Querfeldein

Stilistisch ambivalentes Historiendrama

Eine Kneipe mit dem kryptischen Namen «Gasthaus zur Moskau» liefert den Titel und das innere Gerüst zu einer Schmuggler-Geschichte, die sich im Kern auf wahre Ereignisse stützt. In der Gegend von Schaffhausen bildet dieser Gasthof den Treffpunkt von vielerlei skurrilen Figuren aus dem Dorf Ramsen im Kanton Schaffhausen, das direkt an der schweizerischen Grenze liegt und damit natürlich einen Anziehungspunkt für Schmuggler darstellt. Protagonist des Romans ist der 1903 dort geborene Hilfsarbeiter Arnold, der sich vor Jahren auf die Wanderschaft begeben hat und, handwerklich vielseitig begab wie er ist, auch immer wieder ohne Probleme einen Job gefunden hat.

Als er nach einigen Jahren in Baden-Baden mithilft, den Zugangsweg zum Casino neu zu pflastern, beschließen er und seine Kollegen zum krönenden Abschluss ihrer vierwöchigen schweren Arbeit, abends die Spielbank zu besuchen. Arnold setzt spontan sein gesamtes in Chips umgetauschtes Geld auf eine Zahl, die prompt auch kommt, dann alles auf eine zweite Zahl, die ebenfalls kommt, und schließlich alles auf eine dritte Zahl, die wieder gewinnt. Nun riskiert er noch mal alles und setzt alle Chips auf Rot, – und auch das kommt! Er hört, vernünftig wie er ist, jetzt aber auf und schenkt jedem seiner drei dankbaren Kollegen eine Summe, für die sie ein Jahr lang arbeiten müssten. Steinreich geworden kauft er die leer stehende Kneipe direkt am schweizerischen Schlagbaum, die unter seiner umsichtigen Regie schon bald floriert. Eines Tages kommt auf einem mächtigen Kaltblüter eine junge Frau geritten, die noch einige andere Pferde mit sich führt. Betty übernachtet und reitet am nächsten Tag in die Stadt, um einige ihrer Pferde zu verkaufen. Arnold und sie finden zueinander, sie kümmert sich auch weiterhin um ihre Pferde und hilft außerdem im Gasthof mit. Die Beiden heiraten schon bald, sind glücklich und haben, einschließlich eines Zwillingspaars, schließlich acht Kinder miteinander.

In der zweiten Hälfte des Romans beobachtet Arnold Ende 1933 eines Tages, wie ein junger Mann mit zwei großen Taschen auf der Flucht vor dem deutschen Zoll über das benachbarte Feld läuft, wohin ihm die Zöllner nicht folgen dürfen. Es stellt sich heraus, dass der bärenstarke Hermann ein böhmischer Schmuggler ist, der die Zöllner von beiden Seiten zur Verzweiflung bringt, weil sie ihn nie zu fassen bekommen und er sie aus sicherer Entfernung auch noch mit hämischen Gebärden ärgert. Clara, die älteste Tochter der Wirtsleute, verliebt sich prompt in ihn. Auch sie ist sehr wagemutig und unkonventionell, sie weiß sich sogar körperlich durchzusetzen, alle Jungs haben großen Respekt vor ihr. Eines Tages aber folgen fünf Gestapo- und SS-Leute Herrmann auf schweizerischen Boden, nehmen ihn dort fest und bringen ihn gewaltsam über die Grenze nach Deutschland, wo er in Untersuchungshaft kommt. Obwohl Clara wie eine Löwin um ihn kämpft, darf sie ihn wegen Verdunkelungs-Gefahr nicht einmal besuchen in der Haft.

Dieser Roman ist literarisch vieles auf einmal, ein amüsanter Historien-Roman, ein Liebesroman über eine rätselhafte Pferdenärrin und ihren braven Gastwirt sowie über politische Aktivitäten von deren verquerer Tochter Clara, die ausgerechnet mit einem gesuchten Schmuggler anbandelt. Diese dem realen Kern der Geschichte hinzugefügte, fiktive Rahmenhandlung hat teilweise leider den etwas kitschigen Beigeschmack des allzu Aufgebauschten. Der wirkt umso störender, als in den letzten Kapiteln die Perspektive plötzlich in die Ich-Form wechselt und real wirkende Zitate und Auszüge samt Aktenzeichen aus behördlicher Korrespondenz eingefügt sind. Geradezu köstlich sind hingegen die stimmigen Dialoge und auch die Schilderungen der skurrilen Stammgäste im «Gasthof zur Moskau». Ganz nebenbei reicht der Erzähl-Horizont bis nach Berlin ins Büro von Joseph Goebbels, der nach dem Grenzskandal um den Besuch der Schweizer beim groß aufgezogenen Reichsparteitag der Nazis in Nürnberg bangt, es sind eh nur zwei Dutzend Staaten vertreten. Trotz seiner stilistischen Ambivalenz bietet dieser Roman eine allemal unterhaltsame Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

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