Wut

Gründlich daneben gelungen

Als letzter der bisher vier Romane des Journalisten und Schriftstellers Harald Martenstein ist 2021 mit «Wut» ein Werk erschienen, dass nach Bekundung des Autors «keine Biografie und keine Reportage» sei. Er hat aber hinzugefügt. «Ein Anderer als ich konnte ihn nicht schreiben, denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen, eigne mir dieses an, verwerfe jenes, erfinde dazu und vergesse. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet». Durch diese Einlassung hat der Autor, ein wenig «um die Ecke argumentiernd», autobiografische Bezüge dieses Romans explizit ja gerade «nicht» in Frage gestellt.

«Ich bin in der Wohnung meiner Mutter, morgen kommen Möbelpacker. Sie ist jetzt im Heim und versteht nicht mehr, was um sie herum geschieht». Der Ich-Erzähler Frank, ein Mann in mittleren Jahren, berichtet im kursiv gesetzten Prolog zu diesem Roman von seiner Mutter, die er immer nur Maria nennt, und beschreibt dann im ersten Kapitel unter der Überschrift «Maria» zunächst, wie es zu der beiderseits wutgeladenen Mutter/Sohn-Beziehung gekommen ist. Er schildert Maria als hin und her gerissen zwischen Liebe und Hass, bei ihr konnten Küsse und Liebkosungen blitzschnell umschlagen in wilde Ausbrüche mit heftiger Prügelstrafe. Frank vermutet, seine Mutter habe als Kind selbst kaum Liebe empfangen, denn die Großmutter war erst achtzehn Jahre alt, als sie selbst schon Mutter wurde – und damit dann prompt auch restlos überfordert war. Insoweit kann Frank seine eigene Mutter zwar verstehen, aber ihr liebloses und teilweise grausames Verhalten ihm als Sohn gegenüber entschuldigen kann er trotzdem nicht.

Marias eigenes Leben war von ihrem unbeherrschten, aufbrausenden Temperament geprägt, das sie oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Sie war aber ausgesprochen intelligent und hätte vieles erreichen können in ihrem Leben. Stattdessen brach sie das Gymnasium vor dem Abitur ab und heiratete schon bald. Nach vielen damals ja noch illegalen Schwangerschafts-Abbrüchen, die jeweils ihr Schwiegervater als Tierarzt durchgeführt hat, kam schließlich Frank zu Welt. Er war es, der sie daran hinderte, frei zu sein und zu leben wie sie wollte, er hatte Schuld, dass ihr Leben endgültig verpfuscht war. Frank macht sie nun seinerseits verantwortlich für seine emotionalen Defizite, er sieht sich selbst als ein unheilvoll Getriebener und entwickelt ebenfalls eine ungute innere Wurt auf seine Mutter. «Maria sagte immer, dass ich alles ihr verdanke, dass ich nur ihre Kreatur bin, mein Talent, mein Geld, der Erfolg, alles ihr Erbe, ihre harte Schule, und in gewisser Weise hat sie damit recht. Ich verdanke ihr alles, was ich bin, im Guten und Schlechten». Wobei Frank ständig an seiner Fähigkeit zur Erinnerung zweifelt und damit Vieles gleich wieder in Abrede stellt, was er bei seinen Grübeleien herausgefunden zu haben glaubt.

Der in den 50er und 60er Jahren angesiedelte Plot des Romans weist einiges an Spannung auf, was die vielen unvorhersehbaren Wendungen im emotionalen Verarbeitungsprozess des Ich-Erzählers anbelangt. Der erweist sich damit, nebenbei gesagt, in jeder Hinsicht auch als ein typischer Vertreter des «unzuverlässigen Erzählers», was erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, um diesen narrativen Kniff zu durchschauen. Wenig überzeugend, ja enttäuschend geradezu ist letztendlich aber der Schluss des Romans, der einiges nachträglich ungeschehen macht und damit für die Deutung des Gelesenen kaum noch konkrete Anhaltspunkte übrig lässt. Man könnte als Botschaft allenfalls mitnehmen, dass nicht alles, was uns als Menschen ausmacht, jeweils auch auf die familiäre Herkunft zurückgeführt werden kann, – eigentlich ja eine Binsenweisheit! Die psychologischen Tiefenschürfungen zum Thema «Wut», denen hier nur die Hoffnung entgegensteht, führen leider zu keinem plausiblen Fazit. Entgegen der mutmaßlichen Intention des Autors steht lediglich fest, dass diese Abrechnung eines psychisch geschädigten Sohnes nicht nur von seiner wutgetriebenen Mutter geprägt ist, sondern auch von der Gesellschaft. Nicht nur deshalb ist dieser Roman leider «gründlich daneben gelungen»!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
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Kleiner Regen

Fanal des Lebens

Der dritte Roman des amerikanischen Schriftstellers Garth Greenwell mit dem Titel «Kleiner Regen» handelt von den Erfahrungen eines plötzlich schwer erkrankten Mannes in mittleren Jahren. Der namenlose Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, ein Literaturdozent und Lyriker (sic!), wird eines Tages völlig überraschend von starken Schmerzen befallen. Er glaubt an eine Vergiftung, eine schwere Magenverstimmung eventuell, und hofft, dass sich dieses Problem von selber lösen wird, er war ja sein Lebtag lang kerngesund und körperlich fit, – das wird sich schon wieder geben, glaubt er.

Als Homosexueller lebt er mit seinem langjährigen Lebenspartner L. zusammen. der früher mal sein Professor war während des Studiums. Der ist nun sehr besorgt und will ihn sofort ins Krankenhaus bringen, was der Ich-Erzähler aber entschieden ablehnt: Nicht nötig, das geht bald von alleine wieder weg! Ein Irrtum, wie sich herausstellt, ein nach ein paar Tagen endlich herbeigerufener Arzt schickt ihn ungehend in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses. Aus «Kleinem Regen», von dem der Titel euphemistisch spricht, ist nun gesundheitlich doch ein schwereres Unwetter geworden. Diese Geschichte spielt in der Zeit der gerade ausgebrochenen Corona-Pandemie, die Krankenhäuser sind hoffnungslos überlastet. Als er nach langen Wartezeiten in der Ambulanz endlich von einem Arzt untersucht wird, können der und auch seine Kollegen sich keinen Reim auf die Herkunft seiner Schmerzen machen. Die gängigen körperlichen Ursachen sind diagnostisch ausgeschlossen, man steht vor einem Rätsel und schickt ihn zum CT und zu weiteren Untersuchungen in die Universitäts-Klinik. Dort landet er schon bald auf der Intensiv-Station, wo man schließlich herausfindet, was seine Schmerzen auslöst, – in seiner Aorta hat sich ein Riss gebildet!

In den langen Tagen und Nächten sinniert er nun, an Schläuchen und Kabeln zur Überwachung und Steuerung der Medikamenten-Zufuhr angeschlossen, darüber nach, was mit seinem Körper da gerade passiert. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wann er nach Hause zurückkehren kann in sein gewohntes Alltagsleben, die aber kann ihm niemand wirklich beantworten. Er denkt an seine Beziehung mit L. und den leichtsinnigen Erwerb eines alten Hauses, dessen Sanierung völlig unvorhersehbar Unsummen verschlugen hat. Wer schon mal selbst im Krankenhaus lag, und das vielleicht sogar über längere Zeit, der wird in der präzisen Schilderung der Abläufe dort und in den Erfahrungen mit dem Klinikpersonal vom Chefarzt bis zu Putzfrau vieles wieder erkennen. Wobei anzumerken ist, dass die epische Breite, in der dieser Teil der Geschichte geschildert wird, durch viele Wiederholungen mit der Zeit doch etwas langweilig wird und das Medizinische in allen Details hier denn doch entschieden zu breit ausgewalzt wird. Zumal man als Laie ja auch vieles gar nicht verstehen kann!

Natürlich geht es auch um berechtigte Todesangst in diesem Roman, und das kapitalismus-geprägte Gesundheits-System Amerikas wird zu Recht als äußerst unsozial an den Pranger gestellt. Andererseits wird in diesem flüssig zu lesenden Roman aber auch die heilende Kraft der Kunst gefeiert, die hier ihren Ausdruck in der Literatur und auch in der Musik findet. Die ständigen Grübeleien des Patienten weiten sich immer mehr auf sein bisheriges Leben aus, auf Momente des Glücks und auf weniger gute Zeiten mit handfesten Problemen und finanziellen Engpässen. Ein netter Pfleger erweist sich überraschend als musikaffin wie er und spielt ihm spontan auf seinem Smartphone klassische Musik vor, die er besonders gerne hört und die denn auch dem Musikgeschmack seines begeisterten Patienten voll entspricht. Der Autor lotet mit den Rückbesinnungen des Patienten auf wichtige Stationen seines Lebens geschickt die Grenzen menschlicher Existenz aus. Somit stellt dieser ohne Pathos erzählte Roman eines medizinischen Notfalls letztendlich auch ein Fanal der Schönheit des Lebens dar, die einem ja oftmals erst in einer derartigen Extremsituation wirklich bewusst wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Was nicht gesagt werden kann

Sprachlose Männlichkeit

Der mit dem Booker-Prize 2025 prämierte Roman «Was nicht gesagt werden kann» von David Szalay «konzentriert sich auf einen Mann aus der Arbeiterklasse, der normalerweise nicht viel Beachtung findet», hat die Jury erklärt, und hinzugefügt, er «lädt uns ein, hinter die Fassade zu blicken». Das durchweg positive Echo in den Feuilletons bestätigt denn auch eindrucksvoll die einstimmig erfolgte Preisvergabe, sie hätten «noch nie etwas Vergleichbares gelesen», so die britischen Juroren. Und das, obwohl es auch einige wenige Einwände gibt zu diesem eigenwilligen Entwicklungs-Roman, der quer durch alle sozialen Schichten führt und in mancherlei Hinsicht sogar als machohaftes Aufstiegs-Märchen bezeichnet werden muss.

Als Protagonist der auktorial und durchweg im Präsens erzählten Geschichte verkörpert István einen innerlich verarmten Mann, der mit seiner Mutter im typischen Plattenbau-Viertel einer ungarischen Stadt lebt. Dort ist der schüchterne 15Jährige völlig isoliert, bis ihn eine ältere Frau aus dem Hause bittet, ihm beim Hochtragen ihrer Einkäufe in den vierten Stock zu helfen. Als sie ihn irgendwann fragt, ob sie ihn küssen darf, stimmt er perplex zu, und bald darauf landet er, auf ihre Initiative hin, im Bett mit der verheirateten Mitbewohnerin. Bei einem Gerangel mit ihrem Mann stößt István ihn die Treppe herunter und wird wegen Todschlag zu drei Jahren Jugend-Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung meldet er sich für fünf Jahre zum Militär und kommt im Irakkrieg zum Einsatz. Danach geht er nach London und findet eine Stellung als Türsteher in einem Club. Dort wird er von einem Mann angesprochen, der ihm eine Ausbildung als Personenschützer anbietet. Später engagiert ihn dann ein älterer Milliardär als Bodyguard und Chauffeur. Dessen selbstbewusste, junge Frau Helen macht ihm schon bald Avancen, und prompt wird sie seine Geliebte. Nach dem Tod ihres Mannes stellt sich dann heraus, dass er Thomas, ihren gemeinsamen Sohn, als Alleinerben eingesetzt hat. Bis zu seinem 25ten Lebensjahr soll das Erbe aber noch treuhändlerisch von der Mutter verwaltet werden. Helen heiratet István und bekommt ein Kind von ihm. Beide leben in Saus und Braus, weil er finanzielle Transaktionen mit dem von Helen verwalteten Geldvermögen tätigen kann und dabei üppig verdient. Bei einer Feier kommt es zu Eklat mit Thomas, weil der von diesen finanziellen Aktivitäten mit seinem Geld erfahren hat und sich von seiner Mutter und István bestohlen fühlt.

Die auch in dramatischen Szenen nüchterne und unverkennbar machoartige Erzählweise von David Szalay ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass er sehr detailliert schildert, wie sich das äußere Leben seines Protagonisten entwickelt. Gleichzeitig aber schweigt er sich beharrlich darüber aus, was denn innerlich in seinen Figuren vorgeht. István lässt immer alles ambitionslos auf sich zukommen, er lässt alles nur geschehen, ohne je wirklich die Initiative zu ergreifen. Und auch was den Sex angeht, so sind es immer die Frauen, die ihm Avancen machen, die den ersten Schritt tun. Er ist dann oft total erstaunt und im Übrigen auch nicht wählerisch. Jugend und Schönheit sind keine entscheidenden Kriterien für ihn, er lässt sich gerne ins Bett ziehen, aber um eine Frau zu werben käme ihm nicht in den Sinn. Seine eigenen Gefühle bleiben ihm fremd, selbst die zu Helen, die er ja geheiratet hat, – oder wurde er etwa geheiratet?

Obwohl emotionale Nähe zu dem verstockten Protagonisten nicht aufkommen will, bleibt man als Leser doch sehr nah dran an der Figur. Zu dieser Nähe tragen insbesondere die das Geschehen prägenden, köstlichen Dialoge bei. Sie werden oft stakkatoartig geführt, wobei «Okay» das von ihm meistverwendete Wort ist, und auf Fragen folgt fast immer erstmal eine wörtliche Wiederholung der Frage, so als hätte er sie nicht verstanden. Dieser auf das Nötigste reduzierte Erzählstil macht keinerlei Unterschied zwischen Banalem und Dramatischem, alles ist gleichermaßen wert, erzählt zu werden. Nach tragischem Niedergang und Rückkehr nach Ungarn beerdigt István dort seine Mutter, und der letzte Satz lautet lapidar: «Danach lebt er allein»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
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Die Ausweichschule

Ein Roman ohne Verleger

Der Schriftsteller Kaleb Erdmann hat mit «Die Ausweichschule» einen Roman über das Schreiben eines Romans geschrieben, der gerade erst in die Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Der Autor thematisiert in diesem Metaroman seine Recherchen zum Amoklauf von Erfurt am 26. April 2002, bei dem ein 19jähiger, ehemaliger Schüler des städtischen Gutenberg-Gymnasiums sechzehn Menschen und anschließend sich selbst erschossen hat. Der damals elfjährige Autor Kaleb Erdmann hat den Amoklauf miterlebt, ohne allerdings mit dem Täter konfrontiert gewesen zu sein oder bei seiner Flucht aus dem Schulgebäude eines der Opfer gesehen zu haben. Es war der letzte Tag der Abiturprüfungen dieses Jahres, dem zwanzigminütigen Massaker fielen elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und ein Polizist zum Opfer. Es dauerte eineinhalb Stunden, bis die Polizei den Täter endlich im Gebäude tot auffand. Das Gymnasium wurde sofort geschlossen, umgebaut und renoviert, der Unterricht in eine «Ausweichschule» verlegt. Alle Betroffenen erhielten für lange Zeit eine intensive psychologische Betreuung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen für derartige Katastrophenfälle.

Zwanzig Jahre später holen die unverarbeiteten Ereignisse von damals den inzwischen als Schriftsteller tätigen Ich-Erzähler eines noch zu schreibenden Romans völlig unerwartet wieder ein. Er beginnt mit intensiven Recherchen, die im Wesentlichen den Handlungsfaden des vorliegenden Romans bilden. Sie sind für ihn stets auch verbunden mit Fragen nach dem Sinn seines Tuns und Zweifeln über dessen Folgen. Die dürften, mit all den späten Erinnerungen, auch die unbewältigten Traumata aller, nicht nur der unmittelbar Betroffenen, hervorrufen, wenn nun die alten Wunden wieder aufgerissen werden. Es geht ihm aber eher ganz allgemein um spezielle Fragen wie die nach den Vorbedingungen solcher Gewaltexzesse, nach ihren unmittelbaren Folgen, möglichen Erkenntnissen und Konsequenzen, und natürlich auch um die Spätfolgen und die mentalen Schäden, die dauerhaft zurückbleiben. Denn der Ich-Erzähler selbst hat zwar, wie es im Buch heißt, «keinen Mord und kein Blut gesehen», er ist seit damals aber traumatisiert und angstgestört. Ihn treibt ständig die Frage um, wie man über eine derartige Gewalttat denn überhaupt schreiben könne.

