Anton und Alma

Judentum aus Sicht der Gen-Z

Der zweite Roman von Dana Vohwinckel deutet schon mit dem Titel «Anton und Alma» an, dass es sich um eine Liebesgeschichte handeln dürfte. Sie ist in der Jetztzeit angesiedelt und schildert die Beziehung ihrer Protagonisten aus wechselnden Perspektiven, wobei das Geschehen eng mit den aktuellen politischen und militärischen Konflikten in Nahost verknüpft ist. Zudem spielen neben den sozialen auch die verschiedenen religiösen Prägungen der Hauptfiguren eine entscheidende Rolle, Anton ist Jude, Alma Christin. Das jüdische Leben in Deutschland heutzutage zusammen mit dem unkonventionellen Stil, in dem davon erzählt wird, dürfte denn auch entscheidend dazu beigetragen haben, dass dieses Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 ausgewählt wurde, ein großartiger Erfolg für die junge Autorin.

Die gemeinsame Herkunft aus Berlin verbindet Anton und Alma, als sie sich  im Rahmen eines Schüleraustausches in der Bretagne kennen lernen. Jahre später treffen sie sich als Studenten an der Uni in Berlin auf einer Party wieder und verlieben sich ineinander. Während Anton aus einer gut situierten Akademiker-Familie stammt, wuchs Alma mit ihrer Mutter und dem lieblosen Stiefvater in eher bescheidenen Verhältnissen am Stadtrand von Berlin auf. Nach einigem Hin und Her in der Beziehung, nach Streitereien und Versöhnungen ziehen sie aber schließlich doch zusammen. Als Anton später ein Angebot annimmt und ohne Zögern nach New York geht, um dort als Historiker seine Masterarbeit über die wissenschaftlich umstrittene Massen-Konversion des nomadischen Turkvolks der Chasaren zum Judentum zu schreiben, bleibt Alma total enttäuscht allein zurück. Sie nähert sich nun, animiert von einer Freundin, allmählich der jüdischen Gemeinde, wodurch sie auch Trost findet über die schmerzliche Trennung von Anton. Der unsägliche Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und der bis heute andauernde Gazakrieg führte zu einer polarisierten Stimmung sowohl auf dem Campus als auch innerhalb der Familie von Anton, so dass er schließlich nach mehr als einjähriger Abwesenheit aus New York in die Zweisamkeit mit Alma zurück kehrt. Obwohl er sie so schnöder verlassen hat, nutzt er sie völlig schamlos aus, indem er sich wie selbstverständlich einfach bei ihr einquartiert.

Es ist keine Romeo-und-Julia-Story, die man da liest, es sind vielmehr die Geschichten zweier Familien, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, und deren Gegensätze prallen stellvertretend in dem jungen Paar fast ungebremst aufeinander. Die Autorin kritisiert in ihrem Roman den linken Antisemitismus ebenso wie die Ignoranz der Rechtsextremen den Palästinensern gegenüber. Ihre Protagonistin Alma ist entfernt mit Martin Bormann verwandt, einer der schärfsten Vollstrecker bei der Judenverfolgung der Nazis, der ihr Ur-Ur-Großonkel war. Diese politische Gratwanderung der Autorin hinterlässt tiefe Spuren in den diesbezüglichen Diskursen der verschiedenen Charaktere des Romans. Dabei erweist sich die geschickt gewählte Doppelperspektive in den immer wieder aufbrechenden Disputen zwischen Anton und Alma als äußerst nützlich zur Verdeutlichung der hoffnungslos ineinander verkeilten, politischen Akteure.

ntgegen aller Ankündigungen ist dieser oft allzu weit ausholende Roman alles andere als ein Liebesroman, wir lesen auf 535 Seiten vielmehr eine scharf analysierende Geschichte über jüdisches Leben im heutigen  Deutschland aus Sicht der Gen-Z. Vor allem in den Dialogen wird hier folglich auch unbeirrt in einem extremen Jugendsprech erzählt, der so manches ältere Semester unter den Lesern mit unbekannten Ausdrücken und Redensarten ziemlich verblüffen dürfte. Man kann das wohlwollend natürlich auch als ein unfreiwilliges, vor Anglizismen strotzendes Update des eigenen Wortschatzes ansehen. Leider aber bleiben die Protagonisten emotional wenig berührend, man kann sich beim besten Willen kaum mit jemandem von ihnen identifizieren. Kein üppiger Wohlfühlroman also, den man da zu lesen bekommt, aber seiner anspruchsvollen Thematik wegen ein zum Weiterdenken anregender, der wichtig ist und voll in die Zeit passt!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert