Nostromo

Der Mann für die Drecksarbeit

Der politische Roman «Ostromo» des in der heutigen Ukraine geborenen Schriftstellers Józef Teodor Konrad Korzeniowski gehört zu seinen drei wichtigsten Werken. In der Fachwelt zählt der unter dem Namen Joseph Conrad in englischer Sprache publizierende Autor zu den wichtigsten Schriftstellern des 19ten Jahrhunderts. Auch dieser komplexe Roman ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen auf Reisen in ferne Länder während der zu Ende gehenden Kolonialzeit, wobei ihm allerdings auch häufig Rassismus vorgeworfen wurde. Der Buchtitel leitet sich mutmaßlich ab von «nostro uomo», was als Verballhornung des Italienischen «Unser Mann» bedeutet, also ein für die Mächtigen nützlicher und verlässlicher Helfer, der für sie die Drecksarbeit macht. Wie der Autor in seinem Nachwort erklärt, wurde er für den Roman Nostromo durch eine wahre Geschichte inspiriert, bei der ein beherzter Mann während revolutionärer Wirren bei der Schiffsentladung einen ganzen Leichter voll Silber gestohlen hat – und nie erwischt wurde!

Schauplatz der Handlung ist die fiktive südamerikanische Provinz Costaguana, die zerrissen ist von ständigen politischen Umstürzen. In dieser nicht zu regierenden Bananen-Republik kämpfen verschiedene Cliquen der Reichen um die Macht, unterstützt zum Teil vom Ausland her, insbesondere von den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Italien. Es herrscht ein rigides System von Unterdrückung in einer Vier-Klassen-Gesellschaft, wo die jeweils niedere Klasse gnadenlos ausbeutet wird. So verlangt denn auch die Provinz Sulaco für eine nahe am Meer gelegene Silbermine weiterhin ein einst vereinbartes jährliches Nutzungsentgelt, obwohl sie inzwischen längst eingestürzt und aufgegeben ist. Als der hilflose Eigentümer Gould vor lauter Gram stirbt, nimmt sich sein Sohn, der in England Bergbau studiert hat, beherzt der Sache an. Er findet einen potenten Investor, mit dessen Hilfe der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Nach der für Joseph Conrad typischen Erkenntnis, dass die Gier nach Macht und Geld die Kraft hat, alles zu zerstören, muss allerdings auch diese Geschichte letztendlich scheitern.

Zentrale Figur in diesem ausufernden Epos ist der titelgebende Nostromo, als Exil-Italiener und ehemaliger Seemann ein Mann aus dem Volke, der in Sulaco gestrandet war. Er wurde als Adoptivsohn von einer Familie aufgenommen und arbeitet nun als Vorarbeiter der Schauerleute am Hafen, man nennt ihn dort ehrfurchtsvoll «Capataz de Cargadores». Als furchtloser Gewaltmensch wird er von allen geachtet, er ist ein Mann des Volkes, der Autor bezeichnet ihn sogar ausdrücklich als «Mann von Charakter». Gleichzeitig aber wird dieser gefürchtete Tatmensch von den jeweils Herrschenden als Mann für die Drecksarbeit instrumentalisiert. Sein Chef ist Kapitän Mitchell, der die örtliche Niederlassung einer englischen Schifffahrts-Gesellschaft leitet, die auch den Hafen von Sulaco betreibt. Für seinen Chef ist er «einer jener unbezahlbaren Untergebenen, die zu besitzen ein begründeter Anlass zur Prahlerei ist», – er leiht ihn sogar gern mal an Verbündete aus, für die er dann tätig werden muss. Ein nützlicher Idiot mithin, denn er steht in diesem korrupten politischen System immer auf verlorenem Posten, ohne es zu erkennen.

Stilistisch lebt diese komplexe Geschichte von ihrer alles beherrschenden Bildkraft, der Plot ist da fast schon Nebensache. Der Autor hat sich dazu auch ausdrücklich bekannt, seine Aufgabe sähe er darin, den Leser «sehen» zu lassen, hat er erklärt. Kein Wunder also, dass dieser cineastisch angelegte Roman als Melange aus einer Tragödie mit einem Abenteuerroman sowie gesellschafts-kritischen Elementen auch erfolgreich verfilmt wurde. Raffiniert aufgebaut und wortgewaltig geschrieben ist dieses Buch, das 1904 bei seinem ersten Erscheinen ein Misserfolg war, ein wahrer Genuss für den sprachlich orientierten Leser, an dem übrigens auch die neue Übersetzung ihren nicht zu unterschätzenden Anteil hat.. Eine weitere Stärke dieses zeitlosen Klassikers ist seine psychologisch tiefgründige Figuren-Zeichnung. Angesichts der schieren Textmasse erwartet geduldige Leser immerhin eine wahrhaft zeitlose Lektüre!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Manesse Verlag München

Herz der Finsternis

conrad-1Der weiße Fleck

Im Werk des in englischer Sprache schreibenden Schriftstellers polnischer Herkunft nimmt die 1899 erstmals erschienene Novelle «Herz der Finsternis» eine Schlüsselrolle ein, sie wird als wichtigste und wirkmächtigste der Erzählungen von Joseph Conrad angesehen. Durch eigene Erlebnisse angeregt beschreibt der Autor eine Flussfahrt ins Innere Afrikas, wobei Fluss und Land unschwer als Kongo erkennbar sind, auch wenn sie im Text unbenannt bleiben. Auf einer Segelyacht warten der Ich-Erzähler und vier weitere Männer in der Themsemündung bei Flut und Windstille auf den Gezeitenwechsel, um flussabwärts zu fahren. In der einsetzenden Dämmerung unterbricht plötzlich der einzige Seemann an Bord die eingetretene Stille: «Und auch dies, sagte Marlow unvermittelt, ist einer der dunklen Plätze der Erde gewesen». Er beginnt von den Römern zu erzählen, die von dieser Stelle aus einst themseaufwärts fuhren, um Britannien zu erobern und auszubeuten.

Mit «seiner Neigung, ein Garn zu spinnen», erzählt der auf allen Weltmeeren herumgekommene, eher biedere Seemann von seiner Sehnsucht nach den weißen Flecken auf der Landkarte, die immer weniger würden, und den größten von allen entdeckt er auf dem afrikanischen Kontinent. Er übernimmt als Kapitän den maroden Flussdampfer einer Elfenbein-Handelsgesellschaft und fährt mit ihm ins «Herz der Finsternis». Gemeint ist damit ein weitgehend gesetzloses, menschenverachtendes Kolonialsystem, das in unersättlicher Gier so viel wie möglich aus dem Land herauszuholen sucht und dabei die Eingeborenen wie Vieh behandelt. Conrads Erzählung geißelt scharf den Rassismus der europäischen Eroberer, der so weit geht, dass nicht wenige von ihnen sogar die These vertreten, die Schwarzen gehörten biologisch nicht der gleichen Spezies an wie die Weißen. Letztere allerdings werden ihrerseits von Marlow als völlig unfähig geschildert, er findet ein heilloses Chaos vor in den Handelsstationen, wo nichts richtig funktioniert, alles irgendwie unsinnig erscheint.

Immer wieder hört er auf seiner Reise 800 Meilen flussaufwärts zu der am weitesten entfernten Station von deren besonders erfolgreichem, fast mythisch verehrten Leiter namens Kurtz, der allein mehr Elfenbein liefere als alle anderen Stationen zusammen. Dieser Erfolg jedoch, das wird Marlow immer deutlicher, ist einzig den perfiden, skrupellosen Methoden des charismatischen Mr. Kurtz zuzuschreiben, dessen habgierige Machenschaften ihn zunehmend abstoßen, je mehr er von ihm erfährt und je mehr er sich seiner Station nähert. Er findet ihn schließlich todkrank vor, nimmt ihn und eine Riesenladung Elfenbein an Bord, – Kurtz jedoch stirbt auf der Rückreise, als letzte Worte haucht er: «Das Grauen! Das Grauen!»

Man muss bei der Würdigung von Joseph Conrads Novelle natürlich berücksichtigen, dass sie zur Blütezeit des Kolonialismus erschien, seine abschreckende Schilderung des Rassenwahns und der ethnischen Säuberungen wurde sicherlich nicht überall erfreut aufgenommen. Gleichwohl ist sie besser geeignet als manche andere Quelle, die Hintergründe der Massaker zu erhellen, die Soziologin Hannah Arendt beispielsweise hat das Buch als Referenz für ihre Darstellung des Rassismus benutzt. Was den puren literarischen Wert anbelangt, und nur das ist hier mein Thema, kann ich den Jubel über diese Novelle nicht nachvollziehen. Das «Grauen», die Finsternis aus dem Titel, bleibt unkonkret, der Bösewicht ist völlig konturlos, die Geschichte ist weder besonders originell noch ist sie sprachlich überragend erzählt, woran, wie verlautet, die «unfähigen Übersetzer» Schuld seien. Mir hingegen scheint die Stärke dieser Prosa vornehmlich in ihrer Thematik zu liegen, die in Joseph Conrads Erkenntnis gründet: «Der Mensch ist ein bösartiges Tier». Warum dies so ist, hat schon Siegmund Freud umgetrieben, die Finsternis hier ist gleichzusetzen mit dem Unbewussten, diesem rätselhaften weißen Fleck auf der Landkarte unserer Seele.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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