Ein esoterischer Plot
Mit «Tanzende Frau, blauer Hahn» hat die rumänischstämmige, heute in Zürich wohnende Schriftstellerin Dana Grigorcea einen Roman geschrieben, der von den Feuilletons beispielsweise als «sommerlich leichte Liebesgeschichte» oder «bukolische Sommeridylle» bezeichnet wurde. Die Handlung ist in der kleinen rumänischen Bergstadt Buşteni in den Karpaten angesiedelt, 135 Kilometer entfernt von Bukarest. Jahr für Jahr verbringt Roxana dort, im Sommerhaus der Familie, mit Oma und Großtante ihre Ferien. Dabei lernt sie schon bald Camil kennen, der in einer herunter gekommenen Eisenbahner-Siedlung wohnt, und freundet sich schnell an mit ihm. Zusammen beobachten die beiden Heranwachsenden aufmerksam das Leben in dem beschaulichen Ort, wobei ihr Augenmerk besonders auf den verschiedenen Spielarten des Liebeslebens seiner Bewohner liegt, die sie hier intensiv analysieren können.
Der in Rückblenden erzählte Roman beginnt im Prolog mit einem Paukenschlag: Die Ich-Erzählerin hat in einer spanischen Zeitung gelesen, dass ihr Freund Camil in Valencia bei einem Einbruch auf einem verlassenen Industrieschiff von einem Stromschlag getötet wurde, als er dort Kupferkabel stehlen wollte. «Er war mein bester Freund, mein erster», klagt sie gleich zu Beginn dieses ersten Erzählstrangs. Ebenfalls im Prolog wird – kursiv gesetzt – in einem zweiten Strang davon berichtet, wie die Ich-Erzählerin mit dem deutlich älteren Pianisten Thierry als Begleiter auf einer Konzert-Lesereise durch Deutschland unterwegs ist, auf der sie die Liebes-Geschichte, die wir hier lesen, der intensiveren Wirkung wegen musikalisch untermalt vorträgt, – ein klassisches Roman-im-Roman-Konstrukt mithin. Es ist die Zeit nach der Wende 1989, der Kommunismus ist Vergangenheit, die örtliche Papierfabrik musste geschlossen werden, viele stürzten in die Arbeitslosigkeit ab. Das Firmengelände verrottet seither und wuchert immer mehr zu.
Es sind eine Menge schrulliger Figuren, von denen da erzähl wird, gleich zu Beginn von einer cleveren Rechtsanwältin aus der Hauptstadt, die hier nun aufopfernd ihren kranken Mann pflegt. Als Madame Samar eines Tages beim Aufräumen entdeckt, dass hinter einem Schrank ein winziges Bäumchen durch das Parkett hindurch gewachsen ist, beschließt sie, es dort weiter wachsen zu lassen. Sie öffnet das Parkett, lässt störende Wände einreißen und schließlich auch das Dach abdecken, als das Kirschbäumchen zwei Meter hoch gewachsen ist. Ihren kranken, lebenslang notorisch untreuen Mann aber hat sie in einen ungeheizten Schuppen verbannt, wo er schon bald stirbt. Ein seltsames Paar bildet auch Frau Helman mit ihrem kleinwüchsigen Mann, der immer mit einer riesigen Sense herumläuft. Am Zeitungskiosk sind sie auf eine versteckte Ausgabe des ‹Playboy› gestoßen, auf dessen Cover die Darstellerin der brasilianische Telenovela «Sklavin Isaura» in der gleichnamigen Fernsehserie hüllenlos mit einer Schlange zu sehen ist. Noch nie habe er so viele Exemplare dieser Zeitschrift verkauft, erklärt der Kioskmann. und zu jedem ‹Playboy› sei dann auch noch eine Tageszeitung hinzugekommen, – damit der Kunde ihn diskret darin verstecken konnte! Frau Helman sieht dem Covergirl des ‹Playboys› übrigens zum Verwechseln ähnlich! Es ist aber auch von Ana Maria die Rede, einer aus armen Verhältnissen stammenden Kinderfreundin, deren Hund auf den Hinterbeinen laufen muss, weil er die vorderen bei einem Unfall verloren hat, – sie deswegen von manchen sogar gehänselt.
Makabres mischt sich in diesem schwebend leicht erzähltem Roman mit vordergründig Harmlosem, mit Ferienereignissen, Familiengeschichten, Adoleszenzfragen und wundersamen Begebenheiten, – Politik und Klassenfragen bleiben dabei subtil im Hintergrund. Bei aller dem melancholischen Text innewohnenden Sehnsucht bleibt diese Erzählung letztendlich in ihren Banalitäten stecken. Der Roman verzettelt sich zudem mit seinem schwer durchschaubaren narrativen Konstrukt, dieser Plot dürfte vielen Lesern als Lektüre deutlich zu esoterisch sein!
Fazit: mäßig
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