Ein politisch-moralischer Weckruf
Es gehe ihm in seinen Werken um Fragen nach dem Grundsätzlichen, hat der renommierte österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein erklärt, so auch in seinem neuen Roman «Im ersten Licht», der für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert war. Fast ein ganzes Jahrhundert mit zwei Weltkriegen umfassend widmet der Autor sich darin solch heute immer aktueller werdenden Motiven wie Gewalt, Radikalisierung und moralische Verstrickung, in Hinblick auch auf die eigene Identität und die historischen Bezüge. Wie kann man leben im Schatten der Kriege und des Tötens, lautet die immergleiche Frage, die in diesem verstörenden Portrait einer österreichischen Epoche nach Antwort sucht.
Der dreiteilig angelegte Roman beginnt, zeitlich im Jahre 1920 angesiedelt, mit einer Gruppe von Kriegsversehrten, die nahe Salzburg in einer Villa untergebracht sind. Adrian Reiter, der Protagonist des Romans, wird als Jugendlicher von seinem Vater, einem überzeugten Sozialisten, mit Absicht am Bein verletzt. Seither humpelt er und wurde deshalb, wie vom Vater beabsichtigt, vom Kriegsdienst befreit. Im Café des Hotels, in dem Adrian an der Rezeption arbeitet, wird er mit einer Gruppe junger und teilweise schwer verstümmelter Veteranen konfrontiert, von denen sich viele später das Leben nehmen. Dem «Adrian» Leverkühn im Doktor Faustus von Thomas Mann ähnelnd hat Adrian fortan ein schlechtes Gewissen. Er sieht sich als Zaungast der Geschichte, fühlt sich minderwertig und steigert sich immer mehr in eine verhängnisvolle Obsession hinein. Im Gespräch mit den Kriegsveteranen wird er sich seiner Erbärmlichkeit bewusst und schämt sich dafür. Antriebslos wie er ist entwickelt er sich jedoch zu einem unkritischen Mitläufer, der die deutlich sichtbaren Gefahren einfach nur negiert.
Nach seinem Studium arbeitet er später als Lehrer für Englisch und Geschichte und versucht nun, seine Schüler für den Kriegsdienst zu begeistern als unverzichtbare, patriotische Pflicht. Ausgerechnet sein bester Schüler folgt schließlich seinen Empfehlungen und verstrickt sich später unglücklich in verschiedene Kriegsverbrechen. Begeistert über den «Anschluss» Österreichs folgt Adrian 1938 unkritisch der Nazi-Ideologie. Als Thema für einen Aufsatz-Wettbewerb schlägt er dem Schuldirektor spontan «Der Führer im Weltkrieg» vor. Obwohl beide lachen, trauen sie sich dann aber nicht mehr, einen Rückzieher zu machen, es wäre einfach zu riskant gewesen, hätte einer von ihnen das angesichts der rigiden Spitzelmethoden der Gestapo versucht. Kann man schuldig werden, wenn man nichts tut, lautet die schwierige moralische Frage, die dieser Roman aufgreift, aber nicht beantwortet. Im dritten Teil dann weitet sich der Erzähl-Horizont und zeigt den Protagonisten als alten Mann, der in den achtziger Jahren England bereist und dort auf ein spätes Glück trifft. Auch hierbei trifft der Buchtitel wirkungsvoll die Stimmung, denn «Im ersten Licht» ist alles noch verschwommen und nebulös, grau in grau und vieles auch im Schatten, – so wie in der Liebe.
In seinem mehr als achtzigjährigen Leben ist der fragwürdige Held mit verschiedenen Ideologien und politischen Systemen konfrontiert worden und hat dabei mächtige Staatslenker erlebt, allen voran Kaiser Franz-Josef, dem nach «Weimar» der Führer aus dem österreichischen Braunau folgte, beide verheerende Weltkriege auslösend mit all ihren schwierigen Gewissensfragen. Adrian ist am Ende über 80 Jahre alt und erlebt, dass sogar der amtierende österreichische Bundespräsident schwer belastet ist als ehemaliges SA-Mitglied. Auch ihm selbst fehlt nach wie vor der moralische Kompass. Das Ganze ist klug komponiert, thematisch aber durch ständige Wiederholungen schon bald sehr langweilig werdend. Dieser Roman ist nicht nur eine moralische Anklage, er ist auch ein aktueller Weckruf in Zeiten wachsender Demokratie-Feindlichkeit und des drohenden Zerfalls eherner völkerrechtlicher Grundsätze. Als politisch-moralischer Weckruf ist dieser Roman aber weder eine erfreuliche noch eine unterhaltsame, gleichwohl aber eine lehrreiche Lektüre für geduldige und aufnahmewillige Leser!
Fazit: mäßig
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