Zunächst zieht er dazu das 2004 erschienene und kontrovers diskutierte Buch von Ines Geipel heran, das sich unter dem Titel «Für heute reicht’s» dokumentarisch mit dem Amoklauf von Erfurt befasst. Darin wirf sie den Sicherheitskräften Versagen vor und den Rettungskräften unprofessionelles Handeln. Dem widerspricht die von der Landesregierung eingesetzte «Gasser-Kommission» in ihrer ausführlichen Dokumentation vehement, es habe allenfalls Mängel bei der Kommunikation während des Einsatzes gegeben, die jedoch folgenlos geblieben seien. Sie widerspricht auch der Darstellung von Ines Geipel, die als Ego-Shooter bezeichneten Ballerspiele am Computer seien Schuld an der unfassbaren Verrohung des jugendlichen Täters gewesen. Schließlich nimmt der Ich-Erzähler auch noch Kontakt zu einem im Roman nur als «Dramatiker» benannten, schreibenden Kollegen auf, der gerade ein Bühnenstück über den Fall verfasst. Sie treffen mehrmals zusammen und tauschen sich auch telefonisch lebhaft aus über ihr jeweiliges literarisches Projekt.

Man kann den geschilderten Schreibprozess des Ich-Erzählers als Reise in das eigene Ich deuten, wobei ja eine besondere Schwierigkeit darin besteht, nicht in Voyeurismus abzugleiten, bloß nicht die Sucht nach Horror-Darstellungen zu bedienen, was hier auch überzeugend gelungen ist. In der interessanten Rahmenhandlung mit dem Schreibprozess geht es durchaus auch ironisch zu, wobei die Figur des Ich-Erzählers in seiner Schusseligkeit und Fress- und Saufsucht allerdings wenig sympathisch wirkt. Letztendlich feiert dann das Bühnenstück des «Dramatikers» seine Premiere, während der Roman, dessen Entstehen man mitverfolgen konnte, ironischer Weise keinen Verleger findet!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
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Es gilt das gesprochenen Wort

Wahrhaftig und ungeniert schnodderig

Den Anstoß zu seinem Debütroman «Es gilt das gesprochene Wort» bekam der Film-Regisseur Sönke Wortmann bei einem Friseurbesuch in Prag. Der schwatzhafte Figaro zog ihn mit der Frage, woher er denn komme, in ein Gespräch hinein und antwortete auf die Gegenfrage zu seiner eigenen Herkunft mit ‹Tunesien›. Im Roman führt dieses Gespräch Franz-Josef Klenke, der Redenschreiber des deutschen Außenministers, der zu einem Arbeitsbesuch nach Prag gekommen ist und zu dessen Delegation Klenke gehört. Ein Tunesier, der in Prag lebt und arbeitet, sei außergewöhnlich wegen der restriktiven Immigrations-Politik östlicher EU-Staaten, – und schon hatte Wortmann sein Thema gefunden, wie er berichtete.

Der Autor erzählt in seinem gut recherchierten, informativen Roman von einer Reise des deutschen Außenministers nach Tunesien, deren Höhepunkt die Unterzeichnung eines neuen Migrations-Abkommens bildet. Zur Entourage des Ministers gehört neben dem Rhetoriker Klenke auch der in der Botschaft arbeitende Diplomat Schröder, der sich in einer fatalen Lebenskrise befindet. Nicht nur, dass er sich bei der Beförderung übergangen fühlt, auch seine Ehe ist gescheitert, seine Frau reist mit den Kindern in ihre chilenische Heimat zurück. Und was Migration anbelangt, so hat sich Cornelius von Schröder mit der Zeit im Internet einigen Schwachsinn angelesen und auch zueigen gemacht. Der Autor nutzt die privaten Diskussionen des radikalisierten Querdenkers mit seinen Kollegen zu köstlichen Seitenhieben auf die Verschwörungs-Theoretiker aller Couleur. Besonders in dem Disput über 9/11 wird deutlich, wie anfällig die ewig Unzufriedenen für hanebüchene Umdeutungen der Fakten sind, deren offensichtlichen Blödsinn sie dann mit religiösem Eifer verteidigen. Und dazu gehört eben auch die durch den Islam eifrig betriebene ‹Umvolkung› Europas, die dann ja immer wieder gewaltbereite Radikale auf den Plan ruft. Die im Buchtitel angesprochene Kunst der Rede konterkariert der Autor elegant durch die Figur der Freundin von Klenke. Maria nämlich leidet an selektivem Mutimus, einem oft mit Depressionen verbundenen, psychogenen Schweigen, selbst ihrem Freund gegenüber kann sie sich anfangs nur schriftlich äußern.

Der Autor schickt seiner Geschichte einen informativen Prolog voraus, in dem er in launigen Worten vom ‹Prager Fenstersturz› berichtet. Es ist erstaunlich, wie es dem Autor gelingt, die großen Themen der aktuellen Politik, mit immer neuen, unterhaltsamen Szenen angereichert, in seine auf ein dramatisches Ende hinsteuernde Geschichte einzubauen. Dazu gehört beispielsweise die strapaziöse, mehrtägige Tour von drei deutschen Angehörigen des diplomatischen Dienstes auf Kamelen durch die Sahara, Sandsturm inklusive, oder ganz zum Schluss dann der erste Flug von Maria, der in böse Turbulenzen gerät und unabsehbare Folgen zeitigt.

Der Verrohung der Sprache in einem unkontrollierten Internet, die zu abstrusen Fehlinterpretationen unbedarfter User führt, steht in diesem Roman die Diplomatie mit ihren ausgefeilten Wortgebilden gegenüber. Es ist der ironische Blick nicht nur hinter die Kulissen des Auswärtigen Dienstes, sondern auch der gesamten politischen Kaste, der dieses Buch zu einer bereichernden Lektüre macht. Und es sind die vielen eingestreuten politischen Begebenheiten samt aller wohltuend kritischen, oft sarkastischen Kommentare, durch die der Roman auf eine sehr amüsante Weise unterhält. Ein Diplomat sei jemand, heißt es da beispielsweise an einer Stelle, der ‹ja› sagt, wenn er ‹vielleicht› meint, und ‹vielleicht› sagt, wenn er ‹nein› meint, und wenn er ‹nein› sagt, – dann ist er gar kein Diplomat! Dicht am aktuellen Zeitgeschehen entlang wird hier mit leichter Hand von der Macht der Worte erzählt, ohne dass damit philosophisch oder politisch Tiefsinniges verbreitet werden soll. Ein Pageturner also, den man ungern aus der Hand legt, weil er die Realität so wahrhaftig und ungeniert schnodderig beschreibt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Serpentinen

Der Schwarze Gott

Mit seinem neuen Roman «Serpentinen» hat der Schriftsteller Bov Bjerg eine düstere Thematik aufgegriffen, es geht um scheinbar schicksalhaft von Generation zu Generation weitervererbte Depressionen, die im Suizid enden. Kein Wohlfühlroman also, sondern eine bedrückende Schilderung des verzweifelten Versuchs eines Vaters, der unheilvollen familiären Prägung durch einen intensiven Prozess des Erinnerns zu entgehen und damit auch seinen Sohn aus dieser vermeintlichen Teufelsspirale zu befreien.

Der Ich-Erzähler Höppner ist ein auf Statistik spezialisierter, hoch angesehener Soziologie-Professor aus Berlin, der mit der deutlich jüngeren Rechtsanwältin M verheiratet ist und mit ihr einen namenlos bleibenden, siebenjährigen Sohn hat. In seiner Familie haben die väterlichen Ahnen allesamt Suizid begangen. «Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Pioniere zu Wasser, zu Land und in der Luft» heißt es im Roman. Er leidet selbst unter schweren Depressionen, hat seine Therapie aber als nutzlos abgebrochen. Stattdessen reist er mit seinem Sohn nun auf die Schwäbische Alb, zu den Schauplätzen seiner Kindheit. Diese Reise in die Vergangenheit, deren Sinn «der Junge», in der Geschichte ebenso unpersönlich wie die Mutter benannt, einfach nicht begreift. «Um was geht es?» lautet denn auch seine häufig wiederholte Frage. Was für Höppner als Rettungsanker aus seiner Psychose dienen soll, um diese fatale Schicksalskette zu durchbrechen, ist für den Sohn als so gar nicht kindgerechte Reise eher eine Zumutung, die er jedoch geduldig erträgt.

Bei Churchill und Chaplin, prominente Leidensgenossen des Ich Erzählers, der ‹schwarze Hund› genannt, das anfallartige Auftreten schwerer Depressionen nämlich, wird hier im Roman als «Schwarzer Gott» bezeichnet. Die Autotour mit dem Sohn soll dazu dienen, sich von diesem Familienfluch zu befreien, seine dadurch geweckten Erinnerungen sind jedoch eher dazu geeignet, ihn herunter zu ziehen als aufzurichten. Es kommt so weit, dass er völlig verzweifelt nach abrahamschem Vorbild sogar zur Opferung seines Sohnes bereit ist, ihn mit einem Kissen ersticken will. In 45 manchmal nur aus wenigen Zeilen bestehenden Kapiteln berichtet Bov Bjerg anekdotisch von vielen prägenden und zumeist unerfreulichen Ereignissen im Leben Höppners. Dabei wird oft unvermittelt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her gependelt, der Buchtitel scheint sich damit eher auf den kurvenreichen Plot zu beziehen als auf die psychischen Verwerfungen bei der verzweifelten Identitätssuche, über die da berichtet wird. «Diese Scheißwut der Scheißväter, gegen sich, gegen alle. Die Kinder mussten für die Kindheit ihrer Väter büßen. Ich war auch nur ein Scheißvater» sinniert der selbstzweiflerische Ich-Erzähler in seinem permanenten Lebensschmerz. Seine ergebnislosen Grübeleien münden in den Satz: «Als ob ein Suizid das Ergebnis einer logischen Operation wäre», man kann ihn als Beweis für das ständige Ringen des Erzählers mit den Dämonen deuten, die ihn im Traum heimsuchen.

Die schonungslose Offenheit, mit der hier eine Familientragödie beschrieben wird, offenbart auf eindrucksvolle Weise die Bodenlosigkeit einer tückischen Psychose, die zur Obsession des Ich-Erzählers geworden ist und all sein Denken bestimmt. All das wird jedoch stilistisch unterkühlt in einer sperrigen Prosa ziemlich schleppend erzählt. Man muss sich als Leser besonders am Anfang geradezu quälen, um irgendwie hinein zu kommen in diese von weitgehender Emotionslosigkeit dominierte, melancholische Geschichte. Als beste Momente beim Lesen erweisen sich die giftigen Kommentare über die Nazivergangenheit des Vaters sowie die vehementen Ausfälle gegen eine zeitgenössische, akademische Bourgeoisie, die sich zum Stehempfang trifft und der Höppner als Professor ebenfalls angehört. Wenn da nur nicht immer auch der Schwarze Gott im Hintergrund lauern würde, den er mit viel Alkohol vergebens zu bekämpfen sucht, – wie schon seine Väter!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Hunger

Weitab von der Spitzweg-Idylle

In seinem 1890 erschienenen Debütroman «Hunger» hat der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun eigene Erfahrungen als Arbeitsloser aus dem Jahre 1886 verarbeitet. «Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist…» heißt es im ersten Satz dieses berühmten Romans, den viele Kritiker für sein bestes Werk halten. Der 1920 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Autor gilt mit seinem ersten Roman als ein bedeutender Wegbereiter der neuen Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms, er hat viele prominente Kollegen entscheidend beeinflusst damit.

Ich-Erzähler ist ein junger Schriftsteller, der hungernd und frierend durch Kristiania streunt, dem heutigen Oslo, das sich, im Zeitalter der industriellen Revolution, im Wandel befindet. Nur selten gelingt es ihm, einen Artikel in einer Zeitung unterzubringen für ein Salär, von dem er gerade mal einige wenige Tage sehr bescheiden leben kann. Es gelingt ihm auch nicht, irgendeine noch so gering bezahlte Arbeit zu finden, er scheitert immer wieder geradezu schicksalhaft. Außer dem, was er auf dem Leibe trägt, seiner abgerissenen, fadenscheinigen Kleidung, sowie Papier und Bleistift für seine Artikel, besitzt er nichts. Meist ist er obdachlos, weil er die Miete auch für die primitivsten Schlafplätze nicht aufbringen kann, die selbst mitzubringende Schlafdecke hat er von einem Freund geliehen. Er streift hungergequält durch die Stadt, um irgendwie Geld aufzutreiben. Sein Stolz lässt es aber nicht zu, betteln zu gehen, und auch vor der Polizei hat er große Angst, nachdem er einmal als zerlumpter Obdachloser aufgegriffen wurde und eine Nacht in der Zelle verbringen musste. Immer wieder begegnet er Leuten, die er kennt, die er anpumpen kann, aber ganz selten bekommt er dann mal ein paar Kronen. Als er eine junge Frau trifft, endet auch diese kurze Episode ohne Fortune.

Diese handlungsarme Geschichte vom äußersten Rand der Gesellschaft wird ohne Pathos oder soziale Anklage nüchtern und sachlich erzählt, überwiegend als nicht abreißender Gedankenstrom. Sie zeichnet das Zerrbild einer fremden, unmenschlichen Welt, die sich für den dahinvegetierenden Protagonisten als Labyrinth erweist, in dem er auf der Suche nach dem Ich orientierungslos herumirrt. In die Zuschauerrolle gedrängt, erscheint er aus der Zeit gefallen, ein hoffungsloser Phantast und ewiger Fabulierer, der den Anschluss verloren hat, ein menschlicher Typus, wie ihn nur die anbrechende moderne Zeit hervorzubringen vermag. Er ist ein Intellektueller am Rande des Wahnsinns, der von Ängsten geplagt körperlich und seelisch immer mehr verfällt, gefangen in einem Strudel aus Hoffnung, Zweifel und Scham. Aufmerksam und sensibel beobachtend kreisen seine Gedanken, gesteuert vom puren Selbsterhaltungstrieb, unablässig um die nackte Existenz, um Essen und Obdach.

Es ist die äußerst realistische, ans Kannibalische grenzende Darstellung des Hungers, die hier zutiefst beklemmend und mit bitterer Komik erzählt wird. So wenn der verzweifelte Held um Knochen für den Hund bittet, die er dann selber abnagt, oder wenn er aus lauter Verzweiflung Holzspäne kaut, um seinen leeren Magen zu täuschen, wenn er schließlich sogar einen Stein in den Mund nimmt, um mit Kaubewegungen dem malträtierten Körper etwas vorzutäuschen. Im ständigen inneren Dialog mit sich selbst ergeht er sich in Befürchtungen, Selbstzweifeln, Wahnvorstellungen und wilden Assoziationen, ein traumatisches Chaos an Gedanken, denen eine abweisende, kalte Stadt als brutale Realität gegenüber steht. Der Leser erfährt nichts von der Vorgeschichte dieses Mannes, es gibt keine Rückblenden, Knut Hamsun erzählt nur von dessen ausweglos scheinender Not weitab von jedweder Spitzweg-Idylle, beendet seine Geschichte aber immerhin mit einem Hoffnungsschimmer. Eine literarisch hochstehende, anspruchsvolle Lektüre mithin, die alles kann, – nur nicht angenehm unterhalten!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Und Marx stand still in Darwins Garten

Evolution und Revolution

Was Kehlmann mit seiner Doppelbiografie von Gauß und Humboldt recht war, kann Ilona Jerger mit Darwin und Marx nur billig sein, ihr Debütroman «Und Marx stand still in Darwins Garten» baut ebenfalls auf einer fiktiven Begegnung zweier berühmter Männer auf, die sich in Wahrheit nie begegnet sind. Wobei die Herren hier nicht nur zur gleichen Zeit gelebt haben, sondern auch noch dicht beieinander im Großraum London wohnten. Wie die Namen schon anzeigen, geht es hier thematisch also um Evolution und Revolution, stehen sich die Naturwissenschaft mit ihrer materialistischen Weltsicht und die Philosophie in Form einer ökonomisch determinierten, soziologischen Theorie von der nur revolutionär zu überwindenden Verelendung der Massen gegenüber. Während Darwins naturgesetzliche These heftig mit der Religion kollidiert, prallen bei Marx unversöhnlich politische Gegensätze aufeinander.

Was wäre gewesen, wenn diese beiden Wissenschaftler aufeinandergetroffen wären? Ilona Jerger beginnt mit einem Traum, in dem Charles Darwin als «Kaplan des Teufels» einen Überfall von klerikalen Eiferern erlebt, die sein Haus verwüsten und die Erstausgabe seines Werks «Über die Entstehung der Arten» verbrennen. Man schreibt das Jahr 1881, Darwin ist 72 Jahre alt und von Krankheit gezeichnet. Gleichwohl arbeitet er täglich an allerlei Studien, mit denen er der Natur experimentell ihre Geheimnisse zu entlocken sucht. Er lebt im Wohlstand, ist mit einer Erbin der Wedgwood-Dynastie verheiratet, seine Bücher werden auf der ganzen Welt gelesen. Nur in den Adelsstand wurde er nicht erhoben, erhielt dann aber immerhin ein Staatsbegräbnis mit Beisetzung in der Westminster Abbey. Anders Karl Marx, «der Jude aus Trier», wie das Kapitel betitelt ist, in dem er in den Blickpunkt rückt, er lebt zu dieser Zeit, bespitzelt von preußischen Spionen, als Exilant unter bedrückenden Verhältnissen in London und ist ständig auf die Unterstützung seines wohlhabenden Freundes und Mentors Friedrich Engels angewiesen. Als Autor ist er nicht sonderlich erfolgreich, von seinem Standardwerk «Das Kapital» ist bisher nur der erste Band erschienen, an den zwei Folgebänden arbeitet er seit Jahren, sie wurden schließlich posthum von Engels fertig gestellt.

Ilona Jerger baut als Bindeglied zwischen ihren Protagonisten einen erfolgreichen Arzt mit ein, der die beiden alten Männer behandelt und mit ihnen viel über ihre Forschungsarbeiten spricht. Seiner Absicht aber, sie irgendwann einmal zusammen zu bringen, kommt ein glühender Vertreter der Evolutionstheorie zuvor, ein Freidenker, der dringend um ein Treffen mit Darwin nachsucht und bittet, auch seinen Schwiegervater mitbringen zu dürfen. Unter dem Titel «Tischgebet mit Ungläubigen» kommt es am 8. Oktober 1881 zu dem fiktiven Dinner, bei dem sich der avisierte Schwiegervater als Karl Marx herausstellt. Darwins frömmelnde Frau Emma hat als Beistand für die zu erwartenden Dispute auch den Dorfpfarrer hinzugebeten.

Diese vom Leser mit Spannung erwartete Schlüsselszene enthält zwar die verschiedenen Argumentationen, arbeitet aber weder den atheistischen Kernsatz «Religion ist Opium für das Volk» von Marx noch das «Gott ist tot» des Evolutionsbiologen stimmig heraus. Hier hatte ich funkelnde Wortgefechte erwartet statt eines zerfasernden, eher lauen Wortgeplänkels. Dafür thematisiert die Autorin in epischer Breite die Gebrechen der beiden alten Männer, lesen wir seitenlang von Flatulenz und anderem physischen Ungemach statt vom blühenden Unsinn der Genesis. Interessantestes Kapitel in diesem historischen Roman war stattdessen für mich die Rückblende auf die fünfjährige Weltreise des jungen Darwin mit dem Vermessungsschiff »Beagle», und zweifellos sind auch andere biografischen Schilderungen bereichernd. Aber das, was den Leser neugierig macht schon vom Titel her, das hat mich narrativ denn doch ziemlich enttäuscht. Die gute Idee allein macht noch keinen guten Roman!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Die Känguru-Chroniken

Marc-Uwe Klings »Känguru-Chroniken« waren ursprünglich Beiträge für den Podcast eines Berliner Radiosenders. Zusammengefasst lesen sich die Texte wie ein urkomischer Episodenroman voller geistreicher Gedanken, Bonmots sowie satirischer Gegenwartskritik. Die Texte leben von einem spielerisch leichten Umgang mit Worten und Bezügen und bescheren viel Spaß beim Lesen.

Marc-Uwe Kling, in eigenen Worten ein braunhaariger, mittelgroßer, feingliedriger junger Kleinkünstler, der aber nicht Kleinkünstler genannt werden möchte, bekommt eines Tages Besuch von seinem neuen Nachbarn, einem Känguru. Dies geht keiner geregelten Arbeit nach und erklärt auf Befragen kurz »Ich bin Kommunist! Was dagegen?«

Das Beuteltier zieht ohne großes Federlesen bei dem jungen Mann ein und benutzt ihn als persönlichen Assistenten, der es nährt. Wenn Marc sich beschwert, er müsse immer zahlen, weil sein Mitbewohner nie Geld mitnimmt, lächelt das Känguru nur.

So entsteht eine Wohngemeinschaft, in der es bald philosophisch tiefgründig einhergeht. Dabei wird neben Problemen, ob die Essenz des Hegelschen Gesamtwerkes in eine SMS gepackt oder das Liegen in einer Hängematte schon passiver Widerstand genannt werden kann, stets die Frage aller Fragen leidenschaftlich diskutiert, welcher Schauspieler besser sei – Bud Spencer oder Terence Hill.

Selbstverständlich arbeitet das Känguru auch an einem eigenen Manuskript unter dem Titel »Opportunismus und Repression«, aus dem es gern zitiert. Vielversprechend klingt schon der erste Satz: »Die Philosophen haben das Geld nur verschiedenen interpretiert; es kommt aber darauf an, es zu verplempern.«

Leider hat das Beuteltier noch keinen Verlag gefunden, der »den Ansprüchen des Manuskriptes genügt«. Das liegt nach seiner Auffassung allein daran, dass die Hälfte der Verlage sehr unangenehmen internationalen Großkonzernen gehört. »Und das ist der bessere Teil. Der Rest gehört Springer«.

Das nach Schnapspralinen, Schnitzelbrötchen und Eierkuchen mit Hackfleisch gierende Känguru bestimmt bald das Leben des Chronisten und macht ihm sein Leben nicht immer leicht.

Zu Auseinandersetzungen kommt es aber erst, als ein Pinguin in die ehemalige Wohnung des Kängurus zieht. Denn dieser Herr verkörpert das genaue Gegenteil zum anarchistischen Känguru: Er geht einer geregelten Arbeit als Vertreter für Tiefkühlkost nach, hört andere Musik und zieht Teewurst Schnapspralinen vor. Für das Känguru verkörpert er die kapitalistische Weltordnung, ist also in der Erzählung eine Art Antagonist.

Marc-Uwe Kling singt Lieder und erzählt Geschichten. Sein Geschäftsmodell ist es, kapitalismuskritische Bücher zu schreiben, die sich total gut verkaufen. Seine Känguru-Geschichten wurden 2010 mit dem Deutschen Radiopreis und 2013 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Foto: Ullstein/Sven Hagolani

Ein schöner Kunstgriff ist, den Lektor des Werkes zu Wort kommen zu lassen. Er will Kling überreden, mehr Liebesgeschichten und Fantasy zu schreiben. Außerdem bevorzugt er das Känguru, weil beide gern »World of Warcraft« spielen. Er bringt das Beuteltier auf die Idee, dass der Pinguin wohl einen »kapitalistischen Weltverschlechterungsplan« durchführen will.

Beim Aufbau eines »Asozialen Netzwerkes« stoßen Kling und sein Känguru auf neue absonderliche Gestalten, die verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen und politische Richtungen repräsentieren. Dabei kommt die Gesellschaftskritik immer ein wenig oberflächlich daher und tut niemandem weh. Im Vordergrund stehen Nonsens und Absurditäten.

Wer die britische Komikertruppe Monty Python mag und über die beiden Comic-Helden Calvin und Hobbes schmunzeln kann, der wird mit den »Känguru-Chroniken« bestens bedient. Denn die Känguru-Chroniken bieten Lesevergnügen pur.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Ullstein Berlin

Selbstbild mit russischem Klavier

Elegischer Musikerroman

Wolf Wondratschek, erfolgreicher Lyriker und Enfant terrible der deutschen Literaturszene, hat mit seinem neuen Roman «Selbstbild mit russischem Klavier» eine Hommage an die Musik vorgelegt, wie sie eindrücklicher kaum je geschrieben wurde. Sein Image als Störenfried rührt einerseits her von seiner radikalen Opposition herkömmlicher Literatur gegenüber, andererseits von seiner teilweise praktizierten Abkehr von der gängigen Vermarktung mittels Verlagen. Manche seiner Gedichte nämlich, aber auch den kompletten Roman «Selbstbildnis mit Ratte» von 2014, hat er als Manuskripte an Sammler verkauft, sie befinden sich als nicht zur Veröffentlichung bestimmt in Privatbesitz, nur die Eigentümer können sie lesen. Seinen Kultstatus hatte Wondratschek schon mit seinem Debüt von 1969 erworben, einem Prosaband mit dem originellen Titel «Früher begann der Tag mit einer Schusswunde». Wie man sieht ein kämpferischer Autor!

So ganz anders mutet da der vorliegende neue Roman an, der, wie es sich für einen Literaten gehört, in einem Wiener Kaffeehaus angesiedelt ist. Dort trifft der namenlos bleibende Poet und Ich-Erzähler zufällig einen alten russischen Pianisten namens Suvorin, dessen einst glanzvolle Karriere längst beendet ist. Was der verwitwete greise Mann zu erzählen hat aus seinem bewegten Leben in der Welt der Musik, das gleicht einem künstlerischen Testament und fasziniert den Schriftsteller zunehmend, er hört ihm gebannt zu. Immer wieder treffen sich die Beiden am gleichen Ort, das «La Gondola» ist ihr Stammlokal geworden. Außer von sich selbst erzählt Suvorin von bekannten Musikern, denen er begegnet ist, eine längere Passage ist dem Cellisten Heinrich Schiff gewidmet, aber man begegnet auch der Pianistin Elisabeth Leonskaja. Suvorin macht in seiner Innensicht aus der Welt der Musik zum Beispiel feinsinnig auf den kleinen Unterschied zwischen Klavierspieler und Pianist aufmerksam, und über wichtige Komponisten der Klaviermusik äußert er sich apodiktisch: «Ich kann mir keinen Pianisten vorstellen, der Bach aufgibt. Er gehört zur Hygiene unseres Berufs, also unverzichtbar. Das ist wie Zähneputzen. Es ist Gymnastik für die Ohren».

Der Roman ist unübersehbar autofiktional, mit Heinrich Schiff zum Beispiel war Wolf Wondratschek selbst eng befreundet, vieles, was wir da lesen, ist real. Über die üppige Bibliothek des unduldsamen Cellisten, die massenhafte Ansammlung von Büchern überall in dessen Wohnung, lässt er seinen, im Roman mit Schiff ebenfalls befreundeten Protagonisten sagen: «Den Letzten, den er aus der Wohnung geschmissen hat, war einer, der wissen wollte, ob er sie alle gelesen hat. Ein Dummkopf.» Und setzt noch hinzu: «Es gibt nirgendwo so viele Dummköpfe wie unter den Liebhabern der Musik». Dazu passt auch der Abscheu seines Helden vor Applaus, für Suvorin ist ein Konzert wie eine Messe, und in der Kirche werde ja auch nicht geklatscht. Neben solchen Reflexionen über die Musik findet man in dieser kontemplativen Prosa auch viele Gedanken über Liebe, über die Zumutungen des Alterns, den Verlust der Würde des Kranken, über das Sterben und den Tod.

All das ist zweifellos recht informativ, auch wenn man sehr aufmerksam sein muss beim Lesen. Denn nicht immer gelingt es in diesem monologischen Text, den Ich-Erzähler vom erzählenden Pianisten und diesen wiederum von Heinrich Schiff zu unterscheiden. Das «Ich» bleibt jedenfalls meistens nebulös bei den vielen, unvermittelten Perspektivwechseln, die es zu bewältigen gilt, wozu das Fehlen von Anführungszeichen dann ergänzend noch eine weitere, nicht unwesentliche Hürde aufbaut. Dieser elegische Musikerroman ist ebenso bereichernd wie unterhaltend, obwohl er weitgehend ohne einen Plot auskommt, auf den diese Bezeichnung wirklich zutreffen würde. Es wird also ein findiger, mitdenkender Leser vorausgesetzt bei der meist geistreichen Plauderei im Kaffeehaus, die sich stilistisch übrigens in auffallend kurzen Sätzen artikuliert, leicht lesbar mithin.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Phantome

Titos Erben

Mit den ethnisch-religiösen Säuberungen im Verlauf des unsäglichen Jugoslawienkriegs hat sich der österreichische Schriftsteller Robert Prosser an ein Thema gewagt, das literarisch bisher kaum beachtet wurde. «Phantome» lautet der kryptische Titel seines Romans. Es sind jedoch keine Trugbilder, die da thematisiert werden, sondern die inzwischen fast vergessenen Gräuel eines so in Europa nicht mehr für möglich gehaltenen Gemetzels unter den Balkanvölkern. Die dadurch ausgelöste Flüchtlingswelle findet in der aktuellen Flüchtlingsproblematik ihr Pendant, dieser Roman passt mit seiner Thematik als Mahnzeichen also bestens in unsere Gegenwart. Wird er seinem Thema auch narrativ gerecht, ist nach der Longlist-Platzierung 2017 die Frage.

Der dreiteilig aufgebaute Roman erzählt im ersten Teil von einem namenlos bleibenden, jungen Wiener Graffitisprayer, der 2015 bei seinen gewagten nächtlichen Streifzügen durch die U-Bahnschächte den Kick sucht, den begehrten Adrenalinstoß. «Das Wabern im Hirn bewirkt einen zusätzlichen Kick, wenn man einen Wholetrain und pro Waggon einen Buchstaben malt, und zugleich beklagen sie sich über nachlassendes Gedächtnis und löchrigen Wortschatz. Man pumpt Nächte mit Energie voll, damit sie wie eine Piñata zerplatzen, derweil weichen die Farben das Denken auf. Warum tut man sich das an?» Der in nervigem Szene-Jargon erzählte Selbstfindungstrip des unbedarften Ich-Erzählers kontrastieren mit den beklemmenden Eindrücken, die er dann bei einem Besuch mit seiner Freundin Sara in Bosnien-Herzegowina hat, als sie dort nach Spuren ihrer Mutter Anisa suchen und dabei mit dem Schicksal der vielen Kriegsflüchtlinge konfrontiert werden.

Der Hauptteil handelt in zwei ständig wechselnden Erzählsträngen von den Erlebnissen Anisas und ihres Freundes Jovan im Jahre 1992. Deren Liebesgeschichte ist durch die grausamen kriegerischen Ereignisse und dem verheerende Kollateralschaden in ihrer Folge von kurzer Dauer und endet mit der Flucht Anisas nach Wien. Prosser schildert die bis heute nicht wirklich aufgearbeiteten Verbrechen während dieser de facto gesetzlosen Zeit mit scharfem Blick in einer präzise beschreibenden, glasklaren Sprache. Bei all den Gräueln stockt dem Leser häufig der Atem, unsäglich ist das Leiden der zwischen den verschiedenen Fronten stehenden, schutzlosen Zivilisten. Eine derartige Barbarei mitten in Europa kann man sich heute fast gar nicht mehr vorstellen, – sie liegt aber doch erst eine Generation zurück, gerade mal 25 Jahre! Während die bosnische Kroatin Anisa in einem Flüchtlingslager in Wien lebt, muss Jovan als bosnischer Serbe gegen seine Willen auf der anderen Seite kämpfen. Im letzten Teil berichtet Jovan als Ich-Erzähler im Jahre 2015 aus dem Gefängnis in Wien, wobei er immer wieder in Rückblicken auf seine Kriegserlebnisse in Bosnien zurückkommt. Eine unheilvolle Melange aus Angst, Verrat, Denunziation und religiöser Verblendung führte dazu, dass aus bisher guten Freunden und Nachbarn plötzlich erbitterte Feinde wurden. Ja, der Wahnsinn ging so weit, dass im Ausland arbeitende bosnische Flüchtlinge am Wochenende in die Kriegsgebiete fuhren, um dort auf ihrer jeweiligen Seite mitzukämpfen und dann am Montag wieder pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen, – möglicherweise friedlich vereint neben einem Kollegen, der auf der Gegenseite gekämpft hat.

Der Autor hat in dem völlig überflüssigen ersten Teil eigene Erfahrungen als Sprayer eingebracht, die nicht relevant sind für den reportageartigen Plot, und es scheint so, als wollte er auch haarklein all das im Text unterbringen, was er in Bosnien drei Jahre lang recherchiert hat. Der schwer zu lesende, sprunghaft erzählte Roman hat mich nicht überzeugt, die vielen Figuren rufen keinerlei Empathie hervor, der Hauptteil beginnt schon bald zu nerven mit seiner überbordenden Detailfülle, und als Leser bleibt man allein mit all den Gräueln, Prosser enthält sich jedweden Kommentars darüber, was Titos Erben angerichtet haben.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Schneemann

Jo Nesbø zählt zu den bekanntesten Krimiautoren Norwegens. Die Krimis des 1960 geborenen Musikers und Autor stehen auch international auf den vordersten Plätze der Bestsellerlisten. »Schneemann« ist einer seiner Welterfolge, der von Hollywood nach Ansicht vieler Kritiker trotz der ausgezeichneten Romanvorlage missglückt verfilmt wurde. Weiterlesen


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Ullstein Berlin

Bonjour Tristesse

9783550081385_coverMit 18 Jahren veröffentlichte die Autorin die Erzählung “Bonjour, tristesse”, die auch heute, 50 Jahre später, für das Selbstbestimmungsrecht der Frau steht. Das Klima in den 50ern war gezeichnet von einer Gesellschaft, die die Frauen hasste, schreibt Sibylle Berg in ihrem lesenswerten Nachwort zu vorliegender Neuübersetzung. Obwohl Frauen zwei Drittel der Gesellschaft ausmachten, mussten Frauen die Erlaubnis des Ehemannes einholen, um arbeiten gehen zu dürfen, und dann auch nur als „Dazuverdienerin“. Emotional, passiv und sozial sollten sie sein, die Männer dafür leistungsorientiert, durchsetzungsfähig und aktiv, so Berg. Sagans Protagonistin, Cécile, war in diesem gesellschaftlichen Klima „ein progressiv-feministischer Beitrag zu einem Wandel des Frauenbildes“. „Bonjour tristesse ist eine Reminiszenz an eine Zeit des Aufbruchs“, schreibt Berg, „als man von einer besseren Zukunft träumte“.

Vom Pochen des eigenen Blutes

Ausgehend von einem Gedicht Paul Éluards mit demselben Titel, beschreibt die junge, 18-jährige Protagonistin Cécile das Leben mit ihrem Vater Raymond. Sie beschreibt die „Tristesse“ als über die Wehmut und das Bedauern, die Reue hinausgehendes Gefühl, das sie umschließe wie Seide, „zermürbend und weich, und mich trennt von den anderen“. Ähnlich wie ihr Vater erlebt auch Cécile unterschiedliche Liebesabenteuer, als sie ihre Lust erstmals entdeckt: „Bis heute weiß ich nicht, ob sich hinter dieser Lust an der Eroberung ein Übermaß an Vitalität verbirgt, oder ob es das Verlangen ist, Einfluss auszuüben, oder aber das verstohlene, uneingestandene Bedürfnis nach Selbstbestätigung, nach Bestärkung“, denkt sich Cécile über ihre Abenteuer und Sagan beschreibt ihr Leben mit wunderbaren sprachlichen Bildern. Da sind einmal „die Sandkörner zwischen meiner haut und meiner Bluse“, die sie vor dem „zärtlichen Ansturm des Schlafes“ schützten oder das Herz ihres Liebhabers Cyril, „das im Takt der Wellen schlug, die sich auf dem Sand brachen (…) ich hörte das Meeresrauschen nicht mehr, aber in meinen Ohren das schnelle, fortgesetzte Pochen meine eigenen Blutes“.

Bonjour, tristesse: Intrige und Lust

Im zweiten Teil des Romans verändert sich die Konstellation, denn ihr Vater will heiraten und Cécile fühlt sich von der neuen verdrängt und so spinnt sie ihre Intrige mit einer alten Liebhaberin ihres Vaters, um wieder zu ihrem Recht, die einzige für Raymond zu sein, zu können. Denn alle Liebhaberinnen ihres Vaters waren bisher vorübergehend, nur sie, Cécile, blieb immer bei ihm. Plötzlich ahnt Cécile „diesen ganzen herrlichen Mechanismus der menschlichen Reflexe, diese Macht des Wortes“, sie ahnt sie im Moment der Intrige und sieht darin – auch wenn sie diese Erfahrung auf dem Weg der Lüge machen musste – ihre eigene Zukunft: „Eines Tages würde ich jemanden leidenschaftlich lieben, und ich würde auf diese (Hervorhebung JW) Weise einen Weg zu ihm suchen, behutsam, mit Zartheit und zitternder Hand…“. Ein Manifest der Intrige als letzte Waffe der Frau zu ihrem Recht zu kommen? Heutige Feministinnen wären mit Francoise Sagans Romandebüt wohl weniger zufrieden, denn alle Frauen kreisen immer um Raymond. Auch Cécile. Aber damals begann mit diesem Roman die Befreiung. So die Legende.

Francoise Sagan
Bonjour Tristesse
Aus dem Französischen übersetzt von Rainer Moritz
Mit einem Nachwort von Sibylle Berg
Ullstein Verlag, Internationale Literatur Literarische Wiederentdeckung
Hardcover mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN-13 9783550081385


Genre: Erfahrungen, Erinnerungen, Frauenliteratur, Liebesroman, Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Bonjour tristesse

sagan-1Eine Stilistin der Einsamkeit

Aus dem umfangreichen Œuvre der französischen Bestseller-Autorin Françoise Sagan ragt der Roman «Bonjour tristesse» besonders hervor. Ihr Erstling von 1954, den sie als siebzehnjährige Studentin in nur sieben Wochen geschrieben hat, ist nicht nur ihr erfolgreichstes, der Roman ist auch ihr bekanntestes Werk. In einer «Le Monde» Umfrage von 1999 nach dem besten Buch des Jahrhunderts liegt es auf Platz 41 der Bücher, die den 17.000 beteiligten Lesern im Gedächtnis haften geblieben sind. Man glaubt es kaum, dass dieser vielfach ausgezeichnete, millionenfach verkaufte, in viele Sprachen übersetzte und 1958 von Otto Preminger verfilmte Roman damals wegen seiner Unmoral heftiger Kritik ausgesetzt war, er verstieß gegen die drögen Moralvorstellungen konservativer Kreise in diesem katholisch geprägten Land.

«Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit». Der erste Satz enthält auch hier, wenn man Edgar Allan Poe folgt, schon die Quintessenz der erzählten Geschichte. Dem sorglosen Leben der 17jährigen Cécile, die mit ihrem Vater und dessen junger Gespielin Elsa unbeschwerte Sommerferien an der Cote d’Azur verbringt, droht ein jähes Ende, als plötzlich Anne auftaucht, eine Freundin der vor fünfzehn Jahren verstorbenen Mutter, die erfolgreich ihren Vater bezirzt. Spontane Heiratspläne der beiden Vierzigjährigen verändern schlagartig das bisherige dolce far niente, entfremden sie ihrem eine neue Ehe bisher strikt ablehnendem Vater, beenden auch abrupt das vertrauensvoll kumpelhafte Einverständnis zwischen ihnen, – Cécile ist unendlich traurig.

Aber sie ersinnt eine List, um die drohende Eheschließung  zu verhindern, wobei die schmählich abservierte Elsa und der von Anne aus dem Haus verbannte, deutlich ältere Jurastudent Cyril, Céciles erste Liebe, bei dem sie gleich auch ihre Jungfräulichkeit verliert, die entscheidende Rolle übernehmen. Sie geben sich nämlich als verliebtes Paar aus, um Eifersucht und den Jagdinstinkt des casanovagleichen Vaters zu wecken. Der Frauenheld fällt auch prompt darauf herein und löst damit ungewollt ein dramatisches Finale aus. In Paris dann scheint das unbeschwerte Leben von Vater und Tochter weiterzugehen, alles ist wie früher, wären da nicht die nächtlichen Erinnerungen an diesen Sommer, bei denen etwas in Cécile aufsteigt, wie es im letzten Satz heißt, «das ich mit geschlossenen Augen empfange und bei seinem Namen nenne: Traurigkeit – komm, Traurigkeit». Ihr schlechtes Gewissen wird sie nun wohl ihr Leben lang begleiten, – vergleichbar perfide ist übrigens der intrigante jugendliche Held im deutlich amüsanteren Roman «Lob der Stiefmutter» von Mario Vargas Llosa mit gleicher Thematik.

Es ist die federleichte Sprache, in der diese melancholische Geschichte erzählt wird, aus einer fast noch kindlich naiven Perspektive der völligen Sorglosigkeit heraus, die ich besonders beeindruckend fand. Das Einfühlungsvermögen der Autorin in ihre damals gleichaltrige Protagonistin ist jedenfalls erstaunlich. Françoise Sagan zeichnet in kurzen Sätzen mit einfachen Worten, darin Hemingway ähnelnd, treffsicher ein psychologisch glaubwürdiges Bild ihrer sympathischen Romanfigur, deren entwaffnende Naivität ihre rücksichtslos egoistischen Ziele derart übertüncht, dass man ihr alles verzeiht als Leser. Der existentialistische Roman ist Ausdruck eines Lebensgefühls, welches die als «Stilistin der Einsamkeit» apostrophierte Schriftstellerin wie kein anderer mehrfach in ihren Werken beschrieben hat. Ihre von keinen Geldsorgen geplagten Figuren gehören der «armen, abgestumpften Rasse der Genussmenschen» an, wie es im Roman heißt, die damals, anders als in der Spaßgesellschaft unserer Tage, noch nicht derart dominant war. Insoweit ist «Bonjour tristesse» auch das Zeitzeugnis einer vergangenen Epoche, der schmale Band gehört ohne Zweifel zu den immer noch lesenswerten Klassikern der Weltliteratur.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Ortswechsel

lodge-1Effekthascherische Trivialität

«Ein satirischer Roman» steht unübersehbar auf dem knallbunten Buchumschlag. Man ist also vorgewarnt und bereits auf Lustiges einstimmt, wenn man «Ortswechsel» von David Lodge zur Hand nimmt, 1975 erschienen, erster Teil einer später erweiterten Romanreihe des englischen Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers. Es handelt sich um einen typischen Campusroman, dessen Protagonisten zwei Literaturprofessoren sind, die in einem englisch-amerikanischen Kooperationsprogramm ihre Arbeitsplätze tauschen, – und nicht nur das, wie das Cover schon andeutet.

«Hoch über dem Nordpol kamen am ersten Tage des Jahres 1969 zwei Professoren für englische Literatur in einer Gesamtgeschwindigkeit von 1200 Meilen pro Stunde einander näher». Die beiden vierzigjährigen Männer, beide in der Midlife-Crisis, absolvieren aus ganz unterschiedlichen Motiven ein Austauschsemester an der jeweiligen Partneruniversität und lassen für ein halbes Jahr Frau und Kinder daheim zurück. Philip Swallow kommt von der englischen Universität in Rummidge, ein camoufliertes Birmingham, Morris Zapp kommt von der Euphoric State an der Westküste der USA, für das Berkeley Pate stand, englische Provinz also und sonnig-hedonistischer, kalifornischer Campus. Was folgt ist ein «Clash of Civilizations» der moderaten Art, zu unterschiedlich sind doch die akademischen Systeme in den beiden angelsächsischen Staaten. Allein diese universitäre Andersartigkeit liefert schon reichlich Stoff für heiter ironische Beschreibungen des gegenseitigen Nichtverstehens. Lehrpläne, Prüfungen, Besoldungssysteme weichen ebenso voneinander ab wie Wohnverhältnisse, Familienleben, Essgewohnheiten, vom Klima ganz zu schweigen. Nur was die Sexualität anbelangt, – von Liebe ist im Roman übrigens keine Rede -, scheinen die Unterschiede nicht allzu groß zu sein. In Kalifornien allerdings sind die knackigen Studentinnen, – potentielle Beute der beiden Strohwitwer -, in dieser Hinsicht deutlich lockerer als ihre englischen Pendants. Gemeinsam sind beiden Hochschulen die aufflackernden studentischen Unruhen als Folge der 68er-Bewegung, die von Europa aus in die USA herüber geschwappt ist und nun den Campusbetrieb an den Unis lahm zu legen droht.

Als «Fundgrube für narrative Einfälle» hat David Lodge im Nachwort seine Idee von der erzählerischen Symmetrie bezeichnet, bei der alle Ereignisse des zweisträngig erzählten Plots sich im jeweils anderen Handlungsstrang spiegeln. Die Erzählform seines in sechs Kapitel gliederten Romans habe er in drei Kapiteln variiert, «um den Leser wach zuhalten», wie er schreibt. Er wechselt dabei vom konventionellen Erzählen zum Stil des Briefromans, es folgt ein Kapitel mit Notizen und Verlautbarungen im Zeitungsjargon, das Schlusskapitel schließlich mit seinem offenen Ende ist in Form eines Drehbuchs geschrieben. Sprachlich schlicht und leicht lesbar, wird diese Geschichte, zielsicher vorwärts drängend, flott erzählt, wozu neben jeder Menge Situationskomik auch die schlagfertigen, oft verblüffenden Dialoge der stimmig beschriebenen Figuren einiges beitragen.

Der kreative Plot mit üppiger Intertextualität strotzt nur so von köstlichen Seitenhieben auf die literarischen Fakultäten und auf versponnene Wissenschaftler, die wie Philips Frau die Frage nach ihrem Arbeitsgebiet mit «klassizistische Schäferidyllen» beantworten, oder die, wie Morris, ihre gesamte Forschungsarbeit unbeirrt Jane Austen widmen, nichts anderem. Ein solcher «satirischer» Roman, und das ist nun allerdings sein Problem, lebt davon, spielerisch möglichst viele Klischees zu seiner Thematik zu bedienen, um entsprechende Aha-Effekte beim Leser auszulösen, also lieb gewonnene Vorurteile zu bestätigen, Erwartetes zu liefern, nichts Ungewohntes, Neues, Widersprüchliches – oder gar Nachdenkliches. Wer platten Witz sucht wird hier fündig, schwarzen englischen Humor allerdings, subtil und intelligent, sucht man vergebens in diesem effekthascherischen Trivialroman.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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