Die Elenden

Sozialkritisches Epos

Einer der wichtigsten Romane der französischen Literatur ist «Die Elenden» von Victor Hugo, ein 1862 erschienenes Werk der Romantik, das inzwischen ein Klassiker der Weltliteratur wurde, es gibt nicht weniger als 48 Verfilmungen und dutzende andere Adaptionen des Stoffes. Vordergründig handelt es sich um einen Abenteuerroman, in dessen Mittelpunkt ein ehemaliger Zuchthäusler steht, der seinen Weg zurück in die Gesellschaft sucht. Vom Anliegen des Autors her aber ist dies ein sozialkritischer Gesellschaftsroman aus der Epoche nach Napoleon bis zum Juni-Aufstand in Paris, also von 1815 bis 1832.

Der ursprünglich nur wegen Mundraub verurteilte Jean Valjean hat, nach seiner Entlassung aus 19 Jahren Haft, als Gast eines selbstlosen Bischofs ein beglückendes Erweckungserlebnis, er wandelt sich zu einem moralisch vorbildlichen Menschen. Wegen seiner Vergangenheit nimmt er eine neue Identität an und wird schließlich mit einer genialen Erfindung zum erfolgreichen Fabrikanten. Seinen neuen Reichtum nutzt er selbstlos als hochgeachteter Wohltäter, hilft den Armen wo er kann, man ernennt ihn sogar zum Bürgermeister. Seine Lebensaufgabe findet er schließlich, als er ein kleines Mädchen aus den Fängen seiner bösartigen Pflegefamilie befreit, zu sich nimmt und aufzieht. In dem sturen Polizeiinspektor Javert findet er jedoch einen hartnäckigen Gegenspieler, der ihn unerbittlich weiter verfolgt und dem er mehrfach nur knapp entkommen kann. Der Roman endet, nach der Heirat von Cosette, mit dem Tod seines zutiefst moralischen Protagonisten.

Victor Hugo baut neben seiner zentralen Figur eine Fülle weiterer Charaktere auf, die in vielen Abstufungen vom bewundernswerten Gutmenschen bis zum skrupellosen Schwerverbrecher das ganze Spektrum individueller Psyche und moralischer Verfasstheit abbilden. Alle diese Figuren werden überaus anschaulich beschrieben, sie verkörpern lebensprall jeweils ein bestimmtes menschliches Naturell und scheinen geradezu greifbar vor dem Leser zu stehen. Der abenteuerliche Plot ist weitverzweigt und nimmt nach dem Motto ‹Der Weg ist das Ziel› so manchen Umweg, der mit dem eigentlichen Thema wenig zu tun hat. So zum Beispiel, wenn auf dutzenden von Seiten die Schlacht bei Waterloo geschildert wird oder das unterirdische Abwassersystem von Paris, das hier am Ende als Fluchtweg dient. Gut und böse als ethische Gegenpole bestimmen diesen vielschichtigen Roman, der aber auch politische, religiöse und philosophische Fragestellungen aufgreift und in dem die berührende Liebesgeschichte von Cosette und Marius ebenfalls einen breiten Raum einnimmt. Insbesondere der Polizist Javert als kompromissloser Vertreter der Staatsmacht gelangt am Schluss mit seinen eisernen Prinzipien in unlösbare Gewissenskonflikte, aus denen er nicht mehr herauszufinden vermag. Sympathieträger im Roman sind auch so manche Nebenfiguren wie der schrullige Großvater von Marius oder der gutherzige Bischof. Den Großvater hätte seine schroffe Art beinahe ins Unglück gestürzt, wäre ihm nicht der beim Barrikadenkampf schwerverletzte Marius ins Haus gebracht worden, was bei ihm ein totales Umdenken auslöst.

Die Sympathie des Autors für die aufständischen Republikaner von 1832 ist unverkennbar. Man schoss durch ein Gitter aufeinander, heißt es an einer Stelle seiner mitreißenden Schilderungen der turbulenten Ereignisse. «Ein Beobachter, ein junger Träumer, der Verfasser dieses Buches, der ausgegangen war, um sich den Vulkan aus der Nähe anzusehen, geriet zwischen die beiden Feuer». Victor Hugo sah die Republik als politische Voraussetzung für die Linderung der schlimmsten Not «der Elenden». Er verdeutlicht aber auch seine Überzeugung, dass konsequentes ethisches Handeln diese Not entscheidend lindern kann, wofür er in diesem Epos viele anschauliche Beweise liefert. Insoweit ist dieser grandiose Roman eine flammende Anklage gegen die soziale Schieflage in der französischen Gesellschaft des frühen Neunzehnten Jahrhunderts.

Fazit: erstklassig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Manesse Verlag München

Das babylonische Wörterbuch

Date mit einem Unbekannten

Der 2018 erschienene Erzählband «Das babylonische Wörterbuch» vom Joaquim Maria Machado de Assis ist eine Auswahl aus seinen insgesamt 226 ‹contos›, einer spezifischen Kurzprosa in Form von Erzählungen, Legenden, Fabeln und mythischen Texten. Der literarische Aufstieg des Brasilianers führte über den Journalismus zu einem äußerst vielseitigen Œuvre, er ist unumstritten der Urvater der modernen südamerikanischen Literatur. «Hinter Garcia Marquez steht Borges und hinter Borges als Quelle und Ursprung von allem Machado de Assis» hat Salman Rushdie geschrieben. Susan Sontag hat ihn 1990 als «großartigster lateinamerikanischer Autor aller Zeiten» gefeiert, Alberto Manguel fragt sich in seinem «Tagebuch eines Lesers», warum er –außerhalb Brasiliens – ein Unbekannter bleibt, denn «Es gibt keinen, der ihm vergleichbar wäre».

In dem vorliegenden, liebevoll editierten kleinen Band, 2018 erschienen, sind dreizehn der besten seiner zwischen 1880 und 1890 entstandenen Erzählungen enthalten, die thematisch wie stilistisch recht unterschiedlich sind. Deren deskriptive Titel allein machen schon neugierig! In «Die Akademien von Siam» tauschen Glühwürmchen mit den Sternen der Milchstraße akademisches Wissen aus, in «Der wahre Grund» wird der abstoßende Sadismus eines scheinbar selbstlosen Arztes entlarvt, und «Evolution» ist eine sozialkritische Skizze, die sich mit unglaublich hohlköpfigen Politikern befasst. Die biblisch konnotierten Erzählungen beschäftigen sich in «Adam und Eva» mit einer erstaunlichen Version der Genesis, in der nicht Gott, sondern der Teufel die Welt erschaffen hat, es gab also auch keinen Sündenfall. Die Geschichte «Auf der Arche» berichtet vom ersten Zwist unter den Menschen, in «Die Kirche des Teufels» gründet der Satan eine eigene Kirche in Konkurrenz zu Gott und erlebt damit eine Pleite, «Die Predigt des Teufels» schließlich ist als konträr angelegte Bergpredigt in biblischer Diktion eine ironische Abrechnung mit dem brasilianischen Kapitalismus jener Zeit. In einer konventionellen Geschichte vom Ehebruch unter dem Titel «Die Wahrsagerin» erfahren wir, dass ‹in jeder Verneinung noch eine Bejahung steckt›. Mit den Worten ‹Es war einmal› führt uns «Das babylonische Wörterbuch» in einen phantastischen Wettstreit, der im Erfinden einer obskuren neuen Sprache gipfelt. Auf Schillers Ballade basiert «Der Ring des Polykrates», und in «Die alexandrinische Geschichte» wird der Frage nachgegangen, ob die Essenz aller menschlichen Fähigkeiten und Empfindungen im Blut enthalten ist. In «Die durchlauchtigste Republik» hält ein Wissenschaftler einen Vortrag, in dem er von seiner bahnbrechenden Entdeckung berichtet, dass die Spinnen eine eigene Sprache haben, und «Der türkische Pantoffel» ist ein Traumsymbol, von dem in einem trivialen Theaterstück erzählt wird, dessen Held in einen Schlaf versinkt, aus dem aufwachend er erklärt, ‹dass das beste Drama nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Zuschauer selbst›.

Der Stil des umfassend klassisch gebildeten Autors ist geprägt durch eine präzise, knappe Sprache, die ungewöhnlich anspielungsreich und klug durchdacht fantasievoll seine anthropologische und philosophische Thematik behandelt und dabei souverän ganz ohne autobiografische Bezüge auskommt. Als wichtiger Wegbereiter der Moderne ist sein Nimbus als skeptischer Schriftsteller vor allem auf seine erzählerische Raffinesse gegründet, in der die Vertauschung und das Verschweigen die Mittel seiner Wahl sind.

Zum Lesevergnügen trägt insbesondere die niemals ins Sarkastische abgleitende, feine Ironie bei, man staunt als Leser immer wieder über die skurrilen Einfälle des Autors und seine absurden Herleitungen, aber auch über die oft erst nach einigem Nachdenken verständliche Katharsis. Man wird gut unterhalten und intellektuell gefordert mit diesen in Deutschland kaum beachteten Erzählungen, ein Date mit einem Unbekannten quasi, das womöglich eine Lücke schließt in der eigenen Belesenheit.

Fazit: erstklassig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Erzählungen
Illustrated by Manesse Verlag München