An das Wilde glauben

„Miedeka“ ist die ewenische Benennung für jemanden, der nach der Begegnung mit einem Bären gezeichnet ist. Nastja ist eine solche Person, die bei den Ewenen von Itscha – einem indigenen Volk in der Kamtschatka – in den Wäldern lebt. Ihr ewenischer Name lautet zudem Matucha – Bärin, und sie reflektiert über das Zusammentreffen, das ihrer Meinung nach unvermeidlich gewesen sei. „Es gibt etwas Unsichtbares, das unsere Leben auf das Unerwartete zutreibt“, heißt es im Buch. Es gäbe Rhythmus in der Welt, in der wir leben, Richtung, Orientierung. Also auch ein Schicksal, das beide, Nastja und die Bärin, unausweichlich zusammengeführt hat.    

„Ich bin bis ans Ende der archaischen Begegnung gegangen, aber ich bin zurückgekommen…“. „Der animistische Anteil der Menschen ist das Gesicht der Maske. Halb Mensch, halb Robbe; …halb Mensch, halb Wolf. Halb Frau, halb Bär. … der menschliche Anteil der Tiere, das ist es, was mein Bär in meinen Augen gesehen hat.“

Und: „die Bären kehren unter die Erde zurück um zu träumen.“ Nastja lebte bei den sibirischen Ureinwohnern, die die russische Moderne ablehnen, um ihre archaischen Wurzeln zu suchen. Der Bär wiederum hatte wohl Nastja gesucht, seine Zukunft zu schauen. Die Anthropologin sinniert darüber in den Spitälern von Russland und Frankreich – Episoden, anhand derer die Autorin die Gefährlichkeit der Zivilisation schildert, denn Nastja fängt sich einen Krankenhauskeim ein, der sich auf der chirurgisch cleanen Kieferplatte eingenistet hatte. Erst die Rückkehr in die „Wildnis“, das Unterfangen, die Begegnung mit dem Bären restlos aufzulösen, heilt sie körperlich.

Und sie nähert sich seelischen Ebenen an, die der zivilisierte Mensch in seiner Entfremdung nicht einmal mehr ahnt. Nastja lernt (auch wenn aufgrund der westlichen Verschrobenheit ihr Denken manchmal ein wenig kompliziert erscheint). Und begreift.

Ein unbedingt lesenswertes Buch. Endlich eines, dass die Entwicklung eines Menschen schildert, sein Reifen, sein inneres Wachsen. In der Oberflächenzeit der Literaturwelt ein bedeutender Wurf (wie er ja dem Matthes und Seitz Verlag glücklicherweise öfters gelingt).

Manfred Stangl

WERBUNG

An das Wilde glauben


Genre: Autobiografie
Illustrated by Matthes & Seitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert