Blaues Wunder

Ein auf Anhieb scheinbar schwierig zu definierender Zeitgeist hat in den letzten Monaten vier Romane in die Bestsellerlisten katapultiert: „Geht so“ von Beatriz Serrano, „Gym“ von Verena Kessler, „Trophäe“ von Gaea Schoeters und nun „Blaues Wunder“ von Anne Freytag.

Was haben diese Werke gemeinsam und welche Fragen beantworten sie über unsere Gesellschaft? Oder ist es vielleicht so, wie es E. P. Sanders einmal formuliert hat: „The solution comes first, and then the problem is discerned“?

Alle Bücher wurden von Frauen geschrieben. Alle haben einen sehr modernen, zeitgenössischen Plot. Alle fassen in kritische Wunden, teilweise in die ganz großen Themen, teilweise aber auch nur in Auffälligkeiten des Alltags, wo man als Leser sagt: „Stimmt, aber habe ich noch nie so darüber nachgedacht.“ Und alle sind durchweg stilistisch gut geschrieben, sehr unterhaltsam, teilweise sogar wohltuend spannend durch das nicht absehbare und oft überraschende Ende.

Vielleicht ist die initiale Aufzählung sogar ein ganz gutes Ranking, da sich die schriftstellerische Schaffenskunst zu Anne Freytag hin sichtbar steigert, obwohl allen ein überdurchschnittliches Können attestiert werden kann.

In „Blaues Wunder“ treffen sieben Menschen auf einer luxuriösen Yacht zusammen, um gemeinsam eine scheinbar unbeschwerte Zeit zwischen philippinischen Inseln zu verbringen. Doch hinter der glänzenden Fassade verbergen sich Spannungen, Geheimnisse und persönliche Konflikte, vorprogrammiert dadurch, dass der despotisch Chef und Eigner der Yacht unter den beiden leitenden Angestellten seiner Firma seinen Nachfolger ermitteln möchte. Nach und nach geraten Beziehungen und Freundschaften ins Wanken, während Macht, Abhängigkeiten und alte Verletzungen eine immer größere Rolle spielen. So wird aus dem idyllischen Aufenthalt ein intrigantes und intensives Spiel, bei dem die Beteiligten zunehmend mit ihren eigenen Wahrheiten konfrontiert werden.

Freytag hat den Inhalt meisterhaft inszeniert. Die Geschichte wird im Wechsel nur aus Sicht der Ehefrau des Chefs und der beiden Frauen der Angestellten erzählt. Die divergierenden Blickwinkel sind nicht nur amüsant, sondern auch schonungslos ehrlich. Die Autorin hält ihrer Leserschaft den Spiegel vor, auch wenn sich der eine oder die andere in die Ausrede flüchten möchte, dass „das alles ja nur bei den Reichen“ vorkommt. Nein, sicher nicht. Der Stil ist teilweise rotzig, direkt, aber immer exzellent pointiert. Wie eine hochklassige Bogenschützin trifft Freytag mit allen Stereotypien mitten ins Schwarze. Kein Pfeil verfehlt sein Ziel. Da hilft kein Leugnen und Abwiegeln, egal welcher sozialen Klasse man sich zugehörig fühlt.

Im Abgleich findet sich hier auch am ehesten die Schnittmenge dieser vier zeitgenössischen Gesellschaftsromane mit satirischem Einschlag. Alle vier haben als Gemeinsamkeit eine feminine Gesellschaftskritik. Und deshalb muss man ziemlich sicher auch nicht E. P. Sanders oder gar die Existenzphilosophie Wittgensteins rund um die Lebensrätsel bemühen. Die Lösung ist wahrscheinlich viel einfacher. Die Probleme (und damit auch deren Lösung) liegen im Alltäglichen, im Allzu-Menschlichen, im individuellen Verhalten, in gesellschaftlichen Normen und Kodierungen, im Hinschauen, im Reflektieren, im Infragestellen des Allzu-Selbstverständlichen und in einer persönlichen, individuellen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit abseits eines gesellschaftlichen Verhaltenskodex. Beatriz Serrano, Verana Keßler, Gaea Schoeters und Anne Freytag bieten Stoff zum Nachdenken. Auch und vor allem über sich selbst. Und dann bieten sie auch noch gute Unterhaltung. Nur darauf sollte man sie auf keinen Fall reduzieren.


Genre: Roman
Illustrated by Kampa