Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut.

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„Kein Mensch kann den anderen von seinem Leid befreien, aber er kann ihm Mut machen, das Leid zu tragen.“ Selma Lagerlöf

Der Leidensweg der Autorin Melanie Garanin beginnt, als ihr Sohn Nils anfängt, lange zu kränkeln und zu fiebern, sodass er ins Krankenhaus muss. Die niederschmetternde Diagnose: Leukämie. Die Familie versucht draufhin alles, um Nils zu retten. Er nimmt sogar an einer Studie teil. Die Blutwerte verbessern sich und die Familie schöpft Hoffnung. Aber Nils‘ schlimme Bauchschmerzen wollen nicht verschwinden. Die Ärzte vertrösten die Eltern und verharmlosen Nils‘ Schmerzen. Schließlich stirbt der kleine Junge mit nur drei Jahren.

Nils soll obduziert werden, die Eltern sind aber dagegen. Da Nils an der Studie teilgenommen hat, wird er zwangsobduziert. Für die Eltern ein zusätzliches Trauma, im Nachhinein aber ein Glücksfall, denn jetzt erfahren sie, woran Nils wirklich gestorben ist: Bauchspeicheldrüsenentzündung. Das Knochenmark war frei von Krebszellen.

Die Eltern, die vorher an die Kompetenz der Ärzte geglaubt haben, werden nun misstrauisch. Sie wollen die Befunde und setzen alles daran, sie zu bekommen. Dafür müssen sie sich durch eine Mauer aus Schweigen, Vertröstungen, Vetternwirtschaft und Beschuldigungen kämpfen. Fehlende Zivilcourage miteinbegriffen, weil niemand bereit ist, ihnen ein unabhängiges Gutachten zu erstellen.

Als sich schließlich doch ein unabhängiger, von Befangenheit freier Gutachter findet, bestätigt dieser all die Befürchtungen, die die Eltern gehegt haben: Nils ist gestorben, weil die Ärzte grob fahrlässig gehandelt haben.

Ab jetzt wird es noch schwieriger, denn das Netz der Vetternwirtschaft schlingt sich auch um die Staatsanwaltschaft. Der Staatsanwalt bevorzugt das befangene Gutachten gegenüber dem unanhängigen Gutachten. Das bewirkt, dass die Klage abgewiesen wird. Auch eine Revision wird abgewiesen. Was jetzt?

Wunderbarer Comic über Tod, ärztliches Versagen und Korruption/Vetternwirtschaft innerhalb einer Demokratie

Wie oben schon angedeutet, gibt es 3 Themen in dieser Graphic Novel. Das erste ist der Tod und der Umgang mit dem Tod. In Deutschland gehört der Tod eher nicht zum Leben dazu, ist v.a. angstbesetzt und wird eher so lange verschwiegen, bis er tatsächlich eintritt. Umso wertvoller, dass die Autorin alle dazugehörigen Gefühle (Verwirrtheit, Angst, Wut, Trauer, Verzweiflung usw.) in ihrem Werk aufgreift und auch ausführlich in Wort und Bild darstellt.

Besonders schlimm für Eltern ist es, wenn sie ihr eigenes Kind überleben müssen. „Das Leben scheint zu Ende. Den Tod des eigenen Kindes erleben zu müssen, ist für Eltern ein schwer hinzunehmendes Trauma.“ (Quelle: https://www.br.de/wissen/um-kinder-trauern-wie-eine-amputation-des-herzens-100.html) Viele Eltern denken auch an Selbstmord, Frauen deutlich häufiger als Männer. „Plötzlicher Kindstod, Krebsdiagnose, Unfall oder Selbstmord – nichts ist für Eltern schlimmer als der Tod des eigenen Kindes. Das Leid und der Schmerz sind für alle Betroffenen unvorstellbar und nicht selten wird durch diesen tragischen Verlust die ganze Familie zerstört.“ (Quelle: https://www.tipps-vom-experten.de/ploetzlicher-kindstod/) Diese Zitate verdeutlichen gut, mit was für einer schweren Zeit man es tun hat, wenn das eigene Kind stirbt. Und Garanin fasst all dies in Wort und Bild.

Die Ausgangslage ist also schon denkbar schlimm und gut geeignet, als Betroffene in den Abgrund zu stürzen – was Garanin ebenfalls bildlich festgehalten hat. Aber damit nicht genug: Die fassungslosen Eltern müssen sich nicht nur der Tatsache stellen, dass die Ärzte sträflich gepfuscht und so das Leben ihres Sohnes auf dem Gewissen haben, sondern noch nicht einmal bereit sind, ihren Fehler zuzugeben und sich zumindest zu entschuldigen. Im Gegenteil: Das Krankenhaus legt den trauernden Eltern Steine in den Weg der Aufklärung, wo sie nur können. Die Eltern sind also dreifach belastet.

Da packt einen schon beim Lesen die Wut; wieviel mehr Wut müssen die betroffenen Eltern empfunden haben! Diese drückt Garanin auch ganz konkret aus, indem sie zum einen ein Schimpfwörterbuch malt und schreibt und zum anderen fantasievoll in übergroßen Bildern und von Nils inspiriert eine blutige Schlacht gegen das Krankenhaus und seine Komplizen inszeniert – die (im Gegensatz zur Realität) in Gerechtigkeit endet. Diese dient den Eltern als Katharsis, aber auch den Leser/innen, die mit den Eltern mitfühlen. Denn Gerechtigkeit sieht anders aus und Recht ist leider nicht immer Gerechtigkeit, obwohl „Recht“ in „Gerechtigkeit“ drinsteckt. Auch das wird im Comic thematisiert.

Und da sind wir schon mittendrin in den nächsten beiden Themen, nämlich dem ärztlichen Versagen und der Korruption/Vetternwirtschaft. Denn diese gibt es leider auch in Demokratien. Und das – wenn man sich diverse Dokumentationen über ärztliches Versagen oder andere Rechtsstreitigkeiten anschaut – anscheinend häufiger als einem lieb sein kann.

Natürlich kann ich verstehen, wenn Ärzte aufgrund von (massivem) Personalmangel Fehler machen. Ärzte sind ja auch nur Menschen. Aber, wie im Comic deutlich wird, hier werden Eltern, die sich wiederholt darüber äußern, dass das Kind starke Bauchschmerzen hat, nicht ernst genommen, vertröstet und Blutabnahmen nicht ausgewertet. Und es wird dem Kind ein Medikament verabreicht, dass die Entzündung massiv verschlimmern kann. Im Gegenzug dazu wird die Mutter regelrecht angeschnauzt, weil sie ihrem Kind gegen die Schmerzen ein Schmerzmittel gibt, was nicht mit dem Arzt abgesprochen war. Das ist (lebens-)gefährliche ärztliche Arroganz! Dieser möchte man am liebsten entgegenbrüllen, dass Weißkittel eben keine Halbgötter sind! Und dass auch und gerade die Wissenschaft sich nicht über Ehtik und moralisches Handeln zu erheben hat.

Gerade diese Moral und dieses ethische Handeln scheint dem beschriebenen Krankenhaus und der Staatsanwaltschaft /dem Gericht völlig zu fehlen. Garanin beschreibt bis ins Detail, wo die Fehler liegen und wie sehr sie vertuscht werden. Und sie beschreibt auch sehr deutlich die fehlende Zivilcourage in der Bevölkerung. Die abschließende Schlacht macht umso deutlicher, woran es mangelt: An Moral und Unterstützung, die sich die Eltern dringend gewünscht hätten. Stattdessen sind sie Einzelkämpfer in einem übermächtigen korrupten System, von dem man gar nicht glauben mag, dass es so etwas mitten in Deutschland gibt. Andererseits zeigt die Regentschaft Trumps, wie schnell Demokratie auszuhebeln ist, wenn man nur die richtigen Hebel kennt. Das schürt Angst, auch in Deutschland, denn die entsprechenden Strukturen sind auch hier da und schon immer da gewesen.

Garanin spart auch in den Zeichnungen nicht an Andeutungen. So zeichnet sie z.B. die „Gegenspieler“ als leichenblasse Zombies, die den Tod verschulden und, weil selbst moralisch tot, keinen Anstand und kein Gewissen mehr haben. Sie zeichnet auch das Herauswinden der Ärzte u.a. auf konkrete Fragen, die nur mit Ja oder Nein hätten beantwortet werden müssen. Im Fall des Staatsanwaltes wird der Wortschwall als Kotze dargestellt.

Vor so viel Mut, die Wahrheit zu zeigen und die Konsequenzen nicht zu fürchten, kann man sich nur verneigen! Und Garanin hat einen Weg gefunden, Missstände öffentlich zu machen: den Verlag / die Presse. V.a. Letztere wird als vierte Macht im Staat angesehen – welche nicht-demokratische Systeme und Geisteshaltungen regelmäßig versuchen mundtot zu machen. Umso mehr ist die Öffentlichmachung von Missständen wichtig; dazu gibt es heutzutage viele Möglichkeiten. Auch das zeigt der Comic.

Fazit

Mutiger Comic über Tod und Missstände. Davon müsste es viel mehr geben!


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Carlsen graphic novel

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