Die Frau als Mensch: Schamaninnen

Der unterrepräsentierten Rolle der Frau in der Ur- und Frühgeschichte wird in der Fortsetzung, Teil 2 von Die Frau als Mensch: Schamaninnen, nochmals laut widersprochen. “Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte”, also Teil 1, wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet. 

Von Jägern und Sammler:innen?

Europäische Altstädte sind vollgestellt mit Zeugnissen männlicher Omnipräsenz, schreibt Ulli Lust. Für Spaziergängerinnen eigentöich eine Zumutung, denn Frauenbilder im Stadtraum zeigen meist mythische Wesen oder Allegorien, womöglich noch erotisch oder sexuell aufgeladen. Aber warum ist dem so?, lautet die wohl berechtigste Frage seit der Erfindung des Lagerfeuers. Schließlich waren es die Frauen, die den Hauptteil der Reproduktionsarbeit übernommen haben, nicht nur was die Rekreation, die Geburten angeht, sondern auch was die Ernährung betrifft. Frauen filterten aus den Birken Medizin oder gerbten Kleidung aus Tierhäuten, etc etc. “Manche Märchen und Mythen ähneln sich frappierend” bemerkt Ulli Lust ein Kapitel weiter, denn Jagdtechniken, Kleidung, Schwitzhütte, Pflanzeheilkunde und die Schamanen:innentrommel gab es in fast allen Ur- und Frühkulturen. Auch die Vorstellung, dass ein Jäger ein Tier gar nicht töte, sondern es nur einer anderen Welt zugänglich machte, erleichterte die Schuld des Tötens auf den Schultern einer Kultur. So entstand wohl auch der Aberglaube eines Jenseits, da, wo es diese Tiere besser haben würden oder eventuell sogar wiedergeboren werden und so auch zu Ahnen des Menschen werden. Schaman:innen wurden zu Mittlern zwischen den Welten, denn ihre Magie war die Kunst in Urform, wie Ulli Lust in einer kleinen Hommage an den renommierten Comiczeichner Alan Moore auch in Band 2 wieder zitiert.

Edutainment im Comic

Ob die Venus von Willendorf tatsächlich neben ihren Schamlippen auch eine Klitoris trägt, konnte bei Redaktionsschluss zwar nicht restlos geklärt werden, aber das NHM (Naturhistorisches Museum) Wien beherbergt eine schlüssige Antwort unter seinem Dach. Die mehr 29.500 Jahre alte Statuette scheint es Ulli Lust jedenfalls angetan zu haben, denn sie nimmt immer wieder auf sie Bezug. Eine Erklärung wer und warum sie angefertigt wurde, kann aber schlussendlich auch von ihr nicht geklärt werden. Auch verschiedene Höhlenmalereien zitiert sie und zeichnet die Unterschiede männlicher und weiblicher Interpretationen nach. Beim femininen Pfad würde der Schwerpunkt nämlich nicht auf Geburt und Tod, sondern auf der Fähigkeit Orgasmen zu empfinden und auf dem Glücksgefühl, das die Sorge für einen Säugling bereitet. Die Betonung der Geburt anstelle von Wiedergeburt ergebe sich eine mächtige Metapher, die sich auch auf andere Rituale übertragen ließe, zitiert Lust die Anthropologin Barbara Tedlock. Aber was kann man wirklich wissen? Ulli Lust führt in ihrem Edutainment-Comic durch die Jahrtausende weiblichen Wirkens und menschlicher Schöpfungskraft und bringt das Genre an die Grenzen seiner Kapazitäten. “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” kann durchaus als ein Aufklärungsbuch betrachtet werden in dem althergebrachte Meinungen auf den Kopf gestellt werden und neue Fragen gestellt werden. 

Graphic Novel mit Esprit

Ob es sich in der Frühgeschichte um Matriarchate gehandelt hat und wann und wo sich das Patriarchat durchsetzte wird zwar nicht geklärt, aber dankbar nimmt man jeden Hinweis auf, der zeigt, wie männlich Geschichtsschreibung bisher funktionierte: Von Männern für Männer könnte man sagen. Da ist Ulli Lusts “archäologische” Arbeit ein willkommener Gegenpol als der er auch verstanden werden will. Denn nur aus These und Antithese erwächst die Synthese. Schließlich ist ohnehin jede historische Erzählung immer auch spekulativ, also rein auf Indizien basierend. Ulli Lust macht nichts weniger als einen Mythos umzuschreiben: den von der vermeintlichen Überlegenheit des Mannes, durch die er seine Herrschaft jahrtausendelang legitimierte. Aber ein genauer Blick zeigt: ohne Frau, keine Kultur.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Schamaninnen
2026, Hardcover, 304 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-494-8
Reprodukt
€29,00


Genre: Comic, Frauen, Graphic Novel
Illustrated by Reprodukt

Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte

Ich bin kein großer Jäger, meine Frau ist es.” Als erster Comic überhaupt wurde das neue Werk der Wachauerin Ulli Lust mit dem deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Das will schon mal was heißen. Wer Ulli Lust kennt, wird sich zudem freuen, dass “Die Frau als Mensch” als Zweiteiler konzipiert ist. Man darf sich also jetzt schon auf die Fortsetzung freuen…

“Bist a Bui oder es Mensch?”

In klassischen – für Ulli Lust Kenner ungewohnten – Comicpanels beginnt der neue Comic in der alten Wachauer Heimat der Autorin und Zeichnerin. Dort werden – heute noch – Burschen als “Bui” und Mädchen als “Mensch” bezeichnet. Aber schon nach einigen Seiten ist Ulli Lust wieder in ihrem Element und löst die strengen Linien der klassischen Comicpanels zugunsten ihres eigenen großflächigen Stils wieder auf. Das ist angesichts der Fülle des Materials, das Lust präsentiert, einfach praktischer und hat zudem damit zu tun, dass sie in “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” eben keine klassische Comicgeschichte erzählt, sondern eigentlich ein Sachcomic gestaltet hat, das sich mit der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit beschäftigt und darin die Rolle der Frau(en) in den Mittelpunkt stellt. Lange Zeit wurde nämlich angenommen, dass die Frauen die Sammler und die Männer die Jäger in den sog. Jäger- und Sammlergemeinschaften der Ur- und Frühzeit gewesen seien. Mitnichten. Die Figurinen die aus der Frühgeschichte noch erhalten sind (Venus von Willendorf u.ä.) seien nämlich wahrscheinlich nicht nur von Frauen hergestellt worden, sondern untermauerten auch die führende Rolle der Frau in den prähistorischen Gesellschaften, so eine Interpretation Lusts. Nicht Aggression, sondern Empathie in Verbindung mit Kognition hätten die frühen menschlichen Gesellschaften vorangebracht. Die Interpretation der Frühgeschichte sei allzuoft von männlichen Forschern des 19. Jahrhunderts gemacht worden und widerspiegeln so nur die damaligen (gewünschten) Herrschaftsverhältnisse. Es kommt eben ganz auf den Erzähler an, wie die Erzählung wirklich ausgeht. So viel zur männlichen Wissenschaft.

“Wir sind eine liebesbedürftige Art”

In “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” lernen wir etwa über die viel friedlicheren Bonobos, die den Schimpansen – von denen der Mensch anscheinend abstammt – einiges voraus haben. So hätten sie nicht nur Sex mit Frauen, sondern seien auch noch promiskuitiv. Auch die Menschen seien eine “liebesbedürftige Art“, wie Lust schreibt, und bedürften viel Wärme und Zuneigung, wie man an Babys und Kleinkindern sehen könne. “Kein Lebewesen auf der Welt reift so langsam wie ein menschliches Kind“, zitiert Lust die US-amerikanische Anthropologin Sarah Blazer Hrdy. Auch die Neigung, Fremden vertrauensvoll zu begegnen, sei im Tierreich ungewöhnlich. Für den Mensch – damals eine verschwindende Minderheit – jedoch ein überlebensnotwendiger Vorteil. Was internationale Konzerne in Afrika angerichtet haben erzählt Ulli Lust am Beispiel der Khoisan, eine Sammelbezeichnung für die ältesten indigenen Völker des südlichen Afrikas am Beispiel Botswanas. Wilderei ist sogar heute noch ein Problem und zerstört nicht nur die Lebensgrundlagen der Khoisan, sondern auch die der Tiere. Als Comiczeichnerin legt Ulli Lust auch Gewicht auf die Höhlenmalerei, die teilweise älter als 48.000 Jahre alt sind und zeigen, dass der Wille Geschichten zu erzählen schon bei den Urmenschen ein ureigenes Bedürfnis war. Ein weiterer interessanter Exkurs, ist wie Ulli Lust die Malitsa erklärt, die Kleidung der Nenze aus reinem Rentierfell, die vor Temperaturen von bis zu -62 Grad schützt. Auch die Bedeutung des Feuers und der Schamaninnen – die japanischen Ainu nannten ihre toten Ahnen “die unter dem Feuer wohnen” – wird hervorgehoben und auf ansprechende Weise zeichnerisch dargestellt.

Die Weitergabe des Feuers

Teil 2: Die Schamaninnen

Mongolische Ureinwohner hätten gesagt: “Die Seele des Feuers ist ein freches Mädchen, das dem, der gut zuhört, Geschichten erzählen kann” und genau da hat auch Ulli Lust getan. Und für alle die es immer noch nicht glauben wollen, dass Comics die 9. Kunst sind zitiert Ulli Lust auf ihrer allerletzten Seite Berufskollegen und Comiczeichnerveteran Alan Moore: “Ich glaube Magie ist Kunst und Kunst ist buchstäblich Magie. (…) Kunst ist wie Magie, die wissenschaftliche Symbole, Wörter oder Bilder zu manipulieren und um Bewusstseinsveränderungen zu erreichen.” Tradition ist eben nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Teil 2 “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” erscheint bei Reprodukt im Februar dieses Jahres.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte
2025, Hardcover, 256 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-445-0
Reprodukt Verlag
€29,00


Genre: Comic
Illustrated by Reprodukt, Reproduktionen