Gründlich daneben gelungen
Als letzter der bisher vier Romane des Journalisten und Schriftstellers Harald Martenstein ist 2021 mit «Wut» ein Werk erschienen, dass nach Bekundung des Autors «keine Biografie und keine Reportage» sei. Er hat aber hinzugefügt. «Ein Anderer als ich konnte ihn nicht schreiben, denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen, eigne mir dieses an, verwerfe jenes, erfinde dazu und vergesse. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet». Durch diese Einlassung hat der Autor, ein wenig «um die Ecke argumentiernd», autobiografische Bezüge dieses Romans explizit ja gerade «nicht» in Frage gestellt.
«Ich bin in der Wohnung meiner Mutter, morgen kommen Möbelpacker. Sie ist jetzt im Heim und versteht nicht mehr, was um sie herum geschieht». Der Ich-Erzähler Frank, ein Mann in mittleren Jahren, berichtet im kursiv gesetzten Prolog zu diesem Roman von seiner Mutter, die er immer nur Maria nennt, und beschreibt dann im ersten Kapitel unter der Überschrift «Maria» zunächst, wie es zu der beiderseits wutgeladenen Mutter/Sohn-Beziehung gekommen ist. Er schildert Maria als hin und her gerissen zwischen Liebe und Hass, bei ihr konnten Küsse und Liebkosungen blitzschnell umschlagen in wilde Ausbrüche mit heftiger Prügelstrafe. Frank vermutet, seine Mutter habe als Kind selbst kaum Liebe empfangen, denn die Großmutter war erst achtzehn Jahre alt, als sie selbst schon Mutter wurde – und damit dann prompt auch restlos überfordert war. Insoweit kann Frank seine eigene Mutter zwar verstehen, aber ihr liebloses und teilweise grausames Verhalten ihm als Sohn gegenüber entschuldigen kann er trotzdem nicht.
Marias eigenes Leben war von ihrem unbeherrschten, aufbrausenden Temperament geprägt, das sie oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Sie war aber ausgesprochen intelligent und hätte vieles erreichen können in ihrem Leben. Stattdessen brach sie das Gymnasium vor dem Abitur ab und heiratete schon bald. Nach vielen damals ja noch illegalen Schwangerschafts-Abbrüchen, die jeweils ihr Schwiegervater als Tierarzt durchgeführt hat, kam schließlich Frank zu Welt. Er war es, der sie daran hinderte, frei zu sein und zu leben wie sie wollte, er hatte Schuld, dass ihr Leben endgültig verpfuscht war. Frank macht sie nun seinerseits verantwortlich für seine emotionalen Defizite, er sieht sich selbst als ein unheilvoll Getriebener und entwickelt ebenfalls eine ungute innere Wurt auf seine Mutter. «Maria sagte immer, dass ich alles ihr verdanke, dass ich nur ihre Kreatur bin, mein Talent, mein Geld, der Erfolg, alles ihr Erbe, ihre harte Schule, und in gewisser Weise hat sie damit recht. Ich verdanke ihr alles, was ich bin, im Guten und Schlechten». Wobei Frank ständig an seiner Fähigkeit zur Erinnerung zweifelt und damit Vieles gleich wieder in Abrede stellt, was er bei seinen Grübeleien herausgefunden zu haben glaubt.
Der in den 50er und 60er Jahren angesiedelte Plot des Romans weist einiges an Spannung auf, was die vielen unvorhersehbaren Wendungen im emotionalen Verarbeitungsprozess des Ich-Erzählers anbelangt. Der erweist sich damit, nebenbei gesagt, in jeder Hinsicht auch als ein typischer Vertreter des «unzuverlässigen Erzählers», was erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, um diesen narrativen Kniff zu durchschauen. Wenig überzeugend, ja enttäuschend geradezu ist letztendlich aber der Schluss des Romans, der einiges nachträglich ungeschehen macht und damit für die Deutung des Gelesenen kaum noch konkrete Anhaltspunkte übrig lässt. Man könnte als Botschaft allenfalls mitnehmen, dass nicht alles, was uns als Menschen ausmacht, jeweils auch auf die familiäre Herkunft zurückgeführt werden kann, – eigentlich ja eine Binsenweisheit! Die psychologischen Tiefenschürfungen zum Thema «Wut», denen hier nur die Hoffnung entgegensteht, führen leider zu keinem plausiblen Fazit. Entgegen der mutmaßlichen Intention des Autors steht lediglich fest, dass diese Abrechnung eines psychisch geschädigten Sohnes nicht nur von seiner wutgetriebenen Mutter geprägt ist, sondern auch von der Gesellschaft. Nicht nur deshalb ist dieser Roman leider «gründlich daneben gelungen»!
Fazit: miserabel
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