
Trauma: Wer unter uns leidet nicht darunter?
Die studierte Kulturwissenschafterin Julia Tautz engagiert sich politisch im Bereich Awareness und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Mit “Trauma” legt sie ein Seher persönliches Werk, der das Private weit ins Politische extrapoliert.
Das Trauma, “die eiternde Wunde”
Trauma ist ein Konzept über Verletzlichkeit und seine Geschichte und hat viele Gesichter: Krieg, Gewalt, Vertreibung, Resilienz, Flashback, Dissoziation und transgenerationelles Trauma bis hin zu Erinnerung und Verarbeitung. Natürlich hat in Zeiten wie diesen jede/r irgendwie ein Trauma, was die Bedeutung des Wortes zunehmend verwässert. Julia Tautz verknüpft Erkenntnisse aus Medizin, Psychologie, Geschichte, Kulturwissenschaften und Poesie um den Begriff besser festnageln zu können und daraus eventuell Hilfe für die Zukunft ableiten zu können. Als “Schwanken zwischen ständigem Schuldbewusstsein und absolutem Entkommen bzw Eskapismus” beschreibt sie ihren Zustand, bevor sie sich mit dem Thema Selbstwirksamkeit beschäftigte. Anpassungsstörung und Dissoziation wurden ihr attestiert, “Concept creep/semantic creep” nannte der australische Psychologe Nick Haslam 2016 das, also jemand der auf die schleichende Vergrößerung der Bedeutung von Begriffen, die sich auf Schaden, Trauma oder psychische Probleme beziehen, übermäßig reagiert. Durch ein Trauma spalte sich alles in ein Davor und Danach, man spricht auch von “satterem assumptions”, da sich durch das Trauma alles als anders herausstellt als es zuvor war. “Ein Trauma ist eine eiternde Wunde”. Aber statt sich in Isolation und Einsamkeit zu flüchten, wäre Solidarität mit anderen Betroffenen doch heilsamer.
Hypervigilanz, DIS und die Siksika
Jede Psyche strebe nach Wiederholung des Erlebten, “um die aufgestauten Reize unbewusst zu verarbeiten”, wusste schon Sigmund Freud. Pierre Janet (1859-1947) widersprach in dem er die traumatischen Erlebnisse als Realität der Betroffenen interpretierte und nicht als Fantasie, wie Freud. Daraus entwickelte sich später das Konzept der PTBS von der heute sehr oft gesprochen wird. Männer würden dabei eher vermeiden und unterdrücken, Frauen blockieren und in stereotype Opferhaltungen verfallen, so die Klinische Psychologin Silke Gahleitner, die von Tautz zitiert wird. Man unterscheidet dabei auch ein Hyper- und ein Hypoarousel. Ersteres könne im Dauerzustand auch zu Fatigue, Antriebslosigkeit, Entzündungen oder diffusen Schmerzen im ganzen Körper (Fybromyalgie) führen. Die Amygdala ist dabei immer für den absoluten Notfall gewappnet und setzt alle Schalter auf Alarm: Hypervigilanz ist der Fachausdruck für diese übertriebene Wachsamkeit. Bei der Überwindung dieser Symptome könne vor allem die Familie, Freunde oder die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft helfen, wie Abraham Maslow 1938 nach einem sechswöchigen Aufenthalt bei den Siksika (Blackfoot) herausfand und darauf aufbauend seine berühmte Bedürfnispyramide entwickelte, die in vorliegender Publikation sogar farbig abgebildet ist.
