11. September 2001

11. September 2001: 20 Jahre nach 9/11 („diese aus der US-Schreibweise des Datums zum Symbol geronnene Chiffre“) ist das Ereignis, das den Beginn des 21. Jahrhunderts markiert, tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, schreibt auch der Autor, seines Zeichens Amerikanist und Professor für Zeitgeschichte. In der Reihe „100 Seiten“ des Reclam-Verlages hat er eine bündige Lektüre verfasst, die sich mit allem um 911 beschäftigt, also sowohl der Vor- als auch der Nachgeschichte.

Das Ereignis des 21. Jahrhunderts

Der 11. September war auch medial ein Ereignis. Eine Stunde nach den Anschlägen wussten 70 Prozent der  Deutschen davon. In Amerika sind es 90 Prozent, aber auch in „Kansas, der Schwäbischen Alb, im australischen Outback, den Favelas von Rio, den Townships von Soweto oder den Glastürmen von Hongkong und Tokio“ wären dieselben Bilder über die Schirme geflimmert. Dabei geschah 9/11 eigentlich im vordigitalen Zeitalter, damals war das Internet noch eher begrenzt und so gehöre der 11. September streng genommen noch zum 20. Jahrhundert, als „robust massenmediale, prädigitale Erfahrung“, wie Gassert schreibt. Der islamistische Terrorismus – damals noch eher ein Nischenphänomen – sei eigentlich vom Westen zur „Kriegspartei“ aufgewertet worden. Denn die Kriegserklärung des saudischen Baulöwen Osama Bin Laden an die USA wurde dankbar angenommen. Schließlich war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ein praktisches Feindbild abhandengekommen. Nun forderte ein einfacher Terrorist die Weltmacht heraus und machte ihr ihren einzigen, kurzen „unipolaren Moment“ in der Weltgeschichte madig.

11. September 2001 oder 911

Aber der islamistische Terrorismus hat sich auch gegen den Islam selbst gewandt. Eine nicht näher definierte Gruppe von Terroristen hatte am 20. November 1979, dem islamischen Neujahrstag, die Große Moschee von Mekka durch 500 schwer bewaffnete Kämpfer überfallen und Tausende von Pilgern als Geisel genommen. Der islamistische Terrorismus begründet seine Absichten auf dem Verrat der Saudischen Eliten, die die heiligen Stätten des Islam von den USA bewachen ließen. Tatsächlich sind die beiden Länder Verbündete, spätestens seit der Operation Desert Storm, die den Überfall des Iraks auf Kuwait zwar rückgängig machte, Saddam Hussein aber weiter im Amt ließ. Dieser metzelte die irakische Opposition nieder und damit war die Glaubwürdigkeit der USA im Nahen Osten ein weiteres Mal untergraben. Philipp Gassert schreibt aber nicht nur über die Drahtzieher des Terrors, den Irakkrieg und die Anschläge selbst, sondern auch über die innenpolitische Opposition in den USA und die Friedensbewegung gegen den Irakkrieg zehn Jahre nach Kuwait. Grafiken, Fotos und Fotos lockern den Fließtext auf, einige Lektüretipps und eine Zeittafel befinden sich im Anhang. Eine Lektüre also, die man lesen sollte, bevor man darüber spricht. Über DAS Ereignis des 21. Jahrhunderts.

Philipp Gassert: September 2001
Originalausgabe
100 S. 12 Abb. und Infografiken
ISBN: 978-3-15-020579-2
Reclam Verlag


Genre: Geschichte, Politik, Religion
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Licht am Ende des Lebens – Bericht einer außergewöhnlichen Nahtoderfahrung

Licht am Ende des Lebens - Bericht einer außergewöhnlichen Nahtoderfahrung

Eine der ersten dokumentierten Nahtoderfahrungen

Autorin Betty J. Eadie war 31 Jahre alt, als sie nach einer Routine-Operation an der Gebärmutter starb und eine Nahtoderfahrung machte. Das ist nicht die erste in ihrem jungen Leben: Als kleines halb-indianisches Kind in einem katholischen Internat schenkten ihr die Schwestern keinen Glauben, als sie hochfiebrig war. Zu spät bei einem Arzt vorgestellt, diagnostizierte er Keuchhusten und eine schwere Lungenentzündung. Der Arzt verlor sie, aber Betty kam zurück. Voller unguter Vorahnungen trotz ärztlicher Beruhigungsversuche erinnerte sich Betty an dieses Erlebnis. Tatsächlich bewahrheiteten sich diese Vorahnungen und Betty starb zum zweiten Mal.

Dieses Erlebnis hatte nur am Anfang etwas Erschreckendes an sich, als der Körper wegen seines Zustandes Alarm schlug. Als sich Bettys Seele schließlich außerhalb ihres Körpers befand, bemerkte sie eine Reihe guter Dinge: Sie war völlig beschwerdefrei, extrem beweglich und konnte schweben. Auch von einem Ort zum anderen zu gelangen stellte kein Problem mehr da. So besuchte sie als Seele z.B. ihre Familie und bekam beruhigende Einblicke. Hilfe erhielt sie von Seelenfreunden, die sie schon von Anfang der Zeit an begleitet hatten. Durch einen heilenden Tunnel gelangte sie zu einem Licht, in dem sie Jesus erkannte. Die Liebe, die von ihm und anderen geistigen Wesen ausgeht, ist allumfassend und verurteilt nicht. Betty bekam in weiteren Verlauf Einblicke in das jenseitige Leben und Antworten auf alle ihre Fragen. Sie fühlte sich so wohl in diesem Seinszustand, dass sie nicht wieder zurückkehren wollte. Erst als ihr die Erinnerung an ihre Aufgabe auf Erden gewährt wurde, entschloss sie sich zurückzugehen.

Die wichtigste Botschaft dieser Erfahrung lautete: Liebt einander. „Die Einzelheiten meiner Erfahrung sind nur insoweit von Belang, als sie uns helfen zu lieben. Alles andere ist nebensächlich“, resümiert sie.

Embraced by the light

… der Originaltitel des Buches und ihrer Internetseite gibt viel besser wieder, worum es wirklich geht: alles umfassende, nicht wertende Liebe.

Schaut man sich die Nahtoderfahrungen der Patienten von Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody und diese Nahtoderfahrung an, lässt sich sagen, dass sie sich in grundlegenden Dingen wie dem Tunnel, dem Licht, der Liebe, der außerkörperlichen Erfahrung,  und dessen, was die Seelen dann sehen, dem Hinweis, zu früh gestorben zu sein usw. ähneln. Natürlich gibt es Unterschiede in den Einzelheiten, z.B. in der Länge des Todes und der jeweiligen Intensität und Detailliertheit der Erlebnisse, aber die Grunderfahrungen gleichen sich trotzdem.

Außerdem fällt auf, dass die Nahtoderfahrungen (auch diese) am Beginn der Erfahrung dessen ähneln, was die Reinkarnationsforschung herausgefunden hat. Dort, wo die Toten nicht den kompletten Übergang vollziehen, macht die Reinkarnationsforschung (z.B. Beratungspsychologe und Hypnotherapeut Michael Newton, Psychiater Ian Stevenson und dessen Nachfolger Jim B. Tucker) weiter und gibt tiefere Einblicke in die jenseitige Welt. Die religiöse Ausrichtung spielt dabei keine Rolle. Eadie schreibt dazu: „Jede Glaubensrichtung erfüllt spirituelle Bedürfnisse, denen andere Kirchen womöglich nicht gerecht werden. Keine Kirche kann jedermanns Bedürfnisse auf allen Ebenen erfüllen.“ Alles dreht sich um Erfahrungen und Wachstumschancen, auch in Hinsicht auf Religionen und evtl. den Wechsel von einer Religion zur anderen. Wenn man genauer hinschaut, dann glauben nicht nur klassische große Religionen wie der Hinduismus und der Buddhismus an Reinkarnation, sondern auch die Seitenlinien und mystischen Richtungen der monotheitischen, die oft als ketzerisch im Laufe der Zeit verurteilt wurden (s. z.B. die jüdische Kabbala, die christliche Gnosis und u.a. Kirchenlehrer Origenes von Alexandria, Druze und Alawi).

Eadie allerdings lehnt den Reinkarnationsgedanken ab. Man existiere zwar schon von Anbeginn an, aber es gebe nur eine Inkarnation, nach der man zu Gott zurückkehre. (Sie ist gläubige Katholikin, was kein Widerspruch zur Reinkarnationstherorie oder den Nahtoderfahrungen ist, denn die Erfahrungen werden anscheinend im Jenseits so angepasst, dass die Seelen sich nach ihrem Tod wohlfühlen. So sieht sie Jesus Christus, andere sehen Buddha usw. ) Allerdings gibt es viele Aspekte in ihrem Buch, die auch in der Reinkarantionstherorie auftauchen: die Wahl eines geeigneten Körpers, die Wahl der Umstände, in die man hineingeboren wird, die Begleitung der Lebenden eine Weile nach dem Tod und die Beobachtung der eigenen Beerdigung, wenn gewünscht, das Empfangskomitee nach dem Tod, die jenseitige Bibliothek, die Gedanken, die Realität erschaffen, die entgangenen Chancen bei einem Selbstmord, verschiedene spirituelle Entwicklungsstufen, Auswahl der Lebensaufgabe, Wahl der Begleiter auf der Erde, der Rat usw.

Fazit

Alles in allem ein lesenswertes Buch für Menschen, die offen mit dem Tod und dem, was danach kommt, umgehen können, und vielleicht auch ein Trost für diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben.


Genre: Religion, Spiritualität
Illustrated by Weltbild

Die Nachfolge

Nachfolger Christi: Dietrich Bonhoeffer

Die Nachfolge Christi: Zu den wichtigsten Schriften des „Bergpredigt-Christen“ – wie Bonhoeffer gerne auch genannt wird – gehören neben „Widerstand und Ergebung“, den Briefen aus der Haft und dem „Gemeinsamen Leben“ auch die vorliegenden Texte der in „Nachfolge“ abgedruckten Texte.Dietrich Bonhoeffer, der für seine Überzeugungen von den Nazis ermordet wurde, bekam seine Emanation durch die Gottesdienst- und Gemeinschaftserfahrungen in einer schwarzen Gemeinde Harlems, der Abessinian Baptist Church, wo er auch mitarbeitete, wie Peter Zimmerling in seiner Einführung schreibt. Bonhoeffers Hinwendung zu einem persönlichen Christusglauben beruhte auf zwei Pfeilern: der neuen Sicht der Bibel als „Liebesbrief Gottes“ und der Kompromisslosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der Nachfolge Christi. In „Nachfolge“ beschreibt er, wie das „glaubende Erleiden“, das „Halten des Gebotes“ gegenüber dem „Ausweichen“ aussehe, so Zimmerling weiter. Nach dem Ende des Sommerkurses 1936 begann Dietrich Bonhoeffer seine Finkenwalder Vorlesungen zum Thema Nachfolge zu einem Buchmanuskript umzuarbeiten. Inzwischen erscheint „Nachfolge“ in der 16. Auflage und wurde in alle Weltsprachen übersetzt.

Vergebung statt Rache

An Gott glauben kann man vielleicht für sich allein im stillen Kämmerlein. Nachfolge jedoch ist nur möglich in der Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern.“, interpretiert Zimmerling das Wirken Bonhoeffers.Dietrich Bonhoeffer selbst hat seinen Text in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird gezeigt, wie sich der irdische Jesus von Nazareth Nachfolge gedacht hat, im zweiten Teil entfaltet er wie Nachfolge heute, also nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu, in der Gemeinschaft der Kirche aussieht, so der Herausgeber. Das Buch will zeigen, wie konsequente Nachfolge Jesu nach der Bergpredigt im Dritten Reich gelebt werden kann. Das „Außerordentliche des christlichen Lebens“ beschreibt Dietrich Bonhoeffer etwa im Kapitel „Die Bergpredigt“. Die Seligpreisungen aus der Bergpredigt haben sich ja weit verbreitet und jeder in unserem Kulturpreis kennt ein paar Sätze, die mit den Worten „Selig sind, …“ beginnen. Also etwa „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Dietrich Bonhoeffer interpretiert diesen Satz weiter zu: Sie wollen kein eigenen Recht. Sie wollen alles Recht Gott allein lassen; non cupidi vindictae“: Kein Verlangen nach Rache. Oder „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie sollen Gott schauen.“ Dietrich Bonhoeffer definiert „reines Herz“ mit „das einfältige Herz des Kindes, das nicht weiß um Gut und Böse, das Herz Adams vor dem Fall, das herz in dem nicht das Gewissen, sondern Jesu Wille herrsche.

Weg zum Bruder als Weg zu Gott

Wer seinem Bruder zürnt, wer ihm ein böses Wort gibt, wer ihn öffentlich schmäht oder verleumdet, hat als Mörder vor Gott keinen Raum mehr. Er hat sich mit dem Bruder auch von Gott getrennt.“, schreibt Bonhoeffer und so bleibe dem, der den wahren Gottesdienst in der Nachfolge Jesu tun will, nur ein Weg, der Weg zur Versöhnung mit dem Bruder. Auch für den „theologischen Laien“ ist diese Ausgabe der Texte von Dietrich Bonhoeffer gut geeignet. Bei griechischen Wörtern wurde die Umschrift ergänzt und griechische und lateinische Begriffe werden zudem in den Anmerkungen übersetzt sowie auch einige theologische Fachbegriffe ebenso in den Anmerkungen erklärt werden. Weitere Titel von Dietrich Bonhoeffer, die im Brunnen Verlag erschienen sind lauten etwa „Schöpfung und Fall“, „Theologische Auslegung von Genesis 1-3“ oder „Die Psalmen“.

Dietrich Bonhoeffer

Nachfolge. Mit einer Einführung von Dr. Peter Zimmerling

2016, 320 Seiten, gebunden, 14 x 21 cm

ISBN: 978-3-7655-0948-3


Genre: Religion, Spiritualität
Illustrated by Brunnen Verlag

Franziskus von Assisi

Der Heilige Franziskus in einer umfangreichen Biographie

Franziskus von Assisi: Eine „zeitgemäße“ Darstellung des Lebens und Wirkens von Franziskus liegt im Interesse des Autors, der den „Gaukler Gottes“ auch gerne mit seinem Spitznamen „Poverello“ anspricht, was so viel bedeutet wie der „kleine Arme“. Denn die Darstellung des Heiligen habe sich kontinuierlich – je nach den geistigen und sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen – geändert: von der chevalaresken Tradition als Troubadour und Christus-Ritter bis hin zum Kirchenkritiker und Vorläufer von Martin Luther oder wehrloses Opfer päpstlicher Machtpolitik. Franziskus wurde aber nicht nur von den Faschisten funktionalisiert, sondern auch von den 68ern oder der Befreiungstheologie. Zeit also, sich dem echten Franziskus zu widmen.

Franziskus: Der sanfte Rebell

Franziskus von Assisi (1181–1226), geboren als Giovanni di Pietro di Bernardone wurde als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Sein Vater hatte ein Tuchgeschäft und gehörte dem reichen Bürgertum, nicht aber dem Adel an. Ein Bürgerkrieg zwischen den minores und den maiores prägte die Jugend des jungen Heiligen, der sich alsbald als Ritter seine Sporen verdienen wollte. Die zweite Phase seines Lebens sei aber von einem allmählichen Bekehrungsprozess gekennzeichnet gewesen, in dem er sich den Aussätzigen und Randständigen der Gesellschaft zuwendete und ein mythisches Erlebnis in der Kirche San Damiano ihn schließlich überzeugte, sein Leben Gott zu widmen. Dieter Berg unterscheidet insgesamt fünf Phase im Leben des Poverello, die er mit Quellen und historischen Methoden untersucht hat.

Methodisch aufschlussreiche Studie

Methodisch handle es sich bei dieser Biographie um eine Kombination von einem biographischen Längsschnitt und problemorientierten Querschnitt, wie Dieter Berg selbst vorausschickt. Den Hauptteil des Werkes bilden systematische Ausführungen zu wesentlichen Aspekten des Lebens und Wirkens von Franziskus sowie seiner Zielsetzungen. Dieter Berg bettet den Poverello aber auch in seine Zeit ein, denn er war nicht der einzige, der die Amtskirche reformieren wollte. Robert von Arbrissel, Peter von Bruys oder Heinrich von Lausanne und Arnold von Brescia hatten ähnliche Anliegen wie Franziskus und wandten sich genauso wie er gegen Reichtum und Macht und forderten zu einem Leben nach dem Vorbild der Urkirche auf. Petrus Waldes aus Lyon etwa verteilte seinen Besitz an Arme mit dem Erfolg, dass er wie viele andere Laiengruppen etwa die Humiliaten, Katharer oder Waldensern von der Kirche als Ketzer exkommuniziert wurde. Eine „Phänomenologie der Häresie“ wurde 1184 festgelegt und Papst Innozenz (1198-1216) schuf die Päpstliche Inquisition.

Weitere Einzelheiten zum gesellschaftlichen und historischen Umfeld sowie Franziskus’ Schrifttum, Existenz und Charisma sowie der Weiterentwicklung des Ordo Minorum erfährt man in dieser lesenswerten Biographie von Dieter Berg über Franziskus, nach dem sich auch der jetzige amtierende Papst benannt hat. Ein Kapitel beschäftigt sich auch mit Franziskus’ Nachleben in Film und TV.

Dieter Berg
Franziskus von Assisi. Der sanfte Rebell.
Originalausgabe
Geb. mit Schutzumschlag.
Format 15 x 21,5 cm
298 S. 34 Abb.
ISBN: 978-3-15-011146-8
Reclam Verlag


Genre: Biographien, Religion
Illustrated by Reclam Verlag