Aufrecht- Überleben im Zeitalter der Extreme

Die Großmutter spielte schon im Roman Frei -Erwachsenwerden am Ende der Geschichte – eine große Rolle. Geboren wurde sie in Saloniki in der Zeit, als das Osmanische Reich sich auflöste, dort hatte sie zur Oberschicht gezählt, und sprach Französisch, so wie später auch mit Lea.

Diese wurde dann gerade Teenager, als der Kommunismus abgewählt worden war, und Albanerinnen reisen konnten. So nahm sie sie mit nach Saloniki. In ihr Tagebuch schrieb Lea, wie bunt es dort ist und dass es Jeans und Bananen gibt.

Inzwischen ist die Oma verstorben und Lea Professorin für marxistische Theorie an der London School of Economics, wo sie mit ihrer Familie lebt.

Auslöser für dieses Buch ist ein Foto von Leman, der Oma, im Internet und der Vorwurf, sie sei eine Agentin gewesen. Eingestellt von einem entfernten Verwandten, mit dazu passenden Kommentaren: „Du hast nicht nur deine Großmutter entehrt, sondern alle Opfer des Kommunismus, du kommunistische Schlampe.“ Und: „Die Großmutter war auch eine Schlampe.“

Sie will die Würde der geliebten Oma verteidigen, danach beginnt sie in Tirana in der Behörde, die Akten des ehemaligen Geheimdienstes einzusehen. Dort liest sie, dass ihre Großmutter eine griechische Spionin war, was für sie nicht glaubhaft ist. Sie beginnt ihre Suche nach Akten, überall, wo etwas sein könnte und reist, bis nach Saloniki, um diese Unterstellungen zu entkräften. Was dann auch auf überraschende Art gelingt.

Zum Glück gibt es im Buch zu Beginn einen Stammbaum der Familie, der weit mehr als hundert Jahre zurückgeht, bis in das Osmanische Reich. Eine weitere Tafel zeigt, was aus dessen Gebiet in über hundert Jahren wurde, ein Schwerpunkt wird die Geschichte Albaniens: ihr Großvater war in den Dreißiger Jaren dort eine politische Führungskraft.

Auf dessen französischen Lyzeum war auch der spätere kommunistische Führer Enver Hoxha ein Schüler. Beide hatten im Anschluss in Paris studiert, beide waren kommunistische Sympathisanten. Enver erwarb dort einen Ruf als Schürzenjäger und wegen Betrügereien.

Das, was nach trockener Geschichte des Marxismus klingen könnte, wird durch den besonderes Stil Lea Ypis spannend. Sie stellt die Gedanken und Gespräche der Protagonisten in Dialogen dar, etwa wenn die kleine Leman im schönen Saloniki Erwachsenen zuhört, die über Politik sprechen, und sich dazu ihre Fragen stellt. Das macht das Leben von vor über hundert Jahren nachvollziehbar.

Die Tante Selma ist ihr Vorbild, sie liest viel mit ihr: in einem Kapitel lässt sie Leman etwas von Madame die Stael lesen, die Daten der französischen Revolution auuswendig lernen und daraufhin überlegt diese, wie liberté, égalité und fraternité (on parle francais!) zu Napoleons späterem Königsein passt.

Selma wird von ihrem Bruder einem deutschen Tabakproduzenten als Braut versprochen. „Herr Gustav“ ist ihr unsympathisch. Am Morgen der Hochzeit nimmt sie sich das Leben. Leman kommt für die nächsten Jahre zu Bekannten, zurück kommt sie erst, als die Oma, also Selmas Mutter, gestorben war. Der Grund für das Fehlen der Tante wird beschwiegen; und als „Vorfall“ bezeichnet.

Dieses Trauma wird Leman lebenslang begleiten; Lea Ypi beschreibt, wie Leman bei unterschiedlichen Situationen daran erinnert wird.

In Lausanne, am lac léman (!), wie der Genfer See auf Französisch heißt, beschließt der Völkerrat die Umsiedlung der Völker des Osmanischen Reiches: Griechen, die Christen sind, sollen von Anatolien nach Griechenland, Muslime, die ebenda leben, in die Türkei. Da ihre Familie Albaner sind, beschießt Leman, dort zu leben, wo sie ihren Mann, Asllan Ypi trifft und heiratet.

Nachdem Albanien eine kommunistische Republik geworden war, werden sie als Bürgerliche geächtet, dürfen nicht ihre Berufe wählen. Der Vater wird inhaftiert.

Und Lea wächst als begeisterte Kommunistin auf, die ihren Eltern vorwirft, kein Bild von Onkel Enver im Wohnzimmer zu haben.

Dazu empfehle ich das Vorgängerbuch: Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte!


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert