
Der Schatz – Eine böhmische Familiengeschichte
Der deutsche Sozial- und Kulturhistoriker Philipp Ther überrascht mit einem sehr persönlichen Buch über seine böhmische Familie. Frei nach dem Motto “das Persönliche ist politisch” gräbt er einen alten Familienschatz voller Archivalien und Ego-Dokumenten, wie man etwa persönliche Briefe in der Fachsprache nennt, aus.
Eine böhmische Familiengeschichte
Der Wittgenstein-Preisträger ist auch Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Seine Werke “Ethnische Säuberungen” im modernen Europa” (2011), “Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa” (2014) und “Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa” (2017) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Mit seiner persönlichen, “böhmischen Familiengeschichte” legt er die Verstrickungen der eigenen Familie in den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei und des Nationalsozialismus bloß und rekonstruiert das Schicksal der jüdischen Mieter des Familienbesitzes und die Traumata seines Vaters, der mit sechzehn gleich zweimal zum Volkssturm musste. Ein quasi realhistorischer Familienroman wird so einem Porträt einer bestimmten zentrapeuropäischen Region, die lange im Schatten des Eisernen Vorhangs lag und gemeinhin als mitteleuropäisches Schicksal bezeichnet werden kann. Denn nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns war diese Region dem Zugriff der beiden dominierenden Großmächte – Deutschland und Russland – immer wieder ausgesetzt. Eine Identität also, die sich durch Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt der Bedrohung durch vielleicht manchmal übertriebene Nationalpolitik auszeichnete. Denn eines gelang weder den Nazis noch den Kommunisten: aus Mitteleuropa eine homogene eintönige ethnische und kulturelle Landschaft zu machen.
Repatriation oder Heimatverlust
Philipp Ther schreibt aber nicht nur über die makrohistorischen Zusammenhänge wie etwa die Revolution von 1989, die aus der Tschechoslowakei 1991 dann zwei Staaten machte, sondern auch über mikrohistorische. Er bereist mit seinem Vater, ebenfalls ein ambitionierter Historiker, die Orte ihrer gemeinsamen Familiengeschichte, trifft sich mit Überlebenden und kostet auch von der Knödeln, wie er lustvoll beschreibt. So gelten etwa Gräber in Tschechien immer noch als privates Eigentum, was sogar von den Menes-Dekreten unangetastet blieb. So kommt Eher zur familiären Familiengruft in Hohenelbe, die allerdings erst restauriert werden muss. Aber auch dafür findet der vife Historiker eine intelligente Lösung. Der Leser wird auch in die grundlegenden Ausspracheregeln des Tschechischen eingeweiht, die auf den Theologen Jan Hus zurückgehen, der von den Katholiken 1415 am Altstädter Ring in Prag öffentlich verbrannt wurde. Als Sozialhistoriker wolle er “sich nicht mit dem Einzelfall wie meinem Vater begnügen, um einen größeren Zusammenhang aufzuzeigen, hier zwischen Heimatverlust und intimen Beziehungen, oder noch etwas abstrakter gefasst, zwischen Hass und Liebe.” Deshalb greife er auch auf die Geschichte “seiner weiteren Familie samt ihrer angeheirateten Mitglieder” zurück, so Ther. Es geht im aber um nicht um das Begleichen alter Rechnungen, sondern vielmehr um eine neue Bewertung der Vertreibung der “Deutschen”. Letztere sei einfach eine “schnellere und einfachere Alternative” zu juristischen Prozessen gewesen, wenngleich um den Preis, “dass zahlreichen Nationalsozialisten ungeschoren davon kamen”.
Philipp Ther
Der Schatz
Eine böhmische Familiengeschichte
Mit zahlreichen Abbildungen
2026, fester Einband mit Schutzumschlag, 271 Seiten, dekoratives Vorsatzpapier
ISBN: 978-3-518-43324-9
Suhrkamp Verlag
28,00 €