Löwenherz

Schlafesruh

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer hat mit dem Roman «Löwenherz» ihre autofiktionale Trilogie über ihre Großfamilie abgeschlossen, die ihr gleich mit dem ersten Band einen späten Durchbruch auch am deutschen Buchmarkt beschert hat. Als Buchtitel hat sie den lustigen Kosenamen des Vaters für ihren jüngeren Bruder Richard gewählt, dem sie mit dieser feinsinnigen, behutsamen Erzählung ein literarisches Denkmal setzt. Sie denke nun viel öfter an ihren sechs Jahre jüngeren, im Alter von dreißig Jahren viel zu früh verstorbenen Bruder und habe nur die Hoffnung, dass er «von oben runterschaut und sagt: ‹Hast du gut gemacht›».

Der Roman beginnt damit, dass ihrem Bruder ein «struppiger, knapp übers Knie hoher», herrenloser Hund zulief, den er gleich ins Herz geschlossen hat und dem er spontan den Namen Schamasch gab. Beide waren fortan unzertrennlich, und weil er als 25jähriger Schriftsetzer allein lebte, nahm er den Hund auch mit zur Arbeit, wo sich alle Kollegen und auch der Chef sofort mit ihm anfreundeten. Bei einem Badeausflug fand er am Ufer des Bodensees eine verrostete Badewanne, die er ins Wasser zerrte und hinein stieg, obwohl er nicht schwimmen konnte. Prompt versank die Wanne im See, und er rief wild um sich schlagend um Hilfe. Eine hochschwangere Frau, die mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe war, zog ihn an Land. Richard bedankte sich bei ihr und wollte gerade gehen, als sie ihn aufforderte, ihr doch seine Adresse zu geben. Er solle als Gegenleistung für seine Rettung während ihrer Entbindung ein paar Tage auf ihre kleine Tochter Putzi aufpassen. Was er dann auch gerne tut, und Putzi, Schamasch und er lieben sich alle drei auf Anhieb, sie bilden eine geradezu ideale Gemeinschaft. Putzi nennt ihn von Anfang an Papa und geht ihm nicht mehr von der Seite, ihre Mutter aber lässt sich wochenlang nicht mehr sehen. Monika Helfer springt oft ein, wenn er Putzi manchmal nicht mitnehmen kann in die Fabrik. Sie selbst, ihr späterer Mann Michael Köhlmeier und Richard haben in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zueinander.

Das alles geht wider jede Erfahrung lange Zeit gut, Richard erweist sich als idealer Vater. Bis er, der sich nie für Frauen interessiert hat, plötzlich auf die smarte Rechtsanwältin Tanja trifft, die ihn sogar heiratet und ihm ein Leben in Luxus bietet. Er kündigt seinen Job und kann sich künftig voll seiner Passion widmen, naive Kunst nämlich, die er als mäßig erfolgreicher Maler eifrig betreibt. Mit dem Tod des Hundes, der von einem Jäger erschossen wird, erreicht sein glückliches Leben dann aber einen Wendepunkt, dem wenig später auch der Verlust der innig geliebten Putzi folgt, die von ihrer Mutter plötzlich mit Gewalt aus Richards Wohnung herausgeholt wird. Diese beiden Ereignisse werfen den Eigenbrötler völlig aus der Bahn. Er entfremdet sich nun immer mehr von seiner Schwester Monika und ihrem Mann.

Das Besondere am Stil der Autorin ist ihre behutsame Herangehensweise an den Stoff. Sich vorsichtig herantastend bezieht sie sogar den Schreibprozess selbst mit ein in ihre Erzählung, und sie hat in ihrem Mann und Kollegen Michael Köhlmeier einen kundigen Gegenleser, mit dem sie sich intensiv austauscht. Sie reden nicht nur über den Roman, den sie schreibt, sondern auch über die Erinnerungen an den charmanten Richard. Ihr Mann war ziemlich eng mit ihm befreundet und erinnert sich zuweilen sogar an manches, was sie nicht mehr weiß. Er habe ihn mutmaßlich sogar besser gekannt als sie, wenn er etwa erklärt: «Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard». Zweifellos ist das Schreiben für Monika Helfer hier auch eine Art Selbstbestätigung. Feinsinnig schildert sie Richard als ebenso kauzigen wie widersprüchlichen, ebenso fantasievollen wie gutmütigen Mann, österreichisch gesagt als «Schmähtandler». Wahrscheinlich sei, hat sie alles hinterfragend erklärt, dessen Kindheit, getrennt von den Schwestern bei einer unfreundlichen Tante, der wahre Grund für seine Schrullen gewesen. Voller Wehmut wünscht sie ihm ganz am Ende des Romans «Schlafesruh»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

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