Joschka stellt dem Buch Strophen von Heines Wintermärchen voraus und schreibt dazu, was ihn beeindruckt: “seine tiefe Abneigung gegen Preußen und dessen autoritären Obrigkeitsstatt, zugleich seine fast verzehrende Liebe zu diesem Deutschland, zu dessen Sprache und Musik!“ Und stellt die Frage, wie es dem Sohn einer jüdischen Familie ergangen wäre, hätte er in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt.Damit umreißt er die Widersprüche seines eigenen Deutschseins.
Sein Anliegen: Deutschland muss seine Westbindung innerhalb Europas vertiefen!
Er beginnt mit seiner Familie: Donauschwaben für Jahrhunderte, die später, nach dem 2. Weltkrieg, aus Ungarn vertrieben wurden. Am meisten litt die Mutter: „eine kreuzkatholische Frau,“ die im streng protestantischen Baden-Württemberg leben musste. 1948, im Jahr seiner Geburt, war Deutschland in Zonen alliierter Besatzung aufgeteilt, das Land verwüstet, von Überlebenden der Zwangs Lager und Vertriebenen besiedelt. Und ihm ist klar, wie anders sein Leben verlaufen wäre, wäre er Bürger der DDR geworden.
Nach diesem persönlichen Einstieg beschreibt er die Nationswerdung Deutschlands: 1871 wurde das Kaiserreich proklamiert (im Spiegelsaal von Versailles, um den Erzfeind zu demütigen!), dann die Großmannssucht, die zu zwei Weltkriegen führte, und mit Deutschlands Niederlage endeten.
In der BRD betrieb Adenauer die Westbindung unter der Pax Americana, dies erlaubte der BRD, von den Marshallplänen zu profitieren. Im Elysée Vertrag 1963 legt die Deutsch-Französische Freundschaft den Grundstein für die EU: später die Rechtsgemeinschaft, mit der Einführung des Euros wurde die wirtschaftliche Bindung vertieft; für die militärische Sicherheit sorgten vor allem die USA mit der NATO. Dass dies spätestens seit Trump vorbei ist, auch er konnte sich das nicht vorstellen.
Globale Machtverschiebungen lassen Europa in den Hintergrund treten: besonders Deutschlands Rolle in der Welt als Exportnation ist unwiederbringlich vorbei, die Ursachen dafür werden analysiert: Zu spätes Erkennen der Kima Krise und Umstellung der Verbrenner- auf Elektroautos, das Verschlafen der Digitalisierung. Andere Industrie Mächte nehmen an Bedeutung zu.
Die Bedeutung des demografischen Wandels in Deutschland wird beschrieben, welche Rolle spielt die Zukunft in einer immer älter werdenden Gesellschaft—und wie werden sie wählen?
„Der Nationalismus, das ist der Krieg“ zitiert er aus Mitterrands letzter Rede vor dem Europaparlament.
Er setzt sich mit den nationalistischen Programmen der europäischen Rechtspopulisten auseinander, deren Bedeutung überall wächst: was wäre, wenn Frankreich und Deutschland aus der EU austräten?
Historisch beschreibt er die Rolle des Nationalismus der Völker aus dem Verlauf des Balkankriegs, als die NATO militärisch eingriff, ohne den UN-Beschuss, weil Russland, das damals noch nicht lange existierte, ein Veto eingelegt hatte.
Helfen kann nach Fischers Ansicht, nur die verstärkte Hinwendung zu Europa. Er nennt es: Adenauer 2.0. Dies gilt auch im militärischen Bereich; und er gibt Hinweise zur militärischen Ausrichtung, um nicht nur auf russische Imperialismusträume, sondern auch darauf vorbereitet zu sein, wenn Trump Europa als feindlich attackieren würde.