Elvis Presley’s Tochter und Enkelin

Pookie, ich weiß nicht mehr wie ich mein Buch schreiben soll. Kannst du es mir nicht schreiben?” Lisa Marie Presley, die einzige Tochter von Elvis Presley, verstarb 2023 im Alter von nur 54 Jahren. Ihre Tochter Riley “Pookie” Keough stellte anhand von Tonbandaufnahmen ihrer Mutter die vorliegende Autobiographie zusammen, die auch für andere Trauerende eine Botschaft enthält.

Wie die Mutter so die Tochter

Nur einen Monat nach der – fast – Fertigstellung ihrer Memoiren verstarb Lisa Marie überraschend. Danny Keough, der Vater von Riley, blieb bis zum letzten Augenblick ein treuer Freund, auch während ihrer Ehe mit Michael Jackson. So kann man das Buch auch als eine Dankesrede an Danny verstehen, der auch dann nicht von ihrer Seite wich, als sie mit einem anderen Michael weitere zwei Kinder bekam. Lisa Marie und Danny hatten auch noch einen Sohn, Ben, der Bruder von Riley, der mit nur 28 ebenfalls viel zu früh verstarb: er hatte sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Der Verlust ihres Sohnes und gesundheitliche Probleme führte auch zum Tod von Lisa Marie, die in vorliegender Doppel-Biographie in eigenen Worten von ihrer schwierigen Kindheit erzählt. Riley gibt dies ungeschminkt weiter und so entsteht das Bild von einer aufmüpfigen Teenagerin, die sich stets gegen die Auflagen ihrer strengen Mutter, Priscilla, und die der Gesellschaft wehrte. Schon als Teenager nahm sie allerhand Drogen und rebellierte gegen ihre Mutter, die wiederum selbst von ihrer Mutter mit Elvis bekannt gemacht wurde. Priscilla war damals gerade einmal 14, “ihre Eltern erlaubten das“, schreibt Lisa Marie. Elvis, ihr Vater, hatte manchmal Wutausbrüche, erzählt sie, aber es war eine “witzige Wut” und sie konnte viel mit ihm lachen. Auch nach der Scheidung von Priscilla soll er nie schlecht über sie geredet haben. Wahrscheinlich kamen seine Anfälle ohnehin von den “Medikamenten“, die seine Ärzte ihm verschrieben hatten.

Heavy Metal im Happy Valley

Es war ein Doppelschlag: Er ist tot, und jetzt bleibt mir nur sie.“, schreibt Lisa Marie. Sie musste Graceland zwar verlassen, aber manchmal konnte sie auch mit ihren Kinder, Ben und Riley, noch in das Schlafzimmer des King zurückkehren. Die Privaträume im oberen Stock wurden nie Teil der öffentlichen Ausstellung des Hauses. Lisa Marie war nur neun Jahre alt, als ihr Vater starb und als ihr Stiefvater Edwards sie unsittlich zu berühren begann und ihre Mutter ihr nicht glaubte, begannen ihre rebellischen Jahre. Priscilla versuchte sogar sie bei Scientology abzuladen, aber erst durch Danny bekam sie so etwas wie ein echtes Zuhause, auch wenn sie sich später wieder von ihm trennte. “Mit zwanzig war ich verheiratet, mit einundzwanzig Mutter, fast so wie meine eigene Mutter“, schreibt Lisa Marie. Auch über Billy Idol, Gottfried Helnwein und Nicolas Cage erzählt sie Unerwartetes, bis die Sucht wieder eskaliere. 80 Tabletten pro Tag (!) habe sie nach eigenen Aussagen zu sich genommen, bis ihr Sohn sich das Leben nahm. Spätestens jetzt schaffte sie den Entzug und Riley war richtig stolz auf sie, dass sie bis zu ihrem Tod durchhielt. Sie blieb “ihm zu Ehren komplett clean“. Allerdings bewahrte sie seinen Leichnam auf Eis gekühlt fast zwei Monate im Keller ihres Hauses auf und bestattete ihn erst dann. Riley spürte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihre Mutter daran zerbrechen würde. Dennoch wollte sie anderen Menschen noch helfen, das wäre auch der Sinn einer Autobiographie, schreibt Lisa Marie und ihre Tochter Riley machte genau das möglich, in dem sie das vorliegende Buch herausgab, das auch vielen anderen Trauernden helfen kann zu überleben: “Anderen zu helfen, das wäre erfüllend“.

Lisa Marie Presley/Riley Keough
From Here to the Great Unknown – Von hier ins Ungewisse
2026, Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-328-60378-8
Pinguin Verlag
€ 28,00


Genre: Autobiographie, Biographie
Illustrated by Penguin

Zur See

Vom Preis des Wohlstands

Mit dem deskriptiven Titel «Zur See» hat die in Husum geborene Schriftstellerin Dörte Hansen die Thematik ihres neuesten Romans verdeutlicht. Dieses Buch ist nicht nur ein Lobgesang auf das Meer, hier auf die Nordsee, sondern auch die detaillierte Milieubeschreibung einer kleinen Insel und ihrer geschichtlichen Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg bis in die Neuzeit. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte einer fünfköpfigen Familie aus einer viele Generationen zurück reichenden Seefahrerdynastie, deren sich ändernde Lebensweise auf die sich allmählich verbessernden ökonomischen Bedingungen durch den aufkommenden Tourismus zurück zu führen ist. Aber dieser Wohlstand hat auch einen hohen Preis!

Jens Sander hat sich total von der Familie zurückgezogen, seine Kinder sind ihm immer fremd geblieben. Er lebt seit zwanzig Jahren als Vogelwart in einem primitiven Pfahlhaus des Amtes für Umweltschutz auf einer nahe gelegenen Vogelinsel. Mutterseelenallein kümmert er sich dort um die Vogelwelt und verscheucht Touristen, die hier keinen Zutritt haben. Hanne Sander musste ihre inzwischen erwachsenen drei Kinder deshalb allein großziehen. Ihr ältester Sohn Rykmer hatte als Kapitän eines Tankers bei einem Orkan auf hoher See die Nerven verloren, sein Steuermann musste das Kommando übernehmen. Seit diesem Schock ist er Alkoholiker und arbeitet, als Deckmann degradiert, auf der Inselfähre. Hanne hat nach dem Verkauf eines uralten Reetdach-Hauses an die Gemeinde, die darin ein schmuckes Heimaltmuseum errichtet hat, den Job als Museums-Führerin angenommen. Ihre selbstbewusste und unangepasste Tochter Eske hat Sprachwissenschaft studiert, arbeitet jetzt aber als Pflegerin im örtlichen Seniorenheim. Sie ist mit einer Frau liiert, die auf dem Festland ein Tattoostudio betreibt und Eskes Körper mit Tattoos regelrecht zugepflastert hat. Mit Sorge beobachtet Eske, dass die ländliche Idylle der Insel durch die wachsenden Touristenströme immer mehr zur Folklore verkommt, dass geldgierige Investoren Grundstücke an sich reißen und eine Wellness-Oase nach der anderen errichten, die das Dorfbild total verschandeln und Kirche und Leuchtturm nicht nur optisch verdrängen. Henrik, der jüngste Bruder, hat sich nie zu Schiffen hingezogen gefühlt, er hat immer schon am Strand Treibgut gesammelt und daraus Plastiken gefertigt, die er dann mit der Zeit sogar verkaufen konnte. Als Dorfkünstler ist er inzwischen durch die Zeitung auch auf dem Festland bekannt geworden und veranstaltet nun umfangreiche Ausstellungen seiner originellen Werke, zu der die Sammler von weit her angereist kommen.

Dieser auktorial erzählte Roman einer Zeitenwende folgt keinem Plot, er berichtet distanziert, mit immerzu wechselndem Fokus auf seine wortkargen Figuren, von den Veränderungen der dörflichen Idylle durch den Tourismus. Der hat die Seefahrt allmählich als Erwerbsquelle abgelöst und Wohlstand gebracht. Viele Fischerboote wurden zu Ausflugsbooten umgebaut oder veranstalten zur Demonstration kurze Fischfang-Ausflüge. Und mit umgebauten Pferdewagen werden die vielen Touristen unermüdlich über Insel kutschiert. Jeder Einwohner vermietet inzwischen auch Zimmer oder wandelt sein Haus in eine Pension um. Sogar der Dorfpfarrer ist mit seinen gut besuchten Predigten inzwischen berühmt, obwohl er sich doch innerlich schon längst von Gott gelöst hat. Nachdem fast alle ehernen Gewissheiten verschwunden sind, schwindet auch das unverbrüchliche Urvertrauen der Inselbewohner in das Element Wasser.

Als Begründung ihrer extrem dialogarmen Erzählweise hat die Autorin im Gespräch erklärt: «Vielleicht weil ich meine Figuren eher so ein bisschen in ihrer Tarnung lasse». Natürlich spielen neben den stimmig gezeichneten Figuren, die im Roman ein Jahr lang nebeneinander her leben, auch die See und das unwirtliche Wetter eine erzählerisch dominante Rolle. Obwohl nicht ganz klischeefrei – bis hin zu einem gestrandeten Potwal – ist diese pessimistische Erzählung vom Preis des Wohlstands besonders auch für nicht-maritime Leser durchaus bereichernd.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Eine Frau in New York

Feministische Hommage an Big Apple

Von der 1935 im Stadtteil Bronx geborenen Vivian Gornick ist mit «Eine Frau in New York» erst das zweite Werk aus dem beachtlichen Œuvre der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung auch auf Deutsch erschienen. Die Tochter russisch-jüdischer und kommunistischer Eltern ist hierzulande bisher kaum bekannt, genießt in ihrer Heimat USA aber besonders als vehemente Feministin hohes Ansehen. Beim vorliegenden Band handelt es sich um ein Memoir, also um eine aus der Ich-Perspektive mit literarischen Mitteln des Romans erzählte, non-fiktionale Geschichte mit autobiografischem Hintergrund zu einer ganz bestimmten Thematik. Wie der harmlos scheinende Titel andeutet, geht es hier also explizit um Erfahrungen und Eindrücke einer Frau in dieser Stadt, die niemals schläft. Beim Erscheinen der Original-Ausgabe dieses Memoirs im Jahre 2015 schrieb die New York Times sinniger Weise, es könne wie ein Lebensratgeber gelesen werden.

In skizzenhaften, nur losen verknüpften Szenen und Episoden berichtet Vivian Gornick von ihrem Leben als Schriftstellerin, wobei man schon bald merkt, dass Frausein in diesem städtischen Moloch, ein Schmelztiegel praktisch aller Nationen dieser Welt, ungleich mehr Freiheiten und ganz andere Möglichkeiten eröffnet als anderswo. Die Autorin ist eine ewig Suchende nach sich selbst, sie genießt die unendlich scheinende Freiheit wie ein Lebenselixier. Wobei sie ihre Beobachtungen und Erfahrungen auf langen Fußmärschen macht, die sie mit wildfremden Menschen zusammenführt, unerwartete Begegnungen ermöglicht und zu Gesprächen verleitet, die ihr häufig Informationen aus den Überlebens-Techniken der anderen vermitteln. Dazu gehört als typisches Phänomen auch die permanent ausbrechende Streitbarkeit genervter Großstadtmenschen. Als Frau ohne Bindungen, von zwei kurzen Ehen abgesehen, hat sie alle Freiheiten in dieser Stadt mit ihrem Weltbürgertum, die sie auch sehr bewusst genießt, – und dazu gehört für sie vor allem das wohltuende Alleinsein.

Vivian Gornick erweist sich als Portotyp einer Flaneurin mit wachem Blick, deren stundenlange Spaziergänge durch Big Apple ihr auch diverse Anregungen liefern für ihre schriftstellerische Arbeit. Immer wieder schält sich als Motiv ihrer Streifzüge aber auch die Suche nach Anerkennung und Zuneigung heraus. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie viele Bekanntschaften gemacht, Freundschaften geschlossen und Affären gehabt, die aber alle nur eine begrenzte Zeit angedauert haben. Der Gewinn für den Leser dieses Memoirs liegt in den Schlüssen, die diese blitzgescheite Frau aus ihren permanenten Grübeleien und Selbstreflexionen zieht, und die dann en passant sogar auch noch manche verblüffende Lebensweisheit zu Tage befördern. Die Ich-Erzählerin trifft immer wieder zufällig auf langjährige Freunde und Bekannte, zu denen sie den Kontakt verloren hatte. Und sie lernt auf Dinnerpartys neue Leute kennen und ergeht sich in langen, intellektuell hoch stehenden Gesprächen, bleibt dabei aber immer selbstkritisch in ihrem elitären Umfeld. Ihr langjähriger, wichtigster Gesprächspartner ist Leonard, der sie mit seinen schlagfertigen, oft auch witzigen Repliken häufig überrascht.

Mit dem Fokus auf die Bevölkerung ihrer Stadt schreibt die Autorin eine wahre Eloge auf die bunte Mischung von Menschen mit ihren unterschiedlichsten Temperamenten, deren Stimmen wie ein Hintergrund-Rauschen alles überlagern. Es ist die «Streitbarkeit der Vielfalt», die sich als wahrer Quell der gedanklichen Streifzüge einer radikal feministischen Autorin erweist. In New York habe man permanent den «Geschmack von Welt auf der Zunge», heißt es an einer Stelle. Belebt wird diese narrative Collage ohne Plot durch diverse literarische Anspielungen und Verweise, geschrieben ist sie in einer anspruchsvollen, präzisen Diktion mit Satzgebilden, die wie in Marmor gemeißelt erscheinen und mit dazu beitragen, das Lesen dieser literarischen Neuentdeckung zum reinsten Vergnügen werden zu lassen.

Fazit:   erstklassig

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Genre: Memoir
Illustrated by Penguin

Malnata

Deutschlandfunk trifft’s

«Malnata», der erste Roman der jungen Schriftstellerin Beatrice Salvioni, erinnert thematisch stark an Elena Ferrantes Bestseller «Meine geniale Freundin». Prompt ist auch hier wieder ein Hype um dieses von den italienischen Feuilletons hoch gelobte und in 35 Sprachen übersetzte Buch entbrannt. Und auch hierzulande waren die Leserkommentare euphorisch, ganz im Gegenteil dazu haben jedoch die deutschen Print-Medien diesen Roman komplett ignoriert, die einzige Buchbesprechung im Perlentaucher stammt jedenfalls vom Deutschlandfunk Kultur und ist ein regelrechter Verriss. Das Buch sei schlicht und ergreifend ein Trivialroman, erklärt der Buchkritiker Christoph Schröder dort in seinem Radiobeitrag! Kann das wahr sein, fragt man sich als irritierter Leser.

Historischer Hintergrund dieser Erzählung ist der Faschismus in Italien und der von Mussolini angezettelte Abessinenkrieg. Die titelgebende «geniale» Freundin in Ferrantes Roman ist bei Salvioni eine «unheilbringende», und so wird Maddalena von allen im Ort auch nur«Malnata» genannt. Manche bezeichnen das selbstbewusste, unangepasste Mädchen, das uns da vom Buchcover her so wütend anblickt, sogar als Hexe, weil in ihrer Anwesenheit schon schreckliche Unfälle passiert sind. Francesca hingegen, die zwölfjährige Ich-Erzählerin und Protagonistin des vorliegenden Romans, stammt aus so genanntem ‹gutem Hause› und wird von ihrer naiv religiösen Mutter streng erzogen. Unterschiedlicher könnten die beiden Mädchen gar nicht sein, aber trotz aller Warnungen werden sie beste Freundinnen. Der vierteilige, im Jahr 1935 in der Lombardei angesiedelte Roman beginnt gleich im Prolog mit einem erzählerischen Paukenschlag: Ein zu den strammen Faschisten gehörender junger Mann versucht, am Ufer des Lambro die brave Francesca zu vergewaltigen. Deren Freundin, die böse «Malnata», kommt ihr zur Hilfe und erschlägt schließlich den Übeltäter im Kampf, – bringt also, ihrem Ruf entsprechend, Unheil.

Maddalena ist ein Freigeist par excellence, unangepasst, kampfeslustig, immer schmutzig, immer zum Widerspruch bereit, sie lässt sich von niemandem etwas sagen. Frech wie sie ist stielt sie zum Beispiel mit Hilfe zweier Jungen, die sie wie Schatten überall begleiten und ihr aufs Wort gehorchen, beim Obsthändler einen ganzen Korb Kirschen. In der Schule sitzen die brave Francesca und die aufmüpfige Maddalena nebeneinander in der ersten Reihe. Auf Wunsch ihres älteren Bruders nämlich soll die «Malnata» unbedingt die Schule absolvieren, wozu sie eigentlich gar keine Lust hat. Aber sie fügt sich ausnahmsweise mal und strengt sich sogar an. Francesca, die gute schulische Leistungen zeigt, hilft ihr nach Kräften dabei. Es kommt zum Eklat, als bei der allmorgendlich zur Begrüßung im Stehen heraus geschmetterten Hymne zu Ehren des Duce Maddalena einfach sitzen bleibt und schweigt. Francesca sagt die Hymne zwar brav auf, fügt aber hinterher noch eine recht kritische Bemerkung zum Faschismus hinzu. Maddalena muss die Schule sofort verlassen, Francesca aber kommt noch mal mit einem blauen Auge davon.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse wird in dieser Coming-of-Age-Geschichte über die Rollen-Erwartungen berichtet, mit denen sich junge Mädchen damals zunehmend konfrontiert sahen. Ihr Kampf um ein selbst bestimmtes Leben beinhaltet auch ihre Auflehnung gegen die gesellschaftliche Scheinheiligkeit in sozialer und religiöser Hinsicht. Diese Loyalitäts-Konflikte kulminieren in einem nebelhaften Ende, das zumindest andeutet, dass die beiden Mädchen im Kern ja Recht habenund der Vergewaltiger seinen Tod selbst herauf beschworen hat. Als Melodram allerdings kann der Roman nicht überzeugen, allzu viele Klischees werden da bemüht, die grotesken Figuren wirken seltsam ambivalent, und das Setting des Romans in Mussolinis Italien ist definitiv zu weit hergeholt als passende historische Kulisse. Der Deutschlandfunk hat letztendlich also doch Recht mit seiner literarischen Zuordnung!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
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Die elfte Stunde. Fünf Erzählungen

Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details. Weiterlesen


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Penguin

Rom sehen und nicht sterben

Irritierend eigenständig

Der neue Roman von Peter Wawerzinek mit dem originellen Titel «Rom sehen und nicht sterben» reiht sich ein in die nicht abreißende Welle von auto-biografischen Romanen, mit denen derzeit im Bereich der Belletristik der Buchmarkt geradezu überschwemmt wird. Es entsteht der Eindruck, den schreibenden Damen und  Herren fällt nichts mehr ein, deshalb müssen alle sie über ihr eigenes, mehr oder weniger interessantes Leben schreiben. Statt das dann auch «Autobiografie» zu nennen, werden kurzerhand einige fiktionale Elemente eingefügt, und schon gibt es einen neuen Roman. Und «Roman» auf dem Buchtitel, sei hinzugefügt, das verkauft sich halt einfach besser! Immerhin hat es ja das neue Buch des Autors auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis dieses Jahres geschafft, trotz der auto-biografischen Schwemme, das zeugt ja immerhin von einer gewissen literarischen Qualität.

Und in der Tat erweist sich dieser Roman, der als Brief eines Schriftstellers (sic) an einen nicht identifizierbaren Empfänger verfasst ist, gleich zu Beginn als stilistisch grandios, wenn der Autor auf der Tiberbrücke Ponte Sisto stehend den abendlichen Einzug der Stare von den kalten Olivenhainen ins sonnenwarme Rom beschreibt. Am Anfang sei nur diese Schwärze über dem Horizont als «Flatterband» zu sehen. «Das sich im Anflug aufbläht, an Volumen gewinnt und zerreißt, sich in Fetzen auflöst. Wolken bilden sich aus unzähligen Leibern, die aufeinander zufliegen, sich berühren, durchdringen, verschlingen, auffressen, ausspeien, in kleinere Wirbel zerstäuben, sich neuerlich zusammentun, voluminöse Blubber bilden, die implodieren und sich in Wohlgefallen auflösen». Und weiter heißt es: «Könnten unser beider Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Hoffungen sein, in Bewegung geraten».

Der Ich-Erzähler ist Stipendiat der Villa Massimo, wo er für zehn Monate Quartier bezieht, um ungestört schreiben zu können, eine große Ehre, fast schon ein Ritterschlag für jeden Schriftsteller. Die geschichtsträchtige Ewige Stadt bietet ihm eine Fülle von neuen Eindrücken, wobei er allerdings auch kritisch anmerkt, das vieles hier, auch in der Villa Massimo, nur auf antik getrimmt ist. Auf langen Spaziergängen durchstreift er täglich die Stadt, um Inspirationen für den Roman zu sammeln, den er hier zu schreiben gedenkt. Bis er schließlich, durch die Corona-Pandemie gezwungen, seine täglichen Expeditionen einstellen muss. Zu allem Unglück löscht er auch noch versehentlich und unreparabel auf seinem Laptop den fast fertigen, neuen Roman. Er zieht für einige Jahre nach Trastevere um und beschließt, dort über den Filmregisseur Pier Paolo Pasolini zu schreiben. Nach einigen Schwäche-Anfällen entschließt er sich schließlich widerwillig, seinen Hausarzt in Deutschland anzurufen, mit dem er auf sehr vertrautem Fuße steht, er duzt ihn und nennt ihn nur «Min Skipper». Der beordert ihn sofort nach Deutschland zurück, und nach einigen Untersuchungen steht dann fest, dass er Krebs hat. Als Kämpfernatur beschießt er, nicht aufzugeben, sich der Konfrontation mit dem Tod zu stellen. Dieser Weg zurück ins Leben macht den größten Teil der Erzählung aus, er wird äußerst anschaulich und mitreißend beschrieben.

Ein lebensbejahender und Mut machender Roman also, dessen Stärke und Alleinstellungs-Merkmal die eigenwillige und auch eigenständige Sprache ist, in der er geschrieben wurde. Es wimmelt darin nur so von vielerlei Reihungen, wie sie exemplarisch im Zitat vom Einzug der Stare nach Rom zu sehen sind. Der vorwärts drängende, reportageartige Erzählfluss wird auch durch das Weglassen der Subjekte in vielen Sätzen verstärkt, wie nachfolgendes Beispiel zeigt: «Bekomme Krämpfe in den Fingern. Schlafen mir die Arme ein. Kribbeln. Werde vom Schwindelgefühl befallen. Weiß plötzlich nicht mehr, was ich schreiben wollte». Stilistisch verbinden sich hier Wortwitz, lustige Wortspiele und rasanter Sprachrhythmus miteinander, die dem Roman, in Hinblick auf seine Thematik allerdings irritierend, etwas sehr Eigenständiges verleihen.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
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Marco Wanda: Dass es uns überhaupt gegeben hat

Marco Wanda. Marco Wanda,der Sänger und Songwriter der “größten österreichischen Rockband“, Wanda, die sich nach der Zuhälterin Wanda Kuchwalek benannte, hat ein Buch geschrieben. Dass er nicht zufällig Frontman und auch Texter der deutschsprachigen Chartstürmer wurde, beweist er in seiner Rockstarlebensbeichte durch sein ausgeklügeltes Erzähltalent.

Aufstieg, Ruhm und Läuterung

Der ehemalige Student der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien hatte mit Wanda so viel Erfolg, dass er sein Studium kurzerhand abbrechen musste. Allerdings wurde der steile Aufstieg und anhaltende Hype und der damit verbundene Ruhm bald zu einer Bedrohung für den 1987 in Wien geborenen Popbarden. Der Weg zur Weisheit ist schließlich mit guten Absichten gepflastert: Alkohol, Hasch, DMT, XTC, MDMA, Psychodelia und auch Kokain gehörten zum Benzin des kometenhaften Aufstiegs an die Spitze der deutschsprachigen Charts. “Man fühlt sich aus verschiedenen gründen schuldig und ist dankbar endlich dafür bestraft zu werden“. In der American Bar (“Die Bar”) ertränkt er sich mit Whisky Sour. “Man richtet sich hin und glaubt man feiert das Leben“, so Marco Wanda in der Synthesis seiner Rockerjahre. Aber der inzwischen 38-jährige zeigt sich durchwegs geläutert von seinem schnellen Aufstieg und dem damit verbundenen Rock’n’Roll Leben. Schon auf den ersten Seiten bekennt er, dass er Alkoholiker ist und hoffentlich bald war, denn inzwischen macht er eine Therapie. Auf dem Weg ganz nach oben hat er viele lieben Freunde verloren, vor allem aber auch seinen Vater und den Keyboarder seiner Band, Christian, der neben dem Gitarristen Manu zum Gründungsmitglied der „vielleicht letzten wichtigen Rock’n’Roll-Band unserer Generation“ (Musikexpress) avancierte. Immer wieder spielt der Tod in seinem Buch eine Rolle, es scheint fast, als wäre er ein ständiger Begleiter dieser Band aus dem Wiener Milieu, einer Stadt, die unheimlich vom Hype um diesen ersten großen Wiener Musikexport profitierte. Denn vor Wanda gab es außer Austropop nicht viel auf das man sich als junger Mensch beziehen konnte. Aber auch der war schon seit Jahrzehnten: tot.

Wanda als kollektive Sehnsucht

Wir werden von dem geleitet was wir nicht wissen wollen, etwas das uns kränkt und verletzt, davon laufen wir davon in die Wüste unserer Unwissenheit.” Als Wanda begannen sich zu formieren, sagen wir mal ca. 2010, war in Wien eigentlich nichts mehr los. Was die Bandmitglieder schnell verband, war das “Das Gefühl dieser entleerten Wiener Langeweile etwas entgegenhalten zu müssen. Irgendetwas musste passieren“. Kokett fügt er hinzu, dass es schließlich sie – Wanda – waren, die endlich “passierten“. Aber seine Selbsteinschätzung kommt nicht angeberisch, eher verwegen daher, denn Marco Wanda versteht es, immer wieder, zu betonen, wie viele andere Menschen, also Freunde und Freundinnen, am Erfolg von Wanda mitgebastelt haben. Trotz allen Stolzes ist ihm natürlich bewusst, wem er das alles zu verdanken hat und so wirkt auch seine Selbstüberschätzung durchwegs sympathisch da sie mit der Wien-typischen Selbstironie daherkommt. In Wien nennt man sowas nämlich Humor und vielleicht ist es genau das, was den meisten anderen Bewohner:innen der (Bundes-)Länder so abgeht. Selbst in der düstersten Stunde, als er von Schicksalsschlägen getroffen auf der Bühne immer noch weitermachen muss und er sich sein Rückgrat ruiniert, lacht er noch: “Endlich machte ich Bekanntschaft mit etwas, was sich gut anfühlte: legale Drogen“. Der Mick Jagger und alle bekommen es, meint sein Arzt, ein Allheilmittel für alle Künstler und Künstlerinnen, die es mal wieder übertrieben haben. Die Rede ist von Fentanyl, den höheren Weihen des Rockolymps legal zugänglich. Dieser Humor, dieses Schmunzeln, dieses “Singen auf der Folter” macht “Dass es uns überhaupt gegeben hat” zu einem hörenswerten Buch gerade weil es vom Autor selbst gelesen wird, der gerne auch die Stimmen anderer Prominenter imitiert. Auch dadurch wird sein literarisches Debüt zu einem echten literarischen Leckerbissen.

Reisen, Rockstars und Remedy

Dem Prinzip, dass nahezu alles, außer der Liebe, einen Preis hat, ist in diesem Leben nicht zu entkommen.“ Was seine Geschichten so einzigartig macht ist ihr Aufbau, teilweise lesen/hören sie sich wie erzählte Anekdoten an, einfach zu gut um wahr zu sein, da die Pointen wirklich sitzen. Egal ob er von seinen Reisen nach Kairo, Paris, London, New York, Koh Yao Yai oder Georgien erzählt oder einfach nur die Bandgeschichte vervollständigt, dieser Mensch hat einen Drive, einen Vibe, einen erzählerischen Ductus, der selbst seine politischen Ausführungen und Stellungnahmen nachvollziehbar machen. “Jede Erinnerung die kein sinnliches Gefühl heraufbeschwört ist falsch. Die einzig wahre Erinnerung ist die Liebe. Alles zerfällt außer unserer Liebe.” Sein Plädoyer gegen die Spaltung unserer Gesellschaft, die seit der Pandemie zugenommen hat, rechtfertigt tatsächlich die Absenz seiner Band von der Tagespolitik. Denn Wanda wollten immer einschließen, zusammenbringen und nicht auseinanderdividieren. Natürlich verwehrt er sich auch gegen jedwede politische Vereinnahmungen von links oder rechts. Letzteres sind sie mit Sicherheit nicht, auch wenn sie Lederjacken und Jeans wie die Ramones tragen. Es ist einfach toll, dass sie es geschafft haben, denn damit wurde wieder einmal der Beweis erbracht, dass die größte Kraft (in Wien) immer noch die Vorstellungskraft ist. Endlich ist “wieder etwas passiert“. In Wien.

Marco Wanda geht mit seinem Debüt auf Tournee und ist in folgenden Städten LIVE selbst zu erleben: Lestermine. Bis dahin: das Hörbuch oder der Hörbuchdownload sind ein guter Zeitverkürzer!

Marco Wanda
Dass es uns überhaupt gegeben hat
Hörbuch, ungekürzte Lesung
Sprecher*innen: Marco Wanda
2025, Hördauer: 10h 35min, Hörbuch Download
ISBN: 978-3-7599-0142-2
Penguin Books
€ 24,95

 


Genre: Biographie, Roman
Illustrated by Penguin

Das grosse Spiel

Wenn es in unseren Zeiten ein schreibendes Gewissen gibt, dann trägt es den Namen Richard Powers. Es gab in den letzten Jahren kein heißes gesellschaftliches Eisen, das dieser Autor mit seiner intellektuellen Vielseitigkeit nicht angefasst hätte. Seine beruflichen Tätigkeiten als Lehrer an einer internationalen Schule in Bangkok und später als Programmierer sowie seine Studiengänge in Physik und Literatur waren neben seiner unbestreitbaren literarischen Begabung hervorragende Voraussetzungen, um naturwissenschaftliche und philosophische Themen für eine breite Leserschaft aufzuarbeiten. Erkenntnisse der Gehirnforschung und ihre psychologischen Implikationen zeigt er in „Das Echo der Erinnerung“ am Beispiel eines hirnverletzten Unfallopfers auf. In „Klang der Zeit“ verknüpft er seine Kritik am amerikanischen Rassismus und seine Sympathie mit der Bürgerrechtsbewegung geschickt mit einer Familiensage und breitet gleichzeitig seine fundierte Begeisterung zur Musik aus. In „Die Wurzel des Lebens“ kämpfen neun Protagonisten um den Schutz der Bäume vor Abholzung. Weiterlesen


Genre: Politik und Gesellschaft, Roman, Science-fiction
Illustrated by Penguin

Eigentum

Eigentum. “Bist bes auf mi, Mutti?” Neu erschienen als Taschenbuch ist auch der (vor-)letzte Roman des Sprachkünstlers Wolf Haas. Der Erfinder der “Brenner”-Krimireihe fischt dieses Mal in ganz anderen Gewässern. Genauer gesagt in fremden “Lechn“, hochdeutsch: Lehen. Denn immer strebt der Mensch nach Besitz, nach Eigentum und selbst wenn es dann nur 1,7 m2 werden, ist zumindest etwas zum Vererben da.

Lehen und Leute

Teilweise im Dialekt seiner Mutter (der Autor ist in Maria Alm am Steinernen Meer geboren) verfasst, dann wieder umgangssprachlich, österreichisch, sogar hochdeutsch bereitet Wolf Haas Leserinnen und Lesern wieder eine ganz besondere Lektüre. Zwei Tage vor dem Tod seiner Mutter, will er noch das Wichtigste aufschreiben, aber was ist angesichts des Todes noch wichtig? Der Autor tut es in gebohnert Manier: mit viel Humor und witzigen Wendungen, Sprachakrobatik und viel Kunstfertigkeit. “Ich will das hinschreiben, solange sie noch lebt, danach möchte ich mich nicht mehr damit beschäftigen“, schreibt er, “(…)dann machte ich diese verdammten Geschichten auch endlich begraben, was geht es mich an, dass ein Mensch, den ich gekannt habe, sein kleines Lechn immer wieder gegen ein größeres Lehn getauscht hat.” Die ironische Verkürzung des Lebens seiner Verwandten am Land auf “Geschichten” ist natürlich nur eine Schmerzvermeidungsstrategie. Aber anders als der eingangs zitierte Liedtext vermuten lässt, war seine Mutter gar nicht böse und schon gar nicht böse auf ihn, den Wolf. Sie war böse auf die Leute. “La gente“, wie der Sohnemann beflissen hinzufügt. Denn eigentlich hätte sie sich gar nicht vor denen jahrzehntelang verstecken müssen. Im Dorf war ohnehin nur mehr am Friedhof was los. Dort begleitet er sie nun hin und verabschiedet sich von ihr.

Lass weg, Haas!

Seine Mutter hatte viele Jobs, als Servierkraft zum Beispiel. Oder bei der Briefzensur während des Krieges. Dann hat sie nach dem Krieg auch in der Schweiz gearbeitet. Acht Jahre. Aber das Geld, das sie nach Hause schickte wurde in ein Haus investiert, das sie dann nicht mehr bewohnen durfte. Ihr Vater starb 1956, der älteste Sohn 1957. Als sie Jahrzehnte später von der Raika aus ihrem Haus vertrieben wird, mit 89 Jahren, wird das Haus aber gar nicht abgerissen, sondern in ein Hotel integriert. Die geplante Poetikvorlesung muss der Autor dann aber doch absagen, als seine Mutter wirklich stirbt, in dem Haus, in dem sie ihre Kinder geboren hatte. Haas findet nur lakonische Worte, als er am Friedhof ein Grab für sie bestellt. “Unsere Mutter, die ihr Leben lang auf den ersten Quadratmeter hingespart hatte, sollte ihr schlussendlich 1,7 Quadratmeter angewachsenes Grundstück voll ausnützen. Die 1,7 Quadratmeter in bester Lage stand ihr zu, platzsparende Konzepte sollten andere umsetzten.” Nachdem sie ihren Traum, ein eigenes Grundstück zu erwerben, nicht verwirklichen konnte, hatte etwas von ihr Besitz ergriffen, schreibt ihr Sohn: “Niedergeschlagenheit“. Sie besaß nichts, aber sie war ein bißchen besessen, meint er, denn sie konnte eigentlich alles, nur nicht mit den Leuten. La gente. Die Hochzeiten und Taufen werden weniger und man sieht die Verwandtschaft schließlich nur mehr bei Begräbnissen, moniert der Sohn, das Gemeinsame der drei Ereignisse seien selbstverständlich die Tränen.

Wolf Haas
Eigentum
2025, Taschenbuch, Klappenbroschur, 160 Seiten, 12,5×18,7cm
ISBN: 978-3-328-11156-6
Pinguin Verlag
€ 14,00


Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Mittagsstunde

Flurbereinigung auf den Mädchenköpfen

Dem Genre ‹Heimatroman› haftet nicht ohne Grund der Verdacht auf Kitsch an, «Mittagsstunde» von Dörte Hansen ist der schlagende Beweis für das Gegenteil. Ganz ohne jede Rührseligkeit wird darin die Geschichte eines Dorfes erzählt, das sich im Wandel befindet und in dem die alten Gewissheiten und Angewohnheiten sich dem Zeitgeist entsprechend verändern, so dass irgendwann auch die titelgebende «Mittagsstunde» der Vergangenheit angehört. Seit alters her als ‹Mittagsschlaf› von allen Bewohnern praktiziert, strukturiert er als Arbeitspause zeitlich das Leben des Dorfes und bildet dementsprechend auch den roten Faden in dieser Geschichte aus Nordfriesland. In ihrer Familie, hat die Autorin wissen lassen, wird untereinander nur Plattdeutsch gesprochen. Und so finden sich auch in ihrem Roman entsprechend viele mundartliche Dialoge, die das Lokalkolorit überaus stimmig abbilden.

Dörte Hansen erzählt von dem fiktiven nordfriesischen Geestdorf Binkebüll, oder, wie sie es erklärt hat, «vom Ende der Sesshaftigkeit». Der Archäologe Dr. Ingwer Feddersen hat sein Dorf vor 25 Jahren verlassen, um in Kiel zu studieren. Der inzwischen 47jährige Hochschullehrer kehrt im Rahmen eines Sabbaticals dorthin zurück, um sein Leben neu zu ordnen. Er ist immer noch Single und lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in Kiel in einer Wohngemeinschaft mit einer gleichaltrigen Architektin und einem Freund aus Studienzeiten. Ob in einer Menage á trois, wie man vermuten könnte, bleibt unklar, es wird nicht mal versteckt irgendwo angedeutet in diesem absolut ‹jugendfreien› Roman. Seine Großeltern betreiben seit Jahrzehnten den alten Dorfkrug, der neben Kirche, Rathaus und Schule eine der Institutionen dieses verschlafenen Dorfes darstellt. Ingwers ledige Mutter ist geistig zurück geblieben und kam als Erbin nicht in Frage. Er selbst aber wollte den Gasthof nicht übernehmen, er war einer der wenigen Hochbegabten, denen der Dorfschul-Lehrer dringend geraten hatte, nicht zu bleiben, sondern studieren zu gehen.

Der Niedergang des Dorfes begann in den siebziger Jahren, äußeres Anzeichnen dafür war die Flurbereinigung, die das Kleinklein der bäuerlichen Strukturen und das Ungeplante und Zufällige der Jahrhunderte alten Infrastruktur beseitigte. Während die großen Höfe investierten und immer größer wurden, verschwanden nach und nach die kleinen, bis schließlich nur noch vier Vollerwerbs-Landwirte übrig blieben. Monokulturen und Großbetrieben bilden fortan die ökonomischen Grundlagen von Binkbüll. Auch einige Städter drängen nach, kaufen für wenig Geld die aufgegebenen, maroden Bauerhäuser und etablieren sich darin mit alternativen, das urbane Zeitalter strikt ablehnenden Lebensentwürfen. Auf Freiflächen entstehen zudem neue Siedlungen mit modernen Häusern, die ebenfalls von Zugezogenen gekauft werden, die als Pendler zur Arbeit in die Stadt fahren. Die ehemals fest verschworene Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden gekannt hat und alles seine festen Regeln hatte, löst sich zunehmend auf, und viele der Einheimischen ziehen weg.

Zeitlich zwischen Jetztzeit und siebziger Jahre angesiedelt, wird hier mit viel Witz und ohne sentimentale Schönfärberei vom Strukturwandel erzählt, detailreich und mit einem durchweg sympathischen Figuren-Ensemble. Leider stören einige Ungereimtheiten im Plot, insbesondere das plötzliche und spurlose Verschwinden der schwachsinnigen Mutter von Ingwer Feddersen, das von allen ungerührt hingenommen wird, so als wäre nur ein Wellensittich entflogen. – na und? Aber nicht nur die Störche bleiben weg, weil die Feuchtwiesen trocken gelegt wurden, auch die Menschen ändern sich in Binkebüll. Beim Vergleich zweier Klassenfotos stellt der alte Dorflehrer fest, dass die kleinen Mädchen heute ja alle keine Zöpfe mehr haben, nur noch Kurzhaarfrisuren! «Flurbereinigung jetzt auch schon auf den Mädchenköpfen», denkt er resignierend. Auch für Leser, die keine Nordlichter sind, ist «Mittagsstunde» als stimmig beschriebenes, unsentimentales Zeitzeugnis eine bereichernde und unterhaltsame Lektüre.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
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Eine kurze Geschichte der Informationswerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz

Anfangs dachte ich, das Vorgängerbuch Sapiens, das 25 millionenfach verkauft wurde, müsste ich vor diesem gelesen haben; der Autor bezieht sich gerne darauf. Dann aber überzeugte die Fülle der Beispiele dieses Buches. Diese „kurze Geschichte“ des Historikers hat mehr als sechs hundert Seiten, einhundert davon sind Quellenangaben.

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Genre: Politik und Gesellschaft, Wissenschaft
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Knife- Gedanken nach einem Mordversuch

Salman Rushdie sollte im Rahmen eines Projektes für in ihren Ländern verfolgte Autoren eine Rede halten, darüber „wie wichtig es ist, sich für die Sicherheit von Schriftstellerinnen und Schriftstellern einzusetzen.“ Er sieht den Mann aus dem Publikum im Staat New York aufstehen und auf ihn losrennen—ein Sicherheitsdienst war nicht vorgesehen.

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Genre: Literatur
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Ravna – die Tote in den Nachtbergen

Beim Glauserpreis auf der Criminale hat das Buch den Jugendglauser gewonnen. Aber eigentlich ist es ein All-Ager.

Und nach der Leseprobe konnte ich nicht widerstehen und habe es in einem Rutsch durchgelesen. Die raue Landschaft in Norwegens nördlichster Provinz wird lebendig, ich spüre den Wind, die Kargheit, die Sonne, die nicht untergeht, sehe die Rentiere bei der Rentierscheide in der hellen Nacht, und den Zwiespalt Ravnas, der jungen Polizeischülerin, der ersten Lappin in der Polizeischule in Oslo.

Eigentlich macht man die Dinge hier hoch im Norden unter sich aus. Regierung und Polizei haben keinen guten Ruf, die Älteren können sich noch gut erinnern, wie beide sie früher drangsaliert haben.

Und jetzt soll Ravna im Umkreis ihrer alten Bekannten ermitteln. Für die ist sie damit eine halbe Verräterin und für manchen Polizisten gehört sie zu den Verdächtigen. Obendrein hat sie die Leiche gefunden.

Und die lag da schon gut versteckt zehn Jahre nach einer Party von Teenagern, die alle eifrig getankt hatten und angeblich nichts gesehen haben. Oder sich nicht erinnern wollen?

Tolles Buch, spannend bis zur letzten Seite, auch wegen der ungewöhnlichen Umgebung und der Einblicke in das Leben der Samen zwischen Tradition und Moderne.


Genre: Jugendliteratur, Kriminalliteratur
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Zur See

Zur SeeIn ihren anderen Büchern ging es um das Landleben und, wie Menschen sich ändern müssen, um dort zu leben: Im Alten Land suchen Vertriebene eine neue Heimat und bleiben fremd, in der Mittagsstunde flieht ein Einheimischer in die Stadt, aber kommt immer wieder zurück und beobachtet, wer und was sich ändert. (link Landlust und Landfrust) In Zur See bleiben die Inselbewohner der Heimat treu und erleben, wie das Meer auch andere in seinen Bann zieht. Aber auch, was sich hier alles ändert. Da sind alte Geschichten zu erzählen, von Männern, die zur See gingen und von großen Fluten. Wir leben mit den Menschen auch in der Winterzeit, sehen wie die Gewerke der Fischer und Bauern sich ändern und lernen, wie der Zeitplan der Fähre das Leben bestimmen kann.

Auf einer kleinen Nordseeinsel lebt Hanne Sander im Kapitänshaus mit ihrem Ältesten, einem wegen seiner Alkoholkrankheit ausgemusterten Kapitän, der gerne den kauzigen alten Seebären gibt, das lieben die Touristen, besonders weibliche. Das Haus ist seit Jahrhunderten im Familienbesitz. Darüber kreisen Drohnen, denn eine solche Immobilie würde jeder Makler gerne vermarkten. Es gelingt ihr gut, dies zu ignorieren, und wenn sie in Ruhe lesen will, dann versteckt sie sich hinten im Garten neben Komposthaufen und Mülltonnen, denn vorne laufen die Touris.

Ihr Jüngster feiert seinen dreißigsten Geburtstag, in seinem Atelier. Er war schon immer ein Aussteiger, hat die Insel nie verlassen, geht barfuß mit seinem Hund jeden Tag am Strand lang und sammelt Strandgut. Daraus schafft er Kunstwerke, die sich gut verkaufen, an die Städter, die ihre Zweithäuser damit schmücken. Bei der Party kennt sie nur den Pfarrer, die anderen Gäste sind Teil der Parallelwelt, Städter, die vom Meer angezogen wurden. Sie geben sich einheimisch, wenigstens schlurfen keine Tagestouristen mit Schlappen durchs Atelier. Aber auch dieser „zweite Stamm“ bleibt nicht, irgendwann finden sie, dass ihre Sehnsucht nicht gestillt wird, sie bleiben fremd und ziehen wieder zurück aufs Festland. Überhaupt hat sich der Tourismus gewandelt: Früher hat Hanne Zimmer vermietet, an Gäste, die in den Zimmern der Kinder schliefen, die Kinder wurden wegsortiert. Darüber hat sie auch Jens verloren, ihren Mann und Vater der Kinder.

Er zog vor über 20 Jahren aus, lebt als Einsiedler bei seinen geliebten Vögeln, die Zwergseeschwalben haben es ihm besonders angetan. Er kämpft für die Erhaltung der Natur, nicht nur ihm, auch anderen ist bewusst, dass der Meeresspiegel steigt, und größere Fluten kommen könnten. Eigentlich ist er zu alt, um so allein zu leben, zittert stark, seine Vorgesetzten sagen es ihm aber nicht, sie schicken „Prinzen“, junge, dynamische Vogelkundler mit Laptop. Mit dem letzten kommt er klar und mit ihm kann er wieder Menschen in seiner Nähe ertragen, sogar in einem Raum zusammen schlafen.

Tochter Eske ist Altenpflegerin, hört neben Heavy Metal gerne die Geschichten der Alten im Heim, begleitet sie in den Tod. Sie hatte die alten Sprachen der Küsten studiert, kam aber zurück. Sie gibt das Raubein, vertreibt gerne Touristen mit ihrem Auto an die Straßenränder. Eine Inselregel lautet: „Sei nie freundlich zu Touristen!“ Sie schämt sich, wenn die Einheimischen Touristenrummel veranstalten, wie bei der Hafenfeier.  Auch der Pfarrer kennt alle von früher, aus dem Konfa. Sein Glaube, auch an sich selbst, wird bedroht, gerade, als seine Frau aufs Festland zieht, natürlich nicht seinetwegen, sondern, um bei den Enkeln zu sein und er allein zurückbleibt.

In der größten Not … gibt es auch Veränderungen, die die Menschen wieder zusammenbringen, so kommt Jens zurück ins Kapitänshaus, denn schweigen kann er auch dort, bei Hanne.

Ich lese so etwas gerne: die richtige Balance zwischen Sehnsucht und Realität, etwas Spökenkiekerei und viel Empathie.


Genre: Deutsche Literatur, Familiengeschichte
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