, entfernen sich wieder, taktieren und am Ende sind auch die Kinder nicht ganz unbeteiligt daran, dass es kommt wie es kommen muss. Ein Schlagabtausch der Emotionen, sehr wortgewandt und spritzig geschrieben. Ein paar skurrile Typen beteiligen sich an der Paar-Werdung und auch diese sind warmherzig und mit viel Sinn für Humor gezeichnet. Die beginnende Romanze der beiden Protagonisten wird fortwährend unterbrochen durch die wunderbar verdrehte Wortwahl der Kinder, sodass man diese Menschen einfach mögen muss.Wunderbar und leicht zu lesen.


Genre: Liebesroman
Illustrated by Kindle Edition

Die Stillen müsst ihr fürchten – Tatort Köln

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Ein psychopathischer Killer vergewaltigt und ermordet junge Frauen in Köln auf brutale Weise. Nach dem Mord stellt er Bilder der toten Frauen in die Facebook-Profile der Toten. Die Kripo Köln um Lasse Brandt ermittelt auf Hochtouren, da der Mörder bereits seine nächste Tat angekündigt hat. Zu allem Überfluss bekommt Brandt einen neuen, unerfahrenen Partner an seine Seite gestellt. Kann die Kripo Köln den Täter schnappen, bevor die nächste junge Frau ihm zum Opfer fällt oder wird Brandt selbst zur Zielscheibe des Psychopathen?

Nach zwei Frauenleichen, deren Fotos im social media auftauchen und die Kölner in einen Zustand der Schockstarre versetzen, scheint es für Kommissar Lasse Brandt und seinen neuen  Kollegen, als sei der Täter immer einen Schritt voraus. Der Täter jedoch lässt den Leser an seiner kranken Handlungsweise teilhaben und führt die Polizei weiterhin an der Nase herum. Fieberhaft versucht das Team der Ermittler eine Gemeinsamkeit herzustellen zwischen den Opfern. Bis dies gelingt, landet die Polizei immer wieder in Sackgassen. Selbst als Brandt dem Täter gegenüber steht, gelingt es ihm nicht, ihn zu verhaften.

Der Klappentext klang wie ein beliebiger Krimi, erschien typisch: ein Psychopath, junge Frauen, die ermordet werden und ein Bulle, der irgendwie nicht genug Abstand hat. So weit schon einige Male geschrieben und nicht wirklich spektakulär. Weit gefehlt. Je weiter man eindringt in die Psyche des Mörders, umso größer wird die Spannung. Salim Güler versteht es, den Leser ins tiefste Innere des Mörders zu führen. Am liebsten möchte man der Polizei zurufen, was der Psychopath als nächstes plant. Tatsächlich tappt der Leser im Dunkeln, um wen es sich handelt. Dies offenbart sich erst zum Ende. Der Spannungsbogen wird von der ersten bis zur letzten Seite gehalten, auch weil die agierenden Figuren sehr gut charakterisiert sind. Man hat das Gefühl, jeden einzelnen zu kennen und fiebert deshalb mit. Der Täter ist ein zutiefst krankhafter und brutaler Mensch, den man im Verlauf der Geschichte am liebsten selbst massakrieren möchte. Der Autor erweckt im Leser gleichsam dunkle Seiten zum Leben, die ihn selbst erschrecken.  Andererseits möchte man dem Täter zustimmen, wenn er über die Dummheit seiner Opfer philosophiert. Bis zum Ende habe ich versucht, Abstand vom Täter und allen beteiligten Personen zu bekommen. Es ist mir nicht gelungen. Kein Krimi der üblichen Sorte sondern außergewöhnlich und überaus bestürzend.

Großartig.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Kindle Edition

Der törichte Engel

“Wie ein schleimiges Ungeheuer schleppte sich Weihnachten durch Pine Cove, zog eine Spur von Lametta, Girlanden und Schlittenglöckchen durch den Ort, triefte vor Eierpunsch, stank nach Tannenbaum und festlichem Verhängnis, wie Herpes unter einem Mistelzweig.“

