Lieblose Legenden

Es gibt Schriftsteller, die das Absurde erfinden müssen, und solche, die es überall entdecken. Wolfgang Hildesheimer gehörte zur zweiten Sorte. Er brauchte keine sprechenden Krokodile, fliegenden Finanzbeamten oder kopflosen Minister, um eine Welt aus den Angeln zu heben. Ihm genügte ein ganz gewöhnlicher Mensch, der sich unter ganz gewöhnlichen Umständen ganz gewöhnlich benahm. Der Rest ergab sich wie von selbst.

Seine »Lieblosen Legenden«, erstmals 1952 in Buchform erschienen, gehören zu den köstlichsten Hinterlassenschaften der deutschen Nachkriegsliteratur. Wer hier moralische Belehrung oder freundliche Lebenshilfe erwartet, hat den falschen Zug bestiegen. Hildesheimer serviert seine Bosheiten auf feinstem Porzellan, mit tadellosen Manieren und einem Lächeln, hinter dem sich ein Abgrund öffnet.

Dabei ist der Titel durchaus irreführend. Lieblos sind diese Legenden allenfalls gegenüber menschlicher Eitelkeit, gesellschaftlicher Aufgeblasenheit und jenem Kulturbetrieb, in dem die Bedeutung eines Ereignisses häufig umgekehrt proportional zu seinem geistigen Gehalt wächst. Hildesheimer beobachtet diese Welt mit dem Vergnügen eines Mannes, der eine Gesellschaft besonders gut kennt, weil er selbst lange genug zu ihr gehört hat.

Ein besonders schönes Beispiel ist »Das Atelierfest«. Was als harmlose Künstlergesellschaft beginnt, verwandelt sich in einen unaufhaltsamen Ausnahmezustand. Immer neue Gäste bevölkern das Atelier, die Feier entwickelt ein Eigenleben, und derjenige, dem der Raum ursprünglich gehörte, wird allmählich aus seiner eigenen Existenz verdrängt. Die Gesellschaft feiert unbeirrt weiter, während der Hausherr zum Fremden in seiner eigenen Umgebung wird.

Das Großartige daran ist weniger die absurde Ausgangslage als die unerschütterliche Gelassenheit, mit der sie erzählt wird. Wo ein normaler Mensch die Polizei verständigen oder die Gäste hinauswerfen würde, arrangiert sich Hildesheimers Erzähler mit dem Ungeheuerlichen. Selbst die Beschwerde beim Hauswirt hilft nicht weiter, denn der ist bald ebenfalls unter den Feiernden zu finden. Die Festgesellschaft triumphiert, ohne ihren unfreiwilligen Gastgeber überhaupt noch zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Wer jemals auf einer Vernissage gestanden hat, bei der mehr über die Qualität des Rieslings als über die ausgestellten Bilder gesprochen wurde, wird diesen Text mit besonderem Vergnügen lesen. Hildesheimer zerlegt den Kunstbetrieb nicht mit groben Schlägen, sondern mit der Präzision eines Uhrmachers. Seine Figuren sind so sehr mit ihrer eigenen Wichtigkeit beschäftigt, dass sie gar nicht bemerken, wie lächerlich sie geworden sind. Man kennt solche Gesellschaften, in denen jeder jeden kennt, niemand jemandem zuhört und das größte Kunstwerk des Abends die Selbstdarstellung seiner Besucher ist.

Gerade darin liegt die erstaunliche Aktualität dieser Geschichten. Man braucht die mondänen Salons der Nachkriegszeit nur durch heutige Empfänge, Ausstellungseröffnungen und öffentlich inszenierte Kulturbegeisterung zu ersetzen, und schon begegnet man denselben Eitelkeiten in neuer Garderobe. Die Rituale ändern sich, die menschlichen Schwächen bleiben.

Auffällig ist die elegante Sprache der Erzählungen. Hildesheimer verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger, auf plumpe Pointen und auf jene Geschäftigkeit, mit der manche Humoristen ihren Lesern unablässig versichern müssen, dass sie gerade etwas Komisches lesen. Seine Sätze bewahren Haltung, selbst wenn ringsum alle Vernunft zusammenbricht. Die Figuren wundern sich gelegentlich, aber niemals genug, um den Fortgang des Unsinns ernsthaft zu gefährden.

Darin liegt das Geheimnis einer guten Groteske: Sie darf nicht bloß verrückte Einfälle aneinanderreihen, sondern muss ihre eigene Unvernunft mit äußerster Folgerichtigkeit entwickeln. Hildesheimer beherrscht diese Kunst meisterhaft. Er lässt das Absurde aus alltäglichen Gewohnheiten erwachsen, bis es schließlich die ganze Geschichte beherrscht. Der Leser lacht zunächst über die anderen und entdeckt irgendwann mit leisem Unbehagen, dass er selbst durchaus zu dieser Gesellschaft gehören könnte.

Wolfgang Hildesheimer (1916–1991), Schriftsteller, Maler und Übersetzer, verfügte über einen unbestechlichen Blick für die Absonderlichkeiten menschlicher Selbstdarstellung. Seine Vertrautheit mit der bildenden Kunst ist vielen Legenden anzumerken. Er wusste, wie Künstler, Sammler, Kenner und Bewunderer miteinander umgehen, und vor allem wusste er, wie dünn die Trennwand zwischen echter Leidenschaft und kultivierter Hochstapelei sein kann.

Wer intelligente Satire liebt, hintergründigen Humor schätzt und sich gern auf literarische Abenteuer einlässt, sollte zu diesem Buch greifen. Es bietet köstliche Unterhaltung, geschliffene Sprache und die angenehme Erkenntnis, dass eine verrückte Welt nicht unbedingt noch verrückter erfunden werden muss. Man muss sie nur genau genug beobachten.

Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden. Mit Zeichnungen von Paul Flora. Insel Verlag, Frankfurt am Main, insel taschenbuch, 1989, 240 Seiten. ISBN 978-3-458-34005-8.

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Illustrated by Insel Taschenbuch

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