Die Selbstgerechten

Sahra Wagenknecht hat ein Buch geschrieben. Über unsere Gesellschaft, durch die ein Riss geht, die sich in unterschiedliche Filterblase aufteilt, und in der immer öfter nicht mehr diskutiert, sondern nur noch moralisiert wird.
Ich bin moralisch und jeder der meine Meinung nicht teilt, folglich minderwertig. Ganz neu ist dieser Effekt nicht, schon vor zweitausend Jahren sagte ein Pharisäer: »Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin, wie dieser Zöllner neben mir.«
Schon damals waren viele Intellektuelle voller Verachtung für die unteren Schichten der Bevölkerung. Sie liebten das Volk, hassten aber die Bevölkerung. FB und Internet haben diesen Effekt verstärkt und vor allem ist es mittlerweile »in« geworden, Menschen danach zu beurteilen, ob sie die gerade gängigen Worte benutzen, ob sie den letzten Schrei an moralischer Empörung teilen.
Sahra Wagenknecht kommt aus der klassischen Linken, die sich immer dafür verantwortlich fühlte, dass es in der Gesellschaft gerecht zugehen müsse, dass man auch an die Menschen denken müsse, denen es nicht so gut geht und dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht zu weit aufgeht.
In ihrem Buch führt sie auf, was sich in der Linken seitdem geändert hat. Hatten Arbeiter früher traditionell SPD gewählt, die sich für ihre Belange einsetzte, so hat sich das geändert. Einmal gibt es immer weniger klassische Arbeiter in den entwickelten Industriestaaten, die heutige Unterschicht arbeitet meist in Dienstleistungen, die keine große Ausbildung erfordern. Zum anderen gilt Gewerkschaft heute in den Zeiten zunehmender Individualisierung als »uncool«. Kein Wunder, dass die Löhne in diesem Bereich trotz Mindestlohn eher gering bleiben, selbst in den Zeiten, in denen ungelernte Arbeitskräfte knapp sind, wie es heute in vielen Bereichen der Gastronomie und des Einzelhandels der Fall ist.
Auf der anderen Seite hat sich eine intellektuelle Schicht herausgebildet, stellt die Autorin fest, die in einem ganz anderen Universum lebt. Ihre Angehörigen haben studiert oder studieren, sind nicht die Kinder von Millionären, aber kommen aus gut situierten Elternhäusern, die das Studium finanzieren können und den Kindern auch gleich die richtigen Umgangsformen, die richtige Sprache und die Wörter beibringen, die man benötigt, um im Bildungsbürgertum anerkannt zu werden.
Denn das ist heute noch wichtiger geworden, als früher. Wer nicht studiert hat, wer nicht die richtige Meinung (besser gesagt: die richtige Moral) hat, wird dort nie akzeptiert. Während sich in den Sechzigern und Siebzigern die Universitäten und Ausbildungsstätten immer mehr auch Kindern öffnete, die nicht aus dem Bildungsbürgertum kamen, hat sich dieses Milieu mittlerweile abgeschottet. Man will unter sich bleiben. Und selbst, wer dort aufgenommen wird, muss achtgeben. Ein falsches Wort und schon gehört man nicht mehr dazu, sondern zu den »Neurechten«.
Die Autorin belegt das mit zahlreichen Links und Zitaten, im Gegensatz zu manchen anderen Sachbuchautorinnen führt sie eine Literaturliste und verweist auf die Stellen, denen sie ihre Argumente entnimmt. Leider ist das etwas, das viele andere gar nicht mehr für nötig halten.
Kein Wunder, dass die, die früher SPD gewählt haben, heute oft die AfD wählen. Die Verachtung für die Prolls, die sie im Bürgertum oft erfahren, treibt sie dieser Partei in die Arme.
Das ist gut belegt, »Im Banne der AfD« von zwei ehemaligen AfD Mitgliedern dokumentiert den gleichen Effekt.
»Lifestyle-Linke« nennt die Autorin die Angehörigen dieser intellektuellen Filterblase und »Linksliberale«, obwohl sie zugibt, dass dieser Begriff unfair ist. Einmal, weil nicht jeder aus diesem Milieu so denkt, zum anderen, weil dieses Milieu mit dem des klassischen Linksliberalismus nur wenig zu tun hat.
Interessant, dass das Buch für viele Lifestyle-Linke der Beweis ist, dass die Autorin nicht nur rechts, sondern auch schon faschistisch sei. Auch das ein Beweis für Ihre Thesen, dass immer weniger argumentiert wird, dafür mehr verachtet und moralisch abqualifiziert wird. Kein Wunder, dass die Parteien in diesem Bundestagswahlkampf durch die Bank Kandidaten an die Spitze gestellt haben, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie ihr Hauptaugenmerk darauf richten, ja nirgendwo anzuecken.
Natürlich gibt es einiges in dem Buch, das daraus resultiert, dass die Autorin aus der klassischen Linken kommt. So etwa ihre Sicht auf die Digitalisierung, da erweckt sie den Eindruck, dass die von den Konzernen geplant wurde, um ihre Macht zu vermehren, und deshalb auch massiv vom Staat seit den Neunzigern gefördert wurde und nur deshalb entstanden sei.
Dass die bereits in den Siebzigern entstand, unbemerkt von vielen Konzernen und erst recht vom Staat, vorangetrieben von Nerds voller Technikbegeisterung, das nimmt sie nicht wahr. Auch nicht, dass Staat und Konzerne seit den Neunzigern verzweifelt versuchten, auf diesen Zug aufzuspringen, der bereits von sich aus kräftig Fahrt aufgenommen hatte.
Das ändert nichts daran, dass es sich um ein gut fundiertes und lesenswertes Buch handelt, das aus einer anderen Perspektive einen Blick auf unsere gespaltene Gesellschaft wirft und darauf, wie wir miteinander umgehen und miteinander diskutieren.

Die Selbstgerechten, Sahra Wagenknecht, Campus Verlag.
ISBN 9783593513904, 24,95 €

Leseprobe:
https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?isbn=9783593513904


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Campus Verlag

Ein Gedanke zu „Die Selbstgerechten

  1. Die Konkretheit von Wagenknecht gefällt mir. Sie liefert jederzeit eine Basis für echte Auseinandersetzung ohne blabla. Meiner Ansicht nach unterscheidet sie das von vielen ihrer Politiker-Kollegen. Und ich halte sie für offen, was Kritik betrifft. Mal sehen, ob die wahrscheinlich zu einseitig benannte Quelle der Digitalisierung dazu gehören wird(;

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