Vom Preis des Wohlstands
Mit dem deskriptiven Titel «Zur See» hat die in Husum geborene Schriftstellerin Dörte Hansen die Thematik ihres neuesten Romans verdeutlicht. Dieses Buch ist nicht nur ein Lobgesang auf das Meer, hier auf die Nordsee, sondern auch die detaillierte Milieubeschreibung einer kleinen Insel und ihrer geschichtlichen Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg bis in die Neuzeit. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte einer fünfköpfigen Familie aus einer viele Generationen zurück reichenden Seefahrerdynastie, deren sich ändernde Lebensweise auf die sich allmählich verbessernden ökonomischen Bedingungen durch den aufkommenden Tourismus zurück zu führen ist. Aber dieser Wohlstand hat auch einen hohen Preis!
Jens Sander hat sich total von der Familie zurückgezogen, seine Kinder sind ihm immer fremd geblieben. Er lebt seit zwanzig Jahren als Vogelwart in einem primitiven Pfahlhaus des Amtes für Umweltschutz auf einer nahe gelegenen Vogelinsel. Mutterseelenallein kümmert er sich dort um die Vogelwelt und verscheucht Touristen, die hier keinen Zutritt haben. Hanne Sander musste ihre inzwischen erwachsenen drei Kinder deshalb allein großziehen. Ihr ältester Sohn Rykmer hatte als Kapitän eines Tankers bei einem Orkan auf hoher See die Nerven verloren, sein Steuermann musste das Kommando übernehmen. Seit diesem Schock ist er Alkoholiker und arbeitet, als Deckmann degradiert, auf der Inselfähre. Hanne hat nach dem Verkauf eines uralten Reetdach-Hauses an die Gemeinde, die darin ein schmuckes Heimaltmuseum errichtet hat, den Job als Museums-Führerin angenommen. Ihre selbstbewusste und unangepasste Tochter Eske hat Sprachwissenschaft studiert, arbeitet jetzt aber als Pflegerin im örtlichen Seniorenheim. Sie ist mit einer Frau liiert, die auf dem Festland ein Tattoostudio betreibt und Eskes Körper mit Tattoos regelrecht zugepflastert hat. Mit Sorge beobachtet Eske, dass die ländliche Idylle der Insel durch die wachsenden Touristenströme immer mehr zur Folklore verkommt, dass geldgierige Investoren Grundstücke an sich reißen und eine Wellness-Oase nach der anderen errichten, die das Dorfbild total verschandeln und Kirche und Leuchtturm nicht nur optisch verdrängen. Henrik, der jüngste Bruder, hat sich nie zu Schiffen hingezogen gefühlt, er hat immer schon am Strand Treibgut gesammelt und daraus Plastiken gefertigt, die er dann mit der Zeit sogar verkaufen konnte. Als Dorfkünstler ist er inzwischen durch die Zeitung auch auf dem Festland bekannt geworden und veranstaltet nun umfangreiche Ausstellungen seiner originellen Werke, zu der die Sammler von weit her angereist kommen.
Dieser auktorial erzählte Roman einer Zeitenwende folgt keinem Plot, er berichtet distanziert, mit immerzu wechselndem Fokus auf seine wortkargen Figuren, von den Veränderungen der dörflichen Idylle durch den Tourismus. Der hat die Seefahrt allmählich als Erwerbsquelle abgelöst und Wohlstand gebracht. Viele Fischerboote wurden zu Ausflugsbooten umgebaut oder veranstalten zur Demonstration kurze Fischfang-Ausflüge. Und mit umgebauten Pferdewagen werden die vielen Touristen unermüdlich über Insel kutschiert. Jeder Einwohner vermietet inzwischen auch Zimmer oder wandelt sein Haus in eine Pension um. Sogar der Dorfpfarrer ist mit seinen gut besuchten Predigten inzwischen berühmt, obwohl er sich doch innerlich schon längst von Gott gelöst hat. Nachdem fast alle ehernen Gewissheiten verschwunden sind, schwindet auch das unverbrüchliche Urvertrauen der Inselbewohner in das Element Wasser.
Als Begründung ihrer extrem dialogarmen Erzählweise hat die Autorin im Gespräch erklärt: «Vielleicht weil ich meine Figuren eher so ein bisschen in ihrer Tarnung lasse». Natürlich spielen neben den stimmig gezeichneten Figuren, die im Roman ein Jahr lang nebeneinander her leben, auch die See und das unwirtliche Wetter eine erzählerisch dominante Rolle. Obwohl nicht ganz klischeefrei – bis hin zu einem gestrandeten Potwal – ist diese pessimistische Erzählung vom Preis des Wohlstands besonders auch für nicht-maritime Leser durchaus bereichernd.
Fazit: erfreulich
Meine Website: https://ortaia-forum.d
Feministische Hommage an Big Apple
Deutschlandfunk trifft’s
Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details.
