Freiheit und Vertrauen. Von alten Ordensleuten für das Leben lernen

Ruth Mächlers Freiheit und Vertrauen trägt den Untertitel Von alten Ordensleuten für das Leben lernen. Das klingt zunächst nach einem religiösen Ratgeber. Tatsächlich hat die Soziologin und evangelische Theologin für eine Studie mit 21 hochbetagten Ordensleuten gesprochen, vor allem mit Jesuiten und Schwestern des Sacré-Cœur-Ordens. Sie fragt nach Lebensentscheidungen und Krisen, Arbeit und Alter, Freiheit und Gehorsam, Glauben und Zweifel – schließlich auch nach dem Tod.

Die große Stärke des Buches liegt in diesen Gesprächen. Mächler lässt ihre Gesprächspartner ausführlich erzählen und zeichnet sie nicht als entrückte Heiligenfiguren, sondern als Menschen mit Brüchen, Ängsten, unerfüllten Wünschen und viel Humor. Gerade dadurch gewinnen ihre Erfahrungen eine Bedeutung, die über das Kloster hinausweist.

Ein Leitmotiv ist das „Durchhalten“. Doch ist Durchhalten tatsächlich ein Wert an sich? Oder wird eine Entscheidung erst dann tragfähig, wenn sie immer wieder neu geprüft werden darf? Pater Zacher etwa stand kurz vor dem Austritt aus dem Orden. Erst die erneute Auseinandersetzung mit seinen ursprünglichen Motiven führte ihn zu einem bewussten, nun selbstständigeren Weitergehen. Mächler macht daraus keine simple Moral. Bleiben kann richtig sein, Gehen ebenso. Entscheidend ist die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Spannend wird das Buch dort, wo Gewissheiten ins Wanken geraten. Selbst Menschen, die ihr gesamtes Leben Gott gewidmet haben, bleiben von Zweifeln nicht verschont. Hochbetagte Ordensfrauen fragen sich, was nach dem Tod kommt, ob ihre Glaubensvorstellungen tragen und ob sie sich möglicherweise etwas vormachen. Eine Schwester zweifelt ausdrücklich an der Auferstehung. Das Bild eines festgefügten, zweifelsfreien Glaubens wird dadurch eindrucksvoll relativiert.

Ebenso anregend ist das Kapitel über das „Paradoxon von Begrenzung und Freiheit“. Auf den ersten Blick scheint kaum eine Lebensform stärker eingeschränkt als das klösterliche Leben: Gehorsam gegenüber Vorgesetzten, Verzicht auf persönlichen Besitz und Partnerschaft sowie eingeschränkte Wahlmöglichkeiten bei Aufgaben und Wohnort. Kann aus solchen Begrenzungen tatsächlich innere Freiheit entstehen? Und wo endet freiwillige Bindung und beginnt Unterwerfung? Die Autorin zeigt beides: Menschen, die innerhalb der Ordensregeln Freiheit fanden, und andere, bei denen dies offenbar nicht gelang.

Exemplarisch wirkt die Geschichte einer Schwester, der einst beigebracht wurde, sie müsse täglich ihre Rosshaarmatratze wenden, sonst gefährde sie ihre Berufung. Sie unterließ es probeweise eine Woche lang. Nichts geschah. Danach wendete sie die Matratze wieder – nun aber, weil sie verstanden hatte, dass es für das Material sinnvoll war. Diese kleine Episode veranschaulicht treffend den Unterschied zwischen blindem Gehorsam und begründeter Entscheidung.

Gerade an diesem Punkt stellen sich allerdings Fragen, die das Buch nur teilweise beantwortet. Mächler hat ausschließlich Menschen befragt, die im Orden geblieben sind. Sie äußert zwar ausdrücklich Respekt vor denen, die gegangen sind. Doch wie anders hätte sich das Bild von Freiheit und Gehorsam möglicherweise dargestellt, wären auch ehemalige Ordensleute ausführlich zu Wort gekommen?

Ähnliches gilt für die dunklen Seiten kirchlicher Institutionen. Sexueller Missbrauch, Gewalt und manipulative religiöse Autorität werden erwähnt, aber bewusst nicht vertieft. Ist das bei einem Buch über Gehorsam und Selbstbestimmung ausreichend? Oder hätte die institutionelle Seite von Macht und Abhängigkeit stärker einbezogen werden müssen?

Wie tief solche Strukturen einst in persönliche Lebensverhältnisse eingriffen, zeigen manche Lebensgeschichten eindrucksvoll. Ordensleute mussten beim Eintritt teilweise praktisch Abschied von ihren Familien nehmen. Erst die Reformen infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils lockerten diese Regeln. Einige der Befragten betrachten die damalige Praxis heute selbst mit Befremden.

Auch die Übertragungen vom Ordensleben auf die allgemeine Lebensführung überzeugen nicht immer gleichermaßen. Wenn Mächler etwa die Arbeitsbiografien ihrer Gesprächspartner als mögliches Modell für ein erfülltes Alter beschreibt, bleibt zu fragen, wie vergleichbar die Voraussetzungen sind. Ordensleute verfügen über materielle Absicherung und eine Gemeinschaft, während Arbeitnehmer und Selbstständige oft unter völlig anderen Bedingungen arbeiten.

Am überzeugendsten ist das Buch dort, wo die Autorin erzählt und ihren Gesprächspartnern Raum gibt. Besonders eindringlich sind die Kapitel über Krisen, Altern und Sterben. Dabei wird Leid nicht vorschnell verklärt. Nicht jede Krise sei notwendig oder sinnvoll, betont Mächler; der Satz, irgendetwas werde schon „für etwas gut“ sein, könne sogar verletzend wirken.

Freiheit und Vertrauen ist weniger ein Buch über Klöster als über Lebensentscheidungen. Was trägt über Jahrzehnte? Wann wird Treue zur Starrheit? Wann kann Verzicht befreien? Wie viel Mut braucht es, eine frühere Entscheidung noch einmal infrage zu stellen? Und was bleibt von einem Leben, wenn Leistung, Besitz und gesellschaftliche Rollen an Bedeutung verlieren?

Ruth Mächler gibt darauf keine endgültigen Antworten – und gerade darin liegt eine Stärke des Buches. Manches erscheint etwas zu harmonisch, manches wird zu schnell verallgemeinert. Doch die Stimmen der alten Ordensleute bleiben im Gedächtnis. Ihre Geschichten machen Freiheit und Vertrauen zu einer klugen und lebensnahen Einladung, über Bindung und Freiheit, Zweifel und Zuversicht, Altern und Sterben neu nachzudenken.


Genre: Interview, Religion, Spiritualität
Illustrated by Patmos Verlag Eschbach

Der abenteuerliche Simplicissimus

Die Weisheit des Narren

«Der abenteuerliche Simplicissimus» von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, dessen erste fünf Bücher 1668 erschienen sind, ein Jahr später von «Continuatio» als Fortsetzungsband gefolgt, zählt als barocker Schelmenroman nach pikareskem Vorbild des Don Quijote zum literarischen Kanon. Der umfassend belesene Autor verarbeitet in seinem als erster deutschsprachiger Prosaroman von Weltrang geltenden, vielschichtigen Hauptwerk eigene Erfahrungen während des Dreißigjährigen Krieges. Er stützt sich aber auch auf eine schier unüberschaubare Fülle von Versatzstücken aus der Mythologie und aus antiken Werken, ferner verwendet er zahlreiche Erkenntnisse seiner Zeit aus den unterschiedlichsten Wissengebieten für seine Geschichte. Stellt ein vor mehr als 350 Jahren geschriebenes Werk auch für den heutigen Leser eine bereichernde und erfreuliche Lektüre dar? Beides kann vorab schon mal bejaht werden!

Als Kind lebt der Romanheld als Viehhirte auf dem Bauernhof seiner Eltern, er flüchtet nach der Brandschatzung des Elternhauses durch marodierende Soldaten in den tiefen Wald. Dort wird er von einem frommen Einsiedler aufgenommen, der ihn Simplicius nennt, ihn zu asketischer Frömmigkeit erzieht und ihm Lesen und Schreiben beibringt. Als der Einsiedler zwei Jahre später im Sterben liegt, legt er ihm als Tugenden für seine künftige Lebensführung Selbsterkenntnis, Beständigkeit und Welterkenntnis ans Herz. Nach dieser Initiationsphase gelangt Simplicius in das von Schweden besetzte Hanau und wird zunächst Page des Kommandanten. Seiner Einfalt wegen wird er als «Simplicissimus» schon bald ins höfische Narrenkostüm gezwungen, schließlich gerät er in Gefangenschaft kroatischer Soldaten. Sein weiteres Leben gestaltet sich als wildes Auf und Ab, er wird selbst Soldat, lebt in Saus und Braus und erlangt schließlich durch sein furchtloses Draufgängertum als ‹Jäger von Soest› hohes Ansehen bei Freund und Feind. Auf seinen vielen Raubzügen macht er reiche Beute, verliert aber eben so oft alles wieder, auch seine zwei Ehen enden tragisch. Bei einem unfreiwilligen Aufenthalt in Paris wird er als ‹Beau Alman› berühmt, er verdient viel Geld als Gigolo hochgestellter Damen, wird erneut ausgeraubt, kommt aber als Quacksalber schnell wieder zu Geld. Ein Husarenstück reiht sich an das andere in diesem turbulenten Roman, und auch die Geisterwelt kommt nicht zu kurz mit einem Ritt auf den Hexentanzplatz und einer Begegnung mit dem Wassergeist am Mummelsee. Nach vielen haarsträubenden Abenteuern auf seinen Reisen in alle Welt endet der Roman schließlich in einer Robinsonade, die für den selbstreflexiven Helden zu einem Erweckungserlebnis wird. Er erkennt sein bisheriges frevelhaftes Leben und kehrt bußfertig in die Askese eines frommen Einsiedlers zurück, womit sich narrativ der Kreis schließt.

Leitmotiv dieser häufig allegorisch hinterlegten Handlung ist die individuelle Desillusionierung, ‹erkenne dich selbst› ist seine Botschaft. Neben allem Pikaresken und christlich erbaulicher Frömmelei enthält diese satirische Geschichte mit ihrem episodisch angelegten Plot sehr deutliche gesellschaftskritische Anspielungen auf die Verwilderung der Sitten. Das mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass der Roman anfangs noch unter Pseudonym erschien.

Thomas Mann sprach begeistert von einem «Literatur- und Lebens-Denkmal der seltensten Art». Nun ist ein barockes Werk wie dieses trotz sorgfältiger sprachlicher Überarbeitung für uns Heutige natürlich nicht leicht zu lesen. Ein umfangreiches Register hilft dem Leser aber über fast alle Verständnisklippen hinweg und erweitert en passant auch seinen Horizont in Sachen ‹Dreißigjähriger Krieg›. Die atmosphärisch dazu passende, derbe Sprache schildert das oft grausame Geschehen scheinbar ungerührt, und auch die vielen Romanfiguren wirken emotional eher unterkühlt. Wer Geduld hat mit der geradezu ausufernden Reihe von Szenen und Episoden, der wird seine Freude haben an diesem satirischen Roman.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Patmos Verlag Eschbach