Busengewunder – Meine feministischen Kolumnen

BH, Körperbehaarung, Menstruation, magische Wirkung der Plazenta, gezeichnete (Box-)Brüste, Genitalnamen, Stöckelschuhe, Strafgesetzbuch und echte Gleichberechtigung, Objektifizierung des weiblichen Geschlechts, männliche Fantasien, Pinkeln in der Natur – Lisa Frühbeis verarbeitet in ihren Comicstrips ihre Gedanken rund um Emanzipation. Und das macht sie tiefsinnig, witzig, provokant, aber immer im Sinne der echten Gleichberechtigung von Frau und Mann.

Sie will zum Nachdenken anregen, erzeugt bei mitdenkenden Leser/innen aber auch immer wieder ein Gefühl des „Darüber habe ich auch schon nachgedacht, aber nicht darüber zu sprechen gewagt.“ Denn schließlich ist es wirklich unfair, wenn Männer, z.T. sehr offensichtlich, in der Öffentlichkeit pinkeln, während die Frauen große Anstregungen unternehmen müssen, um bei diesem Geschäft nicht beobachtet zu werden. Da wird auch der einzige Vorteil des Rockes (ohne Unterhose) deutlich, denn so geht es auch im Laufen. Und wo dominiert noch die männliche Sicht? Nicht nur bei den gezeichneten unnatürlichen Brüsten, sondern auch im Strafgesetzbuch, das männlichen und weiblichen Exhibitionismus unterschiedlich hart bestraft.

Süffisant und offensichtlich subtil ist auch die weibliche und männliche Methode zu kommunizieren – da hilft bei einem älteren, korpulenteren, selbstverliebten, arroganten Gockel noch nicht einmal die Ich-Botschaft. Auch sonst erdrückt die schiere physische und psychische Masse das weibliche Gegenüber, sodass frau sich unwillkürlich fragt: Woher kommt so ein ungerechtfertigtes männliches Selbstbewusstsein? Oder „The bloody Circle of Life“, mit dem sich nur die Frauen quälen müssen – was offensichtlich niemanden interessiert. Im Berufsleben schon gar nicht.

Um den Blick zu weiten für die Geschlechterungerechtigkeit (auch heutzutage) helfen die Strips „Quote im Tomatenbeet“ und „Der Tausch“: Man(n) stelle sich vor, er habe präspermales Syndrom, innenliegende Hoden, jeden Monat nur ein einziges Spermium, nicht monogamiefähige Frauen aufgrund der hohen Eierproduktion, die Pille für den Mann, eine mit 28 Jahren nachlassende Fruchtbarkeit des Spermiums und mit 50 Jahren beginnende Hormonstörungen. Selbstredend mit allen Nebenwirkungen. „Ist es wirklich so schlimm?“, fragt nach diesem Gedankenkonstrukt der männliche Gesprächspartner, was die Frau mit der ihr eigenen weiblichen Kommunikationsfähigkeit und Bescheidenheit so beantwortet: „Ein bisschen mehr Anerkennung wäre schon angebracht.“

Aber warum  nur ein bisschen? Warum nicht ein bisschen mehr? Auch finanziell? Das fragen die gelben die etablierten roten Tomaten in „Quote im Tomatenbeet“. Und wenn Tomate schon dabei ist: Was ist mit den dunklen und grünen Tomaten? „Und was meint der Gärtner dazu? ‚Puh… Da müsste ich ja tatsächlich was ändern… Wie anstrengend!'“ Tja. Mit einer solchen Einstellung kann’s ja nix werden.

In „Busengewunder“ geht Frühbeis der Frage nach, warum Frauen sich eigentlich mit BH und überhaupt verhüllen sollen, wenn es doch am Mann wäre, seine Hormone zu zügeln. Zu Recht. Denn man(n) trägt ja auch keinen PH. Und warum dürfen Männerhaare überall, auch an unmöglichen Stellen, sprießen, wenn frau schon einen auf den Deckel kriegt bei bloßer Beinbehaarung? „Angriff der Killerhaare“ geht humorvoll und informativ dieser spannenden Frage nach. Und gibt preis: „Scheini-Beini kamen ab den 40-er Jahren in Mode, zusammen mit kürzer werdenden Röcken.“ Und warum? „Um die teuren Nylonstrümpfe zu imitieren.“ Aha.

Womit schon Sinn und Unsinn von Frauenmode in „Über Oberflächen“ über die Jahrhunderte hinweg kritisch beleuchtet wird – bis hin zu gesundheitlichen Schäden nicht nur durch das Korsett, sondern auch durch die Stöckelschuhe in „Pomp my Feet“, deren Absätze übrigens früher Männern vorbehalten waren. Und zwar als Zeichen für Pferdebesitz und damit Wohlstand. Außerdem heben sie, geschichtlich gesehen sogar geschlechtsneutral, den Po hübsch an. Was bei Affen Paarunsbereitschaft signalisiert. Moral von der Geschicht‘ beim XX: „Ich geh barfuß.“ XY: „Ist eh viel gesünder… Bereit zur Paarung?“

Dass der weibliche Körper sowieso immer an erster Stelle steht als Objekt der (nicht nur) männlichen Betrachtung zeigt „Die Macht über Körper“. Denn auch Frauen tragen ungefragt und unreflektiert zur Objektifizierung ihres eigenen Geschlechts bei. Da sollte frau sich ruhig fest an die eigene Nase fassen, um Kommentare wie „Hast ganz schön zugelegt hinten. So findest du nie einen Mann!“ zu vermeiden.

Und um es auf die Spitze zu treiben, gibt es den Geschlechterwahnsinn auch noch teuer zu kaufen – als rosa Hammer im Baumarkt zum Beispiel.

Wertvoller Comic über emanzipatorische Gedanken. Davon gibt es leider viel zu wenig, also gerne mehr davon!


Genre: Comics
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Arte

„Weil du eine Frau bist. Deswegen.“

Florenz, Anfang des 16. Jahrhunderts: Die junge Adlige Arte will Lehrling in einer Kunsthandwerkstatt werden. Das bunte Florenz, in dem Kunst und Kultur blühen, scheint genau der richtige Ort dafür zu sein. Mit einer Einschränkung: Nur Männer dürfen ein selbstständiges Leben führen. So stößt Arte nicht nur auf das Unverständnis ihrer Mutter, sondern auch auf das der Lehrmeister, die nicht gewillt sind, eine Frau als Lehrling anzunehmen. Deshalb schneidet sich Arte ihre langen Haare ab und will auch ihre Brüste amputieren. Lehrmeister Leo kann sie von dieser drastischen Maßnahme gerade noch abhalten und nimmt sie bei sich auf. Arte beginnt bei ihm ein einfaches, arbeits- und entbehrungsreiches Leben, ist aber fest entschlossen, Meisterin ihres Faches zu werden.

„Weil du eine Frau bist. Deswegen.“

Der 1. Band der Reihe nimmt sich eines Themas an, das nach wie vor aktuell ist: Emanzipation. Und obwohl es hier v.a. um die Emanzipation der Frau geht, ist aber immer auch die Emanziaption des Mannes und der gesamten Gesellschaft mitgedacht, denn Emanzipation bedeutet in erster Linie sich frei machen von überkommenen, veralteten Mustern, Rollenklischees (die nicht nur die Frau, sondern auch den Mann einschränken!), diskiminierenden „Traditionen“. Sie bedeutet, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Ideen zuzulassen, über 500 Ecken zu denken und gerecht(er)e Gedanken zuzulassen und umzusetzen. Das zeigt sowohl die Geschichte als auch die zwar frei erfundene, aber schön dargestellte Story von Arte ( = Kunst; der Name ist Programm), die als Frau besondere Anstrengungen unternehmen muss, um sich in einem (Männer-)Beruf zu etablieren.

„Weil du eine Frau bist. Deswegen.“

Dieser Satz gilt nicht nur in der Geschichte oder in der Literatur, die das Thema Emanzipation aufgreift, sondern auch (leider immer noch) in der westlichen Welt. Dieser Satz wird einer Frau hierzulande zwar nicht mehr so offensichtlich ins Gesicht geschleudert, aber er gilt subtil: Die Frau verdient unter fadenscheinigen Ausreden der Wirtschaft immer noch weniger als der Mann bei gleicher Arbeit, ist deshalb gezwungen, zuhause zu bleiben, wenn sich Kinder ankündigen, kann danach oft nur noch teilzeit arbeiten gehen und rutscht somit unweigerlich in die (Alters-)Armut ab. Besonders dann, wenn sie alleinerziehend ist, der Mann viel zu oft nicht (genügend) Unterhalt bezahlt, sie aber steuerlich als Single behandelt wird. Oder sie letztlich ganz zuhause bleibt, um sich um die Familie zu kümmern. Wer mit Kindern regelmäßig zu tun hat, privat oder beruflich, weiß, dass Erziehungsarbeit tatsächlich ARBEIT ist – die im Fall der Mutter (und Großmutter; man denke an den Wegfall der Großeltern in den jetzigen Corona-Zeiten…) überhaupt nicht vergütet wird und im Fall z.B. der Erzieherin unterbezahlt ist, wie die, ebenfalls vorwiegend von Frauen ausgeübten, Pflegeberufe. Sogar der Beruf des Lehrers, der eigentlich in Deutschland gut bezahlt wird, muss in der Bezahlung langsam aber stetig zurückstecken, da immer mehr Frauen diesen Beruf ausüben.

Zurück zur Hausfrau und Mutter, die ein eher schlechtes Prestige genießt, weil sie nicht „arbeitet“. Auch wenn Männer sich jetzt mehr um die Kindererziehung kümmern, schultert nach wie vor die Hauptlast der Erziehung die Frau. Und die der Hausarbeit. Selbst dann, wenn es anders abgesprochen war. Das gilt auch für die Frauen, die ins Berufsleben zurückkehren. Auch dann, wenn besagte Frauen Vollzeit arbeiten. Wer geneigt ist, dauergestressten Frauen zuzuhören, der hört öfter Sätze wie: „Weil ich früher zuhause bin, bleibt alles an mir kleben!“ Oder: „Ich habe ihm schon so oft gesagt, er soll das oder das im Haushalt tun, aber er macht nix!“ Oder: „Wenn ICH mal 3 Stunden ohne Kind sein will, ruft er nach spätestens 2 Stunden an und fragt, wann ich wieder nach Hause komme!“ Oder: „Als er mir im Wochenbett helfen sollte, hat er v.a. am PC gesessen, während ich es noch nicht mal unter die Dusche geschafft habe!“ Brisantes Thema auch das öffentliche Stillen. Etcetc., man könnte da noch viele weitere Beispiele aufführen, die alle zu Lasten der Frau gehen.

„Weil du eine Frau bist. Deswegen.“

Deswegen will Arte keine Frau mehr sein. Sie kürzt sich die Haare – man denke an die Frauen der 20er des letzten Jahrhunderts, die sich buchstäblich „die alten Zöpfe“ abschnitten – und kleidet sich z.T. männlich, um sich Schwierigkeiten zu ersparen. Auch hier denke man an das Prestige der Hose, dass sich die Frau hart erkämpft hat, während es der Rock als männliches Kleidungsstück trotz z.B. (nicht nur schottischer) Tradition und der Männerrockbewegung, die es immerhin schon seit den 1990ern gibt, immer noch schwer hat.

Als „Beruf“ für die Frau gibt es damals allenfalls den der Kurtisane. Eine solche kommt auch im Manga vor, aber sie durchbricht das automatisch anspringende Kopfkino insofern, als dass sie eine reiche, gebildete Frau mit angenehmen Wesen und äußerlich vom Adel nicht zu unterscheiden ist. Veronica setzt noch eins drauf und gibt sich als Kunstmäzenin. Arte honoriert das: „Ich glaube schon zu wissen, was das für ein Beruf ist. Aber wenn ich diese Büchermassen sehe, muss ich einfach Respekt haben. Ich bewundere Sie nicht wegen Ihres Berufes. Ich bewundere Ihre Anstrengungen und Mühen.“ Auch zum Beruf der Prostituierten ließe sich noch einiges im Sinne der Emanzipation sagen, was hier aber ein zu weites Feld wäre.

Arte hat eine Vorbildfunktion: Egal wie schwer es wird, sie kämpft für ihr Ziel. Und als Frau muss sie für ihr Ziel doppelt und dreifach kämpfen, sogar buchstäblich schuften. Der Manga zeigt auch, dass es eine zähe, schmerzhafte und frustierende Sache ist, Diskiminierung auszuhalten und v.a. loszuwerden. Arte hat(te) zwar einen sie unterstützenden Vater (!), aber ihre Mutter (!) ist völlig verhaftet in Rollenklischees und traut Frauen nichts zu. Auch die komplett männlich bestimmte Kunstwelt ist gegen sie. Die Meister schauen sich noch nicht einmal ihre Bilder an. Warum? „Ist doch klar. Muss ich das noch sagen? Weil du eine Frau bist. Deswegen.“ Dieser Satz zeigt, wie tief Diskriminierung (egal welche) gehen kann und geht. So tief, dass noch nicht einmal mehr eine Rechtfertigung für angebracht gehalten und sie als selbstverständlich hingenommen wird.

Insgesamt also ein guter, wertvoller Manga, der ein schwieriges, immer noch aktuelles Thema aufgreift. Die wunderschönen, z.T. sehr detaillierten Zeichnungen unterstützen die Geschichte gekonnt. Einzig die japanischen Anwandlungen Artes und der anderen Figuren wollen nicht so recht in das Florenz des 16. Jahrhunderts passen.

 


Genre: Manga
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Prinz Eisenherz: Der Schatz

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Prinz Eisenherz Werkausgabe 91

 

„…und Deine Verbündeten vor der Küste müssen abziehen, sobald sie kein Trinkwasser mehr haben“, grinst der Widersacher von Prinz Eisenherz ihm hämisch ins Gesicht. Der Pirat Strakonus bringt Eisenherz gleich zu Beginn dieses Abenteuers in eine ordentliche Bredouille, denn der Prinz muss sich zwischen der Befreiung seines Sohnes Nathan und der Befreiung von Aleta und ihren Töchtern entscheiden. Doch dann bekommt Prinz Eisenherz unverhofft Schützenhilfe von einer Inselbewohnerin. Die Wahnsinnige Thanaa, die stets von einem schwarzen Panther und einem Leoparden begleitet wird, hasst die Piraten, vor allem aber wegen ihrem Sklavenhandel, den sie als Freie abgrundtief verurteilt.

Aletas besänftigende Umarmung

Ein Zweikampf zwischen Strakonus und Eisenherz endet mit der Gnade des letzteren, denn Thanaa hält ihn davor zurück, noch mehr Rache an Strakonus zu nehmen, es hat ja schon genug Tote gegeben. Aber „Wenn es etwas gibt, das Eisenherz’ Kampfeslust besänftigen kann, dann ist es Aletas Umarmung. Ihre Ankunft hat Strakonus gerettet.“, eigentlich. Die überlebenden Piraten werden mit einem harten aber gerechten Urteilsspruch konfrontiert: entweder auf der Insel zu bleiben oder zu helfen die Schiffswracks zu reparieren und zu den Nebelinseln aufzubrechen, um dort ihr eigentliches Urteil zu erwarten. Wer sich erinnert wie dort mit Piraten umgegangen wurde, als Aleta und Eisenherz noch nicht verheiratet waren, dem wird bange um das Schicksal der Verurteilten. Aber haben sie denn ein anderes Schicksal verdient, nachdem was sie Eisenherz’ Familie alles angetan haben? Natürlich beugen sich alle, nur Strakonus schmiedet weiterhin Rachepläne für seine erneute Meuterei auf den Schiffen Skjalddis und Calypso.

Prinz Eisenherz‘ Tochter auf der Flucht

yeates2Aber auch in dieser Folge der Abenteuer des unsterblichen Helden von Hal Foster muss Eisenherz wieder eine Menge familiäre Probleme bewältigen oder zumindest zu ihrer Lösung beitragen. Als Valeta, seine Tochter, sich bei ihm über Karen, seine andere Tochter, beschwert, greift der Vater beherzt in die Liebesabenteuer seiner Zwillinge ein und spielt dabei den Amor mit dem Liebespfeil. Auch Bukota ist bei diesem Abenteuer wieder mit dabei und als sich auf dem Marktplatz die Händler über seine alte Heimat Ab’Saba und seine Königin Makeda unterhalten wird er hellhörig und die alte Sehnsucht flammt wieder auf. Doch dann schlittert sein Sohn Nathan unversehens in ein anderes Abenteuer, das mit dem seltsamen Artefakt etwas zu tun hat, das Guryan Sur umklammert wie einen Schatz. Ein fremder einäugiger Zauberer taucht auf und behauptet etwas über den verschwundenen Ehemann Karens, Prester John, zu wissen und prompt wird die Familie Eisenherz wieder durch eine anderes Abenteuer auseinander gerissen, ganz so, wie es ihm einst in jungen Jahren die Hexe Hobbit prophezeit hatte: „Du wirst aller Herren Länder sehen, Reiche untergehen und auferstehen sehen, aber Zufriedenheit, das wirst du nie erreichen.“ Wird Eisenherz seine verschollene Tochter und das Artefakt wiederfinden? Wird Karen wirklich zu ihrem Ehemann geleitet? Band 92 ist bereits in Vorbereitung!

Thomas Yeates
Prinz Eisenherz Band 91: Der Schatz
Originalseiten 4053 bis 4098
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang J. Fuchs
2017, Carlsen Comics, 48 Seiten
ISBN: 978-3-551-71604-0
12,40.-

 


Genre: Comics, Fantasy, Kulturgeschichte
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Venedig

venedig

Als seine Mutter stirbt, findet ein Mann in ihrem Nachlass eine hübsch lackierte Briefschatulle, in der handgemalte Postkarten und alte Fotos mit Motiven aus Venedig aufbewahrt worden sind. „Ein Foto vom Markusplatz hat es mir besonders angetan“ – weswegen die Hauptfigur beschließt, auf den Pfaden seiner Mutter und seinen Großeltern durch Venedig zu reisen.

„Der Aufbruch ist nichts anderes als der Beginn einer Reise nach Hause.“ Dieser in Italienisch an eine Hauswand gepinselte Spruch ist der Schlüsselsatz des neuesten Mangas von Jiro Taniguchi, der einen japanischen Mann auf der (Spuren-)Suche nach den eigenen Wurzeln zeigt. So heißt es denn auch: „Ich folge den Spuren meiner Großeltern“, genauer denen seines Großvaters, denn über seine Großeltern und die Jugend seiner Mutter weiß die Hauptfigur nichts. Die Suche nach den Wurzeln ist gleichzeitig eine Selbstfindungsreise, wie sie Taniguchi z.B. auch in „Der spazierende Mann“ thematisiert hat: „Ich […] schlendere ziellos durch die Gegend“. Aber genau deshalb fügen sich die Puzzleteile seiner Vergangenheit und damit seines Selbst zusammen, denn gerade dieses Schlendern ermöglicht ihm neben überraschenden Momenten Schlüsselerlebnisse, um tiefer in das Leben seines Großvaters einzutauchen. Die Hauptfigur macht einen zufriedenen, ja glücklichen Eindruck, in Venedig zu sein: „Es hat eine gewisse Magie für mich, hier zu sein.“ Immer wieder mischen sich die alten Bilder und Postkarten mit den neuen Eindrücken, die ebenfalls wie Postkartenmotive, Gemälde oder Schnappschüsse anmuten und das Leben des neuen Venedig neben das des alten stellen. Es werden Impressionen gezeigt, Augenblicke, keine zusammenhängende Geschichte, die noch viele Fragen offenlassen, aber dennoch Einblicke in die Familiengeschichte der Hauptfigur geben. Wasserspiegelungen als Spiegel der Realität, aber auch des Selbst. Möwen, die ein Panel füllen und aus dem gegenüberliegenden herauszufliegen scheinen. Eine Szene, die eine Erinnerung auslöst. Essensszenen, die an „Der Gourmet“ erinnern. Das Gemalte unterstreicht wie immer die Geschichte vorzüglich. „Du bist hier, drum bin ich auch hier, das weiß ich nun.“, heißt es gegen Ende des Mangas, der die Suche mit einem emotionalen Brief seines Großvaters an seine Frau abschließt.

Eingestimmt werden die LeserInnen mit großformatigen Venedig-Gemälden. Sind das Bilder des Großvaters? Man erfährt es nicht, zumal diese Bilder zeitlos wirken. Entlassen wird man mit Erklärungen, welches Panel welchen Ort in Venedig zeigt und mit einem Nachwort Taniguchis, in dem er die Entstehungsgeschichte seines neuesten Werks nachzeichnet. Einziger Wermutstropfen gerade für weibliche Leser: Taniguchi erzählt aus der Sicht des Mannes; Frauen haben, wie meist in seinen Werken, leider nur eine nachrangige Bedeutung. Man erfährt kaum etwas über die Ehefrau der Hauptfigur, man erfährt nicht, warum er sie nicht nach Venedig mitgenommen hat, ob sie diese Reise billigt oder ob sie (wie in „Der Spazierende Mann“) keine Gelegenheit hat, aus Rollenklischees und Alltag auszubrechen. Das macht fast nur der Mann. Schade.

Insgesamt aber empfehlenswert, denn der Manga bietet wie immer Tiefgründigkeit im Alltag und lässt Spielraum für die eigene Fantasie der Leser/innen.


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Orange 2

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Naho stellt fest, dass sich ihre Gegenwart immer mehr von der des Briefes, den ihr zukünftiges Ich ihr geschrieben hat, unterscheidet. Aber manche zentrale „Fehler“, die sie dennoch begangen hat, zeigen schon ihre Wirkung. So erfährt sie, dass Kakerus Mutter nicht gestorben wäre, hätte sie ihn damals nicht eingeladen, zusammen mit ihrer Gruppe etwas zu unternehmen. Der Brief weist außerdem auf eine interessante Unterrichtsstunde hin: In ihr erfährt Naho, dass es theoretisch mehrere Stränge gibt, in die die Zukunft verlaufen kann. Und dass sich die Zukunft des einen Strangs nicht unbedingt ändert, wenn man die Vergangenheit ändert.

Der 2. Band der Reihe malt weiterhin detailliert das Szenario aus, wie es wäre, wenn man seine Vergangenheit ändern könnte – und wenn nicht. Naho macht sich dazu viele Gedanken, die interessant zu lesen sind. Die theoretischen Erklärungen des Lehrers tragen ebenfalls dazu bei, dass auch bei der Leserin /dem Leser die Gedanken auf Trab kommen. Außerdem fühlt man sich an diverse Sf-Romane und Dokus/Bücher über das Phänomen der Zeitreise, das ein beliebtes physikalisches Gedankenspiel ist, erinnert. Das alles wird wunderbar eingebunden in eine romantische Dreiecksbeziehung, die mit so einigen Schwierigkeiten nicht nur pubertärer Art zu kämpfen hat. Ein weiterer Pluspunkt: Die Spannung bleibt immer erhalten, man möchte wissen; wie es mit den Protagonisten weitergeht. Insgesamt empfohlen!


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Kitchen Princess 5

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Sora unterstützt Najika weiterhin, und sie ist sehr froh und dankbar dafür. Deswegen und mit dem Wissen, dass Sora ihr Puddingprinz ist, entschließt sie sich dazu, ihm ihre Liebe zu gestehen. Allerdings vertröstet Sora sie mit einer Antwort auf das Finale des Backwettbewerbs. Dann aber erfährt Najika durch Zufall, dass Sora eigentlich nur der Handlanger seines Vaters ist, der die Tochter zweier berühmter Patissiers als Aushängeschild für seine neue Schule benutzen will. Najika ist sehr enttäuscht und Taichi wirft Sora wieder einmal vor, dass sich Sora von ihrem Vater nur benutzen lässt. Da Sora Najika tatsächlich mag, stellt er sich nach diesem Vorwurf gegen seinen Vater und entscheidet sich dafür, Najika aus eigenem Willen heraus zu unterstützen. Aber dann passiert eine Katastrophe.

Der 5. Band der Reihe verbindet wieder das Kochen und Backen mit Gefühlen, diesmal nicht nur mit denen der Liebe, sondern auch mit denen des Verrats und der Versöhnung. Der Cliff-Hanger am Schluss des Bandes sorgt für weitere Spannung. Als Extra bietet die Autorin einen weiteren in sich abgeschlossenen Manga aus dem „Kitchen Princess“-Universum, in dem sie das Thema Versöhnung erneut aufgreift. Am Ende des Mangas gibt es wie gewohnt die Rezepte aus den einzelnen Kapiteln. Insgesamt wieder einmal ein kulinarischer und lesetechnischer Genuss!


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Becoming a Girl one Day 1

becoming a girl

Kyosuke Miyoshi und Nao Mamiya sind Sandkastenfreunde und Konkurrenten. Nao ist immer schneller, intelligenter und gelassener als sein Freund. Aber dann wird Nao krank. Als er das Krankenhaus wieder verlässt, bekommt Kyosuke einen Schock: Nao ist zum Mädchen mutiert! Mit allem, was ein Mädchen so ausmacht: Hormone, Busen, Periode. Kyusuke weiß nicht mehr, wie er sich seinem jetzt weiblichen Freund gegenüber verhalten soll, und Nao kämpft mit seiner neuen Rolle. Hinzu kommen für beide völlig neue Gefühle, die sie zusätzlich verwirren. Dann muss Nao wieder ins Krankenhaus – und fängt an, zurück zum Mann zu mutieren. Aber das könnte tödlich enden.

Der 1. Band der Serie lässt sich gut an. Er geht zwar nicht so sehr in die Tiefe wie ich mir das gewünscht hätte, aber der Geschlechterwechsel und dessen Probleme werden zumindest oberflächlich dargestellt, sodass man eine Ahnung bekommt, wie es in den Figuren aussieht. V.a. Kysukes Innenwelt wird gut herausgearbeitet. Naos Innenwelt allerdings wird nur sekundär behandelt, dabei wäre gerade seine Psyche sehr interessant gewesen, denn er ist derjenige, der den Geschlechtertausch (das auch noch unabsichtlich) durchmachen muss. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn Ogura diesbezüglich mit Transgendern oder Hermaphroditen gesprochen hätte, um der Figur Nao mehr Tiefe zu verleihen. Und als Leserin wäre es interessant gewesen, wie sich ein Mann in der Rolle einer Frau fühlt. Aus dem Thema hätte man also mehr rausholen können als „nur“ eine Liebesgeschichte. Die aber ist schön gestaltet, sodass der Manga für Romantic-Fans gut zu lesen ist. Insgesamt in Ordnung.


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Orange 1

orange

„Liebe Naho“. So beginnt ein Brief an die 16-jährige Naho Takamiya. Soweit nichts Ungewöhnliches – aber der Brief hat es in sich! Denn die Absenderin kennt die Zukunft und gibt Naho Anweisungen, wie sie sich verhalten soll, um eine Katastrophe zu verhindern. Und das Ungewöhnlichste: Die Absenderin behauptet, die zukünftige Naho zu sein. Zuerst hält Naho das alles für einen schlechten Scherz. Dann aber treten die Ereignisse, die der Brief beschreibt, tatsächlich ein. Leider hat Naho schon den wichtigsten Tipp ignoriert: Sie soll sich nicht mit dem neuen Mitschüler Kakeru Naruse einlassen. Genau das macht sie aber und verliebt sich in ihn. Als sie merkt, dass alle Ereignisse des Briefes wahr werden, beschließt sie, die weiteren Tipps nicht mehr zu ignorieren. Und tatsächlich ändert sich ihr Leben und weicht allmählich von den Aussagen des Briefes ab.

Wer kennt sie nicht, die Frage „Was wäre, wenn…?“ Eigentlich gibt es immer Situationen im Leben, die man bereut und bei denen man sich fragt, wie sie verlaufen wären, hätte man im entscheidenden Augenblick anders gehandelt. Diese Frage wird in „Orange“ aufgegriffen und trifft damit den Nerv der Leserin /des Lesers. Man könnte diesen Manga schon fast als Mischung einer fiktiven autobiographischen Alternative History und eines Paralleluniversums sehen, denn man kann als LeserIn beide Entwicklungsstränge, die sich langsam entfalten, parallel verfolgen: den der 16-jährigen und den der 26-jährigen Naho. Der älteren Naho sieht man an, dass sie traumatisiert und mit ihrem Leben nicht wirklich zufrieden ist. Die jüngere dagegen nimmt mithilfe des Briefes ihr Schicksal selbst in die Hand und versucht zu ändern, was sie ändern kann. Und da sieht man im Manga die Liebe zum Detail, denn Takano verschweigt nicht, dass Naho nicht in der Lage ist, alles zu ändern, obwohl sie weiß, was auf sie zukommt, wenn sie es nicht tut. Der Manga ist gut durchdacht und man kann als LeserIn die Reaktionen Nahos gut nachvollziehen und sich mit ihr identifizieren. Und natürlich stellt man sich bei der Lektüre auch für sich selbst die Frage „Was wäre, wenn ich mir einen ebensolchen Brief an mein jüngeres Ich hätte schreiben können?“.

Die Zeichnungen selbst schmiegen sich an das Thema an. Da es vorwiegend um psychologische Vorgänge geht, gibt es kaum Hintergründe. Wenn, dann werden sie akzentuiert eingesetzt. Die Hauptrolle spielen die Mimik und die Gestik, die das Nicht-Gesagte hervorheben und damit das Zwischen-den-Zeilen-Lesen unterstützen.

Als Extra erwartet die Leserin /den Leser eine Karte mit Nahos Konterfei.

Fazit: Der Manga ist definitiv empfehlenswert und ich freue mich auf die Fortsetzung!


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Battle Angel Alita: Mars Chronicle 1

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Der Mars in ferner Zukunft: Um eine Atmosphäre wie auf der Erde zu schaffen, ist der Mars mit einem riesigen Baldachin versehen worden, der auf ebenso riesigen Stützen steht. Der Bereich unter dem Baldachin ist in verschiedene Zonen unterteilt. Allerdings erschüttert gerade ein Krieg den Mars, in welchem sich die Warlords zerfleischen. Darunter leidet besonders die Bevölkerung, denn das Militär der gegnerischen Parteien nimmt keinerlei Rücksicht auf Zivilisten. Das Mädchen Erika ist eine Kriegswaise, die von einem mobilen Arzt aufgelesen und zusammen mit dem Cyborg-Mädchen Yoko in ein Waisenheim gebracht worden ist. Yoko, nur zu 20 % Mensch, muss erst lernen, mit ihrem derzeitigen Maschinenkörper zurecht zu kommen. Da ist es auch nicht gerade hilfreich, dass die anderen Mädchen des Waisenhauses Yoko mobben. Erika hält zu ihr. Die Anführerin Ninon will Erika als ihre Dienerin, aber nur unter der Bedingung, dass Erika sich von Yoko lossagt. Um Erika für sich zu gewinnen, lädt Ninon die beiden Mädchen in ihr geheimes Versteck ein. Dort werden sie vom Militär überrascht, das kaltblütig nacheinander alle Mädchen bis auf Erika und Yoko tötet. Erika und Yoko können fliehen und werden wieder vom mobilen Arzt aufgenommen. Allerdings bricht durch die Rücksichtslosigkeit der Militärs der Baldachin an einer Stelle und die tödliche Atmosphäre bringt alle Flüchtlinge um – außer die drei, die in ihrem Bus überleben. Aber wie lange noch?

„Battle Angel Alita“ (Science Fiction, Cyberpunk) ist einer der Manga-Klassiker, der es in Deutschland schon Ende der 90er in die Comic-Läden geschafft hat. Damals noch in aufgeblasener, überteuerter Ausgabe mit nur ca. 40 Seiten – aber was tut (und kauft) man nicht alles als Fan, um in dem damals noch manga-unterentwickelten Land an seinen Lesestoff zu kommen. Bisher sind „Battle Angel Alita“ und „Battle Angel Alita: Last Order“ (quasi ein Alternativende zur ersten Serie) erschienen. „Battle Angel Alita: Mars Chronicle“ knüpft an „Last Order“ an. Die Serie ist nicht umsonst erst ab 16 Jahren freigegeben, denn die Grausamkeiten des Krieges und der apokalyptischen Welt, in der Alita lebt, werden nicht ausgespart. Und man wird als LeserIn an die aktuelle Flüchtlingslage erinnert, wenn man die Kapitel über die Kriegsverheerungen und Flüchtlingsströme liest. Gerade die gefühllose Tötung der Kinder (obwohl auch diese durch den Krieg anfangen zu verrohen), gehen einem nahe. Die Zeichnungen unterstreichen die Geschichte sehr gut, haben detaillierte Hintergründe oder auch nicht, je nach Situation, die herausgestellt werden soll, und zeigen die Dynamik, für die gerade Action-Mangas berühmt sind. Einziges Manko: Dass sich Ninon plötzlich zu einem netten Mädchen wandelt, nimmt man ihr nicht ab. Der Chara wirkt in der Kürze der Zeit, in der er vorgestellt worden ist, sehr unausgegoren. Da stellt sich der LeserIn die Frage, ob Ninon, wenn sie überlebt und tatsächlich später als Mensch adliger Herkunft eine Königin geworden wäre, eine gute Anführerin hätte werden können oder ob ihr Tod einiges an zusätzlichem Leid erspart hat.