Ein Buch, das so beginnt kann nicht gänzlich unbrauchbar sein und dieses ist im Gegenteil höchst vergnüglich, auch wenn man es stilgerecht eigentlich in der Adventszeit lesen müsste. Wir befinden uns in dem kalifornischen Kaff Pine Cove, nicht zum ersten Mal Schauplatz eines Romans von Christopher Moore, wo die Vorbereitungen für das Fest der Liebe auf Hochtouren laufen. Durch ein Missgeschick kommt der dabei der als Weihnachtsmann verkleidete Rabauke Dale Pearson nach einem Gerangel mit seiner Ex-Frau zu Tode un ein kleiner Junge droht ob des zufällig beobachteten Ablebens des heiligen Mannes traumatisiert zu werden. Wie praktisch, dass der törichte Erzengel Raziel (bekannt aus „Die Bibel nach Biff“) gerade in der Nähe und auf der Suche nach dem alljährlich fälligen Wunder ist: Flugs macht er das Geschehene rückgängig; allerdings werden durch einen Flüchtigkeitsfehler auch gleich noch alle anderen Bewohner des Friedhofs wiederbelebt. Und wie man es aus zahlreichen einschlägigen Filmen kennt, ist mit den lebenden Toten nicht gut Kirschen essen…

Christopher Moore hat mit „Der törichte Engel“ wiederum einen Roman geschrieben, der richtig Spaß macht und den dankbaren Leser verzaubert. Mit viel Liebe zum Detail brennt er ein Feuerwerk des Humors ab und lässt seine skurillen Protagonisten mächtig aufdrehen: Sheriff Crowe, der meistens bekifft ist und seine Frau Molly, die etwas aus dem Ruder läuft, seit sie eigenmächtig ihre Medikamente abgesetzt hat, nehmen an der Seite der übrigen Dorfbewohner den Kampf auf gegen blutrünstige Zombies, die zunächst Gehirne verspeisen und anschließend zu IKEA gehen wollen. In kleinen aber feinen Nebenrollen dürfen wir auch ein Wiedersehen mit dem Piloten Tucker Case und seinem sprechenden Flughund Roberto aus „Himmelsgöttin“ feiern und dabei bleibt kein Auge trocken.

Ich staune über die unerschöpfliche Fantasie des Autors und bewundere seinen herrlich trockenen Schreibstil, der im Genre der intelligenten Unterhaltung nicht leicht zu finden ist. Zu Recht wird Moore von den Kritikern immer wieder in die Nähe von Terry Pratchett und Douglas Adams gerückt und er braucht diesen Vergleich beileibe nicht zu scheuen. Ich wünschte, es gäbe mehr Bücher dieser Qualität, dann wären auch die Prüfungen, die die Deutsche Bahn täglich ihren (an Kummer gewohnten) Kunden auferlegt leichter zu ertragen.


Genre: Romane
Illustrated by Goldmann München

Himmelsgöttin

412vWWEUq0L._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Der junge Tuck ist Pilot, als solcher aber nicht sehr verantwortungsbewusst, und so geschieht es, dass er eines Tages den Jet eines Kosmetikkonzerns, für den er tätig ist, in sämtliche Bestandteile zerlegt. Es drohen der Verlust seiner Fluglizenz sowie strafrechtliche Konsequenzen und so ist Tuck mehr als froh, als er ein obskures aber prächtig dotiertes Angebot erhält: Transportflüge für einen Arzt/Missionar auf einer winzigen mikronesischen Insel. Allerdings gestaltet sich schon die Anreise dorthin mehr als abenteuerlich, denn das Boot ist in der Obhut eines wenig erfahrenen Navigators (ein Transvestit mit einem sprechenden Flughund!) und kentert. Die beiden Schiffbrüchigen retten sich mit letzter Kraft ans Ufer, wo sie sogleich von einem greisen Kannibalen in Empfang genommen werden.

Nach Klärung einiger Missverständnisse lernt Tuck dann seinen neuen Arbeitgeber und dessen Frau kennen, die eine Klinik auf der Insel der Haifischmenschen betreiben. Von Missionierung ist jedoch nicht viel zu sehen, die Eingeborenen hängen vielmehr einem „Cargo-Kult“ an und verehren ein altes Kriegsflugzeug mit einem aufgemalten Pin-up-Girl. Und es gibt noch mehr Merkwürdigkeiten: Geld scheint für den guten Doktor keine Rolle zu spielen, das Krankenhaus ist bestens ausgerüstet und wird streng bewacht, der Strand ist vermint und Tuck ist es untersagt, das Gelände zu verlassen. Klar, dass der draufgängerische Abenteurer jetzt erst recht neugierig wird und Erkundigungen anstellt…

Nach meiner ersten, eher zwiespältig verlaufenen Begegnung mit Christopher Moore in „Die Bibel nach Biff“ beschloss ich, dem Autor eine zweite Chance zu geben und siehe da, es hat sich mehr als gelohnt! „Himmelsgöttin“ sprüht nur so vor Witz und Erzählfreude und der Leser verfolgt das bunte Treiben der liebevoll ausgestalteten Protagonisten mit großem Vergnügen. Trotzdem ist der Roman mehr als nur eine Komödie, denn auch medizinisch brisante Themen stehen auf der Tagesordnung und werden ebenso souverän abgehandelt wie Religionswahn oder der Evergreen zwischenmenschliche Beziehungen. Moore bleibt dabei stets voller Humor, aber nicht ironisch distanziert, sondern er fühlt und leidet mit seinen herrlich skurrilen Figuren und das wirkt ansteckend. So entsteht ein wunderbarer Lesespaß, den ich allen Freunden intelligenter Unterhaltung guten Gewissens empfehlen kann.


Genre: Romane
Illustrated by Goldmann München

Die Bibel nach Biff

51WFGZrIdxL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Wir schreiben das Jahr 1999, der zweitausendste Geburtstag Jesu Christi steht kurz bevor und die himmlischen Mächte beschließen, an ihrer Außendarstellung zu arbeiten. Sie schicken den – nicht sonderlich intelligenten und zuverlässigen – Engel Raziel zur Erde, um Jesus’ besten Freund Biff wieder zum Leben zu erwecken, damit dieser die wahre Geschichte der Jahre des jungen Messias aufschreibt; ein neues Evangelium muss her. Die beiden mieten sich in einem Hotel in New Orleans ein, und während der Engel sich mit TV-Seifenopern und Wrestling-Kämpfen die Zeit vertreibt, erzählt Biff, was damals wirklich geschehen ist.

Es beginnt mit den Kindheitstagen der beiden Freunde, Jesus (oder Josua, wie er im Buch heißt) lässt tote Eidechsen auferstehen; er weiß zwar, dass er Gottes Sohn ist, aber nicht recht,was von ihm genau erwartet wird. Biff und Josua treffen Maria Magdalena („Maggie“), verlieben sich beide in das Mädchen, aber der Sohn des Herrn sich nicht mit fleischlichen Gelüsten beschäftigen darf, ist er auf seinen Freund angewiesen und lässt sich alles haarklein schildern. Als Maggie jedoch einem Pharisäer zur Frau versprochen wird, brechen die Freunde zu einer langen Reise nach China und Indien auf; sie suchen die drei Weisen aus dem Morgenland, die zu Josuas Geburt erschienen waren, denn von ihnen erhoffen sie sich Aufschluss über seine Mission…

Der Roman nutzt geschickt den Umstand, dass in der Bibel in der Biographie von Jesus ca. 30 Jahre fehlen, berichtet wird lediglich über die Geburt und die letzten Wochen vor seinem Tod. Auch die Spekulation, dass er sich im fernen Osten aufgehalten haben könnte, ist ja so neu nicht. Christopher Moore schreibt durchaus humorvoll, sehr gelungen sind beispielsweise die Passagen, in denen der dämliche Engel durch die TV-Kanäle zappt und auch Jesus weist bisweilen allzu menschliche Eigenschaften auf. Allerdings legt der Autor nie den (zu) großen Respekt vor seinem Protagonisten ab, gerade gegen Ende geht es dann schon ziemlich christlich zu. Eigentlich ist das schade, denn man hätte mehr aus dem Stoff machen können, ich denke zum Beispiel an den Film „Das Leben des Brian“. So ist es aber nicht mehr als ein vergnügliches Buch, das wohl auch Papst Ratzinger ohne schlechtes Gewissen lesen könnte.


Genre: Romane
Illustrated by Goldmann München

Rock-and-Roll-Zombies aus der Besserungsanstalt

51GKK9Ig6bL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_USA 1987: Die reaktionäre Reagan-Regierung versucht mit allen Mitteln ihre Vorstellungen einer christlichen und moralisch integren Gesellschaft umzusetzen und hat für jugendliche Rebellen (Punk- und Heavy Metal-Fans) Gehirnwaschanlagen eingerichtet, um diese Delinquenten auf den rechten Weg der Bigotterie zurück zu führen. In einer dieser Anstalten ist Melissa gefangen und als sie die Folter nicht mehr erträgt ruft sie ihre Freunde Wayne und Steve zu Hilfe. Die Befreier machen sich auf den Weg, doch dann schlägt ein Meteor in der Nähe des Jugendknasts ein und die dort verscharrten Toten erwachen zum Leben, um als Zombies blutrünstige Rache an ihren Peinigern zu nehmen…

Bryan Smith hat mit dieser flott geschriebenen Geschichte wieder einmal gezeigt, dass er alles liefern kann, was sich Horror-Fans vom Genre wünschen und erwarten: Eine originelle Story, Tempo, jede Menge Action und das gewürzt mit einer ordentlichen Prise Sex, Gore und Rock ‘n Roll. Bei seinen Zombies hält er sich eng an die Vorgaben der Romero-Klassiker (wer gebissen wird, verwandelt sich und das Gehirn muss zerstört werden um sie zu töten) und erweist dem Altmeister damit Referenz und Respekt. Dass er nebenbei auch noch ätzende Kritik an der Bigotterie und Heuchelei in Teilen der US-Gesellschaft äußert, erhöht den Unterhaltungswert durchaus. Ein Riesenspaß, allein der Titel des Buchs ist schon preiswürdig!


Genre: Horror
Illustrated by Festa

Kayla and the Devil

51xYGrKA1vL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Kayla ist 19, gut betucht, sieht umwerfend aus und hat dennoch ein Problem: Seit einiger Zeit wird sie von ihren Mitmenschen wie eine Aussätzige behandelt, auch Freunde und verflossene Liebhaber wollen partout nichts mit ihr zu tun haben. Des Rätsels Lösung erfährt sie bei einem Treffen mit dem Teufel, der höchstpersönlich verantwortlich ist für den Fluch, aber natürlich auch gerne bereit ist, ihr altes Leben wieder herzustellen. Allerdings gibt es bekanntlich nichts umsonst und der Preis in diesem Fall ist nicht nur Kaylas Seele, sondern auch ein Menschenopfer, das binnen einer Woche zu erbringen ist…

Bryan Smith schreibt erfrischend flott und lässt zu keiner Zeit Langeweile aufkommen, sein Stil erinnert an Edward Lee und Richard Laymon. Witzige Ideen (in diesem Roman wird Jack the Ripper wieder lebendig und sorgt für allerlei Aufregung) und viel schwarzer Humor bescheren ein höchst unterhaltsames Lesevergnügen; für Horrorfans lohnt es sich definitiv, diesen Autor zu entdecken, zumal etliche seiner Werke mittlerweile auch auf Deutsch vorliegen.


Genre: Horror
Illustrated by Bitter Ale Press

Das Spiel

51BVyQaZV6L._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_In dem kleinen Ort Donnerville, USA passiert eigentlich nicht viel, zumindest nicht in der Leihbücherei, wo die junge Jane Kerry arbeitet. Sie ist also umso überraschter, als sie dort eines Tages einen Umschlag mit 50 Dollar und einer Einladung zu einem Spiel findet. Der geheimnisvolle Unbekannte, der den Brief hinterlegt hat, nennt sich selbst „Master of Games“. Schnell findet Jane in der Bücherei einen zweiten Umschlag, diesmal enthält er 100 Dollar und weitere Instruktionen. Das Spiel geht weiter und die junge Frau ist fasziniert davon, nicht nur wegen der Belohnung, die bei jedem Fund verdoppelt wird. Allerdings steigen auch die Einsätze, die ihr abverlangt werden, denn die Orte, wo die Umschläge versteckt sind, werden für Jane immer gefährlicher. Und was hat es eigentlich mit Englischprofessor Brace Paxton auf sich, den sie gleich nach dem Auffinden des ersten Umschlags kennen lernt? Vielleicht weiß er ja mehr über das Spiel, als er zugeben will …

Bitte anschnallen und gut festhalten! Wie alle Bücher von Richard Laymon gleicht auch „Das Spiel“ einer rasanten Achterbahnfahrt in einem atemberaubenden Höllentempo. Von der ersten Seite an wird der Leser mitgerissen vom Strudel der Ereignisse, Zeit zum Luftholen bleibt kaum. Der Autor verzichtet auf langwierige Beschreibungen, die Sprache ist einfach und die kurzen Sätze verfolgen einzig und allein das Ziel, die Story zu entwickeln. Diese beschränkt sich auf den ersten 320 Seiten des Romans auf Janes Jagd nach den Geldumschlägen, bevor es dann richtig zur Sache geht und ein blutiger Albtraum beginnt.

Der Heyne-Verlag hat nun offenbar Richard Laymon für seine Hardcore-Reihe entdeckt und dort ist er bestens aufgehoben. In seinen Romanen wimmelt es von Monstern, Vampiren, Kannibalen, Psychopathen und sadistischen Triebverbrechern aller Art; ein Mix aus Sex und Gewalt. Es sind insofern schmutzige Bücher ohne großen literarischen Anspruch, aber sie sind auch phantasievoll und die durch das wahnwitzige Tempo entsehende Spannung hat durchaus ihren Reiz. Freunde der harten Horrorliteratur kommen hier voll auf ihre Kosten; für zart besaitete Gemüter gilt jedoch: Hände weg!


Genre: Horror
Illustrated by Heyne Hardcore München

Verderben

51hxr0DzagL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Juniper ist ein winziges Kaff in der Wüste von Arizona und entsprechend groß ist die Begeisterung unter den Eingeborenen als die Kaufhauskette The Store verkündet, eben dort eine Filiale zu eröffnen. Die Stadtväter räumen dem Konzern ohne zu zögern lästige Steinchen wie Gewerbesteuer oder Bauvorschriften aus dem Weg, gilt es doch, die Wirtschaft zu stärken, die ja bekanntlich selbstlos Arbeitsplätze und somit Wohlstand für alle schafft. Einige mysteriöse Todesfälle schon während der Bauarbeiten werden folgerichtig als bedauerliche aber unvermeidliche Kollateralschäden des Konsumkapitalismus eingestuft und sind auch schon vergessen, als endlich der heiß ersehnte Tag der Eröffnung da ist.

Das Warenangebot in dem riesigen Laden ist sensationell und muss keinen Vergleich mit den berühmten Einkaufstempeln der Metropolen zu scheuen; selbst Kunden mit exotischen Vorlieben für Nazi-Spiele oder Snuff-Movies kommen im Store voll auf ihre Kosten. Dazu gibt es reichlich Billig-Jobs für die dankbare Bevölkerung, Kleinstadtherz, was willst du mehr?

Bill Davis, Software-Autor und Familienvater, verfolgt die Euphorie um den Store mit Skepsis und Sorge, zumal auch seine beiden Teenie-Töchter dort beschäftigt sind, die von allerlei seltsamen Ritualen berichten. Bald bestätigen sich seine Befürchtungen, denn der Store zeigt schnell sein wahres Gesicht: Inhaber kleiner Läden werden mit Geld oder Gewalt außer Konkurrenz gesetzt, während man selbst die Produktvielfalt reduziert, die Preise erhöht und die Löhne senkt. Die Stadt, die sich bereitwillig in Abhängigkeit des Konzerns begab, geht dafür Pleite und der Store übernimmt auch diese Aufgaben, selbstredend zu seinen Bedingungen. Bill sammelt verzweifelt Material gegen den Moloch, stößt aber überall an Grenzen und so ist er umso überraschter, als er eines Tages eine Einladung nach Dallas erhält, zum legendären Konzernchef persönlich…

Auf Buch und Autor bin ich durch die Amazon-Empfehlungen gestoßen, bisweilen findet man dort echte Perlen. „The Store“ ist natürlich nur vordergründig ein Horror-Roman und Bentley Little streut die genre-üblichen Zutaten eher pflichtschuldig als überzeugt ein. Er nutzt vielmehr die Stilmittel der Gattung für eine herzerfrischend bitterböse Kapitalismuskritik reinsten Wassers, indem er die dort systemimmanenten Prozesse pointiert überspitzt und die Verantwortlichen zu Monstern mutieren lässt. Souverän räumt er mit auch hierzulande oft nachgebrabbelten Mythen der Neoliberalen auf, die alles dem Primat der Ökonomie unterordnen möchten.

Der Roman ist flott und stringent geschrieben, die Handlung verläuft weitgehend linear und weist etliche kleine Höhepunkte auf, wie z.B. die Tatsache, dass das perfekte all-american-girl Samantha im Store eine fast skrupellose Blitzkarriere hinlegt, während Bills andere, eher unangepasste Tochter Shannon wesentlich weniger empfänglich für derartigen Blödsinn ist. Ich habe inzwischen weitere Bücher von Bentley Little gelesen und bin sehr angetan nicht nur von deren Spannungsgehalt, sondern auch von der Vielseitigkeit des Autors. Etliche Werke sind bereits in Deutsch erschienen bzw. folgen noch, ich kann sie reinen Gewissens und wärmsten Herzens empfehlen.


Genre: Horror
Illustrated by Bastei Lübbe

Der kleine Bruder

5179YKr-kEL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Nach der erfolgreichen Verbannung aus der Bundeswehr setzt sich Frank Lehmann mit einem Kumpel ins Auto und brettert von Bremen nach Berlin um sich in der WG seines Bruders, der dort als Künstler arbeitet, häuslich niederzulassen. Dort findet er zwar keine Spur von Manni bzw. Freddie, dafür aber jede Menge skurriler Gestalten, die ihn sogleich unter ihre Fittiche nehmen.

Es beginnt eine lange Nacht, in deren Verlauf sich Frank mit den seltsamen Gebräuchen der Hauptstadt anno 1980 vertraut zu machen beginnt; tatkräftig unterstützt von seinen neuen Kumpanen. Als aber am nächsten Tag der verschollene große Bruder immer noch nicht auftaucht und zu allem Überdruss auch noch die Mutter aus Bremen telefonisch nervt, beginnt Frank mit der Suche, die sich allerdings schwieriger gestaltet als erwartet, denn Mannis Freunde scheinen ihm etwas zu verheimlichen…

Mit „Der kleine Bruder“ liegt nun auch der dritte Band der Lehmann-Trilogie des Bremer Erfolgsautors und Multitalents (er ist ja auch noch Sänger der Band Element of Crime) Sven Regener vor. Obwohl, ganz so einfach ist es auch wieder nicht, denn der zuletzt veröffentlichte Roman ist eigentlich der Mittelteil der Trilogie. Für Neueinsteiger, die jetzt die Chance haben, die Bücher in der korrekten chronologischen Reihenfolge zu lesen, empfiehlt sich diese Lektüre:

1. Neue Vahr Süd
2. Der kleine Bruder
3. Herr Lehmann

Nach den beiden bisherigen Werken war ich nun etwas enttäuscht. Der Roman beginnt zwar stark, schwächelt aber bald, da der Plot einfach zu flach ist, um über mehr als 300 Seiten zu tragen. Daraus resultiert eine Dialoglastigkeit der immer selben Protagonisten, die sich auch noch in den verschiedenen Kneipen permanent über den Weg laufen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch ist gewohnt gut geschrieben, durchaus lesenswert, für Lehmann-Fans sowieso unverzichtbar und überzeugt auch als nostalgisches Zeitdokument, das das Chaos aus Punks, Hausbesetzern und K-Gruppen in der Mauerstadt trefflich beschreibt. Wirklich nicht schlecht, dennoch hatte ich mir insgesamt mehr davon versprochen.


Genre: Romane
Illustrated by Bastei Lübbe

Dead Zone – Das Attentat

51BiafspSsL._SX312_BO1,204,203,200_Johnny Smith ist glücklich an diesem letzten Oktobertag 1970 und er hat allen Grund dazu: Er ist jung, voller Ideale, frisch verliebt und arbeitet mit seiner Freundin Sarah in einer High School als Lehrer; den beiden steht die Welt offen. Als Johny bei einem Jahrmarktbesuch am Glücksrad eine geradezu unheimliche Glückssträhne hat, ahnen sie nicht, dass dies ein Vorbote nahenden Unheils ist, denn auf dem Heimweg erleidet Johnny bei einem bizarren Autounfall schwere Kopfverletzungen und fällt ins Koma.

Es passiert viel in dieser Zeit: Der Vietnamkrieg eskaliert noch einmal bevor er endet, Nixon muss das Präsidentenamt aufgeben und ein skrupellos psychopathischer Provinzpolitiker namens Greg Stillson schickt sich an, nach höheren Weihen zu streben. Als Johnny Smith 1975 aus seinem langen Schlaf erwacht, hat sich auch seine private Welt ein Stückchen weiter gedreht: Seine alte Liebe Sarah ist inzwischen verheiratet und hat einen Sohn, während seine eigene Mutter dem religiösen Wahnsinn anheim gefallen ist. Er hat viel verloren, aber dafür etwas gewonnen, allerdings ein eher fragwürdiges Geschenk: Die Gabe, durch Berühren oder Gegenstände bestimmte Ereignisse aus deren Vergangenheit oder Zukunft zu erblicken. Johnny ist zunächst nicht glücklich darüber, er setzt seine Fähigkeit äußerst zögerlich und unwillig ein, bis er erkennt, dass sie auch Verantwortung und Verpflichtung bedeutet, besonders als er eine Vision erhält, wie die Welt unter einem Präsidenten Stillson aussehen könnte…

Stephen King hat mit diesem frühen Meisterwerk (Erstveröffentlichung 1979) die Messlatte für sich selbst sehr hoch gelegt: „Dead Zone“ gehört zu seinen besten Büchern. Die Geschichte des all-American guy John Smith (der Name spricht Bände), der zum Helden wider Willen wird, ist packend und einfühlsam erzählt und berührt den Leser zutiefst, da er sich der Faszination des Geschehens kaum entziehen kann. Auch die übersinnlichen Aspekte kommen überzeugend daher und jagen einem – etwa bei Johnnys Visionen während der Suche nach einem Frauenmörder – schon mal kalte Schauer über den Rücken.

Der Roman ist außerdem vielleicht Kings politischstes Buch überhaupt; neben einer Abrechnung mit dem Vietnamkrieg und der Nixon-Ära wird darin die uralte Frage nach der Rechtfertigung des Tyrannenmordes thematisiert und am Ende vom Autor höchst elegant gelöst. Ebenso reizvoll ist die Verquickung fiktiver und realer Personen, so begegnet Johnny zum Beispiel Jimmy Carter. Fans des Schriftstellers lernen hier auch zum ersten Mal das Städtchen Castle Rock kennen, das in späteren Werken Schauplatz und Katastrophen ist, sowie den dortigen Sheriff, der allerdings bereits in „Cujo“ wieder aus dem Verkehr gezogen wird. „Dead Zone“ wurde unter der Regie von David Cronenberg erfolgreich verfilmt, der Streifen mit Christopher Walken (Johnny) und Martin Sheen (Stillson) ist absolut sehenswert, was bei King-Adaptionen ja nicht ganz selbstverständlich ist.

Denkt man an Politiker wie Donald Trump, könnte der Roman bald erschreckende Aktualität erlangen…


Genre: Horror
Illustrated by Heyne München

Bad Monkeys

41f8RoyD1JL._SX339_BO1,204,203,200_Jane Charlotte, eine junge Frau aus San Francisco, hat ein Problem. Sie wurde wegen Mordes festgenommen und erzählt jetzt ihre schier unglaubliche Geschichte einem Psychologen. Demnach nämlich gehört sie zu einer mächtigen Organisation, die sich „Bad Monkeys“ nennt und die wirklich üblen Typen aus dem Verkehr zieht. Dabei bedient man sich vorzugsweise geheimnisvoller Wunderwaffen wie Pistolen, die einen Herzinfarkt verursachen und eines nahezu unerschöpflichen High-Tech-Repertoires. Jane berichtet von ihrer nicht allzu glücklichen Kindheit und ihrem ersten Kontakt mit den „Bad Monkeys“ als sie mit 14 auf eigene Faust einen Kindermörder verfolgte. Ihre Jugend verlief eher ziellos, dazu kamen Drogenprobleme und so war sie durchaus bereit, gegen das Böse zu kämpfen, als die Organisation sie einige Jahre später anwirbt und auf erste Missionen schickt.

Janes Geschichte ist zweifellos faszinierend, aber als der Psychiater einige Fakten dazu recherchiert, stößt er recht bald auf Widersprüche und Ungereimtheiten. Besonders die Beziehungen zu Bruder und Mutter stellen sich dort doch entscheidend anders dar, als von der Geheimagentin geschildert. Ihre Erklärung dafür, die Affen-Chefs hätten die Dokumente gefälscht, um Spuren zu verwischen vermag nicht ganz zu überzeugen und so entwickelt sich ein Showdown, in dem sich die Ereignisse überstürzen…

Regelmäßige Besucher und Leser dieses famosen Blogs wissen, dass Matt Ruff einer meiner Lieblingsautoren ist und er hat mich auch dieses Mal nicht enttäuscht, denn wieder einmal hat er mit „Bad Monkeys“ eine völlig neue Richtung eingeschlagen, die Festlegung auf ein bestimmtes Genre ist ganz klar seine Sache nicht. Wir haben es hier mit einem Thriller zu tun, voll futuristischer Elemente und die Komplexität der Handlung weckt Erinnerungen an die Matrix-Filme. Obwohl vordergründig ein Zwei-Personen-Stück, erschließen sich aus Janes Erzählung mehrere Dimensionen in einer Welt, in der unter der Oberfläche der Normalität Konflikte von beinahe biblischen Ausmaßen ausgetragen werden. Natürlich nur dann, wenn die Geschichte stimmt und der Kampf nicht ausschließlich in der Psyche der jungen Frau tobt…

Die gewohnte Sprachgewandtheit des Autors, gepaart mit seinem feinsinnigen Humor tut ein Übriges, um das Buch zu einem höchst spannenden Lesevergnügen zu machen, bei dem man ehrlich bedauert, wenn die letzte Seite umgeblättert ist. In diesem Fall wiederhole ich mich gern und appelliere erneut an alle hier versammelten Literaturfreunde: Lest endlich Matt Ruff, ihr werdet es nicht bereuen!


Genre: Romane
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G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke

51-4pCwzk2L._SX312_BO1,204,203,200_Wir schreiben das Jahr 2023 und befinden uns in New York City. Während der erfolreiche Unternehmer und Wolkenkratzer-Fan Harry Gant seine Sehnsucht nach immer noch höheren Gebäuden stillt, plagen sich die Mitarbeiter der städtischen Kanalisation mit ganz anderen Problemen herum. In den giftigen Abwässern gedeihen nämlich mutierte Raubtiere prächtig, dort wüten nicht nur Kanalligatoren sondern auch ein Weißer Hai, der zu Vermarktungszwecken auf den Namen „Meisterbrau“ getauft wird und schon bald Bekanntschaft mit Harrys Ex-Frau Joan schließt, die im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund tätig ist.

Unterdessen widmet sich eine Gruppe von Öko-Piraten dem gewaltlosen Kampf gegen die Umweltverschmutzung und die Ausbeutung der verbliebenen Natur. Ihre mobile Kommandozentrale ist das luxuriöse U-Boot „Yabba-dabba-doo“, mit dem sie (unterstützt von sprechenden Bibern und Eichhörnchen) ihre witzigen und effektiven Aktionen durchführen. Selbst ein Transrapid kommt – fernab von Wolfratshausen – zum Einsatz und es gilt auch noch, den Mord an einem Finanz-Tycoon aufzuklären. All das rückt jedoch in den Hintergrund, als ein durchgeknallter Super-Computer sich anschickt, mittels eines Heeres dunkelhäutiger Androiden („Elektro-Neger“) eine globale Verschwörung anzuzetteln…

Es ist – zumindest für mich – fast unmöglich, eine schlüssige Inhaltsangabe von „G.A.S.“ abzuliefern, zu komplex und opulent ist das Werk. Wie schon in „Fool on the Hill“ erschuf Matt Ruff mit ungeheurer Fantasie einen eigenen Mikrokosmos, in dem skurrile, liebenswerte Figuren ihr Unwesen treiben und der Leser verfolgt atemlos staunend das Geschehen, dankbar, dass er daran teilhaben darf. Trotz zahlreicher Nebenhandlungen verliert er nie den Überblick, da es der Autor meisterhaft versteht, die Stringenz zu wahren und das Heft in der Hand zu behalten.

Der Roman ist mit viel feinsinnigem Humor gewürzt, man meint, die Freude des Schriftstellers beim Spinnen der unzähligen Fäden zu verspüren und kommt so in den Genuss intelligenten Lesevergnügens. Matt Ruff macht einfach Spaß, seine Bücher sprühen vor Witz und Geist. Es wäre zu wünschen, dass eine breitere Leserschaft von diesem Autor Notiz nimmt, er hat es ganz sicher verdient.


Genre: Romane
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