Irritierend eigenständig
“Wir werden von dem geleitet was wir nicht wissen wollen, etwas das uns kränkt und verletzt, davon laufen wir davon in die Wüste unserer Unwissenheit.” Als Wanda begannen sich zu formieren, sagen wir mal ca. 2010, war in Wien eigentlich nichts mehr los. Was die Bandmitglieder schnell verband, war das “Das Gefühl dieser entleerten Wiener Langeweile etwas entgegenhalten zu müssen. Irgendetwas musste passieren“. Kokett fügt er hinzu, dass es schließlich sie – Wanda – waren, die endlich “passierten“. Aber seine Selbsteinschätzung kommt nicht angeberisch, eher verwegen daher, denn Marco Wanda versteht es, immer wieder, zu betonen, wie viele andere Menschen, also Freunde und Freundinnen, am Erfolg von Wanda mitgebastelt haben. Trotz allen Stolzes ist ihm natürlich bewusst, wem er das alles zu verdanken hat und so wirkt auch seine Selbstüberschätzung durchwegs sympathisch da sie mit der Wien-typischen Selbstironie daherkommt. In Wien nennt man sowas nämlich Humor und vielleicht ist es genau das, was den meisten anderen Bewohner:innen der (Bundes-)Länder so abgeht. Selbst in der düstersten Stunde, als er von Schicksalsschlägen getroffen auf der Bühne immer noch weitermachen muss und er sich sein Rückgrat ruiniert, lacht er noch: “Endlich machte ich Bekanntschaft mit etwas, was sich gut anfühlte: legale Drogen“. Der Mick Jagger und alle bekommen es, meint sein Arzt, ein Allheilmittel für alle Künstler und Künstlerinnen, die es mal wieder übertrieben haben. Die Rede ist von Fentanyl, den höheren Weihen des Rockolymps legal zugänglich. Dieser Humor, dieses Schmunzeln, dieses “Singen auf der Folter” macht “Dass es uns überhaupt gegeben hat” zu einem hörenswerten Buch gerade weil es vom Autor selbst gelesen wird, der gerne auch die Stimmen anderer Prominenter imitiert. Auch dadurch wird sein literarisches Debüt zu einem echten literarischen Leckerbissen.

Eigentum. “Bist bes auf mi, Mutti?” Neu erschienen als Taschenbuch ist auch der (vor-)letzte Roman des Sprachkünstlers Wolf Haas. Der Erfinder der “Brenner”-Krimireihe fischt dieses Mal in ganz anderen Gewässern. Genauer gesagt in fremden “Lechn“, hochdeutsch: Lehen. Denn immer strebt der Mensch nach Besitz, nach Eigentum und selbst wenn es dann nur 1,7 m2 werden, ist zumindest etwas zum Vererben da.
Flurbereinigung auf den Mädchenköpfen
Anfangs dachte ich, das Vorgängerbuch Sapiens, das 25 millionenfach verkauft wurde, müsste ich vor diesem gelesen haben; der Autor bezieht sich gerne darauf. Dann aber überzeugte die Fülle der Beispiele dieses Buches. Diese „kurze Geschichte“ des Historikers hat mehr als sechs hundert Seiten, einhundert davon sind Quellenangaben.
Der Roman beschreibt die Geschichte einer Schwarzen Familie in einer kleinen neu-englischen Stadt am Meer, Salt Point, in den fünfziger Jahren. Cinthy, zu Beginn 13 Jahre alt, erzählt in Ich-Form.
Salman Rushdie sollte im Rahmen eines Projektes für in ihren Ländern verfolgte Autoren eine Rede halten, darüber „wie wichtig es ist, sich für die Sicherheit von Schriftstellerinnen und Schriftstellern einzusetzen.“ Er sieht den Mann aus dem Publikum im Staat New York aufstehen und auf ihn losrennen—ein Sicherheitsdienst war nicht vorgesehen.
In ihren anderen Büchern ging es um das Landleben und, wie Menschen sich ändern müssen, um dort zu leben: Im Alten Land suchen Vertriebene eine neue Heimat und bleiben fremd, in der Mittagsstunde flieht ein Einheimischer in die Stadt, aber kommt immer wieder zurück und beobachtet, wer und was sich ändert. (link Landlust und Landfrust) In Zur See bleiben die Inselbewohner der Heimat treu und erleben, wie das Meer auch andere in seinen Bann zieht. Aber auch, was sich hier alles ändert. Da sind alte Geschichten zu erzählen, von Männern, die zur See gingen und von großen Fluten. Wir leben mit den Menschen auch in der Winterzeit, sehen wie die Gewerke der Fischer und Bauern sich ändern und lernen, wie der Zeitplan der Fähre das Leben bestimmen kann.
Der kleine Yusuf himmelt den großen Kaufmann an, dem seine Eltern immer ein Festmahl kredenzen, wenn er, der Onkel Aziz, erscheint. Er schenkt ihm zum Abschied auch immer ein Geldstück. An anderen Tagen gibt es nicht immer etwas zu essen, seine Mutter meint, er solle doch den Staub essen, den der Holzbock hinterlässt. Richtig unangenehm wird sie ihm, als sie ihn herzt und küsst wie ein kleines Kind, er ist doch schon zwölf Jahre alt!