Komplizierte Selbstoptimierung
In gewohnt amüsanter Weise widmet sich Maxim Leo in seinem neuen Roman «Einatmen Ausatmen» dem Thema der Selbstoptimierung, mit deren Hilfe im Kapitalismus die Leistung von Mitarbeitern gesteigert werden soll, indem mentale Hürden abgebaut werden, die eine optimale Zusammenarbeit der Belegschaft behindern. Wie schon der Titel andeutet, geht es dabei unter anderem auch um die richtige Atemtechnik als Mechanismus zu Steuerung von Emotionen im Umgang der Mitarbeiter untereinander. Große Firmen setzen daher häufig auf einen professionellen Coach, der mentalen Problemen oder emotionalen Leerstellen durch ein gezieltes Training entgegenwirkt.
Der vor dem Ruhestand stehende Vorstandschef des Aviola Konzerns möchte Marlene Buchholz, das mit Abstand erfolgreichste Mitglied im Vorstand, zu seiner Nachfolgerin machen. Das ist nahe liegend, ihre Perfomance liegt weit über dem ihrer Kollegen, sie liefert immer die besten Zahlen und ist der wichtigste Garant für den Erfolg des Unternehmens. Einziges Manko ist ihr Unvermögen, verständnisvoll mit den Mitarbeitern umzugehen. So hat sie die Beschwerde einer Angestellten, die von ihrem Abteilungsleiter verbal sexuell belästigt wurde, als übertrieben zurückgewiesen, sie solle sich nicht so haben, manche Männer seien halt so! Das ist auch Marlenes Chef zu Ohren gekommen, er besteht deshalb darauf, dass sie ein zweiwöchiges Achtsamkeits-Training bei Deutschlands erfolgreichstem Mentalcoach Alex Grow absolvieren muss, wenn sie CEO des Konzerns werden will. Obwohl sie sich stäubt, ein Unternehmen sei schließlich kein «Montessori-Kindergarten», sie kann dem «Umerziehungslager», wie sie es nennt, nicht entkommen.
In ihrem blauen Mercedes Cabriolet reist sie in das idyllisch gelegene Brandenburger Schloss zur berühmten Coaching-Academy von Alex Grow. Der ist Chef von mehr als hundert Mitarbeitern, er hat privat selbst Beziehungs-Probleme und auch Panikattacken, weil seine Firma vor der Insolvenz steht. Der Aviola-Chef hat angekündigt, bei einem Erfolg mit Marlene Buchholz würde der Konzern künftig seine Coaching-Programme nur noch mit ihm durchführen, – das wäre finanziell die Rettung für Alex. Aber Marlene sträubt sich gegen sein Mental-Training und will die zwei Wochen einfach nur absitzen, sie glaubt nämlich, der Posten als CEO sei ihr gewiss. Schon am zweiten Tag lernt die 39Jährige bei einem Spaziergang den Hausmeister kennender, der vor Jahren sein Leben als Ingenieur total umgekrempelt hat, und freundet sich, für sie überraschend schnell, mit ihm an. Plötzlich taucht im Schloss auch noch ein dreizehnjähriges Mädchen auf, das vor der Polizei geflüchtet ist. Sie hat an einem Protestcamp gegen die Abholzung eines Waldstücks teilgenommen, auf dessen Fläche eine riesige Geflügelmast-Anlage entstehen soll. Aus prekären Verhältnissen stammend ist sie von zuhause weggelaufen. Gar nicht gefühlskalt nimmt sich Marlene spontan der ziemlich aufgeweckten Kleinen an und sorgt dafür, dass sie im Schloss bleiben darf.
Durch die ungewohnte Nähe zur Natur und die für sie überraschende, plötzliche emotionale Nähe zu zwei Menschen beginnt die menschenscheue Marlene kritisch über ihr bisher völlig freudloses Privatleben nachzudenken, das nur aus Arbeit bestand. Die simple Botschaft dieses Romans lautet, man muss nur an sich selbst arbeiten, dann lassen sich die mentalen Defizite von innen heraus auch deutlich verringern. Mit nicht zu übersehender Ironie beschreibt der Autor den aktuellen Hype um therapeutische Selbstoptimierung und einen perfektionierten Lifestyle. Marlene grübelt darüber nach, ob es denn nicht so etwas gibt wie den unveränderlichen Wesenskern des Menschen. Neben einigen Ungereimtheiten stört stilistisch vor allem der häufig tiefe Griff in die Klischeekiste. Gleichwohl ist dieser Roman eine angenehm lesbare Lektüre, die man allerdings nicht zu ernst nehmen sollte!
Fazit: lesenswert
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