Insgesamt eine spannende Geschichte für SF-Fans, die starke Frauen in lebensfeindlicher Umgebung zeigt. Nicht umsonst ein Klassiker. Wer solche Mangas mit starken Frauen in feindlicher Welt mag, dem sei noch „Sarah“ von Katsuhiro Otomo und Takumi Nagayasu ans Herz gelegt. Leider gibt es Letzteren nur noch gebraucht und unabgeschlossen.


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Kitchen Princess 4

kitchen princess 4

Taichi ist wütend und eifersüchtig, weil Najika seine Uhr nicht trägt – dafür aber die seines Bruders Sora. Najika dagegen ahnt nicht, dass Taichi ihr eine Uhr geschenkt hat, denn Akane hat diese vorher heimlich entwendet. Taichi lässt seine Wut an Najika aus und verletzt sie. Wenig später gesteht Sora ihr, dass er ihr Puddingprinz ist. Najika ist überglücklich, aber der Streit mit Taichi geht ihr nahe. Sora verspricht ihr, mit Taichi zu reden. Er kann aufklären, dass Akane hinter der Sache mit der Uhr steckt. Taichi versöhnt sich daraufhin mit Najika und bemerkt, dass er sich in sie verliebt hat. Ein paar Tage später redet Sora Najika gut zu, bei einem Süßspeisenwettbewerb mitzumachen. Nach anfänglichen Zweifeln entscheidet sie sich für die Teilnahme. Nachdem sich Najika mit Akane ausgesprochen hat, vertragen sich die beiden Mädchen wieder und Najika beschließt, Sora ihre Gefühle nach dem Wettbewerb zu gestehen.

Der 4. Band geht spannend weiter mit dem Liebesviereck Najika-Taichi-Sora-Akane. Jetzt ist zwar das Rätsel um den Pudding-Prinzen gelöst, aber Najika tut sich schwer damit, Sora ihre Liebe zu gestehen. Auch die anderen Liebes- und Freundschaftswirren erhalten die Spannung. Natürlich wird auch wieder viel gekocht und gebacken, nach dem Motto „Liebe (und Freundschaft) geht durch den Magen“. Die Rezepte finden sich wie immer im Anhang und machen Lust, sie nachzubacken oder -kochen. Bereichert wird der Manga durch einen in sich abgeschlossenen Special-Manga und durch kleine Strips, die die Charaktere aus einer völlig neuen Perspektive zeigen.

Fazit: Wie immer eine gelungene Mischung aus Herzschmerz und Kulinarischem. So darf es weitergehen!

Ab 12 Jahren


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Ihr Name war Tomoji

ihr name war tomoji

Beginn des 20. Jahrhunderts: Die kleine Tomoji Uchida wächst in einfachen, aber liebevollen Verhältnissen auf. Sie arbeitet schon als Kind im Laden der Familie mit und hilft, wo sie kann. Aber Tomoji erlebt auch Schicksalsschläge: Ihr Vater stirbt, als sie vier Jahre alt ist, ihre Mutter verlässt einige Zeit später die Familie und ihre kleine Schwester stirbt aus Kummer darüber, dass die Mutter sie im Stich gelassen hat. Tomoji, ihr Halbbruder und ihre Großmutter stemmen trotz aller Schicksalsschläge weiterhin ihr Leben. Eines Tages besucht Fotograf Fumiaki Ito Tomojis Großmutter, seine Tante, und fotografiert sie. Dabei verpasst er knapp das junge Mädchen. Jahre später heiraten die beiden, bekommen Kinder – und Tomoji wird Gründerin eines Tempels.

Das neue Werk Jiro Taniguchis, eine Graphic Novel, überzeugt wie seine anderen Werke (Vertraute Fremde, Der spazierende Mann, Die Sicht der Dinge, Der Gourmet, Der Wanderer im Eis, Die Stadt und das Mädchen, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß u.a.) durch die Tiefe und Eindringlichkeit der Figuren, die dennoch oberflächlich sehr verhalten reagieren – nach dem Motto: „Stille Wasser sind tief“ – und den ebenso detaillierten Zeichnungen, die die Detailliertheit der Geschichte und der Figuren unterstützt. Man merkt auch diesem Werk an, wieviel Gedanken und Mühe sich der Autor gemacht hat, um die kleinen Besonderheiten im Alltag und den Alltag im Allgemeinen lesenswert rüberzubringen. Diese tiefe Stille und Besonnenheit in den Geschichten bringt die LeserInnen dazu, auch nach der Lektüre über das Werk, seine Figuren und seine Story nachzusinnen und trotz aller Schicksalsschläge der Figuren eine Stärke und Zufriedenheit mit ihrem Leben zu spüren, die uns in unserer hektischen Zeit nur allzu oft abhandenkommt. Diese Verwurzelung im Alltag, egal, ob dieser gegenwärtig oder längst Vergangenheit ist, zeichnet auch diesen Manga aus – Taniguchi wählt bewusst die Vorgeschichte seiner weiblichen Hauptfigur und eben nicht den Lebensabschnitt, in dem sie und ihr Mann in ihrer Gegend berühmt geworden sind. Er will lieber aufzeigen, wie Tomoji zu der Frau herangereift ist, die gerade wegen ihres einfachen Lebens den spirituellen Weg eingeschlagen hat. „Auch großartige Menschen wurzeln im Alltag“: Das will dieser Manga vermitteln. Wie bei Taniguchi üblich arbeitet er mit Symbolen. So folgen sowohl Tomoji als auch Fumiaki der Flugbahn eines Milans, als sie sich knapp verpassen. Der gemeinsame Blick in den Himmel steht für ihre gemeinsame Zukunft und ihre Flügel, die ihnen spirituell wachsen und mit denen sie weite Kreise ziehen werden.

