Was ich mir wünsche – Gedichte aus Liebe

Was ich mir wünsche – Gedichte aus Liebe

In der Bibliothek Suhrkamp zum 75-jährigen Jubiläum des Verlages erscheinen die letzten Gedichte aus der Feder des Dichter, Dramatikers, Filmschaffenden und Übersetzers Thomas Brasch (1945–2001). Obwohl er nur 56 Jahre alt wurde, hat er ein reichhaltiges Werk hinterlassen. Die vorliegende Texte stammen aus Braschs Nachlass und werden erstmals publiziert.

Gedichte der Liebe aus dem Nachlass

Seine Texte standen stets in der Tradition der Romantik und der europäischen Avantgarde, schreibt Thomas Wild im Nachwort. Seine “Gedichte aus Liebe” über die Abwesenheit von Liebe sind oft nur Skizzen, Augenblicksnotizen, Momentaufnahmen und dennoch verschaffen sie einem genau die Atempause, die wir alle brauchen. “Erzähle heißt atmen lernen”, heißt es da ja auch an einer Stelle, Lesen heißt Zuhören und der eigenen Resonanz auf die Stimme eines anderen zu lauschen. Bei den vorliegenden Texten aus dem Nachlass, die hier erstmals publiziert werden, werden jene, die keine klaren Titeln tragen mit den Anfangszeilen als Incipit in Majuskeln wiedergegeben, um sie auffindbar zu machen. Auch wenn Thomas Braschs Ansicht nach ein Gesicht auch titellos mit dem ersten Vers beginnen können müsse. Der Gedichtzyklus zum Mädchenmörder Brunke, ein älteres Werk von Brasch, wird hier ebenfalls wiedergegeben und gibt Rätsel auf. Denn der tatsächliche Kriminalfall ist bis heute ungelöst. “Jetzt is Brunke/berühmt.Jeder kenn ihn. Er ist/bekannt und wird schon vermißt/Keiner gibt ihm mehr die Hand/jetzt ist er schon wieder unbekannt“. Der kurze Ruhme eines vielleicht zu Unrecht Verdächtigten?

Gedanken aus Liebe (über sich selbst)

“Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber/wo ich bin will ich nicht mehr bleiben, aber/die ich liebe will ich nicht verlassen, aber/die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber/wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber/wo ich sterbe, da will ich nicht hin:/Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“. In diesen Zeilen fasst Thomas Brasch wohl das Dilemma eines jeden jungen Menschen zusammen, der auf der Suche nach Orientierung durch die Wälder des Lebens streift. Oft ist es die erste Liebe, die als Kompass durch die Wogen des Meeres kaum taugt: “Ich will dein Land sein. Sei mein Rest.” Dieses Land wolle er lieben, aber er hasst es dennoch, wie es sich darin lebt: “(…)Es klebt/mir an meinen Schuhen und/mein Weggehn schwer/aber spricht aus meinem Mund/und macht meine Hände leer“. Und wenn das Land die Metapher für die Liebe ist, dann wird darum “gejammert/doch mich mich selber entbehrt./Mein eigenes Haus zum Theater gemacht/drin eingeschlossen und ausgedacht.” Sind es wirklich die Annas und Sophies, die Lisas und Ritas oder gar Sybille und Marie, die ihm ein Zuhause geben können? “Dich beobachtet keiner“, muss er bald einsehen, “daß du der einzige bist der ohne Pause über dich nachdenkt“.

In der Liebe die Unabhängigkeit zu verlieren, davor hatte er Angst, vor dem Verlassen werden, aber auch davor, “zu viel geredet und zu selten geschwiegen” zu haben. Dabei suchen wir doch alle die Ferne in der Nähe und dann schnell das Weite. “Schön, wie Verlust die Lust ersetzen kann”, heißt es dann lakonisch. Denn er will nicht mehr das Spiel zwischen Mann und Frau spielen, das alle spielen. Aber dafür ist kein Mensch gemacht, “daß er allein lebt Tag und, schlimmer, Nacht.”

Thomas Brasch
Was ich mir wünsche
Gedichte aus Liebe | 75 Jahre Bibliothek Suhrkamp
Herausgegeben von Thomas Wild
2026, fester Einband mit Schutzumschlag, 96 Seiten
ISBN: 978-3-518-24457-9
Suhrkamp Verlag
18,00 €


Genre: Gedichte
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

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