Das Luxusresort “Eden” steht im Mittelpunkt dieses neuen Gesellschaftsromans, der die Befindlichkeit der deutschen Mittelklasse in der mecklenburgischen Provinz pointiert und witzig überliefert. Sieben Schicksale prallen im Eden aufeinander.
Panorama der gescheit-erten Existenzen
“Echte Männer spüren keinen Schmerz. Außer Heimweh.” So auch Roger Ross, der sich – frisch gefeuert und ohne Gepäck – im Luxusressort geradezu neu erfindet: “Die Frage lautet weniger, wer man ist. Sondern vielmehr, wer man sein will.” Eine Einstellung, die wohl auch auf unzählige Influencer zutrifft. Vielleicht auch etwas auf Caroline, die resolute Hotelchefin des wirtschaftlich schwer angeschlagenen fiktiven Fünf-Sterne-Resorts Eden. Ihre Direktionsassistentin Regina schmiedet indessen an einen mörderischen und kriminellen Plan, um das Hotel vor dem Untergang zu retten. Dann spielt auch noch ein namenlose Tabakmanager, Martin von Winterfeld, auf der Flucht vor der Alterseinsamkeit, dessen Ehefrau sich mitsamt ihrem Hausfreund dem radikalen Klimaaktivismus verschrieben hat, eine Rolle in der turbulent geschriebenen Gesellschaftssatire voller Slapstick und pointierter Satire. So auch das eineiige Zwillinspaar, die ihre Autos, Identitäten und Frauen zum eigenen Vergnügen untereinander tauschen und sich in der kriselnden Werbebranche kaputtgewirtschaftet haben. Johann und Frederick leben von der Rente ihrer Mutter und fliegen alsbald auf. Und dann wäre da noch die ausgebrannte TV-Komikerin, Sandra Beckmann alias Frau Mensch, deren Karriere nach einem heftigen Shitstorm implodiert ist und die im Wellness-Resort heimlich an ihrem großen Bühnen-Comeback feilt. Als außenstehenden Beobachter auf die deutsche Befindlichkeit hat der Autor noch den Ukrainer Lew in die Handlung eingeflochten, von dem eingangs zitierter Satz stammt. Dass Deutsche lustig sein können, war auch im vorher unklar.
Rituale und Ersatzhandlungen fürs German Glück
“Nach dem Schmerz kam die Taubheit”. Geschäftsmodell “Auszeit, Depression, Therapie, Trimiparin” resümiert die Komikerin ihre Zukunftschancen während der Massage. Denn selbstverständlich ist auch sie von der “heiligen Familie” gehetzt, das letzte Tabu unserer Gesellschaft, wie Urban süffisant hinzufügt. Wie schön es sein kann etwas Sinnloses zu tun, da es in einem das Gefühl der Alterslosigkeit auslöst, muss auch Frederick, der eine der beiden Zwilling, bald feststellen. “Damit hatte sich seine Frage geklärt: Das Unglück war deutsch. Und deshalb waren die Deutschen unglücklich”, denkt sich Lew der Kellner bei einem Pilsner, aber dass sie es dann doch noch zum German Glück schaffen ist allein dem Autor zu verdanken, der seine Figuren genüsslich bis an den Rand des Zusammenbruchs führt. Rituale sind schließlich der einfachste Weg, “um die Zeit zu besiegen, den tröstlichen Anschein zu erwecken, das Leben sein ein langer guter Tag, der niemals enden würde”. Vielleicht ist ja genau das das Glücksrzept: Rituale? Dass eine Seife eine wichtige Rolle in einer Erzählung spielen kann, das wissen wir schon von “Fight Club”. In German Glück wird die Hotelseife zur Vorankündigung des bevorstehenden Untergangs, der nicht durch eine feindliche Übernahme realisiert wird, sondern durch die eigene marode Verfassung des Hotels Deutschland. Es bedarf wohl keiner großen Fantasie die Anspielungen von Simon Urban auf den Zustand einer ganzen Nation umzumünzen. Denn während sich das Land in Identitätskonflikten wie LGBTQIAPK2S zusehends in Trübes aufspaltet und das Gemeinsame verloren geht, reibt sich ein anderer Herr bereits die Hände…
Simon Urban
German Glück
Roman
2026, gebunden, 400 Seiten
ISBN: 978-3-462-00647-6
Kiepenheuer & Witsch
24,00 €