Extras: Ein recht ausführliches Interview mit Jiro Taniguchi, das die Hintergründe zu diesem Werk, Vergleiche zu seinen anderen Werken und seine Arbeitsweise aufzeigt, sowie eine Kurzbiografie des Autors.

Fazit: Wie immer sehr gelungen, still tiefsinnig und wirklich lesenswert! Taniguchi gehört zu den ganz Großen seiner Zunft, was er auch in seinem neuesten Werk unter Beweis gestellt hat.

Zur Person Tomojis und der Gründung des Tempels: https://de.wikipedia.org/wiki/Shinnyo-En


Genre: Manga
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Shokugeki No Soma – Food Wars! 1

9783551777249

Teenager Soma ist ein leidenschaftlicher Koch. Er und sein Vater, eigentlich ein Meisterkoch, betreiben ein winziges Restaurant, das bei den Kunden wegen seiner fein ausgewogenen Gerichte beliebt ist. Als aber eines Tages Kriminelle ihr Restaurant bedrohen, krempelt diese Begegnung Somas gesamtes Leben um. Sein Vater beschießt, sich als Koch weiterzubilden und auch sein Sohn soll eine Kochausbildung an der berühmt-berüchtigten Totsuki-Akademie erhalten. Nur 10 % der Schüler schaffen die harten Abschlussprüfungen und auch vorher schon wird gewaltig gesiebt dank der 16-jährigen Prüferin und Enkelin des Schulleiters Erina, die den absoluten Geschmackssinn besitzt. Aber Soma ist ein sonniges und v.a. selbstbewusstes Gemüt, das jede Herausforderung annimmt.

Der 1. Band der Serie ist für ein männliches Publikum konzipiert. Erzählt wird aus der Sicht eines Jungen, und die ist sinnlich-erotisch geprägt. Der Satz „Liebe geht durch den Magen“ erhält hier eine eindeutig erotische Komponente, wenn Männlein wie Weiblein während des exzellenten Essens praktisch ausgezogen werden. Überhaupt sind die Frauenfiguren meist gut bestückt, die Männer von der Figur und vom Aussehen her eher Durchschnitt. Auch daran sieht man, dass der Manga ein männliches Publikum ansprechen will, denn die Frauenfiguren sind recht eindimensional und klischeehaft gestaltet (Vamp, Naivchen, die Schüchterne). Soma selbst ist als Charakter ambivalent: Es gibt den Spruch „dumm, stark und wasserdicht“ für muskulöse Männer ohne Grips. Soma ist nicht sehr helle, auch nicht muskulös (in dem Fall ein Pluspunkt, denn Mangas für Jungen neigen auch diesbezüglich zur Übertreibung), dafür selbstbewusst mit einem eindeutigen Talent fürs Kochen. Ein Sympathieträger ist er im eigentlichen Sinn nicht, aber in seinem Selbstbewusstsein ohne Muckis für Jungen sicherlich ein Vorbild. Die Erotik kommt durch das Sinnliche des Kochens, ist aber im Manga relativ platt umgesetzt, was sich auch auf Anspielungen bezieht – Erina, „Gottes Zunge“, könnte man auch anders deuten. Das hätte man sicher sinnlich-ästhetischer und weniger deftig-derb einbinden können. Der Manga hat auch, wie viele Koch- und Backmanga für Jungen, Kampfsportcharakter. Der Wettkampf steht ganz weit oben und garantiert in diesem Fall die Spannung des Mangas.

Fazit: Manga mit wenig Anspruch auf Tiefgang, dafür mit Action und Erotik. Für ein männliches Publikum sicher nett.


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Kiss my Ass 1

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Highschool-Schüler Yakushiji ist eigentlich ein ganz normaler Junge – wäre da nicht sein prekäres Geheimnis: Er leidet an Hämorrhoiden. Und zwar im fortgeschrittenen Stadium. Da ploppen mehrmals am Tag diese ganz speziellen Quälgeister aus seinem Po heraus, und das auch noch schmerzhaft. Dieses Leiden vor seinen Mitschülern zu verstecken, grenzt an wahren Heldenmut und wird durch Klassenfahrten in unbequemen Holper-Bussen nicht unbedingt besser. Und das Verhängnisvollste: Ohne Operation wird sich sein Leiden verschlimmern. Aber für eine OP hat Yakushiji kein Geld. Da begegnet ihm eines Tages sein ganz persönlicher Arsch-Engel Miura, die ebenfalls unter dieser Krankheit leidet und sich geschworen hat, später einmal Proktologe zu werden. Sie verpasst ihm eine kurzzeitige Linderung und verspricht ihm Hilfe, wenn… Ja wenn Yakushiji ihr verspricht, ihr Versuchskaninchen für ihre diversen Heilmethoden zu spielen. Der geplagte Junge willigt ein, denn wenn alles klappt, kann er endlich seinen Schwarm Sana Komatsu näherkommen.

Japan ist bekannt dafür, aus allen Themen einen Manga zu machen. So wundert es nur mäßig, dass auch zu diesem speziellen Thema ein Manga erschienen ist. Mehr wundert es da schon eher, dass er es in westliche Gefilde geschafft hat. Auf der anderen Seite: Hämorrhoiden sind ja nicht sooo selten. Und der Manga ist so unterhaltsam gestaltet, dass er sowohl ganz nebenbei informiert, als auch eine nette Dreiecksromanze zu bieten hat. Der Fokus liegt allerdings eindeutig auf einer männlichen Leserschaft, denn trotz (oder gerade wegen?) des analen Themas erinnert er von der Herangehensweise des Autors an die Zeichnungen und die Story an einen Erotik-Manga explizit für das männliche Geschlecht. Nichtsdestotrotz bringt er in seinen zusätzlichen Extra-Mangas noch mehr humoristisches proktologisches Fachwissen an den Leser und erklärt, wie es zur Idee zu diesem Manga kam. Wer also offen ist für einen etwas anderen Manga, der darf gern einmal in „Kiss my Ass“ reinschnuppern, denn „das ist eine Komödie mit Herz, Boy meets Girl und Hämorrhoide meets Hämorrhoide, sozusagen“ (Takeshi Ohmi).

Ab 16 Jahren


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Rental Hearts 1

9783551744340

Nonoka Amamiya ist eine schüchterne Schülerin, die keine Freunde hat. Das verdankt sie ihrer Gabe, die für sie eher ein Fluch ist: Sie kann Geister sehen – und die sind für Nonoka kaum von Lebenden zu unterscheiden. Als die beiden gutaussehenden Jungen Aki und Ko in ihre Klasse kommen und sich für Nonoka interessieren, muss das Mädchen auch noch gegen Neiderinnen ankämpfen. Aber die beiden Jungen interessieren sich nicht für sie als Freundin, sondern für ihre übersinnlichen Augen. Denn sie arbeiten für die Agentur „Rental Hearts“, die Körperteile verleiht. Nonoka fühlt sich sofort unwohl, denn Chefin Kyoko Kaonji steht auf Sado Maso und auch sonst ist der Verleih von allerlei seltsamen Gestalten bevölkert. Auch Akito musste sich nach einem gefährlichen Auftrag von Rental Hearts Körperteile borgen, um wiederbelebt werden zu können. Um die Rechnung für die Körperteile zu begleichen, jagt er jetzt mit seinem Bruder Ko Geister, und Nonoka soll ihnen bei der Geisterjagd helfen. Aber das Mädchen tut sich schwer, einen entsprechenden Vertrag zu unterschreiben – bis sie selbst in Lebensgefahr gerät.

Diese Serie bietet für Actionfans viel Stoff, für Mystery-Fans Paranormales und auch Erotik-Fans werden mit Fanservice bedient. Das Besondere an Letzterem: Der Fanservice gilt auch, wenn auch deutlich eingeschränkter, für Leserinnen. (Wie die Männer allerdings mit der weiblichen Hauptperson Nonoka umgehen, ist fragwürdig: Sie zerren sie in unschöner Regelmäßigkeit an den Haaren und behandeln sie über den ganzen Manga hinweg respektlos. Das jungen LeserInnen vorzusetzen, halte ich für keine gute Idee, denn diese Respektlosigkeit gegenüber Frauen sollte nicht noch unterstützt werden.)  Die zweite Frau im Bunde, die Chefin von „Rental Hearts“, ist im Gegensatz zu Nonoka deutlich selbstbewusster und selbstständiger, was Vorbildcharakter haben könnte. Der einzige Haken: Sie steht in aller Öffentlichkeit auf Sado Maso. Da kommt es auf den Geschmack des weiblichen/männlichen Lesers an, ob sie/er das gut findet oder nicht. Überhaupt ist diese Art von Story mit derart schrägen Charas und rauen Sitten Geschmackssache.

Wer solche raueren Mangas mag, sollte zugreifen. Alle anderen lassen besser die Finger davon.


Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Lauf, wenn es dunkel wird

laufWas für ein schrecklicher Zufall: Cheyenne schläft auf dem Rücksitz des Familienautos, als dieses gestohlen wird. Und Griffin, der junge Dieb, kann sie nicht einfach so laufen lassen, obwohl er Bedenken hat. Denn Cheyennes Vater ist ein reicher Unternehmer und das perfekte Ziel für eine Erpressung, finden Griffins Komplizen. Cheyenne bleibt nur ein Ausweg: Flucht. Doch die ist doppelt schwierig – denn Cheyenne ist blind!

Cheyenne ist 16 Jahre alt und verlor bei einem Unfall vor 3 Jahren Ihre Mutter und auch ihr Augenlicht. Gemeinsam mit Ihrem Vater und ihrer Stiefmutter lebt Sie in Portland. Cheyenne hat eine Lungenentzündung und als Sie mit ihrer Stiefmutter eines morgens vom Arzt kommt, bleibt Sie in eine Decke gehüllt auf dem Rücksitz des Autos liegen, während ihre Stiefmutter noch schnell zur Apotheke eilt um das Antibiotikum zu holen. Sie lässt den Zündschlüssel stecken und wird dabei von Griffin beobachtet, der die Gelegenheit nutzt, ins Auto springt und damit davonrast. Nach kurzer Zeit bemerkt er Cheyenne auf dem Rücksitz, bereut den Autodiebstahl und die ungewollte Entführung sofort, kann jetzt aber nicht mehr zurück.

Griffin ist mit der Situation völlig überfordert und so fährt er zielstrebig zu seinem Vater Roy nach Hause. Griffin und Roy leben auf einem einsamen und runtergekommenen Grundstück außerhalb von Portland und sind das was in Amerika „white trash“ genannt wird. Sie „verdienen“ sich Ihren Lebensunterhalt mit dem stehlen von Autos, die sie in Ihrer Scheune auseinander schrauben und dann in Einzelteilen verkaufen. Unterstützt werden Sie dabei von zwei nicht minder runtergekommenen Typen die auf dem Grundstück ständig ein und ausgehen.

In dieses Chaos wird Cheyenne also gebracht und allein die Tatsache dass Cheyenne blind ist, hält die Typen wohl davon ab sie zu beseitigen denn schließlich kann sie ein blindes Mädchen zumindest nicht identifizieren.

Innerhalb kürzester Zeit wird Roy klar, dass die versehentliche Entführung ein glücklicher Zufall sein könnte denn wie man aus den Nachrichten hört, hat Cheyennes Vater Geld und kann somit bestimmt ordentlich Lösegeld bezahlen…!

Nach und nach gerät die ganze Sache aber immer mehr außer Kontrolle denn Roy ist aggressiv, die beiden Typen würden Cheyenne nur zu gern an die Wäsche und Griffin bedauert die ganze Sache zutiefst und hat Zweifel daran dass Cheyenne tatsächlich Lebend aus der Sache rauskommen wird…!

Die Geschichte wird abwechselnd aus Cheyennes und Griffins Sicht erzählt die Autorin versteht es super sich in eine blinde Person hinein zu versetzen. Teilweise hatte ich schon fast das Bedürfnis selbst meine Arme zum Tasten auszustrecken, wirklich ganz toll umgesetzt.

Die Geschichte ist die ganze Zeit über sehr interessant und spannend und am Ende konnte man es vor Spannung kaum noch aushalten und nicht mehr aus der Hand legen!

Bereits April Henrys Jugendbuch „Breakout“ hat mir super gefallen aber dieses Buch ist noch mal um Klassen besser!

Eigentlich soll auch dieses Buch ein Jugendbuch bzw. Jugend-Thriller sein und wird für Jugendliche aber 13 Jahren empfohlen aber außer dass die Hauptfiguren Chayenne und Griffin Teenager sind, kann ich nicht sagen dass dieses Buch ein Jugendbuch ist. Es ist einfach sehr guter und spannender Thriller und das empfohlene Alter „ab 13 Jahren“ finde ich ehrlich gesagt ein wenig unpassend!

Ein super Buch das ist blitzschnell durch hatte und auf jeden Fall wärmstens empfehlen kann.

April Henry lebt mit Ihrem Mann und Ihrer Tochter in Portland und hat zahlreiche Thriller und Krimis verfasst. Bereits im Alter von 11 Jahren wurde Ihre erste Kurzgeschichte veröffentlicht. Sie studierte an der Oregon University und verbrachte ein Austauschjahr in Stuttgart.


Genre: Kinder- und Jugendbuch, Thriller
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg