Der Reiz des Unerreichbaren

Vor einem Jahr habe ich einen Exkurs in den Bereich gehobene Liebesromane gewagt und war von Ellis Marants Debütroman „Jenseits der Hitze“ nicht nur angetan, sondern regelrecht positiv überrascht. Am Schluss meiner damaligen Rezension standen zwei Fragen: „War das ein Glückstreffer?“ und „Wer ist Ellis Marant?“

Nun ist sein zweites Buch erschienen und ich – das gestehe ich ohne jegliche Schamesröte – gehörte sicherlich zu den ersten Käufern.

Die Überraschung setzte sich beim Lesen uneingeschränkt fort. „Der Reiz des Unerreichbaren“ hat die Qualitäten des ersten Romans bestätigt und sogar noch erweitert.

Ein vom Leben verwöhntes, aber sehr sympathisches Luxuspärchen lässt sich von Kinofilmen inspirieren und gibt seinem Leben einen ganz neuen Kick, indem es Kunstgegenstände raubt. Der Rausch des Erfolges und die Erkenntnis, dass man ganz neue Erfahrungsdimensionen vorstoßen kann, lassen das erlesene Hobby schnell zur Sucht werden. Vor allem maximale Sicherheitsmaßnahmen sind für Sie keine Abschreckung, sondern eine willkommene, ja sogar erwünschte Herausforderung. Ihre Hybris gipfelt darin, dass sie überall als eine Art Signatur einen Ein-Dollar-Schein zurücklassen. Bis sich da dieser Kunstermittler an ihre Fersen heftet und beginnt, Muster zu erkennen. Akribie ist sein zweiter Vorname und dann sieht er offensichtlich auch noch gut aus (versteckter Hinweis für die weiblichen Leser dieser Zeilen).

Soweit so gut. Schon mal ganz netter Plot, könnte man sagen. Aber diese Kriminalstory ist nicht nur gut und sehr spannend konstruiert, sondern lebt auch von den Schauplätzen der Handlung. Oman, Hawaii, Japan, Singapur, Bilbao – da tauchen schon unweigerlich Bilder auf. Sehr schön ist es, dass es nicht bei bunten Kulissen bleibt, sondern dass man überall, mal fast beiläufig, mal sehr fokussiert, ein wenig über Land und Leute erfährt.

Sehr schön wird sprachlich auf der Klaviatur der Möglichkeiten gespielt – schnelle Abfolge der Wörter und Sätze in sich zuspitzenden Situationen, wohltuend langsames Erzähltempo in nachdenklichen Abschnitten mit teilweise fast schon lyrischer Prosa.

Von diesen Inhalten mit Tiefgang gibt es erfreulich viele. Man sieht sich mit aktuellen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Themen konfrontiert, über die man eigentlich im Augenblick des Lesens selbst etwas intensiver nachdenken sollte. Vielleicht sollte man den Satz am besten nochmals lesen, aber man kann es ja nicht oder ist zumindest massiv hin- und hergerissen, weil man ja unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

Und dann spielen natürlich auch Beziehungsdinge eine Rolle. Auch ein Hauch Erotik ist inklusive. Aber es geht bei Ellis Marant auch in diesem Roman bei weitem nicht um die üblichen Liebesklischees, sondern immer wieder auch um Grenz- und Graubereiche. Wie hätte ich da wohl entschieden? Wie sattelfest ist der menschliche Moralkodex in bestimmten Lebenssituationen?

Themen, die unter die Haut gehen und bisweilen einen fast schon philosophischen Anspruch haben, Liebe, Spannung, Orte rund um den Globus, eine unterhaltsame, oft humorvolle Geschichte, sehr angenehmer literarischer Stil. Wann hat man in den letzten Jahren oder überhaupt schon mal solch eine Kombination in einem Buch gefunden? Ich kann mich nicht wirklich erinnern. Kann sich Literatur vielleicht doch noch neu erfinden?

Aber eine Frage bleibt: Wer ist Ellis Marant? Zumindest über die Motivation und Intention erfährt man etwas im Nachspann: „Weil diese Art des Erzählens auf dem Buchmarkt immer seltener zu finden war, begann Ellis Marant, selbst solche Romane zu schreiben.“ Zum Glück.


Genre: Gesellschaftsroman, Kriminalliteratur, Liebesroman, Roman, Romantik
Illustrated by tredition

Jenseits der Hitze

Möglicherweise wenden sich die etablierten Koryphäen der Lesekultur mit einem snobistischen Hochziehen der Nase ab, wenn sie das Stichwort „Liebesroman“ hören. Doch Halt! Bevor Sie von Ihrem – wahrscheinlich über Generationen vererbten – Recht auf Deutungshoheit in der Literatur Gebrauch machen, sollten Sie eines bedenken: Der Anteil der Liebesromane am globalen Belletristik-Markt liegt irgendwo zwischen 25 und 30 Prozent. Quantität ist nicht gleich Qualität, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Nochmals Veto! Schaut man die nun schon lange ziemlich schwindsüchtige Buchszene an, trägt genau dieses Genre mit einer Vielzahl an innovativen Ansätzen zu fast 70 Prozent zum neuen Wachstum in der Erwachsenen-Belletristik bei. Zu diesen Ansätzen gehören neben vielen andern auch mehr Orientierung an diversesten Altersgruppen und entsprechende Niveau-Anpassungen, also punktuell mehr Tiefgang.

Interesse geweckt. Und dann taucht da auf einmal aus dem Nichts ein Debütroman auf und wird schon kurz nach seinem Erscheinen in den sozialen Medien als Geheimtipp des Sommers 2025 gehandelt – „Jenseits der Hitze“. Also warum nicht?

Und tatsächlich kann man bereits nach wenigen Seiten eine gewisse Überraschung nicht verhehlen. Da schreibt jemand, der eine unglaublich poetische Ader hat. Es wird mit wohlgesetzten, feinsinnigen Worten Atmosphäre erzeugt, Stimmung geschaffen. Im Kopf entsteht tatsächlich ziemlich schnell eine Filmszenerie. Der Roman hält sich nicht mit langen Dialogen auf, die man in seinen Liebesroman-Klischees abgespeichert hat („Ich liebe Dich, aber liebst Du mich so wie ich Dich? Kannst Du mich immer lieben? Wird unsere Liebe immer halten? Und was, wenn nicht? Liebst Du dann einen anderen/eine andere?“ und so weiter, üblicherweise geht das so den ganzen Julia-Roman durch), nein, die Handlung ist zielstrebig, ohne zu rasen, so wie man es zum Beispiel bei einem Ken Follett kennt oder bei einem Peter Stamm. Und es kommt noch besser – es wird spannend und es wird interkulturell. Ohne zu viel zu verraten, geht es natürlich auch um ein Paar, er aus München, sie aus Kabul, aber es geht auch um viel mehr, unter anderem um ungewöhnliche Lebens- und Beziehungsmodelle und um ganz aktuelle geopolitische Ereignisse. Und es bleibt durchaus spannend, da die Auflösung gewisser rätselhafter Umstände gut versteckt und den Roman hindurch transferiert wird. Sogar die übliche Frage, ob sie sich denn nun kriegen oder nicht, bleibt bis zum Schluss offen. Weil das Leben eben so ist, wie es ist – man weiß nie, was kommt.

Man muss sich am Schluss wirklich fragen, ob man gerade „nur“ einen Liebesroman gelesen hat. Diese poetische Sprache, die schön konstruierte Geschichte mit historischem und emotionalem Tiefgang wäre auch eines Michael Ondaatje oder einer Anne Michaels würdig.

Und das führt zum Schluss direkt zu einer anderen spannenden Frage: Wer ist Ellis Marant? Der Roman ist unter diesem Pseudonym erschienen und wie im Nachgang des Romans erwähnt, wohl ganz bewusst. Resümiert man nach den schnell zu lesenden 176 Seiten verwundert über den unerwarteten Stil und Inhalt, fallen einem unweigerlich Stephen King, J.K. Rowling, Mark Twain, Lewis Carroll und einige andere ein, die aus Lust an einem Experiment unter anderem Namen Werke meist in anderen Genres publiziert haben. Aber vielleicht ist das bei aller Überraschung dann doch zu viel der Ehre. Man wird sehen, ob da in der Zukunft noch mehr kommt, was diese Überlegungen rechtfertigt.


Genre: Liebesroman, Roman
Illustrated by tredition