BL-Metamorphosen: Geheimnis einer Freundschaft 2

Vertiefung der Freundschaft

Zusammen stürzen sich die 17-jährige Schülerin und Buchverkäuferin Urara Sayama und die 75-jährige pensionierte Kalligrafielehrerin Yuki Ichinoi in das Abenteuer einer Manga-Messe. Beide unerfahren auf diesem Gebiet, aber voller Enthusiasmus überstehen sie lange Warteschlangen, unübersichtliche Hallen und die mehrstündige Verspätung ihrer Lieblingsmangaka. Das lange Warten, Erschöpfung und müde Beine lohnen sich: Sie können mit „ihrer“ Mangaka ein paar Worte wechseln, ihr die Hand schütteln – und ihren neuesten Manga erwerben. Auch weiteres Lesefutter von Dojinshi-Zeichnerinnen ist hoch willkommen und sorgt gerade bei Urara für Überraschungen, denn Yuki interessiert sich durchaus für explizitere Manga mit ausnehmend hübschen Männern.

Wieder zuhause wird eifrig über die Messe diskutiert, eine monatliche Diskussionrunde ins Leben gerufen und auf Neuerscheinungen aufmerksam gemacht. Dabei kommt aber auch der Alltag nicht zu kurz: Ob das der überraschende Besuch von Yukis erwachsener Tochter ist oder der Liebeskummer von Uraras Sandkastenkumpel – sowohl Alltag als auch Hobby verbinden sich harmonisch, bieten Austausch- und Erfahrungsgelegenheiten und damit eine Vertiefung der ungewöhnlichen Frauenfreundschaft. Nur über eins traut sich Urara nicht zu sprechen: die Liebe. Denn das scheue Mädchen ist in der Liebe gänzlich unerfahren.

Harmonische Verbindung von Alltag und Hobby

Die harmonische Verbindung zwischen Alltag und Hobby setzt der Manga auch in der Panel-Gestaltung um: Die Schlüsselszenen des Lieblingsmangas der beiden Frauen tauchen in ruhigen Momenten immer wieder auf und gehen nahtlos über in die Alltagsszenen; eine Erzählung innerhalb der Erzählung. Auch der stressige Arbeitsalltag einer Mangaka wird angerissen und steht in deutlichem Kontrast mit dem friedlichen Dahinplätschern des Schülerdaseins von Urara und dem der Pensionärin Yuki. Die Mangaka lebt zwar ihren Traum, zahlt aber einen hohen Preis in Form von Stress und chronischer Schlaflosigkeit. Wohl ein Grund, warum ihre Freundin lieber Dojinshi-Zeichnerin bleiben und nicht ins Profi-Geschäft einsteigen will.

Dafür bietet die Mangaka durch ihre Geschichte Fans schöne Stunden allein und/oder gemeinsam, denn der Austausch über das Lieblingshobby fördert durchaus das soziale Miteinander. In jedem Fall fördert es die Freundschaft von Yuki und Urara, bietet aber auch Anlass zum Nachdenken für Uraras Sandkastenfreund, der unwillkürlich seine Kumpeline mit seiner Freundin vergleicht. Die Freundin selbst, obwohl hübsch und diszipliniert, fühlt sich der eher unscheinbaren Urara unterlegen, schafft es Urara doch, mit ihrem Freund ganz selbstverständlich umzugehen. Urara selbst weiß, dass sie eher einen Außenseiterstatus und es damit schwer hat und versteht die Reaktion des beliebten Mädchens nicht.

„Frauenbild einmal anders, bitte!“ „Et voilà!“ 🙂

Auch das ist in diesem Manga wohltuend anders: Neben einer Frauenfreundschaft, die trotz Schüchternheit mit Offenheit und Neugier auf die Welt Generationsgrenzen überwindet, sind die beiden weiblichen Hauptfiguren alles andere als dem Zeitgeist entsprechend hübsch.

Yuki ist sichtbar alt und damit per se schon eine Ausnahme in Manga und Comics, die als Hauptpersonen eher junge, hübsche Frauen, am besten sexy aufgemacht (v.a. in Comics und Mangas für männliche Leser) bevorzugen. Dass sie ihres Alters zum Trotz oder gerade deswegen (s. Erfahrung, Gelassenheit) nicht aufs Abstellgleis gehört, beweist Yuki immer wieder, obwohl die Alterserscheinungen sowohl ihres Körpers als auch ihres Hauses, die Alterswehwehchen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten nicht verschwiegen werden. Geistig ist sie fit und offen für neue Erfahrungen, die ihre Lebensqualität spürbar verbessern und sie aus der Einsamkeit herausführen. Sie selbst lässt sich innerlich und äußerlich nicht gehen und besucht auch gern mal den Friseur.

Urara erinnert vom Äußeren her eher an eine schwarze, struppige Krähe und ihre winzigen Augen stehen dem asiatischen Schönheitsideal der runden, westlichen Augen in krasser Form entgegen. Urara erinnert ihre Mutter  an die schwarzen (niedlichen) Rußmännchen aus dem von Studio Ghibli produzierten Film „Totoro“. Dass ihre Mutter sie niedlich findet, ist allerdings auch das beste, was Urara bzgl. ihres oft auch männlich aufgemachten Äußeren von ihrer Umwelt erwarten darf. Ihr Sandkastenfreund schätzt noch ihre trotz ihres verschlossenen Gesichtsausdrucks freundliche Art. Beide Frauen machen sich nichts aus Äußerlichkeiten, auch bei anderen nicht, sodass Kommunikation möglich wird. Sie schauen hinter die für Asien so wichtige Maske. Yuki z.B. ist es völlig egal, was andere von ihr und ihrem Hobby halten.

Das doch oft sehr eindimensionale Frauenbild in Comics und Mangas wird so wohltuend erweitert und hat Vorbildfunktion!

Fazit

In wohltuend ruhiger, unaufgeregter Form wird eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft, verbunden durch ein ungewöhnliches Hobby, warmherzig und liebevoll beschrieben. Das Frauenbild selbst hebt sich sehr positiv von dem der sonst üblichen Manga und Comics ab, sodass sich „echte“ Frauen durchaus wiederfinden und den beiden weiblichen Hauptcharakteren nur fest die Daumen für eine lange, fruchtbare Freundschaft drücken können, die man sich auch im realen Leben wünschen würde.


Genre: Manga
Illustrated by Carlsen Manga!

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