Dr. No

Satirischer Denk-Marathon

Von dem voriges Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten, amerikanischen Schriftsteller Persival Everett gibt es inzwischen einige weitere seiner 24 Romane, die auf Deutsch erschienen sind, so auch Dr. No. Es geht um nichts in diesem Roman, und zwar wortwörtlich, gilt doch sein Protagonist und Ich-Erzähler als renommierter Professor für Mathematik an der Brown University als Koryphäe für das «Nichts». Und wie man schon am Titel merkt, handelt es sich dabei um einen Spionage-Thriller, in dem nach bewährter James-Band-Manier ein Bösewicht im Mittelpunkt steht, hier ein farbiger Milliardär, der es auf einen in Ford Knox aufbewahrten Schuhkarton abgesehen hat, in dem sich «nichts» befindet.

Prof. Ralph Townsend ist als Mathematik-Experte weltweit unter dem Namen Wala Kitu bekannt, wobei Vor- und Nachname jeweils das Gleiche bedeuten: Wala heißt in der philippinischen Sprache Tabalog «nichts», und Kitu in der Bantusprache Suaheli ebenfalls «nichts». Auch der Name seiner Kollegin, der Differenzial-Topologin Prof. Eigen Vector, ist mathematisch konnotiert, und wenn er seinen über alles geliebten, einbeinigen Hund Trigo nennt, weist er damit deutlich auf dessen fehlende drei Beine hin. Mit Trigo trägt er in seinen häufigen Träumen sogar oft hoch wissenschaftliche Dispute aus, sein Hund ist dabei äußerst schlagfertig und bleibt ihm keine Antwort schuldig. Der Plot als solcher mit seiner satirisch deutlich überzogenen Schurken-Thematik erhält erst durch die dauernden mathematischen Exkurse und philosophischen Höhenflüge sein besonderes Flair als typischer Nerd-Roman.

Als Running Gag dabei erweisen sich immer wieder die quasi auf jeder Seite auftauchenden Beteuerungen und Schwärmereien des Protagonisten sein Forschungsgebiet betreffend, welches er selbstbewusst für unangreifbar hält. Ständig tauchen dabei doppeldeutige Wortspiele wie «Ich habe von nichts eine Ahnung» oder «Mich treibt nichts um». Und es gibt auch etliche Witze um das Wort nichts, dessen köstlichster von Gott handelt: «Ein Mathematiker wird gefragt, ob er lieber eine Tasse kalten Kaffee haben oder Gott begegnen möchte. Er sagt, er möchte den kalten Kaffee». Man habe ihm nämlich erklärt, wird hinzugefügt, dass nichts besser sei, als Gott zu begegnen, dass aber kalter Kaffee besser sei als nichts! Als ausgesprochen metafiktionalem Roman wird in «Dr. No» ständig über Logik und Sprache referiert, wobei immer wieder köstliche und auch ziemlich verblüffende Zusammenhänge deutlich werden. Nach eigenem Bekunden leidet der autistische Held des Romans am Asperger-Syndrom, er hat erhebliche Schwierigkeiten, die Gefühlslage seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen und Beziehungen einzugehen, der Mittdreißiger war deshalb auch noch nie mit einer Frau intim.

Gleich zu Beginn engagiert als bondtypischer Bösewichtt der schwarze Milliardär John Sill den berühmten Prof. Wala Kitu – mit drei Millionen Dollar Vorschuss – als Experte für das «Nichts». Er soll helfen, einen Schuhkarton aus Ford Knox zu entwenden, in dem nichts ist, – genau damit aber könne man alles erreichen. Dieses wundersame «Nichts» will der Schurke benutzen, um aus Rache für den Tod seiner Eltern Amerika wieder zu nichts machen, er will quasi die Kraft der Negation einsetzen für seine Abrechnung mit diesem rassistischen Amerika. Das natürlich nicht ernst zu nehmende, turbulente Geschehen in diesem satirischen Roman wird bis zum metaphysischen Ende getragen von den komischen Dialogen, in denen eben «nichts» die Hauptrolle spielt. Allmählich wird durch ständige Wiederholung selbst den Nicht-Nerds unter den Lesern klar, welche Bedeutung nichts wirklich hat. «Die Wichtigkeit von nichts besteht darin, dass es der Maßstab dessen ist, was nicht nichts ist», – alles klar? Das Spiel dieses popkulturell umtriebigen Autors mit den ständigen sprachlichen Mehrfach-Bedeutungen erweist sich mit der Zeit allerdings als anstrengender Denk-Marathon, der als Lektüre nicht jedermanns Sache sein dürfte! Gleichwohl, unterhaltsam ist das alles aber allemal, – und speziell für die Mathematik-affinen Nerds unter den Lesern kontemplativ bereichernd natürlich auch.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
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Ausradiert

Literatur-Satire der besonderen Art

Als bitterböse Satire über den Literaturbetrieb wurde der im Original 2001 in den USA erschienene Roman von Percival Everett kürzlich unter dem Titel «Ausradiert» auch auf Deutsch veröffentlicht. Der Roman wurde inzwischen verfilmt, erhielt 2024 fünf Oscar-Nominierungen und wurde mit dem Oscar für das «Beste adaptierte Drehbuch» ausgezeichnet. Der mit seinen 24 Romanen, aber auch mit Erzählbänden und Lyrik bis dato in Deutschland kaum bekannte Autor hat dann mit «James» voriges Jahr den Pulitzerpreis erhalten, was die eilends erfolgte Neuerscheinung erklärt. Wobei dieser Roman im Onlinehandel sogar als «Das Buch zum oscarprämierten Film ‹American Fiction› bezeichnet wird, – also nicht als der Film nach dem Roman, der ja viel eher da war! Die bisher einzige in den Feuilletons erschienene Rezension der Frankfurter Rundschau ist allerdings ein grandioser Verriss, und das Schweigen aller anderen Zeitungen dürfte ja auch etwas zu bedeuten haben. So was macht einen denn doch neugierig!

Der farbige Schriftsteller Thelonious Ellison, von seinen Freunden wegen des gleichen Vornamens wie der berühmte Jazzmusiker nur «Monk» genannt, galt schon von klein auf als hochbegabtes Kind. Seine Schwester Lisa, mit der er sich bestens versteht, ist Gynäkologin und betreibt mit ihrer Kollegin eine Gemeinschafts-Praxis, in der legale Schwangerschafts-Abbrüche speziell bei bedürftigen Frauen durchgeführt werden. Immer wieder versammeln sich vor ihrer Praxis radikale Abtreibungs-Gegner und bedrohen die beiden Ärztinnen. Monks Vater ist schon lange tot, der schwule Bruder hat sein Coming Out, die Mutter erkrankt an Alzheimer und Lisa wird in ihrer Praxis erschossen, Monk wird sich nun um seine Mutter kümmern müssen. Dieser langsame Zerfall der Familie bildet den einen Erzählstrang dieses Romans, der zweite beschäftigt sich mit dem Literaturbetrieb als solchem und seinen für literatur-affine Leser interessanten Interna. In beiden aber geht es vor allem auch um die Suche nach Identität.

Professor Thelonious «Monk» Ellison hat fünf intellektuell anspruchsvolle Romane über Schwarze geschrieben, die gute Kritiken bekommen haben, die aber keiner lesen will, während kitschige Ghetto-Romane voller Klischees hohe Auflagen erreichen. Voller Wut über diese Ignoranz der Leserschaft und die Erfolge der vielen Schundromane schreibt er selbst unter Synonym einen solch grottenschlechten Ghettoroman und gibt ihm den provokanten Titel «Fuck». Der Erfolg ist überwältigend, sein Verleger, der ihm immer schon vorgeworfen hat, er sei «nicht schwarz genug», ist begeistert. Die für seine Verhältnisse enorm hohen Auflagen bescheren Monk erstmals einen schon lange erwarteten und auch dringend benötigten Geldsegen, bringen aber ganz unerwartet auch einiges an Chaos in sein bisher unspektakuläres Leben. Er hat einst sein Studium in Harvard mit ‹summa cum laude› abgeschlossen, interessiert sich für die Antike, spielt mit wenig Erfolg Basketball und hört am liebsten Sinfonien von Gustav Mahler und Jazz von Charlie Parker. Den Helden in seinem Schundroman stellt er so vor: «Mein Name ist Van Go Jenkins und ich bin neunzehn Jahre alt und ich geb n Scheiß auf niemanden, nich auf dich, nich auf meine Mutter und nich auf den alten Mann da oben im Himmel». Der als Roman im Roman, also als «Fuck» in Gänze in «Ausradiert» enthaltene Schundroman wird von der Kritik gefeiert, er selbst sitzt sogar in der Jury, die über die Vergabe des Literaturpreises zu entscheiden hat, und zieht vom Leder: «Das ist kein schlechter Roman [   ] es ist überhaupt kein Roman. Es ist ein missglückter Versuch, ein unfertiger Fötus [   ] ein Wort ohne Vokale». Mehr Satire geht nicht!

Ein Teil des Lesevergnügens ist den vielen tagebuchartigen Notizen zu verdanken, die der Autor von «Fuck» in seinen Text einstreut. Der raffiniert konstruierte Plot ist flüssig lesbar und mit viel Sprachwitz angereichert, schießt mit seinem originellen Gepräge zuweilen aber deutlich über das Ziel hinaus, was so manchen Leser auf Dauer stören dürfte. Aber die Geschmäcker sind nun mal verschieden!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
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