Was wir wissen können

Diese Rezension muss mit einem Geständnis beginnen. Ich habe dieses Buch nach etwa einem Drittel abgebrochen. Es ist gefühlt eine Ewigkeit her, dass ich mich zu solch einem Schritt genötigt gesehen habe. Zunächst sucht man die Schuld ja gerne bei sich – schlecht recherchiert, Signale zu Inhalt und Autor falsch interpretiert. Leichter ist es natürlich, sich gleich auf Buch und Autor zu stürzen – Stil, Inhalt, Aussage, alles daneben.

Aber wir reden hier von Ian McEwan!

Der britische Schriftsteller ist ohne jeden Zweifel ein Meister seines Fachs. Er scheute sich in der Vergangenheit nicht, Gegenwartsthemen in kafkaeskem Stil anzugehen („Die Kakerlake“) oder bei gesellschaftskritischen Themen poetisch zu polarisieren („Lektionen“). Immer hat er es mit viel Intelligenz und Fingerspitzengefühl verstanden, alle Komponenten eines guten Romans virtuos anzurichten, auch wenn er literarisch experimentiert hat.

Und nun?

Hätte ich als begeisterter Fan wissen können, dass McEwan in „Was wir wissen können“ so ganz und gar nicht der gute alte Ian McEwan ist? Oder liegt vielleicht gerade da das Problem begründet, dass es der zu gute und vielleicht sogar zu alte Ian McEwan ist? Letzteres wohl eher nicht, wenn man bedenkt, wie viele Schriftsteller noch mit 80 oder 90 Jahren brillante Werke geschrieben haben (John le Carré, Ingrid Noll und andere). McEwan ist da mit seinen 78 doch fast noch in seinen besten Schaffensjahren.

Aber wie sind diese Verwirrtheit im Plot und diese ausschweifende Logorrhoe zu erklären?

Bis auf Seite 150 hat man Mühe, Inhaltsmosaike zu einer möglichst sinnvollen Geschichte zusammenzusetzen. Ein Versuch: Literaturwissenschaftler versuchen im Jahr 2119, ein Gedicht aus dem Jahre 2014 aufzufinden, das von einem mittelgradig bekannten englischen Dichter in einem kleinen Freundeskreis anlässlich des Geburtstages seiner Gattin ein einziges Mal vorgetragen wurde und dann verschwand. Um diesen über alle Maßen gerühmten Sonettenkranz dreht sich alles. Warum eigentlich, fragt man sich unentwegt. Vielleicht wäre die Antwort nach Seite 150 irgendwann gekommen, aber da der Autor die Geduld des Lesers bis zu diesem Zeitpunkt schon so überstrapaziert hatte, wird es der ein oder andere nie erfahren. Zum Beispiel ich. Und ich kann ehrlich gesagt gut damit leben.

McEwans Schreibstil in diesem Buch ist extrem langatmig, die Story mehr als krampfhaft konstruiert, ja überwiegend unlogisch in der Zeitachse und als Ganzes schwer nachvollziehbar. Gerade am Anfang fragt man sich oft, in welcher Zeit befindet man sich im jeweiligen Kapitel denn gerade. Offensichtlich hat McEwan beim Schreiben des Buches zudem unterschätzt, welche KI-gesteuerten Recherche-Mechanismen bis zum Jahr 2119 einsatzfähig sein würden, und beschränkt sich bei seinen sogenannten Quellenangaben auf Briefe, Tagebücher, Textnachrichten und eigene Vermutungen, die rhapsodisch zusammengesetzt werden. Oder soll dies die Abneigung des Autors gegen moderne digitale Medien ausdrücken? Man weiß es nicht. Oder hat er es in seinem idyllischen englischen Landhaus einfach verpasst, was in den letzten Jahren parallel vor seiner Tür passiert ist? Oder wollte McEwan einfach auch mal einen Semi-Science-Fiction-Roman schreiben, in den er dann gleich auch noch ein wenig Klimakrise eingebaut hat? Auch das gehört zu den Dingen, „die wir nicht wissen können“. Aber vielleicht wäre die alles erklärende Erkenntnis in den weiteren zwei Dritteln des Buches gekommen, wenn ich etwas mehr Durchhaltevermögen gezeigt hätte. Aber auch das hat der Autor mit seinen ermüdenden Ausführungen massiv boykottiert und permanent gegen mich gearbeitet.

Aber zum Schluss doch noch ein Lob: Sehr gut, realistisch und einprägsam fand ich alleine die Passagen zur Alzheimer-Erkrankung eines Protagonisten. Das soll kein versteckter Hinweis sein.

Ansonsten schien mir Ian McEwan bei diesem Buch mit dem gleichen Elan vor sich hinzuschreiben, wie mir mein Großvater Geschichten aus seinem Leben erzählt hat, obwohl ich schon lange eingeschlafen war.


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

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