Avengers – Heldenfall

Avengers – Heldenfall. Diese Story aus den Jahren 2004/05 hat es in sich. Jack of Hearts, der Antmans Tochter Cassie retten wollte und dabei starb, steigt aus dem Grab, um die Rächer (Avengers) heimzusuchen. Doch bald bleibt kein Stein mehr auf dem anderen in der Avengers-Mansion. Denn Tony Stark (Ironman) ist pleite.

Avengers: Undank ist der Welten Lohn

Eines gleich vorweg: noch nie waren die Zeichnungen der Avengers so exakt und detailliert und gleichzeitig episch wie in diesen von David Finch und Olivier Coipel in diesem Band verwirklichkeiten. Allein das macht diese Ausgab schon zu einem „Must Have“ wie der Titel suggeriert. Ein Faustschlag den Ironman der wildgewordnen She-Hulk verpasst trifft so gut, dass man förmlich aus seinen eigenen Träumen aufwacht oder sich darin verabschiedet, je nach dem. Aber auch die Story von Brian Michael Bendis wartet mit einigen Überraschungen auf. So spricht etwa Ironman vor der UNO und greift (als Verteidigungsminister) den Gesandten aus Latveria persönlich an. Die Kritik seiner Avengers-Kollegen daran führt dazu, dass Tony Stark beleidigt ist: „Ich bin ja so was von froh, dass ich mein halbes Vermögen in die finanzielle Unterstützung der Avengers investiert habe…und dass es mir jetzt so gedankt wird“.

Avengers – Heldenfall. Marvel Must-Have

Erst greift Ultrons Armee die Avengers an. Dann wird ein Angriff der Kree von den Avengers gerade nach zurückgedrängt, doch die eigentliche Herausforderung entsteht ihnen durch Magnetos Tochter. Wanda Maximoff zapfte nämlich eine neue Kraftquelle an, die sie Chaosmagie nannte. So beherrscht sie nun alle Wahrscheinlichkeiten der Realität. Ist das das Ende der Avengers? Im Anhang finden sich Informationen zu den Machern des Comics sowie ein Bonusteil zu Hinter den Kulissen, Timeline, Weitere Lektüre, Anmerkungen, Weitere Must Have Titel. Eine schockierende, finstere Saga über das Ende einer Ära. Ein echtes Must Have eben.

Brian Michael Bendis

Marvel Must-Have: Avengers – Heldenfall

Zeichner: David Finch, Olivier Coipel

Storys: Avengers (2005) Finale, Avengers 500-503

Hardcover, 180 Seiten,

19,00 €

ISBN: 9783741616617

Panini Comics


Genre: Comics, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Jessica Jones: Blind Spot im Visier

Jessica Jones ist zwar eine Superheldin, aber sie will ein normales Leben führen und keinen Gebrauch von ihren Superkräften machen. Manchmal lockt es sie dann aber doch. Als taffe Privatdetektivin bekommt sie diesmal eine Leiche in ihr Büro serviert und wird prompt als Hauptverdächtige von der Polizei verhaftet.

Fun-damente einer Beziehung

Die „Fun-damente“ einer guten Beziehung oder eines Landes oder einfach vom Baseballspiel diskutiert JJ mit ihrem Mann Luke Cage beim Spaziergehen mit dem Kinderwagen. Eine Superheldin und Detektivin braucht ja auch ein Privatleben und das soll noch dazu Spaß machen, „fun“ eben. Denn was ihr in vorliegendem Abenteuer beruflich bevorsteht, grenzt beinahe an Leichenfledderei.

Nekrophilie?

Ihre Ex-Klientin Dia Sloane ist die Leiche in ihrem Büro und nur ihr Anwalt kann sie aus den Krallen oder besser Handschellen des Gesetzes wieder befreien. Doch dann überlebt sie selbst nur knapp einen Kopfschuss und in einem Dialog mit Captain Marvel, die wie Scarlett Johansen aussieht, fordert sie die tödliche Kugel, die sie getroffen hat, vom NYPD zurück. Diese führt sie dann auf die richtige Spur. Denn der Killer tötete bisher vier Frauen und alle waren stark. „Also genau die Sorte Frauen, die gewisse Kerle wahnsinnig macht.“

Verantwortung übernehmen

Dr. Strange, der ein ganz kleines bißchen wie Tom Hardy aussieht, empfängt sie um 12:01, denn vorher will er niemanden sehen. Er macht sich prompt über ihr Kostüm lustig, das sehr knapp sitzt und eigentlich einem Badeanzug mit aufgenähtem Blitz ähnelt.

„Wenn man innere Dämonen wie Jared hat, muss man sich selbst um sie kümmern, oder man läuft ewig davon. (…) Aber am Ende kriegst du dein Leben nur dann wieder in den Griff, wenn du Verantwortung übernimmst… und dich wehrst.“ Jessica Jones könnte diese Sätze auch zu sich selbst sagen, denn auf wen träfen sie nicht zu?

Das Rätsel, wer der Killer ist, wird schließlich tiefenpsychologisch gelöst. Die Zeichner Marcio Takara und Mattia De Iulis haben eine aufsehenerregende Kriminalgeschichte in bunte Farben gehüllt und abenteuerlich illustriert. Die Atmospähre kommt  authentisch rüber und ist nicht nur für Fans der Netflix-Serie ein Must.

Kelly Thompson
Jessica Jones: Blind Spot im Visier
Zeichner: Marcio Takara, Mattia De Iulis
Storys: Jessica Jones: Blind Spot 1-6
2020, Softcover, 140 Seiten
ISBN: 9783741619106
17,00 €
Panini Verlag


Genre: Comics, Crime
Illustrated by Panini Comics

Batman: Die Jagd des Dunklen Ritters

Dem Mitternachtsdetektiv huldigen Bendis und Derington diese Story, die Batman zweimal an zwei entgegengesetzte Enden des Universums, „quer durch die Galaxis“, und wieder zurück trägt. Alfred Pennyworth ist die Stimme im Funk, die ihn dabei begleitet, aber auch eine Menge anderer Unterstützer bekommt Batman in diesem zeitlosen Abenteuer.

Batmans Jagd nach sich selbst

Unerwartete Unterstützung bekommt Batman beim Kampf gegen den Söldner Deathstroke und den Riddler durch Green Arrow, der sich aber bald in seinen Antipoden verwandelt. Denn im Zentrum dieser Geschichte steht ein Fabergé-Ei, dessen Inhalt seinen Träger sofort verwandelt.

Aber noch kann Batman die geheimnisvolle Kraft nicht durchschauen, erst als auch Green Lantern auf den Plan tritt, beginnt er zu verstehen, mit wem er es zu tun hat. Der eigentliche Feind ist nicht der Riddler, der viel zu harmlos und verrückt erscheint, sondern der, der hinter ihm steht.

Batman wird auf den Gorilla-Planeten katapultiert, wo König Nnamdi ihn zunächst unwirtlich empfängt. Wer hat schon gerne unangemeldete Besucher? „Lieber später um Verzeihung bitten, als vorher um Erlaubnis …“, kommentiert Nnamdi Batmans unangemeldetes Erscheinen. Derweilen hat ein anderer den Riddler längst auf seinen Thron gepflanzt.

Einmal durch die Galaxis… und zurück

Batman erscheint auch auf dem Planeten Thanagar, wo Hawkman lebt und kämpft sogleich gegen ein Heer von Dinosauriern. Die Teleportationstechnologie ist halt einfach unberechenbar. Das Schleuder-Wurmloch bringt ihn alsbald auch in das 19. Jahrhundert in den Wilden Westen, wo der grimmige Jonah Hex ihn mit zwei Revolvern erwartet.

„So n Quatsch kann nur wahr sein“, stimmt Hex Green Lantern und Batman zu und so kann man die beiden bald in Zivilklamotten sehen, was besonderes Vergnügen bereitet, da der Zeichner Nick Derington sein Handwerk wirklich versteht. Nicht nur was die Kostüme betrifft, sondern auch das Setting, er trifft in jedem Genre den Punkt.

Auch in zweiseitigen Illustrationen im Kampf gegen eine Truppe Ninjas zeigt Derington sein Talent. Oder wenn Batman allein im Kosmos aufwacht und von einer rosa Milchsuppe umgeben ist.

Darington ist ein Meister der Illusion, der auch dieses Abenteuer zu einer wunderbaren Episode im Kampf gegen das Böse macht. Wer der Oberböse ist, wird hier aber nicht verraten. Lesen Sie selbst dieses bunte, verrückte Abenteuer, das den Mitternachtsdetektiv an ferne Orte verschlägt und durch Raum und Zeit, „quer durch die Galaxis“, führt.

Brian Michael Bendis
Batman: Die Jagd des Dunklen Ritters
Zeichner: Nick Derington
Storys: Batman Universe 1-6
Mit Batman, Green Arrow, Green Lantern, Nightwing
2020, Softcover, 180 Seiten
ISBN: 9783741618376
20,00 €
Panini Verlag


Genre: Comics, Crime Stories
Illustrated by Panini Comics

Was davor geschah

Moderner Jahrmarkt der Eitelkeiten

Im breitgefächerten Œuvre des mit dem Büchnerpreis ausgezeichneten Schriftstellers Martin Mosebach wird bei den Romanen häufig das Scheitern thematisiert, so auch in «Was davor geschah». Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nannte den Autor 2007 in ihrer Laudatio nicht nur einen «genialen Formspieler», er verbinde zudem «stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude». Ein derart überschwängliches Lob löst in der Fachwelt regelmäßig erbitterte, vom Neid befeuerte Debatten aus, von «affektierten Vokabeln» und «verzopften Phrasen aus der bürgerlichen Mottenkiste» konnte man da lesen. Nach der Lektüre des vorliegenden Romans wird man diesem Verdikt vehement widersprechen, vielleicht auch gerade deshalb, weil der Autor gottlob mit seinen intellektuell hochstehenden Romanen unbeirrt nichts bestsellertauglich Profanes abliefert!

Es gibt wohl kaum eine explosivere Frage in einer aufkeimenden Liebesbeziehung als die nach der Zeit davor, nach dem also, «was davor geschah». Dieser drängenden Frage seiner Liebsten kommt der namenlose Ich-Erzähler, ein 35jähriger Bankkaufmann, der vor sechs Monaten nach Frankfurt gezogen ist, gerne nach, seine Erlebnisse in der Stadt am Main bilden letztendlich den alleinigen Erzählstoff dieses Gesellschaftsromans. Er lernt gleich zu Beginn den Sohn der ebenso kultivierten wie wohlhabenden Familie Hopsten kennen, der ihn zur nächsten der allsonntäglich in ihrer pompösen Villa stattfindenden Party einlädt. Prompt verliebt er sich hoffungslos in die schöne Phoebe, die Schwester seines Freundes. Er lernt zudem einen illustren Kreis von Stammgästen kennen, die zusammen mit dem prominenten Ehepaar Bernward und Rosemarie Hopsten das Figuren-Ensemble dieses Romans bilden. Dazu zählen insbesondere der zuverlässig jede Konversation in Gang haltende Schwadroneur und hochrangige Ex-Politiker Schmidt-Flex mit Frau sowie dessen dröger Sohn und seine attraktive, weinselige Frau Silvi. Diesen inneren Kern der Partygesellschaft ergänzen Helga, Freundin und Beraterin der Hausherrin in stilistischen und ästhetischen Fragen, sowie der ebenso zwielichtige wie charismatische Geschäftsmann und Schürzenjäger Joseph Salam.

Genüsslich erzählend breitet Martin Mosebach das vielfach verknüpfte Beziehungsgeflecht dieser Figuren in einer geradezu süffigen Sprache vor dem Leser aus. Von der ersten Seite an erinnert er damit stilistisch an Thomas Mann oder Lew Tolstoi, nur dass sein Sittenbild einer bourgeoisen Gesellschaft sich auf einen deutlich kleineren, überschaubaren Kreis von Figuren stützt – und mit wesentlich weniger Seiten auskommt! Es gehört zur narrativen Kunst des Autors, dass er dem Leser seine lebensechten Protagonisten menschlich derart nahe zu bringen vermag, dass man jeden von ihnen zu kennen glaubt in seiner realistisch erscheinenden Charakterzeichnung, – und niemand von ihnen wirkt unsympathisch oder gar abstoßend. Was den Leser da so sinnlich mitreißt in diesem Vexierbild einer gehobenen Gesellschaft unserer Tage, das ist vor allem ein kontemplatives Vergnügen, bei dem scheinbar bedeutungslose Szenen wie eine nächtliche Schlittenfahrt der ganzen Partytruppe im Taunus oder die akribische Federputz-Prozedur eines weißen Kakadus äußerst subtil und anschaulich geschildert werden.

Derart wortmächtig und elegant schreibt niemand anderes in der gegenwärtigen deutschen Literatur. In seinem – bis auf die Rahmenhandlung – klug konstruierten Plot entlarvt der Autor moralisch streng, aber auch unverkennbar ironisch den Aberwitz in seinem ‹Jahrmarkt der Eitelkeiten› moderner Prägung mit seinen amourösen Verstrickungen. Der scheherazadeartige Handlungsrahmen allerdings mit seinen gelegentlich eingestreuten, typografisch abgesetzten, kurzen und irrealen Dialogen ist wenig überzeugend, und auch der unbestimmt zwischen personaler und auktorialer Warte changierende, konturlose Ich-Erzähler ist literarisch ein kleiner Wermutstropfen in dieser ansonsten makellosen Erzählung.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Schwitters

Kurt Schwitters Ulrike DraesnerDer am 20. Juni 1887 geborene Kurt Schwitters zählt zu den prägenden deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. In Deutschland nahezu vergessen, gilt er heute vor allem in Großbritannien, wo er auf der Flucht vor den Nazis seine letzten Lebensjahre verbrachte, als anerkannter Collagist und Installationskünstler. In einem biographischen Roman schildert Autorin Ulrike Draesner feinsinnig und unterhaltsam Schwitters Jahre als Migrant im Exil. Weiterlesen


Genre: Biographien, Romane
Illustrated by Penguin

Das amerikanische Hospital

Ethische Versuchsanordnung

Der Roman «Das amerikanische Hospital» von Michael Kleeberg stellt geradezu eine ethische Versuchsanordnung dar. Der Autor verknüpft in seiner ambitionierten Poetik die Conditio humana mit der hoffnungslosen Tragik des Menschseins, wie er es mal in einem Gespräch erläutert hat. Es sei die Suche nach «Gesetzmäßigkeiten im Individuellen», die es dem Epiker möglich mache, seinem Narrativ den Anschein des Möglichen zu geben. Der Buchtitel bezieht sich auf das hoch angesehene, durch Spenden finanzierte ‹Hôpital américain de Paris›, das im Roman als prominenter Handlungsort einen erzählerischen Fixpunkt bildet.

Vor den Augen der dreißigjährigen Hélène bricht im Korridor dieser Klinik unkontrolliert zuckend ein Mann mittleren Alters zusammen, um den sie sich sofort bemüht, ehe Helfer herbeieilen und ihn wegführen. Die glücklich verheiratete, junge Frau versucht, mit Hilfe der Spezialisten für künstliche Befruchtung in diesem Hospital endlich ihren Kinderwunsch zu verwirklichen, was sich aber als langwierige und äußerst schwierige Prozedur erweist. Bei der nächsten Routineuntersuchung trifft sie wieder auf diesen Mann. Er bedankt sich für ihre Hilfe, sie kommen ins Gespräch, beide lieben Lyrik und tauschen sich erfreut darüber aus. David ist ein amerikanischer Offizier, der in der Botschaft arbeitet und wegen posttraumatischer Belastungsstörungen aus dem Irakkrieg in Behandlung ist. In ihren Begegnungen, die sich schließlich über fünf Jahre hinweg wiederholen, offenbaren sie sich ihre Probleme. Das führt anfangs zu heftigen Wortwechseln zwischen dem amerikanischen Captain und der französischen Pazifistin, denn er erzählt immer wieder von den Gräueln des Krieges. Die kann er seelisch nicht verarbeiten, während sie von ihrem dornenreichen Weg zum Kinderglück berichtet.

Als Parabel auf die Körper-Seele-Problematik des Menschen werden hier zwei Schicksale geschickt miteinander verknüpft. Dabei werfen insbesondere Davids in ausgedehnten Rückblenden erzählte Kriegserlebnisse immer wieder Fragen nach ethischer Verantwortung in derart extremen Ausnahme-Situationen auf. Aber auch der beharrlich verfolgte, egoistische Kinderwunsch von Hélène wird nach diversen vergeblichen Versuchen letztendlich als Krieg gegen den eigenen Körper moralisch immer fragwürdiger. Michael Kleeberg schildert all diese Seelenpein in anschaulichen Bildern, ohne den falschen Ehrgeiz zu entwickeln, sie bis in ihre innersten Ursprünge aufdröseln zu wollen. Neben der Klinik steht besonders Paris als Ort des Geschehens im Fokus des Autors, er benutzt sprachlich gekonnt anschauliche Bilder der Metropole als Kulisse für viele seiner Szenen. Wobei insbesondere der Generalstreik am Schluss eine starke Wirkung erzeugt als allegorische Anspielung auf das Chaos, das seelisch auch in den beiden Protagonisten herrscht. Auffallend ist die Häufung von ornithologischen Einschüben, die zur Thematik allerdings rein gar nichts beitragen. Sie eskalieren in einem Vogeldrama, als eine Schar Ibisse auf einem riesigen Ölsee landen, – eine von den Irakern bei ihrer Flucht vor den US-Truppen verursachte und für die Vögel verhängnisvolle Umweltkatastrophe.

Wie ein Deus ex machina taucht im Schlusskapitel der bereits nach zwei Buchseiten spurlos verschwundene, namenlose Ich-Erzähler als Hélènes Mann plötzlich wieder auf. Er erzählt nun in einer raffinierten narrativen Volte, was aus den beiden Protagonisten schlussendlich geworden ist. Und es ist erfreulicherweise nicht das, was so mancher Leser hypothetisch hinein geheimnissen mag, alles bleibt nämlich völlig kitschfrei. Die unübersehbare Ambivalenz zwischen einer teilweise deutlich überfrachteten, vom Autor eitel vorgetragenen Detailfülle bei Paris-Spaziergängen oder In-vitro-Fertilisation einerseits und der raffinierten Konstruktion des Plots mit seiner brillanten sprachlichen Umsetzung andererseits mindert den Lesegenuss dieses vielschichtigen psychologischen Romans leider ein wenig.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by DVA München

Snack World 1

Chup ist ein echter Abenteurer. Mit seiner Heldengruppe hat er schon viele lebensgefährliche Situationen – mehr schlecht als recht – überstanden.

Deshalb bekommt er vom naiven König die Aufgabe, für seine eitle Tochter Prinzessin Melonia das wertvolle Purpurauge zu besorgen. Dafür müssen die Helden aber erst einmal die Medusa überwinden.

Mithilfe der sogenannten Snacks (Handykarten mit magischen Geschöpfen, die herbeigerufen werden können), will Chup auch dieses Abenteuer bestehen. Aber die Prinzessin ist unersättlich: Sie will für ihren Teint die seltene Kranel-No.-2-Creme vom Riesenkraken und den Immortali-Tee vom Phönix-Huhn. Als wäre das nicht genug, will sich Chup unbedingt am bösen Kaufmann Sultan Basamico rächen, der Chups Familie auf dem Gewissen hat.

Die Abenteuer sind genauso skurril, wie sie sich anhören. Die Werbestrategie verkauft sie zwar als witzig, aber eigentlich ist der Witz sehr bemüht, geht in die Fäkalrichtung und verharmlost die Gewalt, die in diesem Manga reichlich vorkommt.

Außerdem geht der Witz meist auf Kosten der anderen, denn die Abenteurer selbst, bis auf die Frau der Heldentruppe, muten wie Lemminge an, die ohne Sinn und Verstand auf den Abgrund zulaufen. Prinzessin Melodia wird als hirnlose, nur ihrer Eitelkeit verpflichtete Frau dargestellt, der andere völlig egal sind. Ihr Vater hat ihr die Hirnlosigkeit anscheinend vererbt; bei ihm fragt man sich, wie er bei seinem praktisch nicht vorhandenen IQ König werden konnte.

Auch die Anspielungen auf die Mythologie retten die Story nicht, da auch diese eher flach daherkommen. Die Medusa z.B. wird einseitig als verrückt und mordlüstern dargestellt und dient eigentlich nur als Mittel der gegen sie auszuübenden Gewalt. Im (griechischen) Mythos bzw. in den Urmythen dagegen ist ein schlangenumkröntes Haupt das Symbol für eine weise Frau und des “weisen Blutes”, das Frauen göttliche Macht verleiht.

Schlangen werden oft mit Weiblichkeit und mächtigen weiblichen Göttinnen in Verbindung gebracht. Medusa selbst war ursprünglich die Schlangengöttin der libyschen Amazonen und verkörperte das weibliche Wissen. Ihr Blut soll lebensspendend, aber auch tödlich gewesen sein. Gemeint war wohl das Menstruatonsblut, dem früher Zauberkräfte nachgesagt wurden. Naturvölker glaubten oft, dass der Blick einer menstruierenden Frau einen Mann in Stein verwandeln kann.

Von dieser machtvollen Göttinnengestalt ist in diesem Manga leider nichts zu spüren. Einzig die blondhaarige Heldin der Gruppe fällt keinem Klischee zum Opfer, denn sie ist die (ungehörte) Stimme der Vernunft und kann für sich, im Gegensatz zu den männlichen Helden und der sexistischen Blondinen-Witze, Intelligenz beanspruchen.

Wer flache Schenkelklopfer-Witze und Storys ohne Sinn und Verstand mag, ist mit diesem Manga gut bedient. Alle anderen sollten die Finger von so viel tumber Hirnrissigkeit lassen.


Genre: Manga
Illustrated by Carlsen Manga!

Young Donald Duck: Immer ich! Vom Pech verfolgt – Ein Comic-Roman

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Schon der 12-jährigeDonald ist vom Pech verfolgt: Der Hof seiner Großmutter, und damit sein Zuhause, soll verkauft werden. Donald könnte den Hof retten, wenn er an der Elite-Schule PRIMA als Schüler aufgenommen werden würde. Aber leider ist Donald nicht gerade ein guter Schüler.

Seine Freundin Dolly beschließt ihm zu helfen und schickt heimlich eine Bewerbung anstelle Donalds an die PRIMA. Und tatsächlich: Donald wird als Schüler aufgenommen – allerdings nur wegen eines Missverständnisses. Er soll angeblich Meister von “Lagoo” sein. Aber niemand weiß, was das eigentlich ist, schon gar nicht Donald.

Damit er an der Schule bleiben und damit Omas Hof retten kann, überlegen er und die anderen Schüler, den Begriff “Lagoo” mit Inhalt zu füllen und veranstalten den ersten Lagoo-Wettbewerb der Geschichte.

“Lustiges Taschenbuch Lesespaß” heißt das neue Experiment von Ehapa, welches Comic und Lesebuch miteinander kombinieren und so mehr Spaß am Lesen erzeugen will. Um es vorweg zu sagen: Dieses Crossover ist durchaus gelungen.

Zum einen werden die beiden Genres gut miteinander verzahnt, was sich schon im Textbild widerspiegelt. Erzählertext, Panels, Geräusche und unterschiedliche Textfarben für die verschiedenen Figuren gehen geschmeidig ineinander über. Betonungen im Text werden über Schriftgröße und Großbuchstaben geregelt. Zum anderen interagiert der fiktive Erzähler mit der Leserin /dem Leser und den Figuren, sodass auch hier Grenzen aufgelöst werden.

Das alles erzeugt ein lebendiges Leseerlebnis, das durch den Humor des fiktiven Erzählers noch verstärkt wird. “Lustig” und “Lesespaß” können also selbstbewusst die Brust herausstrecken.

Natürlich wird auch mit den Farben gespielt und so Stimmung erzeugt. Kater Karlo und Hugo kommen in gedeckten, dunklen Farben daherher; auch gefährliche Situationen werden mit dunklen Farben unterstützt. Der (blut-)rote Pulli Donalds steht für seine impulsive und lebendige Seite, ebenso seine in rot gedruckten Wortbeiträge. Wobei leider auch hier das Rollenklischee zuschlägt: Donald trägt eine (marine-)blaue Hose, die berockten Mädels Minnie, Dolly und Daisy trifft man v.a. in Lila und Rosa an.

Dazu ein erhellendes Zitat aus dem Lady’s Home Journal von 1918: “Die allgemein akzeptierte Regel ist Rosa für Jungen und Blau für Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa als eine entschlossenere und kräftigere Farbe besser zu Jungen passt, während Blau, weil es delikater und anmutiger ist, bei Mädchen hübscher aussieht.”

Der Hintergrund: Rosa galt lange Zeit als das kleine Rot. Und Rot wurde mit Blut, Krieg, dem Kriegsgott Mars assoziiert und war damit eine männliche Farbe. Die neue Farbe Blau für das männliche Geschlecht konnte sich erst nach der Vorbereitung durch die marineblaue Kleidung, die Blue Jeans und die blaue Arbeitskleidung in den 1940ern durchsetzen. Vorher galt Hellblau als Mädchenfarbe und Blau wurde als Sinnbild von Ganzheit und Zyklus des ewig wiederkehrenden Kreislauf des Seins gesehen, sowie als Suche  nach der Geborgenheit im Mutterschoß und als Farbe des Matriarchats.

Ähnliches gilt für Rock, Hose, Kleid und Stöckelschuhe, die allesamt bei weitem nicht so geschlechtszementiert waren, wie man es uns heute weismachen will. Dafür steht auch die seit den 1990ern (wieder) aufkommende Männerrockbewegung. Wer sich darüber schlau machen möchte: https://dress2kilt.eu/ferdi.htm. Auch mein kleiner Sohn ärgert sich darüber, dass Mädchen unkritisiert Röcke und Kleider tragen dürfen und er nicht. Die patriarchalisch-einseitigen Klischees wenden sich also auch gegen die XY-Chromosomträger.

Damit wären wir bei einer allgemeinen Kritik an Comics angekommen: Gerade Comics, die von Männern gezeichnet und getextet werden, transporierten immer noch unhinterfragt die unrühmlichen und einengenden, oft genug diskriminierenden Rollenklischees. Da macht auch dieser Comic-Roman keine Ausnahme. Zeit, dass sich was ändert. Schließlich sind wir schon im 21. Jahrhundert angekommen.

Fazit: Gekonntes humorvolles Crossover von Comic und Lesebuch, das auch für ältere LeserInnen durchaus lesenswert ist. Leider werden aber auch hier – wie in der Comic-Branche bisher großteils üblich – Rollenklischees unkritisch übernommen.


Genre: Comic, Roman
Illustrated by Egmont Ehapa

Die langen Abende

Wer bin ich gewesen?

Der Name ‹Olive Kitteridge› ist seit der Verleihung des Pulitzer Preises für den gleichnamigen Roman von Elisabeth Strout bekannt, nun hat sie zwölf Jahre später mit «Olive, Again» eine Fortsetzung geschrieben, die kürzlich unter dem Titel «Die langen Abende» auch auf Deutsch erschienen ist. Ein Blick in ihre Vita erklärt die Thematik ihrer Geschichte, die amerikanische Autorin hat neben Jura auch Gerontologie studiert und ist folglich bestens vertraut mit der Misere des alternden Menschen. Wie der deutsche Titel schon andeutet, geht es um Verlorenheit und Einsamkeit in diesem Roman, eine innere Leere, von der auch die toughe Protagonistin im Alter nicht verschont bleibt.

Die Heldin ist pensionierte Mathematik-Lehrerin in einer kleinen Küstenstadt des US-Bundesstaats Maine, sie ist für ihre kratzbürstige Art berüchtigt. Nachdem ihr Mann gestorben ist, bahnt sich zwischen ihr und einem ehemaligen Harvard-Professor eine Beziehung an. Beide sind sehr einsam, ihre Kinder sind ihnen fremd geworden, sie haben kaum noch Kontakt zu ihnen. In Rückblenden erzählt die Autorin von den Vorbedingungen dieser Entfremdung, deren Ursache oft auch in ihnen selbst zu finden ist. Und zwar in ihrem wenig empathischen Verhalten sowohl den eigenen Kindern gegenüber, für das es im Nachhinein kaum eine Erklärung gibt, ebenso aber auch zu den Enkeln. Sie heiraten und erleben ziemlich überraschend und von Olive unerwartet doch noch eine zufriedenstellende, fast glücklich zu nennende Zeit miteinander. Zusätzlich werden anekdotisch diverse andere Figuren eingebunden, die alle nur lose mit der zynischen, geradezu verbiesterten alten Frau verbunden sind. Die schließlich durch alle Plagen des Alterns hindurch muss, als 83Jährige aber noch munter Auto fährt, auch wenn sie schon mal das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt.

Elisabeth Strout erzählt ihre beklemmende Geschichte aus einer resignativen Sicht und in einer nüchternen, auf das Nötigste reduzierten, manchmal etwas holperigen Sprache. Zu den wenigen Lichtblicken gehören die in der Biestigkeit ihrer Heroine liegenden, komischen Situationen, aber auch deren verblüffende Schlagfertigkeit gibt öfter mal Anlass zum Schmunzeln. Als Olive am Pick-up ihrer Putzfrau einen Aufkleber «mit dem Namen dieses orangehaarigen Kotzbrockens, der jetzt Präsident war» entdeckt, «hätte sie fast den nächsten Herzinfarkt bekommen». Schließlich stellt sich bei ihr im Verlauf der Erzählung aber ein gewisses Maß an Altersmilde ein, ihre Kampfeslust lässt jedenfalls deutlich nach, und Vieles, was sie sonst in Rage gebracht hätte, lässt sie schon mal unkommentiert einfach so durchgehen. Ihre zunehmenden Selbstzweifel machen sie am Ende fast sympathisch, und so notiert sie als Schlusssatz ihrer Erinnerungen, mit denen die Hochbetagte sich so manches von der Seele geschrieben hat: «Ich könnte nicht sagen, wer ich gewesen bin. Ganz ehrlich, ich begreife gar nichts».

Dieser episodisch angelegte Roman lässt kaum ein Klischee aus, um die familiären Zerrüttungen zu beschreiben, die beim Lesen ein frostiges Klima erzeugen. Der Plot plätschert vorhersehbar und an immer den gleichen Schauplätzen in einer drögen Kleinstadt nahezu ereignislos vor sich hin. Auch die wortkargen Dialoge der wenig sympathischen, blutleeren Figuren tragen kaum etwas dazu bei, ihre psychischen Leerstellen aufzudecken als mögliche Ursache ihrer bedrückenden Hoffnungslosigkeit. So etwas wie Lebensfreude ist bei keiner der geradezu verstockten Figuren zu erkennen, auch bei den Nebenfiguren nicht. Großenteils also Menschen, die man als Leser nicht kennen möchte in der Realität, – und die so geballt wohl auch nur in einem Roman vorkommen! Es herrscht nur Bitternis, schicksalhafte Tragik dominiert das Narrativ. Als Versuch, heutiger Lebenswirklichkeit näher zu kommen, scheitert dieser Roman grandios an der unzureichenden stilistischen Umsetzung, ein kreativer oder gar originärer Impetus ist vor lauter Stereotypen nicht erkennbar.

Fazit: miserabel

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Batman: Der letzte Kreuzzug

Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritter von Frank Miller ist auch der Ausgangspunkt von dieser neuen Geschichte des Autorenduos Brian Azzarello/Frank Miller, das von John Romita Jr. kunstvoll in Szene gesetzt wurde. 1986 hatte Miller von einem alternden Batman erzählt, der auch mit menschlichen Problemen kämpft: Schmerzen und das Alter.

Batman, der letzte Kreuzzug

2001 erschein mit Batman: Der dunkle Ritter schlägt zurück ein grelles Sequel zum Klassiker. Und 2017 folgte ebenfalls mit Brian Azzarello Batman: Dark Knight III – Die Übermenschen eine weitere Fortsetzung. Warum Batman damals in den Ruhestand ging erklärte wiederum Batman: Ein Todesfall in der Familie.

Batman

Der letzte Kreuzzug ist nun wiederum die Vorgeschichte, also das Prequel, zu Die Rückkehr des dunklen Ritters, das einen ehrgeizigen Jason Todd als zweiten Robin zeigt. Denn der Junge aus den Slums sollte in die Fußstapfen von Dick Grayson, dem Hochseilartisten, treten.

Besonders hervorzuheben wäre hier der Zeichenstil von John Romita Jr., der sich deutlich von ähnlichen Erzeugnissen zum Thema abhebt. Und zwar durch seine außerordentliche Qualität. So gibt es etwa eine Szene, die im Schnürlregen spielt und dermaßen authentisch gezeichnet ist, dass man sich mitten darin versetzt fühlt und fast schon selbst einen Regenschirm aufspannen möchte.

Batman: in Würde altern

Auch wenn viele der Gesichter etwas runder und platter als normal wirken, kommt es etwa gerade beim Zweikampf zwischen Robin und Poison Ivy zu keinen Zweifeln. Hier werkelt ein Comic Artist, der sein Handwerk versteht und detailliert mit den Versatzstücken des Genres arbeitet.

Ein Zweikampf zwischen Batman und Killer Croc macht deutlich spürbar, wie alt sich Batman in seinen Knochen schon fühlt und wie er dennoch weiterkämpft, unerschöpft und stets motiviert, das Böse aus der Welt zu schaffen. Aber als Batman und Robin eine von Poison Ivy hypnotisierte Bande der Reichen von Gotham City bekämpfen müssen, beginnen die eigentlichen (Kopf-)Schmerzen. Batman beginnt sich Sorgen um sein Double und seine Nachfolge zu machen, denn diesem mangelt es an einem essentiellen Batman-Kriterium: Feingefühl.

Brian Azzarello, Frank Miller
Batman: Der letzte Kreuzzug
Zeichner: John Romita Jr.
Storys: The Dark Knight Returns: The Last Crusade
2020, Hardcover, 68 Seiten
ISBN: 9783741620423
15,00 €
Panini Verlag


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Bukowski Fuck Machine

Bukowski Fuck Machine. „Erections, Ejaculations, Exhibtions and General Tales of Ordinary Madness 1967-1972“ war der Titel des Sammelbandes in denen Charles Bukowskis unzählige Kolumnen aus diversen Undergroundzeitschriften erstmals als Buch erschienen. Aber Bukowski schrieb auch Gedichte und Romane und insgesamt umfasst sein Werk mehr als 40 Bücher. Am 16. August wäre er 100 Jahre alt geworden, ein guter Vorwand für eine Re-Lektüre.

Chronist des White Trash

Auch in „Fuck Machine“ folgt Bukowski dem bereits mehrmals bewährten Rezept: es muss vom F… die Rede sein, damit die Leute seine Stories lesen. Das behauptet zumindest er selbst in einer der Geschichten mit dem Titel „Zwölf fliegende Affen, die nicht richtig kopulieren wollen“. In dieser in „Fuck Machine“ enthaltenen Geschichte beschreibt er seinen Arbeitsstil in seiner bekannt ironischen Weise und veräppelt sich quasi selbst.

Aber es geht auch brutaler zu in seinen Stories, etwa in „Die kopulierende Nixe von Venice, Kalifornien“, wenn zwei abgewrackte Typen Gangstern eine Leiche klauen und diese dann missbrauchen. Dabei haben sie ohnehin ihr ganzes Leben lang tote Frauen gefickt, wie einer dem anderen vorwirft.

Der Chronist des White Trash, Bukowski, macht auch nicht davor halt, sich in zwei Schwulenhasser einzufühlen, die in „Die Ermordung des Ramon Vasquez“ ihr Unwesen treiben. Eine kleine Fußnote macht darauf aufmerksam, dass der Autor keinem seiner Mitgeschöpfe wehtun, zu nahe treten oder Unrecht tun möchte. Denn auch diese Geschichte ist Fiktion, auch wenn sich bei Bukowski oft Facts und Fiction zu Faction mischen.

Bukowski Fuck Machine

Sein Saufkumpel Jeff ist ein brutaler Kerl, der auch schwangere Frauen die Treppen runterschmeisst, erst als eine Gruppen Chinesen ihn festhält, kapiert der Protagonist, dass auch er etwas gegen seinen Freund unternehmen muss. In „Der weiße Bart“ vergnügt sich der Protagonist und zwei seiner Freunde mit einer Minderjährigen, „Abstammung unbekannt“. Aber auch seine Boxergeschichte „Kid Stardust im Schlachthof“ und die Titelgeschichte, „Fickmaschine“, haben es in sich.

Unvergessen bleibt bei jedem Leser aber „Fünfzehn Zentimeter“, eine Geschichte, die man nie mehr vergisst. Charles Bukowski verstand es wie kein anderer, die harte Realität des amerikanischen Albtraums in einfache, aber treffende Worte zu fassen und mit seinem lakonischen Humor abzufedern.

Durch Übertreibungen und Wiederholungen machte er aus der Kehrseite des American Dream ein Leben, das sich hauptsächlich in Slums, Absteigen, Bars, Hurenhäusern und Schlachthöfen abspielte. Oder bei Boxkämpfen und Pferderennen. Bestimmt aber im Bett mit einer jener Frauen, die die Reichen übrig ließen: „Wir kriegen die Mädchen, wenn die mit den Mädchen Schluss gemacht haben und es keine Mädchen mehr sind – wir kriegen die benutzten, die versauten, die kranken und kaputten. Wenn man nach ‘ner Weile aus zweiter, dritter und vierter Hand mehr will, gibt man’s auf; oder man will es wenigstens aufgeben. Trinken hilft.“

Charles Bukowski
Fuck Machine. Stories
Übersetzt von: Wulf Teichmann
2019, 176 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-52236-1
12,00 €
FISCHER Taschenbuch


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen, Short Stories
Illustrated by Fischer Verlag

Der abenteuerliche Simplicissimus

Die Weisheit des Narren

«Der abenteuerliche Simplicissimus» von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, dessen erste fünf Bücher 1668 erschienen sind, ein Jahr später von «Continuatio» als Fortsetzungsband gefolgt, zählt als barocker Schelmenroman nach pikareskem Vorbild des Don Quijote zum literarischen Kanon. Der umfassend belesene Autor verarbeitet in seinem als erster deutschsprachiger Prosaroman von Weltrang geltenden, vielschichtigen Hauptwerk eigene Erfahrungen während des Dreißigjährigen Krieges. Er stützt sich aber auch auf eine schier unüberschaubare Fülle von Versatzstücken aus der Mythologie und aus antiken Werken, ferner verwendet er zahlreiche Erkenntnisse seiner Zeit aus den unterschiedlichsten Wissengebieten für seine Geschichte. Stellt ein vor mehr als 350 Jahren geschriebenes Werk auch für den heutigen Leser eine bereichernde und erfreuliche Lektüre dar? Beides kann vorab schon mal bejaht werden!

Als Kind lebt der Romanheld als Viehhirte auf dem Bauernhof seiner Eltern, er flüchtet nach der Brandschatzung des Elternhauses durch marodierende Soldaten in den tiefen Wald. Dort wird er von einem frommen Einsiedler aufgenommen, der ihn Simplicius nennt, ihn zu asketischer Frömmigkeit erzieht und ihm Lesen und Schreiben beibringt. Als der Einsiedler zwei Jahre später im Sterben liegt, legt er ihm als Tugenden für seine künftige Lebensführung Selbsterkenntnis, Beständigkeit und Welterkenntnis ans Herz. Nach dieser Initiationsphase gelangt Simplicius in das von Schweden besetzte Hanau und wird zunächst Page des Kommandanten. Seiner Einfalt wegen wird er als «Simplicissimus» schon bald ins höfische Narrenkostüm gezwungen, schließlich gerät er in Gefangenschaft kroatischer Soldaten. Sein weiteres Leben gestaltet sich als wildes Auf und Ab, er wird selbst Soldat, lebt in Saus und Braus und erlangt schließlich durch sein furchtloses Draufgängertum als ‹Jäger von Soest› hohes Ansehen bei Freund und Feind. Auf seinen vielen Raubzügen macht er reiche Beute, verliert aber eben so oft alles wieder, auch seine zwei Ehen enden tragisch. Bei einem unfreiwilligen Aufenthalt in Paris wird er als ‹Beau Alman› berühmt, er verdient viel Geld als Gigolo hochgestellter Damen, wird erneut ausgeraubt, kommt aber als Quacksalber schnell wieder zu Geld. Ein Husarenstück reiht sich an das andere in diesem turbulenten Roman, und auch die Geisterwelt kommt nicht zu kurz mit einem Ritt auf den Hexentanzplatz und einer Begegnung mit dem Wassergeist am Mummelsee. Nach vielen haarsträubenden Abenteuern auf seinen Reisen in alle Welt endet der Roman schließlich in einer Robinsonade, die für den selbstreflexiven Helden zu einem Erweckungserlebnis wird. Er erkennt sein bisheriges frevelhaftes Leben und kehrt bußfertig in die Askese eines frommen Einsiedlers zurück, womit sich narrativ der Kreis schließt.

Leitmotiv dieser häufig allegorisch hinterlegten Handlung ist die individuelle Desillusionierung, ‹erkenne dich selbst› ist seine Botschaft. Neben allem Pikaresken und christlich erbaulicher Frömmelei enthält diese satirische Geschichte mit ihrem episodisch angelegten Plot sehr deutliche gesellschaftskritische Anspielungen auf die Verwilderung der Sitten. Das mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass der Roman anfangs noch unter Pseudonym erschien.

Thomas Mann sprach begeistert von einem «Literatur- und Lebens-Denkmal der seltensten Art». Nun ist ein barockes Werk wie dieses trotz sorgfältiger sprachlicher Überarbeitung für uns Heutige natürlich nicht leicht zu lesen. Ein umfangreiches Register hilft dem Leser aber über fast alle Verständnisklippen hinweg und erweitert en passant auch seinen Horizont in Sachen ‹Dreißigjähriger Krieg›. Die atmosphärisch dazu passende, derbe Sprache schildert das oft grausame Geschehen scheinbar ungerührt, und auch die vielen Romanfiguren wirken emotional eher unterkühlt. Wer Geduld hat mit der geradezu ausufernden Reihe von Szenen und Episoden, der wird seine Freude haben an diesem satirischen Roman.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Patmos Verlag Eschbach

Echos Kammern

Ziel erreicht

Wohl dem Leser, der wie die Schriftstellerin Iris Hanika in der Sprache das beste Mittel sieht, die Gegenwart auszuhalten, wie sie im Interview erklärte, und mit Sprache spielt sie dann auch gleich sehr virtuos in ihrem neuesten Roman «Echos Kammern», wovon schon der Titel kündet. Ovid berichtet in seinen «Metamorphosen» von Narziss, dem in sein eigenes Spiegelbild verliebten Schönling, dem die Nymphe Echo, die nie ein eigenes Wort sagen kann und immer nur wiederholt, was der andere sagt, mit Haut und Haaren verfällt. Und so ist denn dieser Roman in seinem zweiten Teil auch ein diesem griechischen Mythos folgender Liebesroman, im ersten Teil jedoch erinnert er an den grandiosen New-York-Roman von John Dos Passos, er beschreibt fast hundert Jahre später das heutige urbane Leben in dieser faszinierenden Metropole.

Die fünfzigjährige Dichterin Sophonisbe aus Berlin, bekannt geworden durch ihren Gedichtband «Mythen in Tüten», reist zum Big Apple, um sich für ein neues Buchprojekt inspirieren zu lassen. Sie durchstreift die Stadt und notiert ihre Eindrücke in der 1925 erfundenen, deutsch-amerikanischen Kunstsprache ‹lengevitch›: «Ich will berichten von was ich habe gesehen und was ich habe erlebt in New York City, aber nicht in ganze Stadt New York, sondern nur in Stadtteil Manhattan …». Schon am zweiten Tag landet sie, einer seltsamen schwarzen Gestalt folgend, die sich schon bald als ihr ureigener Engel entpuppt, auf einer Party bei der Pop-Ikone Beyoncé. Dort lernt sie Josh kennen, einen ungewöhnlich schönen jungen Amerikaner, der an einer Dissertation über eine wissenschaftlich bisher vernachlässigte Periode der ukrainischen Geschichte arbeitet. Mit ihm zusammen besucht sie später auch alte Berliner Freunde, die eine feudale Wohnung in dem angesagten Wohnquartier Upper East Side besitzen. Durch Vermittlung dieses Paares findet sie dann auch Ersatz für ihre winzige Berliner Wohnung, die etwa gleichaltrige Roxana in Berlin, erfolgreiche Autorin von Ratgeberbüchern, suche jemanden, der zu ihr passt und in ihre riesige Altbauwohnung mit einziehen wolle. Im zweiten Teil des Romans wird von der ebenso desaströsen Gentrifizierung auch in dieser Großstadt berichtet, und als Josh schließlich zu Besuch kommt, verliebt sich Roxana prompt unsterblich in den langweiligen Schönling, der selbstverliebt darauf überhaupt nicht reagiert.

Gemeinsam ist beiden Städten, dass sie, angefeuert durch die Finanzkrise und die nachfolgende, nach Anlagemöglichkeiten suchende Geldschwemme, Stadtteil für Stadtteil einem permanenten Aufwertungsdruck ausgesetzt sind. Diese Viertel werden einerseits immer feudaler, verlieren gleichzeitig aber auch ihr besonderes Flair, werden unbezahlbar, verdrängen die ursprüngliche Bevölkerung und veröden letztendlich. Was hier nüchtern geschildert wird, ist im Roman durchaus streitbar und mit an Zynismus grenzender Ironie beschrieben, die oft sehr amüsant ist. Dem schließt sich die unerfüllte Liebesgeschichte an, wobei nicht erkennbar ist, was die beiden Romanteile thematisch verbindet, die Motive erscheinen völlig willkürlich aneinander gereiht.

Die Autorin treibt in heiterem Tonfall ein virtuoses Spiel mit verschiedenen Erzählstimmen, die das teilweise bizarre Geschehen distanziert beschreiben. Ihrer Figur Josh fehlt die Selbstverliebtheit von Narziss, die liebestolle Roxana wiederum kann sich im Gegensatz zu Echo sehr wohl sprachlich frei ausdrücken, und Sophonisbe muss anders als ihre antike Namensgeberin keinen Giftbecher trinken. Diese Anspielungen auf die mythologischen Vorbilder wirken allesamt wie intellektuelle Selbstbespiegelungen einer eitlen Autorin. Echokammern dienen in der Akustik der Verstärkung des Halls, ob dies analog hier im Roman auch literarisch funktioniert, darf für beide bedienten Genres mit Fug und Recht bezweifelt werden, für den New-York-Teil ebenso wie für die Liebesgeschichte. Ihr erklärtes Ziel, mal etwas völlig Sinnloses zu schreiben, hat Iris Hanika jedenfalls erreicht.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Droschl

Kaputt in Hollywood

Kaputt in Hollywood: Zum 100. Geburtstag des geliebten Skandal-Autors Charles Bukowski ist in der FISCHER Taschenbibliothek „Kaputt in Hollywood“ eine Neuausgabe als gebundenes Buch mit 192 Seiten erschienen. Dieser Rezension liegt die Taschenbuchausgabe von 2018 mit 121 Seiten vor. Die beiden Ausgaben unterscheiden sich inhaltlich meines nur durch die Druckgröße der Buchstaben. Alles zehn Stories sind eine Auswahl aus dem unter dem amerikansichen Original erschienenen Sammelband „Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness, 1967-1972“. Bukowskis Geschichten waren vor 1972 in diversen Undergroundzeitschriften erschienen und unter diesem Titel erstmals gesammelt veröffentlicht worden. Die deutsche Erstveröffentlichschung übernahm damals der Maro-Verlag im Jahre 1976. Im Anhang zu dieser Ausgabe findet sich ein Interview von Thomas Kettner mit dem Autor.

Der amerikanische Zelluloid-Traum

„Deutschland war einfach ein Schimpfwort, etwas Unanständiges…“, erzählt Bukowski in diesem Interview dem eigens aus Frankfurt angereisten Journalisten. Er erzählt ihm von seiner ersten Kurzgeschichte, die er mit 13 Jahren schrieb in der ein Deutscher alles abknallt, was sich bewegt. Also Sohn deutscher Einwanderer wurde Bukowski oft gehänselt und das war seine Art, an seinen Mitschülern Rache zu nehmen. In diesem Sinne könnte man auch sein ganzes weiteres Werk verstehen, denn Schriftsteller wurde Bukowski wahrscheinlich vor allem deswegen, weil sein Vater ihn mißhandelt hatte. Davon erzählt er in seinem Jugendroman, aber ab und an auch in seinen Kurzgeschichten. In „Kaputt in Hollywood“ ist der Autor schon um die 50 und beschreibt den American Way of Life als das was er ist: Zelluloid. Für sich selbst findet er brauchbare Worte, die ich hier gerne in voller Länge zitiere: „(…)eine merkwürdige Type, eine seltsame Kreatur, die plötzlich auftaucht und eigenartige Töne von sich gibt, wie man sie bis dahin eigentlich nicht so gehört hat. Nichts Außergewönliches, aber irgendwie interessant, auf eine merkwürdig kaputte musikalische verrückte Art. (…) Ich bin eine störende Mißbildung.“ Wer Bukowski nach dieser Selbstbeschreibung noch nicht liebt, wird es spätestens, wenn er eine der zehn Kurzgeschichten in diesem Band aufschlägt.

Kaputt in Hollywood: Love it or Leave it

„Shit, man brauchte mindestens 150 Jahre, um in Harvard als Klassiker eingestuft zu werden“ (aus: „Zen-Hochzeit“). So etwa „Geburt, Leben und Tod einer Untergrundzeitung“ in der er seine Beziehung zu einer solchen mit Namen „Open Pussy“ beschreibt. Ein Verhör mit Beamten bei der Post, bei der er zu dieser Zeit arbeitete wird darin ebenso verhöhnt, wie der Herausgeber und dessen Frau Cherry. Denn die Obszonität seiner Texte sorgte schließlich dafür, dass die Zeitung aus dem Verkehr gezogen wurde. Oder war es doch das Foto einer nackten Pussy auf der Titelseite? Bukowskis lakonischer Humor zeigt, dass das Ganze Love & Peace Gerede von damals auch nur ein Verkaufsschmäh war, denn als der Verleger der Hippie-Zeitung entdeckt, dass seine Frau ihn betrügt, kauft er sich als erstes eine Pistole. In der Titelgeschichte packt der Protagonist seine Frau in ihr Klappbett und beschreibt sie als Brathähnchen mit Pferdezähnen während ein Typ in ein Longdrink-Glas Leber onaniert. In „Love it or Leave it“ wird er krankenhausreif geschlagen, weil er auf einem Autofriedhof jede Nacht in einem anderen Auto nächtigte. Aber Bukowski beschreibt auch den Arbeitsalltag normaler Arbeiter, denen oft keine andere Wahl bleibt, als zur Flasche zu greifen, ob überhaupt einen Halt zu finden. Es folgen immer wieder Slapstickeinlagen im Suff, etwa wenn er auf das Pflaster knallt, aber die Flasche dann doch heil bleibt. Der Kopf aber nicht. Besonders lesenswert ist auch die Zoo-Geschichte von Gordon und Crazy Carol in der er sein ganzes erzählerisches Talent zeigt. In „Eine verregnete Weibergeschichte“ schreibt er: „Während mein Alter Tag für Tag die Scheiße aus mir rausschlug, wollte ich 80 Jahre alt werden und das Jahr 2000 erleben.“ Das hat er nicht ganz geschafft. Bukowski starb im Jahr 1994.

Bukowski zum 100. Noch 50 Jahre also, bis auch er von Harvard als Klassiker der amerikanischen Literatur eingestuft wird.

Charles Bukowski

Kaputt in Hollywood. Stories

Übersetzt von: Carl Weissner

2018, Taschenbuch, 121 Seiten

ISBN: 978-3-596-90512-6

12,00 €

Fischer Verlag


Genre: Short Stories
Illustrated by Fischer Verlag

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

Klamauk mit Katharsis

Wenn ein Roman wie der von Alina Bronsky mit «Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche» betitelt ist, erwartet man als Leser eine unkonventionelle, lustige Geschichte. Und der zweite Roman der russisch-deutschen Schriftstellerin zeichnet sich auch tatsächlich durch eine schon fast überbordende Komik aus, mit der über allerdings weniger lustige Probleme einer resoluten Tatarin in der UDSSR und späteren Migrantin in Deutschland berichtet wird. Der Buchtitel ist genau so ironisch gemeint wie der ganze Roman ironisch erzählt ist. Dessen oft verblüffender, manchmal kindlich anmutender Witz wird darin allein durch eine ebenso unerschütterlich selbstbewusste wie grotesk naive, ungebildete Protagonistin verkörpert.

Die Geschichte beginnt im Jahre 1978 mit einem gescheiterten Abtreibungsversuch, den die 40jährige Ich-Erzählerin Rosalinda Kalganowa von einer Engelmacherin aus der Nachbarschaft an ihrer hässlichen, dummen Tochter Sulfia vornehmen lässt. Der Abbruch gelingt nur zur Hälfte, es handelte sich nämlich um Zwillinge. Von denen überlebt einer den Eingriff und kommt wohlbehalten als Enkeltochter Aminat zur Welt, die zu einem wunderschönen Mädchen heranwächst. Was folgt ist die in rasantem Tempo chronologisch erzählte Geschichte dieser drei Frauen, in der die dominante Großmutter unangefochten das Kommando führt. Zunächst sorgt sie dafür, dass ihre Tochter Sulfia, die inzwischen Krankenschwester geworden ist, endlich einen Ehemann bekommt. Dabei kommt für Rosa, ihre Tochter hat da keinerlei Mitspracherecht, schließlich nur ein deutscher Patient Sulfias in Frage, der an einem Kochbuch über die tatarische Küche arbeitet. Mit dessen Hilfe erreicht sie dann auch tatsächlich für das Frauentrio die Auswanderung aus ihrem sozialistischen Mangel- und Korruptionsstaat in das aus tatarischer Sicht paradiesische Deutschland. Dabei nutzt sie völlig unerschrocken und skrupellos die pädophile Neigung von Dieter, dem künftigen Ehemann ihrer Tochter Sulfia, der ein Auge auf die schöne Aminat geworfen hat, – Vladimir Nabokov lässt grüssen!

In einem ständigen Auf und Ab passieren in diesem Roman, der einen erzählerischen Zeitraum von etwa dreißig Jahren umfasst, die seltsamsten Dinge. Die Heldin Rosa ist in ihrem heroischen Kampf für die drei Frauen unermüdlich und mit scheinbar nie versiegender Kraft im Einsatz, um ein besseres Leben für sie alle zu erreichen. Männer sind im Roman-Geschehen allenfalls unbedeutende Randfiguren, ihren Ehemann Kalganov hat sie fest im Griff und nennt ihn demonstrativ nur beim Nachnamen. Überhaupt taugen Männer ihr persönlich allenfalls für gelegentliche Dienste im Bett und als potentielle Ernährer, mehr erwartet sie nicht von ihnen. Mit eisernem Willen lässt sie sich auch von den zahlreichen Rückschlägen nicht entmutigen, die das Leben für sie bereithält und sie bis zum elegischen Ende der Geschichte begleiten.

Ohne Zweifel ist dies eine Satire, eine mit viel schwarzem Humor karikaturhaft, manchmal sogar zynisch überzeichnete Familiengeschichte. Hinter deren amüsant «tatarischem» Duktus schimmert jedoch allzu deutlich das Elend des Sozialismus durch mit seiner absurden Mangelwirtschaft und der prekären Wohnungsnot. All das menschliche Elend, das daraus erwächst und das dieses erbitterte kämpferische Verhalten der Protagonistin zur Folge hat, wie es hier bewusst verharmlosend in beschwingt lustigem Ton geschildert wird, bildet den alles andere als lustigen Hintergrund dieses abgründigen, tragischen Romans. Und genau darin liegt seine große Schwäche, er leidet literarisch an der Ambivalenz zwischen Form und Inhalt. Nur die dem Geschehen zugrunde liegende Tragik rettet das Buch vor dem Verdikt «Klamauk». Amüsante Schundliteratur der anspruchslosen Sorte liegt hier also nicht vor, auch wenn das streckenweise so scheint und vom Buchtitel und Cover her auch suggeriert wird. Dass die Heldin am Ende schließlich resigniert, könnte man dann wohlwollend sogar als Katharsis deuten.

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln