Blautöne

Unisono praktiziertes Totschweigen

Der 2022 auf Deutsch erschienene Roman »Blautöne» der dänischen Schriftstellerin und Psychologin Anne Catherine Bomann beschäftigt sich mit dem Thema Trauer. Schon der Buchtitel weist versteckt darauf hin, denn der Blues gehört bekanntlich im Jazz zu den eher Traurigkeit ausdrückenden Varianten dieses musikalischen Genres. Im Buch nun geht es um die Frage, wie man medikamentös die Dauer verkürzen und die Intensität von Trauer verringern kann. Anders als bei ihrem erfolgreichen Debütroman «Agathe», der auch in den deutschen Medien durchaus positiv aufgenommen wurde, ist hier aber das beredte Desinteresse der Medien ziemlich rätselhaft. Das gab es hier nämlich noch nie in zwölf Jahren mit über tausend rezensierten Büchern, ist dieser Roman denn wirklich so schlecht, dass man ihn totschweigt?

Mitnichten, das wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Die psychologische Frage nach unserem seelischen Schmerz wird von Anfang an in einem klug konstruierten Plot auf zwei verschiedenen, aufeinander zulaufenden Zeitebenen aus der Perspektive verschiedener Protagonisten geschildert. In dem universitären Setting des Romans geht es um ein neues Medikament, das ein dänischer Pharmakonzern über einen Zeitraum von mehr  als zehn Jahren hinweg entwickelt und auch international zur Zulassungsreife gebracht hat. In kurzen Kapiteln mit jeweils einer Zeitangabe als Titel werden nach und nach die verschiedenen Protagonisten eingeführt, beginnend im April 2011 mit «Elisabeth», leitende Forscherin dieses Pharmakonzerns. Ihr kleiner Sohn ist an einer unheilbaren, tückischen Krankheit verstorben, nachdem sie den Ärzten als Mutter zugestimmt hatte, die sinnlos gewordenen, künstlich lebenserhaltenden Maßnahmen abzuschalten. Sie versucht sich in ihrer Trauer durch Kickboxen abzulenken und stürzt sich in sexuelle Abenteuer. Dann tritt unter dem Datum September 2024 «Shadi» auf, eine mit ihrer Masterarbeit über Trauer beschäftigte Psychologie-Studentin. Mit «Thorsten» kommt dann ein Dozent ins Bild, der die mit Trauerforschung beschäftigte Gruppe betreut, zu der schließlich auch «Anna» stößt, die um ihren Vater trauert und zufällig auch über dieses Thema schreiben will. Er kann sie als Betreuer nicht mehr annehmen und schlägt ihr vor, sich mit Shadi zusammen zu tun, um eine umfangreichere Arbeit gemeinsam zu schreiben. Die kurz vor dem Abschluss stehende Studie der Uni Aarhus mit 400 Probanden soll Collacain, dem neuen Medikament, europaweit die für den Pharma-Konzern lukrative Zulassung sichern.

Intensive Trauerstörung wird unter dem Begriff «Prolonged Grief Disorder» seit geraumer Zeit dann als Krankheit anerkannt, wenn sie mit mehr als sechs Monaten zu lange dauert oder sogar überhaupt nicht mehr aufhört. Mit dieser Thematik entwickelt sich der Roman zunehmend zum Pharma-Thriller, denn die positiven Ergebnisse der universitären Forschungs-Gruppe für Wirksamkeit und Nebenwirkungen des neuen Medikaments lassen bei Teamleiter Thorsten Zweifel aufkommen. Ein von seiner Chefin für die Studien eingesetzter Statistik-Experte hat, stellt sich schließlich dann tatsächlich heraus, nachweislich ziemlich trickreich und kaum merkbar Ergebnisse manipuliert. Die Chefin will jedoch so kurz vor Abschluss davon partout nichts wissen und weist Thorsten als notorischen Skeptiker zurück, sie bangt nämlich um die üppigen Spenden des Pharma-Konzerns, vom wissenschaftlichen Skandal ganz zu schweigen!

In einer schnörkellosen Sprache mit stimmigen Dialogen wird in vielen Rückblenden eine gesellschafts-kritische Geschichte erzählt, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch sehr lehrreich. Nicht jeder Leser dürfte allerdings die Geduld aufbringen, den vielen psychologischen Gedankengängen zu folgen, um dann die subtilen Erkenntnisse daraus wirklich nachvollziehen zu können. Sämtliche Figuren sind glaubhaft beschrieben, das geschilderte Geschehen ist plausibel und der geschickt angelegte Spannungsbogen hält den Leser bis zum Schluss in Atem. Kein Grund zu erkennen also für das unisono praktizierte Totschweigen in den großen Medien!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Agathe

