Viva l´Anarchie: 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno

Viva l´Anarchie!

Viva l´Anarchie. Die zumindest theoretische Möglichkeit, dass sich der spanische Anarchist Buenaventura und der ukrainische Aufständische Nestor Machno tatsächlich in Paris getroffen haben, besteht. In vorliegendem Comic von Vater und Sohn Loth versammeln sie sich an einem Tisch und diskutieren die Zukunft der Anarchie. Ein politischer Comic ohne Zeigefinger.

Die Anarchisten der Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die legendäre Machnowschtschina (1917 bis 1921, eigentlich von den Trotzkisten abschätzig verwendete Bezeichnung) bestand nach dem bolschewistischen Oktoberputsch in Teilen der heutigen Ukraine und lehnte sich gegen Zentralismus und Kriegskommunismus auf. Aber Nestor Machno musste fliehen, da seine Bewegung sowohl gegen die Angriffe von Außen durch die Roten als auch die Weißen und im Inneren gegen die Kosaken nicht bestehen konnte. Leo Trotzki als Führer der Roten Armee schlug die Machnowschtschina nieder. Es hätte also – weiterhin theoretisch – die Möglichkeit bestanden, dass Durruti aus den Erfahrungen Machnos für den bevorstehenden spanischen Bürgerkrieg (1936-39) etwas lernen hätte können oder sogar gelernt hat. Beide “Experimente” scheiterten ohnehin, Spanien auch deswegen, weil sich die konsolidierte Sowjetunion in den Bürgerkrieg einmischte.

Viva l´Anarchie: Freiheit ohne Gewalt

Das Vaterland, aber auch die Religion, die vermeintliche Identität der Menschen, all diese Illusionen führen zum Krieg“, bemerkt die Anarchistin Galina Kouzmenko am Tisch zu Durruti und Machno, denn eigentlich steht der Anarchismus für Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit (“An” als Verneinung von “Archia“). Was viele von der Bewegung inspirierte Idealisten allerdings nicht vom Bombenlegen abhielt. Denn allein durch Diskussionen verändert sich bekanntermaßen nichts. Obwohl natürlich die Revolution im Kopf beginnt, wie die Anarchistin Galina es ausdrückt: “Durch Bildung!” Galina Kouzmenko war während der Machnowschtschina Ministerin für Bildung und gerade einmal 35 Jahre alt. Doch dies ist ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld bedarf. Der zweite Band von Viva L’Anarchie! ist ebenfalls bereits erschienen und setzt die spannenden Erzählungen von Machno und Durruti fort. Letzterer führte als “Propagandaktionen” bezeichnete Banküberfälle durch, um die anarchistische Bewegung zu unterstützen, bevor er im Spanischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle spielte. Viva l´Anarchie ist eine interessante Begegnung für lange Diskussionsabende am Küchentisch. Dort wo die meisten Rebellionen und Revolutionen geboren werden und – sterben.

Bruno Loth, Corentin Loth
Viva l´Anarchie
1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno
Aus dem Französischen von Maria Rossi
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 23 • 30cm, 80 Seiten
ISBN 978-3-903478-33-6
Bahoe Books
€ 22,00


Genre: Comic, Geschichte, Politik
Illustrated by Bahoe Books

Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte

Ich bin kein großer Jäger, meine Frau ist es.” Als erster Comic überhaupt wurde das neue Werk der Wachauerin Ulli Lust mit dem deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Das will schon mal was heißen. Wer Ulli Lust kennt, wird sich zudem freuen, dass “Die Frau als Mensch” als Zweiteiler konzipiert ist. Man darf sich also jetzt schon auf die Fortsetzung freuen…

“Bist a Bui oder es Mensch?”

In klassischen – für Ulli Lust Kenner ungewohnten – Comicpanels beginnt der neue Comic in der alten Wachauer Heimat der Autorin und Zeichnerin. Dort werden – heute noch – Burschen als “Bui” und Mädchen als “Mensch” bezeichnet. Aber schon nach einigen Seiten ist Ulli Lust wieder in ihrem Element und löst die strengen Linien der klassischen Comicpanels zugunsten ihres eigenen großflächigen Stils wieder auf. Das ist angesichts der Fülle des Materials, das Lust präsentiert, einfach praktischer und hat zudem damit zu tun, dass sie in “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” eben keine klassische Comicgeschichte erzählt, sondern eigentlich ein Sachcomic gestaltet hat, das sich mit der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit beschäftigt und darin die Rolle der Frau(en) in den Mittelpunkt stellt. Lange Zeit wurde nämlich angenommen, dass die Frauen die Sammler und die Männer die Jäger in den sog. Jäger- und Sammlergemeinschaften der Ur- und Frühzeit gewesen seien. Mitnichten. Die Figurinen die aus der Frühgeschichte noch erhalten sind (Venus von Willendorf u.ä.) seien nämlich wahrscheinlich nicht nur von Frauen hergestellt worden, sondern untermauerten auch die führende Rolle der Frau in den prähistorischen Gesellschaften, so eine Interpretation Lusts. Nicht Aggression, sondern Empathie in Verbindung mit Kognition hätten die frühen menschlichen Gesellschaften vorangebracht. Die Interpretation der Frühgeschichte sei allzuoft von männlichen Forschern des 19. Jahrhunderts gemacht worden und widerspiegeln so nur die damaligen (gewünschten) Herrschaftsverhältnisse. Es kommt eben ganz auf den Erzähler an, wie die Erzählung wirklich ausgeht. So viel zur männlichen Wissenschaft.

“Wir sind eine liebesbedürftige Art”

In “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” lernen wir etwa über die viel friedlicheren Bonobos, die den Schimpansen – von denen der Mensch anscheinend abstammt – einiges voraus haben. So hätten sie nicht nur Sex mit Frauen, sondern seien auch noch promiskuitiv. Auch die Menschen seien eine “liebesbedürftige Art“, wie Lust schreibt, und bedürften viel Wärme und Zuneigung, wie man an Babys und Kleinkindern sehen könne. “Kein Lebewesen auf der Welt reift so langsam wie ein menschliches Kind“, zitiert Lust die US-amerikanische Anthropologin Sarah Blazer Hrdy. Auch die Neigung, Fremden vertrauensvoll zu begegnen, sei im Tierreich ungewöhnlich. Für den Mensch – damals eine verschwindende Minderheit – jedoch ein überlebensnotwendiger Vorteil. Was internationale Konzerne in Afrika angerichtet haben erzählt Ulli Lust am Beispiel der Khoisan, eine Sammelbezeichnung für die ältesten indigenen Völker des südlichen Afrikas am Beispiel Botswanas. Wilderei ist sogar heute noch ein Problem und zerstört nicht nur die Lebensgrundlagen der Khoisan, sondern auch die der Tiere. Als Comiczeichnerin legt Ulli Lust auch Gewicht auf die Höhlenmalerei, die teilweise älter als 48.000 Jahre alt sind und zeigen, dass der Wille Geschichten zu erzählen schon bei den Urmenschen ein ureigenes Bedürfnis war. Ein weiterer interessanter Exkurs, ist wie Ulli Lust die Malitsa erklärt, die Kleidung der Nenze aus reinem Rentierfell, die vor Temperaturen von bis zu -62 Grad schützt. Auch die Bedeutung des Feuers und der Schamaninnen – die japanischen Ainu nannten ihre toten Ahnen “die unter dem Feuer wohnen” – wird hervorgehoben und auf ansprechende Weise zeichnerisch dargestellt.

Die Weitergabe des Feuers

Teil 2: Die Schamaninnen

Mongolische Ureinwohner hätten gesagt: “Die Seele des Feuers ist ein freches Mädchen, das dem, der gut zuhört, Geschichten erzählen kann” und genau da hat auch Ulli Lust getan. Und für alle die es immer noch nicht glauben wollen, dass Comics die 9. Kunst sind zitiert Ulli Lust auf ihrer allerletzten Seite Berufskollegen und Comiczeichnerveteran Alan Moore: “Ich glaube Magie ist Kunst und Kunst ist buchstäblich Magie. (…) Kunst ist wie Magie, die wissenschaftliche Symbole, Wörter oder Bilder zu manipulieren und um Bewusstseinsveränderungen zu erreichen.” Tradition ist eben nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Teil 2 “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” erscheint bei Reprodukt im Februar dieses Jahres.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte
2025, Hardcover, 256 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-445-0
Reprodukt Verlag
€29,00


Genre: Comic
Illustrated by Reprodukt, Reproduktionen

Batman – Full Moon

Wenn Vollmond ist, kommt heraus…was in mir ist.” Die Zeit der Supermonde ist auch im Batman Black Label angekommen. Eigentlich wollte Autor Rodney Barnes einen Vampirbatman, doch dann bemerkte er, dass es noch nie einen Werwolfbatman gegeben hatte. Und siehe da:  Batman – Full Moon!

Einmal im Monat: Der Werwolf in uns

Einmal im Monat wird der ehemalige Soldat Christian Talbot in den Werwolf verwandelt. Er tötet alles, was er zu fassen kriegt und macht auch vor Freunden oder SozialarbeiterInnen keinen Halt. Es ist die Natur in ihm, die hervorbricht und gegen die er sich nicht wehren kann. Seine Krankheit, im Fachjargon Lykanthropie, versucht er bei Wayne Pharmaceuticals in Gotham behandeln zu lassen, aber nada. Außer einem großen Malheur kein Ergebnis. Batman, der selbst nicht so ganz an die Lykanthropie als Legende eines von einem Fluch befallenen Menschen glauben will, beauftragt den Forscher Dr. Kirk Langstrom, der auch als Man-Bat bekannt ist. Weitere Schützenhilfe bekommt der Dunkle Ritter auch von seiner Freundin Zatanna, die sich u.a. gegen die sexistischen Übergriffe von Constantine wehren muss. “Menschen die nicht zu den 1% gehören, gehen jeden Tag mit Elend um. Mit erhobenem Haupt und Würde.”, klärt Zatanna den Millionärssohn Wayne bei ihrer gemeinsamen Wanderung durch Rumänien auf.

Der Werwolf im Bat-Kostüm

Ein einfaches `Fuck off´ hätt’s auch getan“, meint der ansonsten als distinguierter Gentleman bekannte Commissioner Gordon zu Alfred Pennyworth. Denn als auch Batman von dem “Virus” befallen wird, heißt es Loyalität zu zeigen. “Trauer ist Liebe, die kein Ziel hat, ich hab sie und meine Wut darauf gerichtet, Gotham – die ganze Welt – zu einem besseren Ort zu machen.“, weiß Bruce Wayne, der selbst einige große Opfer zu beklagen hat. Die Werwolf-Geschichte von Autor Rodney Barnes wurde von Zeichner Stevan Subic zappenduster in Szene gesetzt, wovon man sich hier gerne selbst überzeugen kann. Erwähnenswert sind hier auch die Variant-Covers am Ende der Erzählung und natürlich ein heulender Vollmond mit ganz viel oranger Blutfarbe und nachtwandlerischer Atmosphäre.

Rodney Barnes/Stevan Subic
Batman – Full Moon
(Original Storys: Batman: Full Moon 1–4)
2025, Softcover, 152 Seiten,
ISBN: 9783741645785
Panini Verlag
20,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Mystique. Auf der Jagd

Mystique. Auf der Jagd

Autor und Zeichner Declan Shalvey präsentiert in vorliegendem Band die komplette Spionage-Miniserie mit der bekannten Gestaltwandlerin. Mystique trat erstmals in einem Ms. Marvel Comic vom April 1978, #16, auf und ist seither nicht mehr aus der Marvel Comic Welt wegzudenken. Denn wie man weiß, kann sie vielerlei Gestalten annehmen. Mit dabei: Nick Fury, der sein Bestes tut, Mystique zu jagen.

Vom Jagen der Jäger

Mystique hatte auch schon in einigen X-Men-Kinofilmen ihre Auftritte. Sie wurde schon von Rebecca Romijn und von Jennifer Lawrence verkörpert. Ihre charakteristischen Merkmale wie blaue Hautärzte Haare und gelbe Augen machen sie zur wohl exotischsten Mutantin des Marvel Multiversums. Als Raven Darkholme ist sie besonders gut im Nahkampf, weiß aber auch mit diversen Waffen umzugehen. Als Ziehmutter von Rogue und leiblicher Mutter von Nightcrawler sowie des Präsidentschaftskandidaten Graydon Creed hat sie auch Verantwortung. Mystique ist eine brillante Hackerin und war Anführerin der zweiten Inkarnation der „Bruderschaft der bösen Mutanten“ (Brotherhood of Evil Mutants). Diese führte später auch für die US-Regierung als Spezialeingreiftruppe unter dem Namen Freedom Force Einsätze durch. In vorliegender Spionage-Miniserie von Autor und Zeichner Declan Shalvey (Moon Knight, Deadpool) als deutsche Erstveröffentlichung attackiert Mystique ein Black-Operation-Team in Frankfurt, was den tief gefallenen SHIELD-Agenten Nick Fury auf den Plan ruft. Nick Fury Jr. ist nämlich an einen einfachen Schreibtisch-Job gebunden. Doch als sein Vater Nick Fury Sr. auftaucht und ihm eine Akte zu Mystique zuspielt beginnt er, den Vorfall in Frankfurt zu untersuchen. Seine Recherchen führen ihn bald zu Ravens Frau Irine Adler aka Destiny, die er nun als Köder für Mystique benutzt.

Die mystische Comic-Figur Mystique

Nach dem Untergang Krakoas wurden die Karten der Geheimdienste neu gemischt und Mystique machte sich in Frankfurt auf die Jagd nach dem mysteriösen Protozoa-Programm. Das Black-Ops-Team rund um Maverick wurde dort aktiv, um einen gefährlichen Mutanten, Sabretooth, auszuschalten. Als Mystique, die die Mission schon längst manipuliert hat, auf den Plan tritt, geht sie über Leichen, denn sie will alles über Protozoa wissen. In “Mystique. Auf der Jagd” zeigt die blaue Gestaltwandlerin Raven Darkholme, dass einem nicht fad werden muss, wenn man verheiratet ist. Vor allem wenn die Braut noch dazu Destiny heißt. Die Mutant:innen, die von der Insel Krakoa aus operierten, brauchen nun ein neues Zuhause, aber sie befinden sich auf der Fahndungsliste von SHIELD, das seinerseits von Hydra unterwandert wurde. Dass Nick Fury und Mystique in vorliegendem Abenteuer so heftig aufeinanderprallen ist den exzellenten wenn auch etwas zu blassen Zeichnungen und der packenden Story zu verdanken. Keine Gegner waren wohl jemals kontroversieller. Außerdem mit dabei: Magneto, Destiny, Fabian Cortez, Maverick und Avalanche. Aber das Beste kommt noch. Ihren gemeinsamen Sohn Nightcrawler, also von Destiny und Mystique, soll letztere in einer ihrer männlichen Formen gezeugt haben. Und das im Alter von bereits mehr als 100 Jahren! Was beweist, wie unnütz Männer im 21. Jahrhundert doch schon geworden sind. Als Anti-Heldin ist Mystique vielleicht nicht unbedingt als weibliche Identifikationsfigur geeignet, jedoch kann man sie sicherlich als bemerkenswerte und starke Mutantin bezeichnen, der sicherlich noch eine blühende Zukunft bevorsteht. Im Film. Und im Comic!

Declan Shalvey
Mystique. Auf der Jagd
(Original Storys: Mystique (2024) 1-5)
2025, Klebebindung, 17X26cm, 128 Seiten,
ISBN: 9783741644924
Panini Comics
17,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Batmans grösste Gegner

Batmans grösste Gegner

Scarecrow, Two-Face, der Pinguin, Catwoman und der Joker gehören wohl zu den größten Feinden des Dark Knight. Zumindest was die Vintage-Zeit betrifft, in der diese bunten Geschichten erschienen sind. Zudem gibt eine Diorama-Zeichnung mit einem Einblick ins Innere der Bat-Höhle Aufschlüsse über den Lebensstil der berühmten Fledermaus. Aber auch weiteres Zusatzmaterial wie Detailaufnahmen des famosen Bat-Gürtels verraten einige der Geheimnisse, die seine größten Gegner besser nicht wissen sollten.

Vintage in XL-Format

Neben den klassischen Zeichnungen ist an dieser Publikation vor allem auch das Format für Sammler sehr anziehend. Mit immerhin  25.5 X 35.5cm  spielt der Bildband schon in der Sonderliga XL-Format. Die besonders bunten und schrillen Zeichnungen tun ihr übriges, diese Geschichten in ein echtes Vintage-Abenteuer zu verwandeln. Die Entstehungsgeschichte eines Superschurken widerspricht allerdings dem gängigen Kanon der bisher bekannten DC-Comics. Doppelgesicht, besser bekannt als Two-Face, hat in der hier vorliegenden Version den Namen Harvey Apollo und bezeichnet sich vor Gericht als Wandermime, Barde und Schauspieler, bis sein Widersacher, Lucky Sheldon, ihm eine Säure ins Gesicht schüttet. Und das vor dem Gericht, wo die Verhandlung gegen Lucky stattfindet! Eine Gesichtshälfte von Harvey wird durch die Säure völlig entstellt und der Mensch hinter der nunmehrigen Maske zum Monster verunstaltet. Denn von nun an nennt er sich Two-Face und unterwirft alle seine Entscheidungen dem Wurf einer Münze, deren eine Seite er ebenso verunstaltet, wie sein Gesicht es bereits ist. Landet diese Seite nach einem Wurf auf seiner Handfläche, gewinnt das Verbrechen, seine böse Seite bekommt die Oberhand und Harvey ist durch nichts mehr aufzuhalten. Außer natürlich durch – Sie ahnen es bereits – Batman!

Batmans grösste Gegner und Gegnerinnen

In den vorliegenden Vintage-Abenteuern, die erstmals als Limited Collector’s Edition 37 1975 in den USA erschienen, ist übrigens stets auch The Boy Wonder, Robin, an der Seite des dunklen Ritters.  Er rettet ihm gleich mehrmals das Leben, wie wir es auch im Scarecrow Abenteuer mitverfolgen können. Professor Jonathan Crane aka Scarecrow arbeitet an der Universität und wird von dieser aufgrund seiner unkonventionellen Lehrmethoden alsbald ausgeschlossen resp. suspendiert. Dieser Schicksalsschlag holt auch aus ihm das ungebremste Böse hervor, denn auf Ablehnung folgt stets Rache. Crans besorgt sich ein Kostüm und bietet sich als gedungener Erpresser diversen Geschäftsmännern an. Bis Batman und Robin ihm auf die Schliche kommen und ihm schließlich das Handwerk legen. Eine besonders lustige Geschichte ist auch das letzte Abenteuer in diesem XL-Band, der in der “Hall of Infamy” (Saal der Niedertracht) auch die weiblichen Exponentinnen der grössten Gegnerinnen Batman präsentiert. Catwoman überfällt eine Theatervorstellung eines Odysseus-Stückes und fordert von der Hauptdarstellerin die Perlen. Auf einem bereitgestellten Segelboot, das der Aufführung dienen hätte sollen, flieht Catwoman mit dem Schatz und versenkt sogar noch ihre Verfolger: “Circe verwandelte Männer mit einem Trank in Schweine, ich Getränke sie und schicke sie zu den Fischen! Hahaha!

Bill Finger, Bill Woolfolk, u.a.
Batman Klassiker – Batmans grösste Gegner
Zeichnungen: Bob Kane, Jim Mooney, Jack Burnley, Charles Paris (pencils), Jerry Robinson, George Roussos, Ray Burnley, Win Mortimer, Charles Paris (inks)
(Original Storys: Limited Collector’s Edition 37)
2025, Hardcover, 64 Seiten, XL-Sonderformat (Format: 25.5X35.5), Farbe
ISBN: 978-3-7416-4576-1
Panini Comics
29,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

ELLA – nichts haben, alles ändern

ELLA – nichts haben, alles ändern

ELLA. Anhand der Erzählungen Ella Rollniks – einst Mitglied der Bewegung 2. Juni – in ausführlichen Gesprächen zwischen 2022 und 2024 in Hamburg, entstand die vorliegende Geschichte des bewaffneten Widerstands in den Siebziger Jahren, die Michael Weber aufschrieb und ZAZA Uta Röttgers beeindruckend illustrierte.

Die Aufbruchstimmung der Sechziger

Als ihr kleiner Bruder mit acht Jahren an Krebs starb, war plötzlich alles fragwürdig. Ella war gerade 14 und sie fragte sich, was das alles noch sollte, “die Schule und alles“. Sie war bei weitem nicht die einzige, die damals begann, alles in Frage zu stellen, denn die Aufbruchstimmung der Sechziger Jahre sorgte für ordentlichen Trommelwirbel. Der erste physische Wohlstand führte dazu, den psychischen Zustand in Frage zu stellen, denn die meisten waren ja Kinder von Überlebenden der Nazigräuel, also entweder Opfer oder doch eher Täter. Eine ganze Generation begann Fragen zu stellen und legitimierte sich aufgrund fehlender schlüssiger Antworten auch ihren Widerstand damit. Als erst Benno Ohnesorg (2.Juni 1967), dann Rudi Dutschke (11.April) erschossen oder angeschossen wurden, war es ganz klar, dass man sich dagegen wehren musste. Schließlich hatte “der” Staat zuerst geschossen und man befand sich in einer Art Verteidigungshaltung. Zudem gab es den bewaffneten Widerstand ja auch in andern Länder, die zumeist gegen ihre Kolonialherren aufstanden. Selbst die Boxlegende Mohammed Ali schloss sich dem Widerstand an: “No Vietcong ever called me Nigger“. “Ist doch absurd jetzt noch Gewaltdiskussionen zu führen nach dem Dutschke-Attentat, nachdem sie Petra Schelm und Georg von Rauch letzte Woche erschossen haben“, heißt es in vorliegender Graphic Novel, die tief in den deutschen Underground der Siebziger Jahre eintaucht.

Welle des bewaffneten Widerstands in Westeuropa

Tatsächlich gab es auch in Europa noch einige Diktaturen: Portugal, Spanien, Griechenland, Türkei. Wer also gegen Faschismus kämpfte, befand sich auf der richtigen Seite der Geschichte, das zeigte die gesamte Weltlage. In Italien formierten sich die Brigate Rosse, in Frankreich die Action Directe und in Deutschland die Rote Armee Fraktion (RAF) und eben die Bewegung 2. Juni. Die doktrinäre und autoritäre Führung der RAF  wurde von der Bewegung 2. Juni stets abgelehnt. Sie versuchte sich immer wieder von dem sinnlosen Morden zu distanzieren: “Wann begann unser Scheitern? Wenn es damals diskutiert worden wäre, von allen, die bewaffnet kämpften, dann wäre diese ganze Eskalation, die es später gegeben hat, dass politische Aktionen nur noch darin bestanden, Funktionsträger des Systems zu töten, vielleicht verhindert worden“, sagt Ella. Dafür hätte es allerdings mehr Treffen in Wienerwald-Restaurants bedurft, damals ein beliebter Treffpunkt für RAF-Sympathisanten. Die Entführung Peter Lorenz und des österreichischen Strumpfwarenherstellers Palmers gehen ebenso auf das Konto der Bewegung 2. Juni wie ein Gefängnisausbruch und diverse Banküberfälle. “Damit sich irgendwas ändern kann in der Welt, muss die Hegemonie des Westens gebrochen werden“, meint Ella an einer Stelle. Dass dies fast ein halbes Jahrhundert tatsächlich geschieht und eine Zeitenwende unter ganz anderen Vorzeichen eingeleitet wurde, hätten sich die damaligen Aktivist:innen vielleicht doch anders vorgestellt.

Kulturelle und politische Zeitenwende(n)

Die Zeit nach dem Widerstand, also im Gefängnis, wird in vorliegendem Comic ebenfalls thematisiert und – ausnahmslos beeindruckend – illustriert. Die Rede ist von sensorischer Deprivation, Folter, Selbstmord u.ä., aber auch von Hungerstreiks, bei denen die behandelnden Ärzte von der Regierung so unter Druck gesetzt worden wären, dass sie gezwungen gewesen wären, gegen ihren Eid zu verstoßen. Einer dieser Ärzte hielt diesem Druck nicht mehr stand und beendete sein Leben selbst. Eines der wohl traurigsten Kapitel der Geschichte des “bewaffneten Widerstands” ist wohl, dass viel Unschuldige hineingezogen wurden. Sigurd Debus und Dr. Leschhorn: “Ich zähle ihn zu den wirklich guten Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe“, so Ella. Im Anhang befindet sich ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen der damaligen Zeit und natürlich einige Literaturhinweise, darunter auch “Nach dem bewaffneten Kampf”.

Michael Weber/ZAZA Uta Röttgers
ELLA – nichts haben, alles ändern
Herausgegeben von der Galerie der abseitigen Künste
2025, Hardcover, 212 Seiten
ISBN 978-3-948478-21-6
Galerie der abseitigen Künste
€ 28.00


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Galerie der abseitigen Künste

Batman: Hush (little baby, don’t you cry…)

Hush. Große Oper ist diese Batman Erzählung im  praktischen Taschenbuchformat von 15X23cm. Denn nicht nur, dass Batman in der Oper gegen Harley Quinn auftritt, nein, auch eine Vielzahl aller anderen seiner Widersacher setzt dem Dunklen Ritter in dieser famos illustrierten Geschichte zu. Aber es gibt einen, der die Fäden hinter all dem zieht. Nur, wer ist es?

Batman: ganz große Oper

Wir sind wohl beide zu alt geworden…“. Autor Jeph Loeb und Zeichner Jim Lee gaben für diesen Batman aus dem Jahre 2002 wirklich alles. Sie lassen nämlich neben den Schurken, die gegen die verkleidete Fledermaus aus Gotham City auftreten, auch alle seine Freunde vorbeischauen. Darunter ist neben dem Stählernen und einzigartigen Superman natürlich auch Nightwing, Robin, Huntress, Red Hood und Oracle auch James Gordon, der Batman davor zurückhält, einen furchtbaren Fehler zu begehen. Nachdem er sich bei einem Crash von einem Wolkenkratzer ernsthafte Verletzungen zugezogen hat, weil ihm jemand das Bastei durchgeschnitten hat, ist der Dunkle Ritter so heiß, dass er den Joker beinahe kurzerhand erwürgt.

Zwischen Selina und Talia al Guhl

Die aufgestaute Wut, die Schmerzen, die Verzweiflung über sein eigenes Liebesleben lassen ihn beinahe auf dasselbe Niveau seiner Widersacher herabsinken: Batman wird gerade nicht zum Mörder, dank seinem besten Freund Gordon. Abgesehen davon, dass er sein Alter in den Knochen spürt ist er auch noch zwischen zwei Frauen gefangen. Auf der einen Seite die altbekannte Liebesaffäre mit Selina Kyle als Catwoman, auf der anderen Seite die Tochter Ra’s al Ghuls, Talia. Das Gewicht seiner Erinnerungen trägt zusätzlich schwer, denn Batman weiß, wie er selbst sagt, dass er “das Schicksal aller Monster teilt: er ist allein“.

Batmans Freundeskreis

Nur weil du mich küssen darfst…bin ich noch lange nicht Dein Bat-Häschen“, flirtet Catwoman mit Batsy kokett. Also so allein ist er dann doch nicht. In die Oper geht er dann mit seinem alten Freund Elliot, dem Chirurgen, der ihm das Leben rettete. Aber eben auch mit Selina. Was folgt ist ganz großes Kino, denn auf die Idee die Reichen in der Oper auszurauben, darauf kann Harley Quinn unmöglich allein gekommen sein. Die Szene von Batmans Auftritt in der Oper ist sogar auf einer Doppelseite zu sehen, die bis ins letzte Detail alles zeigt. Aber auch düstere Momente werden entsprechend großformatig zelebriert. Das Begräbnis seines Freundes etwa, bei dem Bruce ausgerechnet Walt Whitman zitiert. Bilder, die man nicht so schnell vergisst…

Batmans Schurkenreigen

Neben Poison Ivy, Lady Shiva, Killer Croc, Double-Face, Ra’s al Ghul mit Tochter Talia, dem Riddler ist es aber vor allem eines, das Batman am meisten quält: sein eigenes gebrochenes Herz, wie Alfred, der gerade mal wieder seine äußeren Wunden verarztet, Selina klagt. Batman trägt Narben wie Erinnerungen, andere haben dafür Fotos, meint Selina überrascht, als sie seinen Körper sieht. Direkt über seinem Herzen, die Spuren von mehreren Krallen. “Ich… habe keine Erfahrung. Mit Freunden, Partnern“, resümiert Batman am Ende, “Alles endet mit Verrat und Tod. Wenn ich je dazu fähig war, dann vor der Nacht, in der meine Eltern ermordet wurden“.

Hush, hush, hush…

Wohl eines der besten Batman-Abenteuer, das je geschrieben wurde. “Hush” ist auch in der “DC Must-Have – Batman – Hush” und als “Batman – Hush (Deluxe Edition)” zu haben. Der Titel bezieht sich übrigens auf ein altes Schlaflied für Kinder und bedeutet so viel wie “Psst…!”, also Schweigen, Stille. Dabei sollte man es eigentlich ganz laut allen weitersagen, dass Hush mehr psychologischen Tiefsinn besitzt als so mancher dicke Schinken. “Hush, little baby, don’t you cryoderHushvon Deep Purple, wie man so will…

Jeph Loeb/Jim Lee
Panini Pocket – Batman – Hush
2025, Comics, 312 Seiten, Format: 15X23cm
ISBN: 9783741640858
Panini Verlag
16,99 €

 


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Dawn of DC: Der Pinguin 1

Der Pinguin. Der wohl kleinste und scheinbar niedlichste Antagonist aus der Batman-Schurken Galerie bekommt endlich was er verdient: eine eigene Serie. Oswald Cobblepot alias der Pinguin soll im Auftrag der US-Regierung sein altes Imperium zurückerobern. Aber ratet mal, wer da etwas dagegen hat! Eine Comic-Soloserie für den Schurken, der 2024 auch eine TV-Serie bekommen hat.

Pinguin und die “Force of July”

1941 debütierte der Blicke Dieb erstmals mit Frack, Zylinder, Monokel und Regenschirm. Mit letzterem, in dem sich auch ein Maschinengewehr befindet, eroberte er sich von seiner Iceberg Lounge aus auch sein kriminelles Weltreich. Der Ausgangspunkt dieser neuen Soloserie wird ausgerechnet der Tod des Pinguins. Denn nach der Dark Crisis (Chip Zdarsky) Storyline lässt sich der im Krankenhaus liegende Pinguin von Batman vergiften, was selbstverständlich nur inszeniert ist. Vorerst lebt Cobblepot zurückgezogen als Buchhändler in Metropolis, aber Agentin Nuri Espinoza überzeugt ihn schließlich nach Gotham City zurückzukehren und seine Geschäfte wieder zu aufhzunehmen. Mit seiner Automatik in der einen Hand und einem Glas “Antarctica Glacier Water mit Omega3-Fischöl” sitzt der wie ein Mafiosi zurechtgemachte Gangster an seinem runden Holztisch. Im Hintergrund die blutrote Tapete aus dem letzten Abenteuer eröffnet sich vor dem geistigen Auge des Betrachters ein wohl ebenso blutiger Reigen: “Irren ist menschlich, vergeben göttlich”, so Oswald Cobblepot. Und bald schon sammelt er seine neue Gang, die Force of July, eine Anspielung auf den amerikanischen Nationalfeiertag, um sich. Darunter so illustre Gestalten wie der Ex-Boxer Major Victory, Lady Liberty aka Liberty Torch, der Fingerkünstler Sparkler, die Pflanzenlady Mayflower und die Dublikantin Silent Majority.

Pinguin 1: Lehrjahre eines Verbrechers

Der gute alte Oswald. Anmutig wie ein Schwan, stolz wie ein Pfau, fröhlich wie nie Lerche, fett wie ein Pinguin.” So etwas darf nur seine Ex-Frau Lisa zu ihm sagen, aber sie sagt es voller Bewunderung, denn genau das ist es, was kleine Leute nachweislich brauchen. Auftritt Black Spider. Ein Rückblick in Oswald’s Zeit als Barkeeper für Falcone eröffnet auch die Poesie dieser Neugeburt eines Gossenschnabels: “Nein, zu viel Licht kommt von unten. Das hat meine Ma immer gesagt. Hat gesagt, sie würde mich von hier wegbringen. Mir nen schöneren Himmel zeigen. Und dass man das ganze Universum sehen könnte, wenn man nur diese Stadt verlässt“. Damals war er noch Batmans Barkeeper, denn er war sein Whistleblower und rettete so 37 Frauen das Leben. “Wer benutzt hier wen?“, so das Credo des Pinguins, der eigentlich nur an seinem eigenen Aufstieg arbeitet. Mit Batmans unfreiwilliger Hilfe. Der Pinguin versammelt ein Team aus Killern und anderen Spezialisten um sich und ein Blick in die Vergangenheit und auf das erste Aufeinandertreffen zwischen Batman und dem Pinguin gehören zu den Spezialitäten dieses ersten Bandes einer vielversprechenden, uns erwartenden Serie. Von Eisner-Gewinner Tom King (Batman), Rafael De Latorre (Daredevil) und Stevan Subic (Der Riddler: Das erste Jahr).

Tom King/Rafael De Latorre, Steven Subic
Der Pinguin 1

Reihe: Dawn of DC
2024, Softcover, 176 Seiten, Format: 17X26
Original Storys: The Penguin 1–7
ISBN: 9783741637681
Panini Comics
22,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Modesty Blaise-der weibliche James Bond

Modesty Blaise galt in den Sechzigern als weiblicher James Bond und war doch so ganz anders als der britische Geheimagent. Darauf besteht auch ihr Erfinder Peter O’Donnell in einem Interview, das in dieser Bocola Gesamtausgabe abgedruckt ist. Von 95 Comic-Strips sind bisher ca. 30 Abenteuer in vier Bänden erschienen, also 1963-1968 im Hardcover-Querformat von 30,5 x 28,0 cm.

Ein weiblicher James Bond aus dem Orient

Die herausgeberische Leistung bestand dabei u.a. auch darin hunderte Negative neu einzuscannen und die Qualität der Druckvorlage damit wesentlich zu verbessern, worauf auch im Eingangskapitel von Band 3 näher eingegangen wird. Basierend auf dem Roman “A taste of death” liege ein Manuskript von Tarantino vor. Aber auch Luc Bessons Nikita oder Uma Thurman in Tarantino’s Kung-Fu-Epos Kill Bill gelten als Modeste Blaise Epigonen. Schöpfer Peter O’Donnell sieht in seiner Modeste aber mitnichten ein feministisches Role Model, dafür sei sie viel zu sehr Individualistin, sagt er in einem Interview. Das mag auch an ihrer Herkunft liegen, denn als Flüchtlingskind aus Persien kam sie in der Zeit des Kalten Krieges nach Europa. Mit ihrem “Network” genannten Geheimbund verdiente sie gleich mehrere Millionen Pfund und konnte sich schon in den frühen Zwanzigern zur Ruhe setzen.

Modesty Blaise: Heim, Freunde, Interessen

Da sie sich in ihrem Reichtum aber langweilt, hilft sie immer wieder dem britischen Geheimdienst bei der Verbrecherjagd (eigentlich nur in 2/95 Abenteuern), was sie immerhin mit ihrem prominenten männlichen Pendant verbindet. Aber Peter O’Donnell erklärt die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden: er hat kein Heim, keine Freunde, keine Interessen, Modesty Blaise hingegen hat das alles! Drei Rückzugsorte, Freunde, sie hat ein Privatleben und interessiert sich für viele Dinge. Und vor allem hat sie Willie Garvin, ihren Compagnon, der ihr immer wieder beisteht. Die beiden verbindet eine nicht-sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau, was gleichzeitig natürlich auch die Frage stellt, ob dies überhaupt möglich ist, zwischen Mann und Frau. Aber die beiden haben immer wieder Affären, jedoch nie miteinander.

Freundschaft (ohne Benefits) um der Freundschaft Willen

In einem ihrer Abenteuer mit dem Titel “Der Verräter an der Spitze” geht es auch gleich um den Kalten Krieg und die im Westen und Osten verteilten Spione und Doppelagenten wie Kim Philby etwa, ein Überläufer, den es tatsächlich gab. Blaise und Garvin müssen ein Nest von Verrätern entschlüsseln und entscheiden wer der Maulwurf ist, Ranshaw oder Sefton. Dabei sind ihre Methoden nicht gerade zimperlich, denn sie entführen kurzerhand die Verdächtigten. Bis sich herausstellt, wer der wahre Schurke ist. Dafür engagieren sie sogar den Schauspieler Michael York. Schuyler, ein anderer “Beamter”, versucht nämlich ein Netzwerk an unabhängigen Spionen aufzubauen und wird so zum mächtigen Gegenspieler, da er seinerseits Gerald Tarrant entführte und ihn am Markt für Spione anbietet.

Geheimwaffe M…für Modesty Blaise

Zur Grundausrüstung unserer beiden Helden im Kampf gegen das Böse gehört u.a. die sog. Kongo-Kugel, die Nervenknotenpunkte ausschalten kann und die Betäubungszäpfchen für die Nase, die Gegner für kurze Zeit unschädlich macht. Denn töten, das gibt es für Modesty und Wille nicht. In der Geschichte “Die Wikinger” wiederum kämpfen sie gegen Magnus, den Anführer eines Schmugglerrings, die mit ihrem Motorboot friedliche Reiche überfallen und ausrauben. Aber der Sohn eines Freundes, Mr. Nilsen, der für Magnus arbeitet, soll aus dieser kriminellen Bande herausgelöst werden. Auffallend ist natürlich das Necken der beiden, Willie und Modesty, das fast schon zur Gewohnheit wird in dem vertrauten Arbeitsverhältnis der beiden. So spricht Willie sie oft mit “Prinzessin” an, auch wenn Modesty dann auf ein Fass steigen muss, um ihren Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Praktische Tipps hat sie aber auch für die Leser auf Lager: niemals einem Gegner auf seinem Gelände zu seinen Bedingungen begegnen. Das könnte tatsächlich ins Auge gehen. Wenn man nicht Modesty Blaise heißt.

Bereits bei Bocola erschienen ist auch Modesty Blaise – Band 4, der die kompletten Comicstrips von 1966-1968 beinhaltet und im Hardcover-Querformat von 30,5 x 28,0 cm präsentiert.

Peter O’Donnell/Jim Holdaway
Modesty Blaise, Band 3
2024, 3 abgeschlossene Stories, Hardcover-Querformat (30,5 x 28,0 cm), 144 Seiten, sw mit farbigem Vorwort,
Text: Peter O’Donnell
Vorwort: Nick Jones, Peter O’Donnell und Mike Paterson
Übersetzung: Mik Schulz
ISBN: 978-3-946842-77-4
Bocola Verlag
€ 29.-


Genre: Comic
Illustrated by Bocola

Ava – Die barfüßige Gräfin 

Ava – Die barfüßige Gräfin. Ava Gardner, die Hollywood-Diva der Frühzeit, steht ganz im Mittelpunkt dieses Biocomics, das sie zur Zeit ihres größten Erfolges, “Die barfüßige Gräfin“, zeigt. Auf Primo-Tour in Südamerika macht sie Station in Brasiliens pulsierender Metropole der 1950er Jahre.

Ava: Sabotage durch Howard Hughes

Die Schattierungen der Iris variieren je nach Stimmung: graugrün, wenn die Melancholie sie überfällt, smaragdgrün, wenn Frank Sinatra – ihre einzige, heftige Liebe – in der Nähe ist, saphirblau an Abenden, an denen sie sich betrinkt.” Mit diesen Worten beschreibt Elisabeth Gouslan, Autorin von “Ava, la Femme qui amait les hommes” ihre Ava in ihrem Geleitwort zu vorliegender herausragender Comic-Biographie. Die Leinwandgöttin Ava soll in Rio de Janeiro Werbung für ihren neuen Film “Die barfüßige Gräfin” machen. Aber die zwei Promo-Tage sind ein Wechselbad aus Fanjubel, Skandalen, Presserummel, Rausch und Tränen. Ava dient als Projektionsfläche für Fantasien und Interessen aller Beteiligten, aber eines Morgens will sie nicht mehr mitspielen. Denn es geht das Gerücht, dass ein gewisser Howard Hughes, der wohl reichste Mann der damaligen Welt, alles tut, um ihren Film und die damit verbundene Promotion zu zerstören. Als ihr Presseagent vor Ort verhaftet wird und sie am Flughafen beinahe von ihren Fans zertrampelt wird, ahnt Ava Gardner schon, dass Rio kein Honiglecken werden wird.

Ava Gardner- der Gottesbeweis

Sie kommt in ein Land deren Präsident sich vor zwei Wochen erst selbst gerichtet hat und die Bevölkerung ist keineswegs in guter Laune. “Diese Stadt deprimiert mich, Rene. Ich brauche einen Drink“, sagt Ava zu ihrer Concierge, sich vor dem Spiegel die Haare bürstend. Bald wird auch Rene von einem aufsäßigen Liebhaber kompromittiert und vielleicht steckt selbst dahinter der durchtriebene Millionär, den Ava einfach nicht mehr daten will. Denn es gab schon einmal so ein Date, das in einem Desaster endete. Ava Gardners “erhabene Gleichgültigkeit“, wie ihr schwuler Presseagent es nennt, kommt bald erheblich ins Wanken. Bald ist auch die brasilianische Presse gegen sie, die ihr Hochnäsigkeit vorwirft nur weil sie das Hotel gewechselt hat. “Ihre Arroganz, ihr Alkoholismus und ihre Zügellosigkeit sind uns zutiefst zuwider. Sie bilden sich wunder was ein, dabei sind sie nur eine mittelmäßige Schauspielerin“, fasst es eine Zollbeamtin bei der Ausreise zusammen. Decio Vieira Ottoni, ein Filmkritiker sah das ganz anders: “Ava ist ein Gottesbeweis“, soll er einmal gesagt oder besser im Diario Carioca geschrieben haben. Moralische Vorstellungen sollten eben nie über der qualitativen Bewertung des Berufes einer Person stehen.

Die Zeichnungen von Ana Miralles zeigen Ava Gardner als fantastischen Gottesbeweis, eine klassische Hollywoodiva und Leindwandgöttin, schöner vielleicht sogar, als sie es in Wirklichkeit war. Vor allen Dingen aber zeigt Szenarist Emilio Ruiz, dass es eine Frau damals genauso so schwer hatte, wie heute gegen alte weiße Männer etwas auszurichten.

Emilio Ruiz
Ava – Die barfüßige Gräfin
Zeichnung: Ana Miralles · Szenario: Emilio Ruiz
2024, gebunden, 112 Seiten, Farbe
ISBN: 978-3-96582-166-8
Schreiber&Leser
€ 24,80


Genre: Biographie, Comic
Illustrated by Schreiber&Leser

Zum Sterben schön

Anfang der Neunziger im spanischen Andalusien wird Hugo durch einen Telefonanruf aus seinen Grübeleien gerissen. Eine verwirrte junge Frau mit seiner Telefonnummer in der Hand wurde in einem abgelegenen Winkel Andalusiens gefunden, er solle doch kommen, um sie abzuholen.

Ausbruch in die Freiheit

Chivas Regal am Verstärker, Pink Floyd’s Dark Side of the Moon in den Ohren und ein paar aufgebrachte Nachbarn später bricht Hugo auf, die Frau zu suchen, die seine Telefonnummer hat. Aber was Hugo nicht weiß, ist, dass noch ein anderer Mann nach dieser Frau sucht und der kennt sie wirklich. Er ist ihr Ehemann und vor ihm ist sie wahrscheinlich geflüchtet. Die Frau, die ihn anrief, wohnt mit ihrem leicht debilen Sohn Louis im Nirgendwo Andalusiens an einer Landstraße. Es kommen nicht viele Menschen dort vorbei und die Einkünfte von Frau Soler sind gering. Warum sollte sie ihr Einkommen also nicht mit etwas Hilfe von Fremden aufbessern? Auf seiner Reise in die Provinz wird der Junge von ein paar spanischen oder andalusischen Rednecks auseinander genommen, gerade als er die Spur der geheimnisvollen jungen Frau aufgenommen hat. Die Einfältigkeit der Menschen am Land für die jeder Fremder ein Verdächtiger ist macht auch vor Hugo nicht Halt. Diese Erfahrung macht wohl jeder junge Mensch, der alleine reist. Seguso, der Ehemann ist bei seinen Recherchen weniger zimperlich, er benimmt sich ebenfalls wie ein Redneck, ist unfreundlich und brutal. Als ein Mechaniker auf einer Reparaturwerkstätte ihn als Versicherungsmakler einschätzt, läßt er ihm seinen Glauben. Er hat kein Interesse an der Wahrheit oder an Gesprächen. Da ist Hugo ganz anders und als er Maria schließlich findet, sieht sie ihm in sein gutes Herz. Aber am nächsten Tag ist sie verschwunden.

Zum Sterben schön

Jetzt muss sich Hugo beeilen, denn er ahnt, dass es da einen Ehemann gibt, der diese Maria ebenfalls suchen könnte. Eine spannende Verfolgung durch die Sanddünen Andalusiens beginnt an deren Ende leider nicht nur die ewiggestrigen Franksten auf der Strecke bleiben, sondern auch das Gute dieser Welt. Denn die andalusische Wüste birgt ein grausames Geheimnis, das jeder auf seine Art entdecken und verarbeiten muss. Hugo ebenso wie Seguso. Oder handelt es sich vielleicht doch alles um eine Verwechslung? Meisterhaft zeichnet Jean-Michel Beuriot im sepiafarbenen Gelb- und Goldtönen, sowohl die Wüste als auch ihre Protagonist:innen bekommen ihr ganz besonderes Denkmal. Denn Szenario Philippe Richelle hat sich ein ganz besonderes Verwirrspiel und viele Plot Twists überlegt um die Leser:innen auf den Holzweg zu führen. Oder sollte man sagen durch die andalusische Wüste? Ein lesenswertes Abenteuer, das sowohl die Schönheit der Wüste als auch die einer neu entflammten Liebe zeigt, aber auch vor Besitzansprüchen warnt. Denn die wahre Liebe gedeiht nur in Freiheit.

Philippe Richelle
Zum Sterben schön
Zeichnung: Jean-Michel Beuriot · Szenario: Philippe Richelle
2024, gebunden, 88 Seiten, Farbe
ISBN: 978-3-96582-169-9
Schreiber&Leser
€ 22,80


Genre: Comic
Illustrated by Schreiber&Leser

Die Rache von Moon Knight 1

Moon Knight. Autor Jed Mackay und Zeichner Alessandro Cappuccio legen wieder ein unwiderstehliches Abenteuer des wohl dunkelsten Marvelheldens der Comic Geschichte vor: Marc Spector besser bekannt als Moon Knight und die Faust des Khonshu, ist tot.

Priester, Angst der Dämonen

Superheldin Tigra, Khonshus anderer Avatar Hunter’s Moon sowie die guten Vampire Soldier und Reese müssen Marcs Mission nun ohne ihn fortsetzen. Aber bald taucht ein Trittbrettfahrer auf, der sich ebenfalls in das Kostüm Moon Knights, ein in Schwarz gehüllter Mondritter, zwängt und die anderen herausfordert, sich ihm nicht in den Weg zu stelen, denn sonst würde er sie töten. Ist Marc wirklich zurück und nur persönlichkeitsverändert? Oder wer verbirgt sich wirklich hinter dem Schwarzen Cape mit der Mondsichel im Wanst? Kurz taucht auch Mr. Grimm von den F4 auf, dieses Mal im Anzug und mit Schlips, denn schließlich geht es um das Begräbnis eines Freundes. Wer hat sich da noch versammelt? Eightball ebenso wie Captain America, Dr Strange, der Bogenschütze uvam. “Es gibt nur eins, wovor sich Dämonen führten: Priester!” Und da taucht auch schon Hunter’s Moon auf, ganz in weiß. Bald muss auch Tigra ihre scharfen Krallen ausfahren und gesteht: “Ich wurde zur Superheldin. Cat. Aber irgendwann war es nicht mehr nur ein Kostüm. Ich wurde Tiara. Die Werwölfin. Und ich war endlich ganz ich selbst.”

Moon Knight: wenn sich zwei oder mehr in deinem Namen versammeln

Die bestechenden Zeichnungen vom italienischen Starzeichner Alessandro Cappuccio (Mighty Morphin Power Rangers), der mit einem Caravaggio Schatten Licht inspirierten Zeichenstift über die spannenden Comicheften hinwegfegt und doch voller Details alle Einzelheiten nachschärft sind sicherlich schon mal ein großes Lesevergnügen. Aber auch die Story von Jed Mackay (Avengers, Dr. Strange) macht Lust auf mehr. Mehr von Moon Knight, der vielleicht doch nicht so tot ist, wie er scheint. Oder doch? “Die Mitternachtsmission ist eine Gang. Wir haben unser Revier. Wir haben unser Klubhaus. Wir kümmern uns um unsere Leute.” Was wiederum beweist, dass jemand erst tot ist, wenn man nicht mehr von ihm spricht oder alle die ihn kannten nicht mehr leben. Und selbst dann: the Spirit always stays alive. Es reicht mitunter, wenn sich einige in deinem Namen versammeln. Das kennen wir auch aus der christlichen Mythologie. Und es funktioniert seit mehr als 2000 Jahren. Mehr oder weniger. “Der Wunsch nach Strafe ist stärker als Trauer“, erklärt Hunter’s Moon seine Entspanntheit. Aber jeder weiß, was eine Raubkatze vor dem großen Sprung macht.

Jed Mackay
Die Rache von Moon Knight 1
Original Storys: The Vengeance of Moon Knight (2024) 1-4
2024, Softcover, Klebebindung, 104 Seiten, Format: 17 X2 6
ISBN: 9783741639043
Panini Comics
13,00 €

 


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Batman – City of Madness

Batman. Ein Cthulhu-Batman? Wo hat man so etwas schon gesehen? Der Cthulhu-Mythos des Fantasy-Horror-Schriftstellers H. P. Lovecraft trifft auf die Batman-Legende. Seit Jahrzehnten ist das Tor zwischen Gotham Above und Gotham Below versiegelt, doch nun wird es exklusiv für dieses Black Label Comic geöffnet. Und endlich taucht ein alter Freund wieder auf: Two-Face.

Batman im Cthulhu-Mythos Lovecrafts

Das Black Label bietet den Erzählern und Zeichnern des Comics die Möglichkeit, dem klassischen Kanon zu entfliehen und neue Welten zu erschaffen. Eine dieser kunterbunten, verrückten und in LSD-Farben getauchten Abenteuers ist  City of Madness, das die Kehrseite von Gotham City zeigt, eine Welt in der alles anders ist, ein lebendig gewordener Albtraum, bevölkert von verdrehten, abartigen Spiegelbildern der Bewohner der Oberwelt und genährt von der Angst und dem Hass, die von dort herabströmen. Die eigenständige Story von Eisner-Award-Gewinner Christian Ward (Aquaman: Andromeda) zeigt das tief unter Gotham City Verborgene, ein zweites Gotham, dessen Tor besser verschlossen bliebe oder neu versiegelt werden sollte. Aber die Geister, die man rief, wird man bekanntlich schwer wieder los. Der Rat der Eulen spielt ebenso eine Rolle, wie ein Batman, der durch die Gänge von Arkham Asylum auf der Suche nach einer Antwort irrt. “Vielleicht hätte es nie einen Batman gegeben, wenn er über seine Gefühle geredet hätte”, resümiert Barbara Gordon alias Batgirl und spricht damit natürlich auch Batman persönlich an, der diesen Ort vielleicht ebenso geschaffen hat wie der Joker.

Freud lässt grüßen

Ich habe ein Geschichte für Sie. Sie ist vielleicht so alt und beständig wie Stein. Nur die Namen und Gesichter ändern sich. Im Kern geht es um die Liebe“, schreib der treue Alfred und beschreibt damit auch sein eigenes Trauma. Arthur Fleck würde ihm wahrscheinlich beipflichten, denn auch der hätte mehr “Zeit zum Reden” gebraucht. Christian Ward beschloss auch genau aus dem Grund, selbst Comics zu machen. Denn schon als Kind traf ihn eine Art Blitz als er die ersten Comics durchblätterte, auf der Suche nach einer Offenbarung. “Nicht nur konnten sie unterhalten und eine Geschichte erzählen, nein, sie konnten Gefühle wecken.” Sensationelle Bilder, die einerseits enthüllen andererseits gekonnt verschleiern, treffen auf eine düstere Black Label Story, die den Horizont der Batman-Legende um eine weitere Nuance erweitert: Gotham Below. Denn jeder weiß, dass der Keller auch der Sitz dessen ist, was Sigmund Freud das “Es” nannte. Bedürfnisse, Libido oder Destruktion lagern dort, im Verlies, jederzeit bereit aufzupoppen und das Über-Ich zu ersetzen, um das Ich zu kontrollieren. Diese Dreiteilung der menschlichen Psyche und des Gehirns, eine Trinität des Menschen, wird in City of Madness zeichnerisch umgesetzt wie ein Farbenrausch unter der Regie von Two-Face. Graphisch und inhaltlich ein Abenteuer der Sonderklasse.

Christian Ward

Batman – City of Madness

Original Storys: Batman: City of Madness 1–3

Autor: Christian Ward

Zeichner: Christian Ward

2024, Hardcover, 176 Seiten, Format: 24.5 X 31.5

ISBN: 9783741640148

Panini

35,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Die Krake im Nacken

Die Krake im Nacken. Zerocalcare ist einer der bestverkauften zeitgenössischen Comiczeichner Italiens. Sein neuestes Werk ist wieder autobiografisch und autofiktional zugleich. Nach seinem autobiografischen Reisebericht im syrisch-türkischen Grenzgebiet, “Kobane Calling” (2017) und der Fortsetzung “No sleep Till Shingal” (2022), thematisiert er in “Vergiss meinen Namen” und “Die Krake im Nacken” wieder seine Familiengeschichte.

Die Krake (der Reue) im Nacken

Drei Freunde, ein Schulhof, ein dunkles Geheimnis. In “Die Krake im Nacken” führt uns Zerocalcare, bürgerlich Michele Rech aus Arezzo, zurück in seine Schulzeit, in der Mutproben, langweilige Unterrichtsstunden und die erste Liebe den Alltag prägten. Zerocalcare und seine Freunde machen außerhalb des Schulgeländes einen mysteriösen Fund. Dieser sorgt alsbald nicht nur in der Schule für Durcheinander, sondern bringt auch Zero selbst in Schwierigkeiten. Aber: “Die Zughörigkeit zu einer Gemeinschaft basiert u.a. auf geteilten Grunderfahrungen”, da gehören Taufe, Kommunion und andere Rituale eben eindeutig dazu. Und dazu kommt noch der Gruppendruck, die seltsame Dynamik die sich zwischen Jugendlichen in der Pubertät entwickelt. Nicht nur eine Menge Progesteron wird hier von den Halbwüchsigen im Putzmittel vermutet, sondern auch eine Menge Testosteron wabert in einer Holzhütte herum, wo sich ziemlich “stereotype Frauenbilder” an den Wänden befinden. Natürlich spielt dies auf die weit verbreitete Selbstbefriedigung an, die nicht nur in den 80er als “wichsen” bezeichnet wurde. Im Leben jedes Jugendlichen gibt es diesen “Sliding Doors Moment”, in dem man sich entscheiden muss.

Die Krake der Gewissensbisse

Die “Krake im Nacken” steht – so viel darf verraten werden – sinnbildlich für die Reue. Nicht unbedingt für die Reue über die Selbstbefriedigung, vielmehr über die Reue an sich. “Calcare nicht rennen, wer rennt zeigt Begeisterung”, maßregelt ihn ein Kumpel und bremst seine Begeisterung gleich ein. Denn wer will in dem Alter nicht cool rüberkommen? Eine Notlüge später sind sie dann da, die Gewissensbisse, die Zerocalcare von nun an für den Rest seines Lebens begleiten werden. Seine Jugendlichen hat Zerocalcare mit spitzem Stift sehr gut getroffen, er porträtiert aber auch vermenschlichte Tiere und die Helden seiner Kindheit wie etwa Kurt Cobain, Che Guevara u.a. Zerocalcare macht die emotionalen Turbulenzen und Beklemmungen der Adoleszenz fühl- und greifbar. In drei Episoden erzählt Zerocalcare ehrlich und humorvoll vom Erwachsenwerden, von der Grundschulzeit, den turbulenten Jahren der Mittelstufe und seinen Anfängen als Blogger und von den Herausforderungen, die jede dieser Lebensphasen mit sich bringt. Die im Titel angesprochene Krake im Nacken wird zum Symbol für Schuldgefühle, die einem den Hals zuschnüren, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Auf Netflix sind zwei von Zerocalcare gezeichnete Serien erschienen, die zu den meistgesehenen italienischen Serien überhaupt aufstiegen. Eine Entdeckungsreise in die eigene Adoleszenz und ein Moment der Rückschau, der uns allen vielleicht wieder einmal gut tut, besonders natürlich in so unterhaltsamer Form wie in einem Comic.

Zerocalcare
Die Krake im Nacken
Text & Zeichnungen: Zerocalcare
Übersetzung aus dem Italienischen von Myriam Alfano
2024, 192 Seiten, Hardcover, 17 x 24,5 cm, schwarzweiß
ISBN: 978-3-96445-125-5
avant-verlag
25,00 €

 


Genre: Autobiographie, Comic
Illustrated by Avant Verlag

Der Götzendiener

Der Götzendiener. “Ich werde von nichts anderem reden als von mir“, kündigt eines der Alter Egos großspurig an. Der Texter und Zeichner des Bestsellers “Die Katze des Rabbiners“, Joann Sfar, legt mit der “Götzendiener” sein bisher persönlichstes Werk vor. Denn es geht um nichts weniger als Idolatrie, den Götzendienst, eigentlich eine Sünde in vielen Glaubensgemeinschaften.

Lust an der Teilhabe

Auch im Judentum, dem seine Familie angehört, ist es eigentlich verboten, ein Bild anzubeten oder sich Bilder zu machen. “Die Götzenanbetung! Wenn du ein Bild mehr liebst als die Wirklichkeit, dann bist du verloren”, gibt ihm eine seiner Freundinnen zu bedenken und wie der Protagonist aus eigener leidvoller Erfahrung weiß, kriegt man auch keinen hoch, wenn man beim Sex Bilder im Kopf hat. Zumindest als Zeichner. Der junge Alter Ego von Joann Sfar lebt in Nizza und liebt die Pizzeria der Cresci-Brüder, weil sie Cantal-Käse statt Mozzarella verwenden. Als er das erste Mal Bilder von Chagall im Museum hängen sieht, wird er inspiriert, denn gerade die Einfachheit der Bilder ermuntere auch Kinder, den Zeichenstift zur Hand zu nehmen: “Das kann ich auch!” Chagall lade eben zur Teilhabe ein, anders als etwa Asterix: “Die Lust an der Teilhabe. An der Imitation: Meine Kinder-Kritzeleien zerbröselten angesichts der Perfektion von Asterix. Vor Asterix blieb mir der Zugang zur Kunst verschlossen. Einige Jahre später hat sie sich dank Chagall geöffnet.”

Zeichnen als Überlebenselixier

“Genau deswegen sind Fotos auf jüdischen Gräbern verboten. Man soll die Erinnerung an einen Verstorbenen nicht erstarren lassen”, erklärt ihm ein Rabbi. Götzenanbetung sei, wenn man sich lieber einem Bild anvertraut als der Welt. “Sieh nicht mehr das Bild an”, rät er ihm beim Betrauten eines Fotos seiner Mutter, “Sag ihren Namen und sprich mit ihr! Ein Bild verwehrt den Dialog. Es ist wie eine verschlossene Tür. Ein Foto, das ist der Grabstein.” Lustig wird es, wenn sich der kleine Joann Fragen zur Regel stellt, denn im Französischen ist es dasselbe Wort wir für Lineal. “Nichts existiert außerhalb des Bildes“, meinte schon Fritz Lang. Sein Vater unterstützt die Zeichenversuche seines Sohnes halbherzig, denn er weiß, dass es nie ein ökonomisches Modell um vom Zeichnen zu leben existiert hat. Joann schickt nichtsdestotrotz alle seine Zeichnungen an die unterschiedlichsten Verlage, bis er endlich bei Castermann arbeitet, allerdings in einer anderen Abteilung als gewünscht. Dennoch reicht der Hinweis auf den Verlag schon, um das Selbstbewusstsein zu steigern: “Es ist sehr wichtig zu lügen! Zunächst animiert es dazu, sich auf die Höhe unserer Märchen zu schwingen.”

Kindheitserinnerungen einer Halbwaise

Der Götzendiener” beschäftigt sich mit der Abwesenheit der Mutter des Autors, denn diese starb, als er noch ein Kleinkind war. Vielleicht hat dieser (zu) frühe Verlust seinen Werdegang als Künstler beeinflusst. Joann Sfar blickt zurück auf seine Kindheit und die prägendsten Momente und Begegnungen auf seinem Weg zum gefeierten Comicautor. Joann Sfar wurde mit dem Max und Moritz-Preis für sein herausragendes Lebenswerk beim Comic-Salon Erlangen 2024 geehrt.

Joann Sfar
Der Götzendiener
Text & Zeichnungen: Joann Sfar
Übersetzung aus dem Französischen von Marcel Le Comte
2024, Hardcover, 208 Seiten, 21 x 28 cm, vierfarbig
ISBN: 978-3-96445-107-1
avant-verlag
30,00 €


Genre: Autobiographie, Comic
Illustrated by Avant Verlag