Identitti

Die erste Überraschung war, dass das Buch auf Deutsch geschrieben ist, mit vielen originellen Einschüben auf Englisch. Die Romanheldin Niveditha Anand ist in Essen aufgewachsen und studiert nun in Düsseldorf an der Heinrich Heine Universität „postcolonial studies“, bei Saraswati, einer indischen Professorin, ein TV-Promi, die von ihr angehimmelt wird. Die Sympathie wird erwidert, Niveditha fühlt sich endlich angenommen und verstanden. Als Tochter eines indischen Mathematikstudienrates und einer polnischen Sozialarbeiterin, die zwar in Deutschland aufgewachsen ist, war ihr das bisher nicht in den Schoß gefallen, zu oft fühlte sie sich fremd hier.

Sie lebt mit dem Smartphone in der Hand, denn sie hat einen Blog, Identitty, wo sie gerne Dinge postet, die sie bei Saraswati gelernt hat. Außerdem wird sie immer und überall begleitet von Kali, einer Göttin mit vielen Armen, die ihr Alter Ego ist, aber auch gerne mal den inneren Schweinehund gibt. Dann meldet sich noch die Kusine Prity, deren Eltern auch aus Indien kommen, die aber in England aufgewachsen ist, inzwischen studiert sie auch bei Saraswasti. Aber eigentlich glaubt sie bei jedem Ton ihres Smartphones, dass sich Simon zurückmeldet. Er hat sie nun schon zum dritten Mal verlassen. Als der Skandal losgeht, ist sie froh, dass sie Simon wenigstens für eine gewisse Zeit vergessen kann.

Der Skandal findet statt, nachdem sie vom Deutschlandfunk interviewt wird, natürlich zu Saraswati. Die Moderatorin fragt sie als Erstes, wo sie herkommt, und sie, die diese übliche Frage hasst, straft sie, indem sie sagt: „ich lebe im Internet“. Dann erklärt sie, was „Weißsein“ bei Saraswati bedeutet, und dass „jeder ernst zu nehmende Intellektuelle einen Shitstorm überstanden haben“ muss.

Und der kommt: Saraswati ist eine Deutsche aus Karlsruhe, die ihre Farbe gewechselt hat, mit verschiedenen Eingriffen, eine Op der Augenlider ist dabei und Sprachunterricht. Die Studenten fühlen sich betrogen, Niveditha eigentlich auch, aber sie steht zu Saraswati, erstmal will sie sie verstehen und zieht bei ihr ein, Prity kommt nach, denn in der gemeinsamen WG werden sie nun als Verräterinnen an der Schwarzen Sache gedisst. Es gibt sogar eine Demo, organisiert von Oluchi, die auch in der WG wohnt. Sie ist besonders entrüstet über Saraswatis Betrug. Obwohl, oder vielleicht gerade, weil sie eigentlich mal Nivedithas Freundin war (und auch mal was mit Simon hatte!), ist sie besonders scharfzüngig in ihren Blogbeiträgen, wo sie als Zadie@Outside Sisters auftritt. (Zadie von Zadie Smith und Outside Sisters ist eine Sammlung von feministischen Essays von Audrie Lorde.)

Im Internet sagen alle möglichen Menschen, viele von ihnen real-existierende Internet-Promis, Journalisten, Soziologen, Feministinnen, PoCs ihre Meinung dazu, etwa: Wenn man seine geschlechtliche Identität selbst bestimmen kann, warum nicht auch die Rasse?

Und das ist die zweite Überraschung, für mich als alte weiße Frau, dass viele der Beiträge in der Tat von mir bisher unbekannten Internet-Promis sind, im Nachwort klärt die Autorin darüber auf, wie viele sie angeschrieben hatte, die dann an diesem Buch mit ihrem Klarnamen beteiligt wurden.

Was ist so besonders an Saraswati? Sie kann zu allem, was angesprochen wird, etwas Schlaues sagen. Und sie hat immer das letzte Wort. Während wir viel über indische Mythologie lernen, etwa, dass Kali bei Bedarf auch das Geschlecht wechseln kann, gibt sich Saraswati eher als weiblichen Jesus, nimmt das Opfer der Schwarzwerdung auf sich, um den mühseligen und beladenen PoC Mut zu machen. So kann Narzissmus auch aussehen. Sie tut das, um ihre Schützlinge, „zum Leuchten zu bringen“, und es hat funktioniert, nicht nur bei Niveditha.

Nebenbei gibt es viel zu erfahren über die Geschichte des Rassismus, etwa wie unterschiedlich er sich in den USA oder Europa zeigt. Dazu ein Beispiel: Obama war kein Schwarzer, weil nur Sklaven Schwarz sein können, sein Vater aber Kenianer war. In der DNA seiner Mutter fand man dann einige Prozente Sklavenanteil, von einem John Paul, der im 17. Jahrhundert lebte. Und wir lernen, dass Rasse anders ist als race, und Rasse ein Konstrukt.

Dann habe ich beim Googeln einige dieser mir bisher unbekannten Menschen kennengelernt, weiß nun mehr über die heutigen Feministinnen, sie gaben mir wichtige Denkanstöße, allen voran die Autorin, Mithu Sanyal, der ich gerne zusehe beim Reden, da sie so schön eindringlich mit Händen und Armen spricht. Vor diesem Roman hatte sie Sachbücher zu den Themen Vulva und Vergewaltigung geschrieben.

Dies alles lerne ich als Alte zusammen mit den jungen Frauen, die Saraswati an den Lippen hängen, fühle mich woke und bin gefesselt von der Situationskomik und den überraschenden Dialogen.

Und wozu taugen Männer? Da wäre Nivedithas Vater, der nicht nachvollziehen konnte, wie sie sich vom alltäglichen Rassismus gekränkt fühlte, das sei „Sonnenscheinrassismus“ im Gegensatz zu dem, was er erlebt hatte. Von Typen wie Simon hält frau schon mal gar nichts, und dann ist da noch Saraswatis großer Bruder, der aber schwer zu verstehen ist.

Wozu auch, das Leben geht weiter, für die wieder vereinten WG-Frauen mit gemeinsamen Schauen einer Satire Show mit Shappy Khorsandy aus Großbrittanien. Over the rainbow geht es weiter: beyond-race statt trans-race. Für Saraswati war das Ganze nur ein Sprungbett, sie baut jetzt an einer Eliteuni einen Studiengang zu Whiteness Studies auf. Viel Erfolg!

Fazit: erhellend und amüsant


Genre: Liebesroman, Politische Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Der letzte Schrei

Das wunderschöne hellblaue Leinencover mit zwei sich drehenden Karpfen verleitet direkt dazu, den Band in die Hand zu nehmen. Dass, was die britische Autorin dann in ihren 13 kurzen Episoden liefert, ist durchaus virtuos und zeugt von genauer Beobachtungsgabe. Es geht um Menschen, die sich nicht mehr viel zu sagen haben und dennoch umeinander kreisen.

Stilistisch häufig im Selbstgespräch verstrickt und dabei mit unterschiedlichen Bewusstseins- und Erzählebenen arbeitend, wirken die psychologisierenden Geschichten seltsam kalt, bisweilen sogar verzweifelt. Einige der Texte sind durchaus komisch, bisweilen sogar gnadenlos sarkastisch. Insgesamt aber verschließt sich die Autorin dem Leser eher als sich ihm zu öffnen.

Die Begegnung mit A. L. Kennedy empfand ich insofern als enttäuschend.

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Carl Hanser München

Katzentisch

KatzentischExotischer Schauplatz des Geschehens: Ein Ozeanriese mit dem Prunk und Pomp der frühen fünfziger Jahre auf dem Weg von den Kolonien des britischen Empire heim ins geliebte Mutterland. An Bord eine bunt gemischte Gesellschaft, die noch ignorieren kann, dass die glanzvollen Zeiten des britischen Empire hinter ihnen liegen.

Unter diesen Passagieren sind die drei Kinder Michael, Ramadhin und Cassius, die auf dieser Reise ihre ersten Schritte heraus aus einer zwar wohlbehüteten, aber exotischen kolonialen Kindheit machen werden. Im Speisesaal sind die Kinder an den Katzentisch verbannt, gemeinsam mit anderen Außenseitern wie der altjüngferlichen Perinetta Lasquetti, die ihre Brieftauben an Deck spazieren führt oder dem melancholischen Pianisten Max Mazappa, der den Katzentisch mit obszönen Schlagern unterhält. Die Gesellschaft am Katzentisch ist gleichwohl geheimnisumwitterter, unterhaltsamer, spannender als die gepflegte Langeweile in der ersten Klasse, das merken die drei sehr schnell. Die drei Kinder sind alleine an Bord, fast ohne jede Aufsicht oder Kontrolle durch Erwachsene und für sie ist das alles ein großes Abenteuer. Sie beschließen, jeden Tag mindestens ein Verbot zu übertreten. Sie picknicken stibitzte Häppchen in den Rettungsbooten, tauchen des Nachts im Swimmingpool, assistieren einem charmanten, aber diebischen Baron, beobachten Michaels schöne Cousine Emily bei der ersten Liaison ihres Lebens mit dem Wahrsager der Artistengruppe und sind zu guter Letzt unbeabsichtigt verantwortlich für den Tod eines mit dem Fluch der Tollwut belegten steinreichen Großmoguls. Nach der Reise verlieren sich ihre Wege, kreuzen sich aber später wieder. Sie hören nicht auf den Rat der klugen Perinetta „Verzweifle jung und blicke nie zurück“, sondern interpretieren diese Reise als prägend für ihr ganzes Leben. Für sie waren es neben den Abenteuern die Fremden am Katzentisch, die sie an diesem frühen Wendepunkt ihres Lebens zu anderen Menschen machten.

Die Erzählung wirkt wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten, eine Hommage an die Zeit, als Sri Lanka noch Ceylon hieß und das britische Empire führend in der Welt. Das Schiff wirkt wie das Sinnbild einer Arche für alle möglichen Typen von Menschen, die meisten davon entwurzelt. Den Kindern noch unbewusst stellt dieses Konglomerat die Weichen für ihre Entscheidung, an welchem Tisch des Lebens sie künftig sitzen wollen. Katzentisch ist ohne Frage ein klug konstruiertes Buch, gezielt die wehmütigen Gefühle im Visier, die solcherlei Kindheitserinnerungen beim Leser wecken mögen. Dabei schießt der Autor gelegentlich über sein Ziel hinaus. Ich empfand den Roman als überkonstruiert und in dieser Form berechnend.

Nach dem englischen Patienten konnte Ondaatje nie wieder so recht an diesen großen Erfolg anknüpfen. Nachdem der englische Patient ein Mann ohne Erinnerung war, geht es im neuen Roman nun in erster Linie um die Erinnerung und was sie aus unserem Leben macht. Ondaatje betont in einer Nachbemerkung, die Erzählung sei reine Fiktion – gleichwohl, die Versuchung ist groß, autobiographische Züge in den Roman zu deuten.
Schon früh im Buch heißt es: „Wir haben alle einen alten Knoten im Herzen, den wir gern lockern und auflösen würden.“ Von da an kann der Leser sich kaum des Eindrucks erwehren, Ondaatje habe sich mit diesem lyrischen Abenteuerroman von etwas befreien wollen. Dafür aber setzt er dem Leser enge Grenzen, an keiner Stelle gestattet er ihm, eigene Bilder und Phantasien zu entwickeln.  Die Erzählstränge reichen fragmentarisch bis in die Gegenwart, verlaufen aber oft im Unklaren. Gegen Ende des Buches wird es immer mühsamer, diesen zu folgen oder sie gar sinnvoll zu entwirren, zumal etliche Protagonisten sehr distanziert und kühl beschrieben werden. Empathie kommt so nicht auf.

Vom Pianisten Mazappa lernt der Junge Michael Du darfst Dich nie für unwichtig im großen Zusammenhang des Lebens halten. Dass man sich aber nie für zu wichtig halten sollte, hat keiner hinzugefügt. Obwohl dem Roman das sicher gut getan hätte. Was immer die Intention des Autors war – die Berechnung seiner Konstruktion hat Schönheitsfehler

Der Autor: Michael Ondaatje ist wurde 1943 in Colombo,Sri Lanka, damals Ceylon, geboren und lebt nach etlichen in England verbrachten Jahren heute als eingebürgerter Schriftsteller und Dichter in Kanada. 1992 gelangte er mit dem später verfilmten Roman Der englische Patient zu Weltruhm.


Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Leon und Louise

Leon und LouiseSchuld war Christine Westermann. Denn mein erster Gedanke war „Och nö, nicht schon wieder“, als ich das erste Mal von Leon und Louise hörte. Une affaire d’amour en France. Eine Liebe gelebt gegen die ganze Welt. Ein Mann, eine Frau, die eine ganz besondere Liebe erkennen, sie aber nicht leben können. Über die Weltgeschehnisse hinweg immer mal wieder gestohlene Stunden miteinander verbringend. Och nö, hatten wir das nicht schon mal? Benoite Groult. Salz auf unserer Haut. George und Gauvain. Ein unbestritten schönes Buch. Mich nachhaltig beeindruckend und lange begleitend. Wohl auch daraus resultierend mein Zögern ob der vermuteten Neuauflage. Doch der Radiomoderatorin meines Vertrauens sei Dank. Selten hat Christine Westermann ein Buch so innig, mit soviel Herzblut empfohlen. Frau Westermann schrieb „Eine wunderschöne Geschichte, bei der man nach 314 Seiten zutiefst bedauert, dass sie schon zu Ende ist. Und sich heimlich wünscht, dass einem im nächsten Leben einer wie Léon begegnen möge. Oder eine wie Louise“ und ich wurde doch neugierig. Als ich das Buch dann las, erlebte ich mehr als eine kleine Überraschung. So begeistert war ich selten. Nicht so sehr von der Handlung. Die – wie gesagt – hatten wir so ähnlich schon mal. Wobei die Geschichte von Leon und Louise der Geschichte von George und Gauvain an bittersüßer Romantik, Tragik und letztendlich Versöhnung in nichts nachsteht. Was das Buch des Schweizer Autors Alex Capus so kostbar macht, ist seine Sprache. Ein märchenhafter Erzählstil, lakonisch durch die Weltgeschichte mäandernd, sprachgewaltig und zart zugleich, schenkt er dem Leser Sätze von einfacher Klarheit und berührender Poesie. Es liest sich, als hätten Edith Piaf und ZAZ zusammen ein Album aufgenommen.

Leon und Louise lernen einander gegen Ende des ersten Weltkrieges kennen. Die beiden verbringen einen wunderbaren Tag und eine ebensolche Nacht miteinander – und werden doch kein Paar. Granaten reißen sie tragisch auseinander. In der Folge halten sie sich gegenseitig für tot. Erst Jahre später sehen sie sich zufällig in der Pariser Metro wieder, gestatten ihrer Liebe einen weiteren Tag und eine weitere Nacht. Mehr nicht, denn Leon ist inzwischen verheiratet und Vater. Und ein Mann wie Leon tut, was er tun muss und was er bleiben lassen soll, lässt er bleiben. Dennoch verbindet die beiden über die Jahrzehnte eine ganz besondere Liebe, die auch den zweiten Weltkrieg, die Besetzung von Paris, das Exil Louises und Léons Ehe überdauert.

Erzählt wird die Geschichte aus Leons Sicht von seinem Enkel. Alex Capus gelingt es jedoch, nicht nur Leons Gefühle einfühlsam darzustellen. Mithilfe berührender Briefe aus ihrem Exil leiden, freuen und lächeln wir auch mit Louise. Und nicht nur mit ihr. Auch Yvonne, Leons Gattin, lernen wir schätzen und respektieren. Sie, die von der unerfüllten Liebe weiß und damit ihren Frieden macht. Sie, die mit diplomatischer Klugheit, agentenwürdiger Schlauheit und der Rücksichtslosigkeit einer Gotteskriegerin ihre Familie durch die Fährnisse der bewegten Zeit dirigiert und dadurch nicht zur bedauernswerten Betrogenen, sondern zur zweiten Heldin der Geschichte wird.

So schwer und traurig eine solche Liebesgeschichte in einem Jahrhundert der Kriege anmutet, so leicht schafft es Capus, Alex Capus, offizielles Autorenfot schon auf den ersten Seiten eine bezaubernd einfache Stimmung heraufzubeschwören. Die Stimmung unbeschwerter Jugend, die Stimmung eines leichten Sommerwinds, die den Roman nie ganz verlässt und im allerletzten Absatz unvermittelt wieder über den Leser hereinbricht. Den Leser, der dieses Buch danach mit einem warmen Gefühl, aber auch wehmütig zur Seite legt. Tatsächlich traurig. Darüber, dass es schon vorbei ist.

Mehr über den (die Bemerkung kann ich mir jetzt nicht verkneifen) sehr attraktiven Autor, von dem bedauerlicherweise noch nicht allzu viel auf Deutsch erschienen ist, auf seiner Homepage und in den Zehnseiten der Zeit.

Quellen: Autorenfoto www.alexcapus.de
und www.christine-westermann.de

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Mittelmäßiges Heimweh

Der Controller Dieter Rotmund wohnt allein in einer großen Stadt. Er lebt getrennt von seiner Frau, die im Schwarzwaldidyll siedelt und sich dort auf seine Kosten selbst verwirklicht. Doch da ist noch Susanna, die geliebte Tochter. Beide besucht er jeweils zum Wochenende. Edith weicht ihm ständig aus. Sie stürzt sich in eine Affäre und zieht sich und das gemeinsame Kind schließlich ganz von ihm zurück.

Rotmund fällt im Gefühl des Zerfalls seiner Ehe immer stärker in ein gleichförmiges, langweiliges Leben. Seine Sehnsucht nach Frau und Kind verkümmert zur Gleichgültigkeit. Obwohl ihm der Schwarzwald inzwischen ganz gut gefällt, empfindet er für den Ort, an dem seine Lieben sind, bald nur noch mittelmäßiges Heimweh. Darauf bezieht sich der Titel des Romans.

Mittelmaß und Gleichgültigkeit machen das Leben Rotmunds aus. Selbst als er in einer Kneipe plötzlich ein Ohr verliert, irritiert ihn das nur leicht. Später kommt ihm sogar noch eine Zehe abhanden. Er scheint sich damit allmählich im Mittelmaß aufzulösen. Sein unscheinbares Leben wird ungenau. Eine kleine Qual hat ihr Zelt in ihm aufgeschlagen und drangsaliert ihn von innen. Da hilft auch keine sexuelle Beziehung mit einer Frau, die zufällig in sein Leben tritt.

Deutlich merkt er, dass sein Gefühlsleben stehen geblieben ist und sich nicht bewegen will, obwohl er es manchmal anzuschieben versucht. In diesem Stillstand fällt ihm auf, dass er Sehnsucht nicht mehr von Heimweh unterscheiden kann. Früher war ihm klar, dass Sehnsucht dem Heimweh vorausgeht: »Du liebst eine Frau, dadurch entsteht Sehnsucht. Indem sich die Sehnsucht zeigt, bildet sich nebenbei auch Heimweh nach der Landschaft oder der Stadt, in der die geliebte Frau zu Hause ist. Indem du die Frau liebst, wird die Sehnsucht gestillt, und das Heimweh verschwindet. So einfach war das einmal. Zuerst wurde die Sehnsucht mittelmäßig, jetzt auch das Heimweh«. Rotmunds Leben verdichtet immer mehr zum inneren Monolog eines Menschen, der den Glauben an erfüllende Partnerschaften ebenso wie das Gefühl inneren Glücks verloren hat.

Wilhelm Genazino zeichnet in dem ihm eigenen resignativen Stil das Bildnis eines Mannes, der die Fremdheit überwinden will und doch von Fremdheit zugewuchert wird. Er konzentriert sich mit seinem Roman auf den merkwürdigsten Punkt im Leben: auf den Punkt, da sich ein zuvor heftiges Interesse plötzlich aufzulösen beginnt. Lakonisch und gleichzeitig haarscharf in der Beobachtung schildert er den Wärmetod des Gefühls, die Abflachung aller Emotionen und ihr Verlöschen in Mittelmäßigkeit.

Ausgeprägt ist seine enorme Beobachtungsgabe von Personen und Ereignissen. Detaillierte Beschreibungen alltäglicher Banalitäten münden durchaus in eigenwillige, skurrile Erkenntnisse. »Es ist diese Wahrnehmung, die meine Melancholie über den vielleicht ausbleibenden Sinn vertreibt und mich wieder ins Leben zurückholt«, lässt er seinen Helden sagen. Genazinos Verfremdungstechnik hilft, die eigene Verzweiflung durch die Situationskomik des Alltags zu betäuben. Aufgelöst wird sie dadurch nicht.

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Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Talk Talk

Fast ist es ein Tag wie jeder andere. Dana Halter, gehörlose Lehrerin aus San Roque in Kalifornien, kämpft morgens mit den Hindernissen des Alltags. Außerdem hat sie einen Termin bei ihrem Zahnarzt. Sie ist nervös, sie ist in Eile und möglicherweise wird sie zu spät kommen. Gerade ist sie mit dem Auto losgefahren, sie fährt sehr schnell, da gerät sie in eine Polizeikontrolle. Mit einem nervösen Lächeln und einer Ausrede versucht sie, den Polizisten gnädig zu stimmen. Das funktioniert aber nicht. Stattdessen wird Dana in Gewahrsam genommen und kommt ins Gefängnis. Sie wird verhaftet und unter Anklage gesetzt. Nach Meinung der Polizei und der Staatsanwaltschaft werden ihr zahlreiche Verbrechen zur Last gelegt. In verschiedenen Bundesstaaten der USA sind Straftaten, wie Betrügereien und Autodiebstähle, von einer Person mit dem Namen Dana Halter begangen worden.

Mit Hilfe ihres Freundes Bridger und einer Anwältin gelingt es, ihre Unschuld und ihre wahre Identität zu beweisen. Zwischenzeitlich ist sie auch noch ihren Arbeitsplatz losgeworden und deshalb hat sie nur noch ein Ziel, zusammen mit Bridger den Mann zu finden, der sich auf ihre Kosten ein angenehmes Leben macht.

T.C. Boyle gab vor Jahren mit seinem wundervollen Afrikaroman »Wassermusik« ein hervorragendes Debut und hat sich in der Zwischenzeit erfolgreich den amerikanischen Lebensweisen und den Lebensspuren der Hippies sowie eines Mister Kellog und eines Dr. Sex gewidmet.
Das Buch ist spannend erzählt und Freunde von T.C. Boyle werden an »Talk Talk« ihre Freude haben.


Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Schüsse mit Empfangsbescheinigung

Seit 1985 erscheint in dem italienischen Wochenmagazin »L´Espresso« jeweils auf der letzten Seite eine Kolumne von Umberto Eco. Diese Kolumne behandelt alle möglichen (und scheinbar unmöglichen) Themen. Es sind auch politische Fragen, über die Eco resoniert, aber viel häufiger entstammen die Themen der Alltagswelt. Die Kolumne trägt den Titel »Bustina di Minerva« und Eco selbst hat bisher zweimal eine Auswahl seiner »Streichholzbriefe« bezeichneten Texte veröffentlicht. Nun ist eine dritte Auswahl, zusammengestellt von seinem deutschen Übersetzer Burckhart Kroeber, im Hanser Verlag unter dem Titel „Schüsse mit Empfangsbescheinigung“ erschienen.

Was aber sind »Streichholzbriefe«, was ist eine »Bustina di Minerva«? — Wer könnte auf diese Frage kompetenter antworten als der Autor selbst. In der Einleitung zu seiner letzten Auswahl an »Streichholzbriefen« schrieb Eco: »Der Titel `Bustina di Minerva´ bezieht sich auf jene kleinen Streichholzhefte, die von der Firma Minerva hergestellt werden, und auf die Tatsache, dass man sich auf der Innenseite des Deckels oft Telefonnummern notiert, Einkaufslisten anlegt oder auch (wie ich) eben festhält, was einem gerade durch den Kopf geht, während man im Zug unterwegs ist, in der Bar oder im Restaurant sitzt, Zeitung liest, ein Schaufenster betrachtet, in den Regalen einer Buchhandlung stöbert. Daher hatte ich von Anfang an festgelegt, dass ich, falls es mir eines Abends aus ganz persönlichen Gründen einfallen sollte, über Homer nachzudenken, darüber schreiben würde, auch wenn Homer nicht gerade die Titelseiten der Zeitungen füllt. Wie man sieht, habe ich es oft so gehalten, mit oder ohne Humor.«

Die Auswahl, die Kroeber nun vorstellt, ist komplett frei von politischen Texten. Eco macht sich in diesen erstmals im deutschen nachzulesenden Texten Gedanken über die immerwährende kulturpessimistische Frage, ob das Buch, ob das Lesen überhaupt noch eine Zukunft habe und schreibt »Vom Lesen im Bett«. Er echauffiert sich über »Leibffreudige Katholiken und bigotte Laien« ebenso wie über »Diebstähle mit Pfiff«. Oder er beschäftigt sich mit der Frage, warum Hacker — auch gegen den eigenen Willen — systemerhaltend wirken:

»Die jüngsten weltweiten Virenanschläge aufs Internet dürfen uns nicht wundern. Je komplizierter eine Technik ist, desto angreifbarer wird sie. In einer niedrig fliegenden Propellermaschine war es ein leichtes, mit einem Flugzeugentführer fertig zu werden: Man machte die Tür auf und warf ihn hinaus. In einer interkontinentalen Düsenmaschine kann auch ein Irrer mit einer Schreckschusspistole alle in Schach halten. (…) Wer hat Zeit, vierundzwanzig Stunden am Tag die neuen Möglichkeiten seines Computers zu studieren? Die Hacker, eine neue Art von Eremiten, die den ganzen Tag mit (elektronischer) Meditation verbringen. (…) Dabei kann es sein, daß viele von ihnen glauben, im „Geist von Seattle“ zu handeln, das heißt, sich dem Moloch der Globalisierung entgegenzustemmen. In Wahrheit sind sie jedoch die besten Kollaborateure des Systems, denn um sie zu neutralisieren, muß das System sich immer mehr und immer noch schneller erneuern.«

Eco beschäftigt sich mit Sprache, er ist Professor für Semiotik. Ecos Texte sind eine wahre Lesefreude. Sie sprühen vor Eloquenz und sind zugleich selbstironisch. Wer von diesem Professor aus Bologna seziert wird, weiß am Ende nicht, ob er weinen oder lachen soll. Die Leserinnen und Leser sind sich einig: Sie freut´s.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Carl Hanser München

Der Weltensammler

Hauptfigur dieses Romans ist der britische Offizier Sir Richard Burton (1821-1890), der zu einer Einheit nach Indien versetzt wird. Anstatt die koloniale Lebensweise seiner Landsleute anzunehmen und sich ein angenehmes Leben zu machen, lernt er die Sprachen des Landes und vertieft sich in fremde Religionen. Zum Erstaunen seiner Vorgesetzten sucht er einen Brahmanen als Lehrer, konvertiert zum Islam, läßt sich beschneiden, lebt mit einem indischen Diener und einer gottgeweihten Priesterkurtisane zusammen. Als die Kurtisane stirbt, entwickelt der Offizier eine eigentümliche seelische Störung; er schafft sich eine Gruppe Affen an, mit denen er fortan sein Leben teilt. Burton gibt vor, ihre Sprache zu lernen und eine der Äffinnen wird von ihm wie eine Geliebte mit Schmuck behängt.

Der Roman ist inhaltlich in drei unterschiedliche Abschnitte gegliedert: spielt der erste Teil in Indien, so spielt der zweite in Arabien und der dritte in Ostafrika. In jedem dieser Teile erlebt man einen anderen Richard Burton: mal ist er verkleidet und besucht unerkannt als einer der ersten Europäer die heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina, mal führt er eine Expedition durch den Urwald Ostafrikas.

Ein Buch, das einen ambivalenten Blick auf den Protagonisten erlaubt, das in vielen Momenten komisch und zugleich nachdenklich ist, raffiniert aufgebaut und wunderschön erzählt.


Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Mallorca

In der „Mallorca-Zeitung“ bezeichnet der Autor sein Werk selbst als „Mogelpackung“, denn ein farbenfroher Schuber hindere den potentiellen Leser am vorzeitigen Öffnen und Durchblättern seines Werks. Tatsächlich handelt es sich bei der Veröffentlichung, die aus Gründen des Gebrauchswerts einige Kochrezepte unterrührt, weder um einen Reiseführer noch um eine Inselbeschreibung. Vielmehr sind es kurze Erzählungen, die sich an fiktiven einheimischen Freunden des Autors bewegen: einem Schäfer, einem Gärtner und einer Apothekerin. Es geht um Mallorca im Regen, um den täglichen Umgang mit Fremden und anderen Eingeborenen, um Prozessionen, schwarze Schweine, Windmühlen, Fahrradfahrer und Pferderennen. Inselkenner, die keine Ausflugstipps oder sonstige Hilfestellungen bei der Erkundung des Eilands erwarten, werden die literarisch gefärbten Reflexionen über das Leben auf „der“ Insel gern lesen.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Carl Hanser München

Die Insel des vorigen Tages

Umberto Ecos dritter Roman, Abenteuerstory, Liebesgeschichte und gewaltiges Zeitepos, spielt Mitte des 17. Jahrhunderts, zu Beginn der Aufklärung. Roberto de la Grive wird vom französischen Kardinal Mazarin auf eine streng geheime wissenschaftliche Expedition in die Südsee geschickt. Als er bereits einen Teil seines Auftrags erledigt hat, erleidet er Schiffbruch und wird an Bord eines verlassenen englischen Schiffes gespült. Dort findet er genügend Vorräte, aber auch exotische Pflanzen, ausgestopfte Tiere, Messinstrumente und ihm unbekannte, merkwürdige Gerätschaften. Nach einiger Zeit an Bord merkt er, dass er nicht allein ist. Er trifft auf Caspar Wanderdrossel, einen Jesuiten, der dem gleichen Geheimnis auf der Spur ist wie er selbst.

Umberto Eco wurde 1932 in Alexandria geboren und lebt heute in Mailand. Er verfasste zahlreiche Schriften zur Theorie und Praxis der Zeichen, der Literatur, der Kunst und nicht zuletzt der Ästhetik des Mittelalters. Seine Romane „Der Name der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“ sind Welterfolge geworden.


Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München