Amüsante Arzt/Patienten-Umkehr

Die dänische Schriftstellerin und Psychologin Anne Catherine Bomann hat ihren Debütroman mit dem Titel «Agathe» in dem ihr vertrauten Milieu der Psychotherapie angesiedelt. Sie erzählt darin die Geschichte eines altersdepressiven Psychiaters, der kurz vor dem ersehnten Ruhestand steht und nur noch die Therapie-Sitzungen zählt, die er zu absolvieren hat bis zur Übergabe seiner Praxis an einen Nachfolger. Seine Arbeit besteht nur noch aus Routine, wie er gelangweilt feststellt, denn während der Gespräche mit seinen Patienten skizziert er geistesabwesend Vögel auf seinen Notizblock, die je nach den Beschwerden seiner Patienten groteske Karikaturen von ihnen darstellen. Der 71 Jahre alte, namenlos bleibende Ich-Erzähler, der im Roman immer nur Doktor genannt wird, lebt allein und völlig zurückgezogen in seinem kleinen Haus. Er hat weder zu Bekannten noch zu Verwandten Kontakt und kennt nicht mal den Nachbarn persönlich, mit dem er schon seit Monaten Tür an Tür lebt. Außer Klassik-Schallplatten hören hat er auch kein Hobby, er dämmert schon lange nur noch vor sich hin als menschenscheuer Einzelgänger. Es lähmt ihn zusätzlich aber auch die völlige Leere, die er zu erwarten hat im nahenden Ruhestand.

Gleich zu Beginn erzählt der Doktor, dass es genau achthundert Gespräche sind, die er in den verbleibenden zweiundzwanzig Wochen noch zu führen hat. Als er morgens in die Praxis kommt, informiert ihn seine seit fünfunddreißig Jahren bei ihm arbeitende Mitarbeiterin Madame Surrugue, dass eine suizidgefährdete deutsche Patientin angerufen habe, die später noch vorbei kommen wolle, um einen Termin auszumachen. Sie solle die Frau abwimmeln, weist er sie an, denn in einem solchen Fall reiche die verbleibende Zeit ja keinesfalls aus. Es wäre deshalb unumgänglich, dass die Frau sich bei einem anderen Kollegen in die erforderliche, langwierige Behandlung begeben müsse. Aber Madame Almeida bleibt hartnäckig, und es gelingt ihr, bei der Sprechstundenhilfe doch noch einen Termin zu bekommen, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Behandlung durch den Doktor längstens bis zum baldigen Schließen der Praxis dauern könne, womit die Frau problemlos einverstanden ist.

Zwölf von achtunddreißig Kapiteln des kurzen Romans handeln von eben diesen Sitzungen mit der nicht therapierbaren Madame Almeida, die schon von Psychiater zu Psychiater weitergereicht worden ist und fest daran glaubt, nur dieser Doktor könne ihr wirklich helfen. Sie hat bereits einen Suizidversuch hinter sich, die Narben am Handgelenk sind deutlich sichtbar. Er möge sie mit «Agathe» ansprechen, bittet sie ihn gleich zu Beginn, und erweist sich in den folgenden Sitzungen als sehr lebhafte und unbeirrbare Patientin. Allerdings ist er, gegen das Berufsethos verstoßend, von ihr schnell fasziniert und fühlt sich verbotener Weise sogar zu ihr hingezogen. Schlechten Gewissens verfolgt er sie eines Tage bis zu ihrer Wohnung, oder er entdeckt sie zufällig in einem Café und beobachtet sie fasziniert im lebhaften Gespräch mit Freundinnen. In einer amüsanten Arzt/Patienten-Umkehr gelingt es Madame Almeida unbewusst, den von ihr hochgeschätzten Doktor aus seiner Lethargie heraus zu reißen, seine Lebensgeister wieder zu wecken und das Interesse an seiner therapeutischen Arbeit neu zu beleben.

Erzählt wird diese originelle Geschichte in einer präzisen, leicht lesbaren und schnörkellosen Sprache ohne stilistische Mätzchen. Allerdings gerät der Plot am Ende völlig unnötig ins Kitschige, wenn der lethargische Doktor seinem Nachbarn, mit dem er nie ein Wort gesprochen hat, beispielsweise plötzlich und unmotiviert einen Kuchen bäckt und bei der Übergabe dann erst merkt, dass der Mann taub ist. Oder wenn er den todgeweihten Ehemann seiner Sekretärin am Krankenbett besucht und von ihm hören muss, er solle sich wegen seiner eigenen psychischen Probleme einfach selbst mal nach seiner größten Sehnsucht fragen. Wie auch immer, die Intention dieses ebenso klugen wie amüsanten Romans wird nachvollziehbar und überzeugend vermittelt.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München