Die Heilung von Luzon

 Unerfüllte Erwartungen

Der neue Roman von Karl-Heinz Ott mit dem deskriptiven Titel «Die Heilung auf Luzon» ist ein psychologisch raffiniertes Spiel mit den Ängsten und Problemen zweier Paare, von denen jeweils einer der Partner unheilbar erkrankt ist. Nachdem die Schulmedizin ihnen keine Aussicht mehr auf Heilung attestieren kann, setzen sie nun ihre letzte Hoffnung auf den Wunderheiler Bon Sato, einer der bekanntesten fernöstlichen Schamanen, der in Baguio lebt, einem der prominenten Orte in den Kordilleren auf Luzon, wo auch die Staatspräsidentin ein repräsentatives Anwesen besitzt.

Nach einem sechzehnstündigen Flug mit Zwischenstopp in Hongkong kommt ein Berliner Ehepaar erschöpft in Manila an, wo sie ein Taxifahrer erwartet, der sie zum Hotel fährt, um sie am nächsten Tag dann zu ihrem Resort auf Luzon zu bringen. Der egozentrische, 55jährige Bock, einst ein bekannter Theaterregisseur von der Sorte ‹Kotzbrocken›, ist an Krebs erkrankt, ein Berserker ohne Kraft nur noch, er setzt nun seine letzte Hoffnung auf Bon Sato. Begleitet wird er von Gela, seiner zehn Jahre jüngeren Frau, die schon lange mit ihm verheiratet ist, viel in ihrem Leben für ihn geopfert hat, nun aber zunehmend unter seinen Launen und Wutanfällen leidet und sehr bedauert, dass sie ihn nicht schon längst verlassen hat, – jetzt scheint es ihr zu spät dafür. Bei einem zweiten Berliner Paar Ende vierzig ist es die experimentierfreudige, lebenslustige Rikka, die unheilbar am Krebs erkrankt ist und auf ein Wunder hofft. Tom, ihr Mann, arbeitet ohne inneren Antrieb als Lehrer für Deutsch und Ethik. Er befindet sich in einer veritablen Midlife-Crisis, in einem andauernden, inneren Aufruhr, der ihn niederdrückt und verzweifeln lässt. Denn im Grunde will er nur einfach der wieder sei, der er mal war, er hadert also mit den verpassten Chancen in seinem immer banaler und eintöniger gewordenen Leben, wobei er einseitig seiner eher labilen Frau die Schuld dafür gibt. Rikka hatte nach ihrem ziemlich wilden Leben in dem ruhigen, soliden Tom einen Ruhepol gefunden, bis dann eine Fehlgeburt der Grund war für alles Unglück und die schwelenden Probleme ihrer Beziehung.

Zeitlich ist diese Geschichte in der Osterzeit des Jahres 2004 angesiedelt, was sich in den Schilderungen der armseligen Hütten, Bauruinen und primitiven Elektrokabel widerspiegelt, wo es damals von Bettlern wimmelte und man, als Europäer total entsetzt, plötzlich in Manila auf der Straße sogar Leprakranken begegnen konnte. Andererseits ist man damals aber auch noch nicht von Touristen-Schwärmen umzingelt, der Strand ist paradiesisch leer. Tom sagt, er fühle sich hier wie in der Südsee, – letztendlich aber sind sie ja nicht auf Urlaub hier! Vierzehn Tage lang werden sie jetzt nämlich jeden Tag zu dem Wunderheiler kutschiert, der in einer voodooartigen, viertelstündigen Zeremonie vor Publikum angeblich das Schlechte aus den Kranken herausholt, wofür Bon Sato vorab eintausend Dollar in bar kassiert hat. In den 18 Kapiteln des Romans wird aus wechselnder Perspektive der vier Protagonisten von deren Vergangenheit erzählt, von den Verwerfungen und verpassten Chancen in ihrem Leben. Nach und nach setzt schließlich bei den beiden Kranken eine Schicksals-Ergebenheit ein, für ihre beiden Partner aber deutet sich vage eine Hoffnung auf ein spätes Glück ein.

Krankheit und Tod sind die vermeintlich großen Themen dieses Romans, seine eigentliche Thematik besteht aber im Zwischen-Menschlichen unter den extremen Bedingungen des unabweisbar nahen Todes. Es ist ja nicht so, dass der nicht betroffene Partner zum Heiligen wird in solcher Situation. Gela bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, sie erschrecke die Vorstellung, «… noch weitere Jahre an der Seite eines Kranken zu verbringen, von dem sie sich schon lange trennen wollte». Das psychologische Experimentierfeld dieses Romans voller Klischees und Wiederholungen wirft immer wieder die gleichen Fragen auf und läuft schließlich auf das vom Leser vorab erwartete Ende hinaus. Es ist nicht die begrenzte Lebenszeit, die sich im Roman als Problem erweist, im Fokus stehen hier die unerfüllten Erwartungen seiner Protagonisten.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Ob wir wollen oder nicht

Alles eine Frage der Sprache

Karl-Heinz Ott hat für seinen dritten Roman «Ob wir wollen oder nicht» eine stilistisch eigenständige Form gefunden, die er im Interview als « Gedankenmusik» bezeichnet hat. Er benutzt sie, um mit Hilfe von Rhythmus und Wortklang die Seelenzustände seines Protagonisten wahrnehmbar zu machen, sie regelrecht anklingen zu lassen. In einem geradezu manisch wirkenden, inneren Monolog offenbart sein Protagonist letztendlich die Leere seiner Seele. Der am Leben Gescheiterte hat sich selbst in eine Misere hinein manövriert, in der die Frage nach Schuld ebenso im Dunkeln bleibt wie das Geschehen im Ungewissen.

Was zunächst wie ein Krimi in der Untersuchungshaft beginnt, erweist sich beim Lesen sehr schnell als ein nur rudimentäres Handlungsgerüst, der Leser erfährt bis zum Ende nicht, was da genau passiert ist. Häppchenweise lässt der etwa fünfzigjährige Ich-Erzähler immer wieder mal beiläufig ein neues Detail in seinen Monolog einfließen, während er in der Zelle auf seine Vernehmung durch den Untersuchungs-Richter wartet. Als ehemaliger Tankstellen-Pächter hatte Richard T. seine Geschäfts-Grundlage in einem Dorf im Südschwarzwald verloren, denn nach dem Bau einer Talbrücke fließt der Verkehr jetzt nicht mehr durch den Ort. Er war lange mit Lisa, der Wirtin des örtlichen Gasthofes liiert, deren Mann sie verlassen hat, nachdem das Dorf in eine Art Dornröschen-Schlaf gefallen war. Richards bester und auch einziger Freund, der ehemalige Dorfpfarrer Johannes, wurde vor sieben Jahren wegen Pädophilie angeklagt. Er wurde zwar freigesprochen, hat den Dienst damals aber quittiert und sich in ein ehemaliges Bahnwärter-Häuschen zurückgezogen. Dort beschäftigt er sich als Privatgelehrter mit vergleichenden Bibelstudien und hört sich immer wieder Haydns Oratorium «Die Schöpfung» an. Seit einiger Zeit hat er ein Verhältnis mit Lisa, die sich allmählich von Richard gelöst hat, ohne dass die Beiden je offen darüber gesprochen hätten. Für Richard war weder die Liaison mit Lisa noch die Freundschaft mit Johannes seelisch wirklich tief gründend. Der notorische Eigenbrödler und ehemalige 68er mit abgebrochenem Studium schlägt sich mit fragwürdigen Geschäften durchs Leben, aber auch das wird wie vieles nur sehr vage angedeutet.

Kann er schuldig sein, wenn er doch gar nichts getan hat? Das an Kafka gemahnende, nebulöse Geschehen wird in einem an Thomas Bernhard erinnernden Stil erzählt, nur dass hier der innere Monolog nicht als Hasstirade nach außen gerichtet ist, sondern als Selbstreflexion nach innen. Der überwiegend monologisch geprägte Roman wird nur im Mittelteil durch einen köstlichen Dialog des Häftlings mit dem jungen Richter unterbrochen. Die schon fast slapstickartige Befragung führt schließlich zu seiner sofortigen Entlassung. War der Ich-Erzähler einst aufgebrochen, die Welt zu verändern, steht er nun nicht nur materiell vor den Trümmern seiner Existenz, Lisa und Johannes haben sich aus dem Staub gemacht, er ist auch seelisch ganz allein.

Richard T. lebt absichtslos vor sich hin und sinniert nur pausenlos über das eigene Versagen und den Sinn seines Lebens. «Venceremos» hatte einer seiner Vorgänger in der Gefängnis-Zelle in die Wand geritzt, ‹wir werden siegen›, und zehn Ausrufezeichen dahinter gesetzt. Richard kennt das spanische Verb noch als Aufkleber aus seiner ehemaligen WG-Küche, von Sieg aber kann bei ihm nun wirklich keine Rede sein. Diese nur knapp vier Tage umfassende Geschichte wird in bandwurmartig langen, kunstvoll miteinander verketteten Sätzen erzählt, womit scheinbar die Verschrobenheit des Protagonisten verdeutlicht werden soll. «Alles ist eine Frage der Sprache», hatte Johannes ganz im Sinne von Wittgenstein behauptet, das wäre auch bei seiner Gerichtsverhandlung damals so gewesen. Und so dominiert denn auch in diesem Roman über einen Sonderling in einer Ausnahme-Situation die Sprache über das mysteriöse Geschehen, das sich dann erst im Kopf des Lesers zu einem Ganzen formen muss.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München