Kaputt in Hollywood

Kaputt in Hollywood: Zum 100. Geburtstag des geliebten Skandal-Autors Charles Bukowski ist in der FISCHER Taschenbibliothek „Kaputt in Hollywood“ eine Neuausgabe als gebundenes Buch mit 192 Seiten erschienen. Dieser Rezension liegt die Taschenbuchausgabe von 2018 mit 121 Seiten vor. Die beiden Ausgaben unterscheiden sich inhaltlich meines nur durch die Druckgröße der Buchstaben. Alles zehn Stories sind eine Auswahl aus dem unter dem amerikansichen Original erschienenen Sammelband „Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness, 1967-1972“. Bukowskis Geschichten waren vor 1972 in diversen Undergroundzeitschriften erschienen und unter diesem Titel erstmals gesammelt veröffentlicht worden. Die deutsche Erstveröffentlichschung übernahm damals der Maro-Verlag im Jahre 1976. Im Anhang zu dieser Ausgabe findet sich ein Interview von Thomas Kettner mit dem Autor.

Der amerikanische Zelluloid-Traum

„Deutschland war einfach ein Schimpfwort, etwas Unanständiges…“, erzählt Bukowski in diesem Interview dem eigens aus Frankfurt angereisten Journalisten. Er erzählt ihm von seiner ersten Kurzgeschichte, die er mit 13 Jahren schrieb in der ein Deutscher alles abknallt, was sich bewegt. Also Sohn deutscher Einwanderer wurde Bukowski oft gehänselt und das war seine Art, an seinen Mitschülern Rache zu nehmen. In diesem Sinne könnte man auch sein ganzes weiteres Werk verstehen, denn Schriftsteller wurde Bukowski wahrscheinlich vor allem deswegen, weil sein Vater ihn mißhandelt hatte. Davon erzählt er in seinem Jugendroman, aber ab und an auch in seinen Kurzgeschichten. In „Kaputt in Hollywood“ ist der Autor schon um die 50 und beschreibt den American Way of Life als das was er ist: Zelluloid. Für sich selbst findet er brauchbare Worte, die ich hier gerne in voller Länge zitiere: „(…)eine merkwürdige Type, eine seltsame Kreatur, die plötzlich auftaucht und eigenartige Töne von sich gibt, wie man sie bis dahin eigentlich nicht so gehört hat. Nichts Außergewönliches, aber irgendwie interessant, auf eine merkwürdig kaputte musikalische verrückte Art. (…) Ich bin eine störende Mißbildung.“ Wer Bukowski nach dieser Selbstbeschreibung noch nicht liebt, wird es spätestens, wenn er eine der zehn Kurzgeschichten in diesem Band aufschlägt.

Kaputt in Hollywood: Love it or Leave it

„Shit, man brauchte mindestens 150 Jahre, um in Harvard als Klassiker eingestuft zu werden“ (aus: „Zen-Hochzeit“). So etwa „Geburt, Leben und Tod einer Untergrundzeitung“ in der er seine Beziehung zu einer solchen mit Namen „Open Pussy“ beschreibt. Ein Verhör mit Beamten bei der Post, bei der er zu dieser Zeit arbeitete wird darin ebenso verhöhnt, wie der Herausgeber und dessen Frau Cherry. Denn die Obszonität seiner Texte sorgte schließlich dafür, dass die Zeitung aus dem Verkehr gezogen wurde. Oder war es doch das Foto einer nackten Pussy auf der Titelseite? Bukowskis lakonischer Humor zeigt, dass das Ganze Love & Peace Gerede von damals auch nur ein Verkaufsschmäh war, denn als der Verleger der Hippie-Zeitung entdeckt, dass seine Frau ihn betrügt, kauft er sich als erstes eine Pistole. In der Titelgeschichte packt der Protagonist seine Frau in ihr Klappbett und beschreibt sie als Brathähnchen mit Pferdezähnen während ein Typ in ein Longdrink-Glas Leber onaniert. In „Love it or Leave it“ wird er krankenhausreif geschlagen, weil er auf einem Autofriedhof jede Nacht in einem anderen Auto nächtigte. Aber Bukowski beschreibt auch den Arbeitsalltag normaler Arbeiter, denen oft keine andere Wahl bleibt, als zur Flasche zu greifen, ob überhaupt einen Halt zu finden. Es folgen immer wieder Slapstickeinlagen im Suff, etwa wenn er auf das Pflaster knallt, aber die Flasche dann doch heil bleibt. Der Kopf aber nicht. Besonders lesenswert ist auch die Zoo-Geschichte von Gordon und Crazy Carol in der er sein ganzes erzählerisches Talent zeigt. In „Eine verregnete Weibergeschichte“ schreibt er: „Während mein Alter Tag für Tag die Scheiße aus mir rausschlug, wollte ich 80 Jahre alt werden und das Jahr 2000 erleben.“ Das hat er nicht ganz geschafft. Bukowski starb im Jahr 1994.

Bukowski zum 100. Noch 50 Jahre also, bis auch er von Harvard als Klassiker der amerikanischen Literatur eingestuft wird.

Charles Bukowski

Kaputt in Hollywood. Stories

Übersetzt von: Carl Weissner

2018, Taschenbuch, 121 Seiten

ISBN: 978-3-596-90512-6

12,00 €

Fischer Verlag


Genre: Los Angeles, Short Stories, USA
Illustrated by Fischer Verlag

Die rechtschaffenen Mörder

Prinz Vogelfrei

In seinem neuen Roman «Die rechtschaffenen Mörder» stellt Ingo Schulze einen ebenso kauzigen wie charismatischen Antiquar in den Mittelpunkt. Ein Setting also, das bei einer ‹literarischen› Leserschaft durchweg angenehme Assoziationen auslösen dürfte, dreht sich hier doch alles um anspruchsvolle, klassische Literatur. Handlungsort ist Dresden, zeitlich ist der Roman vor und nach der Wende angesiedelt, soziales Milieu ist das Bildungsbürgertum. Neben dem Preisträger der diesjährigen Leipziger Buchmesse, Lutz Seilers «Stern 111», ist dies von den fünf Büchern der Shortlist ein zweiter Roman mit Wende-Thematik, die auch nach dreißig Jahren literarisch noch längst nicht abgearbeitet ist.

Im ersten, knapp zwei Drittel des dreiteiligen Romans umfassenden Teil wird die Geschichte von Norbert Paulini erzählt, stimmig beginnend mit den Worten «Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar …» Von seiner früh verstorbenen Mutter hatte Norbert nicht nur die Leidenschaft für Bücher geerbt, sondern auch den umfangreichen Bestand ihres Antiquariats. Nach einer Buchhändlerlehre eröffnet er 1977 mit dem sorgsam gehüteten Bücherschatz, der ihn schon als Kind ans Lesen gebracht hat, in der elterlichen Wohnung sein eigenes Antiquariat. Schnell wird er in den einschlägigen bibliophilen Kreisen bekannt und erwirbt sich durch seine immense Belesenheit einen geradezu legendären Ruf. Zu welchem nicht wenig auch sein literarischer Salon beiträgt, der regelmäßig Intellektuelle aller Couleur zu Lesungen und zum Fachsimpeln bei ihm versammelt. Nach der Wende bricht der Markt für seine antiquarischen Schätze schlagartig zusammen, die Geschäfte laufen schlecht, er muss Gelegenheitsjobs annehmen und zieht schließlich sogar in die sächsische Provinz. Seinem Metier jedoch bleibt er unbeirrt treu, er stellt sich ganz auf Internethandel um. Der eigensinnige Kauz vereinsamt immer mehr und zieht sich verbittert in die innere Emigration zurück. Am Ende befragen ihn zwei Kriminalbeamte, wobei vage ein rechtsradikaler Hintergrund angedeutet wird, Verhör und erster Teil enden dann aber mitten im Satz, alles bleibt offen. Der bisher kaum erkennbare personale Erzähler tritt im zweiten Teil dann deutlich als Ich-Erzähler namens Schultze (sic) auf, – mit tz allerdings! Er berichtet jetzt aus dieser neuen Perspektive über den Eigenbrödler, erzählt von der Entstehung seiner Paulini-Novelle, von seinen Gesprächen mit dem Antiquar und von seiner Liaison mit dessen Lebensgefährtin. Anschließend erzählt im kurzen dritten Teil Schultzes Lektorin von ihren eigenen Recherchen über den Helden der noch nicht veröffentlichten Novelle, eine zweifache Metafiktion also.

Diese kunstvolle Verschachtelung dreier Erzählebenen und ebenso vieler Genres, vom Bildungsroman zum Künstlerroman bis zum Krimi, hebt «Die rechtschaffenen Mörder» deutlich ab vom konventionellen Erzählgestus. Norbert Paulini erinnert als Figur an den Magister Tinius, Inbegriff der Bibliomanie, auf den auch eine Romanfigur namens Gräbendorf hinweist. Eine der Stärken dieses Buches ist jedenfalls seine üppige Intertextualität, wobei mich, soviel Anekdotisches sei erlaubt, gleich zu Beginn die Erwähnung von Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich» erfreut hat, den ich unmittelbar zuvor gelesen und rezensiert habe. Paulini nämlich weist in einem Gespräch darauf hin, Thomas Mann habe damit einige Schwierigkeiten gehabt, weil ihm nicht bewusst war, dass es zwei Fassungen davon gibt, in denen er wohl abwechselnd immer wieder mal gelesen hat.

Ärgerlich ist auch hier mal wieder der Klappentext, der vom Revoluzzer spricht und von fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Prinz Vogelfrei, wie Paulini sich nach dem Gedicht Nietzsches selbst nennt, liefert nämlich für den Rechtsruck in Ostdeutschland keinerlei Erklärung. «Die Dichter müssen lügen» ist Paulinis Credo, der intertextuell ambitionierte Roman über ihn aber scheitert, grandios überdeterminiert, an seiner eher verwirrenden Vieldeutigkeit.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Kirio

Ein narratives Verwirrspiel

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber hat mit «Kirio» einen quecksilbrigen Schelmenroman geschrieben, der für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert war. Wie bei vielen ihrer Werke steht auch hier der experimentelle Charakter ihrer Prosa im Fokus, hinter den eine erzählenswerte Geschichte völlig in den Hintergrund tritt. Ihre Titelfigur ist schwer greifbar, sie erinnert an Jesus ebenso wie an Till Eulenspiegel, Don Quichotte oder den Rattenfänger von Hameln. Hinzu kommt ein virtuoses, verwirrendes Spiel mit vielerlei Erzählperspektiven, welches die Lektüre dieses postmodernen Roman-Märchens zu einem Leseabenteuer mit fraglichem Ausgang werden lässt.

Erzählt wird die Geschichte eines rätselhaften Kauzes namens «Kirio». Sein Geburtsort ist die Nothaltebucht in einem Autobahntunnel, wo er vorzeitig das Licht der Welt erblickt. Schon während der Schwangerschaft redete die Mutter mit ihm, als Ich-Erzählerin berichtet sie: «… tun das nicht alle angehenden Mütter? Und das Kind antwortete. Damals dachte ich, das täten alle ungeborenen Kinder. Natürlich sagte es keine langen, verschachtelten Sätze, auch gebrauchte es fast nur die Gegenwartsform, und den Konjunktiv II habe ich es nie verwenden hören». Schon als Schüler fällt er als seltsamer Vogel auf, weil er gerne und oft auf Händen geht, das entsprechend gestaltete Buchcover weist auf diese Marotte hin. Typisch für ihn, der nur sporadisch immer wieder irgendwo auftaucht, sind auch die weitaufgerissenen, staunenden Augen, mit denen er neugierig und unerschrocken die Welt betrachtet. Außerdem spielt er gerne Flöte, die bei vielen Gelegenheiten zu hören ist, auch wenn er ihr nur disharmonische Töne zu entlocken vermag. Streitereien schlichtet er mühelos, indem er den Kontrahenten Reis auf die Köpfe rieseln lässt. Er redet mit Tieren, Pflanzen und unbelebter Materie ebenso wie mit Menschen, nimmt alles wörtlich und glaubt auch alles. Und manchmal vollbringt er sogar Wunder, ohne es zu merken, ohne es zu wollen, einfach so, indem er da ist. Als Mitfahrer gelangt Kirio am Ende nach Hanau, in die Geburtsstadt der Gebrüder Grimm, die Anne Weber dann im Futur erzählen lässt: «Es wird einmal ein wunderlicher Flötenspieler sein». Dort aber verliert sich dann seine Spur.

Die Autorin benutzt diese märchenartige Geschichte als Vehikel für ihre phantasievollen Gedankenblitze, mit denen sie, darin ihrer Titelfigur folgend, die Welt auf den Kopf stellt. Sie bewirkt mit dieser irrwitzigen, grotesken Sichtweise beim Leser ungeahnte Inspirationen, löst ganze Assoziations-Ketten aus. Diese lustvolle Umkehrung aller Dinge und Erscheinungen ist das Leitmotiv eines umstürzlerischen Schelmenromans, dessen grundguter Held wie ein Irrwisch durch die Welt geistert und immer wieder überraschend an den verschiedensten Ort auftaucht, um dort meist Unerwartetes zu bewirken. Er ist als Person ebenso wenig zu fassen wie die diversen Erzähler, die hier zu Wort kommen, sich gegenseitig ablösen, spurlos verschwinden, deren Perspektiven, schwer durchschaubar, oft bunt durcheinander gewirbelt sind.

Dieses kreative, für den Leser aber auch verwirrende Spiel mit den Erzählformen erzeugt zusammen mit der wunderlichen Titelfigur, die ohne jede Intention einfach da ist, einen narrativen Zauber, der zunächst unmerklich die Gewissheiten des Lebens in Frage stellt und dann meist ins Gute weist – oder ins Unabänderliche. Eine derart federleichte, ebenso unbeirrte wie unkonventionelle Erzählweise ist – nicht nur im deutschen Sprachraum – eher selten anzutreffen. Leider fehlt dieser Geschichte voller unmotivierter Hirngespinste jedwede Spannung, zudem setzt das übermütige Erzähler-Verwirrspiel der Autorin einen detektivisch veranlagten Leser voraus. Im Verein mit der schlichten, oft bemüht lustigen Diktion, zu der auch die eher störenden, weil unmotiviert eingestreuten, fremdsprachigen Floskeln beitragen, konnte sich bei mir partout kein Lesevergnügen einstellen.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Hier sind Löwen

Hic sunt leones

In ihrem dritten Roman «Hier sind Löwen» beschreibt Katerina Poladjan, in Moskau geborene Schriftstellerin mit armenischen Wurzeln, eine Spurensuche ihrer autobiografisch inspirierten Protagonistin. Die Autorin selbst hatte 2015 eine Reise in die Heimat ihrer Vorfahren unternommen, aus der das SWR2-Feature «Zwischen Aragaz und Ararat» entstanden ist. Der ins Deutsche übersetzte Titel ihres Romans bezieht sich auf den in antiken Landkarten verwendeten Hinweis «Hic sunt leones» für unerforschte Gebiete. Hier im Roman weist er auf die Leerstellen in der Familiengeschichte einer Buchrestauratorin ebenso hin wie auf die unzureichende Aufarbeitung des Genozids am armenischen Volk. Der Großvater der Autorin hatte diese von vielen Türken bis heute geleugneten Massaker als Kind überlebt.

Helen Mazavian, eine deutsche Buch-Restauratorin, deren Vorfahren aus Russland und Armenien stammen, reist in die armenische Hauptstadt Jerewan, um dort im Archiv für Handschriften ein dreihundert Jahre altes Evangeliar zu restaurieren und die traditionelle Buchbindekunst zu studieren. Man erfährt wenig über sie, häufig telefoniert sie mit ihrem Freund in Deutschland, die Beiden scheinen engstens miteinander vertraut zu sein, was Helen aber nicht hindert, schnell mal mit dem Sohn der Archiv-Leiterin ins Bett zu gehen. Der tritt gelegentlich als Jazzmusiker in einem Club auf und ist, wie sie später erfährt, Offizier der armenischen Streitkräfte, ein Musikstudium in Moskau hatte er, sehr zum Verdruss seiner Mutter, entschieden abgelehnt. «Mein Sohn sagt, er muss für ein starkes und unabhängiges Armenien kämpfen, aber er kämpft gegen Windmühlen, denn wer wirklich in Bergkarabach kämpft, das sind die Russen, die Türken und die Amerikaner, wir sind nur die Marionetten» schimpft sie.

In ihrem Evangeliar findet Helen viele handschriftliche Einträge, Familienbibeln wurden früher oft mit solchen persönlichen Anmerkungen versehen, und ihre Kollegen helfen ihr gern beim Entziffern und Übersetzen. Eine dieser Randnotizen lautet: «Hrant will nicht aufwachen. Mach, dass er aufwacht». Dieses «Mach» ist eine verzweifelte Bitte an Gott und Inspiration für einen zweiten Handlungsstrang. Im ständigen Wechsel nämlich und in kurzen Szenen wird der Spurensuche in der Jetztzeit die märchenartige Geschichte zweier Kinder gegenübergestellt, die 1915 als einzige aus ihrer Familie den Pogromen entkommen sind und mit einem in Leder eingeschlagenen Evangeliar herumirren, das Helen nun hundert Jahre später zu restaurieren hat. Dieser historische Handlungsfaden bewirkt eine ständige, unheilvolle Präsenz des ‹Aghet›, wie die Armenier die Katastrophe des Völkermords bezeichnen. Angeregt durch den Auftrag ihrer Mutter, ihren Aufenthalt in Jerewan doch auch zu nutzen, um nach familiären Spuren zu suchen, vor Ort inspiriert zudem noch durch ein aufkommendes Heimatgefühl, lässt Helen nichts unversucht, trifft viele hilfsbereite Menschen, ohne aber letztendlich Klarheit über ihre Herkunft zu bekommen. Nur ihr Evangeliar ist am Ende fertig geworden, sie zeigt es stolz ihrem Freund, der ihr nachgereist ist, um sie nach Hause zu holen, im Institut legt sie in seinem Beisein letzte Hand an die komplizierte Bindung.

Es bleibt vieles offen in diesem fragmentiert erzählten, poetischen Roman, dessen Protagonistin seltsam entrückt wirkt und deren Psyche sich allenfalls in den stimmigen Dialogen ein wenig erschließt. Ziemlich verwirrend ist zudem die ausufernde Fülle von Figuren. Der hart an Kitsch grenzende, gefühlsbetonte Plot ist denn doch zu weit hergeholt, was seine durch das Evangeliar arg willkürlich verknüpften beiden Handlungsstränge anbelangt. Das Ganze wird zudem geradezu pathetisch erzählt selbst in den durchaus bereichernden Passagen, in denen das genuin Handwerkliche des alten Volksevangeliars beschrieben wird. «Hic sunt leones» gilt letztendlich also auch für die vielen Leerstellen dieses Romans, der sich allzu sehr auf das rein Atmosphärische stützt!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Die Mittagsfrau

Literarisches Tabuthema

Mit dem Roman «Die Mittagsfrau» hat die Schriftstellerin Julia Franck im Jahre 2007 ihren größten Erfolg erzielt, er wurde mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, bevölkerte die Bestsellerlisten und wurde in viele Sprachen übersetzt. Die Rezeption im Feuilleton und in der Leserschaft war jedoch auffallend widersprüchlich und wurde emotional sehr heftig ausgetragen, sowohl was die verstörende Thematik anbelangt als auch deren narrative Umsetzung. Der Buchtitel verweist auf einen slawischen Naturgeist, der während der Erntezeit mittags erscheint und den Menschen den Verstand verwirrt, ein Motiv, das schon Antonín Dvořák zu seiner Sinfonischen Dichtung ‹Die Mittagshexe› inspiriert hatte. Im Interview hat die Autorin erklärt, es gäbe in ihrer Familie eine «Begebenheit», die sie als Anlass genommen habe, diese rein fiktionale Erzählung zu schreiben.

Klammerartig erzählt Julia Franck im Prolog, wie die Protagonistin Helene ihren siebenjährigen Sohn Peter im Chaos der Nachkriegszeit auf der Flucht an einem Umsteige-Bahnhof auffordert, er solle hier auf sie warten, während sie Fahrkarten kaufen geht. Sie kehrt aber nicht wieder zurück, sie hat ihr Kind einfach ausgesetzt. Im Epilog besucht sie ihren Onkel auf seinem Hof bei Rostock, die Adresse hatte sie dem Jungen neben weiteren Unterlagen in seinen Koffer gelegt, und tatsächlich ist er dort auch untergekommen. Peter versteckt sich, als sie zehn Jahre später erstmals zu Besuch kommt, Peter will sie nicht sehen, nie mehr! Und so reist sie nach wenigen Stunden unverrichteter Dinge wieder ab.

In drei Kapiteln wird das Leben von Helene erzählt, beginnend Anfang des Jahrhunderts in Bautzen als jüngste Tochter eines wohlhabenden Druckers, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat und nach der Rückkehr an seiner Verletzung elendig zugrunde geht. Die Mutter ist Jüdin, hat vier Söhne bei der Geburt verloren, ist seither geistig verwirrt, neigt zu Tobsuchtsabfällen und schließt sich in ihr Zimmer ein, will ihren sterbenden Mann nicht mehr sehen. Helene und ihre neun Jahre ältere Schwester, die die Druckerei aufgeben müssen, ziehen auf Einladung ihrer wohlhabenden Tante Fanny zu ihr nach Berlin und geraten dort in die Boheme der ‹Goldenen Zwanziger› mit rauschenden Festen, Alkohol, Sex und Drogen. Helene findet ihre große Liebe, die nach dreijähriger Verlobungszeit, – während der sie, weil sie studieren will, heimlich eine Abtreibung vornimmt -, dann aber plötzlich tragisch endet. Nach Jahren tiefster Depressionen heiratet sie rein vernunftgesteuert einen Ingenieur, der in der Nazizeit Karriere macht, sie aber verlässt, als sie schwanger wird. Während des Zweiten Weltkriegs schlägt sie sich allein durch und arbeitet aufopferungsvoll als Krankenschwester, wird nach Kriegsende in Stettin von Russen vergewaltigt und versucht, dem Chaos durch Flucht nach Berlin zu entkommen, – beim Umsteigen lässt sie ihren Sohn schließlich am Bahnsteig allein zurück.

Der hier nur knapp skizzierte Plot dieses Gesellschaftsromans enthält neben dem Fanal einer Kindsaussetzung eine Fülle von Motiven. Es geht vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte um moralische Fragen, um die eigene Identität, Adoleszenz-Probleme, weibliche Emanzipation, Konflikte der Mutterschaft, emotionale Bindungen, Judenverfolgungen und anderes mehr. Daraus resultierend ergibt sich fast zwangsläufig eine konträre, erbittert geführte Debatte, der Roman selbst gibt keine Antworten und überlässt die Deutungen dem Leser. Erzählt wird diese thematisch breit angelegte Geschichte in einer nüchternen, einfachen Sprache, die zuweilen etwas geziert wirkt. Die Figuren sind stimmig gezeichnet auch in ihren inneren Widersprüchen, allerdings werden diverse Klischees bedient, besonders was die kolportagehaften Boheme-Passagen in Berlin betrifft oder Helenes Liebesgeschichte mit ihren gestelzten Dialogen. Gleichwohl, dieser lesenswerte Roman behandelt verdienstvoll ein nicht nur literarisches Tabuthema.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Die Habenichtse

Kein Wohlfühlroman

Mit dem Roman «Die Habenichtse» von 2006 hat Katharina Hacker eine ungewöhnlich konträre Rezeption ausgelöst, den fast durchweg positiven Buch-Besprechungen des Feuilletons stehen überwiegend negative, fast wütende Bewertungen der Leserschaft gegenüber. Nicht zuletzt hat dieser Roman ja den Frankfurter Buchpreis gewonnen, und die Jury hatte damals dazu ausgeführt: «In einer flirrenden, atmosphärisch dichten Sprache führt Katharina Hacker ihre Helden durch Geschichtsräume und in Problemfelder der unmittelbarsten Gegenwart, ihre Fragen sind unsere Fragen: Wie willst du leben? Was sind deine Werte? Wie sollst und wie kannst du handeln? Die Qualität des Romans besteht darin, diese Fragen in Geschichten aufzulösen, die sich mit den plakativen Antworten von Politik und Medien nicht zufriedengeben». Wer hat denn nun recht, die Profis oder die Laien?

Die in 39 Kapiteln mit wechselnden Handlungssträngen erzählte Geschichte vom Haben und Sein bildet soziologisch drei Gesellschaftsschichten ab, das verwahrloste Prekariat, die kleinkriminelle Unterwelt und den gutsituierten Mittelstand. Handlungsorte sind London und Berlin, der Zeitrahmen wird durch die Zäsur von 9/11 und den Beginn des Irakkrieges geprägt. Recht plakativ steht gleich zu Beginn des Plots der Angriff auf das World Trade Center, der 33jährige Berliner Jurist Jakob hätte just an diesem Tag einen Termin mit einem Kunden dort gehabt. Den hat aber auf seinen Wunsch ein Kollege kurzfristig für ihn wahrgenommen, der dann bei dem Anschlag umgekommen ist. Jakob wollte unbedingt eine gleichzeitig in Berlin stattfindende Party besuchen, auf der er seine frühere Freundin und große Liebe Isabelle wieder zu treffen hoffte. Er findet tatsächlich erneut mit ihr zusammen, sie heiraten bald darauf, der verhängnisvollen politischen Zäsur zeitgleich ist dies also ein ebensolcher Einschnitt in sein bisheriges Privatleben. Der in New York umgekommene Kollege war für einen Wechsel in eine Londoner Kanzlei vorgesehen, die sich auf komplizierte Restitutionsbegehren spezialisiert hat, die in die DDR und bis in die Nazizeit zurückgreifen. Nun bekommt Jakob den Posten und zieht mit seiner Frau nach London, Isabelle kann als Mitinhaberin einer Grafikagentur problemlos auch per Heim-Office kreativ in ihrer Firma mitarbeiten. Die neuen Nachbarn sind eine Proletarier-Familie mit zwei Kindern, der Vater ein brutaler Säufer, es geht oft laut zu nebenan. In der Nachbarschaft gibt es aber auch den Dealer und Kleinkriminellen Jim, der von einem Ausbruch aus seinem Milieu träumt, wenn er seine verschwundene Freundin Mae wiedergefunden hat.

Über die verschiedenen Figurengruppen wird in diversen Rückblicken aus Sicht der Handelnden berichtet, wobei die Vielzahl der Figuren die Leser vor ziemliche Probleme stellt. Einerseits, weil sie ohne Einführung quasi hineingeschubst werden in die Handlung, andererseits aber auch, weil sie kaum Empathie zu erzeugen vermögen, man weiß fast nichts von ihnen. Nach etwa einem Drittel des Romans beginnen die Handlungsstränge allmählich aufeinander zuzulaufen, es kommt zu ersten Begegnungen und auch Konfrontationen, man begreift allmählich, worauf das hinaus soll.

Der Reiz dieses raffiniert konstruierten, zeitkritischen Romans liegt in der Konfrontation dieser verschiedenen Lebensformen in stimmigen Szenen, mit dem verblüffenden Ergebnis, dass auch das junge Paar zu den «Habenichtsen» gehört, – nicht materiell, sondern seelisch. Denn sie sind menschlich verarmt, ihr Leben ist völlig aus den Fugen geraten, sie haben sich allzu schnell auseinandergelebt und scheitern an ihrer Gedankenlosigkeit. Jakob ist von seinem charismatischen, homosexuellen Chef fasziniert, Isabelle fühlt sich zu dem verwahrlosten Junkie hingezogen, wird von ihm aber verachtet und gedemütigt. Minutiös und hoch verdichtet wird hier lakonisch über Desillusionierung berichtet, kein Wohlfühlroman also, eher ein ambitioniertes Sprachkunstwerk, wie man es selten zu lesen bekommt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Flammenwand

Starker Tobak für arglose Leser

In Dantes göttlicher Komödie ist die «Flammenwand» der Übergang vom Fegefeuer ins Paradies, im gleichnamigen Roman von Marlene Streeruwitz wird man mit diesem Bild im Kopf als Leser auch gleich auf die richtige Spur gesetzt. Der Untertitel «Roman mit Anmerkungen» weist auf eine zweite Erzählebene hin, im Anhang berichtet die streitbare österreichische Autorin von politischen Geschehnissen in ihrer Heimat während der Entstehung ihres Romans, beginnend am 19. März 2018 und endend am 9. Oktober des gleichen Jahres. Parallel zu ihrer aus feministischer Sicht geschilderten Geschichte einer gescheiterten Beziehung gleicht die zweite Erzählebene einem süffisanten, 83teiligen journalistischen Report über die österreichische Politik dieser Zeit, – ein Mann namens Strache lässt grüßen!

Adele, die Protagonistin, ist eine geschiedene, kinderlose Frau Anfang fünfzig, sie lebt in Wien und arbeitete als erfolgreiche Sprachlehrerin für Migranten. Um mit Gustav, einem auf das Großkapital spezialisierten Berliner Steuerfahnder, zusammen zu sein, hat sie ein Karenzjahr eingelegt, sie wohnt mit ihrem Lover während seines längeren beruflichen Ausland-Aufenthalts in Stockholm. Ihre sexuelle Beziehung ist durch seine mutmaßliche Impotenz problematisch geworden, nach anfänglich für sie beglückenden Koitus-Erlebnissen befriedigt er die äußerst sinnliche Frau inzwischen nur noch manuell. Bis ihr der Anruf einer anderen Frau plötzlich die Augen öffnet, in einem machohaften Versteckspiel genießt Gustav nämlich ganz offensichtlich seine manipulative Macht über die masochistisch veranlagte Adele. Verstört verlässt sie die Wohnung und läuft ziellos durch Stockholm.

Dieses odysseeartige Herumirren bei minus 15 Grad ist ein einziges Sinnieren der Heldin über ihre Beziehung, ein permanentes Rekapitulieren der gemeinsam verbrachten Zeit und der von Gustav dominierten Gespräche miteinander. Immer wieder zwischen Verlustängsten und Befreiungswunsch schwankend kreisen ihre Gedanken auch um frühe Kindheitserlebnisse mit den unbeirrt faschistisch orientierten Eltern, wobei besonders die häufig brutale Bestrafung ihres Bruders durch den sadistischen Vater tiefe seelische Spuren in ihr hinterlassen hat. Sie leidet seither zutiefst unter jeder Form maskuliner Allmacht, deren reale Entsprechungen sich im journalistischen Anhang häufig widerspiegeln. Insoweit ist der Roman ein Versuch von Marlene Streeruwitz, patriarchalische Machtfantasien zu demaskieren, wobei offen antifeministische Einstellungen nach Erscheinen des Romans dann ja eindrucksvoll und kaum widerlegbar durch das Ibiza-Video bewiesen wurden. «Bist du deppert, die ist schoaf» äußert sich der spätere Innenminister da proletenhaft im schönsten Schmäh. Und das scheint durchaus auch exemplarisch zu sein für das fragwürdige Frauenbild der neuen Rechtspopulisten im Geburtsland des Führers!

Adeles ruhelose Gedankenspiele um Verdammnis und Läuterung bilden den gesamten Plot, ein ständig von Kontrollverlust bedrohter, endloser Selbstfindungstrip, dessen Ausgang der Roman offen lässt. Erzählt wird dieses Um-sich-selbst-Kreisen als Bewusstseinsstrom im typischen Streeruwitz-Sprech, ein unverwechselbarer, stakkatoartiger Sprachfluss in Kurzsätzen jenseits aller Dudenregeln. Der ist außerdem noch, – bewusst, wie die Autorin im Interview gesagt hat -, mit österreichischem Idiom authentisch angereichert und bildet somit wirklichkeitsnah die Gedankensprünge ihrer gequälten Heldin ab. Sprachlich konventionell hingegen wird in der politischen Chronik berichtet, deren Sinn es sei, an der Realität der gesellschaftlichen Situation zur Zeit der Handlung keinen Zweifel zu lassen, wie die Autorin erklärt hat. Und diesem Fußnotentrick verdanken wir zuweilen auch einige denkwürdige Momente beim Lesen, so wenn zum Beispiel der «Kanzlerbub» das Kopftuchverbot verkündet. Ansonsten aber ist dieser unendlich eintönige Roman einer hysterischen Masochistin starker Tobak für arglose Leser!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Kintsugi

Nicht bewältigtes, narratives Chaos

Unter den drei Debüt-Romanen auf der Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises ist auch «Kintsugi» von Miku Sophie Kühmel, eine kammerspielartige Geschichte vom Zerbrechen langjähriger Beziehungen. Auf Brüche spielt schon der Buchtitel an, ‹kintsugi›, klärt das Nachwort auf, ist «das kunsthandwerk, zerbrochenes porzellan mit gold zu reparieren», wie dort in Kleinschrift? erläutert wird. Ein ästhetisches Zen-Prinzip, bei dem die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit im Mittelpunkt stehen, was, auf den Roman übertragen, auf die Brüche in langjährigen menschlichen Beziehungen verweist, eine ganz ähnlich schon von Goethe in seinen «Wahlverwandtschaften» thematisierte Problematik.

Das schwule Pärchen mit Max, einem charismatischen Archäologen, und Reik, einem nicht minder charismatischen und erfolgreichen Maler, beide im mittleren Alter, feiert das zwanzigjährige Bestehen seiner Beziehung in der Einsamkeit ihres kleinen Landhauses an einem See in der Uckermark. Als Gäste für das Wochenende haben sie nur den Klavierspieler Tonio eingeladen, ihren ältesten Freund, und dessen achtzehnjährige Tochter, für die sie seit ihrer Geburt liebevoll eine vaterähnliche Rolle übernommen haben. Pega, zweifache Ziehtochter also, hatte quasi drei Väter, aber keine Mutter. Sie ist das Ergebnis eines One Night Stands des damals noch völlig unerfahrenen Tonio mit einer älteren Frau, die er dann überredet hat, nicht abzutreiben und ihm das Kind zu überlassen, er wolle es allein aufziehen. Seither hat er sie nie wieder getroffen, und auch Pega kennt ihre Mutter nicht. Mit seinem Jugendfreund Reik hatte der bisexuelle Tonio früher ebenfalls eine Beziehung, bis der dann in Max seinen Partner fürs Leben gefunden hat.

Dem Figurenensemble entsprechend ist der Roman in vier Abschnitte aufgeteilt, mit jeweils einem anderen, sprachlich stimmig angelegten Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive über das Geschehen während dieses Wochenendes und, in Rückblenden, über die gemeinsame Lebenszeit berichtet wird. Zwischen diese Kapitel eingeschoben sind jeweils kurze, drehbuchartige Szenen im Landhaus, welche die Gespräche des Quartetts beim gemeinsamen Essen zum Inhalt haben. Die Erzählung legt den Schwerpunkt auf das psychologische Geflecht des patchworkartigen Figurenensembles, welches mit seinen Makeln und Rissen in den Beziehungen Fragen und Zweifel heutiger Liebesbeziehungen und Lebenskonzepte aufwirft. Es geht dabei neben der dominanten, psychologischen Nabelschau um Sexualität, Eifersucht, Bindungsfähigkeit, Elternschaft und Karriere. Leitmotivisch für die Brüche in den Beziehungen der vier Protagonisten steht dabei das von Max in einem Wutanfall zertrümmerte, wertvolle Teeservice, über das es im letzten Satz, nach der kunstvollen Reparatur à la ‹kintsugi› heißt: «Und an den Stellen, wo die Risse waren, die Splitter, die Brüche, glänzt in verästelten Linien das Gold wie Adern aus Licht».

Die psychologische Dominanz in Miku Sophie Kühmels außerdem auch noch ziemlich redundanten Roman schmälert das Leseerlebnis erheblich, was insbesondere deshalb bedauerlich ist, weil sie ihre Figuren und deren seelische Deformationen durchaus stimmig zu beschreiben versteht. Die komplexe Konstellation der Beziehungen, – schwules Paar, kumpelhafte Vater/Tochter-Beziehung, Pegas Verführungsversuch an Max -, lassen diese spirituell aufgeladene Geschichte deutlich überkonstruiert erscheinen, weniger wäre hier mehr gewesen. Fraglich ist auch, ob man einer mutmaßlich überwiegend heterosexuellen Leserschaft die schwulen Geschlechtspraktiken derart drastisch vor Augen führen muss, wie es die junge Autorin hier tut, – aus welchen Gründen auch immer! Mit seiner ausufernden Komplexität landet dieser überambitionierte Roman, in dem alles auserzählt ist ohne jede Leerstelle, zudem adjektiv- und metaphernlastig mit einer blumigen Sprache und überladenen Symbolik, in einem nicht bewältigten, narrativen Chaos. Schade!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Tagebuch eines Lesers

Geschmälerte Lesefrüchte

Wie kein zweiter hat der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel sich mit dem Wesen des Buches auseinandergesetzt, «Das Tagebuch eines Lesers» gehört in eine Reihe mit ähnlichen Werken wie «Eine Geschichte des Lesens» oder «Eine Stadt aus Worten». Im vorliegenden Tagebuch nun verdeutlicht der Autor die Wirkung des Lesens am Beispiel seiner Eindrücke und Reflexionen beim Wiederlesen von zwölf seiner Lieblingsbücher. Jeden Monat, vom Juni 2002 bis Mai 2003, liest er eines dieser Bücher und hält tagebuchartig seine Gedanken dabei fest, es entsteht also gleichzeitig eine ergänzende Sammlung von «Notizen, Reflexionen, Reiseeindrücken, Charakterskizzen, öffentlichen und privaten Ereignissen». Jeder ernsthaft mit Literatur befasste Leser dürfte gespannt darauf sein, welche Wirkungen das Lesen bei diesem polyglotten Schriftsteller hervorzurufen vermag, und welche Bücher er denn aus seiner riesigen, mehr als 30.000 Bände beherbergenden Bibliothek für sein Vorhaben ausgewählt hat.

«Manche Bücher durchqueren wir im Fluge. Schon beim Umblättern vergessen wir, was auf der vorigen Seite stand.» schreibt Manguel im Vorwort. Andere lese man mit Ehrfurcht, manche dienten lediglich zur Information, einige wenige aber seien einem ans Herz gewachsen. Und er beginnt mit «Morells Erfindung» von Adolfo Bioy Casares, es folgt «Die Insel des Dr. Moreau» von H.G. Wells, «Kim» von Rudyard Kipling, «Erinnerungen von jenseits des Grabes» von Chateaubriand und «Das Zeichen der Vier» von Doyle. Extra für die deutsche Ausgabe geschrieben ist das Kapitel «Peter Schlemihls wundersame Geschichte» von Chamisso, womit deutlich wird, dass dieses Tagebuch nicht wirklich chronologisch angelegt sein dürfte, sondern wohl eher als fiktional anzusehen ist. Weiter geht es mit «Der Wind in den Weiden» von Kenneth Grahame, «Don Quijote» von Cervantes, «Die Tartarenwüste» von Dino Buzzati, «Das Kopfkissenbuch» von Sei Shonagon, «Der lange Traum» von Margaret Atwood, und zum Schluss «Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas» von Machado de Assis.

Neben den Anmerkungen zu diesen Lieblingsbüchern findet man eine Fülle von Querverweisen und Anekdoten zum jeweiligen Autor und seinem Werk, Vergleiche mit ähnlichen Büchern und anderen Schriftstellern, Berichte von Begegnungen mit Kollegen, aber auch jede Menge Zitate aus und Hinweise auf andere literarische Werke von Rang. Der nichtliterarische Teil des Tagebuches bezieht sich auf politische Ereignisse, Alltagsgeschehen, Reiseerlebnisse, Träume, eigene Erkenntnisse und philosophische Fragen. Bei Chateaubriand beispielsweise, der Lektüre des Monats September, fügt er anlässlich der Ereignisse von 9/11 erregt eine Tirade auf den Terrorismus ein. Mehrfach auch weist er auf den bevorstehenden Irak-Krieg hin und auf dessen fadenscheinige Begründung. Man erfährt aber wenig aus seinem Privatleben, er erwähnt nur beiläufig mal ein Gespräch mit seinem Sohn und versteckt hinter dem Kürzel C. verschämt seinen Lebenspartner Craig Stephenson.

Manguel bezeichnet sich selbst als eklektischen Leser, sein Tagebuch folge keiner Denklinie, sondern sei «fragmentarisch, ungeordnet», was ihm erlaube, «ohne vorgefasstes Ziel zu denken». Als leseversessener Buchnarr, der nebenbei auch schreibt, nimmt er insoweit eine Sonderstellung ein in der gehobenen Literatur. Ob sein Tagebuch allerdings inspirierend wirkt und eine Folgelektüre anzuregen vermag, das ist angesichts der eigenwilligen Buchauswahl mehr als fraglich. Neben einer kurzen Erwähnung von Thomas Mann und Kafka ist die deutsche Literatur mit Chamisso für ihn nämlich bereits abgehandelt. Der einzige moderne Autor im Buch ist Jonathan Littell mit dem Roman «Die Wohlgesinnten», – wie Manguel in einer kurzen Notiz schreibt, musste er den Auftrag für eine Übersetzung ablehnen. Diese einseitig einem südamerikanischen und angelsächsischen Literatur-Kanon folgende, rückwärts gewandte Buchauswahl schmälert leider die Lesefrüchte aus dieser speziellen Lektüre erheblich.

Fazit: lesenswert

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Genre: Sachbuch
Illustrated by Fischer Verlag

Berta Isla

Literarisches Denken

In seinem neuesten Roman «Berta Isla» spielt der spanische Schriftsteller Javier Marías bereits im Titel auf seine besondere Thematik an, die eher unbekannte Seite des Agentenlebens nämlich, gesehen aus der arglosen Perspektive der Ehefrau eines britischen Geheimagenten. Sie ist zu einem einsamen, isolierten Inselleben gezwungen, das ihre Beziehung zunehmend belastet. Der als Kandidat für den Nobelpreis gehandelte Autor siedelt seine Geschichte auch hier wieder mal im universitären Milieu an, sein Protagonist ist ein extrem sprachbegabter Oxford-Absolventen. Und auch hier ist es ein geradezu mustergültig konstruierter Plot mit verblüffenden Wendungen des Geschehens, sein literarisches Markenzeichen geradezu, welches auch ohne die spektakuläre «Action» eines Spionagethrillers den Leser allein schon durch seine Gedankentiefe ans Buch fesselt.

Berta Isla wirft schon auf der Schule in Madrid ein Auge auf den charismatischen Tomás, der mit einem englischen Vater und einer spanischen Mutter zweisprachig aufgewachsen ist. Beides sind für ihn Muttersprachen, die er mit seinem ungewöhnlichen Sprachtalent in vielen Slangs, Dialekten und regionalen Färbungen zur Verblüffung und Erheiterung seiner Freunde so perfekt beherrscht, dass er als Stimmenimitator auftreten könnte. Er geht zum Studium nach Oxford und gerät durch einen ihm angelasteten Mord in die Fänge des britischen Geheimdienstes, der ihn zu Mitarbeit erpresst, seiner Sprachbegabung wegen. Nach der Rückkehr erhält er eine Stellung in der britischen Botschaft in Madrid und heiratet endlich auch Berta, seine große Liebe, die auf ihn gewartet hat. Immer öfter aber muss er nun auf längere Reisen gehen, deren Dauer er nicht kennt, er ist wochenlang, manchmal monatelang unterwegs und für Berta dann nicht mal telefonisch zu erreichen. Sein Eid verpflichtet ihn zur strikten Verschwiegenheit, und erst nach längerer Zeit kann die durch das ewige Warten zermürbte Berta ihn wenigstens dazu bringen, dass er ihr seine Agententätigkeit und sein Doppelleben gesteht, – sie ist aber zu absoluter Schweigsamkeit gegen jedermann verpflichtet. Die immer löcheriger werdende Beziehung des Ehepaars reißt vollends ab, als er von einer geheimen Mission nicht mehr zurückkehrt, auch seine Vorgesetzten wissen nicht, was ihm zugestoßen ist. Nach einigen Jahren wird er in beiden Ländern für tot erklärt, die nunmehr verwitwete Berta zieht ihre zwei Kinder allein auf und geht, von kurzen Affären abgesehen, keine neue Partnerschaft mehr ein, – mehr zu erzählen wäre der Spannung wegen unfair!

Javier Marías bindet in seine raffiniert konstruierte Geschichte, die zeitlich im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts angesiedelt ist, den Nordirlandkonflikt ebenso mit ein wie den Falklandkrieg, beides typische Einsatzgebiete für britische Geheimdienstler. In mehr als einem Drittel des Romans, in seinem Innenteil, schildert Berta Isla als Ich-Erzählerin ihre Ängste, Zweifel und Vermutungen, oft in Form des inneren Monologs, der auch in den beiden auktorial erzählten Außenteilen sehr häufig geschickt eingesetzt wird, um die Gedanken der Protagonisten offenzulegen. Das Erzählte ist weitgehend auf die Figuren fokussiert, es befasst sich ausgiebig mit deren psychischer Verfasstheit in einer derartig extremen sozialen Ausnahmesituation, die der Beziehung des Paares, ihrer einst unverbrüchlichen Liebe, kaum mehr Raum lässt.

Die gelassene, weitschweifige Erzählweise von Javier Marías führt den Leser in die tiefsten Winkel seiner Gedankengänge über Treue, Loyalität, Staatsräson, Betrug und Verrat, er seziert zudem akribisch Bertas komplizierte Seelenlage. Seiner Frage nach der Unmöglichkeit, den anderen wirklich zu kennen, geht er in vielen Facetten behutsam und völlig ohne Sentimentalitäten in einer geschliffenen, wohl formulierten Sprache nach. Er hat seine spezielle kontemplative Erzählmethode als literarisches Denken bezeichnet, – es braucht hier also Leser, die mitdenken!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Herr der Fliegen

Bellum omnium contra omnes

Sir William Golding, geadelter britischer Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, stieß mit seinem Debütroman «Herr der Fliegen» bei mehr als zwanzig Verlagen auf entschiedene Ablehnung, ehe ein beherzter Lektor doch noch das Potential dieses Buches erkannte und es 1954 herausbrachte. Auf Anhieb ein Bestseller im englischen Sprachraum, zählt sein Roman seither zum Kanon der britischen Literatur. Golding erhielt 1983 den Nobelpreis «für seine Romane, die mit der Anschaulichkeit realistischer Erzählkunst und der vieldeutigen Allgemeingültigkeit des Mythos menschliche Bedingungen in der heutigen Welt beleuchten», – er konnte später aber nicht mehr an den Erfolg seines Erstlings anknüpfen. Mit der neuen Übersetzung von Peter Torberg wurde der Roman 2016 sprachlich entstaubt und gehört damit nach wie vor zur literarischen Spezies der Pageturner, die man nur ungern aus der Hand legt, bevor man das Ende erreicht hat.

In seiner Robinsonade lässt der Autor eine Gruppe von 6- bis 12jährigen britischen Jungen bei einem Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Südseeinsel stranden. Nach dem anfänglichen Schock versammelt einer der älteren Jungs, der charismatische Ralph, die Kinder am Strand und versucht, Ordnung in die herumwuselnde Knabenhorde zu bringen. Er wird als der offensichtlich Vernünftigste zum Anführer gewählt. Man beschließt regelmäßige Versammlungen, die er jeweils durch das Blasen einer großen, hornartigen Schneckenmuschel zusammenruft. Sie wird damit zum Symbol für Disziplin, das Wort ist in der Versammlung jeweils dem Jungen erteilt, dem die Muschel übergeben wurde. Als wichtigste Maßnahme wird ferner beschlossen, durch den Rauch eines permanent brennenden Feuers vorbeifahrende Schiffe auf die Insel aufmerksam zu machen, dies ist die einzige Chance zur Rettung. Ein Teil der Kinder kommt aus einer Eliteschule, deren Uniform sie tragen und deren Chor sie angehören, ihr Anführer ist der ungestüme Jack. Die so urplötzlich dem Einfluss der Erwachsenen entzogenen Kinder ignorieren ihnen anerzogene Regeln und Werte, sie verhalten sich, von Jack angestiftet, zunehmend aggressiv und rücksichtslos. Zwischen Ralph und dem sich zurückgesetzt fühlenden Jack entwickelt sich schon bald eine offene Rivalität.

Diese Parabel von den metaphysischen Grundlagen menschlicher Existenz, verdeutlicht am Beispiel bis dato unschuldiger Kinder, die erstaunlich schnell verrohen und all die ihnen mühsam vermittelten elementaren Werte vergessen, hat kontroverse Diskussionen ausgelöst und zu vielerlei Deutungen angestiftet. William Golding entwickelt äußerst geschickt seine mit reichlich Symbolik aufgeladene, anthropologische Thematik in all ihren psychologischen und soziologischen Aspekten, sie erinnert in ihrer allegorischen Darstellung an die Vertreibung aus dem Paradies. Dabei bildet der hinreißend beschriebene, exotische Ort des Geschehens einen konträren Hintergrund für eine unaufhaltsame Eskalation, in der das Faustrecht obsiegt und die friedliche Insel in ein Inferno der Gewalt verwandelt, bei dem es schließlich sogar zwei Tote gibt. Besonders verstörend ist, welches ungeahnte Gewaltpotential den eigentlich ja für Unschuld stehenden Kindern bereits angeboren scheint und damit eine solche soziale Fehlentwicklung überhaupt erst möglich macht.

So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, erinnert der Roman auch an ein Nazideutschland, dessen angeblich nichtsahnendes Volk durch geflissentliches Wegschauen einer politischen Mörderbande zumindest den Weg bereitet hat, sofern es nicht selbst mehr oder weniger aktiv beteiligt war. In diesem zivilisationskritischen Roman werden aus den harmlosen Kindern gewaltbereite Mitläufer einer skrupellosen, machtbesessenen Führerfigur, womit der Autor die innere Dynamik realer Herrschaftssysteme offenlegt. Er weist damit auf den Naturzustand der Menschheit hin, den schon Thomas Hobbes als «bellum omnium contra omnes» beschrieb.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Der neunzigste Geburtstag

«Wir schaffen das»

Als 92jähriger Schriftsteller mit einem beachtlichen Œuvre hat Günter de Bruyn nach 35 Jahren erstmals wieder einen Roman veröffentlicht, dessen symptomatischer Titel «Der neunzigste Geburtstag» die autobiografische Färbung offensichtlich werden lässt. Zeitlich im Jetzt angesiedelt und örtlich in Wittenhagen, einem winzigen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern mit gerade mal zweihundert Einwohnern, erzählt der Autor darin vordergründig von den Vorbereitungen zu einem hohen Geburtstag, im Wesentlichen aber von den Befindlichkeiten eines hoch betagten Geschwisterpaars im Rückblick auf ihr Leben.

Hedwig und Leonhardt Leydenfrost haben nach dem Mauerfall das ehemalige Gut der Familie als gemeinsamen Alterssitz bezogen, das inzwischen heruntergekommene Herrenhaus gehört ihnen je zur Hälfte, Hedy wohnt im ersten Stock, Leo bewohnt das Erdgeschoss. Bei Hedys 89tem Geburtstag beschließt der Familienrat, zu ihrem Neunzigsten ein großes Fest zu feiern, statt Geschenken sollen dabei aber Spenden für die Einrichtung eines Lagers für alleinstehende Flüchtlingskinder in der alten Reithalle des Gutes eingesammelt werden, Hedy ist Feuer und Flamme für diesen Plan. Sie war als ehemalige grüne Aktivistin in Westdeutschland eine politische Wortführerin der außerparlamentarischen Opposition, später hat sie dann dort Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet. Der eher bedächtige, unpolitische Leo ist im Osten geblieben und hat sich als Bibliothekar in Ostberlin hinter seinen Büchern verschanzt, eine Berufswahl, mit der er bewusst allen Querelen von vornherein aus dem Weg ging, denn mit dem DDR-Regime war er keineswegs d’accord. Auch die Geschwister sind sich selten einig, zu verschieden ist ihr Temperament, und so ist ihr Zusammenleben bei aller gegenseitigen Achtung von häufigen Wortgefechten geprägt.

In einem entfernt an Fontane erinnernden, ruhigen Erzählfluss mit einer betulichen Diktion wird vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse über zwei Charaktere berichtet, deren Intellekt in unterschiedlichen Geisteshaltungen mündet, die nun im hohen Alter immer mehr in ein Staunen übergehen angesichts einer ihnen unverständlicher werdenden Welt, – vor der sie jedoch keinesfalls zu kapitulieren gedenken. In vielen Rückblenden wird ihr Lebensweg verdeutlicht, und damit wird auch ihre gegenwärtige Verfasstheit erklärt. Wunderbar stimmig ist dabei der alte Eigenbrödler Leo gezeichnet, ein der deutschen Sprache verpflichteter Schöngeist mit ausgeprägtem historischen Gespür und herrlich sarkastischer Gegenwartskritik. Insbesondere die Absurdität einer gendergerechten Sprache bringt ihn in Wallung, und ausufernde Telefonitis wird äußerst skeptisch kommentiert: «Dauertelefonierer waren in seinen Augen Kranke, die an erhöhtem Mitteilungsbedürfnis litten». Und so sorgt der alte Nörgler, hinter dem sich in Vielem wohl auch der Autor selbst versteckt, häufig für ein Schmunzeln beim Leser.

Die vielen Fragen, die Günter de Bruyn in seinem Roman anreißt, kreisen allesamt um den Generationenkonflikt, um politische und wirtschaftliche Umbrüche, um das Verdängen des Alten und Bewährten durch das Neue und oftmals Fragwürdige, wie es die beiden greisen Idealisten sehen. Dem «Wir schaffen das» einer 2015 auf politischer Geisterfahrt befindlichen Kanzlerin nacheifernd, scheitert die idealistisch betriebene Gründung einer Flüchtlings-Unterkunft für Kinder kläglich. Die Berliner «Asylantenkinder», in Wirklichkeit allesamt Testosteron gesteuerte junge Männer, weigern sich schlicht und ergreifend, in den Bus nach Meckpomm zu steigen, ins Nirwana aus ihrer Sicht. Letztendlich entsteht eine von alten Seilschaften betriebene Wellness-Oase aus der ehemaligen Reithalle der Familie, eine herbe Niederlage für den dörflichen Gemeinsinn. Mit hintersinniger Ironie entwirft Günter de Bruyn ein Bild unserer Gegenwart, dessen Plausibilität kaum zu leugnen ist und das durchaus wehmütig machen kann, in jedem Fall aber nachdenklich.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Heimkehr

Parodistische Odyssee

Unter dem Titel «Heimkehr» ist nach neun Jahren wieder ein Roman des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann erschienen, ein turbulenter Schelmenroman diesmal mit dem Hauptmotiv «Cherchez la femme». Dass darin viel Autobiografisches verarbeitet ist, deutet der am 21. Dezember 1950 geborene Autor verschmitzt schon damit an, dass er auch den Geburtstag seines Protagonisten just auf diesen Tag datiert. Diese burleske Geschichte einer Odyssee thematisiert auf amüsante Weise ein problematisches Vater-Sohn-Verhältnis, in das einzelne Motive aus Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich» mit einfließen, der Romanheld trägt seinen Vornamen also nicht rein zufällig.

Nach 18 Jahren Funkstille ruft der Gründer einer Gummiwarenfabrik nahe Zürich den einst von ihm als Abfall bezeichneten und aus dem Haus geworfenen, ungeratenen Sohn nach Hause zurück. Kurz vor dem Ziel, der Villa seines Vaters, verunglückt er mit dem Auto und kommt erst nach Tagen verletzt und im Gesicht entstellt in einem Sanatorium auf Sizilien wieder zu sich, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie er dort hingekommen ist. In einer aberwitzigen Irrfahrt, die ihn über Afrika und die DDR wieder in die Schweiz zurückführt, gelingt es ihm, seine Amnesie allmählich zu überwinden. Der Plot erzählt in Rückblenden von der Vorgeschichte, die fast zwei Jahrzehnten zuvor im Zerwürfnis von Heinrich Übel junior mit dem übermächtigen Vater ihren dramatischen Wendepunkt erreicht hatte.

Abgesehen von der aberwitzigen Handlung lebt der Roman insbesondere von den skurrilen Figuren, die ihn bevölkern und die Thomas Hürlimann genüsslich als allesamt durchgeknallte Persönlichkeiten schildert, die Frauen ebenso wie die Männer, allen voran der Romanheld. Auf Sizilien steigt seine Traumfrau nackt aus dem Meer wie die schaumgeborene Aphrodite, die sich angezogen dann als Mo Montag vorstellt, linientreue Funkwerkerin aus Ost-Berlin und glühende FDJ-Aktivistin. Ein DDR-Trupp, dem sie angehört, testet vor Ort einen Ohrensessel, in den ein Telefon eingebaut ist, mit dem man drahtlos Ferngespräche führen kann. Wegen seiner martialischen Unfallnarbe halten die Sizilianer Heinrich für einen tollkühnen Mafioso und nennen ihn ehrfürchtig nur «Dutturi», womit er die vom Vater geforderte Promotion nach zwanzig vertrödelten Gastsemestern doch noch erlangt hat. Das absurde Figurenkabinett besteht ferner aus dem besten Freund Isidor Quassi, einem gescheiterten Schauspieler und Dummschwätzer, aus der grauen Eminenz und Vorzimmerdame des Vaters, die von allen nur «die Gute» genannt wird, ferner dem einstigen Mannequin Cala, die nun in ihrem Wohnwagen einen Puff betreibt, in dem sämtliche Lehrlinge der Fabrik ihre Initiation erlebt haben, und vielen anderen Originalen mehr. Die exaltierte Kunsthändlerin Ellen Ypsi-Feuz erweist sich als Heinrichs vor Jahren für tot erklärte Mutter, ja die Camouflage geht so weit, dass selbst sie ihn nicht als ihren Sohn erkennt und er sie nicht als seine Mutter. Und da wundert man sich als Leser dann auch kaum noch, als der Lederstiefel tragender Kater ganz am Ende nicht nur mit ihm spricht, sondern waghalsig rasant das Auto fährt, – wohin, bleibt offen.

Als «einfache, uralte Geschichte vom verlorenen Sohn» hat Thomas Hürlimann seinen irrlichternden Roman bezeichnet. Auf der Grenze zwischen Leben und Tod balancierend schildert er eine in konzentrischen Kreisen verlaufende Recherche Heinrichs, seine Suche nach sich selbst. Diese existentiellen Elemente einer grotesken Gradwanderung zwischen Phantasie und Realität werden konterkariert durch den mit derben Zoten und slapstickartigen Gags klischeehaft angereicherten Plot, dessen äußerst vielseitige Symbolik und üppige Intertextualität deutlich zu dick aufgetragen ist. Hier wird derart überbordend fabuliert, wird parodistisch ein literarisches Feuerwerk an Pointen und schrägen Szenen abgebrannt, dass die ebenfalls vorhandene, gedankliche Tiefe dabei völlig verloren geht, – schade eigentlich!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Peter Holtz

Mit ungutem Beigeschmack

Glück und Wende sind die Themen in Ingo Schulzes Schelmenroman «Peter Holtz», der seine Leserschaft mindestens ebenso polarisiert hat wie die zwei deutschen Staaten, die sich einst ideologisch unversöhnlich gegenüberstanden. Darf man das viele Leid, welches der Unrechtsstaat DDR über sein Volk gebracht hat, – nicht nur die Mauertoten, sondern auch die unsäglichen Repressionen Millionen Andersdenkenden gegenüber, denen oft ja unwiderruflich der Lebensweg zerstört wurde -, darf man all das unterbügeln, darf man darüber nassforsch aus der Perspektive eines Schelms erzählen?

Mit dem Untertitel «Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst» ist schon einiges gesagt, der Aufstieg des Waisenkindes beginnt mit seiner Adoption, und weil sein Berufsziel, der freiwillige Eintritt in die NVA, kläglich scheitert, wird Peter Holtz Maurer. Bald schon bekommt er ein Haus geschenkt, die viel zu niedrigen, staatlich festgelegten Mieten, der marode Zustand und der Mangel an Baumaterial lassen das eigene Haus für viele zur lästigen Bürde werden, zu unerwünschtem Eigentum, das man aber zu unterhalten verpflichtet ist. Peter saniert voller Tatendrang in Eigenregie, kauft weitere Häuser hinzu, finanziert das alles durch sein illegales, privates Trabbi-Taxi, mit dem er am Staat vorbei das benötigte Geld verdient. Eigentlich ja ein Sündenfall des ansonsten linientreuen DDR-Bürgers, der naiv und kritiklos die idealistischen Parolen der Parteibonzen wörtlich nimmt und sie in endlosen Disputen gegen Kritik geschickt verteidigt. Mit seiner Hinwendung zum Christentum, – ideologisch für ihn «ein zweites Standbein» -, und dem Eintritt in die Ost-CDU beginnt seine politische Karriere, fortan sind Kommunismus und Christentum für ihn zwei Seiten einer Medaille. Nach einem Autounfall fällt er ins Koma und wacht erst nach dem Mauerfall wieder auf. Durch seine diversen Häuser ist er nun quasi über Nacht zum Millionär geworden, sie sind plötzlich sehr viel wert. Von einem Immobilienhai zur Ideologie des Eigentums bekehrt, interpretiert er Kapitalismus allerdings auf eigene Weise. Geschickt vermehrt er zwar sein Geld, ohne dabei aber seine Idee einer wahrhaftig kommunistischen Gesellschaft aus den Augen zu verlieren, in die der Kapitalismus zwangsläufig irgendwann einmünden würde. Da ist Geld dann überflüssig, weil durch gerechte Verteilung der gemeinsam erwirtschafteten Güter die legitimen Bedürfnisse des Volkes für alle zufriedenstellend erfüllt werden können. Folgerichtig geht er mit gutem Beispiel voran und beginnt, sein für das Wohlergehen der Menschen unnötiges Geld öffentlich unter der Weltuhr am Alexanderplatz in Berlin zu verbrennen, Tausenderschein für Tausenderschein.

Die Sterntaler haben dem armen Mädchen bei den Brüdern Grimm letztendlich kein Glück gebracht, der naive Peter Holtz erlebt das Gleiche. Der den Zeitraum von 1974 bis 1998 abdeckende Schelmenroman klammert durch die Perspektive eines DDR-indoktrinierten Holzkopfes, eines Narren mit einem dicken Brett vor dem Kopf, parabelartig die bittere Realität völlig aus, wobei die Geschichte auch noch, – um beim Kalauern zu bleiben -, holzschnittartig erzählt wird in einer geradezu simplen Diktion. Die ausufernden und irgendwann ziemlich langweilig werdenden ideologischen Reflexionen werden zumeist in Dialogform vorgebracht, ohne aber eine tiefer reichende, überzeugende politische Wahrheit abbilden zu können, wobei dann auch noch der penetrante Oberlehrerduktus des kapitalismuskritischen Autors gewaltig stört.

Gleichwohl ist «Peter Holtz» ein amüsanter, lesenswerter Roman, der eigene Gedanken des Lesers anstößt und auf jüngere sogar Horizont erweiternd wirken dürfte. Dieser moderne Narr ist in seinem Feldzug gegen das Geld ebenso unbeirrbar wie sein literarisches Vorbild Don Quijote. Solcherart Harmlosigkeit aber täuscht leider völlig über die Tücke des DDR-Regimes hinweg, was dem in pikaresker Tradition Erzählten leider einen unguten Beigeschmack verleiht.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag