Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol

Ich bin von Ort zu Ort gerannt und allmählich von allen und allem weggerissen worden, was ich liebte.” Bereits in der 3. Auflage ist die autobiografische Überlebensgeschichte von Leokadia Justman, die dem Lager Reichenau entkam und die letzten Kriegsmonate in der Region von Lofer überlebte. Der erstmals ins Deutsche übersetzte autobiografische Bericht schildert das Überleben als Jüdin in Tirol während der NS-Zeit.

Auf der Flucht vor der Gestapo

Nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto nahm ihre Mutter die Deportation nach Treblinka auf sich, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Leokadia gelang mit ihrem Vater dann sogar die Flucht nach Tirol. Bis sie an die Gestapo verraten wurden, überlebten sie dort unter falschen Identitäten. Nach der Ermordung ihres Vaters im Lager Reichenau entkam Leokadia mit einer Freundin aus der Haft und versteckte sich in der Nähe von Innsbruck. Besonders dramatisch ist der Augenblick, als sie als Jüdin erkannt wird und ihr Schicksal somit besiegelt erscheint. Als sie im Auto der Gestapo sitzt, fahren sie an ihrem Vater vorbei und sie darf natürlich nicht zeigen, wie sehr sie sich freut, dass er lebt, denn sonst hätte sie ihn ebenfalls als Juden enttarnt. Aber auch andere Momente in den schwierigsten Jahren ihres Lebens, lassen einem den Atem stocken. Aber ihre Geschichte ist so spannend erzählt, dass man gleich weiterliest, denn man will unbedingt wissen, wie sie es schaffte zu überleben. Wie für so viele andere, war dies nur möglich in dem sie ihre wahre Identität verheimlichte und sich als polnische Wanderarbeiterin ausgab. Einmal rettet sie ihre Freundin Helena vor der Enttarnung und damit Deportation, indem sie ihr eine andere Arbeit besorgt. Doch genau diese Helena sollte später indirekt dafür verantwortlich werden, dass eine polnische Untergrundzelle von der Gestapo aufgedeckt wurde. 100 Polen wurden dadurch dem schrecklichen Schicksal des Lagers ausgeliefert und das alles nur, weil Helena einem eingeschleusten Agent Provocateur, der sie immer gut behandelte, allzu viel Vertrauen schenkte. Ihre Naivität und ihr vermeintliches privates Glück kostete viele Menschen das Leben. Aber Leokadia kann ihr keinen Vorwurf machen, denn Helena war einfach zu naiv.

Tiroler Widerstand(skraft) in den Bergen

Immer wieder findet Leokadia aber auch gute Worte für die Österreicher, die sie und ihre Freundin nach der abenteuerlichen Flucht aus dem Gefängnis in Innsbruck halfen. Ausgerechnet bei einem Polizisten fanden sie (vorläufig) Unterschlupf und seine Erzählungen von einer tirolerischen Untergrundarmee von 1200 Mann, die in den Bergen warteten, klangen zwar unglaubwürdig, waren aber nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Denn tatsächlich gab es die Operation Greenspan,bei der drei Widerstandskämpfer von den Alliierten in den Tiroler Bergen abgesetzt wurden um so logistische Unterstützung für den Machtwechsel zu bekommen. Auch darüber ist im Tyrolia Verlag ein Buch erschienen, das selbst den Tarantino-Film “Inglorious Basterds” in ein authentischeres Licht stellt. Auch das Schicksal des österreichischen Beamten Alois Lechner schildert Leokadia. Ihre Freundin Marysia und sie kommen bei seiner Witwe unter, die zwei Söhne hat. Der eine Sohn erzählt beim Fronturlaub von seiner Vorahnung, dass er im Krieg sterben wird und schildert das Schicksal vieler Österreicher: “Aber genau so, wie Sie gezwungen wurden, Ihre Heimat zu verlassen, bin ich dazu gezwungen worden, das zu sein, was ich jetzt bin. Einer von denen. In den Reihen der Henker meines Vaters…ergibt das irgendeinen Sinn?” Nach dem Krieg findet Leokadia Justman trotz ihrer langen Leidensgeschichte ihre Fassung wieder und schafft es sogar durch die Wiederbegründung des Jüdischen Hilfskomittes am Adolf Pichler Platz anderen Jüdinnen und Juden zu helfen, den sie brauchten ein eigenes Komitee, da sie nicht als “eigene Nation” galten, wie ihr erklärt wird. Und genau auf diesem Platz sang die Jüdische Brigade das Hatikvah-Lied, das Lied der Hoffnung und tanzten den Nationaltanz Hora. Für die ganzen versteckten Alt-Nazis, die es auch lange nach dem Krieg noch gab, ein Fingerzeig, dass schlussendlich doch die Gerechtigkeit gesiegt hatte.

Nie wieder!

Die unglaubliche Lebensgeschichte der Leokadia Justman wurde von ihr selbst verfasst und von Dominik Markl und Niko Hofinger herausgegeben, im Anhang befindet sich auch ein ausführliches Personenregister der handelnden Personen. Die Übersetzerinnen Birgit Salzmann und Susanne Costa brachten die englische Ausgabe in ein sehr lesenswertes, fast literarisches Deutsch. Für die Herausgabe der vorliegenden Übersetzung war aber auch die Kenntnis der frühen polnischen Versionen, die unmittelbar nach dem Krieg erschienen, unerlässlich. Die englische Ausgabe entstand lange vor der deutschen, da Leokadia Justman und Joseph Wisnicki 1950 nach New York auswanderten und dort zwei Kinder bekamen. Der Text ist mit vielen Illustrationen, Abbildungen und Fotos versehen und vermittelt ein authentisches Bild der tatsächlichen Ereignisse. Dass der Text erst 80 Jahre in die Region zurückkehrt, wo er sich ereignet hat ist eine dankenswerte Aufgabe und eine eindringliche Mahnung, dass das, was passiert ist, nie wieder passieren darf. Natürlich ist das Buch keine Reinwaschung der Österreicher, Justman erzählt auch, wie viele Nazis auch nach dem Krieg unbehelligt wurden. Aber es gab selbst während des Nationalsozialismus noch aufrechte Menschen in der sog. “Ostmark” und Leokadia hatte das Glück einige von ihnen zu treffen.

Leokadia Justman
Brechen wir aus!
Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte
2026, 3. Auflage, Hardcover, 432 Seiten; 112 farb. und 9 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4275-6
Tyrolia
33.00 €

 


Genre: Autobiographie
Illustrated by Tyrolia

Mich kriegt ihr nicht!

Die erste jüdische Hochzeit nach dem Krieg in Innsbruck vermählte Joseph Wisnicki und Leokadia Justman. Das Schicksal hatte die beiden Holocaust-Überlenden zusammengeführt. Während Leokadia versteckt in Lofer den Krieg überlebte, musste sich Joseph Wisnicki mehrmals falsche Identitäten zulegen und entkam genauso wie Leokadia nur knapp.

Die Geschichte einer Flucht

In den späten Neunziger Jahren schrieb der jüdische Pole seine Geschichte für seine Familie nieder – mit Fotos und Dokumenten, die dem Bericht eindrückliche Authentizität verleihen. Der Tyrolia Verlag hat die Memoiren über seine Flucht erstmals in literarischer Übersetzung herausgegeben, ebenso wie die seiner späteren Frau Leokadia Justman (“Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte”). Als Polen von der Wehrmacht überfallen wurde, flüchtete Wisnicki nach Ostpolen, das allerdings ebenfalls besetzt war: von der Sowjetunion. Der vorgesehen Grenzverlauf war entlang den Flüssen Narren, Wechsel und San. In diesem Teil Polens war Wisnicki zwar weniger der rassischen Verfolgung ausgesetzt als vielmehr der Tatsache, dass er polnischer Soldat war. Wer sich in Rückkehrlisten nach Westpolen eintrug, wurde von der Sowjetunion nach Sibirien deportiert. Wisnicki konnte sich allerdings verstecken und sich dem Zugriff entziehen. Ein anderes Mal, als er Opfer einer Denunziation in Bludenz wurde, konnte er sich bei einer ärztlichen Untersuchung auf eine Phimose als Grund für seine Beschnittenheit hinausreden. Verblüffenderweise glaubte ihm der Amtsarzt und auch die Gestapo in Innsbruck. Das Kriegsende erlebte er dann im Arbeitslager Reichenau, von wo täglich Insassen nach Auschwitz deportiert wurden.

Unbeugsamer Überlebenswille

“Seine Erzählung rast in höchstem Tempo im Reportagstil dahin”, schreiben die beiden Herausgeber Dominik Markl und Niko Hofinger, die den Text von Joseph Wisnicki auf historische Kontinuität geprüft und mit weiteren Quellen ergänzt haben. Der zweite Teil vorliegenden Buches ist also ganz diesen Anmerkungen gewidmet und erzählt auch die Schicksale anderer Verfolgter. Zum Beispiel von Samuel Wellenberg, einem Freund Wisnickis, der in Treblinka die Kleider derjenigen sortieren musste, die ins Gas gebracht wurden. Dort entdeckte er auch die Kleidungsstücke seiner beiden Schwestern, denn sie waren mit einem grünen Stoff verlängert worden. “Der Mantel war mit dem Kleid der größeren Schwester wie in einer Umarmung verschlungen”. Aber durch eine Revolte im August 43 kann er fliehen und überlebt ebenso wie Wisnicki. Ein sehr bewegender Text, der vom unbeugsamen Überlebenswillen zeugt und die Widerstandskraft und Resilienz betont, die es braucht, um all das zu überstehen. Aber es brauchte auch viele mutige Helfer in Polen und Vorarlberg und Menschen, die ebenfalls ihr eigenes Überleben zurückstellten, um anderen zu helfen.

Joseph Wisnicki
Mich kriegt ihr nicht!
Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg
2026, Hardcover, 160 Seiten; 16 farb. und 114 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4338-8
Tyrolia
20.00 €


Genre: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg
Illustrated by Tyrolia