Die erste jüdische Hochzeit nach dem Krieg in Innsbruck vermählte Joseph Wisnicki und Leokadia Justman. Das Schicksal hatte die beiden Holocaust-Überlenden zusammengeführt. Während Leokadia versteckt in Lofer den Krieg überlebte, musste sich Joseph Wisnicki mehrmals falsche Identitäten zulegen und entkam genauso wie Leokadia nur knapp.
Die Geschichte einer Flucht
In den späten Neunziger Jahren schrieb der jüdische Pole seine Geschichte für seine Familie nieder – mit Fotos und Dokumenten, die dem Bericht eindrückliche Authentizität verleihen. Der Tyrolia Verlag hat die Memoiren über seine Flucht erstmals in literarischer Übersetzung herausgegeben, ebenso wie die seiner späteren Frau Leokadia Justman (“Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte”). Als Polen von der Wehrmacht überfallen wurde, flüchtete Wisnicki nach Ostpolen, das allerdings ebenfalls besetzt war: von der Sowjetunion. Der vorgesehen Grenzverlauf war entlang den Flüssen Narren, Wechsel und San. In diesem Teil Polens war Wisnicki zwar weniger der rassischen Verfolgung ausgesetzt als vielmehr der Tatsache, dass er polnischer Soldat war. Wer sich in Rückkehrlisten nach Westpolen eintrug, wurde von der Sowjetunion nach Sibirien deportiert. Wisnicki konnte sich allerdings verstecken und sich dem Zugriff entziehen. Ein anderes Mal, als er Opfer einer Denunziation in Bludenz wurde, konnte er sich bei einer ärztlichen Untersuchung auf eine Phimose als Grund für seine Beschnittenheit hinausreden. Verblüffenderweise glaubte ihm der Amtsarzt und auch die Gestapo in Innsbruck. Das Kriegsende erlebte er dann im Arbeitslager Reichenau, von wo täglich Insassen nach Auschwitz deportiert wurden.
Unbeugsamer Überlebenswille
“Seine Erzählung rast in höchstem Tempo im Reportagstil dahin”, schreiben die beiden Herausgeber Dominik Markl und Niko Hofinger, die den Text von Joseph Wisnicki auf historische Kontinuität geprüft und mit weiteren Quellen ergänzt haben. Der zweite Teil vorliegenden Buches ist also ganz diesen Anmerkungen gewidmet und erzählt auch die Schicksale anderer Verfolgter. Zum Beispiel von Samuel Wellenberg, einem Freund Wisnickis, der in Treblinka die Kleider derjenigen sortieren musste, die ins Gas gebracht wurden. Dort entdeckte er auch die Kleidungsstücke seiner beiden Schwestern, denn sie waren mit einem grünen Stoff verlängert worden. “Der Mantel war mit dem Kleid der größeren Schwester wie in einer Umarmung verschlungen”. Aber durch eine Revolte im August 43 kann er fliehen und überlebt ebenso wie Wisnicki. Ein sehr bewegender Text, der vom unbeugsamen Überlebenswillen zeugt und die Widerstandskraft und Resilienz betont, die es braucht, um all das zu überstehen. Aber es brauchte auch viele mutige Helfer in Polen und Vorarlberg und Menschen, die ebenfalls ihr eigenes Überleben zurückstellten, um anderen zu helfen.
Joseph Wisnicki
Mich kriegt ihr nicht!
Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg
2026, Hardcover, 160 Seiten; 16 farb. und 114 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4338-8
Tyrolia
20.00 €


Sozusagen die letzten Worte Stefan Zweigs, eines der größten Schriftsteller unserer Zeit, werden in vorliegender Publikation nochmal zusammengetragen. Die letzten publizierten Worte erschienen zwischen 1940 bis 1942 in Zeitungen und Zeitschriften, es waren Kurzgeschichten ebenso wie politische Appelle, Warnrufe vor Katastrophen, die er nicht mehr erleben wollte.
Hilda. Die Erkenntnis, dass die Väter- oder Großelterngeneration in der einen oder anderen Form in den Nationalsozialismus verwickelt war, trifft schmerzlich. Wie wohl man natürlich nicht genau sagen kann, wie man sich selbst in derselben Situation verhalten hätte. Mit einem fröhlichen „wir-Kramers-hatten-damit-eh-nichts zu tun“ beginnt die bekannte Jugend- und Kinderbuchautorin Irmgard Kramer mit ihrer Recherche zu ihrer Oma Hilda und dem Nationasozialismus.


Leben mit dem Stern. “Gestern wurde ich 53 Jahre alt, denn ich bin so alt wie dieses seltsame Jahrhundert“, schrieb Weil 1953 an einen Freund. Diesen Satz liest man mit Freude, denn so weiß man sogleich, dass der Autor sowohl die nationalsozialistische als auch die stalinistische Katastrophe “dieses seltsamen Jahrhunderts” überlebt hat. Für bedeutende tschechoslowakische Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář ist Jiří Weil heute ein großes Vorbild. Allerdings galt er in der ehemaligen Tschechoslowakei, seit der Veröffentlichung seines hier vorliegenden Romans 1949 bis zu seinem Tod 1959, als Unperson, ja sogar als “Schädling“.