Herrmann

Herrmann. Der Studienabbrecher Herrmann (mit zwei r und zwei n) hat sein halbes Leben als Bereichsleiter in seiner Firma verbracht: 22 Jahre, vierte Managementebene. Sein Gegenentwurf ist sein Freund Orban, der nach Auslandsaufenthalten eine Laufbahn im Bankwesen einschlug. Aber seit der jüngsten Bankenkrise gäbe es auch an Bankern nichts mehr zu bewundern, wie Herrmann lakonisch kommentiert. Dreißig Jahre lang haben sie sich nicht mehr gesehen.

Herrmann oder Überdosis Fürsorge

Das komplizierte Beziehungsgeflecht, das die Autorin im nach ihrem Protagonisten benannten Roman entwirft, ist von der sog. Midlifecrisis geprägt, denn alle seine Kollegen und Freunde – weiblich oder männlich – befinden sich in so einer. Herrmann ist von Rieke getrennt und lebt allein. Aber er geht gerne in die Natur, denn dort fühlt er sich sehr wohl. Oder beim Hirschragout von der Mutter. Als er endlich umzieht – auf die andere Straßenseite – wird Herrmann „von der Vorstellung verfolgt, in seinen eigenen Wänden wobei auch immer ertappt zu werden“. Die behütete Obhut seiner Familie ist im Grunde genauso ein Gefängnis wie sein Job. So beschließt er etwa zu Hause immer Pyjama zu tragen, was beim Abendessen bei der Mutter aber wieder zum Gesprächsthema führt, worin seine Mutter ihm die Schlafanzüge seines Vaters und Großvaters antragen wird: Eine Qualität, die man heute gar nicht mehr erzeuge, so seine Mutter. „Denken durfte er, was er wollte, aber eines Tages würde das zunehmend unberechenbare Getöse in seinem Kopf der Außenwelt zu Ohren kommen“.

Der Baron, der Blade und der Behinderte

Würde er der Familie den Zutritt verwehren, allein sein, seine Ruhe haben wollen, die Familie würde ihn für krank oder gefährdet halten und umso entschlossener vordringen, den Cousin herbeirufen und ab sofort auch Orban.“ „Going postal“ nannte man die zwischen 1986 und 1997 in den Postämtern der USA sich häufenden Amokläufe, erklärt die Autorin in einem weiteren Einschub, den sie auch schon zur Jägersprache – nicht Jägerlatein – machte. Diese Maladie würde durch Stress bei der Arbeit ausgelöst werden, ein Umstand von dem Herrmann wohl nur träumen kann. Herrmann teilt eben das Schicksal vieler Mitvierziger: „Die saure Übelkeit in der Kehle überraschte ihn nicht, wenn er sich nicht leiden konnte, schlug ihm das auf den Magen, ihm wurde sozusagen von sich selber schlecht.“ An einer Stelle bringt die Autorin das soziale Leben ihres Protagonisten auf den Punkt: „Der Baron, der Blade und der Behinderte“ schreibt sie in Anlehnung an Sergio Leones Westernklassiker „The Good, the Bad and the Ugly“.

Bettina Gärtner, die 1962 in Frankfurt am Main geboren, aber seit frühester Kindheit in Wien lebende, hat eine Milieustudie verfasst, die den Protagonisten Herrmann vom Herrmanngefühl zum Fuchsgefühl führt. Die Zwischenkapitel Myokarditis, Blutdruck, Logbuch PRO, Jägersprache, Going Posta, Liedgut I , Blaze und Liedgut II wurden dem Internet entnommen und teilredigiert. An den Textpassagen sei nichts erfunden, ihre Bearbeitung und Zusammenstellung im Hinblick auf Lesbarkeit, Scheinrelevanz und Unterhaltungswert seien Authentizitätsfake (Hervorhebung durch BG) im Sinne der Fiktion. „Die meisten Vorboten erkennt man erst im Nachhinein“.

Bettina Gärtner
Herrmann. Roman
2020, Hardcover, 288 Seiten
ISBN: 9783990590485
Literaturverlag Droschl


Genre: Lebenskrise, Midlifecrisis, Roman
Illustrated by Droschl
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