Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

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Für Samia Yusuf Omar erfüllt sich 2008 ein Traum: Sie darf für Somalia an den Olympischen Spielen teilnehmen. Obwohl sie Letze wird, avanciert sie zum Publikumsliebling. Zurück in Somalia machen ihr aber wieder die schlechten Trainingsbedingungen zu schaffen. Die Bahnen, auf denen sie läuft, sind von Granaten durchlöchert, und sie hat weder gute Trainingskleidung noch ausreichend zu essen. Deshalb beschließt sie, ein somalisches Trainingscamp aufzusuchen, um für Olympia 2012 trainieren zu können. Aber das Training in diesem Camp wird ihr verweigert – weil sie eine Frau ist. Die Männer weigern sich kategorisch, mit einer Frau zu trainieren. Auch sonst hat es Samia nicht leicht in Somalia, weil muslimische Fundamentalisten Frauen in allen Bereichen das Leben schwer machen. Deshalb fasst sie einen folgenschweren Entschluss: Sie will mit ihrer Tante zu ihrer Verwandten nach Europa flüchten.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Samia nahm an den Olympischen Spielen 2008 teil und wollte ein paar Jahre später nach Europa flüchten, um dort bessere Trainings- und Zukunftsmöglichkeiten zu haben. Auf der Flucht ertrank sie in einem der schlecht ausgestatteten Schlauchboote.

Flüchten als allerletzte Option

Schon das Cover macht deutlich, worum es in der Graphic Novel geht: um einen Traum und um diejenigen, die diesen Traum behindern und sogar unmöglich machen. Der erschöpft-leidvolle Ausdruck der Protagonistin und ihr dürres Äußeres machen die Qualen deutlich, denen sich Samia ausgesetzt sah, um ihren Traum zu verwirklichen.

Der in schwarz-weiß gehaltene Comic geht auf die Dinge besonders stark ein, die Samia davon abgehalten haben, ihren Traum erneut zu leben, und die letztlich zu ihrem Tod geführt haben: Diskriminierung der Frauen, Fundamentalisten, Diktatur, Bürokratie, kriminelle Machenschaften. Wäre Samia – als erste der Stellschrauben, die Samia massiv behindert haben – nicht als Frau diskriminiert und im Traininglager aufgenommen worden, wären ihr all die späteren Qualen und ihr Tod erspart geblieben. Denn diese Ablehnung führt dazu, dass sie woanders trainieren will, aber durch die Bürokratur behindert wird. Und das wiederum führt dazu, flüchten zu wollen und dabei den Machenschaften der Schlepper ausgeliefert zu sein.

Das macht schon das grundlegende Problem deutlich: Wenn Menschen in ihrer Heimat gute Bedingungen vorfinden, bleiben sie dort. Niemand verlässt aus Jux und Dollerei sein Zuhause! Sind die Bedingungen schlecht (Hunger, Diskriminierung, Gewalt, Korruption…), entschließen sich Menschen schweren Herzens dazu, ihre Heimat zu verlassen. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn die Politik es schaffen würde, menschenfreundiche Bedignungen herzustellen (auch die Politik des Auslandes), dann würden die Menschen auch in ihren Ländern bleiben wollen. Eine Politik der Abschreckung und der Grenzziehung erreicht niemals ein gutes Ziel – Flüchtlinge werden sich nicht abschrecken lassen, da die Bedingungen in ihrer Heimat schlicht zu grauenvoll sind. Im Vor- und Nachwort gehen sowohl der Autor als auch Elias Bierdel (Journalist und Mitglied bzw. Gründer diverser Menschrechtsorganisationen) auf diese schlimmen Bedingungen ein, unter denen Menschen flüchten und was sie auf ihrer Flucht erleiden.

Und – leider wie immer – haben Frauen in solch menschenfeindlichen Staaten doppelt und dreifach zu leiden. Ihnen wird viel mehr noch als den Männern ein menschenwürdiges Leben schlicht unmöglich gemacht. Das wird im Comic mehr als deutlich.

Das Schwarz-Weiße unterstreicht diese bedrohliche Situation und den bedrohlichen Alltag noch und ruft eine beklemmende Stimmung hervor. Aber all das hebt auch die unglaubliche Stärke und den Mut dieser jungen Frau hevor, die bereit ist, etwas aus ihrem Leben und ihren Talenten zu machen und ihren Traum zu verwirklichen – selbst auf die Gefahr hin, ihr Leben zu verlieren. Aber – und auch das zeigt der Comic von Anfang an – das Leben in einem fundamentalistisch regierten Land, v.a. als Frau, ist tagtäglich lebensgefährlich. Samia hat also eigentlich nichts mehr zu verlieren, als sie sich auf den Weg macht.

Der Comic steht für alle Flüchtlinge, die aus Leid und Not heraus fliehen.

Mir persönlich hat der eckige Zeichenstil nicht so zugesagt, aber als Metapher für die vielen scharfen Kanten des Lebens ist er allerdings wieder passend. Ich persönlich hätte mir auch mehr Ausgestaltung der Geschichte gewünscht; sie war mir zu kurz, um sich richtig hineinfühlen zu können. Aber der Inhalt macht diese kleinen Mängel mehr als wett.

Fazit

Ein hochaktueller Comic, der mehr als deutlich macht, dass sich politische Systeme ändern müssen, um einen Flüchtlingsstrom zu vermeiden, und das westliche Systeme michts erreichen, indem sie Flüchtlingsströme blockieren. Sie müssen dazu verhelfen, dass die Politik in den betroffenen Staaten sich zum Besseren wendet! Menschen flüchten niemals aus ihrer Heimat, wenn sie sich dort wohlfühlen und ein menschenwürdiges Leben leben können!

Der Comic macht auch deutlich, dass besonders Frauen unter politischen Systemen leiden, die fundamentalistisch, gewalttätig, korrupt, diktatorisch und insgesamt menschenfeindlich sind.

Als Lektüre sehr zu empfehlen!


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Carlsen graphic novel

Der spazierende Mann

Der Weg ist das Ziel

Ein Mann zieht mit seiner Frau in ein schönes, beschauliches Städtchen. Er beschließt spontan, ein paar Schritte vor die Tür zu gehen. Das ist der Auftakt nicht nur für einen, sondern für viele weitere ausgedehnte Spaziergänge. Sie entpuppen sich als willkommene Auszeiten vom Alltag, in denen der Mann immer wieder Wunder in den kleinen Dingen entdeckt, z.B. in der Begegnung mit einem Ornitologen, die kristalline Zartheit einer Schneeflocke, das spontane Spiel mit einem Papierluftballon und einem Spielzeugflieger, die Aussicht von einem Baum, das Erklimmen eines kleinen spirituellen Berges, das nächtliche Schwimmen, die Begegnung mit Hühnern und anderen Vögeln, das Gespräch mit einem Angler, der Wettspaziergang mit einem Unbekannten, nächtlicher Sternenhimmel und Kuchengenuss, enge Gassen, andere Sichtweisen durch eine zerbrochene Brille, das Gespräch mit einer Unbekannten, das Leben der Frauen, spontanes Auspowern am Morgen, ein Abstecher nach einem Regenguss ins Badehaus, ein Besuch am Strand.

„Die Zeit floss dahin… So langsam wie der Fluss. Ein kurzes Zwischenspiel im Alltag. Es stimmt… Wozu sich immer hetzen müssen…?“

Damit trifft der spazierende Mann eine zentrale Aussage nicht nur der vorliegenden Graphic Novel, sondern des momentanen Zeitgeistes, der durch Wettbewerb, Konkurrenzdruck und Schnelllebigkeit mit all seinen (negativen) Konsequenzen geprägt ist. Japan ist noch mehr als der Westen für seine hart arbeitende Bevölkerung bekannt, die sich wenig Auszeiten und Ferien gönnt und in der die Gruppe wichtiger ist als das Individuum.

Der Kontrast zwischen der völlig unscheinbaren Hauptfigur, die nicht erahnen lässt, dass im Inneren ein Freigeist steckt, und dem Verhalten, das so gar nicht gesellschaftskonform ist, wird in den schönen, sehr detaillierten Zeichnungen deutlich. Der Ausstieg aus dem Alltag erfolgt aber nicht mit großem Tamtam, sondern still und unspektakulär. Stille Wasser sind tief, so auch im Fall des spazierenden Mannes. Er sagt nicht viel, dementsprechend wenig Text gibt es. Die Panels sprechen für sich und zeigen in der Stille die tiefgreifenden kleinen Veränderungen, die der spazierende Mann innerlich erlebt. Der Weg ist dabei das Ziel, denn er bereichert den Mann mit vielfältigen Erkenntnissen, die nur eine genaue Beobachtungsgabe und das Einlassen auf die Welt, wie sie sich ihm bietet, ermöglichen kann. Das stille Verweilen in der Gegenwart und die langsame Gangart erden den Mann und bringen ihn immer wieder in seine Mitte zurück. Er folgt seinem Gefühl – für einen Mann eher ungewöhnlich – und seinen spontanen Eingebungen.

Seine Spaziergänge sind spirituell, was auch im Erklimmen eines kleinen Berges, der mit religiösen Figuren bestückt ist, deutlich wird. Wettkampf hat keine Bedeutung auf dem Weg. Das erkennt der spazierende Mann, als er spontan mit einem anderen Mann ein Wettspazieren veranstaltet, das schließlich in ein einträchtiges und schweigsames Nebeneinandergehen mündet. Dem Mühlrad der Arbeit entflieht er an einem Tag durch einen spontanen Abstecher in eine ruhige Gegend, die ihm bewusst macht, wie sehr er sich täglich hetzt. Vielleicht hat Corona mit den erzwungenen Auszeiten und den vermehrten Spaziergängen mangels Alternativen den Menschen den Wert einer solchen Auszeit draußen in der Natur oder in städtischen Gässchen bewusst gemacht, damit sie sich Alternativen zu überlegen, dem krank machenden ewigen Hamsterrad zu entkommen.

Die Neuauflage enthält neben einen neuen Cover zusätzliche Geschichten, die in der Ausgabe von 2009 nicht enthalten sind, und ordnet die in sich abgeschlossenen Episoden etwas anders an. Dafür enthält die ältere Ausgabe andere Bilder und ein Nachwort von Andreas Platthaus, Redakteur der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit Themenschwerpunkt Comics. Beide Auflagen enthalten eine Biografie Taniguchis. In der Neuauflage bestreitet der japanische Filmregisseur Hirokazu Koreeda das Nachwort, in dem er nachdrücklich auf die Wunder, die im Alltäglichen liegen, hinweist und sich ebenfalls als temporärer Aussteiger outet, weil seine Arbeit ihn eine zeitlang sehr frustriert hat. Außerdem bietet die Neuauflage zusätzliche Geschichten an: ein Ehebrecher, der traurig über das Beziehungsaus mit seiner Affäre ist; ein Mann, der eine Begegnung mit dem Göttlichen hat; ein junger Mann, der aus Versehen in eine andere Zeit reist.

Die zufällige Begegnung des älteren Mannes mit einer älteren Frau und deren plötzliches Verschwinden hallt in dem Mann nach. Er sieht einen weißen Kranich im Sonnenuntergang und denkt an diese Begegnung zurück. Der Kranich steht in Japan für Langlebigkeit, Ewigkeit und Glück. Der Kranich im Sonnenuntergang könnte eine symbolische Bedeutung in Richtung spirituellem Wandel haben. Die Bachstelze als weiterer bedeutender Vogel in der Geschichte war in Japan früher ein Herbstvogel. Außerdem hat er einem japanischen Götterpaar das Tanzen beigebracht und gilt als „Lehrer-Vogel“. Die Bedeutung des Herbstes trifft auf die beiden älteren Menschen zu, der des Tanzes auf die Leichtigkeit, auf die die Frau anspielt: Sie sehnt sich nach Freiheit und der Leichtigkeit des Lebens. Und die Bachstelze spielt auf die des Lehrers an, da der Mann aus dieser Situation etwas lernt.

Ein junger Mann durchquert mithilfe einer schwarzen Katze in einer Vollmondnacht Raum und Zeit. Die schwarze Katze ist in Japan im Gegensatz zum Westen ein Glücksbringer. Die Katze wird seit Jahrtausenden verehrt. Es gibt auch japanische Katzencafés, eine eigene Katzeninsel und die Glückskatze Maneki Neko. Im Westen war die Katze allerdings in vorpatriachaler Zeit ein göttliches Tier und wurde verehrt, da sie mit Aspekten der Großen Göttin in Zusammenhang gebracht wurde und die Göttin begleitete. Der Vollmond gilt als das weibliche Yin-Prinzip, da er u.a. an den weiblichen Zyklus erinnert. Außerdem werden in Japan am Herbstvollmond Feste gefeiert. Im esoterischen Buddhismus steht der Vollmond für die Buddha-Natur des Menschen. Kein Wunder also, dass der Vollmond und die schwarze Katze den jungen Mann in eine andere Zeit entführen, in der er trotz unscheinbarer Kulisse tiefgreifende Erfahrungen macht. Die engen Gassen, durch die ihn die Katze führt, muten dabei wie ein Geburtskanal an – nichts ist nach diesem Erlebnis mehr so wie vorher.

Fazit

Jiro Taniguchi versteht es immer wieder Tiefsinniges in seine Geschichten zu verpacken, die zunächst  in stiller Demut und Unscheinbarkeit daherkommen. Sie lehren, dass wahre Schönheit in den alltäglichen und unscheinbaren Dingen liegt. Wer genau beobachtet, spontan reagiert und sich auf das Hier und Jetzt einlässt, kann wahre Schätze heben.

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Genre: Graphic Novel
Illustrated by Carlsen graphic novel

Sunny 1

Leben in Waisenhaus

Im Kinderheim „Star Kids“ sind Pflegekinder mit unterschiedlichen Charakteren aus ebenso unterschiedlichen Familienverhältnissen untergebracht. Allen gemeinsam ist, dass ihre Eltern nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Die Kinder wissen, dass sie anders sind und deswegen in der Schule als Außenseiter abgestempelt werden. Das schweißt sie notgedrungen enger zusammen. Gemeinsamer Zufluchtsort der Heimkinder ist ein alter Nissan Sunny, in dem sie in ihre eigene Fantasiewelt abtauchen und so Kraft für den Alltag schöpfen können. Weiterlesen


Genre: Graphic Novel, Manga
Illustrated by Carlsen graphic novel

Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut.

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„Kein Mensch kann den anderen von seinem Leid befreien, aber er kann ihm Mut machen, das Leid zu tragen.“ Selma Lagerlöf

Der Leidensweg der Autorin Melanie Garanin beginnt, als ihr Sohn Nils anfängt, lange zu kränkeln und zu fiebern, sodass er ins Krankenhaus muss. Die niederschmetternde Diagnose: Leukämie. Die Familie versucht draufhin alles, um Nils zu retten. Er nimmt sogar an einer Studie teil. Die Blutwerte verbessern sich und die Familie schöpft Hoffnung. Aber Nils‘ schlimme Bauchschmerzen wollen nicht verschwinden. Die Ärzte vertrösten die Eltern und verharmlosen Nils‘ Schmerzen. Schließlich stirbt der kleine Junge mit nur drei Jahren. Weiterlesen


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Carlsen graphic novel