Babybooomer vs. Generation Snowflake
John Bowlbys Bindungstheorie bläst in eine ähnliches Horn, baue aber auf eurozentrischen, dyadischen und monokulturellen Annahmen der westlichen Bildungsschicht auf. Die ständige Re-Inszenierung der eigenen Glaubenssätze der Kindheit führt oft zur falschen Partnersuche und alte Traumata werden so auch bei den eignen Kindern wiederum re-enacted. Hier spreche man dann sogar von transgenerationeller Weitergabe von Traumata. Durchbrechen kann man Trauma nur durch Kommunikation, “denn Schweigen ist für ein Trauma wie Sauerstoff für ein loderndes Feuer”, so Tautz. Ein abschließendes Kapitel zu “Therapieansätze: Konfrontation und Fürsorge” schließt diese äußerst aufschlussreiche und kompakt wiedergegebene Einführung in das Reich des Traumas weiterführen ab. Das kapitalistische Imperativ der Selbstoptimierung durch die Überwindung des Traumas, das heute in Schnellkursen angeboten wird, dient allerdings nur der Re-Kapitalisierung und nicht der Heilung: Konflikte werden zugespitzt, Gemeinsamkeiten unterrepräsentiert. DAs ist aber nicht der Sinn der Sache, worauf auch Tautz dezidiert hinweist. Ein starkes Bild zum Abschluss ist auch die Schneeeflocke, die sofort bei jeder Belastung schmilzt und keine Widerstandskräfte besitzt, dafür aber individuell wie jeden Schneeflocke ist.
“Aber vor der Tür steht bereits eine rechte Bedrohung, die alles vernichten könnte, wofür bereits seit den 1960ern gekämpft wurde”, warnt die Autorin eindringlich und appelliert an die Generation Snowflake, sich nichts mehr gefallen zu lassen.
Julia Tautz
Trauma. 100 Seiten
Von Krieg, Gewalt, Vertreibung, Resilienz, Flashback, Dissoziation und transgenerationellem Trauma bis zu Erinnerung und Verarbeitung
Reihe: Reclam 100 Seiten
2026, Taschenbuch, 100 Seiten – 5 farbige Abbildungen, 1 Schaubild, mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
ISBN: 978-3-15-020798-7
Reclam
EUR 12,00


100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.
Toxisches Schweigen. Unser Zeitalter wird einst als das Zeitalter der Narzissten in die Geschichte eingehen. Diese Spezies Mensch versteht es besonders gut, sogar durch Schweigen Terror auszuüben, “Schweigeterror” nennt das der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der in vorliegender Publikation auf alle Arten des Schweigens eingeht.
Die Erstgeborenen. Wer (ältere) Geschwister hat, wird das weitverbreitete Klischee kennen, dass diese es schwerer gehabt hätten. Wegen der Zeit, der Gesellschaft, der Eltern. Sie hätten vorgekämpft, wovon die jüngeren nun profitieren würden. Aber oft ist genau das Gegenteil der Fall: die Jüngeren müssen das Kreuz der Älteren tragen.

Das kleine Büchlein ist 2021 erschienen, zum 100. Geburtstag des Autors. Es ist eine Wiedergabe eines 1995 gehaltenen Vortrags, und schon darin besteht ein Reiz: Watzlawick nimmt Beispiele von gelungener Kommunikation auf weltpolitischer Ebene aus dieser Gegenwart: damals, als der eiserne Vorhang am Verrosten war.
Der Autor ist Psychologe und forscht zur neuronalen Entwicklung der Babys. Als Wissenschaftler kennt er die einschlägigen Publikationen der letzten Jahrzehnte und belegt seine Aussagen: Die Literaturliste bringt es auf über dreißig der knapp vierhundert Seiten. Es geht ihm nicht um die motorische Entwicklung, sondern um Gedanken und Gefühle der Babys, und: Warum lachen wir Menschen eigentlich? Manchmal erzählt er auch aus dem Nähkästchen, was Wissenschaftler voneinander halten. Laien bezieht er mithilfe des Internets in seine Forschung ein, manche Eltern erzählen von sich und ihren Gefühlen, die die Babys auslösen und geizen nicht mit Beiträgen über die Leistungen ihrer Kinder.
Bei Titel und Genre des Buches musste ich spontan an Oliver Sacks wundervolles Buch »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« denken. Und tatsächlich ist Sacks Werk über die dunklen Seiten der menschlichen Seele durchaus vergleichbar mit den Geschichten, die Christof Kessler erzählt.