Krähen im Park

Der neunte November

Der Roman «Krähen im Park» von Christoph Peters, laut Klappentext an die «Trilogie des Scheiterns» von Wolfgang Koeppen angelehnt, behandelt als Chronologie eines einzigen Tages, dem 9. November 2021, multiperspektivisch die Geschehnisse in verschiedenen Milieus der Metropole Berlin. Mitten in der Corona-Pandemie also wird dieser Tag aus Sicht der unterschiedlichen Protagonisten dieses Romans geschildert, denen zum Teil leicht erkennbare, reale Personen zugrunde liegen, wobei die ausufernd vielen Details des Plots ein literarisches Wimmelbild bilden, in dem alles und jedes seinen Platz bekommen zu haben scheint.

Trotz Lockdown hat eine der für Berlin typischen Kultur-Salonièren alle Hände voll zu tun, um die für den Abend geplante, feierliche Preisverleihung an den dafür eigens angereisten, französischen Schriftsteller Bernard Entremont zu organisieren. Schwer genug, denn der Bestseller-Autor ist äußerst menschenscheu, Kettenraucher und für seine eigensinnigen politischen Ansichten gefürchtet, ein Skandal liegt sozusagen schon in der Luft bei ihm. Nach langer Odyssee ist ein afghanischer Flüchtling endlich illegal in Berlin angekommen und versucht nun, Kontakt zu Landsleuten aufzunehmen, die ihm weiterhelfen sollen, einen Fixpunkt im Großstadttrubel zu finden und ihn beim Kampf mit den deutschen Behörden zu unterstützen. Erzählt wird auch von einer erfolgreichen, schon etwas älteren Influencerin, deren Partner nach zwei Romanen endlich seinen dritten schreiben soll, damit aber nicht weiter kommt und ihr nur auf der Tasche liegt. Der Sohn eines bekannten Politikers ist von wirren Verschwörungs-Theorien überzeugt und liefert sich oft Diskussionen mit dem in der Öffentlichkeit stehenden Vater, bis es an eben diesem 9. November zum Eklat kommt, als er einige gleich gesinnte Extremisten an den Personen-Schützern vorbei in die väterliche Wohnung einlädt. Ein junges, deutsch-türkisches Pärchen gerät in Panik, als nach positivem Schwangerschaftstest das Gespräch mit den Eltern bevorsteht, bei dem voraussichtlich alle ethnischen Ressentiments ausgelöst werden dürften, denn die Beiden wollen heiraten, obwohl die Braut noch keine achtzehn Jahre alt ist.

Im Roman verwebt Christoph Peters diese parallelen Handlungsfäden über die 24 Stunden des Tages hinweg eng miteinander, wechselt gekonnt immer wieder die Perspektive und leitet deutlich erkennbar von einer Szene zur nächsten weiter. Anders als bei den typischen Berlin-Romanen ist die Metropole hier ein undurchschaubares, anonymes Gefüge im Umbruch, alte Gewissheiten zählen nicht mehr, die politische Lage ist desaströs. Anders auch als bei Koeppen ist die Einbindung der zeitgenössischen Gesellschaft hier aber weniger breit gefächert angelegt, sie bleibt eher scharf sezierend auf das einzelne Detail gerichtet. Hervorzuheben aber ist, dass der Plot perfekt ins Heute passt, die beispielhaft herangezogenen Milieus werden stimmig geschildert und bilden ein perfektes Abbild des konfusen Zeitgeschehens nicht nur am 9.11.2021, sondern als Fortschreibung auch desjenigen unserer Tage, die das Koeppensche Scheitern als Prognose ja weiterhin munter bestätigt.

Optimal angepasst an die Handlung und deren Aussage wirkt der Erzählstil von Christoph Peters mithin so heutig wie nur denkbar. Denn nicht nur feiert der konfuse Jugendsprech hier Triumphe, auch Satzbau und Wortwahl bilden überraschend modern die Gegenwart ab, altväterliche Beschaulichkeit hat hier keinen Platz. Prägendes Stilmittel, besonders auf den ersten dutzend Seiten, ist die üppig ausgeprägte Parataxe, die das quirlige Geschehen noch zusätzlich sehr ausdrucksstark verdeutlicht. Auch diverse ebenso überraschende wie gekonnte Komposita verleihen dem speziellen, durchaus ungewöhnlichen Erzählstil des Autors eine beeindruckende Bedeutungs-Schärfe, die nach der Lektüre haften bleibt. Mit dem 9. November hat er – ganz unbescheiden – zudem ein bedeutsames Datum deutscher Geschichte gewählt für seinen Plot.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by btb Verlag

Dorfroman

Märkische Behaglichkeit am Niederrhein

Im Titel «Dorfroman» hat Christoph Peters die Genrebezeichnung seines neuen Buches bereits benannt, Handlungsort ist nämlich ein kleines Dorf am Niederrhein, nähe Kalkar. Und mit dem Ort wird auch gleich die Thematik deutlich, es geht um den Schnellen Brüter, jenen neuen Kernreaktortyp, der in den 70er Jahren an diesem Standort gebaut wurde. Und wie an den anderen Brennpunkten im Kampf gegen die Atomlobby, so entsteht auch in der kleinen Ortschaft ein improvisiertes Lager streitbarer Atomkraftgegner, direkt gegenüber dem Bauplatz des Atommeilers, auf der anderen Rheinseite.

Der in Berlin lebende Ich-Erzähler besucht seine Eltern in Hülkendonck, dem Ort seiner Kindheit, beide sind schon lange im Ruhestand. Bereits bei der Anfahrt mit dem Auto werden beim Anblick vieler vertrauter Plätze manche Erinnerungen wieder in ihm wach. Vieles hat sich zwar verändert, seit er vor dreißig Jahren dieses Kaff verlassen hat, aber manches ist ihm immer noch wohl vertraut. In seinem ehemaligen Kinderzimmer stößt er dann auf all die Dinge, die dort noch immer für ihn aufbewahrt werden, und mit jedem einzelnen verbinden sich irgendwelche Geschichten aus seinem Leben damals. Sein Vater war Meister in einem Betrieb für Landmaschinen, ist in dem bäuerlich geprägten Dorf geboren und kennt fast jeden. Die Mutter stammte aus der Stadt, als Lehrerin aber ist sie hier schon bald ebenfalls eng verwurzelt. Der geplante Bau des Reaktors spaltet die Dorfgemeinschaft nun in zwei Lager. Der Vater des Ich-Erzählers gehört als Kirchenvorstand, anders als seine Kollegen dort, entschieden zu den Reaktor-Befürwortern. Durch ihren Beschluss, das der Kirche gehörende Baugelände nicht zu verkaufen, blockiert eine deutliche Mehrheit im Kirchenvorstand aber den Verkauf, die Auseinandersetzungen im Dorf eskalieren. Die meisten versprechen sich neue Arbeitsplätze, und die Kirchenoberen freuen sich schon auf das viele Geld, mit dem dann auch die uralte Kirche saniert werden könnte.

Der Roman schildert sehr anschaulich das behütete Leben des Helden, das familiäre Zusammenleben, die Nachbarn, Freunde und all die Bauern, die das Dorfleben prägen. Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders mit ihrer spießigen Nierentisch-Romantik. Eine geistige Ödnis, zu der vor allem auch ein naiver Katholizismus beiträgt, von dem er sich aber in der Pubertät allmählich immer mehr abwendet. Entscheidend ist dabei Juliane, eine sechs Jahre ältere Aktivistin aus dem benachbarten Protestcamp, in die er sich als fast Sechzehnjähriger unsterblich verliebt hat und mit der er schließlich auch seine Initiation erlebt. Als Schmetterlings-Sammler mit dem schwärmerischen Berufswunsch ‹Tierschützer› á la Grzimek oder Sielmann entwickelt er sich unter Julianes Einfluss zum Atomkraftgegner. Seinem drögen Leben in dörflicher Idylle wird im Roman mit dem ‹Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll› der skurrilen Typen des Protestcamps ziemlich brutal ein alternativer Lebensentwurf gegenüber gestellt. Der Roman lebt vor allem von diesem extremen Spannungsfeld.

Mit seiner ruhigen Erzählweise erinnert der Autor ein wenig an Fontane, anschaulich schildert er das ländliche Milieu einer wohlversorgten Familie aus dem Mittelstand und die Sitten und Gebräuche am Niederrhein. Die Sprache ist der kindlichen Perspektive seines jugendlichen Helden stimmig angepasst, wobei vor allem dessen naive Naturliebe, die ja in krassem Widerspruch steht zum ökologischen Wahnsinn des Atomreaktors, in wunderbaren Naturbeschreibungen zum Ausdruck kommt. Nicht ganz verständlich ist, warum im Roman von Calcar geredet wird, obwohl die kleine Stadt seit 1936 offiziell Kalkar heißt. Und dass der Heranwachsende mit seiner promiskuitiven Geliebten sich selbst unverändert als Kind bezeichnet ist ebenfalls fragwürdig. Von den Figuren wirkt besonders der Vater als ein stimmig beschriebener, kantiger Charakter fontanescher Prägung überaus sympathisch, märkische Behaglichkeit also auch am Niederrhein!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand